Skip to main content

Full text of "Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

See other formats


SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN. 



JAHRGANG 1901. 



ERSTER HALBBAND. JANUAR BIS JUNI. 



STÜCK 1 — XXXIII MIT VIER TAFELN 
UND DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER AM \. JANUAR 190L 



BERLIN 1901. V '" ,TiP^^^ 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEST 




IN COMMISSION BEI GEORG REDIER. 



•t 



ü") 



INHALT. 



Seite 

Verzeichiiiss der Mitglieder am I.Januar 1901 I 

VON Wilamowitz-Moellendoeff: Die hippokratisehe Schrift Trep] ipijs vovcrov 2 

Mommsen: Ancyranisclie Inschrift des Julius Severus 24 

Fuchs: Zur Theorie der linearen Differentialgleichungen 34 

Vooel: Über die Bewegung von a Persei in der Gesichtslinie 51 

Waldeyer: Festrede 55 

Jahresbericht über die Sammlung der griechischen Inschriften 67 

Jahresbericht über die Sammlung der lateinischen Inschriften 67 

Jahresbericht über die Aristoteles -Comnientare 69 

Jaliresbericht über die Prosopographie der römischen Kaiserzeit 69 

Jahresbericht ül)er die Politische Correspondeuz Friedrich's des Grossen 69 

Jahresbericht über die griechischen Münzwerko 70 

Jahresbericht über die Acta Borussica 71 

Jahresbericht über das Historische Institut in Rom 73 

Jahresbericht über den Thesaurus linguae latiiiae 75 

Jahresbericht über die Ausgabe der Werke von Weierstrass 75 

Jaliresbericht über die Kant -Ausgabe 75 

Jahresbericht über die Ausgabe des Ibn Saad . 76 

Jahresbericht über das Wörterbuch der ägyptischen Sprache 77 

Jahresbericht über den Index rei militaris iniperii Romani 79 

Jahresbericht über die Ausgabe des Code.K Theodosianus 79 

Jahresbericht über die Geschichte des Fixsternhimniels 79 

Jahresbericht über »Das Thierreich- 89 

Jahrcsbericlit über "Das Pflanzenreich- 90 

Jahresbericht über die Ausgabe der Werke Wilhelm von Humboldt's 90 

Jahresbericht über die Humboldt- Stiftung 91 

Jahresbericht über die Saviony- Stiftung 91 

Jahresbericht über die Bofp- Stiftung 92 

Jahresbericht über die Hermann und Elise geb. Heckmann W'ENTZEL-Stiftmig 92 

Jahresbericht der Kirchenväter -Commission für 1900 93 

Jahresbericht der Commission für das Wörterbuch der deutschen Rechts-sprache für 1900 ... 94 

Bericht über die Nyassasee- und Kingagebirgs- Expedition 99 

Bericht über die Akademische Jubiläums -Stiftung der Stadt Berlin 100 

Personalveranderungen 100 

Bericht über die Thätigkeit des dem Generalconsulate für Aegypten attachirten wissenschaftlichen Sach- 
verständigen Dr. Ludwig Borchardt in der Zeit vom October 1899 bis Juli 1900 106 

H. Baumhauer: Ober den Seligmannit, ein neues dem Bournonit homöomorphes Mineral aus dem Do- 
lomit des Binnenthals 1 10 

Koenigsbebgeb: Über die erweiterte PoissoN'sche Unstetigkeitsgleichung 118 

Fischer und E. F. Armstrong : Synthese einiger neuen Disaccharide 123 



Inhalt. 

Seite 

ScHEFFEii -Boichorst: Noibei't's Vita Bennouis Osnabrugensis episcopi eine Fälscliung? 132 

Excurs: P. von Wintekfet-d , Der Rliytlimus der Satzschlüsse in der Vita Bennouis . . . 163 

W. Salomon: Ober neue geologische Aufnahmen in der östlichen Hälfte der Adamellogruppe . . . 170 

DiELs: Zwei Fragmente Heraklit's 188 i 

A. GnÜNWEDEL und G. Huth: Altertlnimer aus der Malakand- und Svvat-Gegend 202 1 

E. Goldstein : Über Nachfarben und die sie erzeugenden Strahlungen 222 

Tobler: Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik 232 

Harnack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu 251 

FisonKR und G. Roeder: Synthese des Tliymins und anderer Uracile 268 

E. Escn : Der Vulcan Etinde in Kamerun und seine Gesteine 277 

Frobenius: Über die Charaktere der alternirenden Gruppe 303 

Fischer und E. F. Armstrong: Ober die isomeren Acetohalogen- Derivate des Traubenzuckers . . 316 

Fiscuer und W. von Loeben: Ober die Verb lennungs wärme einiger Glucoside 323 

Helmert: Der normale Theil der Schvi^erkraft im Meeresniveau 328 

Vahlen : Über Fragen der Verstechnik des Terentius 338 

Vogel : Über das Spectrum der Nova Persci 356 

Dümmler: Über den Dialog De statu sanctae ecelesiae 362 

Kekule VON Stradonitz: Über ein Relief mit auf den Jupiter exsuperantissinms bezüglichen Inschrift 387 

E. Esch: Der Vulcan Etinde in Kamerun und seine Gesteine. II 400 

van't Hoff und W. Meverhoffer: Untersueiiungen über die Bildungsverhältnisse der oceanischen Salz- 
ablagerungen, insbesondere des Stassfurter Salzlagers. XXI 420 

O. Kalischer: Weitere Mittheilung zur Grosshirnlocalisation bei den Vögeln 428 

Adresse an Seine Majestät den Kaiser und König zum zweihundertjährigen Preussischen Krönungs- 
jubiläum am 18. Januar 1901 440 

J. Hartmann: Über die Bewegung des Polarsterns in der Gesichtslinie 444 

J. Romberg : Vorarbeiten zur geologisch -petrographischen Untersuchung des Gebietes von Predazzo 

(Südtyrol) 457 

E. Geurcke: Ober den Geschvvindigkeitsverlust, welchen die Kathodenstrahlen bei der Reflexion er- 
leiden (hierzu Taf. 1) 461 

R. Herzoo: Das Heiligthum des Apollo in Halasarna (hierzu Taf. II) 470 

DCmmler: Jahresbericht über die Herausgabe der Monumenta Gerinaniae historica 496 

Branco und E. Fraas: Beweis für die Richtigkeit ihrer Erklärung des vulcanischen Ries bei Nördlingen .501 

Hertwio: Strittige Punkte aus der Keimblattlelire der Wirbelthiere 528 

Vogel: Der spectroskopische Doppelstern Mizar 534 

H. BCcKiNG : Grosse Carnallitkrystalle von Beienrode 539 

Planck: Ober irreversibele Strahlungsvorgänge. Nachtrag 544 

ScHWENDENER : Zur Theorie der Blattstellungen 556 

van't Hoff, W. Hinrichsen und F. Weigert: Untersuchungen über die Bildungsverhältnisse der ocea- 
nischen Salzablagerungen, insbesondere des Stassfurter .Salzlagers. XXII 570 

Hirscbfeld : Die Rangtitel der römischen Kaiserzeit 579 

Klein: Resultate der Untersuchung der Proben des am 10. bez. 11. März 1901 in Italien, Österreich 

und Deutschland gefallenen Staubregens 612 

G. Fritscii: Rasseimnterschiede der menschlichen Netzhaut (hierzu Taf. III und IV) 614 

Schmoller: Einige principielle Erörterungen über Werth und Preis 634 

M. Ihm: Richard Bentlev's Suetonkritik 677 

Conze: Jahresbericht über die Thätigkeit des Kaiserlich Deutschen archäologischen Instituts .... 699 

L. Holborn und F. Kurlbaum: Ober ein optisches Pyrometer 712 

Klein : Über den Brushit von der Insel Mona (zwischen Haiti und Portorico) 720 

W. Salomon: Über neue geologische Aufnahmen in der östlichen Hälfte der Adamellogruppe. II . . 729 



VERZEICHNISS 

DER 

MITGLIEDER DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

AM 1. JANUAR 1901. 



I. BESTANDIGE SECRETARE. 

GewtliU von der 

Hr. Atiwers pliys.-inath. Classe . 

Valden pliil.-hist. - ... 

Dkls pliil.-liist. - ... 

Waldeyer pliys.-matli. - ... 



l).itiini der Königl. 
Bestätigung 

1878 April 10. 

18!)8 April 5. 

1895 Nov. 27. 

1896 Jan. 20. 



IL ORDENTLICHE MITGLIEDER 

der physikalisch - mathematischen der philosophiscli -historischen Datum der Könighcbi n 

Classe Classe BesWtigung 

Hr. AlbrevlU Weber . . 1857 Aug. 24. 

Theodor Monunseu 1858 April 27. 

- Adolf k'irc/dio/ . . 1860 März 7. 
Hr. Arthur Auwers 1866 Aug. 18. 

- Rudolf Virchow 1873 üec. 22. 

- .Joint II lies Vahlen .... 1874 Dec. 16. 

- Eberhard Schröder 1875 Juni 14. 

- Alexander Conze .... 1877 April 23. 
Simon Schwendener 1879 Juli 13. 

- Hermann Munk 1880 März 10. 

- Adolf Tobler 1881 Aug. 15. 

- Hermann Diels . . . . 1881 Aug. 15. 

- Hans Landolt 1881 Aug. 15. 

- Wilhelm Waldeyer 1884 Febr. 18. 

- Alfred Pei-nice 1884 April 9. 

- Heinrich Brunner. . . . 1884 April 9. 



Ordentliche Mitglieder 
physikalisch - mathematischen der philosophisch -historischen Datum der Königliche 

Classe Classe Bestäticiun^ 



Hr. Johannes Sc/nnidi . . . . 1884 April 9. 

Hr. Lazarus Fuchs 1884 April 9. 

- Franz Eilhard Schulze 1884 Juni 21. 

- Otto Hirschfeld .... 1885 März 9. 

- Wilhehn von Bezold 1886 April 5. 

- Eduard Sachau .... 1887 Jan. 24. 
Gustav Schmoller .... 1887 Jan. 24. 

- Wmelm Dilthey .... 1887 Jan. 24. 

- Karl Klein 1887 April 6. 

- Karl Möbius 1888 April 30. 

- Ernst Dümmler .... 1888 Dec. 19. 

- Ulrich Köhler 1888 Dec. 19. 

- Karl Weinhold . . . . 1889 Juli 25. 

- Adolf Engler 1890 Jan. 29. 

- Adolf Harnaclc .... 1890 Febr. 10. 

- Hermann Karl Vogel " 1892 Jlärz 30. 

- Hermann Amandus Schwarz 1892 üec. 19. 

- Georg Frobenius 1893 Jan. 14. 

- Emil Fischer 1893 Febr. 6. 

- Oskar Heriiüig 1893 April 17. 

- Max Planck 1894 Juni 11. 

- Karl Stumpf 1895 Febr. 18. 

- Erich Schmidt. .... 1895 Febr. 18. 

- Adolf Erman 1895 Febr. 18. 

Friedrich Kohlrausch 1895 Aug. 13. 

- EmU Warburg 1895 Aug. 13. 

- Jakob Heinrich vant Hoff 1896 Febr. 26. 

- Reinhold Koser .... 1896 Juli 12. 

- Max Lenz 1896 Dec. 14. 

- Theodor Wilhelm Engelmaim 1898 Febr. 14. 

- Reinhard Kektde von Stra- 

donitz 1898 Juni 9. 

- Ferdinand Frhr. von Richthofen 1899 i\Iai 3. 

- Paid Scheffer- Boichorst . . 1899 Aug. 2. 
Ulrich von Wilamotvitz- 

MoeUendorff 1899 Aug. 2. 

- Wühdm Branco 1899 Dec. 18. 

- Robert Helmert 1900 Jan. 31. 

(Die Adressen der Mitglieder s. S. VIII.) 



IIL AUSWÄRTIGE MITGLIEDER 



der physikalisch - ma 



phUo 



aphisch - historischen 
Classc 



Hr. Charles Ilermite in Paris 

Hr. Otto von Bölittingk in 

Leipzig 

- Albert von Koelliker in 

Würzburg; 

- Eduard Zeller in Stuttgart 
Max von Pettenkofer in 

München 

Sir George (jnbriel Stokes in Cambridge 

Hr. Theodor Nöldelce in Strassburg 

- Friedrich hnhoof - Blianer in 

Winterthur 

- Theodor von Sickel in Rom 

- liudolf Ilaym in Halle a. S. 

- Gaston Paris in Paris 

- Pnsqiiale Villari in Florenz . 

- Franz Büclieler in Bonn . 

Hr. IF/y/«'//« /too;/ in Münster i.W 

Lord Kelvin in Netlierhall, I^args 

Hr. Marcelin Berthelot in Paris 

Eduard Stiess in Wien 

- Karl Gegenbaur in Heidelberg 

- Eduard Fflüger in Bonn 



Datum der Königlichen 
BestAtii^ng 

1884 Jan. 2. 

1885 Nov. 30. 

1892 März 16. 
1895 Jan. 14. 

1898 April 4. 

1899 31 ai 22. 



1900 März 5. 



IV. EHREN- MITGLIEDER. 

Earl of Crawford and Balcan-es in Dunecht, Aberdeen . 

Hr. Max Lehmann in Göttingen 

Ludteig Boltzmann in Leipzig 

Se. Majestät Oskar IL, König von Schweden und Norwegen 

Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsßrsf 

Hr. Gustav von Gossler in Danzig 

Hugo Graf von und zu Lerchenfeld in Berlin 

Hr. Friedrich Althoff in Berlin 

Richard Schöne in Berlin ... 

Frau Elise Wentzel geb. Ileckmann in Berlin 

Hr. Konrad Studt in Berlin 

- Andrew Dickson White in Berlin 



Datum der König 
BestStisunj; 


ichei 


1883 


Juli 


30. 


1887 


Jan. 


24. 


1888 


Juni 


29. 


1897 


Sept. 


14. 



1900 :\l;irz 5. 



1 90(1 
1900 



März 17. 
Dec. 12. 



V. CORRESPONDIRENDE MITGLIEDER. 

Physikalisch -mathematische Classe. 

Datum der Wahl 

Hr. Ernst Abbe in Jena 1896 Oct. 29. 

- Alexander Agassiz in Cambridge, Mass 1895 Juli 18. 

- Adolf von Baeyet- in Münclien 1884 Jan. 17. 

- Friedrich Beilstein in St. Petersburg 1888 Dec. ti. 

- Ernst Wilhelm Benecke in Strassburg 1900 Febr. 8. 

Eduard van Beneden in laitticli 1887 Nov. ?t. 

- Oskar Brefeld in Breslau 1899 Jan. 19. 

- Otto Bütschli in Heidelberg 1897 März 11. 

Sir John Burdon -Sanderson in Oxford 1900 Febr. 22. 

Hr. Stnnldao Cannizzaro in Rom 1888 Dec. G. 

- Karl Chun in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Alfonso Cossa in Turin ■ . . . 1895 Juni 13. 

Luigi Cremona in Rom 1886 Juli 15. 

Gaston Darboux in Paris 1897 Febr. 11. 

- Ricliard Dedeländ in Braunschweig 1880 IMärz 11. 

- Nils Christofer Duner in Upsala 1900 Febr. 22. 

- Ernst Ehlers in Göttingen 1897 Jan. 21. 

- Adolf Fiele in Würzburg 1898 Febr. 24. 

- Rudolf Fitti-g in Strassburg 1896 Oct. 29. 

Waltei- Flemming in Kiel 1893 Juni I. 

- Max Fürbringer in Jena 1^00 Febr. 22. 

- Albert Gaudry in Paris 1900 Febr. 8. 

Sir Archibald Geikie in London 1889 Febi-. 21. 

Hr. Josiah Willard Gibhs in New Haveu, Conn 1900 Febr. 22. 

- Wokott Gibbs in Newport, R. 1 1885 Jan. 29. 

Sir David Gill, Kgl. Sternwarte am Cap der Guten Hoifnung 1890 Juni 5. 

Hr. Paid Gordan in Erlangen 1900 Febr. 22. 

Ludwig von Graff in Graz 1900 Febr. 8. 

- Gottlieb Haberlandt in Graz 1899 Juni 8. 

- Julius Dann in Wien 1889 Febr. 21. 

- Victor Densen in Kiel 1898 Febr. 24. 

Richard Hertwig in München 1898 April 28. 

- Wilhelm His in Leipzig 1893 Juni 1. 

Sir Joseph Dalton Ilooker in Sunningdale 1854 Juni 1. 

William Huggins in London 1895 Dec. 12. 

Hr. Leo Koenigsberger in Heidelberg 1893 Mai 4. 

- Karl von Kupffer in München 1896 April 30. 

- Michel Levy m Vavis 1898 Juh 28. 

Franz von. Leydig in Rothenburg o. d. T 1887 Jan. 2(1. 



I'hysikalisch-inatliematische Olasse. 

Hr. Gmtaf LituUtröm in Stockholm 1898 Juli 28. 

- Gabriel Lippiitaiw in Paris 1900 Febr. 22. 

- Rudolf Lipschitz in Bonn \^1'2. Ajiril 18. 

- Moritz Loewy in Paris 1895 Dec. 12. 

- Hubert Ludwig in Bonn 1898 Juli 14. 

- Eleuthere Mascart in Paris 1895 Juli 18. 

- DmitriJ Mcndelrjfw iu St. Petersburg 1900 Febr. 8. 

- Franz M(Tt>',is in Wien 1900 Febr. 22. 

- Henrik Mohn in Christiania 1900 Febr. 22. 

- Alfi-ed Gabriel Nathorst in Stockholm 1900 Febr. 8. 

- Karl Neumann in Leipzig 1893 3Iai 4. 

Georg Neuniayei- in Hamburg 1896 Febr. 27. 

- Simon Newcomb in Washington 1883 Juni (. 

- Max Noether in Erlangen 1896 Jau. 30. 

- Wilhelm Pfeffer in Leipzig 1889 Dec. 19. 

- £r«.v< i^VzW- in Heidelberg 1899 Jan 19. 

- Emile Pifard in Paris 1898 Febr. 24. 

- Henri Poincare in Paris 1896 Jan. 30. 

- Georg Quincke in Heidelberg 1879 IMiirz 13. 

- Ludwig liadlkofer in München 1900 Febr. 8. 

- William Kamsay iu London 1896 Oct. 29. 

Lord Rayleigh in Witham, Essex 1896 Oct. 29. 

Hr. Friedrich von Recklinghauaen in .'^trassburg 1885 Febr. 26. 

- Gustaf Retzim in Stockhohn 1893 Juni 1. 

- Wilhelm Konrad Röntgen iu München 1896 März 12. 

- Heinrich Rosenbusch in Heidelberg 1887 Oct. 20. 

- Heniy Augustus Rowland in Baltimore 1900 Febr. 22. 

- George Salinon in Dublin 1871? Juni 12. 

Georg Ossian Sa)-s in Christiania 1898 Febr. 24. 

- Giovanni Virginio Schiaparelli in Mailand 1879 Oct. 23. 

- Friedrich Schmidt in St. Petersburg 1900 Febr. 8. 

- Friedrich Schot/ky in Marburg 1900 Febr. 22. 

- Hei-mann Graf zu Solms- Laubach in Strassburg . . . 1899 Juni 8. 

- Johann Wilhelm Spengel in Giessen 1900 Jan. 18. 

- Eduard Strasburger in Bonn 1889 Dec. 19. 

- Johannes S/rüver iu Pom 1900 Febr. 8. 

- Otto von Struve in Karlsruhe 1868 April 2. 

- Julius Thomsen in Kopenhagen 1900 Febr. 8. 

Augitst Toepler in Dresden 1879 März 13. 

- Melchior Treub in Buitenzorg 1900 Febr. 8. 

- Gustav Tscher mak in Wien 1881 März 3. 

Sir William Turner in Edinburg 1898 März 10. 

Hr. Woldemar Voigt in Göttingen 1900 März 8. 

- Karl von Voit in München 1898 Febr. 24' 



Physikalisch-mathematische Classe. 



Walil 



Hr. ■Johanire.'i Didtrik van der Waals in Amsterdam .... 1900 Febr. 22. 

- Eugeinus Warming in Kopenhagen 1899 Jan. 19. 

- Heinrich Weber in Strassburg 1896 Jan. 30. 

- August Weismann in Freiburg i. B 1897 März 11. 

- Julius WiesntT in Wien 1899 Juni 8. 

- Heinrich Wild in Zürich 18S1 .Tan. 6. 

Alexander William Williainsnn in High Pittbltl, Haslemere 1875 Nov. 18. 

- Clemens Winlder in Freiberg (Sachsen) 1900 Febr. 8. 

- Johannes Wislicenus in Leipzig 1896 Oct. 29. 

- Adolf Wüllner in Aachen 1889 März 7. 

Ferdinand Zirkel in Leipzig 1887 Oct. 20. 

- Karl Alfred von Zittel in München 1895 Juni 13. 



Philosophisch -historische Classe. 

Hr. Wilhebn Ahlwardt in Greifswald 1888 Febr. 2. 

- Karl von Aniira in München 1900 Jan. 18. 

- Graziadio haia Ascoli in Mailand 1887 3Iärz 1(>. 

Theodor Aufrecht in Bonn 1864 Febr. 11. 

- Ernst Immanuel Bekker in Heidelberg 1897 Juli 29. 

- Otto Benndorf in Wien 1893 Nov. 30. 

- Friedrich Bloss in Halle a. S 1900 Jan. 18. 

- Ingram Bywater in Oxford 1887 Nov. 17. 

- Antonio Maria Ceriani in Mailand 1869 Nov. 4. 

Karl Adolf von Cornelius in München 1897 Oct. 28. 

- Edward Bytes Cowell in Cambridge 1893 April 20. 

- Leopold Delide in Paris 1867 April 11. 

- Heinrich Denifle in Rom 1890 Dec. 18. 

Wilhelm Dittenberger in Halle a. S 1882 Juni 1.'). 

Louis Duchesne in Rom 1893 Juli 20. 

- Bernhard Erdmannsdörffer in Heidelberg 1897 Oct. 28. 

- Julius Ficker Ritter von Feldhaus in Innsbruck .... 1893 Juli 20. 
Kuno Fischer in Heidelberg 1885 Jan. 29. 

- Paul Foiicart in Paris 1884 Juli 17. 

Ludwig Friedländei' in Strassburg 1900 Jan. 18. 

Iheodor Go)nperz in Wien 1893 Oct. 19. 

Francis Llewellyn Griff th in Ashton under Lyne . . . 1900 Jan. 18. 

Gustav Gröber in Strassburg 1900 Jan. 18. 

- Wilhelm von Ilartel in Wien 1893 Oct. 19. 

Georgias N. Hatzidakis in Athen 1900 Jan. 18. 

- Albert Ilauck in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Karl von Hegel in Erlangen 1876 April 6. 

- Johan Ludvig Heiberg in Kopenhagen ...... 1896 März 12. 

- Max Heinze in Leipzig 1900 Jan. 18. 



Philosophisch-historische Classe. 



Hr. Richard Heinzel in Wien 1900 Jan. 

- Antoine Hh-on de Villefosse in Paris 1893 Febr. 

- Leon He^izey in Paris 1900 Jan. 

- Hermann von Holst in Chicago 1889 Juli ".'5. 

- ThiopMle Homolle in Athen 1887 Nov 

Vatroslav Jagte in Wien 1880 üec. Ui. 

- William James in Cambridge, Mass 1900 Jan. 

- Karl Theodor von Inama- Sternegg in Wien 1900 Jan. 

- Ferdinand Justi in Marburg 1898 Juli 

- Karl Justi in Bonn 1893 Nov. 30. 

- Panagiotis Kabbadia-s in Athen 1887 Nov. 

- Georg Kaibel in Göttingen 1891 Juni 4. 

Frederic George Kenyon in London 1900 Jan. 18. 

- Franz Kielhorn in Göttingen 1880 Dec. Ki. 

- Georg Friedrich Knapp in Strassburg 1893 Dec. 14. 

- Sigismund Wilhelm Kölle in London 1855 Mai 10. 

- Badl Latyschew in St. Petersburg 1891 Juni 4. 

- August Leskien in Leipzig 1900 Jan. 

Emile Leoasseur in Paris 1900 Jan. 

Giacomo Lwnbroso in Rom 1874 Nov. 

- John Pentland Mahaffy in Dublin 1900 Jan. 

- Frederic William Maitland in Cambridge 1900 Jan. 

Gaston Maspero in Paris 1897 Juh 

Konrad von Maurer in München 1889 Juli 

- Adolf Michaelis in Strassburg 1888 Juni 21. 

- Alexander Stuart Murray in London 1900 Jan. 

- Adolf Mussaßa in Wien 1900 Jan. 

- Heinrich Nissen in Bonn 1900 Jan. 

- Julius Oppei-t in Paris 18Ü'J März 

- Georges PeiTot in Paris 1884 Juli 

- mVAe/m i?a(^fo/ in St. Petersburg 1895 Jan. 10. 

Victor Baron Rosen in St. Petersburg 1900 Jan. 18. 

- Richard Schroedei- in Heidelberg 1900 Jan 

- Emil Schürer in Göttingen 1893 Juli 20 

- Emile Senart in Paris 1900 Jan. 

Eduard Sievers in Leipzig 1900 Jan. 

Christoph von Sigwart in Tübingen 1885 Jan. 29 

- Albert Sorel in Paris 1900 Jan 

- Friedrich von Spiegel in München 1862 März 13. 

- Wiüiain Stubbs in Oxford 1882 März 30. 



Sir Edward Maunde T/iompson in London 1895 Mai 

Hr. Vilhelm Thomsen in Kopenhagen 1900 Jan. 

Hermann L'sener in Bonn 1891 Juni 

Girolamo Vitelli in Florenz 1897 Juli 



VIU 

Philosophisch-historische Classe. 



r>atmn der Wahl 



Hr. Kurt Woc/ismut/i in Leipzig 1891 Juni 4. 

- Heinrich Weil in Paris 1896 März 12. 

- Julius Wellhausen in Göttiugen 1900 Jan. 18. 

Tyudvig Wimmei- in Kopenhagen 1891 Juni 4. 

Wilhelm Wundt in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Karl Zaiigeinei.'<ter in Heidelberg 1887 Febr. 10. 



WOHNUNGEN DER ORDENTLICHEN MITGLIEDER. 

Hr. Dr. Auwers, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Path. Lindenstr. 91. .SW. 
von Bezold, Prof.. Geh. Ober-Regierungs-Rath. Lützowstr. 72. W. 
Branco, Prof., Geh. Bergrath, Passauerstr. 5. W. 
Brunner. Prof., Geh. Justiz-Rath. Lutherstr. 36. AV. 
Conze, Professor, Villen -Colonie Grunewald, Wangenheimstr. 17. 
Diels, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Magdeburgerstr. 20. W. 
Dillhey, Prof., Geh. Regierungs-Rath , Burggrafenstr. 4. A¥. 
Dilmmler, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Rath, Kaiserin Augusta- 
Str. 75/76. W. 

- Engelmann, Prof., Geh. Medicinal-Rath. Neue Wilhelmstr. Lt. NW. 

- Engler, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, Motzstr. 89. W. 

- Erman, Professor, Steglitz, Friedrichstr. 10/11. 

- Fiscliei', Prof., Geh. Regierungs-Rath, Hessische Strasse 1 — 4. N. 
Frobenius, Professor, Charlottenburg, Leibnizstr. 70. 

Fuchs, Professor. Rankestr. 14. W. 
llarnack , Professor, Fasanenstr. 43. W. 

- Helmert, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Potsdam. Geodätisches Institut. 
Uertwig, Professor, Geh. Medicinal-Rath, Villen -Colonie Grunewald, 

Wangenheimstr. 28. 
Uirschfcld, Professor. Charlottenburg. Carmerstr. 3. 
vant Hoff, Professor, Charlottenburg, Uhlandstr. 2. 
Kekule von Slradouitz, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Landgrafen- 

str. 19. W. 

- Kirchhoff, Prof., Geli. Regierungs-Rath, 31atthaeikirclistr. 23. W. 
Klein, Prof., Geli. Bergrath, Am Karl.sbad 2. W. 

Köhler, Professor. Königin Augusta-Str. 42. W. 
Kohlrausch, Professor, Charlottenburg, Marchstr. 2.5''. 
Koser, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Patli. Charlottenburg, Harden- 
bergstr. 20. 

- Landoll, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, Albrechtstr. 14. NW. 
Lenz, Professor, Augsburgerstr. 52. W. 



Hr. Dr. Möbins, Prof., Geh. Kegierungs-Kath. .Sigisinniulstr. 8. W. 
MoiKiii.tcn, Professor, Cliarlottenburg, Blarclistr. 8. 

- Munk, Professor, Geh. Regierungsrath, Matthaeikirchstr. 4. W. 

- Periiice, Prof., Geh. Justiz- K'atli, Genthinerstr. 13'''. W. 

- Planck, Professor, Achenbachstr. 1. W. 

- Freiherr von Richthofen, Prof., Geh. Regierungs-Rath , Kurfürsteii- 

str. 117. W. 
Sacliau, Prof., Geh. Regierungs-Ratli, Wormserstr. 1'2. W. 

- Scheffer - Boichorst , Professor, Nürnbergerstr. 71. W. 

Erich Schmidt, Professor, Matthaeikirchstr. 8, vom I.April 1901 ab: 
Derffhngerstr. 21. W. 

- Joh. Schmidi, Prof., Geh. Rcgierungs-Rath, Liitzo\\-Ufer 24. W. 
SchmoUer, Professor, Wormserstr. 13. W. 

Schröder, Prof., Geh. Regierungs-Rath . Kr()ii|)rinzeii-Ufer 20. NW. 
Scladze , Prof., Geh. Regierungs-Rath. Invahdenstr. 43. N. 
Schwarz, Professor, Villen-Coh)nie Grunewald, llumboldtstr. 33. 
Schwendend-, Prof., Geh. Regierungs-Rath. Mattliaeikirdistr. 28. W. 

- Stumpf, Professor, Nürnbergerstr. 14/15. W. 
Tobler, Professor, Kurfürstendamm 25. W. 

- Vahlen, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Gentliinerstr. 22. W. 

- Virchow, Prof., Geh. Medicinal-Ratli, Scliellingstr. 10. W. 

- Vogel, Prof., Geh. Ober -Regierungs-Rath, Potsdam. Astrophysikali- 

sches Observatorium. 

- Waldeyer, Prof., Geh. Medicinal-Rath, Lutherstr. 35. W. 

- Warburg, Professor, Neue Wilhelmstr. 16. NW. 

- Weber, Professor, Ritterstr. 5(j. SW. 

- Weinhold, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Hoheiizollernstr. 15. W. 
von Wilamowitz - Moellendorff , Prof., Geh. Regierungs-Rath, Westend, 

Eichen -Allee 12. 



.ler Kcic-ljsd.uuke, 



G 

ß 
SITZUNGSBERICHTE l 


G 

ß 

DER Q 

ß 

ß 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN l 

ß 
ß 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 1 

ß 
ß 
ß 

zu BERLIN l 

8 

B 

I. II. I 

ß 
10. Januar 1901. ß 

ß 
G 

MIT DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER DER AKADEMIE ß 

AM 1. JANUAR 1901. Q 

ß 
ß 
G 

B 
B 
ß 
G 
BERUN 1901. l 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, i. ß 

-.:--:-- ^ 

IN CüMMISSION BEI 6K0K6 REIMKR. * *>fl|i >-ii- , . ß 

' " ' ß 

ß 

iasHSHsasasasHSHSHSHSHsasHSHSHSHsasasasHSHsaHasHSHsasasESHSHHHsasHsä 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



2. Diese erscheinen iii einzelnen Stücken in Gross- 
Octav rcisjclinässig Donnerstags acht Tage nach 
jeder Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stüclie bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch -matliematisclien Cliisse allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch - historischen Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäl'tlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergcbcnen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzmigen gehö- 
rigen Stücken nicht ersclieinen konnten. 



Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsieht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden -wissenschaftlichen Arbeiten. 



§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheiluugen von A'^erfassern , welche 
der Ak.ademie nicht angeliören, sind auf die Hälfte dieses 
Urafangcs beschr.änkf, Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Ges.ammtaka- 
demie oder der betreffenden Classe stattliaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwendigcs beschränkt werden. Der Satz einer Slit- 
theilung \vird erst begonnen , Avenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefei-t ist. 

§"• 
1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder wei*den. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

5. Auswärts werden Con'ecturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer IVIittheilungen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den »Wissenschaftlichen 
Mittheilungen" abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonder.abdrücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit J.ahresz.ahl , Stüok- 
nummcr, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei , auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis zui' Zahl von noch zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung .abziehen zu lassen, 
sofern er hiervon reclitzeitia dem redigirendenSecre- 
tar Anzeige gem.acht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzimg 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitglicder, haben hierzu die Vermittelung eines iluem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondircnder Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classcn eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein .anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , dei-en Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus SUat. g 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
eiuer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classcn. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt imd sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der redigirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäfllichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Fiir diese wie 
für alle übrigen Tlieile der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Uichtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre •• Sitzungshtfrichte'' an diejenigen Stellen, mit deneti sie im Schriftverkehr steht, 
imfern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
.. Mai hh Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Register^. 



1 
SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

DER 1. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
10. Januar. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secietar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. VON WiLAMOwiTz-MoELLENDORFF his Über die liippokra- 
tische Schrift irepi Iptjs vovaov. 

Der Text dieser Schrift ersclieint in der besten Überlieferung viel reiner, gleich- 
wohl sind in ihm fremdartige Zusätze zu erkennen, und mit anderen Schriften der 
Sammlung steht es nicht anders. Das wird an tt. äepav vcärav tÖttuv gezeigt und zu 
Schlüssen auf die Herkunft der Schriften benutzt. 

2. Hr. MoMMSEN Iciite eine ihm von Hrn. Anderson in Oxlbrd mit- 
getheilte Inschrift des Julius Severus aus tr;nanisch-h;i(h'ianischer 
Zeit vor. 

3. Hr. Koser üherreiclite Bd. 26 der Politischen Correspondenz 
Friedeich's des Grossen (Berlin 1900). 

4. Hr. CoNZE machte eine Mittheilunfi- über die neuesten Fort- 
schritte der vom archaeoloi-ischen Institute unterstützten Untersuchun- 
gen der westfälischen Altcrthümer-Commissiou bei Haltern an der 
Lippe. 



Sitzungsberichte 1901. 



Die hippokratische Schrift nepi ipAc voüaou. 

Von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. 



Die Ausgabe von Littre hat für die hippokratische Schrift von der 
heiligen Krankheit freilich die unvergleichlich beste Überlieferung der 
Wiener Handschrift, 6 genannt, in den Anmerkungen erschlossen, aber 
im Texte lange nicht genügend ausgenutzt. Wirklich geschehen kann 
das nur in einer Ausgabe': ich gebe indessen auch hier eine reichliche 
Anzald von Proben, da ich ohne dieses Fundament nicht höher bauen 
kann. Dabei behandele ich die gesammte Überlieferung ausser 6 als 
eine Masse, wie denn eine bestimmte Recension unverkennbar ist; die 
künftige kritische Ausgabe wird allerdings mehr Unterschiede machen 
und auch neben 6 geringere Träger dieser Recension verhören müssen." 
Da ist gleich in den Wortformen Einiges, das auch der nicht ver- 
achten wird, der die Orthographie richtig zu werthen gelernt hat. 
ipos ist so oft erhalten, dass davor der Vulgarismus iepos weichen 
muss; djj/O neben fjepos ist nicht immer, aber so weit erhalten, dass 
die Regel kenntlich ist. Richtig steht TvKrinvpeiv ohne falsche Ver- 
doppelung des //^; auf den Accent {irXripvpelv) giebt kein Verständiger 
etwas. Richtig heisst es wie im Attischen ovs wtos, wie denn 
Homerismen überhaupt fehlen, nur wird in den Verbis auf ecö auch 
vor einem E-Laute des e geschrieben. Unmittelbar einleuchtend ist 
das Ionische und Echte, wenn füi- Wohnung Ta oiKia statt des 
Vulgären oIkos steht, Trjs TrdOrjs statt tov irdOovs (beides Cap. 12), 
eju) cf)pd(rw ad^a statt cra^ews (Cap. 3), öfter räi/Tta statt rävavria. 
Doch ich will lieber der Schrift folgend eine Reihe offenbarer Besse- 
rungen herausheben. Cap. 1 S. 352: oi §' dvOpwTvoi evofiicrav OeTov 



' Einen Theil der Schrift wird mein griechisches Lesebuch bringen. Hier citire 
ich nur nach LrrrRi';. 

^ Vergl. die Ausgabe eines Tlieiles von tt. Smlrijs I bei C. Fredrich, Hippokratische 
Untersuchungen S. 1 1 1. 

' Das Richtige hat Sternbach, Meletem. Graeca 162 gesagt: die handschriftliche 
Überlieferung pflegt es zu geben, wenn sie nur alt genug ist und von Herodians 
(Et. M. s. V.) falscher Regel frei. Bekker hat t 486 längst das Richtige; Blass, Bakchyl. 5, 
107 trotz dem Papyrus das Falsche. Wenn die antiken Schreiber irKii/ivpeTv gemeint hätten, 
würde irKri/ivpeeiv stehen. Aber die Accente sind selbstverständlich erst byzantinisch. 



v.Wilamowitz-Mokllendürff: Die liippokratische Schrift Trepl ipijs vova-ov. 3 

(ti Trpfjyfia^ eivai. Die geringeren Handschriften lassen die einge- 
klammerten "Worte weg. Dieselben geben S. 354 ein Glossem XovTpiov 
äir^xecrdai KeXevovTes fiir das einfaeh kräftige ÖTrej^ofTes. Eine Periode, 
die bald danach steht, setze ich in beiden Fassungen neben einander 
(S.356): 

(6) eyo) Se SoK€ca Atßvoiv rüv ri/v (Vulg.) eyw ^e coKeo) Aißviov twv ti;v ftecröyeiov o'iKeövTeov 

fieo-oyeov oiKeovrcov ovoev av ovoeva vyiaivetv öri ev atyeioio'i Eepfiatri Kara- 

vytaiveiv, eY rt eir aiyetotcri Sep^acnv Keiovrat Kai Kp€a(rt alyetoicn ^pcövTat ' 67rei ovk 

"1 Kpeacriv rjv cos eKe? ye ovk e^ovciv ovre (rrpü/ia oiire ifiänov ovre VTröSij/ia n 

'e)(oviTiv ovre crrpüi/ua ovre ifiaTtov jiri alyetöv ea-nv ov yap ecrnv avToiirtv aKKo 

ovre vTToStjfia o n fir) myeiov TrpoßaTtov ovüev i] aiyes \Ka) ßoes]. 
eanv, ov yap ecTtv aWo Trpoßäreiov 
ovSev i] alyes [ko) ßoes^ 

Die Vortrefl'Uchkeit von 6 leuchtet in Allem ehi; der Itacismus 
TrpoßciTeiov verschlägt nichts. Dagegen sei gleich hier bemerkt, dass 
die so stark abweichenden Fassungen den sinnlosen Zusatz Kai ßoes 
gemein haben, trotzdem er die Argumentation zerstört; er ist von 
Reinhold getilgt; vemmthlicli stammt er aus Herodot, der in seiner 
Schilderung Libyens öfter von Rindern redet. Der Ilippokrateer ist 
von ihm unabhängig, setzt aber bei seinen Lesern voraus, dass sie 
die Libyer als die gesündesten Menschen kennen, wie das auch Hero- 
dot (4, 187) erzählt. 

Etwas weiter in demselben Capitel 

(Ö) KaiToi e'fjoiye ov irep] evcreßi'tjs tovs (Vulg.) koitoi e/toiye ov nep'i ev(reßei'tis eoKeoviri 
\6yovs ooKeovat Troteecrßat , ws o]ovTai^ Toirs \oyovs Troteetrdat ^ ws oiovrat , aWa 

äWa Trepl icreß!t]s /uäKKov Kai üs Oeoi 7re/)i dv(riTeße!t]S /jäWov Kn'i ws oi öeoi oi'k 

OVK €1(71 , t6 t€ evo'eßes avTojv es t6 e/tn, t6 re eiKTeßes Kai Oeiov avTÖjv 

6eTov äcreßes ecm Ka] ävöaiov. äo'eßes Kai ävöcnöv eariv. 

Man beachte besonders die immer verschied iternd<> Änderung der 
Wortstellung. 

S. 362 Ka9apfio7(ri t€ ^pwvTai Kai eiraoiSriKn Kai ccvoaiwraTov re 
(ye dett.) Kai ädewrarov (Trprjypa) Troieovcriv, ws epoiye SoKeei [t6 
6e7ov] ■ KaOaipovai jap tovs k)(opevovs Trji vovcrwi a'ipari {aipacri Vulg.) 
T6 Ka\ \Toi(riv\ oXKokti [To7ai] toiovtokti. Die verschiedenen Klammern 
kennzeichnen was 9 gegen die geringeren zusetzt und auslässt: immer 
mit Recht. 

S. 364 »Ich glaube nicht, dass der Leib eines Menschen von 
einem Gotte befleckt werden kann, vielmehr, wenn er von einem 
andern Menschen befleckt ist, eOeXoi av virb tov Oeov KaOaipeadai 
Kai äyvi^ea-Qai paXKov. So die Vulgata, wo den Gebrauch von eöe- 
Xeiv nur Sophismen entschuldigen können; in 9 fehlt WeXoi äv, dafür 
steht äv avTO hinter Ka9aipecr9ai, wieder in gefälliger Weise die beiden 
copulirten Infinitive trennend. Hier ist es freilich leichter, das Richtige 
anzuerkennen als die Entstehung des Falschen zu durchschauen. Am 



4 Sitzung der philosophisch - liistoiisclien Classe vom 10. Januar. 

Schlüsse haben beide Redactionen eine nichtsnutzige Interpolation. 
tj fjuaiveadai {fiaiv€(r9ai 9 mit einem weiteren Schreibfehler), das ist 
eine jener falschen Erklärungen des Comparatives fiaWov, wie sie im 
Thukydides häufig von Krüger und Cobet erkannt sind, von der 
reactionären Thukydideskritik fi-eilich entschuldigt werden. Gleich 
danach heisst es in der Vulgata t6 0676v €(tti to KaOcupov Ka\ äyvi^ov 
KOI epvfxa jivo/Jievov fjfiiv. Schwerlich würde man es beanstanden, dass 
die Gottheit der Schutz heisst, wenn es auch nicht recht passt, wo 
sie erst nach einer Verletzung helfend einti'itt. Wenn man aber in d 
pviipa findet, so wird man sich sagen, dass dieses Wort nicht durch 
Sehreibfehler entstanden ist, und sich an der ionischen Kraft und 
Külmheit freuen, die die göttliche Kraft, die heiligt und reinigt, 
»unsere Lauge« nennen mag. 

Cap. 5 S. 370 nachdem erzählt wird, wie die Kinderkrankheiten 
das schädliche <^\eyjjLa aussondern. Kai ra ovtw TraiSevdevra ov 7/- 
v€Tai eniXiiTTTa t»)< vovcrwi TavTrii. So 6: die Vulgata Kai ra ovtw 
KaOapOevTa ovk eTriAriiTTa "yiveTai Tavriji rfji vovcnoi. 

Cap. 6 Ende S. 372 Kai rjv [pev] irvKvoTepoi ewaiv oi Kardppooi, 
TTVKVorepa eiriXtjTTTOs yiveTai [jjf ^e prj, äpaioTepa]. 

Cap. 7 S. 372 evioiai Se Kai viro^wpeei [Koirpos] kcitü). 

Cap. 9 S. 376 rjv p.ev ovv ttoXv Karappmu Kai )(eiiuu>vos [erji Kaipos], 
OKOKTeivei, äir6(f)pa^e jap tcls ävairvoas Kai äTveirij^e rb aipa. So 9: 
die Vulgata giebt ausser der hässlichen Inter2:)olation ÖKe-nvi^e für ätre- 
(f)pa^€, und schwerUch hätte eine Conjectur Glauben getimden, die das 
Richtige hergestellt hätte. Dagegen wird man wider alle Handschriften 
das allein erträgliche eTTTj^e von der Praeposition befreien, die von dem 
anderen Verbmn herübergekommen ist. 

Cap. 15 S. 358 oi pev [jap] inro [tov\ (fyXeyparos paivöpevoi fiav)(oi 
t' elal Kai ov ßoriTol ovSe 9opvßw8ees, oi Se viro ^oXiis KeKpaKTai re 
Kai KaKovpjoi. Die Viügata hat ausser den ausgesonderten Zusätzen 
die schönen Nomina in dem ersten Gliede in ßoSxriv ovSe 9opv߀ovo-iv 
geändert: ausser 9 geben hier allerdings auch andere Handschriften das 
Echte. Dasselbe ist auch durch eine merkwürdige Nebenüberlieferung 
bezeugt. In der Sammlung der hippokratischen Briefe steht als Nr. 19 
eine Abhandlung tt. pavias. die Demokritos einem Briefe an Hippo- 
krates beilegt, und diese ])eginnt mit einem ausdrücklichen Citate aus 
seiner Schrift irepl iepfjs vovcrovK das bei Hippokrates S.388 Zeile 6 v.o. 
beginnt und bis zum Schlüsse A'on Cap. 15 reicht. Es erweist sich als 



' Ausser diesem citirt er sein fünftes Buch '€wiot]fi!ai, und die hier namenlosen 
Geschichten finden sich mit den Namen Androphanes imd Nikanor bei Hippokrates 
Epid. 5, 349 Chart. Hippokrates antwortet dem Demokritos mit einer Abhandlung 
IT. 'GWeßopicTfiov, die in seinen Werken, so viel ich weiss, nicht steht. 



V. Wilamowitz-Moellendorff: Die liippokratische Schrift wepi ipijs vovcrov. 5 

ein Auszug, der ganz verständig gemacht ist, nicht ohne Modernisi- 
i'ungen , auch im Wortgebrauch (epvdpaivecrOai lür epevOecrdai . rjpefiaTos 
für äTpepaios): bedeutsam ist niu-. dass für KeKpaKrai Kai KaKovpjoi 
hier TrA^^Tat k. k. stellt. Die Wahl ist schwer, und ich finde keine 
sichere Entscheidung; die Existenz einer solchen Variante liat an sich 
für die Schätzung des Textes ihre Bedeutung.' 

Cap. 17 S. 392 heisst es von den ^pives: CTrel aia-ddvovTai ye 
ovSevos irpoTepov tmi/ ev twi awpaTi eovTwv äXXa /uaTtiv tovto t6 
ovvo/ua e^ovcri Kai Tr]v a'iTir]v, wcnrep to. (so Vulg. ws re 0) irpos T»jt 
KapSirji [äirep] wtu KaXeerai ovSev es Trjv äKot]v crvpßaXXöpeva. Hier 
ist das Verhältniss etwas anders. Denn von der Interpolation äirep ist 
6 freilich frei, hat aber vorher einen eigenen Fehler. Wie es denn 
bei einer so alten Doppelüberlieferung nicht ausbleiben kann, dass 
auch die geringere Recension Brauclibares liefert", wenn auch sicherlich 
die jüngstvergangene Periode der Philologie, die dem Einqvu'llen])rincip 
huldigte, den Text ausschliesslich auf ö aufi^ebaut haben würde. En<l- 
lich muss auch hier noch eine allgemein überlieferte Interpolation be- 
seitigt werden, Kai Tr}v aiTit]v. Dass das Zwerchfell lür die Empfin- 
dung des Menschen verantwortlich gemacht wird, ist damit stümperhaft 
ausgedrückt und gehört überhaupt nicht her. 

Der letzte Satz der Schrift lautet 

0. öfrrts S' GirlfTTarai ev avßpuTrottri iroteetv X'iil^. öoris oe ewitTTaTat ev avBpbiiroim ttoI' 

^ijpov Kui vypov [TTOieei] Kai dep/iov Kai y/rv^pöv ieiv ToiavTijv /jeraßoKiiv Kai cvvaTai vypov Ktii 

vTTO ötatTT}Sy ^^IP^^ iroieetv Ka) Oepfiov Km yj/v^^pov viro Ciai- 

TTjs Tov av0pü}7rov, 

ovTos Kai TavTT]v Ttjv vovcTov iwiTO civ, ei Tovs Kaipovs SiayivwcTKOi twv 
^vpif^epovTwv ävev Kadappov Ka\ payiijs. Statt des letzen Wortes hat 
die Vulgata payevfxaTwv Kai irdaijs dXXijs ßavavcritjs TOiavrt^s. Auch 
hier ist an dem was der Verfasser geschrieben hat kein Zweifel, auch 
hier nicht an dem Vorzuge von 6: aber ein falsches Wort ist ihm 
doch mit den Anderen gemeinsam, imd dieses, zuerst eine sim])le falsche 
Wiederholung, hat dann weiteres Unheil veranlasst. 

An diesen Proben sei es hier genug. Ich wende mich nun zu 
einer Reihe Zusätze zu dem ursprünglichen Texte. Nur wenige sind 



' Auch Hf.rcher hat in seiner äusseret wenig befriedigenden Ausgabe der Briefe 
nicht einmal die citirten Schriften der hippokratischen Sammlung nachgeschlagen. Die 
zum Theil sehr merkwürdigen Briefe verdienen eine besondere Prüfung, /.u der mehrere 
wertlivolle Ansätze (zuletzt von R. Herzog in seinen Koischen Funden) vorliegen. Sie 
sind zum Theil wenigstens hellenistisch: in dem umfänglichen sechzehnten sind die so- 
genannten asianischen Satzschlüsse häufig zu erkennen: es ist der Biief, der sicher 
demokiitisches Gut enthält; gleicher Herkunft sind die hier hergehörigen 17—21. 

* Kurz vorher Ijv (ei Vulg.) n MvÖp&iTros vTrep^aprii ef äSoKt]Tov (Vulg. ef cnvpoaio- 
Ki'iTov TräOovs 6) j; äviri6iji (1; ävitjOeit] Vulg. om. 6) ist ein schlagendes Beispiel für ein 
Giossem und eine Lücke in ö. 



6 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 10. Januar. 

durch die Vergleichung der beiden Redactionen zu überführen, wie 
ja 6 einzelne Worte massenliaft aussondert. So heisst es gleich nach 
dem Anfjinge küto. fiev Trjv aTTopitjv avToTcri tou nrj yivwaKeiv t6 OeTov 
[avTrji] 8iacru)i^€Tai, kuto. Se Trjv eviropiriv tov Tpöirov Ttjs iricrios 
üjj IwvTai äTToWvTai. Nach dieser feinen Antithese, in der 6 sich 
dm-ch Entfernung eines Flickwortes bewährt, fiigt er ein Glossem 
zu, von dem die anderen frei sind, oti KaOapfioiai tg Iwvrai Koi 
eTraoidfJKTiv. Es ist aus den oben ausgeschriebenen Worten S. 362 
genommen. 

Cap. I S. 354 epoi Se SoKeovatv oi irpwToi tovto to vovcriipa ipw- 
(ravT€s (so 6 für ä(j)iepwaavTes) toiovtoi eivai ävdpooiroi o'ioi Kai vvv eicri, 
fidyoi Koi KaddpTcti kui äyvpTai koi äXa^oves. [ovtoi Se koi {ökoctoi Sri 
Vulg.) TrpoaTTOieovTai acfyoSpa Oeocreßees elvai Kai irXeov ti eiSevai] ovtoi 
Toivvv TrapapTrej(6pevoi . . . t6 OeTov rfjs äprjxaviris u. s. w. Das zweite 
ovtoi geht auf die Erfinder der Lehre, die sehr fein mit den gegenwär- 
tigen Vertretern derselben gleichgestellt sind, indem sie mit Praedicaten 
ausgestattet werden, die zunächst ihre Thätigkeit so bezeichnen, wie 
sie es selbst nicht ablehnen würden, dann aber mit solchen, die für 
den Griechen üblen Mitklang haben; denn schon äjvpTrjs, obwohl es 
eigentlich den bezeichnet, der für eine Gottheit äyeipei, stipem coUigit, 
hatte bereits die Bedeutung Schwindler, und aka^wv kennen wir vollends 
nur als Renommist, ausser dass es aus Alkaios als öAjjtjjs angemerkt 
wird. So gut also das zweite outoi anschliesst, so unmöglich ist der 
Satz, den das erste einleitet und der auf die gegenwärtigen Vertreter 
der Doctrin geht. Vergebens hat die Vulgataredaction durch Änderung 
des Wortlautes helfen wollen. Es ist eine grobe Erläuterung, wesent- 
lich aus anderen Stellen genommen. Trpoo"rroieovTai itXeov ti e'iSevai 
S. 358. Oeocreßris kommt allerdings sonst hier nicht \ov. 

S. 360 »Wenn ein Mensch mit Zauberei den Mond herunterzieht, 
die Sonne verfinstert u. dergi. . . . ovk av eywye ti OeTov vopicraipi tovtwv 
eivai ovSev [äW ävdpwirivov], ei Si^ tov Oeiov ri Svvapis vir' ävOpwTrov 
yvcöptjs KpaTeeTai. Aber so ist es nicht, sondern die Menschen be- 
trügen.« Der freche Zusatz ist klar: Wenn der Zauberer stärker ist 
als Sonne und Mond, so sind diese keine de7a: aber ävOpwTciva sind sie 
deshalb doch nicht. 

Cap. 2 S. 366 peya TeKpr\piov oti ovSev OeiÖTepöv ecrTi twv Xoittwv 
vocrt]pa.T(t)v Tolcri yap (fiXeypaTwSecri (fyvaei yiveTai, toTcti Se j^oXwSeaiv 
ov TTpoo-TTiTTTei. KttiTOi [ei deioTepov ecTTi TWV äXkwv] ToTai -rräcriv öpoiws 
eSei ylveadai Tr]v vova-ov TavTiiv. Der Einschub wird sowohl durch ecTTi. 
wo es rjv heissen müsste, wie durch das folgende vovcrov, das deioTeptiv 
verlangt, überführt. Wie alt er ist, zeigt am besten die den meisten 
Handschriften mit 9 gemeinsame Corruptel Kai toTcti füi- kuitoi ei, das 



V. Wii.amowitz-Moellendokff: Die liippokiatische Schritt irepl ipijs vov<rov. 7 

wohl erst byzantinische Emendntion ist. Übrigens hat hier dns Rich- 
tige To7(n jap cfiXeyfxaTwSecri die Vulgata bcAvahrt; 6 hat to7(ti Se Xoi- 
TTOicrt (f)X. 

Aus dieser Stelle ist ein Znsatz in den Anfang von Cap. 5 gedrungen, 
wo die Erklärung der Krankheit als eines Erg^isses von Schleim aus dem 
Gehirne so begonnen Avird, fi vovcros avTti jlverai to7<ti \fiev Vulg. om. ö] 
cf)\eyiuaTir}(ri [tohtj ^e ^oXcöSeaiv ov] ctp^eTai de u. s.w. Der Gegen- 
satz der Galle macht den Satz nicht nur zu einer leeren Wiedei-holung, 
sondern er zerstört den Fortscliritt der Deduction. Ich wenigstens bin 
sehr lange irre gegarigen, bis ich den Gedankenzusammenhnnii- erlasste 
und damit erst die ganz einfache Heilung fand. 

Cap. 3 S. 366 werden die beiden Hohlvenen {KoiXai (fyXeßes) be- 
schrieben, die nacli der Lehre des Verfassers mit dem Blute das 
■Kvedpa durcli d(>n Körper verbreiten, kcu fj fxev äiro tov ^iraTos 5>S' 
e^ei- t6 jxev n kÖtw t€iv€i . . . . tj S erepr) avw Teivei . . . Erst nach 
langer Beschreibung folgt SiaTeraTai Se Kai äiro tov (tttA./ji'Ös ^Ae'i/r. 
Es lag nahe, hier so zu irren, dass die Verbreitung der ersten Vene 
nach oben und unten vermischt ward mit der Untersclieidung der bei- 
den Venen, die von Leber und Milz ausgehen. So steht denn, um 
dies zu verhüten, in der Vulgata Tfjs (fyXeßos hinter t6 pev ri, freilidi 
falsch, da es ja tjjs cpXeßbs ravTr]s Iicissen müsste. In 6 aber steht 
mit sachlicliem Irrthum toi; cnTXr]v6s. 

Cap. 7 beschreibt den Gang des eingeathmctcn irvevpa durcli den 
Körper. Erst wird es dem Gehirne zugeführt, dann theils dem Unter- 
leib, theils der Lunge, theils den Adern. koI 6(tov piv es rffv koi- 
Xirfv ep^eTai, tovto pev Tfjc KoiXirjv Sia\frvxei Kai äXXo ovSev ^vp- 
ßdXXeTai, ö S' es Tas (fiXeßas Kai tov irXevpova äiip \^vpßäXXeTai 
es Tas KoiXias] eaiwu \Kal es tov eyKe<f)aXov ep^eTui Kai ovto)] tjji/ 
cf)p6vt](nv Kai TTjv Kivrjaiv toTcti peXecri Tvape^ei. Es ist an sicli .sinn- 
los, dass die Luft, die aus dem Geliirne in Adern und Lunge gelangt, 
in die Gedärme kommen soll, wohin ja eine andere eben bezeichnete 
Leitung besteht; noch unsinniger, dass die Luft, die das Gehirn immer 
zuerst passirt hat, nun wieder dahin befördert wird. Dass die Vul- 
gata ep^eTai beseitigt hat, hilft wenig. Sprachlich bleibt das Uner- 
trägliche, dass hier ^vpßdXXcTai räuralicli verstanden werden muss, 
während es eben übertragen (eine avpßoXri leisten) stand. In Wahr- 
heit ist Kol es TOV ejKecjiaXov 'epj(eTai Kai ovtw eine aus anderen 
Stellen genommene Erläuterung, die zeigen will, wie den Ghedern 
das Empfindungsvermögen mitgetlieilt werden kann; ^vpßdXXeTOi 
ist auch ein an sich richtig gedacliter Zusatz: er war absolut ge- 
meint. »Die dem Unterleibe zugeführte Luft hat weiter keinen 
Effect, die der Lunge und den Adern zugeführte hat Effect imd 



8 Sitzung der pliilosophisch-iiistorisclien Classe vom 10. Januar. 

gelangt iu das Gehirn und bewirkt so . . .« Das ist zwar nicht 
die Rede des ursprünglichen Verfassers, aber eines nicht wider- 
sinnigen Erklärers. Erst der Zusatz es -ras KoiXias, die Interpolation 
einer Interpolation, ist ganz gedankenlos aus der Nachbarschaft ge- 
nommen. 

Cap. 1 1 führt aus, dass Personen, die von Kindlieit auf an Epi- 
lepsie leiden, sie deshalb nicht los werden könnten, weil das Gehirn 
dauernd zu weich und wässerig geworden wäre. Dafür wird der Be- 
fund des Gehirnes drehkranker Ziegen als Exempel herangezogen. Kai 
ev TOVTWi drfKovÖTi jvwcrrji ort ov^ ö deos t6 crw/ua XvfiaiveTai ä\X' 
ri vovcros. {ovrcos e^ei Kai rwi ävOpwnwi ■ okov av ^pövos eyyevt^Tai 
Tfji vovirwi, ovKeTi 'i)](rifios yiveTai] SiecrOicTai yap ö eyK€(})a\os vtto 
Tov ^Ae'7/uaTOS Kai T>j/c6Tat, t6 §' äiroTriKÖfievov vSwp jiveTai Kai 
■Kepi^eei (9. irepie^ei Vulg.) tov eyK€(f)aXov eKTos Kai rrepiKXv^ei, Kai 
Siä TovTO TTVKVOTepov eTTiXtiTTTa yiveTai Kai paiov. \8io Si] noXv^pö- 
vios >j vovcros, oti t6 irepippeov {6. Vulg. eiripp.) XenTov eo-riv viro 
iroXvTvXrideiris Kai €v6vs KparecTai vtto tov dijiaTos Kai Sia6eppaiveTai.\ 
Die erste Einlage, die in 9 noch ganz unverbunden steht (die Vul- 
gata schiebt ein ^e ein), unterbricht die Behandlung der Ziegenkrank- 
heit; sie ist an sich ganz entbehrlich, aber nicht unsinnig. So noth-t 
sich ein Leser den Lihalt des Capitels in seiner Weise. Dagegen die 
zweite, die an Cap. lo anknüpft, hat einen Fehlschluss gemacht. Wenn 
das im Gehirn vorhandene ^Xeypa in Folge seiner Menge dünn ist 
und daher bei seinem Eintritt in das Blut bald untergekriegt wh-d. 
so mag sich das oft wiederholen; schlimm ist es dann ja nicht. So 
ist das ein verunglücktes Weiterführen der originalen Gedanken; der 
Satz steht ganz ohne Zusammenhang. 

Cap. 1 3 behandelt die beiden Hauptwindc . ßoperjs und votos. 
'J'ranujntana und Scirocco, und ihren Eintluss. Das wird eingeleitet 
paXiaTa To7a-i voTioiaiv, eireiTa [Kai Vulg. om. 9] toTo-i ßopeioiaiv 
[eneiTa \Kal Vidg. om. 9] tokti XovKo7cri irveiifiaai]- TavTa yap (statt 
yap hat Vulg. Se eaTiv oad) twv Xonrcov (Xonrwv om. Vulg.) iruev/nd- 
Twi/ icr^vpoTaTa Kai aXXriXois evavTiwTaTU. Es wird keines Wortes 
bedürfen, die Interpolation in ihren verschiedenen Graden zu über- 
fähren. Ebenda S. 386 »Wenn der Witterungswechsel sich an so 
grossen Dingen wie Sonne und Mond eintlussreich zeigt. Kai to crwpa 
[iroieei] aio-9dvea-9ai Kai fiCTaßäXXeiv ev twv äve/Jiwv tovtwv Ti^iai 
peTaXXayfjtcriv äväyKrj, {Kai^ To7cri juev votiokti Xv€0'9ai re Kai (f)Xv8äv 
TOV eyKe<f)aXov u. s. w. Hier ist die Verderbniss so gegangen, dass 
ävdyKrj falsch bezogen ward, was die Streichung von Kai (das kein 
Correlat hat) und dann die Einsetzung eines neuen Verbums zvu- Folge 
hatte. Die hier nothwendige Zufügung eines Wörtchens ist sonst 



v.Wir.AMowiTZ-MoELLENDORFF: Die lüppokratisclie Schrift Trepi ipijs vovtrov. 9 

kaum je notliwendiii' . ebenso wie Buclistabenänclerun.i>-en kaum vor- 
kommen.' 

Cap. 1 7 S. 392 ai cf)pev€s äWws ovvojia e^ovcri riji rv^rit k€k- 
Trjfxevov Koi twi vo/jwi, to S' kov ov [tjjj (^vcrei]. 3Ian kann ja allen- 
falls den Dativ Tiji (f)V(Tei zu eöv zielien, aber die AA'ortstellung ist 
zu ungeschickt, und es lag so nahe, dem vöfxos gegenüber das Schlag- 
wort antithetiscli zu ergänzen, während das eov ovofxa im Gegensatze 
zum Tv^rii K€KTY]fievov ganz verständlich ist. Die Vulgata hat stark 
geändert: rwi §' eövri ovk, ovSe Ttji (fyvcrei. 

S. 394 irdvTwv TOVTwv ö ejKecfiaXos aiTiös ecrriv. wairep (irep 
cm. 6) ovv Kai rijs (f)pov}](nos tov i^epos irpwTos aioSäveTai [6 €7- 
Ke(j>aXos om. 9\ tmi/ ev twi crw/uan eovTWV (iveovrwv Vulg.), 0VT<a 
Kai, rjv TIS pcTaßoXi] iu^vpoTept] yevrjTai ev twi i]€pi vtto twv wpewv, 
Kcu avTos ewvTov §id(f)opos yiveTat (so ausser anck-ren Vulgatliand- 
schriften die, welche 6 am näclisten steht: er soll mit an(h'ren yi- 
vt]Tai haben), [ei' twi i]epi 6 ejKetpaXos irpwTos ai(rdäveTat\ §i6 Kai 
TO. voaripiaTa es avTov epnriTXTeiv <^}ißi ö^vTaTa. JMan nniss liier, wo 
die Grundanschauung des A'crlasscrs am umlasscndsten ausgesprodien 
ist, scharf aufpassen. Dem euts])rec]ien(l. dass die Lul"t die Fähig- 
keit zu denken und zu empHnden dem Mensclien übermittelt, und 
zwar zunächst dem dazu bestimmten Centralorgane, dem Gehirne, muss 
das Gehirn seine Beschaffenheit ändern, wenn die Luft durch Witte- 
rungswechsel geändert ist. also auch die schlimmsten krankhaften Stö- 
rungen leiden. Das ist ausser den gewöhnlichen Verwässeriuigen der 
Vulgata (lurcli die Randglosse erweitert, die nur das Schlagwort wieder- 
holt, ö eyKe(f)aXos irpwTos aicrOdveTai: was vorher Unbrauclibares steht, 
kann eine mechanische DittogTai>lne sein, es kann auch zu der Rand- 
notiz gehören, wenn vorn etwa ra fehlt. Das ist irrelevant: auf den 
Originaltext kommt es an. 

Diese Reihe von Zusätzen sondert man gern ab. weil sie den 
schönen einfochen Stil in seiner Reinheit beeinträchtigen, aber sach- 
liche Bedeutung haben erst die, zu denen ich mich nun wende. Im 
ersten Capitel steht die interessante Aufzählung der Speiseverbote, 

' Zwei solcher kleinen Verbesserungen seien notirt. Cap. i S. 356 raüra Se 
TOV 6e!ov e't'veKa wpo<m9ea<nv äs irKeov ti elSöres [koi] a\\<os (ö'Was Codd.) vpo<j>ämas Ke- 
yovres, Cap. l8 S. 394 &(Tre firj oeiv äwoKpi'vovTa ro vovcrrifia Oeiörepov tö>v Konräv vofuirai 
(so 6, vofii'^eiv Vulg.). Für /ii] SeTv hat 6 /njSev ij , Vulg. /ii]Sev. Eine grössere Lücke ist 
vielleicht S. 360 an der wohl am schwersten verdorbenen Stelle, wo es von den Sühn- 
priestern heisst, dass sie nicht an Gott glauben könnten ovre e'ipyea-Om ovcevos av tüv 
kay^aTon Troieovres, worauf 6 folgen lässt eis ov oeivol avrois euxriv (d. i. ebicriv), die andern 
eVera ye was ov Seivo) ap' avTolmv elmv. Das Letzte ist wohl nur ein \'ersuch, das Un- 
verständliche irgendwie einzurenken. Mit dem kann ich nicht fertig werden; aber 
eVe/ca ye sieht nicht interpolirt aus, und nichts würde so gut den Satz voriier ergänzen 
als e'lveKa ye (deävf. 



10 Sit/.iiiin der |iliil(i.so|iln.scli -historischen Classe vom 10. Januar. 

welche die KaOaprai veronlneteii . daXacrcriwv fxev rpiyXris fxeXavovpov 
KecTTpews [eYj^e'Auos], Kpewv Se alyelwv [kcu rvpov aijeiov] Kai eXacpeiwv 
Kai ^oipeiwv [küI kvvÖs] . . . bpvidwv Se äXeKTopiSos Kai Tpvjövos Kai 
ÖT180S . . . XaxävMv 8e piv9i]s crKopoSov Kpoppvov. Von den einge- 
klammerten Zusätzen ist der Ziegenkäse n\ir von 6 geboten und fällt 
am deutlichsten aus. Aber der Aal kann auch niclit in der Reihe 
der Meerfische bestehen, da er natüi-Uch zu den Xipva7oi geliört. Und 
der Himd fällt formal auch heraus, da unweigerlich Kvveiwv stehen 
würde, wenn das Wort in einem Zuge mit dem ganzen Satze geschrie- 
ben wäre. Hat man so die Sätze gereinigt, so zeigt sich, dass der 
Verfasser (oder auch schon die Zauberer) je di-ei Dinge von jeder 
Gattung verboten hatte, aber die Schrift Leser gefunden hat. welche 
aus ihrer Sachkenntniss weitere verbotene Nahrungsmittel nachgetragen 
haben. Wir haben oben schon einen solchen Nachtrag kennen gelernt, 
die Rinder, die neben den Ziegen in Libyen vorkommen, S. 356. 

Älndich steht es in der Aufzählung der Gottheiten, denen die 
einzelnen Erscheinungsformen der Krankheit beigelegt werden (S. 360). 
eKacTTWi e'iSei tov ndOeos 6ewi Tr]v alririv rrpocmöevTes [ov jap aXXa, 
TrXeovaKis j€ pi]v ravTa pepiprjvTar rjv pev jap aiya pipwvTai\ kuI rjv 
pev ßpvxwvrai j) tu. Se^ia cnraTai, firjrepa dewv (ftacriv aiTirjv ehai. 
So giebt 6, und man sieht noch deutlich, M'ie die Randnotiz sich ein- 
gedi-ängt hat, denn der Satz mit jap müsste hinter rjv pev jap aija 
fiipwvrai stehen.' Ebenso deutlich wird die Interpolation durch die 
beiden mit einander unverträglichen jJtev. für ihre Zeit ist je prjv wich- 
tig, das dieser altionischen Prosa fremd ist. Natürlich ist uns die 
Vorstellung, die wir so kennen lernen, werthvoll, dass die Besesse- 
nen zu dem Thiere der Gottheit werden, die sie verfolgt: es hängt 
damit zusammen, dass ihnen jede Berührung mit etwas von der Ziege 
verboten war. Aber der Verfasser hatte diese Lehre nicht mitgetheilt. 

Es geht weiter: »71' ^e ö^vrepov Kai evTovwrepov cf)9ejjt]Tai , ittttwi 
eiKa^ovcri Kai (l>a(ri floo-eiSewva diriov eivai [jjv §e Kai Trjs Koirpov Trapitji, 
61a [ocra 6 6 Vulg.) iroXXaKis jiverai vtto Trjs vova-ov loia^opivoiaiv, 
'EvoSir]r TTpöo-Kenai fi Trpocrwvvpir]], riv Se irvKVOTepov Kai Xe-KTOTepov 

' Die andere Redaction hat dies so in Ordnuni; zu bringen versucht ov yap 
KaOäira^ (ein Codex dafür ev) äWä irXeoväKis raSra (meist Tavrä betont) /lejivijvTai (dies 
nicht in allen) lajv /lev yap alya fjifuovrat (einer noch /ji/niJTai) /c/jV ßpvxävTai Kijv Ta Se^ia 
a-irävTat. Darin wird man die Inter])olation nicht verkennen. In der Fassung von 9 
lässt sich o-n-äTm verstehen, wenn man ra Se^iä als .Subject nimmt. Ich glaube aber, 
man thut besser ßpvxrjrai herzustellen, alles mit indefinitem Subject. Die Betonung ist 
mir unsicher, denn ich kann zwisclien ßpü^ecrOai und ßpvxäa^at nicht sicher wählen. 

^ Die 'SvoSi'ii gesondert von 'GkÖti], das wird nicht mehr befremden; wir liaben 
an sie eine Weihung aus Larisa Ath. Mitth. 7, 238. Euripides (Ion 1048) beginnt ein 
Zauberlied GlvoSla Bvyartjp Adfiarpos a tov vvKrnröKoiv ecpöSiiiv äväcra-eis, identificirt sie also 
mit (Pepa-^cpaa-a-a als Herrin dei' Gesjienster. Ebenso, ohne jede Beziehung auf Zauber 



V. WiLAMOwriz-MoELLENDORFF: Diu liii)|)()kratisclie Scliiilt jrepi ipijs voiia-ov. 1 l 

WS 6pvi6es, AttoXXwv vofxios. Zu dem letzten Satze muss cßOeyjtjrai 
ergänzt werden: denn an den Tönen, die der Kranke ausstösst, nicht 
an der Qualität des Kothes, den er entleert, wird erkannt, ob der 
Herr der Rosse oder der Herr der Vögel ihn besessen hat.' Es ist 
also auch hier ein an sieh werthvoUer Nachtrag vom Rande in den 
Text gelangt. Nachweisbar können solche Zusätze nur Averden, wenn 
sie formelle Anstösse erzeugt haben: die Möglichkeit, dass sie sich an- 
derswo verbergen, wo sie in dem Zusammenhang erträglicli sind, muss 
zugegeben werden, hat aber praktisch keine Bedeutung. 

Eine ganz ähnliche Einlage steht Cap. 17. nachdem dargelegt ist, 
dass die <f)p€ves ihren Namen olme Berechtigung tragen. Xeyovai Se 
Tives WS Koi (kcu om. Vulg.) cfipoveojuev Trji KapSirji Kai t6 äviwpevov 
tovt' ecTTi Kai t6 (f)povTi^ov. tÖ S' ovx ovtws e^ei, äWa a-Karrai pev 
ws-Kep al (ftpeves [kui juäWov 8ia xavTas tos [ras avTcis Vulg.) airias- 
e^ äiravTos {jap: om. 6) rov (rwpaTos ^Xeßes es avTr]v Tei'vovai (avvT. 
Vulg.) Kai ^vyKXelaracra e)(ei, wcrre aiaddveaßai, i'iv Tis irovos i) rdais 
jevrjrai rwi ävBpwTvwi, ctvdyKt] Se Kai äviwfxevov (f)ptcr(T€iv t6 crwpa 
KOI ^WTelveadai Kai vTr6pj(a.ipovTa twvto' tovto 7rdcr](€iv, 6ti (Sioti 
Vulg.) ri KapSit] aicrddverai re pdXicrra d Kai ai {ä Kai 6, Kai ai Vulii.) 
(f>p€ves] Trjs pevToi (^povritrios ovSerepwi pereaTiv, äXXct irdvTwv tovtwv 
a'iTios ö €yKecf)aX6s esTw. Wenn man das liest, kommt es P>inem wie 
ein Chaos ungeordneter Ualbgedankcn vor, und auch die gewaltsamste 
Änderung wird keinen fortlaurendcn Zusannnenhang hineinbringen. 
Vielleicht ist Mancher für die sachliclie Erwägung am ehesten zugäng- 
lich , dass die Lehre , welche alle Adern auf das Herz zuführt und dieses 
als dpfJia Twv (f)Xeßwv, mit Platon's Timaios zu reden, betrachtet, nichts 
in einer Schrift zu suchen hat, die dem Gehirn diese Rolle zuschreibt. 
Mich dünkt die grammatisch -stilistisclie Aussonderung noch weit schla- 
gender, weil die Entstehung der P^inlnge begreiflich wird. Am Rande 
stand OTi fi KapSiri uia-OdveTai pdXicrra d Kai ai (f)p6\'es Kai eri päXXov 
§id Tavras ras aWias u. s. w. Das giebt sich als berichtigenden Nach- 
trag, aber ganz wie im ersten Capitcl ist der Zusatz nicht in der rich- 



und Spuk, Sopli. Ant. 1 199. Die geringere Recension hat evoS!i]s ov, d. h. Variante '€10- 
Sir/s und 'SvoSiov; leider liabe ich die Stelle früher (zu Eur. Hipp. 142) nach einem mo- 
dernen Texte benutzt, ohne die Überlieferung aufzusuchen. 

' ApoUon voyuios eischeint als Herr der Vögel Aisch. Ag. 55 ; er sendet Vögel, um 
den Menschen Zeichen der Zukunft zu geben und nimmt selbst die Gestalt eines Vogels 
an, was freilich fast alle Himmelsgötter thun. Immerhin ist solch altes Zeugniss der 
Kathartischen Theologie werthvoU. 

^ To aiiTo TOVTO 6, Tb) vTTo TOVTO odcr Weiter verdorben tw vtto tovt<i> die Andern, 
also in der ungetrennten und unaccentuirten Unciale aus tiovto verlesen. Ob Elision 
bezeichnet wird oder nicht, ist immer und überall ganz gleichgiltig; aber für die Zeit 
und Schrift, der der Archetypus der Vulgata angehört hat, den man annehmen und 
reconstruiren darf, giebt es einen Anhalt. 



12 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 10. Januar. 

tigen Satzfolge in den Text eingedi-ungen. Nach seiner Aussonderung 
ist der Zusammenhang ohne weiteres vorhanden. 

Indessen die ganze Partie, zu der dieser Satz eine Berichtigimg 
geben wollte, ist selbst wieder nicht an ihrem Platze innerhalb der 
ganzen Schrift, sondern die Capitel 14-17 müssen als ein Aufsatz fiir 
sich losgelöst von dem Aufsatze tt. ipfjs vovaov beti-achtet werden, von 
der denn auch in ihnen nirgend die Rede ist. Vielmehr hatte der 
Verfasser am Ende des 13. Capitels gesagt: ovtcos avrn 17 vodcros 'yiverai 
T6 KOI däWei äirb rwv TrpoaiövTWV re Kai ä-RiövTwv Kai ovSev eariv 
äiropwTept] twv äXXwv ovre iäcrOai ovre yvwvai ovSe deiorepr) 17 a'i aXKai. 
Das war docli ein Absclduss. Dem entspricht der Anfang von Cap. 1 8 : 
avTT] §€ i] vovcros i] ipri KoKeopevr] äiro twv avTwv -Kpoi^acriwv yi- 
verai [ä^' 5iv Vulg.] Ka\ a'i Xoiirai, äiro twv irpoaiovTwv Kai äTriovTwv 
u. s.w. Eine solche Wiederholung wäre statthaft, wenn mittlerweile 
von diesen Dingen gehandelt w<äre, so dass der Leser nun die fi-ühere 
Behauptimg als erwiesen anerkennen sollte. Nun ist aber von der 
Krankheit auch nicht ein Wort gefallen und von der Ernährimg auch 
nicht. Es ist also vielmehr in Folge des Einschubes der vier Capitel 
der ursprüngliche Satz zerrissen und zum Theil wiederholt. Denn das 
letzte Capitel gehört nothwendig zu der originalen Schrift, da erst in 
ihm über die Heilung Näheres gesagt wird. Es wird ursprünglich 
etwa gelautet hal)en ovtcos avTt] r) vovaos jiveTai re Kai OäXXei äiro 
Twi/ TrpocriovTwv wie in 14, dann aber weiter wie in 18 von denselben 
Worten ab. Was so aus den Ansatzstellen der vier fremden Capitel 
gefolgert wird, tritt eben so klar aus der ganzen Disposition der 
Schrift hervor. Der Verfasser hat begonnen mit der Bestreitung des 
Glaubens, dass die Epilepsie etwas Übernatürliches an sich hätte, und 
verliert das nie aus den Augen. Er hat erst die Verkehrtheit dieser 
Annahme bewiesen, und mit dem Cap. 2 seine positive Darlegung 
begonnen. Es geht mit der Ejnlepsie natürlich zu, erstens Aveil sie 
sich vererbt, zweitens weil sie nur die Menschen befällt, die zu viel 
(fiXeypa haben, nicht aber die zu viel Galle haben. äXKä jap a'iTios 
ö ejK€(f)a\os beginnt Ca}'. 3. d.li. »aber nun endlich zur Hauptsache: 
der Sitz der Krankheit ist das Gehirn«: m;in muss äXXa jap scharf 
fassen. Es wird nun ganz kurz gezeigt, wie das Gehirn aussieht 
und wie es durch die Adern mit allen Gliedern des Körpers com- 
municirt und ihnen so die Luft, das Trvevpa. Leben und Empfindung, 
zuführt. Das ist so zu sagen die anatomisch -pliysiologische Grund- 
lage der neuen Lehre. Mit Cap. 5 wird der weitere Schritt gethan. 
»Nun trifft diese Krankheit die mit (jjXeypa Behafteten. Dies näm- 
lieli muss aus dem Gehirn ausgesondert werden, wo möglich schon 
im Mutterleibe oder durch Kinderkrankheiten: ergiebt sich später ein 



v.Wilamowitz-Moellendorff: Die hippokratische Schrift jrepl Ipijs vovcrov. IB 

Erguss von Schleim aus dem Geliirn in die blutfiährenden Adern, so 
hat das die oder die Störungen und Symptome zur Folge.« Diese 
werden im Folgenden ausgeführt, so dass sich alles fiir die Epi- 
lepsie charakteristische, insbesondere auch was die Zauberer zu ihren 
Schwindeleien benutzen , natürlich erklärt, wie denn die Widerlegung 
des Wahnes nie vergessen wird.' Das geht in trefi'lichem Fortschritt 
bis Cap. 13, wo der Einfluss der Witterungswechsel behandelt wird. 
Nun ist der Verfasser wirklich am Ziel: wenn der schöne Schluss 
Cap. 18 folgt, veiTnisscn wir nichts an dem in jeder Hinsicht ausge- 
zeichneten Schriftchen. Ganz ebenso trefflich an sich ist die inhalt- 
lich Avohl noch bedeutendere Abhandlung, die nun Cap. 14-17 bildet. 
Sie setzt ein mit dem auch in anderen Schriften verrätherischen eidevai 
de xpri Tovs ävdpwirovs oTi} »Es muss für das Empfindiuigsleben des 
Menschen ein Centrum geben. Dieses ist das Gehirn. Die Störun- 
gen seiner Gesundheit sind die Geisteskrankheiten. Sie werden durch 
Schleim oder Galle bewirkt: so erklären sich alle ihre einzelnen Er- 
scheinungen. Demnach hat das Gehirn die allergrösseste Wichtigkeit, 
denn die Fähigkeit zu empfinden und zu denken empfängt der Mensch 
aus der Luft, die er einathmet, und diese wird zunächst dem Gehirn 
zugeführt, das dann allen Körpertheilen die Empfindung vermittelt 
(Zwerchfell oder Herz thim das keineswegs), so dass die Aifectionen 



' Die polemische Tendenz führt dazu, lanjjer bei I)in,ü;en zu verweilen, die für 
die physiologische lirklärung nichts ausgeben, wie andei-erseit.s diese gelegentlich ein 
Verweilen bei Erklärungen hervorruft, deren Beziehung auf die Polemik wenigstens 
nicht markirt ist. Cap. ii "Wer von Kindheit auf epilej)tiscli ist, pflegt beim Witte- 
rungswechsel einen Anfall zu bekommen, zumal bei Eintritt von Scirocco, und die 
Ivrankheit ist dann kaum zu vertreiben. Das liegt daran, dass das üeliirn bereits zu 
viel Wasser enthält. Analogieschluss aus dem Befunde an dem üeiiirne von Ziegen, die 
an der Drehkrankheit verendet sind. Die chronisch an Epile[)sie Leidenden wissen es 
vorbei-, wenn ein Anfall droht und ziehen sich daher in die Einsamkeit zurück. Das 
geschieht keineswegs, um vor dem Gotte, der sie befallen will, zu Hieben, sonst 
wijrden es die Kinder auch so machen. Beim Witterungswechsel kommt der Anfall 
nur deshalb, weil .... u. s. w.« Hier ist der Gedankengang der »die von Kindheit 
auf Epileptischen werden zu bestimmter Zeit befallen (und es lässt sich nicht mehr 
helfen ....): dass das so ist, folgt sclion daraus, dass sie es selbst vorher ahnen (was 
ohne Spuk geschieht ....), und findet seine natürliche Erklärung in dem Witterungs- 
wechsel . . . .« Aber die an sich durchaus zmn Thema gehörigen .\bsch weifungen machen 
auf den ersten Blick die Disposition unübersichtlich. Das Gehirn der di-ehkranken 
Ziegen hat der Verfasser gewiss auch untersucht, um zu beweisen, dass ihr Leiden 
natürlich, nicht durch Einwirkung der üötternuitter hervorgerufen würde. 

^ Diese Woi-te sind auch hier Zutliat dessen, der die Capitel eingeschoben hat. 
Ungleich kräftiger ist der Anfang »Lust und Frohsinn kommt uns ebendaher wie Schmerz 
und Trauer«. Da-ss der Mensch ein Centralorgan besitzen müsse, aus dem alle Em- 
pfindung und alles Wollen hergeleitet würde, ist ein Axiom, von dem der Verfasser 
ausgeht, um von sich aus zu sagen, dieses Centralorgan ist das Gehirn, und dafür den 
Beweis zu liefern. Das Axiom beweist er natürlich nicht: es durfte also auch nicht 
mit e'iSevm Se xpri eingeleitet werden: iravTes ua-fiev müsste es heissen. 



14 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 10. Januar. 

des Gehirns, die unter dem Einflüsse der eingeathmeten Luft stehen, 
die wichtigsten, seine Krankheiten die schwersten sein müssen.« Das 
ist eine ganz allgemeine Lehre von hoher Bedeutung, liegt doch in 
ihr die Ahnung des Nervensystems, und die Postiihrung eines ein- 
heitlichen Centrums aller menschlichen Thätigkeit, der geistigen und 
der körperlichen, mit Vermeidung der »Seele« (die als Ttvevfxa freilich 
wieder hineinschlüpft) hat auch philosophisches Literesse. Aber es 
muss einleuchten, dass diese Lehre zwar genau dieselbe ist, von der die 
Schrift von der Epilejisie eine Anwendung macht, aber in dieser nicht 
vorgetragen Averden konnte, oder sollte sie es, nur an der Stelle, wo 
jetzt ein kurzer Abriss steht (Cap. 3. 4). Und auch dann musste die Ein- 
wirkung von cfyXey/ja und ;^oAfj ganz anders behandelt werden. Denn 
die Epilepsie geht die Galle eben nichts an. Eine corrigirende Rand- 
bemerkung ist eine solche lange, schöne, abgerundete Abhandkuig frei- 
lich nicht mehr; sie trägt auch, wie mich dünkt, den Stempel des- 
selben Verfassers; es sind vielmehr zAvei selbständige Stücke in ein- 
ander geschoben. 

So sehr verschieden ist der Zustand, in dem die Schrift bisher 
selbst in dem besten Drucke erschien, von dem was einst der Ver- 
fasser gegeben liatte. Zwar die Schäden der Byzantinerzeit zu be- 
seitigen reichen unsere Handschriften unmittelbar aus, und wenn wir 
dann zwei Recensionen unterscheiden, aus denen sich meist ohne Mühe 
das Bessere sicher gewinnen lässt. so bewegen wir uns bereits auf dem 
Boden des Alterthums. Die Schwankungen des Textes sind vielleicht 
graduell, aber nicht qualitativ von denen verschieden, die z. B. im 
Demosthenes und Aischines vorhanden sind. Und wenn eine Menge 
kleiner Zusätze allen unseren Handschriften gemeinsam sind , so wird 
ein Einsichtiger darum doch noch nicht von einem Archetypus reden, 
dessen Text tückische Magistelli verwüstet hätten, selbst nicht von 
einer maassgebenden Ausgabe, mag auch fortschreitende Forschung 
dazu führen, die Differenzen unserer Redactionen mit den Hippokrates- 
Ausgaben der Kaiserzeit zu combiniren, von deren Existenz Avir Kunde 
haben. Denn das Herüber- und Hinüberspielen von Varianten, wie 
es uns die erhaltenen Reste antiker Bücher zeigen, genügt, um die 
Mischung von Gut und Schlecht zu erklären. Die Erfahrung machen 
Avir allmählicli an allen Prosaikern der classischen Zeit, für die etAvas 
reicheres Material A'orliegt. dass eine kanonische Ausgabe von ihnen 
nicht bestanden hat, wie sie die grossartige Editorenthätigkeit der 
Alexandriner für die classischen Dichter sämmtlich geschaffen hatte. 
Auch da zeigt aber z. B. die Medeia des Euripides, wie starke Va- 
rianten A'orhanden sein konnten , deren Entstehung zum grössten Theile 
in die Zeit zwischen dem Dichter und der alexandrinischen Ausgabe 



v.WiLAMownz-MoELLF.NnoRFF: Die hippokratisclie Schrift irep] ipijs vovmiv. 15 

fallen wird. Erst jene an sich werthvollcn sachliclien Zusätze, von 
denen die Abhandlung über das Geliirn auf den Autor selbst zurück- 
geführt werden muss, zwingen zu der Annalime eines Arclietypus: 
das war die Handschrift, Avelche das Werk überhaupt erhalten hat. 
Und diese zeigt die Einwirkung mindestens einer anderen Hand, denn 
die Abhandlung über das Geliirn ist nicht durch mechanischen Ein- 
schub an den Platz innerhalb der Schrift gekommen, während in einem 
Capitel die Randnotizen ohne Überlegung eingereiht sind. Die liippo- 
kratischen Scliriften werden zur Zeit erst eben in der wii-klich über- 
lieferten Gestalt edirt und zu ihrer Analyse die ersten Schritte getlian. 
Es kann nicht ausbleiben, dass sie in jeder Hinsiclit allgemeinwichtige 
Schlüsse über die Fortpflanzung der alten Litteratur gestatten werden, 
A'ergleichbar nur dem Naclilasse . der luiter Aristoteles Namen gelit, 
bei dem aber in ausgedelinter Weise die Redaction in Betracht kommt, 
die sich an den Namen Andronikos knüpft. Hier haben wir vielfach 
mit einer oder ein Paar Rollen zu reclinen. die aus dem Nachlasse 
dieses oder jenes Arztes nach Alexandreia kamen und dann, als schon 
in der ersten Generation der alexandrinisclien Gelehrsamkeit die liippo- 
kratischen Studien begannen, vervielfältigt wurden. Es ist eben füi" 
Hippokrates kein Eratosthenes oder Aristophanes aufgetreten. Erst wir 
werden, sobald wir die Überlieferung übersehen, durch die Analyse 
der Schriften nach Form und Inhalt sowohl eine ganze Anzahl zwar 
namenloser aber doch greifbarer Porsöidichkeiten untersdieiden lernen, 
als auch die wissenschaftliclie Schriftstellerei der lonier und die Ge- 
schichte der Mediein und Physiologie licrausarbeitcn, wolil unterstützt, 
aber nicht gebunden durch die so glücklich ersclilossenen Angaben des 
Menon und durch Aristoteles und Piaton. Dass Platon's Hindeutungen, 
die aber keine Namen geben, vom höchsten Werth sind, und die An- 
gaben der aristotelischen Sclmle und des Aristoteles selber scliarfer 
Prüfung bedürfen, ist schon jetzt kein Geheimniss. 

Die berühmte Sclirift tt. (f)V(nos ävdpwivov besteht aus einer in 
sich abgeschlossenen Abhandlung über die vier Grundstofle am An- 
fang und einer eben solchen über die Diät am Ende, die ganz wohl 
von demselben Verfasser herrühren können. Zwischen Beiden liegt 
ein Geschiebe von unzusammenhängenden inid zum Theil mindcrwerthi- 
gen Abschnitten, unter denen die Beschreibung der Adern das Wich- 
tigste ist, die Aristoteles dem Polybos zuschreibt: aber Polybos ist 
schon dem Menon auch Verfasser der ersten Abhandlung, den Späteren 
meist der des Ganzen. Ich kann daher von der Annahme niclit ab- 
gehen, dass schon Aristoteles das ganze so unzusammenhängende Buch 
als Werk des Polybos gelesen hat, kann aber dieser Autorschaft des- 
wegen keine Verbindlichkeit beilegen. Damals muss die Schrift tt. iprjs 



16 Sitzimg der philosophisch -historischen Classe vom 10. Januar. 

vovaov auch bereits ihre Erweiterungen erfahren haben, und selbst 
wenn sie einen Verfassernamen trug, konnte er so wenig berechtigt 
sein wie der des Polybos für die Schrift rc. cpvcrios ävdpwirov, von der 
er so gewiss etwas verfasst hat wie Homer von der Ilias: nur kann 
auch hier Niemand sagen was. 

Selbst ein so wichtiges Grundbuch wie tt. 8iaiTr]s ö^ewv ist schon 
der ÜberUeferung nach mit einem unechten Anhange versehen: der 
aufmerksame Leser wird aber auch in dem echten Theile recht häufig 
anstossen, imd es hält schon sehr schwer, die beiden Einleitungen, 
mit denen die Sclirift beginnt, für Erzeugnisse derselben Feder 7ai 
halten.' Icli will aber dieses Mal nur die Schrift tt. äepwv vBÜtwv tottwv 
näher heranziehen, die ich in Anbetracht der unverkennbaren Über- 
einstimmungen demselben Verfasser beilege wie tt. ipfis vovcrov.'- Es 



' Für ein Buch -n-ep) Tmcrävijs (und so heisst dieses ja oft) würde als Vorrede 
Cap. 7—9 Kühl, genügen. »Mir scheint ein passender Gegenstand für ein Buch (ö'fios 
ypa<f)Jis: hier wird die Lehrschrift als solche anerkannt: alles Epideiktiche fehlt), was 
noch unermittelt und wichtig ist. Unermittelt ist die reclite Behandlung des TrTiaavi], 
ja die Ärzte haben kein Interesse dafür, und doch führt das mit Recht zur A'erachtung 
der ärztlichen Kunst. Es hängt auch für die richtige Behandlung des Kranken und 
Gesunden sehr viel davon ab. nTia-övri fiev ovv ..... Das ist eine geschlossene Gedanken- 
reihe. Vorher steht Cap. 4— 6. "Jeder Theil der Kunst verdient sorgfältige Behand- 
lung, namentlich aber die akuten Krankheiten (das ist nur die den Griechen geläufige 
Hervorhebung rä re äWa Kai: ein Absatz, wie hier vor 5 bei Kühlewein gemacht 
ist, ist sinnwidrig). Von denen verstehen die Laien garnichts und können den guten 
vom sclilechten Arzt nicht unterscheiden, sondern meinen, wenn einer nur die ge- 
wöimlichen Mittel, wria-ävt}, olvos, /jeKiKprirov, nennt, so wäre er ein Arzt«. Das ist 
wieder eine Gedankenreihe, zielt aber weiter, a\if die ganze Slaira ö^eav, hat noch 
keinen Abschluss, passt also als Vorrede des Ganzen vor die folgende Vorrede zur 
TTTianvi]. Nun steht aber in Cap. 1—3 noch davor -Die yvüftat Kvloim geben gute Krank- 
heitsbeschreibungen; ihre Vorschriften der Behandlung lassen viel zu wünschen. Der 
Heilmittel sind viel zu wenig; die Diät ist von den meisten ganz vernachlässigt und 
wenn einige den Verschiedenheiten derselben Krankheit durch Aufzählungen (d. h. 
Kava-os, Nr. i, 2 . . .) zu genügen glauben, so ist das auch ungenügend... Das hat weder 
mit der Vorrede, noch mit dem Haupttheile der Schrift eine Verbindung; vielleicht 
aber mit einer ilirer Schichten. Diese zu sondern ist die nächste Aufgabe; man sehe, 
■/.. B. wie die Capitel 29 (bis Z. 19 ioapds), 31. 23. 43. 44 aus dem Zusammenhange heraus- 
fallen. Kleinere Zusätze fehlen nicht, 3 el /lev ravTa äyaöä riv . . . iroXv äv ä^iürepa ijv 
iira'ivov . . . i'i'v ov)( ovtcos e](ei. [oi fievTOi voTepov emSiaa-Keväa-avTes ItjrpiKÖiTepov oi; Ti 
einj\6ov Trepl twv -n-pocroiiTTeuiv eKÖrrToiaiv] ärap ovSe irepi Äai'njs ol äp^aioo <rvv€ypu\lrov oiioev 
ö'fiov Köyov. Formell schliesst der Anschluss von ärap oiiSi an oü;^ den Einschiib aus; 
sachlich mussten die Verbesserungen als unzureichend charakterisirt werden. 8 oi 
uavTtes Tov avTov opytSa^ el fiev aptOTepos el'tj , ayadov vofit ovcnv eivat ^ el 66 oe^tos , KaKov. 
[kq] ev lepoo-KOWirii rä roiäce aWa ew ä'Wois] , eVioi ce [tmv fjavTi'tov] TavavTia tovtüiv. Hier 
ist das vom Rande Eingedrungene kenntlich erstens durch seine Unverbundenheit, die 
in A die Ersetzung von rä durcli Se erzeugt hat, zweitens durcii den nun freilicii 
nöthigen Genetiv räv fimrluiv. Niemand konnte so seinen eigenen Satz und Schluss 
zerreissen. 

^ Entscheidend ist mir die Übereinstimmung i. in der Leugnung jeder ipi; vova-os 
2. in der Lehre, dass der Samen aus allen Körpertheilen kommt, d. h. der Anerken- 



v.Wii.AMOwiT/.-MoELLENDonFF: Die liippokratisclie Schrift irepi ipijs vov<rov. 1 I 

steht da eine AbhancUung, in welcher gezeigt wird, Avelche periodischen 
öder endemisclien Krankheiten in einem Orte gemäss seiner Lage, seinen 
Winden und seiner Bewässerung zu erwarten sind. Sie ist mit dem 
1 1 . Capitel abgeschlossen und hat mit der folgenden Niclits gemein, 
als dass offenbar AUes von demselben Verfasser herrührt. Der l'ber- 
gang verschleiert das kaum, denn es heisst Trep] fihv tovtwv ovtws 
e^ei • ßovXofiai Se Kai irepi tj/s Aa-iris koI tjjs Gvpwinjs Xe^ai. Dar 
mit ist das Tliema des Folgenden angegeben, und die Behandlung- 
erschöpft es auch. Asien wird zuerst im Ganzen charakterisirt , und 
örtlich als das Land bestimmt, das zwischen den Punkten des Sonnen- 
aufganges am längsten und am kih'zesten Tage liegt, nach Osten zu 
und von der Kälte (d. h. dem Norden) noch etwas entfernt; d. li. der 
nördliche Endpunkt Asiens liegt noch etwas rechts von dem Sonnen- 
aufgangspunkt der Sommersonnenwende, wenn man sich den Stand- 
punkt des Beschauers, Front nach Osten, in Hellas denkt: genauer 
wird man das uiclit bestimmen dürfen.' Asien und Europa scheidet 
die Maeotis, inid der weitere Nordost ist oflenbar als Okeanos gedacht. 
Danacli kam, immerhin nocli zu Asien im weiteren Sinne gehörig, 
das, was rechts von dem Sonnenaufgange des kürzesten Tages liegt, 
also dei- südliche Theil der Welt, Aegypten und Libyen. Die Be- 
handhmg ist bis auf die letzten Worte '" verloren. Dann wird der nörd- 
licliste, aber immer nocli innerhalb der vorher lür Asien bestimmten 
Grenze gelegene Theil behandelt: rrepi twv ev Se^ifji tov fjXiov twi/ 
ävaroXewv tmi/ depivwv fJie)(pi McuwtiSos Xipvi]S' ovtos jap opos Trjs 
Gvpu)iTi]s Koi 'A(rü]s- w^e e^ei irepl avrwv'' ra Wvea [TavTct] Tavrtji 
Stdcßopa avTci ewvTwv paXXöv ecrn twu Trpo§u]yt]p€vo)v Sia tos pera- 
ßoXas Tu>v wpewv Kcii rrjs x^P*1^ '^'?^ (f>vcnv. (Z. 20) Kai ÖKoaa pev 
öXlyov Sia(f)6pei [twv eOvewv] TrapaXeixfrw, OKÖcra Se peydXa rj <l)va€i 
i) i'öpwi, 6p6w irepi avTwv ws e^ei. Und nun beliandelt er die Ma- 
Ivrokeplialen, bei denen der vöpos, und die Pliasianer, bei denen die 
cf)V(ris den Unterscliied bewirkt. Das ist vortrefTlich und vollständig. 
Icli liabe nur den einen Genetiv eingeklammert, der eingesetzt wanl, 
als ein grosses Stück eingcsclioben ward. S. 55, 5-19 Ki"iii,. ».Sowohl 

nung und I']rkläiung- der Veierlmnj;. wozu die Wiclitigkeit der Eini)(angnis.s und dei- 
Entwickeliuig des Kuibryons geliört, 3. in der Schätzung der /jeTa/3o\ai' des Witterungs- 
wechsels, 4. im Stil, bei dem ich einzelnen Übei-einstimmungen im AVoi-tgebrauche und 
ganzen Wendungen sehr viel weniger Werth beimesse als dem x"P''K'^<ip ''■'"' ^öyov. 

' Veigl. H. Berchr, Erdkiuide 57. 

- S. 54, 18 Siort Tro\vfiop<f)a ylverai ra ev Tois Öiipiois gehört offenbar zu Libyen. Das 
Sprichwort äel na i; Aißvt] <f>epei Katvöv kennt schon Aristoteles. 

3 Den Zwischensatz als Scholion zu streiciien, ist an sich pervers: die Ansichten 
über die Gi-enze waren ja getheilt; es widerlegt sich dadurch, dass nur der einge- 
schobene Satz das Anakoluth hervorrufen konnte. 

Sitzuiitrsbcriclite 1901. 2 



18 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 10. Januar. 

die Beschaftcnheit des Landes wie die der Menschen hängt von dem 
Wechsel der Witterung ah. Starke Wechsel ergeben Bergland und 
Waldland und entsprechende Men.schen , geringe dagegen kahle Ebenen 
und wieder entsprechende Menschen.« Diese allgemeinen Gedanken, 
<lie übrigens auch in dieser Allgemeinheit einige Übertreibung zeigen, 
gehören nicht im Entferntesten hierher, wo ein vcrhältnissmässig kleines 
Stück speciell beliandelt Avird. 

An den Schluss der Behandlung Asiens ' tritt passend die scliöne 
Darlegimg. in wieweit der i/o/uos, in concreto die Knechtschaft ,"" auf 
den Charakter der Bewohner einen Eintluss hat. der den der Natm- 
überwiegt, /ueja §e TeKfxripiov, OKoaoi jap ev tjjj Acrir]i EXKiives i] 
ßdpßapoi pi) Seo-TTO^ovrai äXX' avTovopoi eicrl Koi €WVToi(Ti raXantw- 
peovai, ovTOi pa^ipdoTUToi eicri ttÜvtwv, u. s.w. Diese Ertahrung wird 
der Verfasser schon auf seiner pontischen Reise an Herakleoten, Bithy- 
nern, Mossynoiken haben machen können, aber er hat wohl auch über 
seine ionischen Landsleute günstiger geurtheilt als die Athener. Hinter 
diesem wichtigen Satze klappt eine Dittographie übel nach: evprjaeis 
Se Kol Tovs Aairivovs Siacf)epovTas ecovTwv tovs phv ßeXriovas tovs Se 
cf)avXoTepovs eövxas • tovtojv §e ai pexaßoXai airiat twv wpewv, wcnrep 
juoi eipt]Tai ev toTs irpoTepois. Ausser dem Anstosse, den der Satz 
als Doublette bereitet, ist er hier widersinnig, denn der Verfasser be- 
handelte die Folgen des vopos. Er gehört zu dem vorhin ausgeson- 
derten Stücke : das zeigt die Verweisung. 

Von Europa wird nur über die Skythen besonders und sejir aus- 
führlich gehandelt.^ Dann Cap. 23 wird nur im Allgemeinen der Gegen- 
satz gegen die Asiaten herausgearbeitet, sowohl der (f)vcris wie des 
vöpos, und weil das allerdings nicht im rechten Verhältniss steht, sagt 
der Verfasser in Se cracfiecrTepov (ftpaaco und giebt vier Categorien, 



' Der Übergang ist Dank einer schlimmen Interpolation verunstaltet Kai n-epl ftev 
Ttjs (fyvfrtos [kq] rijs Sia<f>opäs Km rijs ^opt^jjs] Twv ^v rijt ^Acriiji [Ka) rfji €vpw7rtji^ ovtü)S e;^6/. 
Das mag mit der schwankenden Anordnung der Capitel zusammenhängen. Die Schrift 
ist ja nur in ganz geringen Handschriften überliefert, aber die beiden längeren Citate 
bei Galen (die Kühlewein niciit voll verwerthet hat) helfen auch wenig. 

^ S. 59 Tü)V TotovTCiJv avOpcoTTCöv ävdyKtj t]/jepova-Oai ti]V (^6p\ytjv viro re 7ro\€/ji(ov Kai 
äpylt]s. Die Ergänzung, die von Zwinger herrührt, ist \üitrefllich, aber es ist nocli 
eine nöthig. Weder TroKe/^mv nocIi ävoXefiiMv, das danel)en überliefert ist, giebt einen 
Sinn; äiroKefuos und äiroKe/iia existiren nicht und tiiäten sie es, hätten sie hier nichts 
zu suchen. Unthätigiieit überhaupt ist den .Asiaten auch niciit vorzuwerfen: faul macht 
die Fuchtel nicht. Es ist nur äpyli/s nach einer Seite, elien den TroKe/uta {58, 17), also 
i'/ttÖ Ttjs TÖ>v TToKe/ilcav äpyi'ijs. 

^ Eine hübsclie Besserung darf ein Plätzchen finden S. 61, 20 c'u'ip re Karexei 
TToKvs Ta Treöla [/caJ] ev [vJotokt/ SiaireCvTai, Gleich dallinter ra ireSi'a . . . ovk errTe(f>dvcüTai 
opemv äW' !j [avrti oder avrij, reine Dittographie] öirö tmv äpKTtav. Und eine Zeile u eiter 
Ta Bjjpia ov yiverat fi€yd\a. äW oia [re ecrr/i'] i'nro yfjv (TKGTrd^GO-dai. 



v.Wilamowit/.-!Moeli.endükff: Die liippokratisclie Schritt n-epl ipijs miia-ov. 1 J 

die er sieh hütet, dureh eonerete Beispieh> zu illustriren. oaoi /dev 
öpeivrjv T€ x^P*l^ o'iKeovcn^ . . . ocroi §e Ko'tXa ^wpia' . . . oaot Sk v\(r)]Xriv 
o'iKeovo-i xwpiiv Kai Xeiriv . . . ocroi Se AeTrra tc koi ävvSpa . . . dnmit 
ist die Classifieirung erschöpft: (U'iin (h-r Satz, der anzuschUessen sehi'int, 
ist \n diesem Zusammenhange widersinnig. Es ist von den Bewohnern 
eines leichten, baumlosen, wasserlosen Landes mit stark sehwankender 
Temperatur gesagt, dass sie von schlanker, nerviger Statur und -nou 
eigenwilliger Gemütlisart seien: dazu jiasst wie die Faust aufs Auge: 
OKOv yäp ai /ueTaßoXal e'uri TrvKvÖTaTcu twi' wpewv koi rrXeltTTa Sid- 
(f)opa avTci ewvTtiicriv. e/ce? koi tu elSea kuI to. ijdea Kai tos ^vaias 
evpriaeis TrXe7(TT0v §ta(f)epovaas. Hier wird die Anomalie der B(>- 
wohner dieses Landes Ix'tont. dort ihr Unterschied gegen die der an- 
dei-en Länder. Und so geht es fort. Neben dem Einflüsse der Tem- 
peraturwechsel hat das Land und das Wasser seine Bedeutung, okov 
pev yap »j yri ivieipa . . . okov Be r] ;^w/>»7 xlfiXri . . .^ ai pev evavriw- 
raTai cfyvaies re Kai iSeai e^ovaiv ovtws, cnrb §e tovtwv reK/jiaipöpevos 
TCL Xovna evOvpeicrOai, Kai ov^ äfiapn^arit. Da ist wied(>r eine C41i('de- 
rung, zAvar nur in zwei Tyjx'n, aber sie entsprechen der obigen Vier- 
theilung, und namentlich die Charakteristik der zweiten Cla.sse deckt 
sich mit der obigen vierten. Inhaltlich ist liier kaum ein Widerspruch, 
aber die Doppelfassung ist genau so anstössig wie oben <lie Einlage 
in der Scliilderung Asiens. Endlicli ein formales Moment, das mir 
<>rst auffiel, als ich dem Inhalt folgend die Aussonilerung vorgenommen 
hatte, das aber an sich genügen würde: die Schrift ül)er die beiden 
Welttheile giebt ihre Lehre ganz objectiv entwickelnd, in diesen Zu- 
sätzen findet sich überall die directe Anrede und zwar immer in der 
Form evprjtreis. So konnte der Verfasser auch reden, aber bei anderer 
Gelegenlicit und mit anderer Tendenz: jetzt lesen wir das durch ein- 
ander geworfen, und mögen auch die Stücke an sicli nidit verwerf- 
lich sein, ja der letzte beson<lers interessant, mögen sie auch keinen 
fremden Verfasser liaben. hier müssen sie fort, und eine fremde Hand 
liat sie eins'efüüt. 



' So mit besserer Woi'tstelliing Galen für ökÖitoi (die besseren Codices des Hippo- 
krates geben fast immer ötrot, wo die gemeinen okÖctoi liaben, so hier Galen gegen 
unsere Codd.) fiev x'^PV^ öpeiv^v re oIk. 

- Hier muss trotz der Übereinstimmung Galen's mit unsern Handschriften etwas 
ergänzt werden öax>i ce Koi\a xo'pi'a koi ... . räv Oep/iüv irvevßaTtav TrXeov /jfpos fi6Tex{ovTa 
o'iKe^ovcri. 

' Der Schluss ist nacli Schilderung der Menschen koi raWa tu ev rjji yiji 4>v6- 
fteva {evpi'ia-ets) nävTa ÖKoKovOa eövra [t!ji -/tji]: der Interpolator verkannte, dass ÖKÖKovOa 
Tois ivdpünrois zu ergänzen war: in Attika ist was der Boden hei-vorbringt auch a-xKri- 
pöv, la-xvöv, Siiip9p(o/i6vov u. s. w., analog dem was von den Bewohnern des Landes 
ausgesagt war. 

2' 



20 Sitzung dei- iihilosopliisch- historischen Classe vom 10. Januar. 

Es .sei, obwohl da.s eine Abschweifung ist, ein wenig bei der 
Schilderung der Typen unter den Europäern a erA\'eilt. Der Verfasser 
hat sicli gescheut, Namen zu nennen, aber es ist kein Zweifel, dass 
er, und welche bestimmten Stämme er meint. Die Bewohner des Ge- 
birges, an denen n\ir körperliche Leistungsfähigkeit und Wildheit her- 
vorgehoben wird, und die Bewohner der Hochplateaus, die dem gegen- 
über an diesen Eigenschaften Mangel leiden, konnten aus der blossen 
Theorie gefunden werden. Allein von den Bewohnern tief einge- 
schnittener Thäler heisst es, dass sie nicht Avohl Kavovlai^ sein könnten 
und Muth und körperliche Ausdauer ihnen eigentlich niclit zukäme, 
vöfxos §e Trpoayevofxevos äirepyä^oiT' äv. Gesund sind sie, wenn ein 
Fluss das Thal genügend entwässert: ist das nicht der Fall, so be- 
kommen sie vorstehende Bäuche und JMilzsucht. Wer könnte das 
Eurotasthai mit seinen nur durch den Drill muth ig gemachten Spar- 
tanern vmd die boeotischen Umwohner des Kopaissees verkennen, 
vollends wenn er die Leute der AeTTTO Kai avvSpa koi yf/iXci vergleiclit, 
die «straffen, energischen« Athener. Sollte er hier noch zweifebi, so 
wird die andere Bearbeitung es ihm deutlich sagen, wo neben diesen 
Eigenschaften an denselben t6 tc ep^ariKov ö^v ev Trji (f)vcrei Trji 
ToiavTTfi Kai t6 ajpvirvov, und dann die Begabung filr die re^vai, 
Handwerke und Künste, und für den Krieg hervorgelioben wird. Das 
muss man neben den Reden lesen, die Thukydides in Sj^arta über 
die Athener halten lässt: es ist ein schönes Zeugniss für die Werthung 
der athenischen Art durch einen lonier. konnte aber freilich niclit wohl 
nach dem Nikiasfrieden ausgesprochen werden. Es ist die Ansicht, 
mit der die lonier A'on der Art Herodot's dem Kriege entgegengesehen 
haben: die Schätzung der Freiheit gegenüber der Knechtschaft, d.h. 
der Autonomie gegenüber der Monarchie . und die Abwesenheit jedes 
Rassendünkels gegenüber den Barbai-en ist ihnen ja auch gemeinsam: 
als im vierten Jahrlmndert ganz Asien, wenigstens das hellenische, dem 
Könige gehorchte, und die hellenischen Staaten Europas sich auch von 
ihm Befehle holten, brachte man zum Entgelt fiir das alte Hoclige- 
fühl des freien Mannes den Rassen- und Bildungsdünkel auf. 

Der Arzt, der die Abhandlung über Asien und Europa verfasst 
hat, gilt allgemein mit Recht auch als der Verfasser der allgemeinen 
Klimatologie in den ersten elf Capiteln, und icli lege ihm auch die 
ganze Schrift tt. iprjs vovcrov bei. Auf Grund dieser Schriften können 
wir so viel von ihm sagen, dass er weit in der Welt herumgekommen 



' Da der Gegensatz die es evpos ire<pvKÖTes sind, ergiebt sich, dass Kavov'ias das- 
selbe ist, was Simonides /,. B. rerpäyavos nennt; dem entspricht der Kaväv Polyklets. 
Er hat nur das theoretisch und praktisch geben wollen, was die \'olksanschauung 
bereits als normal ansah. 



v.Wilamovvitz-Moeli.kndorff: Die hippokratische Schrift -irepi Ipijs vovirov. 21 

ist, ganz siclier an der Südseite des Schwarzen Meeres bis Phasis; 
auch die nördlichen Skythen kennt er, aber nicht die Krim, und setzt 
g'anz wie z. B. Aischylos ein nördlidies Rando-ebirge an, von dem die 
Ströme Sü(h'visshmds kämen. Walirscheinhch kennt er auch Aegypten 
und Libyen; denn er hat eine, freilich verlorene. Beschreibung beider 
Lcänder geliefert, und auf die Libyer nimmt er auch in der Schrift 
über die Epilepsie Bezug. Asien ist ihm aber wesentlich die Kü.ste: 
das Klima der Steppen des Inneren kann er nicht kennen. Das deutet 
auf die Zeit des attischen Reiches, als die Trennung zwischen dem 
Reiche des Königs und dem attischen streng war, und auf ebendieselbe 
Zeit allein passt seine Beurtheilung der Völker des griecliischen Fest- 
landes. Dagegen fällt der ganze Westen ausserhalb seines Horizontes 
vuid ebenso der Norden, sonst müssten die wilden Thraker und Illyrier 
charakterisirt sein. Inselklima zu beobachten hat er offenbar auch 
keine Gelegenheit gehabt. Er ist also auf keinen Fall mit den Ver- 
fassern der Epidemien identisch, die vorwie,i>en(l in Tiiessalien, Thasos 
imd an der thrakischen Küste ]>racticirt ]ial)en. An Kenntniss der 
Anatomie ist der Mann, der ja auch auf 'l'lnersectionen hinwei.st, 
vielen der Hippokratiker überlegen; seine Aderbeschreibung ist besser 
als die der Schrift tt. <f)vcrios ävdpwTtov des sogenannten Polybos. 
Seine Lehre vom Trvevua steht dem Diogenes von Apollonia nahe, 
aber es scheidet ihn doch schon seine wirkliche AVissenschaftliclikeit 
von dem sophistischen Schüler des Diogenes, der ilie Rede tt. (f)vawi' 
gehalten hat.' Der weite Blick und die edle Gesinnung liebt diese 
Schriften über eigentlich alle der Sammlung, die sich an ein weiteres 



' Dass es eine Rede ist, folgt aus Cap. 14 olo-i ce Köyoimv e/tanrov eneiaxt, to7s 
avTo'icri TovToiiTi Kai tovs aKovovras ireiÖeiv Treipä<rofiai. Es folgt auch aus der riietorischen 
Form, lehliaften Fragen, dein Wortschnuicke, der uns oft poetisch anniuthet, dem 
Einwurfe, iWs S' av tis elwoi, wie bei t^uripides. dem Sat/.liau, dei' keine Treplooos, aber 
scharf antithetische xäKa und namentlich durch die Aufnalune derselben Wörter strengen 
Gedankenfortschritt sucht. Die directen .\nreden in zweiter Person, die man meist 
aus andern Handschriften nimmt, verschwinden durch den erforderlichen Anschhiss an 
die Ijeste. liier den Paiisinus A. Es wäie leicht, eine .Abhandlung wi<' diese über 
den Text zu schreiben; ich gebe als Probe den Schluss nach A: tlialvovra! toi ovv a\ ipOirai 
Sia TrdvToiv rwv voa-7]fiaT0)v juaKirrTa 7ro\v7rpayfiov6ovtrat^ Ta 0* eiWa iravTa ^vvaiTta. tovto Srj 
To a'iTiov TÜ)V voiKTOtv eTTiSeöeiKTCit /[toi. VTreo^ofitjv Se Ttav votrtav To diTiov <hpao-etv. eireSei^a Se 
Tri TTvevfta Kai ev to7s oKois (d. h. toi TravTi, der ganzen Natur) irpiiy/jam SvvaaTevov Kai ev 
ToTs (Tcö/jaa-i tüv ^üicav; tjyayov Se tov Köyov ewi Ta yvüpi/ja tov äppbxmj/jÖTOiv ev ottriv 
aXti^ijs i) vn6<r)^e(Tis e<j>avt]' ei yap irepi iravToyv tov appwo'Tij/jaTUJv K^yoifu^ /xaKpoTepos fjiev 6 
\6yos yevoiTo av, ÖTpeKea-repos 06 ovca^ö}s ovSe TnarTOTepos. Die \'erwüsserung in der \\x\- 
gata, die ich nicht abschreibe, ist dieselbe wie in w. 'ipijs vovo-ov. Die E|)ilepsie be- 
handelt der Verfasser auch und leugnet ihre übernatürliche Entstehung (die von an- 
deren Äiv.ten zugestanden wird: man soll das z.B. im Prognostikon i nicht tilgen); 
aber für ihn ist das Blut Organ der <t>p6vi]a-is , so dass tiotz manchen Berührungen ein 
starker Gegensatz zwischen den beiden Schriften bleibt. Sie scheinen von einander 
ganz unabhängig. 



22 Sitzung der pliilnsopliiscli- historischen Classe vom 10. Januar. 

Publicum richten, hinaus. Sollen wir einen A'erfrissernanicn zu nennen 
wagen? Unter dem des Hippokrates stehen beide Schriften sicherlich 
seit dem dritten Jahrhvnidert v. Chr., und wenn Galen die von der 
E])ilepsie ihm abspricht, so hat sein Urtheil überh;uipt wenig Gewicht, 
und sein Appell an den Stil discreditirt ihn vollends. Nun tritt aber 
in den hippokratischen Briefen ein zweiter, noch vornehmerer Bewerber 
auf, Demokritos. Dass das möglich war, niclit mir für diese Schrift, 
sondern auch für die Epidemien , ist ein sehr beherzigenswertlies 
Factum; allein man wird dem keine Folge geben, (ierade ein Abderite 
konnte über die Völker seiner ntächsten Nachbarschaft nicht hinweg- 
gelien: auch sind die Schriften um ihrer politisclien Haltung willen 
älter, und das irvevfia ist ganz wider die atomistische Lelire. 
Hippokrates ist zur Zeit ein berülimter Name ohne den Flintergrund 
irgend einer Schrift, während die hippokratischen Schriften sämmtlich 
A'erfasserlos sind. Aristoteles hat in ihm den Sophisten von tt. cf)V(Twv 
gesehen: das ist schlimm für die Medicin, die er in Stagiros gelernt 
liatte. Piaton hat in ihm denjenigen gesehen, der die Medicin auf 
die breite wissenschaftliche Basis gestellt hat: er muss also natur- 
wissenschaftlich-theoretische Schriften von ihm lickannt liaben, denn 
er steht der Zeit so nahe, dass er nicht wohl getäusclit werden konnte. 
So hat denn Fkedricii eben in dem Verfasser von tt. äepwv (U-n walu-en 
Hippokrates entdecken wollen, und sachlich würde ich das sehr gern 
annehmen. Aber über Flippokrates die Person giebt es doch nocli 
eine Überlieferung, die biograjdiische.' Sein Geschleclit hat fortgelelit, 
den Sohn Thessalos, den Schwiegersohn Polybos wird man nicht an- 
zweifeln dürfen, der Enkel Hippokrates ist als Leibarzt der Rhoxane 
von Kassandros getödtet worden." Dass das Grab des grossen FIi])po- 
krates an dem Wege von Larisa nach Gyrton lag, kann man auch 
kaum den Biographen abstreiten. Dann aber wird der grosse Flippt)- 
krates nicht von den Epidemien (zunäclist i und 3) getrennt werden 
können, die in Larisa und anderen thessalisclien Städten, in Tliasos 



' Dazu gehört die Herkunft au.s Ko.s und damit die Tradition von seinen Ascen- 
denten. Oline Zweifel war er Askle]iiade nicht nur im Sinne des Handwerkes, son- 
dern auch des Adels. Nur tilge man die verbreitete \'orstelhmg ganz aus, dass seine 
Wissenschaft ihre Wurzel in der Heilkunst des koichen AskJepiostempels gehabt iiätte. 
Aus der Incubation der Asklepiostempel war nur Schwindel zu lernen, keine Wissen- 
schaft, und die Krankheitstyj)en der Knidier haben ebensowenig wie die Einzelfälle 
der Epidemien das geringste mit den Heilwundern zu tliun. Die Novellen, die Hippo- 
krates in Kos ansetzen, entbehren jeder Realität, und icli möchte nicht zu viel d.Mrauf 
geben, da.ss er unter dem Monarchen Habriades auf Kos wirklich gelioien wäre. Da- 
gegen Vjeweisen die Epidemien seinen Aufenthalt in Abdei'a, es müssen also Beri'dirungen 
zwischen der Medicin des Hippokrates und Demokritos bestanden haben. Athen fällt 
für Beide weg. 

^ Suidas s. v. 



v.Wilajiowitz-Moellendorff: Die hippokratisclie Schrift -n-epl ipi/s vovmv. 23 

und Abdel"! . aufgezeichnet .sind, und deren thasische Per.sonen auf 
das Ende des fünften Jahrhunderts durch die Inschriften bestimmt sind. 
Wenn in dem jetzigen Chaos der Epidemien zweifelsohne jüngere 
Partien und auch andere Orte vorkommen, so erklärt sicli das selir 
gut durch die Annahme, dass die Geschäftspapiere eines der späteren 
Descendenten der Familie gesammelt und dann als Werk des grossen 
Hijjpokrates verbreitet worden sind. Es ist doch weder von diesen 
&ankheitsgeschichten noch von den A[)horismen darin (Buch 6 z. B.) 
irgend etwas für irgend eine Publication geschrieben: die Zutheilung 
einer ganz disparaten Masse an einen berülimten Namen ist auch am 
])egreif liebsten , wenn »der Nachlass des Hippokrates« oder seine 
Bibliothek nach Alexandreia gekommen ist. Da die Epidemien den 
Ruhm des Hipjiokrates nicht begründet haben können, der schon lür 
Piaton feststeht, so bleibt das Werk nodi immer zu suchen, das 
Piaton im Auge gehabt hat; nur die l)eiden Bücher, die wir liier 
behandeln (oderTlieile von ihnen), kann Hippokrates nicht geschrieben 
haben, da sie einen ganz anderen geogra])hisclien Horizont zeigen; 
ich halte sie auch fiii- älter. Der Verfasser aber darf als derjenige 
bezeichnet werden, der die ionische Wissenschaft des fünften Jahr- 
Inmderts uns am reinsten unmittelbar vorführt: denn die \'orzüge des 
Herodotos liegen gar nicht nach der Seite der Wissenschaftlichkeit. 
Und wenn eine Tradition ihn ausser mit Hippokrates auch mit Demo- 
krit in Verbindung gebracht hat, so erscheint er aucli dieser ¥A\ve 
nicht unwürdig". 



24 



Ancyranische Inschrift des Julius Severus. 

Von Th. Mommsen. 



Ziu zwei seit langem bekannten Inschriften (C. I. Gr. 4033. 4034) 
eines vornehmen Ancyraners, Namens Severus, welcher nach Erledi- 
dung der municipalen Functionen von Hadrian in den römischen Senat 
aufgenommen in die Reichsbeamtenlaufbahn eintrat, ist vor kurzem 
(November 1900) eine dritte gekommen, welche jene in wünschens- 
werther Weise ergänzt. Hr. J. G. C. Anderson , dem die kleinasiatisclie 
Epigraphik und insbesondere unsere lateinische Inschriftensammlung 
zahlreiche und werthvolle Bereicherungen verdankt, hat sie mir zur 
Veröffentlichung mitgetheilt und ich entspreche der Aufforderung gern. 
— Der Stein, eingelassen in die Festungsmauer von Ancyi-a. kam 
zum Vorschein bei den zur Erweiterung der dortigen ottomanischen 
Bank vorgenommenen Bauten, ist aber bald darauf wieder verdeckt 
worden. Eine vollständige Abschrift hat Anderson von dem französi- 
schen Viceconsul Hrn. Pons erhalten, ausserdem Abdi-ücke der vor- 
deren im Druck durch eine Zwischenlinie abgesonderten Hälfte, die 
zum Theil auch mir vorgelegen und manclie Fehler der Abschrift be- 
richtigt haben. 



Mojimsen: Ancvranische Inschrift des Julius Sevenis. 



25 



A • Z E O Y l-l P O N 

;' / / / / / N O NB A s: I A E; H S 
-HIOTAPOY Kl A I All Y N T O Y 
TOY BPITAT OlY KAIAMYNTOY 
TOY AYP I AAOYTETPAPXnN 
K A I B A Z lAEflSAZIAZATTAAOY 
A IVE fl O NYnATIKflNlÖYAlOY 

TEKOAPATOY K AIBAZIAEHZ 
A A E H ANAPOYKAIIOYAIOYA 
KYAOY KAIKAZEOYHPOYKAI 
ZYrrENI-IZYTKAHTIK H S 
nAEIZTSi N A A EA<)>()NIOY 
AIOYAMY NTIANOYPPnTON 
EAAHNflNAPXIEPA z)a yE N O / 
K A I YnEPBAAONTjAEni ÄOZEZIN 
K A ITAIZAOinAIZ<|>jlAOTI M I A I ZTO 

nnnoTEnE<j)iAOT|// h ne nonkai 

TniAYT.QIETEIKAlEAAlOeETHZAN 
TAAII-I^EK£iZENTHI % nNOXAP.NnAPO 
A n I K A IZEBAZTO<|) A NTHZANTAK-MONO/ 
KAinPHTOKTAAnAinNOZ Z E B A Z T 0<f.A / 
TIKAXPI-IMATAEIZE Pf ONTHI n OAEI 
XAPIZAh'ENONKAIM HZYNXPHZAME 
NONEIZTOEAAlONTOYTnTn I no P// 
//nPOAYTOYnAN TEZ KA I A PZANTA 
///rp.NOOEI-lZAfq-/ KAIArOPANO 
///ArTAKAM-INrYNAIKAK A T AZTH 
ZArTAAPXIEPEIANK|AIAYTH NYnEPB/ 
AOYZANEniAOZEZIN A n O A E Z A M E N // 
TE ZPATEYM ATATAn APAXEIMAZA/ 

TAEm-inoAEiKAinpo n e m f a n t a 

nAPOAEYONTAEni TO N n P oz n A/ 
GOYZnOAEMONin N TATEAIKA/ 
nZKAIIZ0TEIMr2Z<j)YAI-nA K A/ 
AINhEBTONIAlONEYEPTETHN <}>Y 
AAPXOYNTOZOYAPOY A O Tl OY E 
T I M H Z E N 



Z. I. Der erste halb erhaltene Buchstalx' A (auf welehen ein 
deutlicher dreieckiger Punkt folgt, während sonst die Inschrift nicht 
interpungirt ist), steht über dem ersten N der zweiten und dem ersten 
P der dritten Zeile: da die Buchstaben der ersten Zeile um ein Drittel 



26 Sitzung: der philosophisch -liistorischen Classe vom 10. Januar. 

gTÖsser .sind als die folgenden . so fehlen zu Anfiing drei bis vier. 
— Z. 3 hat die Abschrift bpipatoy, der vierte Buchstabe aber ist 
nach dem Abkhitsch wahrscheinlich r. — 4 AYPAAOY die Abschrift; 
sicher sind zwischen Y und A die beiden Hasten: wahrsclieinlicli zu lesen 
AYPIAAOY. — Z. 7 Abschrift nE<l>iAHl>€NON. — Z. 24 TOYTn, nicht 
TOYxni die Abschrift. — Z. 35 Absclirift eyep ETETHN 

Gesetzt ist das Denkmal, wie zahlreiclie ähnliche, von einer der 
zwölf Phylen von Ancyra' und zwar von der siebenten riAKA/AlNH^, 
unter dem Phylarchen Varos. Sohn des Logios, üills diese Namen 
richtig gelesen sind. 

Der Name des Geelirten ist C. lulius Severus. Auf den beiden 
vorjiin genannten Inscliriften ist nur das Cognomen gesichert, A'or 
welchem Tl oder n stellen soll, olme Zweifel aber n stellt.^ Auf der 
Inschrift seiner Gattin wird ei- lulius Severus genannt.' Auf unserer In- 
schrift steht in Zeile 1 . . . . A . leovijpov. wo [H lov]\. zu ergänzen sein 
wäre; auch heisst der Bruder Ivdius Aniyntianus. Der Solin heisst, wie 
weiter gezeigt werden wird, C. lulius G. f. Severus. Die Yermuthung 
Waddingtons, dass er lulius Severus geheissen hal)e. wird also be- 
stätigt. 

Dass die beiden zuerst genannten Inscliriften ebenso wie die neu 
gefundene demselben Manne gehören, zeigen zunächst ihre Daten. Die 
letzte nennt als einen Vetter dessellien den Gonsular lulius Quadratus, 
ohne Zweifel den Consul der Jahre 93 und 105: sie spricht weiter von 
der Bewirthung der durch Ancyra durclimarscliierenden für den Parther- 
krieg bestimmten Truppen, was auf das Jahr i 14 oder eines der näclist- 
folgenden liinweist. Diese Angaben fähren also in die letzten Jalire 
Traians. Nach den beiden früher l)ekannten Inschriften wird Severus 
/ueTCi irdaas ras ev tu) edvei cßiXoTiidias \(m Iladrian in den römischen 
Senat und zwar in dessen \ orletzte Rangclasse aufgenommen . muss also 



' Vergl. über diese Phylen Fkanz im C. 1. Gr. 4016, Ramsav, Bull, de corr. Hell. 
7. 20 und besonders Moruimann, Monuin. Ancyr. (Berlin 1874), ]). 23. 

- Obwohl in allen übrigen mir bekannten Insclu'iften dieser Phylen die Zahl 
dem Namen voransteht, kann nach dem deutiicher\ Stiich über dem B an der Auf- 
lösung 'eß{S6iJij) nicht gezweifelt werden. 

^ Tl las Hamilton auf beiden, Fl auf der einen Do.maszkwski (arch. epigr. 
JNIitth. 9, 118). Der Geschlechtsname kann niclit fehlen. 

* C. I. Gr. 4030 : KapaKvKai'av äp)(iepeiav, ärröyovov ßa(Ti\e<ov, Ovyarepa rijs fXijTpoTroXecos, 
yvva?Ka 'lov\!ov Zeovijpov toi" irptlirov tüv 'EWi/'vwv. Ob der Name gallisch ist oder von 
Tournefort verlesen, steht dahin. Da.ss sie die Gattin dieses lulius Severus ist, zeigt 
dessen in der neu gefundenen Inschrift wiederkelirender Titel; mit Unrecht ist sie bisher 
für die Gattin des jüngeren C. lulius Severus C. 1. Gr. 402g gehalten worden, wahr- 
scheinlich ihres Sohnes. — Die lulia Severa, Gattin eines Servenius Capito, welche 
auf Münzen und Inschriften von Akmonia genannt wird (Dessat, Prosopograjjhie 3,224; 
Ramsay, cities and hishoprics ofPhi-ygia, vol. 1,2 p. 647 fg.), gehöi-t auch wohl diesem 
ancyranischen Hause an. 



Mommsen: Ancyranische Insclirift des Julius Severus. 27 

damals etwa am Ende der Zwanziger gestanden liaben. — AA'eitm-e Be- 
stätigung giebt der Inhalt. Die neu gefundene Inschrift. olVenhar vor 
dem Eintritt des Severus in die Reichsheamtenlaufhahn gesetzt, ver- 
zeiejmet zunächst seine stattlichen Familienhezielnnigen in aller Aus- 
führlichkeit, sodann in gleicher Ausführlichkeit die munici])alen Ämter 
und Elirungen. Die heich'u anderen Inschriften s[)äteren Datums ziehen 
beides ins Kurze, crstei-es mit den ^N'orten: ßacrikewv Kai Terpap^wv 
äiröjovov . letzteres mit den eben angeführten. Angemessen treten nach 
Erliöhung des Ranges diese Vorstufen zurück. Es sollen luui die ein- 
zehien auf der neu gefundenen Inschrift angegebenen 3I(imeiile (birch- 
gegangen und kurz erörtert werden. 

Z. 2. Die Aufzählung der Familienbeziehungen beginnt mit den 
Vorfahren königlichen und fürstlichen Ranges. Severus wird auch auf 
den jüngeren Inschriften bezeichnet als ßacrikewv Kai TSTpap^wv öko- 
jovos. wie auch seine Gattin Karakylaia (S. 26 Anm. 4) als äiro'yovos 
ßaaiKewv} Der König Deiotarus' kann sowohl der Zeitgenosse Cäsars 
sein wie auch dessen gleichnamiger Urenkel, der König Deiotarus Phi- 
ladelphus von Paphlagonien, der vor der Schlacht von Actiimi von 
Antonius abfiel. Indess spricht für den älteren Deiotarus. dass dem 
Königstitel nicht, wie bei Attalus, das Reidi beigesetzt wird. also, 
da das Denkmal in der Hauptstadt Galatiens gesetzt ist. wohl Galatien 
verstanden ist. 

Z. 3. 4. 5. Die beiden Tetrarchen Amyutas. der Sohn des Brigatusl?), 
und Amyntas, Sohn des Dyrialos (?). — die Lesungen sind niclit sicher 
und ebensowenig die Nominativendungen — sind anderweitig nicht 
bekannt, verschieden natüi'lich von dem gleichnamigen letzten König 
von Galatien. Der Name selbst ist makedonisch : die der Väter klingen 
an auf analoge keltische Formen. 

Z. 6. Welcher von den drei Königen Attalos von Asia gemeint ist 
erhellt niclit; gerade an den letzten zu denken nöthigt nichts. 

Z. 7 fg. Es folgen die Vettern — äve\J/ioi. wohl nicht streng Ge- 
schwisterkinder, sondern im weiteren Sinn zu fassen. Da die beiden 
ersten durch das eingesetzte re verbunden werden, so wird die Be- 
zeichnung als inraTiKoi auf diese zu beschränken sein. Der erst- 
genannte lulius Quadratus ist ohne Zweifel C. Antius A. lulius (|)uadratus 
C'onsul 93 und 105, über den aus iler Prosopographie (2, 209) des 
Weiteren zu ersehen ist. 



' Ähnliche Fornieln begegnen mehrfach in ancyranischen Inschriften; so heisst 
6K ßa<ri\ea\i Latinia Kleopatva (Mordtmann, Inscr. Ancj'r. p. 16), ebenso eine Servenia 
Cornuta (prospogr. voi. 3 p. 225); eine Claudia Balbina (Domas/.ewski a. a. O. n. 92) so- 
gar 6/f TTpoyövwv ßaa-tKtcrara. — Ti. KK. revTi\ia[vöv] ä-rr6yov[ov .... Kai] 'Aa-K\tiTr!aSov 

[Te]Tpapxö>v (C. I. Gr. 4058). 



28 .Sitzung der j)liilosopliiscli- historisclien Classe vom 10. Januar. 

Z. 8. Der Con.sular und König' Alexander ist derjenige König 
Alexander', dessen Sohn C. Julius Agrippa als Quä.stor der Provinz 
Asia auf einer ephesischen Inschrift genaiuit wird (prosopogr. 2. 162 
n. 87), vielleicht avicli der C. lulius Alexander Berenicianus , der unter 
Hadrian Proconsvü von Asia . also vermuthlich unter Traian Consul 
Avar (a. a. 0. S. 165 n. 94). Sein Königstitel wird so zu fassen sein wie 
derjenige des C. lulius Antiochus Epiphanes Philopappus, der eben- 
falls unter Traian neben der Consularität den Königstitel füJirt (pro- 
sopogr. 2, 166 n. 99. Welchem alten Königsgeschlecht er angehört, 
steht dahin; ich habe früher an das armenische gedacht, wahrschein- 
licher aber, wegen der Namen Agrippa und Berenicianus, Dessau an 
das jüdisclie. 

Z. 9. 10. Die beiden folgenden Vettern' lulius Aquila und Claudius 
Severus scheint die Inschrift nicht den Consularen zuzuzählen, wolil 
aber als angeseliene Männer vermuthlich senatorischen Ranges aufzu- 
führen. Persönlichkeiten, auf die dies mit Wahrscheinlichkeit bezogen 
werden könnte, finde ich nicht. 

Z. II. Verwandtschaft mit senatorischen Häusern erwähnen die 
kleinasiatischen Inschriften häufig. 

Z. 12. Da dem Bruder lulius Amyntianus kein Amtstitel beigelegt 
und die letzte Stelle angewiesen wird, so ist er wahrscheinlich, wie 
der Gefeierte selbst, damals Privatmann gewesen und vielleicht aucli 
geblieben. Seinen Beinamen verdankt er ohne Zweifel den unter den 
Vorfahren genannten beiden Tetrarchen Amyntas. 

Z. I 3. Die galatisch-ancyranische Ehrenreihe beginnt mit dem tt/ow- 
Tos GWrivuiv, welchen Titel Severus in der Inschrift seiner Gattin (S. 26 
Anm. 4) ebenfalls und allein führt. Genau die gleiche Formel finde ich 
sonst nicht, aber sachlich identisch sind vermuthlich die folgenden 
in ancyranischen Inschriften auftretenden Titulaturen: 

'G?(\a8dpxr]s Koiäpxiepevs: Bull, de cwr. Hell. 7 p. 17; Domaszewski 

a. a. 0. S. I 24 u. 85. 
'G\XaSdpx)]S Kai äpxiepevs (so i.st 

wohl zu lesen): Bull, de corr. 

Hell. 7 }). 17 
'GWaSap)(i]cras: C.I. Gr. 4021 
'GWaSapx'lo'as : Ann. deW inst. 1861 p.183: Mordtmann a.a.O. S.9. 
TrpwTos rfjs enap^eias: Peerot n. 124. 
6 irpwTos Trjs eTrapxeiov (so): Bull, de corr. Hell. 7, 16. 
irpcüTi] TT]S eirapxüis: Domaszewski a.a.O. 11.92. 

Ohne Zweifel hat dieser Helladarch oder »Erster der Provinz« gleich 
dem Asiarchen den Vorsitz bei gewissen provinzialen Fest.spielen ge- 



derselbe Ulj^ius Aelius Pom- 
peianus, der auch bei Domas- 
zEW.sKi a. a. 0. n. 98 erscheint. 



MoMjisEN : Ancyranische Inschrift des Julius Severus. '2v 

führt': ob er mit dem Galatarehen zusammenfällt, das lieisst mit der 
Galatai-eliic das Recht verbunden war sieh den 'ersten der Griechen zu 
nennen, oder beide Stellungen auf A'ersehiedenartig-e Festlichkeiten sich 
beziehen, wage ich nicht zu entscheiden. Für die erste Vermuthung 
kann man geltend inaclien. dass die Feste, um deren Vorsitz es sich 
wesentlich handelt , sämmtlich nach griechischem Muster geordnet waren 
und dass der Titel des Galatarchen zwar in der Insclirift des TrpwTOS 
Tris enap^eiov lu-beu diesem auftritt, aber mit der mehr titularen Be- 
zeichnung des EXXaSdpxris nicht combinirt begegnet, vielmehr wo der 
eine von ihnen erscheint, der andere sicli niclit findet. 

Z. 14. Die Inschrift fälirt fort: äp^iepacrcifievolv] Kai vivepßaXovra 
eTnS6(Te<Tiv Koi tcus Xonrais cfiiXoTtfiiais t6 irwiroTe TV€(f)iXoT\iiji]i]p6vov. 
Dies ist der oft (z. B. ('. 1. Gr. 4016) erwälmte äpj(tepevs tov koivov twv 
raXaTcöv, welche Stellung mit dem Galatarchen in der Weise zusammen- 
gefallen sein wird, wie ich dies für den lykischen Archiereus und den 
Lykiarchen nachgeAviesen habe.' 

Z. 17. Kai TW avTw erei Kai eXaioBeTi^cravTa BirjveKws ev t}) tÜv 
o^Xwv TrapöSw. Spenden dieser Art begegnen vielfach. In einer an- 
deren ancyranischen Inschrift (C. I. Gr. 4025) hcisst es: fiövov twv irpo 
avTov §1' oXrjs eXaiodeTt](ravTa Trjs rjpepas, womit eiiu' argiviscjie 
(G. I. Gr. 1122 vergl. i i 2 3 ) zu.sammengesteUt werden kann: t6 eXatov 
devra ev iravTi yvfAvaaiw Kai ßaXaveiw äSews citto irpwias ä^pis })Xiov 
Svaews iravTi eXevdepw Kai SovXw €k twi' iSiwv . so Avie aus der Be- 
schreibung des griechischen Gymnasiums bei Vitruvius (5, i i) das ephe- 
heum in media und nd sinistram ephebei elaeothesiun) . Die irdpoSos ist 
Avohl so zu A'erstehen, dass jedem Besucher bei seinem P^intritt das 
Oel ausgeliändigt ward: an eine Procession scheint nach Lage der 
Sache nicht gedaclit Averden zu können. 

Z. 20. Kai (T€ßaaTO<f)avr}](TavTa K{al) fiövov Kai irpwTov to. äir' 
aiwvos creßa<TTOcf)a\v\TiKa ^p)]naTa eis epyov Ttj TröXei ^apicrci/Jievov. 
Dieses Priesterthum ist Avie aus anderen Orten so namentlicli aus 
Ancyra bekannt^: dagegen ist vielleicht sonst nicht bezeugt, dass da- 
mit herkömmlich Einnahmen verbunden Avaren, A^ermuthlich Zahlungen 
aus der Stadtkasse, auf die Severus zu Gunsten der städtischen Bauten 
A'erzichtet. 



' Dies gilt aucii fiii- die anderswo liegeanenden Hellcnarclien (vergl. Böckii zu 
C. 1. G. 1718). 

'•^ Jalireshefte des österreichischen aicli. Instituts 3 (1900) S. 5. 

^ C. I. Gr. 4016. 4017. 4031 : (reßaa-TorpävTjiv Siä ßi'ov twv 6e<äv Zeßaa-rcov. Die anc}'- 
ranische Inschrift Domaszewski a.a.O. n.8i nennt in der Datirung nach dem Kaiser und 
dem Statthalter den Ai-chiereus, die creßaa-rojiavToiia-a und den auf Lebenszeit fungiren- 
den \epo<(>avTÜv. — Smyrna: V. I. Gr. 3187. Kios: das. 3726. Prusias am Hypios 
AVaddingtdn 1178: TOV KOIVOV vaov rö>v /ivcTTijplwv iepotbävTijv Kai <reßa(no<j>avTi]v. 



30 .Sitzung der philosopliisch-historischen Classe vom 10. Januar. 

Z. 23. Kai /i>/ avv^pr}CTäfi€vov eis to eXaiov tovtw tm Tr6p[cp, tos] irpo 
avTov nävTes. Nach diesen Worten miiss dem Sebastoplianten eine 
Olspende obgelegen haben, was allerdings recht auffeilend ist. Ich 
finde keine Analogien dafür, dass die Ölvertheilung anderen als Ma- 
gistraten oblag. 

Z. 25. Koi äp^avT^a] \ 

Z. 26. [x-ai ä]7a)i'oöeTfj(rai'T[a] i häufig auf ancyranischen Steinen. 

Z. 26. KOLL ä'^opavo\py](T\avTa ) 

Z. 27. Km Ty]v jvvaTKa KaracrTtjcrauTa äp^iipeiav kcu avTr]v virep- 
ß[a]Xovcrav eTriSocreaiv. Ihr Priesterthum wird aucli in ihrer Ehren- 
inschrift (S . . . A . .) erwähnt. 

Z. 29. äTroS€^cip€v[6i>] T6 (TTpaTevpaTa ra Trapaxeifxä(Ta[v]Ta ev tjj 
TToXei Kai TTpoTvep^j/avTa TrapoSevovTa em tov irpos n(i\p\dovs rröXe- 
pov. Der Beziehung auf den Partherkrieg Traians ist sclion gedaclit 
worden. Analog sind die Inscliriften a'ou Priisias am Ilypios ("NA'ad- 
DiNGTON 1177): Trapairepyj/avTa tovs Kvpiovs avTOKpdropas Kai to. lepa 
avTwv (TTpaTevpaTa TroXXaKis so wie die auf Hadrians Reisen bezüg- 
lichen von Ancyra (Mokdtmann, monuni. Ancyr. p. 16): \Si'] 

oXov CTOvs e[7r)] .... ASpiavov Zeßaarov [irap]68u) kui twv avTov 
aTpaTevpärwv \uid von Palmyra (C I. Gr. 4482 = Waddingtox 2585): 
'ypappaTea .... eiriSripia Oeov 'ASpiavov äXipua Tvapacr^^övra ^evois 
Te Kai TToXeiTais, ev iracriv vTrripeTyiaavTa rij r\e rwv\ crrparevpd- 
Twv v7roSo](rj. 

Z. 33. ^wvTa Te §iKa[i](i)s Kai icroTeifiws. Das letzte nicht häufige 
Prädicat kehrt wieder in den ancyranischen Ehreninschriften C. I. C4r. 
4031. 4032. 

Für die weitere Laufbahn des Severus nach seinem Eintritt 
in den nhniscben Senat als 'rril)unicicr, wie sie in den Inschriften 
C I. Gr. 4033. 4034 vorliegt, genügt es auf Des.saus Zu.sammenstellung 
in der Prosopographie 2.215 zu verAveisen. Dio (69,14) bezeichnet 
ihn als einen angeseheneu 3Iann und als einen gerechten und ver- 
ständigen Beamten. Er gelangte bis zum Consulat und zum Procon- 
sulat von Asia. Die Annahme Waddingtons. dass er der viel ge- 
suchte von Aristides genannte Proconsul von Asia Severus sei. ist 
schon mehrtacli zurückgewiesen worden; die Verschiedenheit wird 
jetzt weiter dadurch bestätigt, dass dieser nach Aristides aus IIocli- 
phrygien stammte, während vmser Severus zweifellos Ancyraner ge- 
Avesen ist. 

Der Consul Ordinarius des Jahres 155 C. lulius C. f. Fab. Severus 
ist Avahrscheinlich des vorher Genannten Sohn, da Namen und Zeit 
stimmen und die ihm in Ancyra gesetzte Ehreninschrift (C. I. Gr. 4029) 
es nahe legt, dass auch er Ancyraner Avar. Allerdings ist dies ab- 



Mommsen: Ancyranische Inschrift des Julius Severus. 31 - 

liängig von der vorher vorgetragx'iien Vermuthung über den Vornamen 
des Vaters. 

Die jetzt in allen Einzelheiten uns vorliegende Laufbalm dieses 
vornelnnen Galaters erläutert mit grosser Deutlichkeit das Eintreten 
der alten und vornelimen Familien der griechischen Reiclishält'te in 
den Reichsdienst, welches charakteristisch ist tiir die dem national- 
italischen das römisch -hellenische Weltbüi-gerthum substitnirende ha- 
drianisch -antoninische Epoche. 



Ausgegeben am 17. Januar. 



33 

SITZUNGSBERICHTE i9oi. 

II. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 



10. Januar. Sitzung der physikaliscli- mathematischen Classe. 



^^ol•sitzendel• Secretar: Hr. Waldeykn. 

1. Hr. Fuoiis Ins: Zur Theorie der linoareii Dil'iVrcut inl- 
nleichuuft'cn. 

Es wird für ein Fundainentalsystem , welches aus einer einem Ijeliebigen UnilauF 
der unabhängigen Variablen zugehörigen Fundamentalgleichung entspringt, eine analy- 
tische Form aufgestellt, und von den erhaltenen Resultaten auf Systeme von Relationen 
■/.wischen den Integralen Anwendimg gemacht. 

2. Derselbe überreichte i'erner eine Mittheihmti' des corresjtou- 
(lirenden Mitglieds Hrn. Koenigsberger in Heidelberg: Über die er- 
weiterte PoissoN'sche Unstetii>keitsgleicliung. (Ersch. später.) 

Die Notiz enthält einen Znsatz zur .\rl)eit des Verfassers in den Sitzungsberichten 
December 1900. 



Sitzuiigsberielite 19111. 



34 



Zur Theorie der linearen Differentialgleichungen. 

Von L. Fuchs. 



LJie folgende Xotiz enthält einen Aviszug aus einer demnächst zu ver- 
öflentUchenden Arheit. Man hatte in den liisheri.gen auf die linearen 
Differentialgleielnmgen bezttgliclien Untersuchungen sieli darauf he- 
scliränlvt. die analytiselie Form der Lösungen derselben in der Umgehung 
je einer singulären Stelle der Diiferentialgleichung festzustellen. Für 
viele tiefergehende Prol)leme, welche auf die Xatur der der Diffcren- 
tialgleiclnuig zugeliörigen Suhstitutionsgruppe Bezug liaben, ist es von 
Wichtigkeit, aueli eine analytische Form für ein Fundamentalsystem 
von Lösvnigen aiü'zustellen. welches aus der Fundamentalgleichung fiir 
einen beliebigen Undauf entspringt. 3Iit dieser Anfstelhnig beschäf- 
tigt sicli der erste Theil dieser Ni)tiz. 

3Iit Hülfe der erhaltenen Resultate wird alsdaiui ein auf ilie Be- 
sclialfenheit der Gruppe von Sid)stitutionen bezüglicher Satz hergeleitet, 
für den Fall, dass ein Fundamentalsystem von Lösungen der Diiferen- 
tialgleichung einem Systeme von homogenen Relationen mit constanten 
Coefficienten Genüge leistet . 

T'm aus diesem Satze weitere Folgerungen zu ziehen, wird vor- 
läufig der Fall ins Auge gefasst. dass eine solche Relation mit der 
besonderen Eigenschaft stattfindet . dass dieselbe durch die Std)stitu- 
tionen der Gruppe ungeändert bleibt. In einer späteren Mittheilung 
sollen diese Folgerungen einer näheren Erörteruni'' unterworfen werden. 



1. 

In den Grundlagen der TlicDrie der liueari'n Dlirerentialgleichungen 
wird Folgendes' bcAviesen: 
Es sei 



d^y d" 'y 



' ('rellf.'s Journal Bd. 66. 8. 131 ff., Bd. 68. S. jöiff. 



Fuchs: Zur Theorie der linearen Differentialo;leichiina;en. 



35 



wo p^,p^. . . . . p^ inncrhall) eines Gebietes T der eomplexen V;iri;i1ilen c 
eindeutig'e und üherall bestimmte Functionen von - sind. Ist U ein 
Umlauf von c innerhall) 7' und 



(B) 



OC,, o£„ W 



die zu diesem Umlaid'e gehörige Fundamcntalgleieliung. su yiebt es 
ein Fundamentalsystem ^■on Lösungen von folgender Bescliafl'enlieil : 

Sind Wj , Wj . . . . , 'j.\. bez. Ä, . A, A„-fae]ie Wurzeln i\rv Gleiehung (H), 

derart also, dass: 

Ä, + A, + . . . + A,. = // . 

so zerfallen die zu w^ gehörigen A^. Elemente des Fundamentalsystems 
derart in Gruppen von bez. f/^. . ju^. . . . . . fx^. Elementen, wo also: 



l^t, 



f->-k- 



dass die einer solehen (iii'up]ie zuge]i()riyen Elemente UndaMf-reiationen 
der Gestalt 



(C) 



1 .'/ 






!/. 



'-'U.+y. 



genügen. 

Diese Resultate sind selbstverständlich nicht bloss llir einen Ini- 
lauf um eine der Unendliehkeitsstellen der Coefficienten p, , p,. . . . . p^ 
— für Avelclie sie in der Theorie zunächst Anwendung gefunden 
haben — sondern fiii" jeden beliebigen Umlauf U gültig. 

In dem Falle, dass der Umlauf U um eine der Unstetigkeit.s- 
stellen z = a der Coefficienten p,, p^. . ■■ . p„ vollzogen Avird , ist nach- 
gewiesen worden, dass die analytische Form der zu einer Grii])pe (C) 
zugehörigen Integralelemente die folgende ist : 

Sei' 



und setzen wir 



fit) = 



- + 



r = --- . log u) 

2 — 1 



IJ.— 1 



■Ij—' 



■riY. 



wo •>i/„_i , 4^^^. ..... i^o in der rmgebung von a eindeutige Functionen 

von z sind, und wo 



Ver?!. Hamburger. Crelle'.^ Journal Bd. 76. S. 121. 



)6 Sitzung der jjliysikali.sch-iuatlieinatisclien Class-e vom U.i. Januar 



(2) t= -, loA- [z-a). 

Alsdann ist 

L. ,= ^---'^ 

] _ I 37(0 

I 8»-/(0 , 



z/. 



(»y. — I)! 8r-' 



2. 

Wir gL'hcn nach diesen Vorbereitungen dazu über, eine analytische 
Form der zu einer Gruppe (C) gehörigen Lösungen der Gleichung (A) 
auch in dem Falle aufzustellen, dass f/" nicht mehr einen Umlauf 
um einen einzigen singuläreu Punkt a, sondern A^ielmehr 
einen beliebigen Umlauf bedeute. 

Sind die sämmtliclien Gruppen (C) eingliedrig, so ist entweder 

alsdann bleiben 

,'/i = </>!. i'. = </'. r •■• - i/n = </'« 

beim Umlauf U ungeändert, oder wenn z. B. 
von Eins Aerschieden, so setzen wir 

alsdaini ist 

(la) y, = ^''./^...y, = <'\/,, , . . . . »/„ = <''"</;„. 

wo (/),,(/),,.... (p^ beim Umlaute U ungeändert bleiben. 

Wenn nicht Scämmtliche zu einem beliebigen Umlauf U gehörigen 
Gruppen (C) eingliedrig sind, so sei >i, der Eepräsentant einer mehr- 
gliedrigen Grupjje, d. li. dasjenige Element derselben, welches sich bei 
dem Umlaufe U mit der Wurzel w der Fundamentalgleichung multi- 
plicirt: ferner sei vt, das zweite Element derselben Gruppe, so dass 

(2) V), = 'J1Y\,^ +*],. 

' \'ergl. Creli.e's Journal Bd. 66, S. I36ft'., Bd. 68, S. 35Sff. und Jürgens, Crelle"s 
Journal Bd. 80, S. isiff.: vergl. auch Hevfter, lineare Differentialgleichungen S. 107. 



Fuchs: Zur Theorie dei- linearen Dirtereiitialgleicliuiigen. <) 1 

Wir setzen nunmehr 

t=—. Ion- ^. 

2-1 ' ^ 

SO wird ^ Lei dem Undüufe C^ ungeändert bleiben, Avälirend / sicli 
um Eins vermehrt. 

Sind nunmehr y^ ■ y^, • ■ • . i'„ 'üe zu einer der Gruppen (C) ge- 
hörigen Elemente des Fundamentalsystems und w, die zugehörige 
Wurzel der Fundamentalgleicluuig und werde wieder 

(2) W, = ^""'''', 

gesetzt, alsdann ist in Eolye der ersten Gleichung- der bezüglielien 
Gruppe (C) 

(3) Ih = '^'''<l\ ■ 

wo (/), beim Umlaufe U ungeäiKh'rt bleil)t. Aus der zweiten Glei- 
chung (G) 

folgt, dass - nach dem Umlauf sieh um vermehrt. Die gleiche 

Eigenschaft kommt auch zu: es ist also ' gegen den Um- 

w, y, u), 

lauf U unempfindlich. Hieraus folgern wir analog wie bei dem ent- 
sprechenden besonderen Fall fiü' den Umlauf um einen einzigen singu- 
lären Punkt' 

(4) y. = e'\'P^o-h<P.J\ 

wo <p^a , (/»j, bei dem Umlauf U ungeändert bleibt. Und so fortfahrend 
erhält man 

(5) i/. = r>.o+ '/'„.^H- ■ • •+</>„.. -.^-'i , 

wo (/)„o, (^„, , . . . , (/)„,„_, bei dem Umlauf U ungeändert bleiben. 

Man kann alsdann analog wie für den Umlauf um einen einzigen 
singulären Punkt folgern , dass die Functionen (pi-i sich als lineare homo- 
gene Functionen von jj. linear unabhängigen mit constanten Coefficien- 
ten darstellen lassen und dass namentlich die Coefficienten der höchsten 
Potenzen von t sich von (p, nur um einen constanten Factor unter- 
scheiden. 



Creli.e's Journal Bd. 66, S. 135. 



38 Sitzung der jilij'sikaliscli-niatheniatischen C'lasse vom lU. Januar. 

3. 

Wir uinolien jetzt Gebraucli von foln'endem Satze: 
Ist 

(1) y=./V,") 

eine Lö.sun.n' der tileiohung (A), wo u eine Avillkürliclie Grösse bedeutet, 
von welelier die Coefflcienten dieser Gleichung unabhängig sind, so sind 
;iueh die sämmtlichen partiellen Ableitungen von y nach der Grösse // 
Lösungen derselben Difl'erentialgleicliung. ' 

A^'ir liaben" nachgewiesen, dass eine ganze rationale Function von 
log(2 — n] deren Coefficienten abgesehen von einem allen gemeinsamen 
Factor (~ — oY in der Umgebmig von z^(t eindeutige Functionen sind. 
nur dann identiscli verschwindet, wenn die einzelnen Coefflcienten ver- 
sehwinden. 

I. Ein analoger Satz gilt aucli für einen Ausdruck 

(2) F = ^'\A^ + Aj-\-... + Aj"'\, 

Avorin ^. / diesell)e Bedeutung wie in A'origer Nummer haben 
und A„, A^. . . . , A,„ Functionen von z sind, welclie bei dem 
Umlaufe T/ungeändert bleiben. Das identische Verschwinden 
von F erfordert, dass A„. A^. . . . , A,„ identiscli Null sind. Der 
Beweis ist ganz so wie bei dem Specialumlauf um : ^ a zu führen. 
Dieser Satz gestattet auch eine Erweiterung', welclie der für einen 
speciellen Umlauf lun eine einzige singulare Stelle gemachten analog 
ist, dass das Verschwinden einer Summe von Ausdrücken der Form (2). 
worin die Exponenten r sich niclit um ganze Zahlen unterscheiden, 
das Verschwinden aller einzelnen Summanden zur Folge hat. 

II. Ist daher 

(3) y = F{z.t) 

eine ganze rat iona le Function von z und /, deren Coefficien- 
ten bis auf einen allen gemeinsamen Factor P'' bei dem Um- 
lauf T ungeändert bleiben eine l,ösung der Gleichung (A). 
so ist auch 

(4) ■ !j =zF{z.f+X) 

für einen willkürlichen Werth von Ä eine Lösungder Glei- 
chung (A). 

Der Beweis ist wieder analog wie für den Speciahmilauf um 
z =■ a zu führend 

' Vergl. Köhler, Inauguialdissei-tatioii, Heidelberg 1879. 

" Crelle's Journal Bd. 68, S. 356. 

^ \^ergl. Thome, Crelle's Journal Bd. 74. S. 194 und llEriTER. a. a. O. S. 2j8. 

* Vergl. Heffter, a.a.O. S. 107. 



Fuchs: Zur Theorie der linearen Difterentialgleichungeu. 3U 

Hieraus ergiebt sich aber analog vrie für den Specialumlauf um 

III. Ist 
(5) >/ = F{:,t) 

eine Lösung der Gleicliung (A) so ist auch -^^t eine Lösung 

derselben Gleichung. 

Wir können daher wie für den Sj^ecialumlauf um z = a in Nr. i 
die in den Gleichungen (3) bis (5) Nr. 2 enthaltene Integralgrup])e 
(hu'cli das System 

= I W) 

^"~' w— I cV ' 

I fi-'-'/V) 



^' -^! c)r- 



ersetzen . ^\^o 

(5) yV) = ^'|a 



C7')^--r7')-^-^."— ^-'-1 



und \L„_j , \L,^_, , . . . . -J/q bei ih-m l ndaufe (' ungeändert bleiben. 

Die Functionen _y, , v/, ..... i/„ genügen dalier den Gleiclumgen : 

Wir wollen im Folgemk-n diese Gestalt der Lösungen als die 
kanonische bezeichnen. 



4. 

Wir setzen jetzt voraus, dass ein Fundameutalsystem v\ , a\ , . . . . iL\ 
A^on Lösungen der Gleichung (A) einer gewissen Anzald homogener 
Relationen des Grades v und mit constanten Coefficienten Genüge leiste. 
Die Anzahl der linear unabhängigen derartigen Relationen ist eine 
endliche: wir bezeichnen dieselbe mit p. Die Relationen seien 



I (p,(li\ . IL\. . . . , w„) = o . 

^''^ ) 



40 Sitzung der pliysikaliscli- mathematischen Classevom 10. Januar. 

Es mögen ii\ , u^, . . . , iü„ das k;inonische Fundairientalsystem sein. 
welches zu einem willkürlichen Umlaufe C^ gehört und welches gruppen- 
weise in voriger Nummer durch die Gleichungen (E) deflnirt worden 
ist. Wir lassen eine Abänderung in der Reihenfolge der in einer 
Gruppe enthaltenen Integralelemente in (E) derart eintreten, dass wir 



(.) "' 






setzen. Die Gleichung (F) nimmt daher die Gestalt an: 

jU — k ot 

^\"iv wollen die Elemente w, , w^ . . . . , ic„ in folgender Reihenfolge 
schreiben: 

(2) n\ . u\ , ... MV, : ;tVr-t- ' ^ «',"1+ 2 . • • • . «t>,+ u, : 

• ■ ■ ""pi,-t-U2 + . . .+ fJi)._, + I • "'u, + u, + . . . u,_, + 2 • . . . ) ''^Vi + Mz"'"- • ■"'" M>.—i "*",">• 

derart, dass wir die zu der /a, , ijl^, . . . |U^-gliedrigen Gruppe bez. ge- 
hörigen Elemente zusammenstellen. 

Sid)stituiren wir in (G) für ^^\. (i\. ... , »■„ ilire analytischen Aus- 
{h'ücke aus (E), so müssen nach Satz I Nr. 3 (Verallgemeinerung) in den 
Resultaten die Coefficienten der einzelnen Potenzen von t verschAvinden. 

Hieraus folgt 

(3) ^^ = 0. (.= ..2,3,...,p) 

d. h. nach Gleichung (F) 

d(h d(p ddi 

— (f^,— i)H-, -^ ^-(y.,— 2)«-3 +...+ „ l-w^^ 

CIL-, ÖlC, OtCu^-i 

(4) ^(p. 3<^x , ^ ^(px 

+ ^ —(fA— !)"•,,+, -|--.--^-{|^,— 2)h-u, + , -+-.. . + „ - •I'iV.-^ 

-t-U. S. W. = O (z = I,2 

Nacli der über (/),. (/>^ . . . . . (/>, oben gemachten Voraussetzung nniss 
demnacli identisch für beliebige ir,. ii\, . . . .ic„ 

d<l> cid) dd\ 

CR) dch^ 3(/), d<p^ 

+ ^ (f^,— I )»■„+,+ (,U_,— 2)»>^ + 3 + .. . + ^- .I.«-, 

-^-^l. s. w. 

= 3I^,(p, -f- 31]„cp, + ...-+- 31^J), (x = 1 . 2 , . . . . 

sein, wo die Grössen J/^.; von n\. u\ h;„ unabhängig sind. 



Fuchs: Zur Tlieorie der linearen DiiFerentialgleichungen. 41. 

Um die all.i>'emeine Lösuiin' dieses Systems partieller Difl'eventinl- 
gieichunucn zu finden haben, wir naeli Jacübi ') zunächst das System 
der iiewölinliehon Differentialuleicliunucn 

dir, du\_ dir u^-i 

(fjL, — i)it\ (fx, — 2)103 ' i"'*'Vi 

„, _ dtL\ + i dw u,+2 _ _ dwu^-j-u^-} 

(,'■^2 — I )lfu,H-2 («2 — 2)tt\,_+ 3 ' ' ' I . IVfj^^,,^ 

d<l\ dcf)^ d<f)^ 

zu intei^riren, avo 

g-esetzt ist. 

Ein System von Gleieliungen der Form 

da\ dii\ dir,^_, 

(W — i)?r, (a — 2)ir^ ''' in\ 

oder das identiselie System 

dir, 
-,7^ = i'j- — n /(•, . 

(7C- 













da; 
d^ 


= {u. 




■2I 


IH-3 




(6) 










du\_, 
d^ 
dir.^ 
d§ 


= "■. 










lesitzt 


die ; 


dlgemeine 


I 


,()sung 












ir, = 


u\ = 


I 


('7 




u4„_,&- 


1 
\ 


> 


2 


l\ 


.4 




1^— 


1 d^ 




(7) 


ir ^ 




I 




d^ir. 












1,, 









I d" 'iü. 



-hCZ\)A^ 



{lJi—i)\ d^"-' 
wo ^„_;. ^u— 3- • • • > ^o willkürliche Constanten bedeuten. 

') Crki.le's Journal Bd. 2. S. 322; Gesntiiiiielte Werke Bd. 4, S.S. 



42 Sitzung der physikalisch -niatheniatischen Classe vom 10. Januar. 

Aus dicsf'u Glcicliun.ii'en folgt 

(8) :-'-* = 5,„ + B,, a; + £,3 w, + . . . + 5,„ n;,_ . 

■\vo die B,^., sicli rntioual ;ms den CncrHcicntcu Aj ziisnimiicnsctzcu. D(>iii- 
nacdi ist 

(J,) B,^ + B,, »-.+ . . . + B,,ji:^ = (i^„_,.„H-5„_... »•. . . . + B_,jrj-''- . 



(A = i. 



Diese Cxk'icli unftcn stellen die u — 2 Int eiirnliileiehuii- 
o-en des Systems (5) oder (6) dar. 

Von den Constanten ^4,, -L— 2 lässt sich eine willkürlicli und 

so Aväiden. dass die Gleichungen (J,) die Form annelimen: 



(.T.) 






WO \t^. eine «anze ratiimale li(imoy-ene Function der Grössen 

a\ . ic^ ii\ 

mit uumerisclien t'oefticit'nten. 7,.7j 7,^—= willkürliclie Constanten 

bedeuten. 

80 eriiielit sicli z. B. l'ür ^J- ^^ 4: 



(8) 






Die Functionen -J/, .-J^j "^„-2 lassen sicli in Detcrnünantc 

formen umyestnlten.' 

'■„ _, 'f„ o 



"'u-I 


""u 




"■u-2 


«•„_, 




"'»-2 


^V— 


'^\ 


"■..-3 


tr„ _ j 


(r 


(ü _, 


""u-l 


»• 



(J2) 



•J. = 



• xL = 



u. .s. \v. 

"■._>-l-, "■ _-, 



3M>_2 2«7„_, ?r„ o 

«1„_3 "'„_2 "V-i "'» 



"■„-2>,-t "".,-2). • ■ ■ 

"■,^_2>_2 ""„_2)._, ■ • • "■„ — >.. 

Diese l'mlbrniun"' hat mein Sohn Kich.vho ausneluhrt. 



Fuchs: Zur Theorie der linearen Differentialgleicluuigen. 
Ferner ert^-iebt sich ans den Gleichuny'en (H') 



(9) 






43 



'.2 P) 



Sind ö", . CT, ..... (7. die Wurzeln der Gleicliuns 
M„ .1/,, — (7 ... J/" 



(lO) 



31, M_, ... J/ — 0- 



so werden, wenn diese Gleiehun.i>- nur unuli-idn' Wurzeln besitzt, die 
Iiieraus sich ergebenden Integralgleichungen 



(J') 



(^, e "'■" = (5, , 



Avo <5i, ^3 <^, willkürüche Constanten bedeuten. 

Bezeichnen wir die den verschiedenen Wertlien ,a, , ß,. . . . aus 
den Gleichungen (H) entsprechenden Integralgleichungen (J) mit oberen 
Indices. so ist die Ge.sammtlicit der Int('gralgleichtmg<'n von (11) 

.1 i I !,2 i2 * Ui — 2 'Ui — 2 



(J:) 



.J^(".) ^ >3)_ .J^(U.) _,^("^). 



I. Die allgemeine l.ösnng des Systems der partiellen 
Differentialgleichungen (H) ist demnach: 

(K) </>. = /*^'./;(4'^'. ^M"■^ .... ^/^l";l, : ^i^<"='. ^^^> - .... vi^in, ^ • • •)' 

f/.- = I . 2 , . . , , p) 

Avo /., willkürliche Functionen der Argumente bezeichnen. 

Diese Argumente sind algebraische Fiuictionen der in das Difteren- 
tialgleiehungssystem (H) eintretenden Grössen u\ . ii\ ..... 

Sollen demnach die (p^. algebraische Functionen von w, . n\ .... sein, 
so müssen die f^ selber algebraische Functionen ihrer Argumente und 

die e '""' von '""' luiabhängig werden. Es muss denuiacli 



44 Sitzung der pliysikalisch- mathematischen Classe vom 10. Januar, 

.sein. Dfilier muss 



(K,) </,,=/, (^^^^#■^..., 4/^:1,: ^^^^^I.^....,^^-, 



>) xf.<"= 

H2 



sein, wo /^ die allgemein.ste dernrtio'e algebraische Zusammensetzung 
.seiner Argumente bedeutet, für welclie ^/^. eine ganze homogene Function 
von W;, Wj , . . . wird. 

Ein ähnliclier Sclduss ergiebt sieh für den Fall, dass die Glei- 
chung (lo) gleiche Wurzeln hat. 

Hieraus ziehen wir den Schluss : 

Wenn die <p,, nicht din-ch die Gleichungen (K,) Ijcdingte Gestalten 
haben, so kann in keiner der zu den Gruppen (C) gehörigen Integrale 
eine Potenz von / auftreten. Dieses Resultat besagt: 

IL Wenn zwisclien den Elementen eines Fundament;i]- 
.systems u\ . w^, . . . , iv„ von Lösungen der Gleichung (A) ein 
System (G) liomogener Relationen mit constanten Coeffi- 
cienten stattfindet, und es haben die Functionen <p^. nicht 
eine der durch die Gleichungen (K,) dargestellten Formen, 
,so werden die Elemente des jedem beliebigen Umlaufe U 
zugehörigen canonischen Fundamentalsystems in sich selbst 
nniltiplicirt mit je einer Constanten (einer Wurzel der Fun- 
d a m e n tal glei c]i u n g) übei-ge li en. 



5. 

"\^'ir setzen jetzt voraus, dass ein Fundamentalsystem von Lö- 
sungen der Gleichung (A) einer homogenen Relation 

mit constanten Coefficienten \on der Beschaffenheit genügt, dass 
(/)(S-, .^, ,...,S-J 

für willkürliche W^erthe dieser Argumente durch die Substitutionen 
der Gruppe der Differentialgleichung in sich selbst multiplicirt mit 
einer Constanten übergeht. 

In meiner Arbeit (Acta Math. Bd. i, S. 323-326) habe ich für den 
Fall « = 3 gezeigt, dass die Anzahl der Werthe von z, für welche 

^,'- gleichzeitig denselben Wertli annehmen können, eine endliche 

ist. wenn nicht die sämmtlichen Invarianten der Differentialgleichung 
A'erschwinden (was darauf liinauskommt. dass der Grad A'on cp der 
zweite ist). 



Fuchs: Zur Theorie der linearen DifFerentialgleichuiigen. 45 

Nach denselben Principien lässt .sich allgemem' für eine DilVe- 
rentialgleichung n^" Ordnung der Satz beweisen, dass die Anzahl der 
Werthe der unabhängigen Variablen z. für welche sännntliche (^tuo- 

tienten \ -^ " denselben Wertli anneinnen Ivönnen. eine vm\- 

.'/, .'/, ,y, 

liehe ist. wenn nicht die Scämnitliclien Invarianten der DilVerential- 
nleichun^' verschwinden oder (He Covarianten der Fonn (/> gewisse Be- 
sonderheiten darT)ieten. 
Sei 
(M) u = A,>/ + A,>/'+ . . . + .1„_,//'— ''. 

wo A„. A,, .... -l„_i willkürlicli angenounnene rationale l'"unctionen ^■on 
z sind, und es wenle 

(I) «X- = X/A-H J,//;+ . . . +.4„_,.!/l:'-> 

gesetzt, so wird (p{u,, ii.,, . . . . i/„) die Eigenschaft liaben. nach jedem 
Umlaufe der Variablen z in sicli selbst mit einer Constanten multipli- 

cirt überzugehen, da y,.u, u„ dieselbe Substitutionsgnippe w ie 

y, , j/j . . . . . y„ besitzen. Für willkürliche Functionen A, kann aber 
(p{ii,, u^, . . . , u^) nicht identisch verschwinden, da für einen willkür- 
Hchen Werth von z die Wertbe u,, u^, . . . . ij„ willküi-lich bestimmt 
werden können, </) (S-, , 3-^ , . . . , S-„) aber nicht für beliebige Wertlie der 
Argumente verschwindet. 
Sei daher 
(N) </)(«,, 1/,, ...,«„) = %(j), 

so ist %(2) eine nicht identisch verscliwindende Function von r. deren 
logarithmische Ableitung rational ist. wenn wir voraussetzen, dass die 
Differentialgleichung (A) zu der Classe gehört, deren Lösungen ülterall 
bestimmt sind. 



Setzen wir 



so folgt aus (N) 






( 3 ) ^/" • \1/ (•/!,. vi^ .... , •/!„_,) = yjz) . 

Für zwei Werthe c und z,. für welche -/i, . >ij , . . . , vj„_, denselben 
Werth erhalten, folgt dann 

u,(zy _ uAz,)" 
Hieraus folgt nach den oben aui^-eführten Schlüssen: 



' Vergl. LuDwin Schlesinger, Itinuguraldissertation 8.231!"., Haiidbiicti II. i, S. 232. 



4(3 Sitzung der pli)'sikali.sch- mathematischen Classe vom 10. Januar. 

Die Anzahl der Werthe von j, für welche >i,, v], , . . . . >;„_, 
denselben Werth annehmen können, ist eine endliclie, wenn 
nicht für jede Wahl der rationalen Functionen A„, A,, .... ^4„_, 
die sämmtlichen Invarianten der Differential^'leichunn' 

dz dz 

Avelclier die u Genüge leisten, verschwinden. 

Da von den Covarianten der Form ^{u,,u^, .... t<„) hier nicht Ge- 
brauch gemncht worden ist, so kommen die durch das besondere Ver- 
lialten der ('ovnriantcn entstellenden Ausnahmen in Wegfall. 



6. 

Sind 2, ;,, z^, . . .. z„_^ diejenigen Werthe von z, für welclie jeder 
der Quotienten v], ,»),...., >]„_j denselben Werth annimmt, so ist' 

(i) t = {cc — z) {cc — z,) {ci — z,} . . . {'J. — z.,_,) = <p(z. a.) 

eine rationale Function von z und es entsprechen einem bestimmten 
AviUlvürlichen Werthe von t genau die Wertlie z . z^, . . ., 2,_,, für Avelche 
jeder der Quotienten denselben Werth nnnimmt. 
Substituiren wir in Gleichung (A) 

(2) U = AI- ./=(/) (C , cl) , 

WO 

■'■ = ' (._-„ 

so gellt die Differentialglcichunii' (A) über in 

d" V d" ~ ' r 

(B) n.+rAt)-r,; , + ...+ r„ (/) r = o, 

dl dt 

deren Coefficienten rationale Functionen von t sind. 

I. Diese Differentialgleichung hat die Eigenschaft, dass 

ihre Integralquotienten mit den Functionen >], , *i2 *i„_i 

übereinstimmen, und dass, wenn t einen willkürlichen Werth 
der unabhängigen Variablen bedeutet, es nicht noch einen 
davon verschiedenen Werth t^ giebt, für welchen jeder der 
Quotienten »), , »i^ , . . . . >)„_, denselben Werth annehmen kann. 

Nach einem von Hrn. Ludwig Schlesinger bewiesenen Satze" ist 
füi" eine solche Dift'erentinlgleichung die Substitutionsgruppe der Qui>- 



Acta Math. Bd. I, 8.3.55(1'. Ludwig SfHi-EsixGKR, Handbuch II r. 8.244!?. 
Handbuch II i, S. 291. 



Fuchs: Zur Theorie der linearen Ditt'eretitialgleichuiigen. 4c 

tienten >),, -»ij ,..., *]„_,. welclie der Gcsammtlioit der Umlnuf'p dor un- 
abliän,!>'igen Variablon t entspricht, eino discontinuirliclie. 

Da einem willkürlichen Umlauf der unabliängigen Variablen c 
ein bestimmter Umlauf der Variablen t entsprieiit. so lässt sieh hier- 
nach diese Eigenschaft auf die Gleichung (A) übertragen. 

Wir erhalten also das Resultat: 

II. Die Differentialgleieli ung (A), für welche eine Form 
(/) (m, , Mj , . . . , M„) mit der durch die Gleichung (N) bestimmten 
Beschaffenlieit existirt. hat die Eigenschaft, dass die den 
sämmtlichen Umläufen der unabhängigen Variablen ~ ent- 

s})rechende Substitutionsgruj)pe der Quotienten >i, . »j, >;„_, 

eine discontinuirliche ist. wenn nicht für jede Walil ^lo..l,, 
. . . . /l„_, die sämmtlichen Invarianteji der Gleicli ung (A) A-^ei'- 
sch winden. 

7. 

Sei jetzt y, , y^ y,, <''ii einem gewissen Umlaufe U^ der un- 
abhängigen Variablen z zugehöriges Fundamentalsystem die Gleichung 
(A) in der kanonischen Form und so beschaffen, dass 



(I) 



1/2 = ^.y. 



wo w, . cUj oD„ die AWu'zeln der dem L niluufc i\, zugehörigen Fun- 

damentalgieiclnmg bedeuten. 

Sei wieder, wie in Gleichung (M) 

(2) 2/ = A„y + A,y'-\- ... +.!„_, .y'"~", 

wo die rationalen Functionen A„. A^ , . . . , A„_, so gewäldt seien, dass 
für einen willkürlich angcnonunencii A\'<'rth z ^= z^ 

(3) "x = ^lo.y. + ^^.y.H- • • ■ +-!„_, .'/,""" 

A'erschwindet. wobei wir Aora ussetzen. dass der Modul von w, 

von keinem der JModulii dci' ül)rigen Gr()ssen w, './j„ üher- 

troffen wird. 

Diurh eine A'- malige AViederholung des Umlaufes f^ gehen 

U, il , ■«„ 

(4) >1i = — , '1= = 'In = — 

Über in 

(5) (-i.)/,- = ( "''m V, . M, = ( ""'' I -^^ (-iJ/,- = ( "'"- ) -'!« ■ 



48 Sitzung der physikalisch -matliematisclien Classe vom 10. Januar. 

Wenn die Moduln von w, , w^ . . . . . ot'„ nicht .sämmtlicli gleich sind, so 
würde die Ä;-malise Wiedei'holung- des zu U^ inversen Umlaufes U~' 
mit wachsenden Werthen von k unzählig viele dem Unendlichen zu- 
strebende Werthe ergeben : da aber >], = oo , v]^ =: oo . . . . . vi„_, = co 
füi- 2 = ^„ dem Werthbereiche (vj, ,•/!,,..., ■/!„_,) angehören, so würde 
hiernach die Gruppe der Sul)stitutionen der vj, , »i^ , . . . . >]„_, nicht dis- 
continuirlich sein. 

Dasscll)e A\ürdc sich auch ergeben, wenn z^^■ar 



3Iod ( ^= h= I . 3Iod I M = I . . . . . Mod I 

wäre, aber die Ariiumcnte der Quotienten - "' nicht rationale Zalilen 

wären. 

AA'enn aber eine Gleichung der Form (N) existirt, so ist nach 
Satz II voriger Nummer eine solche Annahme nicht zulässig. Wir er- 
halten also das Resultat: 

Ist 1/^ . 1/^, . . . . t/„ ein einem gewissen Umlaufe T\, der un- 
abhängigen Variablen z zugehöriges Fundamentalsystem von 
Lösungen der Gleichung (A) in der kanonischen Form und 
so beschaffen, dass die Gleichungen (i) stattfinden, und sind 
die Voraussetzungen des Satzes II voriger Nummer erfüllt. 

U), CD, l^n -f^. T ■ 1 

SO sind die Quotienten — .— , — Linheit s\vu rzeln. 

Wj et), w. 

Wenn wir voraussetzen, dass in Gleichung (A) 
(6) p, = o, 
so genügen die Grössen <jl\. w^ w„ ülierdies der Gleichung 

Wj» Ci', . . . 'xi„ = I . 

Alsdann sind die sämmtlichen Grössen 
O), , Wj , . . . , w„ 
selber Einheitswurzeln. 

(Fon>etzuiig folgt.) 



Ausnegeben am 17. Januar. 



,l.-i Ki'l.liMliii.kei 




SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEX 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN 



HI. 



17, Januar 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG RE131EU. 



[:^a5E 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2. Diese ei-sclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Oct.tv regelmässig noiiiiersfags aclit Tage iinch 
jeder Sitziiug. Die sämmtliclien zu einem Kalcndcr- 
jnlir gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band olme Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nnmmer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -liistorisclien Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitzimgsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgeti'agenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsbericliten übei-- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. 

§5- 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenscliaftlichen Arbeiten. 

§G. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitziuigsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Slitthcilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern , welclic 
der Akademie nicht angehören , sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges bescliränkt. Ubersclu-eitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdiTicklicher Zustimmung der Gcsammtaka- 
demie oder der. betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfaclicn in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbililungcn .auf durchaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text einzuscli.altenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 
1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
scliaftliche Mittheilnng darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es .aucli 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfülu'ung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verftisser einer aufgenommenen wissen- 
scliaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rcchtsrcgeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

5. Auswärts wei-den CoiTccturen nur auf besonderes 
Verlangen vei'schickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Slittheilungen nach aclit Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittlieilungen- abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sünderabdrücke mit einem Umschl-ag, aufwelcliem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag imd Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilimg und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem .angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrückc bis zur Zahl von noch zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung abziehen zu lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigir enden Secre- 
tar Anzeige gemacht hat. 



1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittlieilung muss in einer ak.ademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, liabcn hierzu die Vermitteluug eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direet bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnalune bedarf es 
einer ausdrücklielien Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gericliteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt luid sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der redigirendc Secret.ar ist für den Inh.alt des 
geschäftliclien Tlieils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsiuigaben der 
gelesenen Abhandlungen vcr.uitwortlich. Für diese wie 
für nlle iilirigoii Theile der Sifzuiigsberiehle sind 
noch jeder Itielitiiiig mir die Verfasser veraiit- 
worÜich. 



Die Akademie versendet ihre •• SitzungsbprichlC' an dirjeniflen Stellen , mit denen sie im Schritioerkehr stellt, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
» Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
• • October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Register . 



41) 

SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

DER i»'» 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

17. Janiuar. Gesammtsitzuns:. 



Vorsitzender Secretar: LIr. Waldeyek. 

1. Ilr. Lenz triiii' eine üntersucliuiift' des Hrn. ScnEFFER-BoiciroRST 
vor: Norbert's Vita Bennonis Osuabrugensis episcopi eine 
Fälschung? (Evsch. später). 

Die von Hrn. F. PiirLippi aufgeworfene Frage wurde vei'neint. Namentlich wurde 
gezeigt, dass jüngere Werke in der Vita nicht benutzt sind, wie Philippi behauptet 
liatte. Was er für humanistischen Ursprung geltend machte, muss als verfehlt zurück- 
gewiesen werden. Doch hat die Vita insofern an Ursprünglichkeit eingebüsst, als 
Urkunden und Regesten spätere Zuthaten sind, lu einem mit abgedruckten Excurs 
zeigt Hr. Dr. von Winierfeld, dass die Sprache zeitgemäss, jedenfalls nicht huma- 
nistiscli ist. 

2. Hr. VoGEi- maelite eine Mittheilung «Über die Bewegung 
von a Persei in der jjresichtslinie«. 

Mr. Newall in Cambridge (Engl.) hat im September und October 1900 Beob- 
achtungen über die Geschwindigkeit der Bewegung von a Persei in der Gesichtslinie 
angestellt, die zusammen mit seinen Beobachtungen aus dem Jahre 1899 zu dem Re- 
sultate führten, dass die Bewegung Schwankungen von — 4km bis +8'"» unter- 
worfen wäre, und zu der ^'ermuthung. dass diese Schwankungen eine 4- oder eine 
17-tägige Periode hätten. Auf dem Potsdamer Observatorium sind im December 1900 
iind.Tanuar 1901 Beobachtungen ausgeführt worden, welche die Beobachtungen Newall"s 
nicht bestätigen. 

3. Hr. AuwEKs überreiehte ein neues Stüek (XV) des Catalogs 
der Astronomischen Gesellschaft: Zone — 2° bis -|- 1°, beobachtet auf 
der Sternwarte Nicolajew von J. Kortazzi. 

4. llr. Dna.s legte vor: lleronis Alexandrini opera II i (Mechanik 
und Katoptrik) herausgegeben luid übersetzt von L. Nix und W. Schmidt. 
Leipzig 1901. 

5. Die physikalisch -mathematische Classe hat zu wissenschaft- 
lichen Unternehmungen bewilligt: Hrn. Branco zu einer geologischen 
Untersuchung des Nördlinger Rieses 4000 Mark : Hrn. Dr. Otto Ka- 
LiscHER in Berlin zur Fortsetzung- seiner experimentellen Untersuchungen 

Sitzungsberichte 1901. 4 



;)0 üesaiiiiiit.sil/,uiij; vom 17. .laiiiiai'. 

ülxT »las Grosshirn «1er Pa])a^«M('u 400 Mark: Um. Dr. Juui s Romiseik; 
in Horliii zu einer ,i>colosisch-])('trojiTapliis<'lien Ihitersurlmn.H' des (Je- 
Liete.K von Predazzo loooo Mark. 

(). Die philosoplüscli-liistorische CL'isse hat zu wissensehaftliclien 
Unternehmungen bewilligt: Hrn. Privatdocenten Dr. Fkrhinand IlErcKicN- 
KAMP in Halle a. S. zur Herausgabe des Quadrilogus von Alain Chartier 
500 Mark: Hrn. Oberlehrer und Privatdocenten Dr. Johannes Kkomaykk 
in Strassburg- i. E. zur Herstellung und Herausgabe der von ihm auf- 
genommenen Karten antiker Schlachtfelder 1600 Mark; Hrn. Privat- 
docenten Dr. Ludwig Nix in Bonn zur Drucklegung der arabisch er- 
haltenen Schriften de.s Apollonius Pergaeus 1200 Mark: Hrn. Dr. 3Iax 
Reich in Berlin zur Fortführung seiner Arbeiten für die Sammlung 
der handschriftlichen Briefe des Erasmus 900 Mark: Hrn. Privatdocenten 
Dr. Karl Wilhelm Zetteesteen in Lund zur Herausgabe von religiöst'n 
Dichtungen des syrischen Dichters Balai 700 3Iark. 



Durch Allerhöchste Cabinetsordre vom 12. Dccember 1900 ist 
die Wahl des Botschafters der Vereinigten Staaten von America Dr. 
Andrew Dickson White in Berlin zum Ehrenmitgliede der Akademie 
bestätigt worden. 



Die Akademie hat das auswärtige Mitglied ihrer physikaliscli- 
mathematischen Classe Hrn. Charles Herjute in Paris am 14. Januai- 
<lurch den Tod verloren. 



51 



Tiber die Bewegung von a Persei in der Gresichtslinie. 

Von H. C. Vogel. 



In den Monthly Notices Vol. LXI Nr. i macht Mv. Newall in Cam- 
bridge (Engl.) darauf aufmerksam, dass nacli seinen Beobachtungen an 
1 1 Abenden im September und October 1900 und an 3 Abenden im 
Oetober 1899 die in die Gesiclitslinie fallende Componente der Be- 
wegung von a Persei von — 4*"" bis +8"™ variirt, und er vermuthet eine 
periodische Änderung in 4.2 oder 16.8 Tagen. Da die Witterungs- 
verhältnisse in Cambridge im "Winter aber fortlaufende Beobachtungen 
nicht zidassen, fordert Mr. Newall auf, anderwärts Beobachtungen 
über die Bewegung A^on a Persei in der Gesichtslinie auszuführen. Seine 
Beobachtungen wurden mit einem neuen, stark zerstreuenden Spectro- 
graphen mit vier Prismen in Verbindung mit seinem grossen Refractor 
von 63'"" Öffnung angestellt. 

Auf den im vergangenen Jahre erhaltenen S^iectrogrammen ent- 
spricht, nach den Angaben p. 12 a.a.O., ein Wellenlängenunterschied 
von o".°6 der linearen Ausdehnung von i""" und eine Linienverschie- 
bung von dieser Grösse einer Geschwindigkeit der Bewegung von etwa 
400''"'. Genauere Angaben, auf welche Linie diese Werthe Bezug haben, 
sind nicht gemacht: immerhin lässt sich aber daraus ersehen, dass die 
lineare Ausdchniuig sehr bedeutend und etwa doppelt so gross ist als 
die des MiLLs-Spectrographen der Lick- Sternwarte und des neuen Spec- 
trographen für den grossen Potsdamer Refractor.' 

Da ich bei unseren, besonders in den letzten Jahren ganz ausser- 
gewöhnlich, namentlich in Bezug auf Ruhe der Luft, ungünstigen Witte- 
rungsverhältnissen , zu der Überzeugung gekommen war, dass die spec- 
trographischen Arbeiten am grossen Refractor bei noch längerem An- 
halten derartiger Luftbeschaffenheit doch nur langsame Fortschritte 
machen würden, habe ich für unseren ausgezeichneten photograpliischen 
Refractor von 32"'" Öffnimg und nur 3"'44 Focallänge zu Ende des Jahres 
1899 einen Spectrographen construirt, der, vom Mechanicus Toepfer 
in Potsdam ausgeführt, im Frülijahr 1900 fertig gestellt worden war 



^'e^!4•l. meine Ziisaniiiienstelluiin- in \'<il. Xl Nr. 5 p. 399 des Astrophys. Journal. 



52 Gesainiiitsit/.uiig vom 17. .lanunr. 

und im Laufe des Sommers durch Dr. Ebekiiard eine ausserordentlicli 
uründliolie Untersuchung und Correctur, nach der von Dr. ITartmann 
angegebenen Methode', erlahren hat. 

Das dreilaclieCollimatorobjectiv hat 30™. (Uis Camera ohjeetiv, eben- 
falls dreifach, 35""" Brennweite. Die drei Prismen geben ein brauch- 
bares, überall gleich scharfes Spectrum zwischen \ 41 2"" und \ 442"". 
Die Ausdehnung dieses Spectralstücks beträgt 20""". In der Mitte 
desselben (A425"'') entspricht eine lineare Verschiebung von o"'.'"2 5 
(i'^ der Schraube des Messapparats) einer Bewegung von 261'"": bei II 7 
(\ 434"") entspricht dieselbe Verschiebung dagegen einer Bewegung 
von 291'"". In Bezug auf lineare Ausdehnung des Spectrums leistet 
der Apparat luu- etwa -je, von dem des NEWALL'schen Instruments. Der 
Spectrograph ist mit einem Kasten vnngeben, der mit Vorrichtungen 
versehen ist, die eine Constanz der Lufttemperatur im Prismengehäuse 
innerhalb o?i C. erreichen lassen. 

Mit diesem Ap^iarate waren an 6 Tagen (1900 Nov. 3, 5, 6, 8. 
9 vind 15) Aufnahmen des Spectrums von a Persei von Dr. Eberhaud 
gemacht worden, von denen ich vier (Nov. 3, 5. 6 und 9) ausgemessen 
habe, um die Brauchbarkeit und Leistungsfähigkeit des Apparats, der 
bisher wesentlich nur im Lal:>oratorium untersuclit worden war, für 
seinen eigentlichen Zweck zu prüfen. Die Spectra waren gut, und 
die Messungen an den vier Platten ergaben keine Abweichungen, die 
auf Bewegungsänderungen von mehr als 2""° liätten schliessen lassen. 
Die Beobachtungen waren al)er noch mit einem Fehler behaftet, der 
seinen Grund in einer geringen mechanischen Unvollkommenheit des 
Apparats hatte, die bei den Beobachtungen im Laboratorium nicht ge- 
funden werden konnte. Nach Beseitigung derselben und einer noch- 
maligen Prüfung des Apparats durch Dr. Eberhard hielt ich dieses 
wohlgelungene Instrument für geeignet, die inzwischen b<>knnnl ge- 
wordenen NEWALL'schen Beobaclitungen fortzuführen. 

Die zwei ersten der nachstehend aufgeführten Auinahinen sind 
von Dr. Eberhard, die übrigen von Dr. LiDENDuRrF ausgefülirt woi-den. 
Die Ausmessung der Spectrogramme habe icli selbst vorgenommen: 
sie beziehen sich nur auf eine Diflerenzbestimmung v^)n Linien des 
Fe -Spectrums mit ent.sprechenden Linien im Sterns2)ectram, imd die 
Zald der in den einzelnen Spectxen verglichenen Linien A'ariirt zwischen 
1 4 und 2 I . Obgleich das Spectrum des Sterns zu den linienärmeren 
zu zälden ist, denn es gehört streng genommen nicht zur Spectrnl- 
classe IIa, sondern bildet den Übergang von Classe Lij nach IIa, sind 
doch zwischen \4ii"."9 und \44i''.''5 140 bis 150 Linien auf den 

' Zeitscliiift fiir iMstriimeiilciikiiiulc 1900, Ueft i und 2. 



Vogel: Übt'r die Beweguiiü; von a Peistu in der Gesiclitslinie. 



besseren Aufnahmen zu zählen . und zwar sind die meisten Linien von 
ausserordentlicher Schärfe, da die Spaltweite bei den Aufnahmen von 
a Persei nur o"'"'o 1 5 betraiien hat. Infol,t>-e dessen lassen die Spectra 
eine bei weitem genauere Bearbeitung zu, als ich sie hier zunächst 
vorgenommen habe. Die Endresultate können daher noch kleine Än- 
derungen ertahren, die auch allein schon durch die Messung der Ver- 
schiebung derselben Linien gegen das Vergleichsspectrum nur Ijei an- 
derer Lage der Spectrogramme unter dem Mikroskop — ich habe nur 
in einer Richtung gemessen, und zwar so, dass steigenden Ablesungen 
der Schraube am Messapparat grössere Wellenlängen entsprachen — 
eintreten werden. Diese Änderungen haben aber für den Nachweis des 
etwaigen Vorhandenseins einer veränderlichen Bewegung von der ein- 
gangs angegebenen Grösse keine Bedeutung, und die Beobachtungen 
sind daher nur in Bezug auf den absoluten Betrag der Geschwindig- 
keit der Sternbewegung im Visionsradius als vorläufige anzusehen. 

Beobachtungen von a Persei. 



Datum 


M. Z. 


Temp. 


Platten- 


Geschw. 


Red. 


Gesohw. 


1900 
1901 


Potsdam 


Geis. 


Nr. 


* 
rel. zu 6 


auf 


* 
rel. zu G 










kiii 


km 


km 


Dec. 13 


7h 56" 


+ 5-4 


416 


+ 7-8 


- 9-4 


-1.6 


.. 14 


7 II 


+ 5-7 


417 


+ 6.2 


- 9.8 


-3-6 


.. 18 


S 7 


+ 5-1 


418 


+ 8.8 


-II.4 


-2.6 


.. 20 


5 5 


+ 3-8 


419 


+ 10.6 


— 12.2 


— 1.6 


21 


9 17 


+ 50 


420 


+ 9-3 


-12.7 


-3-4 


» 22 


5 2' 


+ 4-7 


421 


+10.2 


-13-0 


-2.8 


Jan. I 


5 5 


- 5-9 


422 


+12.4 


-16.8 


-4-4 


2 


5 I 


- 9.3 


424 


+ 13-4 


-17.2 


-3.8 


" 3 


5 10 


— lO.O 


426 


+12.6 


-'7-5 


-4.9 


4 


5 ■ 


- 9-4 


427 


+14.4 


-17.8 


-3-4 


" 5 


4 55 


- 9-2 


429 


+ ■3-8 


-18.2 


—4-4 


• 9 


5 18 


- 3-3 


432 


+16.6 


-19.4 


-2.8 


' 9 


6 32 


- 2.8 


433 


+ 16.9 


-19-5 


-2.6 
-3.22 



Die Spectrogramme sind fast durchweg als sehr gut zu bezeichnen. 
Bei Platte 417 ist zu bemerk(>n: das Sternspectrum ist etwas matt, 
»uul die Messungen sind daher von etwas geringerer Sicherheit: bei 
Platte 420: das Fe-Spectrum etwas matt; bei Platte 422: sowohl das 
Sternsi)ectrum wie das Fe-Spectrum etwas matt; bei Platte 426: die 
Sternlinien sind etwas breit. 

Aus den vorstehenden Beobachtungen geht nun keine Bestätigung 
der B('oI)achtimgen Nkwai.i/s hervor, da die grössten Abwciclamgen der 
an den einzelnen Abemlen erhaltenen Werthe vom Mittelwerthe nur 
— 1'"."6 und +i''™7 betragen, Abweichungen, die bei dem erreichten 

Sitzungsbei-iclue 191)1. ^ 



54 Cu'saiiiint.sit/.ung vom 17. J.iiuiar. 

Genauigkeitsgrad der Bcobaclitiingcn vorkommen können. Für eine Be- 
stimmung der Verscliiel)ung zwi.scheii einer i-inie im Stern und einer 
Linie de.s Vergleicli.s.speetrums (31ittel au.s je drei Kin.xteiiungcn) .seinvaidvt 
für die verschiedenen Platten der w. F. zwischen zti^'^a und ±2'"."2. 
riiernacli würde für den w. F. des aus den Messungen an einer Platte 
sich ergehenden Mittelwerthes ±o''!"3 his ±o''"'6 resultiren, während er 
sicli orfahrungsgomäss etwas grösser, und zwai- im vorliegenden F'all, aus 
den Abweichungen der einz<'lnen Plattenwertlie. zu ±o''"'69, ergiebt. 
Wie schon erwähnt, sind meine I]e()l)achtungen in Bezug aul' 
den absolut(>n Wertli für die (leschwindigkeit von a Persei in der Ge- 
sichtslinie noch niclit als definitive anzusehen: die gute l'bereinstim- 
mung mit den Hcdbachtvuigen CAMri5Ki,i/s ül)er diesen Stern: 

1896 Nov. 1 1 —2.0 kill 

12 —1.8 » 

1897 Jan. 19 -3.5 .. 

1898 Juli 12 —2.1 - 



—2.4 km 
ist al)er jedenfalls beachtenswertli und dürfte wold auch für die Un- 
veränderlichkeit der Bewegung des Sterns innerJialb sehr geringer 
Grenzen sj)rechen. 



AusKeReben am 24. Januar 1901. 



Hrrliii, gudiUL'lil ii. .lor Kt'U'lo.liu.'ke: 




5a5a5H5H5H5H5HSH5H5S52EH5H5H5H5aSHSHSa5H5H5H5H5B53 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN 



24. Januar 1901 



sasasHsasesBScij 




VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1. 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav re^liuässi^ Donnerstfl^s aclit Ta^c iiacli 
jeder Sitzuns^. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erlialten 
ausserdem eine durch <ien Rand ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nnmmer, und zwar die Bericlite über Sitzungen der pliysi- 
kalisch-mathematisclien Classc allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classe ungerade 
Nummern. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten «bei*- 
■wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übcrgebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. 

§5- 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Seoretar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Sccretar führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilnng in die Sitzungsbericlite gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Ocbvv in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
niclit übersteigen. Mittheilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind .auf die Häll'te dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaka- 
demie oder der betreflfenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf dureh.aus 
Nüthweudiges beschr.änkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilnng wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 



1. Eine für die Sitzungsberichte l)estimmtc wissen- 
schaftliche Mittlieilung darf in keinem Falle vor der A>is- 
gabc des betreffenden Stückes andenveitig, sei es aucli 



nur auszugsweise oder .auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese ander^vcit fräher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ilim dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gcsammtnkadcmie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

Ti. Auswärts wewlen CoiTccturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ilircr Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittheilungen' abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fiinfzig Sondenabdrücke mit einem L'msclil.ag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahresz.ahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der N.ame des Verfassere stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen , fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung abziehen zu lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigir enden Seore- 
tar Anzeige gemacht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufn.ahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittlieilung muss in einer akademischen Sitztuig 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglicder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache .angehörenden ordentlichen Mitglieiles zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen ausw.ärtiger oder eorre- 
spondirendcr Mitglieder dircct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der versitzende 
Sccretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Ak.ademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antr.ag k.ann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.) 

§29. 
1. Der redigircnde Sccretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kuraen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen vei*antwoi*tlich. Für diese wie 
für alle übrijrpii Thcilc der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Iticlitiing nur die Verfasser reraiit- 
wordich. 



Die Akademie verxenäet ihre 'Sitzungshericlile' an diejeiw/en Stellen , mit denen sie im Schriflverke/ir steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monati Mai, 

• " " Mai Ins Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

• • ~ October bis December zu Anfanrj des näcitsten Jahres nach Fertigstellung des Beijil 



55 

SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

IV. 

K()NI(4LICIi PREUSSI8( 'I I EN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

24. Januar. Öifentliche Sitzung zur Feier des Geburtsfestes Sr. Majestät 
des Kaisers und Königs vnid des Jahrestages König' Friedrich's IL 



Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyeu. 

Der Vorsitzende erötünete die Sitzung, welcher der vorgeordnete 
Minister Herr Dr. Studt Exe. anwohnte, mit folgender Rede: 

Eine Festsitzung wie die heutige, mit so vielen erhebenden und 
belebenden Erinnerungen, in den Kreis weniger Tage gebannt, hat 
unsere Akademie bisher noch nicht begehen können. Konnte ich auch 
im vertlossenen Jahre auf ein ungewöhnliches Zusammentreffen von Er- 
innerungsmomenten hinweisen, so bietet sich mir ein grösseres Recht 
dazu in diesem Jahre, dem ersten des anbrechenden Jahrlnniderts. 
Zum Gedächtniss des grossen Friedrich, ihres zweiten Stifters, hat die 
Akademie diesen Donnerstag im Januar, der in die Woche von Feikd- 
Ricii's Geburtstag fällt, als einen ihrer beiden Festtage ervväldt, und 
es hat, so will es die Fügung, der heutige Tag dasselbe Datum, wie 
vor 189 Jahren der Geburtstag Friedrich's. — Wenige Tage trennen 
uns nur noch vom Geburtstage unseres Kaiserlichen und Königlichen 
Herrschers Wilhelm's II, und so ist es uns vergönnt, die Feier des 
Kaiserliclien (4el)urtstages mit der Feier unseres Friedrichs -Tages seit 
Jaliren zu Acrbinden. Mit besonderer Dankbarkeit und Wärme ge- 
denken wir heute unseres erhabenen Protectors, der im abgelaufenen 
Jahre, in ^\■elchcm wir das Gedächtniss unseres zweihundertjährigen 
Bestehens in einer für alle Theilnehmer unvergesslichen, edlen, er- 
habenen und glanzvollen Weise begehen konnten, in echt königlichem 
Sinne, aus eigenstem Antriebe, gezeigt hat, dass er nicht nur dem 
Namen nacli, sondern aucii in der That unser Protector regius sein 
will und ist. Dass ihm und seinem hohen Hause dauernd Glück er- 
lilühe und Gottes Segen bleibe, das sind die treuen Wünsche, die mit 
dem gesammten deutschen Volke auch wir im Herzen tragen und heute 

Sit7.uiigslxM-iclite 1901. 6 



5G Öflentliche Sitzung vom 24. Januar. 

lim so inolir zum Au.sdnicke bringen , al.s des Todes uiiorbittliclie lland 
molirfachc und tiefe Trauer in des Jahres glücklichen Anfang gebracht 
hat — Gott schütze unscrn Kaiser und König! — 

Der FKiKDKK'iis-Tag, den wir heute festlich begehen, ist bedeutungs- 
voll für uns in ganz besonderer ^\'eise dachu'ch, dass er der erste ist in 
dem dritten Jahrliundert unseres Bestehens. \Venn heute am Schlüsse 
unserer Feier die Berichte über unsere getliane Arbeit Ihnen mitge- 
theilt werden, wenn Sie hören, wie viele Namen besten Klanges die 
Akademie sich hat einfiigen können, so zeigt sich zu unserer hohen 
Befriedigung, dass der Anfang im neuen Jahrhundert ein g\iter war, 
und so mag man es vnis nicht verdenken, wenn wir mit frohen Hoff- 
mnigen in das neue akademische Jahrhundert vorausscjiauen. 

Was aber dem heutigen Festtage seine besondere Bedeutung ver- 
leiht, ist die Zweihundertjahrfeier des Preussischen Königthums , eine 
Feier, die wir ganz besonders in unser Festprogramm aufgenommen 
haben und, dank der Gunst des Friedricii's- Tages, vom i8. Januar 
auf den 24. verlegen durften. Schon einmal, im Jahre 1801, hat die 
Akademie das Gedächtniss dieses für die Preussische. für die Deutsche 
und auch für die Welt-Geschiclite hochwichtigen Tages als Hundert- 
jahrfeier begehen können. 1701 hatte die eben gestiftete Societät. 
die am 6. December 1700 ihre erste Sitzung gehalten hatte, dem 
Könige, ihrem Stifter, zum 18. Januar durch ein von Leujniz verfasstes 
lateinisches Glückwunschschreiben ihre Huldigung dargebracht. — 
Aber, wenn wir den FmEDRicn's-Tag von 1801 und von 1901 mit ein- 
ander vergleichen, welch' ein Unterschied! Wenn auch Friedkich 
Wilhelm HI das Jahr im tiefsten Frieden begehen konnte und es ihm 
in den neun ersten Friedensjahren seiner Regierung gelang, Ordnung 
zu schaffen, so warfen doch die 1806 heraufziehenden schweren Wetter- 
wolken, aus denen der Unglücksstrahl verheerend auf Preusscn nieder- 
schlagen sollte, ihre dunklen Schatten voraus. 

Heute betheiligt sich nicht nur Preusscn, sondern Deutschland, an 
der Spitze seinen Kaiser, den Urenkel Friedrich Wiliielm's III, im Ver- 
eine mit allen grossen Mächten der Erde an einer der grössten poli- 
tischen Begebenheiten, welche die Weltgeschichte gesehen hat, an dem 
Aufschlüsse des bisher unbeweglichsten vuid am meisten versperrten 
Thcilcs von Asien, ein Aufschluss. der als culturgeschiclitliche Noth- 
wcndigkeit in dem politi.schen Entwickelungsgange unseres Erdballes 
kommen musste. Und mit Staunen sieht die Welt, wie, ungeachtet der 
ungeheuren Schwierigkeiten, welche die Wahrung der eigenen Inter- 
essen bei den Mächten einer glücklichen Lösinig in den Weg wirft . doch 
Alle aufrichtig bestrebt sind, das Ziel im gegenseitigen Frieden zu 
erreichen, und — wir dürfen es mit hoher Befriedigung .sagen — 



Walbeyer: Festrede. 57 

Deutschland, der Sclmrfe seines Schwertes und der Einigkeit zwischen 
Fürsten und Volk bewusst, an erster Stelle, wenn es gilt den Frieden 
zu wahren. 

Unter diesem Zeichen einer mit einem Schlage als Morgengabe 
des zwanzigsten Jahrhunderts in die Erscheinung getretenen Weltpolitik 
aller Mächte und, wer wollte es leugnen, auch unter dem Zeichen der 
Erstarkung des Friedensgedankens bei Fürst und Volk, begehen wir den 
heutigen erhebenden Gedenktag! Nehmen wir dies als ein laetum 
augurium und so, um mit dem römischen Redner zu sprechen , quasi 
saeculorum quoddam augurium futurorum! 

Die Akademie, deren Gründung in so bezeichnender Weise mit 
der Aufrichtung des Königreichs Preussen verknüpft wurde, ist sieh 
dessen voUbewusst , welch' bedeutsames Fest sie an dem heutigen Tage 
feiert, und bringt ihrem Könige, dem Deutschen Kaiser und Träger der 
Preussischen Krone, welche sein Ahnherr Fkiedkich I am i8. Januar 
I 701 zu Königsberg sicli selbst auf das Haupt setzte, ihrem Könige und 
dem Königlichen Hause treugehorsamste Glückwünsche hier öffent- 
lich dar! 

Wir nannten soeben die Verknüpfung zwischen dem Preussischen 
Königthume und der Akademie eine bezeichnende; wir dürfen auch 
hinzufügen: eine innige und bedeutungsvolle. Wir wollen versuchen, 
dies näher darzulegen und zu zeigen, was die Erhebung Preussens 
zum Königreich der Akademie gebracht hat. Zuvor aber möge es 
mir vergönnt sein, um bei der Bedeutung des heutigen Krön -Ge- 
dächtnisstages, anlässlich dieser hohen Festversammlung, noch zu ver- 
weilen, und dieser Bedeutung auch im Allgemeinen gerecht zu werden, 
in kurzen Zügen die Wegstrecken mit ihren bemerkenswerthen Halt- 
pmikten vorzuführen, auf denen das brandenburgische Kurhaus und 
seine markigen Fürsten die preussische Königskrone erreicht haben. 
Hierbei muss vorab des Deutschen Ordens gedacht werden, der 
unter Hermann von Salza begann, das Deutschthum nach jenen Ilachen, 
acker-, wald-, see-, \md tlussreichen Geländen zu tragen, die das 
heutige Ost- und Westpreussen ausmachen. Und ist es nicht wie ein 
augurium saeculorum futurorum, dass, angezogen von den Erfolgen 
der klugen und tapferen Ordensritter, Männer aus Deutschlands besten 
und ungemischtesten Gauen in grosser Zahl hineinzogen in dies vom 
Orden ihnen er(>flhete Land, in dem die Ritter so gut zu colonisiren 
verstanden, dass man sie heute darum beneiden möchte! Wurde nicht 
so. insbesondere in Ostpreussen, ein gleichsam neuer deutsclier Volks- 
stanmi geschaffen, der, durch Tüchtigkeit an Leib und Seele und 
durch treue deutsche Gesinnung, in erster Linie unter den Auge- 
hörigen unseres Vaterlandes steht, und Männer, wie Karl Ernst 

6* 



58 OfTeiitliche Sitzung vom 24. Januar. 

VON Baek — icli darl' ihn wolil liicrhor rechnen — nnd Immanuel 
Kant hervorgebraclit hat. In Zeiten schwerer Notli zot>cn .sich die 
Preu.ssischen Fürsten in ihr treues Ostiu'cussen zurück; so suchte 
Georg Wilhelm in der Bedrängniss des 30jährigen Krieges, der er 
nicht gewaclisen war, dort sein Asyl, und fast 200 Jahre später Frh:!)- 
RiCH Wilhelm III mit seiner Gemahlin, der unvergessliclien Kihiigin 
Luise und ihren Kindern, darunter den nachmaligen ersten deutschen 
Kaiser aus dem Hause der Hohenzollern , Wilhelm I! Von Ostpreussen 
aus wurde durch Yoek's kühne That die Austilgung der Schmacli von 
Jena eingeleitet und Friccius mit seinem ostpreussisclien Landwelir- 
bataillon erstürmte vor Leipzig das Grimma "sehe Thor nach der grossen 
Yölkerschlaclit. Man mviss in Ostpreussen gelebt haben, um zu A\issen, 
welch' guter Kern echt deutschen Wesens dort herrscht bei seinen 
wetterfesten Männern und seinen klugen, tüchtigen Frauen, denen Gast- 
lichkeit und Treue, die man als die guten Eigenschaften der Deutschen 
oft preisen hört, im Blute liegen, so dass selbst die schlimmen Zeiten 
unter der Lehnsoberhoheit der Krone Polens dies Wesen nicht zu 
brechen vermocht hal)en. So war der Boden gut deutÄch vorbereitet, 
auf welchem sich Feiedeich I seine König.skrone nahm, und es ist Avie 
eine Ironie des Geschickes, wenn man damals glaubte, den König 
dadurch, dass er sich König in Preussen nennen musste und ihn sich 
dort krönen Hess, gewissermaassen aus Deutschland lierausl^elordert 
zu haben, und wenn erst im neunzehnten Jahrhundert die Provinz 
Preussen zu Deutschland gezählt wurde. 

In dies von den grossen Colonialkünstlern , den deutschen Ordens- 
rittern, so gut deutsch vorgerichtete Land wurde um 15 10 der Hohen- 
zoUer 3Iarkgraf Albbecht von Brandenburg-Ansbach als Hochmeister 
eingeführt, freilich unter der Lehnshoheit Polens. Y.s gelang dem um- 
sichtigen Fürsten 1525 im Vertrage von Krakau, seinen Lehnsherrn, 
den König von Polen, dazu zu bewegen, dass das Ordensland Preussen 
zu einem in Albrecht's Linie erblichen Füivstenthunie erklärt wurde. 
Als die Linie Albrecht's, die fränkische, bald auszusterben drohte, 
en-eichten die Hohenzollern die Zusage Polens, dass fär, diesen Fall 
die brandenburgische Linie mit Preussen belehnt werden sollte. Dies 
trat 16 18 ein, als Albrecht's I gemüthskranker Sohn. Albrecht II, 
ohne Erben starb und Kurfürst Johann Sigisjiund von Brandenburg 
als Lehnsherzog Polens die Regierung in Preussen übernahm. Damit, 
kann man wohl sagen, trat das kleine Brandenburg zum ersten Male 
in die Weltgeschichte ein, indem es ein Gebiet erwarb, welches einem 
tüchtigen Regenten verstattete, in künftigen Welthändeln mitzusprechen : 
das Jalir 161 8 bildet einen wichtigen Wendepunkt in der preussi.sch- 
deutschen Geschichte. Vorerst sollte aber noch ein Menschenalter, 



Waldeyer: Festrede. 59 

das des Dreissiiyälirigen Krieges, ablaufen, ehe jener tüchtioe Regent 
entstand, denn Johann Sigismund's Sohn, der zaghafte Georg Wn-HELM, 
zog sich, wie schon erwähnt wurde, vor den Schrecken des Krieges 
nach Königsberg zurück und wusste aus seinem preussischen Besitze 
nichts Anderes zu schaffen, als einen Zufluchtsort. 

Der grösste Wendepunkt auf diesem Wege vom Kurhute zur 
Königskrone wurde durch Georg Wilhelm "s Sohn, Friedrich Wilhelm 
den Grossen Kurfürsten, eine der markigsten und sympathischsten 
Ersclieinungen in der Weltgeschichte, erreicht. Er gewann durch 
seine kräftige, entschlossene und kluge Politik wie durch sein gutes 
Scliwert, welches er in der Scheide nicht rosten Hess, die Souve» 
ränität über das Herzogthum Preussen und schüttelte 1656 im Ver» 
trage von Labiau mit Schweden und 1657 im Vertrage von Wehlau 
mit Polen die Lehnsherrschaft ab. Diese Souveränität Avurde dann 
im Frieden von Oliva, 23. April 1660, allseitig anerkannt. Das waren 
die Jahre, av eiche die preussische Königskrone geschmiedet haben! 
Als souveräne Herren in Preussen konnten die brandenburgischen Kur- 
fürsten daran denken, nach der Krone die Hand auszustrecken. Sie 
fühlten jetzt die realen Machtverhältnisse dazu unter ihren Füssen; 
der Erbe eines Mannes, der mit drei Königen, denen von Frankreich. 
Polen und Schweden, vielfach siegreich gekämpft hatte, durfte wohl, 
ohne grosser persönlicher Eitelkeit geziehen zu werden, den Wunsch 
hegen, in dieselbe Rangstufe einzutreten, namentlich in einer Zeit, in 
der Etikettefragen eine so grosse Rolle spielten und für den Kurfürsten 
manche empfindliche Kränkung mit sich gebracht hatten. Ich habe 
hier den Kurfürsten Friedrich von dem Vorwurfe der Eitelkeit nicht 
frei zu machen: aber Eines glaube ich aus dem Studium der betreffen- 
den Veröffentlichungen doch entnehmen zu sollen, dass zur Eitelkeit 
auch sehr wohlberechtigte Gründe hinzukamen, und bei der Krönung 
selbst, für die längst noch nicht alle Hindernisse hinweggeräumt 
waren, bewies Friedrich III eine anerkennenswerthe Entschlossenheit. 
Hierfür, sowie für den festen Sinn, mit dem er Alles von sich wies, 
was die Änderung seines Glaubens betraf, dürfen wir ihm unsere 
dankbare Anerkennung bewahren. Waren auch harte Bedingungen 
von ihm dem Kaiser gegenüber zu erfüllen, so erlangte er doch mit 
.seiner Königskrone zugleich auch eines der schönsten Güter für seine 
Lande, die Einheit der Rechtspflege bis zu einem gewissen Grade 
in dem Jus de non appellando , durch welches das Berliner Kammer- 
gericht für die Preussisch-Brandenliurgischen Lande die Stelle erhielt, 
welche heute das Reichsgericht in Leipzig iür Deutscldand hat. Gerade 
200 Jahre später ist die Rechtseinheit in Deutschland durch das bürger- 
liche Gesetzbuch im Wesentlichen festgestellt worden. 



60 Oft'entliclie Sitzung vom 24. Januar. 

Köniii; FmEnmcH I. crwnrl) die A\ ürdo, die aber nocli des sicheren 
Schutzes eiitbelirte. Seinem Sohne, Friedkich Wh.hklm I, war es vor- 
belialten, den Schutz zu schallen und zu sichern, und seinem Eni<el. 
Fkiedrich II , dem ersten Preussischen Könige , der als Königlicher Prinz 
geboren Avurde, dem also die Königskrone gleichsam über der Wiege 
hing, sie gegen fast die gesammte damalige politisclu! Welt in langem 
Ringen siegreicli zu behaupten, so dass sie nunmehr auf seinem Haupte 
so fest sass, wie bei den ältesten Gescldcchtern. Das war rasch ge- 
gangen ! 

Hat nun, so drängt sicli heute der Preussischen Akademie der 
Wissenschaften, ihren Freunden und Schirmern, die wir in dieser 
Stunde um uns versammelt sehen, die Frage auf. h;it nun diese Krone 
ims Frommen und Segen gebracht, ist es für uns von dauerndem 
echten Werth gewesen, dass wir uns die Königlich Preussische 
Akademie der Wissenschaften nennen? 

Es braucht uns Niemand zu sagen, dass der wahre Werth einer 
gelehrten Gesellschaft in dem wissenschaftlichen und auch persönlichen 
W^erthe ihrer Mitglieder und in deren wissenschaftlicher Thätigkeit, 
verbunden mit einer gesunden, den Zeitverhältnissen angepas.sten Or- 
ganisation, ruht. Die Geschichte aller Akademien und gelehrten ^'er- 
bände hat es gezeigt, dass da, wo einer dieser Factoren mangelte, dies 
einen Niedergang für die Gesellschaft unausweichlich zur Folge hatte. 
Auch lehrt uns die Geschichte, wie selbst an den Höfen von Herren 
und Fürsten geringerer politischer Macht, wenn sie Sinn und wai-mes 
Empfinden für Kunst und \^'issenschaft besassen, ja, auch in einzelnen 
Städten, wo Gönner und Mittel sich fanden, sich Pflege- und Bh'ithe- 
stätten für gelehrte Forschung und künstlerisclies Schaffen entwickelt 
liaben, die für alle Zeiten Anerkennung, ja selbst Bewunderung lieischen. 
Der Medicäer-Hof in Florenz ist sprichwörtlich geworden, und tür 
unser Vaterland braucht nur an We i m a r erinnert zu werden . Aber tue CJe- 
schichte dieser Erscheimmg ist zugleich eine unerbittliche Lehrmeisterin: 
es sind zwar fiirbenpräclitige, aber kurzlebige Blütlien, die sich dort ent- 
falteten, und es sind aucli Blütlien der Kvinst mehr als der Wissenschaft. 
Für letztere mit ihren grossen, immer mehr wachsenden Aufgaben, die 
der Einzelne wohl f^irdern, aber nicht bewältigen kann, müssen mächtigere 
und umfassendere Unterlagen geschaffen werden. Auch im Wesen der 
Kunst und der Wissenschaft liegt ein ti(>fer Unterschied. Die Kirnst 
blüht im Leben der Völker, wenn diese überhaupt den für ihre Zeit höch- 
sten und besten ('ultiu-stand erreicht haben, wie die Blumen in einem 
guten (Jarten im Jahre. Jedes Jahr, so lange die Pflege gut ist, bringt 
köstlich prangend(> Blut heil lici\ or. ;iii de neu wir uns (•rlal)en und erfreuen, 
aber immer schöner luid \ ollkoiumener in sti'tigem Aufstieg können 



I 



Waldeyer: Festrede. 61 

sie nicht Averden. Unsere Zeit, so hoch sie augenblicklich, dank des 
guten Bodens, der für die Kunst wieder gewonnen ist, auch steht, bringt 
keine scliöneren , keine vollkommeneren Werke hervor, wie der Boden 
Athens in Perikles' Tagen, wie der Roms, als dort Julius IL und LeoX. 
die Tiara trugen. Niemand wird sich vermessen zu lioften , dass einmal 
die Nachwelt grössere und wimderbarere Dichterwerke schaft'en werde, 
als sie uns in den Psalmen, den Homerischen Gesängen, in unse- 
rem Nibelungenwerke überkommen sind, und als sie uns Aeschylos, 
Sophokles, Shakespeare, Goethe und Schiller hinterlassen liaben. Wir 
dürfen nur holi'en, dass ab und zu gutes Wetter und ein guter Gärtner 
komme, den Boden so zu pflegen, dass solche Blumen wachsen vmd 
sich entfalten können. Die Kunst ist das innigste und unmittelbarste 
Erzeugniss der 3Ienschennatur, die Wissenschaft ein mühsam von Tau- 
senden und Abertausenden aufgeführter Bau , an den wohl einmal dieser 
oder jener hochbegiiadete Geist ein gutes Fundament legt oder einen 
starken Pfeiler setzt, einen kühnen Bogen baut, der aber seine Kröniuig 
nimmer findet. Lnmer höher ragt er auf. immer harmonischer gestaltet 
er sich, aber es fällt auch wohl einmal ein Bogen, ein Flügel, ein Thurm, 
der sicher gegTÜndet schien, in Trümmer, wenn es auch dem Ganzen 
nichts schadet. Auch gleicht wohl, um ein anderes Bild zu wählen, 
die Wissenschaft in ihrer Gesammtheit dem schweren Blocke des Sisyphos, 
an dem Tausende eifriger Menschenkinder emporwälzen. Langsam tlreht 
er sich aufwärts, oftmals auch zurück, allzu külin Anstemmende zer- 
sclimetternd. Doch halten ihn die Anderen und bringen ihn hoch und 
hölier in der Arbeit der Jahrtausende. Aber den Gipfel erreicht der 
Block nimmer . nicht deshalb , so glaube ich . Aveil die Bergesspitze un- 
erreichbar an sich wäre, sondern Aveil der Berg selbst stetig in die Höhe 
wächst: die Welt selbst ist wie die Wissenschaft unendlich! 

Aus dem in diesen Bildern versinnlichten Wesen der Wissenschaft 
und ihres Fortschreitens können wir folgern, dass für den Fortschritt 
des Ganzen zu den epochemachenden Leistungen der einzelnen be- 
deutenden Persönlichkeiten eine wohlorganisirte stetige Gesammtarbeit 
Vieler hinzutreten muss. Die Förderung der Wissenschaft kann nur 
dauernd und wahrhaft erspriesslich werden, wenn sie auf eine breite 
Grundlage gestellt ist, und — die Geschichte der Entwickelung der 
"Wissenschaften hat es gezeigt — mit ihrem Anwachsen muss diese 
Grundlage immer gTÖsser sich gestalten. Immer mehr nimmt unsere 
Forschung den Charakter eines planmässig geordneten Zusammenwir- 
kens Vieler an. Um ein solches Zusammenwirken zu ermöglichen und 
fruchtbar zu machen, bedarf" es aber reicher, für lange Zeit sicher ge- 
stellter Mittel, bedarf es grosser Massen, die einen Schwerpunkt von 
gewaltiger Anziehungskraft in sich tragen. Mehr und mehr hat dies 



02 üU'eiitlii'hc Sil/.uiij; vom 24. .hiiiuai'. 

die P^rfalirung- und die Gcseliiclite (laryclput. Dies _i>ilt insl)esondere für 
die Naturwissensehnften. 

Aber es kommt nocli ein Anderes liinzu. was freilicli aueh fiir die 
Kunst in gleichem Maasse gilt, und insbesondere den Geisteswissen- 
schaften noth wendig ist: der Geschieh tsscln-eiber unserer Akademie bat 
dieses jüngst mit den Worten klargestellt: 

»Die Geisteswissenschaften aber bedüi-fen zu ihrer Blütlie den 
frischen Tliau persönlichen Lebens und die feste Unterlage nationalen 
VoUvS- und Staatsbewusstseins. Ohne sie führen sie ein blosses Schein- 
dasein.« 

Dieser frische Thau, dieses A^olks- und Staatsbewusstsein kann 
aber nur in einem grösseren Staatswesen sich bilden. Gewiss, jedes 
Städtchen, jedes Ländchen hat, wie jeder Mensch, seine Geschichte, aus 
der sich ein locales Volksbewusstsein oder ein Familienbewusstsein ent- 
Avickelt: ich bin auch weit entfernt, die Pflege von localpatriotischen (Ge- 
fühlen und Familiensinn als gleichgültig hinstellen zu wollen : es muss bei 
jedem Bau auch Steinmetzen geben. Indessen erwärmen und zu geistiger 
Arbeit anregen thun uns doch nur die Geschicke grosser Männer und 
Völker, welche bestimmend in die Weltgeschichte eingegriffen haben. 

Als Leibniz in seinem nimmermüden, rastlosen Bemühen, seinem 
grossen Gedanken von einer Alles umfiissenden Gesellschaft der Wissen- 
schaften Verwirklichung zu schaffen, Umschau hielt, machte er nach 
vielen vergeblichen Versuchen an anderen Stellen am Brandenburgi- 
schen Hofe Halt, wo eine geistvolle, weitschauende Fürstin, Sophie 
Charlotte, seinen Plänen mit vollem Verständnisse entgegen kam. Inso- 
fern unter den deutschen Fürsten nächst dem Kaiser in Wien der Km-filrst 
von Brandenbm"g und Herzog von Preussen damals die meisten 3Iacht- 
mittel in seinen Händen hielt, war hier auch die materielle Grundlage für 
eine gedeililiche Entwickelung eines so grossen Planes gegeben. Es ist 
wohl zuzugeben, dass dem Kurfürsten Fkiedrich III bei dem ihn unab- 
lässig fesselnden Gedanken, seiner thatsächlichen Maclit auch durch den 
Königsnamen Ausdruck zu geben, Alles annehmbar erscheinen musste, 
was die Bedeutung seines Staates in helleres Licht setzte. Hätte er nicht 
seine Hand bereit gelialten, um sie nach der Königskrone auszustrecken, 
Aver kann behaupten, dass er, ungeachtet der Fürsprache seiner Ge- 
mahlin, ülx'rhaupt die Gründung einer Akademie in Erwägung ge- 
nommen hätte. Sein Enkel, Fkiedkich der Grosse, sagt mit tiefer Ein- 
sicht in die menschliche Natur': »On sc trompe toujours si l'on cherche 
hors des passions et du coeur humain les principes des actions des 
hommes«. So scheint es zum mindesten nicht unwahrscheinlich, dass 



' OEuvres de Fredericq le Grand, lierlin 1846. Grosse Ausgabe. Bd. I, S. 117. 



Walueyer: Festrede. 63 

(lainals die Alcademie olinc den Königsgedankeii Feiedrich's III ebenso 
Avenig in Preussen gegründet worden wäre wie in Hannover und Sachsen. 

Aber dies sind ja für unsere Betraclitung weniger wichtige Dinge. 
Genug, das preussische Königthum und die Akademie waren zusammen 
geboren, sie wollten als gesund angelegte Kinder erhalten sein und 
forderten hartnäckig ihre Rechte, wie jedes gesund geborene Wesen. 
Für die Akademie that es Leibniz, ihre Seele, damals ihr Ein und 
Alles — denn es kommt uns so vor, wenn wir die Geschichte der ersten 
Jahre der Akademie lesen, als ob deren erste Mitglieder, von Menigen 
Ausnahmen abgesehen, sich nach der Constituirung der Akademie oder 
Societät, wie sie damals hiess, erst hätten darauf besinnen müssen, 
was sie denn nun eigentlich geworden wären. Was that nun König 
Friedrich I für seine Akademie? Herzlich wenig, so ist das Ergebniss 
der Geschichte! Und doch scheint es mir, müssen wir zu einem günsti- 
geren Urtheile kommen. Ich kann niclit umhin, hier der Thatsache 
zu gedenken, dass der König, wie kaum zu bezweifeln ist, aus eigenem 
Entschlüsse der Akademie die Aufgabe stellte, die Ptlege der deutschen 
Sprache in ihr Arbeitsprogramm aufzunehmen; leider ist sie dieser 
Verpfliclitung kaum nachgekommen. Aber unter Friedrich I ist doch 
auch dafür gesorgt worden, dass die Akademie unter Dach und Fach 
kam. Freilich wird, und mit Recht, darüber geklagt, dass erst 1710, 
zehn Jahre nach Gründung der Akademie, das ihr gegebene Versprechen 
eines eigenen Heimes eingelöst Avorden sei. Indessen kann ich nach 
vielfachen persönlichen Erfahrungen nicht gerade sagen, dass das eine 
ungcAvöhnlich lange Frist, namentlich für ein so A'öUig neues Unter- 
nehmen, Avar. Ich stütze mich auf Thatsachen , die unter andern auch 
bei Gründung der Universität Strassburg, wo die Mittel bereit Avaren 
und helle Begeisterung zum Werke trieb, sich erAviesen, ohne damit 
für den gegenwärtigen Stand der Dinge unsere Hoffnungen auf ein 
neues Akademie -Gebäude, Avelches in bestimmte Aussicht gestellt ist, 
dämpfen zu Avollen — mögen sie nicht eine Dekade lang auf Erfüllung 
zu Avarten haben! 

Genug, unter Friedrich dem Ersten kam die Akademie auf eigene 
Füsse, denn ihre Einnahmen Avaren schliesslich auch derart, dass sie 
bei einer grösseren Anzahl leistungsfähiger Mitglieder Avohl hätte bessere 
Erfolge auch schon in dieser ihrer ersten Zeit aufweisen können. Ein 
schlimmer Umstand Avar, dass Leibniz am Preussischen Hofe in Ungnade 
fiel, und er ist meines Erachtens dabei nicht ohne Verfehlen. Wenn 
Avir die rastlose Unruhe sehen, mit der er, selbst nach Gründung der 
Preussischen Akademie, überall an anderen Höfen neue Pläne vorbringt 
und überall Verbindungen anknüpft, so kann es nicht Wunder nehmen, 
dass er mit 3Iisstrauen angesehen Avurde, namentlich in der damaligen 



64 öffentliche Sitzunj; vom 24. Januar. 

Zeit der kk'inlifli.steii Eiler-süeliteleien zwischen den einzelnen deutsclien 
Höfen. Dass dieses Misstrauen nicht bloss dem Preussisclien Hofe zur 
Last lallt, beweist die Thatsache, dass es in Hannover sicli auch 
zeigte. Ich will damit diese Dinge niclit in Schutz nehmen, aber jede 
Zeit muss aus sich lieraus beurtheilt werden: die Meisten verstanden 
Leibniz nicht und Avürdigten ihn nicht: er Avar für seine Zeit zu gi-oss. 

Schlimm ging es der Akademie unter dem Zuclitmeister und Ordner 
des jungen Preussischen Staates, FiuicnRicii Wilhelm I. Auch die Aka- 
demie musste in ihren Knabenjahren seine Ruthe fühlen, nicht ganz 
unverdient, aber auch nicht gereclit, namentlich nicht in der Form. 
Ich muss indessen auch hier sagen, es sei nicht imwalu'scheinlicli, 
dass das Preussische Königthum, dessen Festigung doch auch Friedkich 
Wilhelm I sehr am Herzen lag, die Akademie vor dem Untergange 
gerettet hat. Die Factoren wirken in solclien Dingen vielfach, ohne 
dass man sie genau festlegen kann. Ein besonderes Glftck für die 
Akademie, und vielleicht ihre Rettung, war, dass der praktisch ge- 
sinnte König, der der Pflege des Mcdicinalwesens, und insbesondere 
auch der Anatomie und Chirurgie in Rücksicht auf sein Heer, leiclit 
zu gewinnen war, sicli bewegen liess, der Akademie die Sorge für 
den anatomischen Unterriclit anzuvertrauen. Sie leistete damit, denn 
.sie gew'ann gleich zu Anfang nicht unrühmliche Vertreter dieser Dis- 
ciplin, praktische Dienste, die der König gelten liess, ol)Wo]d sie 
ungern nur das Onus dieser »Sorge auf sich nahm. 

Erfreulich ist das Bild nicht, Avas uns die ersten 40 Jahre der 
Geschichte der Akademie liefern: aber sie war. wie man durchaus 
anerkennen muss, aucli wohl 40 Jabre zu früh gegründet worden. 
Man kann ebensowenig eine Armee wie eine Akademie aus der Erde 
stampfen, und der Preussi.sche Staat, vor Allem Berlin mit seinen 
30000 Einwohnern, bot keinen genügenden Anziehungsjjunkt für die 
notliwendige Anznhl von Gclelirten, um eine wirksame und aufblühende 
Akademie zu schalTen. Um so nielir drängt sicli die Meinung aul', 
dass nur durch das neu begründete Königtlium die Akademie über 
ihre ersten schweren Kinderjahre hinweggeholfen ist. Soweit ich 
aus den von mir eingesehenen Quellen entnehmen kann, lässt sich 
das allerdings actenmässig nicht feststellen: indessen aus der Sach- 
lage selbst ergeben sich gute Gründe. Für Fiuediuch I. wäi'c es eine 
Unmöglichkeit gewesen, die mit seinem Königthuine zugleich A^erwirk- 
liehte Akademie, von i\rv (hx-li sclion durch LEiHNizens unerinüdliclicn 
Eifer niclit geringes Aufsrlicn gemacht Avorden Avnr. Avicdcr ialicn zu 
lassen. Fhiedkich \\'ii,ni;i.M I hätte es. zuinnl er sicli l;ist in nllcn 
Dingen in Gegensatz zu seinem Vater stellte, leieliter gekonnt: er trug 
sich auch mit dem Gedanken, und ich will nicht beliaupten, dass ge- 



Waldeyer: Festrede. 65 

racle seine Königswürde ihn abgehalten hat, ihn zu venvirldiehen: 
erschwert hätte dieser Umstand es ihm jedenfalls. 

Zu allen diesen Erwägungen, dass in der That die preussisohe 
Königskrone Avie ein Schutz über der ersten Lebenszeit der Akademie 
geschwebt hat, kommt noch das Zeugniss LEiBNizens, der in der von 
ihm verfassten Glückwunschadresse der Akademie an den von der 
Krönung heimkehrenden König Friedrich sagt: 

"Friderice, novum decus Regibus addite, ex condito a Te regne 
reducem salutat veneraturque Regem Societas Scientiarum Tua, per 
te Regia, et rebus pulcherrime gestis applaudit. Nec^ue enim in 
gaudio publico, in gratulatione communi, in triumpliali ingresso Tuo 
silere nos fas est: et quis mutam ferret Societatem, quam fundasti 
ipse, quam protegis, quam ornas, quae vocales etiam in laudes Tuas 
facere debet, cum admoneant nos radii ipsi Majestatis Tuae, qui re- 
üexione perveniunt ad nostram us(]^ue mediocritatem. Tu Prutenorum 
gloriam caelo attollis, Regio diademate dato. Societas Tua, Tuis au- 
spiciis prutenica orbis coelestis studia benefica continuatura est in 
hiunanum genus: neque enim ante Prutenum Astronomum se norat 
orbis. Per Te Aquila Tua in Summum evecta »cognata ad sidera. 
surgit«. 

Was FEiEDEicit der Grosse persönlich für die Akademie gewesen 
ist, wie sie durch sein eigenstes Eingreifen erst zur Akademie wurde, 
das ist aller Welt sattsam bekannt. Ich will nur darauf hinweisen, 
wie seine Stellung als König der Akademie zu Gute kam. Er empfand 
es wohl, wie ihm zu dem Namen noch die Macht fehlte, und wie er 
als König in die Weltpolitik, soweit es damals eine solche gab, noth- 
wendig hineingezogen wurde. Er erkannte klar, dass er, wenn er sich 
von dieser grossen Politik ausschlösse, aufhören würde, König re 
Vera zu sein. Und so nahm er die erste Gelegenheit wahr, sich den 
Königen neben ihm gleich zu erweisen. Es gelang ihm zum Heile 
Deutschlands und der Menscldieit. dürfen wir wohl sagen. Wenn wir 
Fkiedrk'ii selbst hören', so kann die entwickelnde Kraft, die in der 
Standeserhöhung liegt, nicht klarer ausgedrückt werden: C'etait, sagt 
er, une amorce que Frcdcricq III jetait a toute sa posterite et par la- 
([uelle il semblait lui dire: »Je vous ai acquis un titre, rendez-vous- 
en digne; j'ai jete les fondaments de votre grandeur, c"est-;i vous 
d'acliever l'ouvrage«. In diesem Satze liegt die ganze, ich möchte 
sagen, magisdie Zugkraft, die einer solchen vor dem Forum der ganzen 
eifersüchtig schauenden Welt vorgenommenen Erhöhung innewohnt. 
Täuschen wir uns darüber nicht und setzen wir uns darüber nicht 

' A. a. 0. S. 117. 



{)(j Öfleatlichc Sitzung vom 24. .laiiuar. 

leicht hinweg, die äusseren Formen sind von den Dingen nicht zu 
trennen : Die Fassung gehört zum J]delsteine wie der Ralimen zum 
Bilde; beide sollen einander werth und würdig sein. Selbst unsere 
Zeit, die sich oft rülmit, dass sie gleichgültig gegen solche Dinge ge- 
worden sei, hat eine ganze Reihe von fürstlichen Standeserhöhungen 
aufzuweisen, und über sie zu lächeln oder gar zu .spotten, lieisst die 
Welt nicht kennen. Wir wissen ganz genau, dass die Tüchtigkeit der 
Preussischen Herrscher es war, welche dem jungen Staate zu solch' 
imgeahnter EntAvickelung verhalf: aber wie Friedkupi es selber klar 
bezeugt und wie es auch so völlig menschenwerth und natürlich ist: 
das erworbene Königthum hat seinen Theil zu dieser Entwickelung 
beigetragen. So wuchs der junge preussische Staat gleichsam wie 
ein neues Rückgi-at in die deutschen Lande hinein, um zur rich- 
tigen Zeit, als das alte Kaiserhaus melir und mehr hinausglitt, das 
Ganze tragen zu können. Das neue Königreich fasste die zalüreichen 
gebildeten Elemente des Protestantismus zusammen, welche in Deutsch- 
land wenigstens das grössere Kontingent der Männer der Wissenschaft 
stellten. Alles dieses musste der Akademie zu Gute kommen: ihre Ent- 
wickelung schritt, sichtbarlich von der Entwickehmg des Preussischen 
Staates getragen, mit diesem voran. 

Hat nun diese Akademie dem Preussiselien Staate diese mit der 
Königskrone auch ihr zu Gute gekommene Förderung vergolten? Hat 
sie die ihr damit erwachsene höhere Aufgabe erfüllt? Es würde schlecht 
ziemen, an dem heutigen Tage, wo wir vor Allem zu danken haben, 
den Ruhmredigen zu spielen. Aber das düi-fen wir wohl sagen, an 
unserem guten Willen und treuer Pflichterfüllung hat es nicht gefehlt. 
Im bescheidenen Gefühl dessen, dass uns bei unserem luivergesslichen 
Jubilämnsfeste vor noch nicht Jahresfrist des Lobes und der Anerken- 
nung viel mehr gespendet worden ist, als wir es verdienen — aber 
wir freuen ims dessen, weil wir die Herzenswärme sowohl unserer 
Scliirmer und Freunde, vor Allem aber unserer Schwester-Gesellschaften 
auf dem ganzen Erdenrund wohl dabei herausgefühlt haben — , so wollen 
wir doch auch freudigen Stolzes am heutigen Tage bekennen, dass wir 
uns sicher und ruhig fühlen in der Durchführimg und Weiterentwicke- 
lung der Arbeit, die uns obliegt und dass wir ohne Überhebung das 
Versprechen abgeben können, Fürst und Vaterhind werden \ms am 
richtigen Platze linden unter der Kaiser- wie unter der Kimigskrone. 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 67 

Alsdann wurden die Jahresberichte über die von der Akademie ge- 
leitc^ten wissenschaftlichen Unternehmungen sowie über die ihr ange- 
gliederten Stiftungen und Institute erstattet. 



Sammlung der griechischen Inschrifien. 

Bericht des Hrn. Kikchiioff. 

Die Bearbeitung des zur Vervollständigung des dritten Bandes 
der Nordgriechischen Inschriften angesammelten Materials ist von Hrn. 
Prof. Kekn in Angriff genommen worden und hofft er, dieselbe dem- 
nächst so weit fördern zu können, dass mit der Drucklegung im Laufe 
des konunenden Sommers begonnen werden kann. 

Der Druck der von Hrn. Prof. Fkänkel redigirten ersten Alithei- 
lung der Peloponnesischen Inschriften ist im Laufe des vei-tlossenen 
Jahres soweit vorgeschritten, dass der Beendigung und der Ausgabe 
des betrefienden Bandes gegen die Mitte dieses Jahres entgegen- 
gesehen Averden darf. 

Mit der Herstellung zwei weiterer Fascikel des Corpus der Insel- 
inscliriften sind gegenwärtig die HH. Prof. Dr. Freiherr Hiller von 
Gaehtringen und Dr. Herzog beschäftigt, nachdem zum Zweck der 
Vervollständigung und Revision des Materials der erstere im Sommer 
vorigen Jahres die Insehi Andros, Tenos, Syros, Keos, Kythnos, 
Paros und los (diese beiden zum zweiten Male) bereist, und der 
letztere, welchem die Zusammenstellung der Inschriften von Kos und 
Kalymma übertragen worden ist, gleichzeitig sich mit Unterstützung 
der Akademie auf den genannten Insebi aufgehalten und gearbeitet hat. 



Sammlung der lateinischen Inschriften. 

Bericht der HH. Mommsen und Hirschfeld. 

Der Druck der Nachträge zu den Inschriften der Stadt Rom (Bd. VI), 
die sich als über Erwarten umfangreich erwiesen haben, ist von Hrn. 
Hülsen im vergangenen Jahre von Bogen 432-441 gefördert worden; 
der Absei duss wird füi' das Ende des Jahres in Aussicht gestellt. 
Die Vorarbeiten für die sachlichen Indices sind in Berlin unter Leitung 
des Hrn. Dessau in Angrift" genommen: die Bearbeitung des Namen- 
indcx ist Hrn. Bürcklein übertragen worden. 

Hr. Bormann hat die Nachträge zum XI. Band (Mittelitalien) druck- 
fertig gemaclit und den Index auctorum mit Hülfe des Hrn. Keune in 
Metz, der auch die Redaction der übrigen Indices übernommen hat, 
im Wesentlichen fertig gestellt. Die von Hrn. Ihm übernommene Be- 



68 Öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

{trlxütuiii;' der (j!('t'ä.s.sin.sclint"teii vuid des sonst i.i^oii Iiistnimcnmiii xoii 
Mittelit.-dicn ist im Satz zu Ende gefülirt. 

Die Insclirifton von Ccrmanion (Bd. XIII. 2) liat llr. Z.\NCii:MEisTi;it 
l)is Bogen 44 zum Satz gebracht und das Manuscript von 01)ergernianien 
fast druckl'ei'tig gestellt. Sowold l'ür dieses Gebiet, als auch i'ür den 
Hrn. Z.\NGKMEisTKR zufaUcndeu Tlieil der Belgiea liat Hr. von Dom.vszkwski 
umfassende Vorarbeiten für die Redaction der Inscliril'ten gcumclit. Die 
Drueklegiuig des französisehen Tlieils der Belgiea zu Ix'giuuen ist Hr. 
HiRscHFF.LD durcli Krankheit verliindert worden; doch ist das 31anuscript 
druekl'ertig und soll in wenigen Monaten zum Satz gelangen. Für 
den dritten Theil des Bandes liat Hr. Boun das uml'angreiehe Capitel 
der Gefässinschrif'ten von Gallien und Germanien venu 22. ))is zum 
40. Bogen gelordcrt und hofl't, diese Abtheilung denmäclist zum Alv 
schluss zu bringen. 

Den Druck der dritten Abtheilung des XY. Bandes gedenkt Hr. 
Drkssel im Februar dieses Jahres zu Ijeginnen; die Bearbeitung der 
Stempel- und Gemmeninsclirift ist im Manuscri})t fertig gestellt. 

Von den Arbeiten für die Ergänzungsbände ist Folgendes zu 1)C- 
richten: 

Der 111. Su])plementband, dessen Redaction den IUI. ]Mommsi:n, 
HiRSCHFELD, A'ON DoMA.szEWSKi oblicgt, hat aucli in diesem Jahre massen- 
haften ZuAvaclis erfahren, so dass es geboten erscheint, für diese Nach- 
träge eine Ergänzung zu den Indices zu liefern; mit dieser Arbeit ist 
Hr. Regling beschäftigt. Die Fertigstellung der Karten, deren Vollen- 
dung seinem Vater niclit mehr vergörmt war, hat mit dankenswerther 
Bereitwilligkeit Hr. Richard Kiepert übernommen. So dürfen wir 
hoffen , dass dieser Band , dessen Herstellung in Folge seiner Ausbreitvmg 
über einen grossen Theil des römischen Reiches besonderen Schwierig- 
keiten begegnete, im Sommer dieses Jahres zur Ausgabe gelangen werde. 

Der IV. Supi)lementband (Pompeji) hat nur bis zum Abschluss der 
Wandinschriften gefordert werden können, docli hofft Hr. Mau die nocli 
ausstehenden Amphoreninschriften im Laufe dieses Jahres zu erledigen. 

Die Drucklegung des Instrumentum von Al'rica (VIII. Supplement- 
band) ist, tlicils durch den grossen Zuwachs desselben in den zwei 
letzten DecoMinlen. tlieils dvu-ch die Schwierigkeit, genaue Abschriften 
zu beschaffen, verzögert Avordcn; jedoch stellt Hr. Dessau den Abschluss 
dieses Tlieils in baldige Aussiclit. Mit den Vorarbeiten zu den Indices. 
deren Redaction Hr. Regung übci-iionimen hat. ist begonnen worden. 

3Iit besondei-em l);nil<c hat die Akademie es anerkannt, dass in 
Folge der auC X'ci-nilassuiig ihrer Säcidarfeicr ihr gewährten Hülfs- 
arbeiterstellen eine solche Inr die Vollendung und Fortführung der 
lateinischen Inschriftensammlung eingerichtet und auf ihren Vorschlag 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 69 

von der vorgeordneten Behörde Hrn. Dess.vu übertragen worden ist. Da 
das Unternehmen selbst seinem Wesen naeh einerseits zeitUch nicht 
begrenzt ist. andererseits naeh den l)estehenden akademischen Ord- 
nungen der Fall leicht eintreten kann, dass die lateinische Epigrapliik 
in der Akademie selbst siieciell nicht vertreten ist, so ist dm'ch diese 
Einriclitung dafür, dass es an einer geeigneten Kraft für dieses grosse 
Unternehmen auch in Zukunft nicht fehlen Avird, insoweit Sicherheit 
gegeben, als überhaupt dies bei derartigen Unternehmungen möglich ist. 
Das in der Königliehen Bibliothek deponkte epigrapliische Archiv, 
das Dienstags von ii-i Uhr unter den durch die Beschaffenheit der 
Sammlung gebotenen Cautelen der Benutzung offen steht, hat in dem 
vero-ano'enen Jahre einen wesentliclien Zuwachs nicht erfahren. 



Ai'istoteles - Commentare. 

Bericht des Hrn. Diels. 

Im abgelaufenen Jahre sind folgende fünf Ausgaben fertiggestellt 
worden: Themistius in Analytica i:)osteriora (Vi) ed. M. Wallies, des- 
selben in Pliysica {V2) ed. H. Schenkl; Ülympiodorus in Meteora (XII 2) 
ed.G. Stüve: Elias inPorphyrii Isagogen et Aristotelis categorias (XA^III i) 
ed. A.Busse und endlich Philoponus in Meteora (XIV i) ed. M. Hayduck. 
Von Themistius de eaelo (V 4) ist der hebräische Text bearbeitet von S. 
Landauer ausgedruckt und die lateinische Übersetzung begonnen worden. 



Prosopographie der römischen Kaiserzelt. 

Bericlit des Hrn. Mommsen. 

Hr. Klebs hat auch in dem vergangenen Jahre den noch aus- 
stellenden Theil der Prosopographie nur wenig fördern können. Auch 
Hr. Dessau hat die Drucklegung der Magistratslisten auf dieses Jahr 
verschieben müssen. 

Politische Correspomlenz Frieurich's des Grossen. 

Bericht der IIH. Sciimollei; und Kosee. 

Zur Veröffentlichung gelangte der 26. Band in der Bearljeitung 
des Hrn. Volz. enthaltend den Sclu-iftwechsel des Jahres 1767 in 
540 Nummern. 

Das Jalir 1767 erhielt seine politisclie Signatur durch das be- 
Avaffnete Eingreifen Russlands in den polnischen Verfiissungskamiti' zu 
Gimsten der Dissidenten griecliisch- katholischen Glaubens. In der 



70 öffentliche Sitzung vom "24. Januar. 

Anualiuie. dass diese Politik der Kaisei'in Katharina zu einem Bruelie 
zwischen Russlaud und Osteireidi l'ülircn werde, und in der Erkennt- 
niss, dass er als Verbündeter der Zarin in einen solchen Krieg hinein 
gezogen werden musste, beantragte König FiiiKDRirn in Petersburg eine 
Erweiterinig des bestehenden Bündnisses und erhielt darauf von russi- 
scher Seite am 4. Mai 1767 die vertragsmässige Zusage, dass Preussen 
im Krieg.sfalle auf Kosten des Angreifers eine niclit nälier bezeiclinete 
territoriale Entschädigung erhalten sollte. Inzwischen hatte er, um 
die Stimmung des Wiener Hofes und (h-n Zweck gewisser ihn ])eun- 
ruhigender militärischer Vorgänge an den österreiclnsclien Grenzen zu 
ergründen, seinerseits in augentalliger Art einige Ilüstinigen angeordnet 
und dadurch erreicht, dass der Gesandte Maria Thkresia's in Berlin 
beschwichtigende Erklärungen über die Friedensliebe seines Hofes ab- 
gab. Andererseits bestärkte sich der König je länger je mehr in der 
Auffassung, dass Russland die ])olnischen Unruhen benutze und schüre, 
um seine Herrschaft in Polen (hiuernd zu begründen, und in dieser 
Befürchtung zog er bereits ein Zusammengehen zwischen Preussen und 
Osterreich in den Bereich der Möglichkeit, indem er von seinem Ge- 
sandten in Wien Auskunft darüber heischte, ob dort der alte Gegen- 
satz gegen Preussen oder der neue gegen Russland stärker Avirke. 

Eine wesentliche Bereicherung erhielt unser Material durch die 
Reisen, welclie Hr. Volz im vergangenen Jahre nach Wien und dem 
Haag unternahm. Im k. inid k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien 
wurden die Berichte der kaiserlichen Gesandten vom Berliner Hofe 
durchgesehen, zumal in Bezug auf ihre Unterredungen mit dem Könige 
von Preussen. Im Königlichen Hausarchiv im Haag wurde des Königs 
Briefwechsel mit seiner Nichte, der Prinzessin Wilhelmine. und ihrem 
Gemahl, dem Prinzen -Erbstatthalter Wilhelm V., durchforscht. wol)ei 
sieh die Briefe an die Prinzessin als überaus werthvoUe Zeugnisse itir 
die persönliche Charakteristik herausstellten. 

Mit dem Drucke des 27. Bandes wird denmächst begoiuien werden 
können. 

Griechische Münzwerke. 

Bericht des Hrn. IMommsex. 

Von der zweiten Abtheilung des ersten Bandes des von Hrn.lMHOOF 
geleiteten nordgriechischen Jlünzwerkes hat Hr. Pick gegen Ende des 
Jahres den Satz wieder aufgenommen und verheisst dessen Förderung. 

An dem dritten die makedonischen IMünzen umfassenden Bande 
hat eine nothwendige Umarbeitung des Manuscrii^ts Hrn. Gabler ver- 
anlasst, den Druck zu sistiren, welcher demnächst wieder aufgenommen 
werden soll. 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 71 

Von der Sammlung der kleinasiatischen Münzen hat Hr. Kubitsciiek 
ausser der Fortführung der Litteraturau.szüge an den Yorbereitungen 
für seine numismatisclie Reise gearbeitet, welche er im Sommer dieses 
Jahres anzutreten gedenkt. 

Mit Hrn. Dr. Heberdey in Smyrna ist für die Bearbeitung der 
lykischen Münzen ein Abkommen getroffen worden , demzufolge derselbe 
diesen Theil der Publication vorbereitet. 

Hr. VON Fritze hat die Bearbeitung der Münzen Mysiens, theils 
nach den Originalen, theils nach den Litteraturscheden fortgesetzt. 

Vor allen Dingen ist diesen Unternehmungen eine von Hrn. Imhooi- 
Blumer in Winterthur gemachte Stiftung zu Gunsten der numismatischen 
Arbeiten der Königlichen Akademie zu Gute gekommen, über welche, 
da die dafür erforderlichen Festsetzungen ]ioch nicht vollständig ab- 
geschlossen sind, erst im Folgejahr eingehender berichtet werden kann. 

Acta Uorussica. 

Bericht der HH. .ScuMOLtER und Kosek. 

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm I. und dem Fürsten 
Leopold von Dessau, dessen Herausgabe in den Händen Prof. Dr. 
Kkal'ske's in Göttingen liegt, hat, obwohl seit zwei Jahren gedruckt, 
immer noch nicht dem Publicum übergeben werden können. Die Ver- 
zögerung wurde durch die Krankheit des Herausgebers verursacht; 
doch ist er jetzt wieder hergestellt, so dass zu hoffen ist. er werde 
die noch nicht ganz vollendete, nur von ihm selbst herzustellende 
Einleitung bald abschliessen können. 

Der dritte Band der Acten, welche sich auf die Behördenorga- 
nisation unter Friedrich Wilhelm I. beziehen, umfasst die wichtigste 
Zeit der Regierung dieses Königs, Januar 1718 bis Ende Juni 1723. 
Er ist von Dr. Löwe fertiggestellt, bis zu Bogen 20 gedruckt, wird 
bis Mitte des Jahres 1901 vollendet werden. Wie schon im vorigen 
Jahre berichtet wurde, ist Dr. Löwe in den Archivdienst getreten, 
besorgt aber die Drucklegung dieses Bandes noch. An seiner Stelle 
ist für die Fortsetzung von der akademischen Kommission Dr. W. Stolze 
gewoimen worden, der im Januar dieses Jahres eingetreten ist. 

Der sechste Band der Acten (VI. 2), Avelchc sich auf die Be- 
hcirdenorganisation beziehen , umfasst die ersten fünf Regierungsjahre 
Friedrich's des Grossen, 1740 bis Ende 1745. Er ist von Prof. Dr. 
0. HiNTZE fertiggestellt und liegt gedruckt vor. Dr. E. Bracht hat 
ihn dabei unterstützt. Die akademische Commission hat den Band bis- 
her nicht ausgegeben, weil es richtiger schien, ihn gemeinsam mit der 
Einleitung zu veröffentlichen, welche Dr. Hintze im Auftrage der Com- 
Sitzuiigsbcriclitc 1901. ' 



72 Üffeiitliclie Sitzung vom 24. Januar. 

missiou dazu geschrieben lial. Diese hat einen solchen Umfanf>: erreicht, 
(lass .sie besser als besonderer Band (VI. i) erscheint; .sie ist in der 
H<iu])tsache lertitj- und lie,i>-t bis Bossen 26 sclion gedruckt vor. Sie 
gicbt einen Überl)lick über die ganze preussische Staatsverwaltung im 
Jahre 1740, gleichsam ein Staats- und Verwaltungsrecht und ein 
Staatshandbuch des preussischen Staates einschliesslich Schlesiens und 
Ost- Frieslands um diese Zeit. Der allgemeine wissenschaftliche Wertli 
unserer Publication, sowie ihre Benutzbarkeit . wird durch solche zu- 
samnKMifassende Übersichten sehr gesteigert. 

Der zweite Band der Getreidehandelspolitik \on Dr. W. N.vude, 
dessen baldige Fertigstellung vor einem Jahre berichtet wurde, ist 
auch nahezu gedruckt. Er enthält für die Zeit bis 1 7 1 3 eine über- 
sichtliche Darstellung ohne Acten. Das er.ste Buch behandelt die städti- 
sche und territoriale Getreidehandelspolitik im deutschen Nordosten bis 
1640, das zweite die brandenburgische unter dem Grossen Kur- 
fürsten, das dritte die unter Fkikbrich I. bis 17 13. Auch für die 
Zeit von 17 13 — 1740 ist im vierten Buche (Die Getreidehandelspolitik 
und Kriegsmagazinverwaltung Friedrich Wiliiki.m's I.) eine übersicht- 
liche Darstellung der Actenauslese des fünften (Acten und Urkunden 
zur Geschichte der Getreidehandelspolitik luid KriegsmagazinA'crwal- 
tung Friedrich Wh-helm's I.) vorausgeschickt. Diese Behandlung er- 
schien nothwendig, um die Urkunden nicht mit dem Abdruck zahl- 
loser in ähnlicher Weise sich wiederholender Einzelvei'fügungen zu })e- 
lasten; ilir Inhalt konnte in der Darstellung meist mit wenigen "Worten 
angegeben werden, während ihr Abdruck viele Seiten und Bogen um- 
fasst hätte. Es fehlt nur noch der Abdruck einer Reihe statistischer 
Tabellen. Die Ausgabe des Bandes kami in 2-3 Monaten erfolgen. 

Dr. Freiherr Fr. von Sciirötter, zugleich Hülfsarbeiter beim Münz- 
cabinet des Königlichen Museums, hat den ersten Band der branden- 
burgisch -preussischen Münzpolitik in der Hauptsache vollendet und 
arbeitet jetzt über die Zeit Fkiedricii's des Grossen. Wir haben den 
Druck des ersten Bandes zunächst nur deshalb verschoben, weil wir 
nicht an mehr als vier Bänden zugleich drucken wollten. 

Wir Ijemerken noch, dass die akademische Commission die von 
Prof. Dr. 0. Hintze redigirten, vom Tirandenburgisch- preussischen Ge- 
schichtsvereiu herausgegebenen Forschungen zur brandcnburgischen und 
])reussischeii Geschichte seit Band XII in derselben ^Vcise. wie es 
fi'üher vom vorgesetzten Ministerium geschah, unterstützt und dieses 
Organ benutzt , um darstellende Arbeiten und Acten aus unserem Ge- 
biete und unserer Epoche, welche die Verölfentlichung verdienen, 
aber sich in unsere grosse Publication schwer einreihen lassen, Aveite- 
ren Kreisen vorzulegen. Sie hat im letzten Jahre auch beschlossen, 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 73 

einer ausgezeichneten Untersuchung über die ständischen und steuer- 
lichen Verhältnisse Ostpreussens von 1688 — 1704 vom Schulinspector 
Bergmann in Potsdam eine kleine Druckunterstützmig zu privater Ver- 
öflfentlicliung zu gewähren, da die Arbeit materiell ganz wesentlich 
zur Aufhellung der ostpreussischen Verwaltungspolitik von 1713 — 1720 
beiträgt, formell aber nicht in den Rahmen unserer Publication passt. 



Historisches Institut in Rom. 

Bericht der HH. Koser, Lenz und Scheffer-Boiciiorst. 

Von den «Nuntiatur -Berichten aus Deutschland« ist der zwölfte 
Band der ersten Abtheilung erschienen, enthaltend die Berichte aus 
der ersten Hälfte des Pontificats Julius' III. bis zur Flucht Kaiser 
Karl V. aus Innsbruck im Mai 1552. Ausser den Acten des Vatica- 
nischen Archivs sind die diplomatischen Correspondenzen der Medici 
im Staatsarchiv zu Florenz, der Este im Staatsarchiv zu Modena und 
der Gonzaga im Ai-chivio Gonzaga und im FamiUenarchiv der Capilupi 
zu Mantua herangezogen worden. Der dreizehnte Band, für den Hr. 
KuPKE nach Besuchen in Florenz, Siena, Mantua, Modena, Parma, 
Venedig, Bologna, Rimini und Ascoli das Material bereits beisammen 
hat, wird die letzten Regierungsjahre Julius' m. und die Anfänge 
Paul's IV. behandeln. 

Was die noch ausstehenden Bände V—VII (Ende 1539— 1544) und 
X., XI (1547 Mai bis 1549 November) der ersten Abtheilung anbetrifl't, 
so hat Hr. Friedensbueg bei Sichtung und eingehender Prüfung des 
für den ersten dieser Zeitabschnitte gesammelten Stoßes feststellen 
können, dass neben dem Vielen, was in Sonderheit aus den Jahren 
der Religionsgespräche (1540-1541) schon gedruckt ist, den neu er- 
mittelten Zeugnissen ein erheblicher selbständiger Werth fiir die Kennt- 
niss des Zusammenhanges der kirchenpolitischen Entwickelung bei- 
kommt. Eine Enttäuschung brachten indess die archivalischen Nach- 
forschungen in München, da die noch vor 80-90 Jahren von Andreas 
Seb. Stumpf benutzten Acten zur Geschichte der bayerischen Politik 
um 1540 ihrem Haupttheil nach, wie es scheint, verloren sind. 

Hr. ScHELLHAss hat den zweiten, das Jahr vom April 1574 bis April 
1575 umfassenden Band seiner Ausgabe der Nuntiatur -Acten Portia's (Ab- 
theilung III, Band 4) dem Druck übergeben; die Veröffentlichung wird im 
Laufe dieses Jahres erfolgen , der Druck des folgenden Bandes sich un- 
mittelbar anschliessen. Innerhalb der vierten Abtheilung hat Hr. Heiden- 
hain in Jena den Abschluss des ersten Bandes (1603-1605) der Prager 
Nuntiatur für den kommenden Juli in Aussicht gestellt. Hr. Kiewxing 



74 öffentliche SitKung vom 24. Januar. 

in Detmold hat den dritten Band der Berichte au.s der Zeit des Man- 
tuanischen Erbfol,^ekrieges bereits jetzt nahezu vollendet. 

Von den Mitarbeitern des Repcrtorium Germanicnm sind ausge- 
schieden Hr. Kaufmann anlässlicli seiner Erneiniung zum Arcliivar am 
Königl. Staatsarchiv in Magdeburg, sowie die nur vorübergehend ein- 
getretenen HH. Rosenfeld und Knetsch. Hr. Kaufmann wui'de als 
ständiger Mitarbeiter durch Hrn. Klinkenbokg ersetzt. Die Bearbeitung 
der Regesten Eugen's IV. hat dem Leiter der Abtheilung, Hrn. Arnold, 
die Excerpirung der Lateranregistor Bonifaz' IX. und Johann's XXIET. 
und der Supplikenregist(>r Martin's V. sowie der älteren Acten der 
päpstlichen Finanzverwaltung den Mitarbeitern obgelegen. Bis zum 
3 1 . März d. J. Avird das ganze Arbeitsprogramm voraussichtlich so weit 
erledigt sein, dass nur noch fui- das Pontificat Martin's V. eine allerdings 
nicht unbeträchtliche archivalisehe Arbeit zu leisten bleibt. Näliere 
Mittheilungen darüber, in welcher Weise der Abschluss auch dieses 
Theiles der grossen Aufgabe zu erzielen und wie der gesammte binnen 
acht Jahren gehobene Scliatz am fruchtbarsten zu verwerthen sein 
wird, bleiben der nächstjährigen Bericliterstattxmg vorbehalten. 

Über das besondere Arbeitsgebiet der einzelnen Mitglieder liinaus 
ist die Leitung des Instituts bestrebt gewesen, eine allgemeine Orienti- 
rung über den unermesslichen Inhalt der vaticanischen Sammlungen 
zu gewinnen. Unter diesem Gesichtspunkt ist in den letzten Jahren 
namentlich Hr. Kupke damit beschäftigt gewesen, erhebliche Theile 
der Serie »Lettere«, welche neben den Nuntiatur- Berichten die zweite 
grosse Fundgi'ube fax die neuere Geschichte bildet, durchzunehmen 
und in kürzester Form diejenigen Stücke festzuhalten, die von deut- 
scher Seite ausgegangen sind. Gemeinsam haben die HH. Friedens- 
BLTRG, ScuELLUAss uud Kui'KE im Ictztcu Jalirc füv die Regierung Inno- 
cenz' X. (1644-55), das gesammte Material an Briefen aus und nach 
Deutschland in 600 Regesten Acrzeichnet , die in der Zeitschrift des In- 
stituts als Specimen einer in gleicher Weise fortzufiihrenden Übersicht 
verölTentlicht werden sollen. Aus einer späteren Periode ist im gegen- 
wärtigen Augenblicke von besonderem Interesse das dui'ch einen glück- 
lichen Fund des Hrn. Friedensburg zu Tage geförderte Actenmaterial, 
welches den Protest Clemens" XL gegen die Annahme der Königs- 
würde durch Brandenlnu'g in einem neuen Licht ersclieinen lässt. Eine 
auf Grund dieses 3Iaterials verfasste Abliandlung wird in der »Histori- 
schen Zeitschrift« erschehien. 

Von den »Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven 
und Bibliotheken« liegt der dritte Band vor, mit Beiträgen von Deprez 
(Mitglied der Ecole franeaise de Rome), Fhiedensburg, Haller. Kauf- 
mann, Kupke, ^Ikydenuauer und Scuellhass. Die Forschungen deut- 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 75 

scher Gelehrter sowie die wissenschaftUchen Aufgaben der Monumenta 
Germaniae Historica uud der historischen Commission bei der Münche- 
ner Akademie der Wissenschaften sind durch das Historische Institut 
Avie bisher nach Kräften unterstützt worden. 



Thesaurus linguae latinae. 

Bericht des Hrn. Diels. 

Das im vorjährigen Bericht genannte Bureau in München hat nach 
Aufarbeitung der Reste der Verzettehmg und Excerpirung die Redaction 
der Lexikonartikel zugleich bei den beiden Bänden A und An begonnen. 
Von beiden liegen die ersten Lieferungen vor. Das regelmässige Fort- 
schreiten des Werkes ist, wie die Conferenz der akademischen Com- 
mission am 12. und 13. October in München festgestellt hat, gesichert. 
Als Assistenten neu eingetreten sind in das Bureau im abgelaufenen 
Jahre die HH. Dr. Prinz (Stipendiat der österreichischen Regierung), 
Dr. DiEHL und Dr. Bickel (Stipendiaten der preussischen Regierung), 
ferner Dr. Kempf. Ausgetreten sind die Assistenten HH. Doctoren Rab- 

BOW, LOMMATZSCH UUd LeHNEET. 

Die Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften hat Hrn. Prof. 
Marx zum ständigen Stellvertreter in der Commission ernannt. 

Hr. VON WöLFFLiN, dcsscu Stiftung auf 15000 Mark angewachsen 
ist, hat der Thesaurus -Casse fiii- das nächste Jahr 1200 Mark ge- 
schenkt, um die Stiftung einer neuen Assistentenstelle zu ermöglichen. 



Ausgabe der Werke von Weierstrass. 

Die im letzten Bericht ausgesprochene Erwartmig des baldigen 
Erscheinens von Band IV (AßEL'sche Functionen) hat sich niclit erfüllt. 
Der Druck ist in Folge wiederholter unvorhergesehener Stockungen 
im abgelaufenen Jahre nur bis zum 58. Bogen vorgeschritten und es 
lileiben s-eaenwärtis' noch etwa zwanzis- Bogen des Bandes zu drucken. 



Kant- Ausgabe. 

Bericht des Hrn. Dilthey. 

Die beiden ersten Bände des Briefwechsels Kant"s, welchen Hr. 
Oberbibliothekar Dr. Reicke in Königsberg herausgiebt, sind erschienen, 
mit dem dritten Bande, welcher im Druck ist, wird die Correspon- 
denz Kant's abgeschlossen sein: für den Apparat und die biogTaphisch- 
litterarischen Erläuteruns,-en ist ein vierter Band vorgesehen. Nach Er- 



76 Öffentliclie Sitzung vom 24. Januar. 

Icdig'ung der Voi'bereitung'oii , welche sicli insbesondere auf die spracli- 
liohe Behandlung der Originaldrucke bezogen, und nachdem die Edition 
der Briefe weit genug gediehen war, hat der Druck des ersten Bandes 
der Werke begonnen. 

Das Material wurde dankenswerth bereichert durch einen Brief 
Kant's an Seiler, welchen Hr. Verlagsbuchhändler H. Minden (Dresden) 
freundlichst überliess, und einen, Briefentwürfe und Concepte Kant's 
sowie Briefe an ihn enthaltenden Manuscriptband der Dorpater Univer- 
sitätsbibliothek. Dieser ist von Hrn. Bibliothekar Schlüter, welcher 
wiederholt der Kant -Ausgabe sein Interesse thätig bewiesen hat, auf- 
gefunden und von der Kaiserlich Russischen Regierung mit gewohnter 
Liberalität der Ausgabe zur Benutzung überlassen worden. Der Brief- 
wechsel erfährt auf diese Weise eine nicht unwesentliche Bereicherung. 
Ferner übersandte Hr. Pfarrer Hass, dessen gütiger Vermittelung die 
Ausgabe bereits zwei Collegliefte nach KANT'schen Vorlesungen ver- 
dankt, eine Nachschrift von Kant's »Praktischer Philosophie« aus der 
Pfarrbibliothek zu Strasburg (W^estpr.). 



Ausgabe des Ihn Saad. 

Bericht des Hrn. S a c n a u. 

Wir haben in erster Linie zu berichten, dass Seine Majestät der 
Sultan uns zwei kostbare Codices aus der Bibliothek des Weli- eddin 
Eflendi in Stambul — Nr. 1 6 1 3 und 1 6 1 4 — durch gütige Vermitte- 
lung des hohen Auswärtigen Amtes zur Benutzung in Berlin zur Ver- 
fügung gestellt hat. Wir unterlassen nicht, für diese Förderung unseres 
Unternehmens Seiner Majestät unseren ehrerbietigsten Dank auszu- 
sprechen. 

Die Verhandlungen mit einzelnen Gelehrten des In- luul Aus- 
landes wegen Übernahme einzelner Tlieile des Werkes haben zu folgen- 
dem Ergebniss geführt: 

Hr. Prof. Dr. C. Brockelmann, Professor an der Universität in 
Breslau, wird die Biographien der hervorragenden Frauen in der 
ältesten Geschichte des Islams bearbeiten; 

Hr. Dr. .7. Horovitz, Hülfsarbeiter an der Königiiclieu Bibliothek 
zu Berlin, die Biographien derjenigen Bedr-Kämpfer, welche aus Me- 
dina stammten; 

Hr. Dr. .1. Liitekt, Bil)liothekar und Directorialsccretär am Seminar 
fui- Orientalische Sprachen zu Berlin , die Biographien derjenigen Mus- 
lims, welche vor Muhammed's Tod den Islam angenommen, aber bei 
Bedr nicht mitgefocliten hatten: 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 77 

Hr. Dr. G. van Vloten, adjutor interpretis Warneriani in Leiden, 
die Biographien der ersten und zweiten Generation von Muslims in 
Kufa, Basrn und anderen Orten ausserhalb des eigentlichen Arabiens ; 

Hr. Dr. K. Zetteksteen , Privatdocent an der Königlichen Univer- 
sität zu Lund, die Biograpliien der zweiten Generation von Muslims 
in Medina sowie der ersten und zwcMten Generation im übrigen 
Arabien. 

Zmn Schhiss ist zu erwähnen, dass zwischen der Königlichen 
Akademie und der rülimliclist bekannten Firma E. J. Brill in Leiden, 
vertreten durch Hrn. F. de Stoppelaar, unter dem S.Dccember 1900 ein 
Verlagsvertraü' für die Hcraus"'abe des Ibn Saad a'bs'eschlossen worden ist. 



Wörterbuch der negyptischen Sprache. 

Bericht des Hrn. Ekman. 

Unser Unternelanen hat im Jahre 1 900 wesentliche Fortschritte 
gemacht, sowohl in den Vorarbeiten als in der Verzettelung. 

Mit besonderem Danke Iiaben wir zunächst des Entgegenkommens 
der Verwaltung der Universität Chicago zu gedenken, die es uns er- 
möglichte, den dortigen Aegyptologen Hrn. Prof. J. H. Beeasted für 
die Bereisung der europäischen Museen zu gewinnen. Hr. Brea.sted 
liat seine Reise am i . October angetreten und bisher die Sammlungen 
zu Bologna, Florenz, Rom, Pisa, Livorno, Turin, Mai-seille, Lyon und 
Genf besucht; überall liat er bei den Sammlungsvorständen ein fi-eund- 
liches Entgegenkommen gefunden. 

Für das Museum zu Budapest erfreuten wir uns einer Mittheilung 
des Hrn. Dr. Ed. Maiilek, der uns Abklatsche der von ilmi im dortigen 
Nationalmuseum aufgefundenen Denkmäler zusandte. In London unter- 
stützte ims Miss Bertiia Porter durch Nachzeichnungen dortiger In- 
schriften. 

Auch die Vorarbeiten in Aegypten konnten wieder gefördert werden. 
Der wissenschaftliche Attache bei dem Kaiserlichen Generalconsulat in 
Kairo Hr. Dr. Borciiardt hat mit Erlaubniss des Auswärtigen Amtes 
in den Monaten Juni und Juli die sämmtlichen Inschriften der Tempel 
von Abydos coUationirt und diese grosse Arbeit trotz der ungünstigen 
Jahreszeit glücklich durchgeführt. 

Hr. Prof. Steindorff stellte dem Unternehmen das auf seiner Reise 
in den Oasen Siwa und Bahrije, sowie in Nubien gesammelte inschrift- 
liche Material zur Verfügung und collationirte ferner die Inschriften 
im Grabe des Ramose zu Theben füi- das Wörterbuch. 

Endlich wurde die Arbeit im Museum von Kairo seitens des 
Hrn. Dr. Schäfer fortgeführt. 



78 öffentliche Sit/.ung vom 24. Januar. 

Der \'('rzettolun,ö: kam es zu Gute, (l;i.ss iiiclircn' 3Iitjirbeitei- nacli 
Erlediftuug auder\veitif>er Vorplliclitungen dem Wörtcrbucl) mehr Zeit 
widmen konnten. Besonders erl'reulicli ist, dass dadurch endlich ein 
beträclitlicher Theil der alten roliji^iösen Litteratur verzettelt werden 
konnte. Im Ganzen sind bisher verzettelt 8961 Stellen, davon 4027 
im Berichtsjahre, alphabetisirt 147388 Zettel, davon 50916 im Be- 
richtsjahre, eins'elc.i't etwa 75000 Zettel, davon 22000 im Berichts- 
jahre. Als eine Schwierigkeit des Unternehmens stellen sieh immer- 
raehr die .sogenannten Nebenarbeiten (Anstreichen, Beschreiben, Ein- 
legen u. s. w.) heraus, die sehr vorsichtig erledigt werden müssen 
und die daher mehr Zeit und Kosten verursachen, als vorauszusehen 
Avar. Sie werden derzeit A'on den HIl. Boll.vciikk, Ehman und Setuk 
imd Frl. El. Moegenstern besorgt. 

Im Einzelnen wurden im Bericht.sjahre 1900 verzettelt: An reli- 
giösen Texten: die Pyramidentexte bis Cap. 158 (etwa ein Drittel 
<les Ganzen) durch Hrn. Sethe; das Todtenbuch des neuen Reiches nacli 
Navili.e's Ausgabe bis Cap. 41 (etwa ein Viertel des Ganzen) durch 
Hrn. Möllek: die Sonnenlitanei der Königsgräber des neuen Reicli(>s 
durch Hrn. Grafen Sciiack. An Zaubertexten: die sogenannte 31etter- 
Nicii-Stele und der magische Papyrus Hakkis durch Hrn. IMöller. An 
litterarischen Texten: die Geschichte des Sinuhe mid der Papyrus 
n'OßBiNEY (beendet) durch Hrn. Erman; das Märchen vom verwunschenen 
Prinzen (Papyrus Harris 500) durch Hrn. Lange. An medicinischen 
Texten: der Berliner medicinische Papyrus (P. 3038) durcli Hrn. Lange. 
An matliematischen Texten: das Berliner Bruchstück P. 6619 (mitt- 
leres Reich) durch Hrn. Grafen Sciiack. An juristischen Texten: 
der »Papyrus judiciaire de Turin« und die dazu gehörigen Papyrus 
Lee und Rollin durcli Hrn. Erman. An geschäftlichen Texten: 
die Rechnungen aus der Zeit Sethos' I. in Paris durch Hrn. JMöller: 
die geschäftlichen Papyrus des Museums von Kairo durch Hrn. Erman. 
An grösseren historischen Inschriften: die Inscliriften der Fürsten 
von Elephantine aus dem alten Reich , die Stele Tliutmosis' IV. vor der 
grossen Sphinx, die Insclirift des Pianchi und die Nekt^uiebosstele von 
Naukratis dm-ch Hrn. Erman: ein Theil der Annalen Thutmosis' III. 
durch Hrn. Möller auf Grund von Vorarbeiten des Hrn. von Bissing: 
die Insclirift des llarenihel) zu Turin durch Hrn. Steindorff: die »Israel- 
stele« des Meneplitha und die Insclirift Amenoj)his" III. auf ihrer Vor- 
derseite durcli Hin. Walker. An Tempelinschriften: Petries Six 
temples durch Hrn. Walker, Brugsch's Grosse Oase und Petrie's Koptos 
durch Hrn. Erman. An Gräberinschriften: die Oräber von Siut durcli 
Hrn. Breasted: die Gräber von Bersclic durch Hrn. Walker: Makiette's 
Mastaba durch Hrn. Erman. An kleineren Inscliriften: die In- 



Berichte über die wissenschaftlichen Unterneliinungen der Akademie. / 9 

sclirifteu der Museen von Braunschweig, Budapest, Hannover, Hildes- 
heim , Oldenburg durch Hrn. Eejian ; die Berliner Mentuhotepsäi'ge durch 
Hrn. Steindorff: Einiges aus dem British Museum durch Hrn. Gak- 
DiNER, aus Florenz durch Hrn. 3Iölli:i;, aus dem Vatican durch Hrn. 
Ekman. 

Index rei ndlitaris imj)erii Romani. 

Bericht des Hrn. Momjisen. 

Hr. Ritterling hat die Ausnutzung der Papyrussammlungen und 
'der litterarischen Quellen für das römische Heerwesen der Kaiserzeit 
nahezu vollendet, ist aher durch Amtsgeschäfte, insbesondere die Lei- 
tung von Ausgrabungen im Auftrag der Reichslimescommission , an 
der druckfertigen Ausarbeitung der Materialsammlung bisher verhin- 
dert gewesen. 

Codex Theodosianus. 

Bericht des Hrn. Mommsen. 

Von der dem Akademiker Hrn. Mommsen übertragenen ki-itischen 
Bearbeitung des Codex Theodosianus und seiner NoA'ellen ist das Druck- 
manuscript für den Text des Theodosianus ganz, für die Pi-olegomena 
grösstentlieils druckfertig hergestellt, und ist die Drucklegung bis zum 
2. Buch A^orgeschritten. Von den NoA^ellen, deren Bearbeitung Hr. Dr. 
Paul Meyer, Docent an unsei-er Universitcät, übernommen hat, sind die 
auf das Breviarium Alarici sich beschränkenden Handschriften zum 
grössten Theil verglichen Avorden. Die Vergieichung der Avichtigsten 
und relativ A'oUständigsten A^aticanischen soll in nächster Zeit in An- 
griff genommen Averden. 



Geschichte des FixsfernMmmels. 

Bericht von A. Auavers. 
Der Plan des neuen akademischen Unternehmens einer »Ge- 
schichte des Fixsternhimmels« umfasst: 

1. die Sammlung und Ordnung aller in dem Zeitraum von 1750 
bis 1900 durch Meridianbeobachtungen (oder aequivalente Methoden) 
erlangten und in reducirter Gestalt vorliegenden Bestimmungen von 
Fixsternörtern : 

2. die Reduction der vorbezeichneten Bestimmungen auf das Aequi- 
nootium 1875 und auf ein einheitliches System: 

3. die Herstellung eines auf dieses gesammte 3Iaterial gegründe- 
ten Generalcatalogs der 1750 — 1900 beobachteten Fix.sterne für 1875 



80 Öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

mit den zur l'l)erlra,nung' auf andere Aequinoctien edbi-dcrliclien An- 
gaben und mit den Eigenbewegungen derjenigen Sterne, für welche 
sie sich als aus dem vorhandenen Material bestimmbar ergeben: 

4. die Herausgabe der für jeden einzelnen Stern gesammelten, auf 
1875 reducirten und chronologisch geordneten Bestimmungen luid des 
Generalca talogs . 

Die dringende Nothwendigl<eit und die hervorragende Nützlich- 
keit eines solchen Unternehmens braucht den Astronomen nicht noch 
nachgewiesen zu werden. Sie haben dieselbe seit langer Zeit empfun- 
den und des öftern die Ausfiihrbarkeit der Arbeit erwogen , in Besclirän- 
kung auf ausgewählte Classen von Sternen aucli mehrfach A^ersuche 
zur Ausfülirung gemacht, die trotz aller gerade den in ausgedelinterm 
Maassstabe vorgenommenen anliaftenden Unvollkommenheiten reichen 
Dank der Beobachter imd der Rechner eingeerntet haben. Indess ist 
die Herstellung einer ^'ervollkommneten Ausgabe des British Association 
Cataloguej eine wenigstens alle wichtigeren Quellen erschöpfende Samm- 
lung und Verarbeitung etwa der Bestimmungen für die rund zehntau- 
send hellsten der an der ganzen Himmelstläche vorliandenen Sterne, ist 
das höchste Ziel gewesen, welches auch bis gegen das Ende des abge- 
laufenen Jaln'hunderts irgend als erreichbar bezeichnet worden ist — 
weitergehende Wünsche erschienen schon um die Mitte des Jahrhun- 
derts der Fülle des in einer Yiertelmillion auf nahezu hundert Fund- 
orte vertheilter Einzelbestimmungen bestellenden Materials gegenüber 
hoffnungslos, und um so aussichtsloser könnte' der Versuch erscheinen, 
dasselbe jetzt noch meistern zu wollen, nachdem inzwischen die Zahl 
der in Betracht kommenden Bestimmungen auf rund eine Million an- 
gewachsen ist, die aus imnmehr reichlicli dreihundei't verschiedenen 
Quellen zusammenfliesst, und sich auf reichlich eine Viertelmillion ein- 
zehier Objecte vertheilt. 

Aber dieses ungeheuere Anscliwcllen des Materials und seine zuneh- 
mende Verstreuung macht gerade ein ordnendes Eingreifen zu einer ge- 
bieterischen Ptlicht; einmal um der andernfalls ins unermessliche wach- 
senden Arbeitsverschwendung Einhalt zu thun. zu welcher die täglich 
an die Astronomen lierantretende Notliwendigkeit, fär einzelne Sterne 
das Beobachtungsmaterial zu sammeln und zu verarbeiten, in unnütz 
mvdti]ilicirt identischer, in ihrer Zusannnenhangslosigkeit über den 
Augenblicksbedarf hinaus gänzlicli uni'ruclitbarer, bei jedem neuen 
Anlass unter den bis jetzt bestehenden Verliältnissen aucli für alle 
Zukunft immer wieder ebenso selbständig und zusammenhangslos zu 
wiederholender Arbeit Anlass gibt; sodann aber um dem in bei-eits ge- 
lahrlicher Nälie drolienden endgültigen Verlust eines guten Theils der 
Früchte, welche eine anderthalbliundcrtjälirige Arbeit gesammelt hat. 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 81 

vorzulicugen, um die von derselben gewonnenen Beiträge zur Fixstern- 
kunde ihrer eigentlichen Zweckbestimmung erst wirklich zuzuführen 
und für dieselbe in aller A^ollständigkeit und für alle Dauer zu sichern, 
aus den fast schon als unübersehbares Chaos umherliegenden Bausteinen 
ein ausgedehntes und tragiahiges Fundament für den Ausbau der Meclia- 
nik des Sternensystems lierzustellen und für ein jedes bekannte seiner 
Individuen dessen eigene Gescliichte so vollständig als Daten fivr die- 
selbe gesammelt sind in übersichtliclier Darstellung den kommenden C4e- 
schlechtern zu weiterm Studium und zur Fortsetzung zu überliefern. 
Die ausscrordentlicli(^ Erweiterung der Erforschung des Fixstern- 
himmels, welche in der zweiten Hälfte des neimzehnten Jahrhunderts 
durcli die grosse von Argelander, Schönfeld und Krieger ausgeführte 
Bonner Durchmusterungsarbeit und die weiterhin auf dieselbe gegrün- 
deten Unternehmungen sowie die gleichzeitigen Arbeiten Gould's auf 
der Südhalbkugel erlangt worden ist, hat aber nicht bloss das nun- 
mehr zu bewältigende Material vervielfacht und damit die Schwierig- 
keit seiner Bewältigung vergTÖssert, sondern die bezeichneten Arbeiten 
haben in mancher Hinsiclit auch wiederum die der Aufgabe anhaften- 
den Schwierigkeiten vermindert, und zugleich haben sie einen gewissen 
zeitweiligen Abschluss, zu einem Theil nunmehr herbeigeführt, zum 
andern ganz in die Nälie gerückt, so dass es gerade gegenwärtig sich 
zweckmässig zeigt, eine erste, mit dem Anfang der Präcisionsbestim- 
mimgen anliebende, Periode abzugrenzen und das innerhalb derselben 
gewonnene Material zur Grundlage und zum Werkzeug weiterer For- 
schung auszugestalten. 

Bei solcher Sachlage hat den ersten Anstoss, welcher schliesslich zu 
dem Ergebniss der Aufnahme dieses Unternehmens in den Arbeitsplan 
der Akademie geführt hat, ein Schreiben des Dr. Friedrich Ristenpart 
vom 7. Mai 1 897 an den hier berichterstattenden Astronomen der Akade- 
mie gegeben. Hr. Ristenpart erörterte in diesem Schreiben die Übel- 
stände der maasslosen Zeit- und Kraftvergeudung, welclie daraus ent- 
springt, dass jeder Beobachter, der das Ergebniss einer Anschlussbeob- 
achtung festzustellen hat, und vielfach Aveiter nochmals der Rechner, 
Avelcher die Beobachtung benutzen will, das Material füi- die Feststellung 
des Orts des Anlialtsterns ei-st aus den Originalquellen zusammensuchen 
und die Einzelbestimmungen auf eine und dieselbe Epoche überfuhren 
muss. Um wenigstens den ersten — thatsäehlich beschwerlichem und 
grossentheils ganz unfruchtbaren — Theil dieser immer wiederkehren- 
den Arbeit so weit den Astronomen abzunehmen, dass fruchtloses 
Suchen ihnen für alle Folge erspart werden sollte, nahm Hr. Risten- 
i'ART in Erwäüunii', auf Grund der Bonner Durchmusterung und der 



82 Öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

GuuLu'.schen Catalo,!^e einen alljj;emeinen Zettelcatalo^' mit dem vollstän- 
digen Nachweis de.s Vorkommens in anderen Quellen für jeden Stern 
anzulegen. Nach diesem Zettelcatalog könnte man dann einen »General- 
index« in passlicher Zusammenstellung in Druck legen, würde dabei 
aber auf einige ernstliche Schwierigkeiten stossen, insbesondere die, 
da.ss der unvermeidlich grosse Umfang eines solchen seine Verbreitung 
sehr beschränken würde, und dass weiter ein gedruckter Generalindex 
selir bald nach Ausgabe wieder unvollständig sein würde; deshalb 
sollte der Zettelcatalog selbst nacli seiner Fertigstellung einem eigenen, 
etwa an eine grössere Sternwarte anzuschliessenden Bureau in Ver- 
waltung gegeben werden, welches verpflichtet werden sollte, denselben 
durch Nachtrag der Verweise auf weiter zur Veröfl'entlichung ge- 
langende Bestimmungen auf dem Laufenden zu erhalten und alle An- 
fragen wegen bestimmter einzelner Objecte oder Kategorien von Ob- 
jeeten durch sofortige briefliche Mittheilung aller bezüglichen Quellen- 
nachweise zu beantworten. Hr. Ristenpart wollte in Erwägung ziehen, 
ob es ihm selbst möglich sein wüi-de, neben den Verpflichtungen seiner 
damaligen Stelle als der eines Gehülfen der Grossherzoglichen Stern- 
wai-te in Heidelberg die Herstellung dieses allgemeinen Quellennach- 
weises zu bewirken, wenn ihm Aussicht auf Beistellung der jedenfalls 
benöthigten Hülfskräfte gemaclit werden könnte, vor allem weitern 
hatte sein Schreiben aber den Zweck einc^ Beurtheilung seines Planes 
und der Opportunität und der Ausführbarkeit desselben einzuholen. 
Die nach eingeliender Prüfung der ganzen Frage Hrn. Ristenpakt 
unter dem 23. Mai 1897 ertheilte Anwort erkannte die Nützlichkeit 
der von ihm geplanten Arbeit an und sagte derselben alle dem Antwor- 
tenden mögliche Fördermig zu , unter der Bedingung jedoch , dass ihr 
Ergebniss publici iuris gemacht werde, da die Errichtimg eines Aus- 
kunftsbureaus durchaus nicht den Bedürfnissen entsprechen Avürde. 
Aber mit einer verhältnissmässig geringen Steigerung des aufzuwenden- 
den Betrages an Zeit und Arbeit, welchen die Herstellung eines voll- 
ständigen Quellennachweises erfordern würde, könnte sich der Nutzen 
dieser Arbeit noch sehr erheblich steigern lassen, wenn man zugleicl» 
die in den verschiedenen Quellen vorkommenden Bestimmungen selbst 
für jeden Stern sammelte : und wenn man einmal so weit gekommen 
sein werde, müsse man fragen, ob es nicht geboten sei, sogleich durch 
das zweite Stadium einer Übertragung der gesammelten Bestimmungen 
auf ein ausgewähltes mittleres Aequinoetium hindurch bis ziu- Her- 
stellung eines Generalcatalogs von Normalörtern vorzugehen, da für 
die allerdings sehr bedeutende Steigerung des Aufwandes an Arbeit, 
Zeit und Mitteln durcli diese Ausdehnung des Planes die durch diese 
in noch ungleich stärkerm Maasse zu erzielende Steigerung des Nutzens 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 83 

der Arbeit ein reichliclies Aequivalent in Aussicht stelle. Übrigens 
erscheine es möglich, die Scliwierigkeiten, die eine so weite Aus- 
dehnung des Arbeitsplanes mit sich bringen würde, zu grossem Theile 
durch eine weitreichende Einschränkung lünsichtlicli des einzubezielien- 
den Materials zu compensiren; die wirkUch schwer zu empfindenden 
Ubelstände. welchen abgeholfen werden solle, würden sich für jetzt 
und für eine längere Zukunft nocli beseitigen lassen, wenn man die 
grossen Zonencatalogc aus dem Arbeitsplan ausschliessen wollte. Eine 
systematische und erscliöpfcnde Bearbeitvmg alles übrigen aus der 
Periode von 1750 bis zvu- Gegenwart vorliegenden Materials aber er- 
scheine als bis zu vollständigem Abschluss in absehbarer Zeit wohl 
durcliftilirbar. 

Hr. Ristenpart stellte sich sogleich auf den Boden dieses Gegen- 
vorschlags und erklärte sieh bereit, die Ausführung desselben zu seiner 
Lebensaufgabe zu machen. Damit war die erste und hauptsächliche 
der drei Schwierigkeiten beseitigt, Avelche bis da von jedem ernst- 
lichen Angriff des grossen Projects abgeschreckt hatten: es war der 
Astronom gefunden, Avelcher für den Einsatz seiner ganzen Kraft, und für 
die Monotonie der Austuhrung oder Specialleitung einer zur grösseren 
Hälfte mechanischen Arbeit A'on ungeheuerm Umfange in dem uner- 
messlichen den kommenden Geschlechtern zufallenden Nutzen der aus- 
geführten Arbeit eine ausreicliende Belohnung und Entschädigung er- 
blickt. Die beiden anderen Schwierigkeiten : der alsbaldigen Beschaffung 
von Mitteln zur Ausfülirung , und einer Sicherstellung der Durchführung 
bis zu dem Ziele, welches weit jenseits wenigstens der dem Bericht- 
erstatter in Aussicht stehenden Wirkungsgrenze liegt, glaubte derselbe 
im Vertrauen auf die Königlich Preussische Akademie der Wissen- 
schaften und das ihr vorgeordnete Königliche Ministerium weit leichter 
nehmen zu dürfen, und hat sieh in diesem Vertrauen niclit getäuscht. 

Bevor jedoch der Plan des Unternehmens der Akademie unter- 
breitet wurde, haben noch mehrere Monate hindurch eingehende all- 
gemeine und specielle Erörterungen stattgefunden, die hinsichtlich des 
Gesammtplanes schliesslich zu dem Ergebniss fülirten, von der ein- 
schränkenden Fassung des zweiten Vorschlags wieder abzusehen und 
olme weiteres die vollständige Aufarbeitung des in der Periode 1750 
bis 1900 dui'ch Meridianl)eol>achtungen gesammelten und in Gestalt 
mittlerer Örter veröiientlichten Materials an Ortsbestimmungen für Fix- 
sterne als Programm hinzustellen. Es ergab sich als zu schwierig, 
mit Sicherheit eine Grenzlinie zwischen aufzunehmenden und bei Seite 
zu lassenden Einzelreihen zu ziehen — für den Entschluss von jedem 
solclien Versuch Abstand zu nehmen ist insbesondere die in dem grossen 
Catalog der Pariser Sternwarte niedergelegte Neuliestimmung der Sterne 



84 öffentliche Sitzung vom 24. Janiinr. 

der LALANDE'sclien HLstoire Celeste ausschlagg-ebend i^•e■^ve^^(•n — iiml 
ew war niclit zu verkennen, dass der Nutzen des Generalcatalogs, in 
dessen Darbietung die Arbeit schliesslicli gipfeln soll, mit jeder Ein- 
schränkung seiner Vollständigkeit sicli noch mehr als entsprechend ver- 
minch'rn würde. Jedes Stückwerk würde für allen künftigen Gebrauch 
doch eine so grosse Summe von Schwierigkeiten übrig lassen, und, für 
alle Theile des Werks, so viel Nacharbeit alsbald erforderlieli machen, 
dass es schliesslich auch nur als ökonomisch richtig erkannt werden 
konnte, die Arbeit von \ orn herein in umfassendster Weise anzulegen 
und sogleich erschöpfend durchzufüliren. 

Es war vorauszusehen, dass, bei günstiger Aufnahme des Projects 
in der Akademie, doch dessen Proclamirung zum akademischen Unter- 
nehmen, die allein seine Ausführung sichern konnte, frühestens bei 
dem herannahenden Jubiläum würde erfolgen können, wenn die Zwei- 
hundertjahrfeier den Anlass geben sollte, die der Akademie für wissen- 
schaftliche Unternehmungen zur Verfügung stehenden Mittel derart zu 
verstärken, dass eine vieljährige Festlegung eines erheblichen Betrages 
zu Gunsten der Astronomie unbeschadet gleichberechtigter Ansprüche 
anderer Fächer zulässig werden würde. Es war aber vollkommen vm- 
bedenkUch die Arbeit vor aller weiteren Funtlirvmg in planmässigen 
Angi'ift' zu nehmen, indem gerade die umfossende Plangestaltung den 
grossen Vorzug ergibt, dass liei genauer Innehaltung des Planes vom 
ersten Schritt zur Ausführung al) nichts vergeblich gearbeitet wird 
und alles Geleistete aucli dann seinen vollen Leistungswertli behält, 
wenn es doch einmal unmöglich werden sollte die Ai-beit fortzuführen, 
luid man dieselbe füi- längere Zeit zu unterbrechen, oder etwa auf 
einer früheren als der letzten Stufe ganz abzuschliessen genöthigt würde. 
Um das Werk nun ohne Verzug beginnen zu können, indem dasselbe 
von der physikalisch -mathematischen Classe der Akademie in der ge- 
wöhnlichen Form der Subventionirung von Einzelarbeiten unterstützt 
wüi-de, Avurde Hr. Ristenpart veranlasst, sogleicli nach endgültiger 
Fe.ststellung des Arbeitsplanes — unter dem 29. November 1897 — 
eine Denkschrift über die Herstellung eines »Thesaurus positionum 
stellarum affixarum« bei der Classe einzureichen und im Anschluss 
an dieselbe um die Bewilligung von Mitteln zu Vorarbeiten lür ein 
solches Unternehmen nachzusuchen, ausreichend ein Jahr lang einige 
Gehülfen zu besolden und die ersten, gerade am Anfang nicht un- 
erheblichen, sächlichen Kosten zu bestreiten. 

Wie s. Zt. in den Sitzvmgsberichteu angezeigt ist. hat die Classe 
llrn. KisTEM'AKi' für das Rechnungsjahr 1898-99 seinem Antrage ge- 
mäss 5000 M., und alsdann weiter für 1899 in gleicher Form 4700 M. 
bewilligt, wodurch dersel])e in den Stand gesetzt worden ist, 1898 die 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 85 

Arbeit zu beginnen und seitdem gleichmässig vind ununterbrochen unter 
seiner Special;! ufsicht, in laufendem Einvernehmen mit dem Berichter- 
statter, fortfiihren zu lassen. 

Die Zweihundertjahrfeier der Akademie h;it alsdann den erhofften 
Anlass gegeben , das Unternehmen als ein solches der Akademie zu fun- 
diren. Durch den Etat füi- 1900 wurde ein Posten von 7200M. als stän- 
dige jährliche Dotation einer »Geschichte des Fixsternhimmels« — 
welcher Titel für das Unternehmen schliesslich dem zuerst angemeldeten 
vorgezogen worden ist — bis zu deren Vollendung für die Periode 1 750 
bis 1900 dem bisherigen Etat der Akademie zugesetzt. Durch denselben 
Etat wurde eine Anzahl von Stellen »füi- Avissenschaftliehe Beamte der 
Akademie« errichtet, welche für deren grössere Unternehmungen ange- 
stellt werden sollen, und von diesen Stellen gleichfalls bis zur Vollen- 
dung der, »Geschichte des Fixsternhimmels« dieser eine zugewiesen. Für 
diese Stelle wurde Dr. Ristenpart von der physikalisch -mathematischen 
Classe gewählt und hat sein Amt mit dem i.October 1900 angetreten. 
Zm- Leitung des Unternehmens war eine akademische Commission zu be- 
stellen, welche dvu-ch Beschluss der Classe vom 5. Juli 1900 aus den 
HH. VON Bezold, Vogel und dem Berichterstatter zusammengesetzt 
worden ist und Letzterm ihre allgemeine Geschäftsführung übertra- 
gen hat. 

Aufgabe der Commission und an erster Stelle des geschäftsführen- 
den Mitgliedes ist die Vertretung der »Geschichte des Fixsternhimmels« 
als einer akademischen Angelegenheit, die Überwachung der Innehaltung 
des allgemeinen Planes des Unternehmens und die Feststellung der spe- 
ciellen Arbeitspläne für die einzelnen Abschnitte desselben — von wel- 
chen nur derjenige für den oben unter i. bezeichneten Abschnitt in den 
Verhandlungen von 1897 bereits in seinen Einzelheiten festgestellt ist; 
die Entscheidung aller im Verlauf der Ausführung noch sich ergebenden 
Fragen von grundsätzlicher Bedeutung oder erheblicher praktischer Wich- 
tigkeit; die Aulstellung der speciellen Jahresetats und der jährlichen Ab- 
rechnungen; die Entsclieidung über alle Veröftentlichungen des Unter- 
nehmens. 

Dem für dasselbe angestellten Beamten fällt die Verantwortung für 
gehörige Ausführung des festgestellten Arbeitsplanes zu. Seine beson- 
dere Aufgabe ist die Anordnung, Beaufsichtigung vmd Prüfung der Ar- 
beiten der Gehülfen, die eigene Ausflihrung der genauere Sachkennt- 
niss erfordernden oder sonst verantwortlicheren Theile der Arbeit, die 
Redaction der Veröffentlichungen und die Beaufsichtigung ihres Drucks, 
die laufende äussere Gescliäftsfilhrung und Correspondenz , und innerhalb 
der durcli Aufstellung der Jnhres-Specialetats oder besondere Beschlüsse 
d(>r Commission festüestellten Normen die Verfügung über die überwie- 



86 öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

senon jMittol zur Bestrcitunii' dor sächliflien Unkosten und zum Engage- 
ment von HüHsarboitcni. 

Die Arbeit, welche in den drei Jalircn 1898 bis 1900 ausgefiiilirt 
worden ist mid noch din-ch meln-ere Jahre Ibrtgelien wird, bestellt in der 
Ausziehung der Sterncataloge in der Folge ilirer Epochen oder Aequi- 
noctien und ist gegenwärtig für den Zeitraum bis 1842 so weit ausge- 
führt, als die Bestimmungen in Gestalt von Catalogen — oder sonstigen 
Zusammenstellungen vollständig reducirter (Jrter — vorliegen. Die Ge- 
sammtzahl der für die Periode 1750 — 1842 auf den Zetteln eingetrage- 
nen Orter beläuft sich auf etwa 240000, diü'fte sich aber durch Nacli- 
träge, für Avelche durch vorläufige Identificirimg der betreft'enden Sterne 
in den noch d(>r Bearbeitung harrenden Beobachtungsreihen auf den 
Zetteln gehörigen Orts Raum offen gehalten wurde, späterhin noch mn 
etwa 10 Procent steigern. Jeder Catalog wurde vor Ausziehung nacli 
allen zugänglichen Quellen für Bei-ichtigmigen durcheorrigirt: es konnte 
aber nicht fehlen, dass die allmähliche Auffüllung der Zettel noch ein 
grosses Material an weiteren Berichtigungen zusammenbringt, und Dr. 
RiSTENP.VRT l)eabsichtigt. die Gesammtheit derselben zu einem General- 
Fehlerverzeichniss zu verarbeiten, welches den Astronomen relativ früh- 
zeitig wird mitgetheilt werden und in der Zwischenzeit bis zur Fertig- 
stellung weiterer Veröffentlichungen mancher Arb(nt bereits sehr er- 
wünschte Erleichterung wird gewähren können. 

Hr. Ristenpart hat die Arbeit bis jetzt in Kiel ausgeführt, wo- 
selbst auch alle Hülisarbeiter unter seiner vmmittelbaren Leitung be- 
.schäftigt gewesen sind, und hat bis zum 30. September 1 900 als Ge- 
hülfe der Kieler Sternwarte mn- die nach Erfüllung der Aufgaben 
dieser Stellung ihm übrig bleibende Arbeitszeit auf das bereits seit 
dem I.April 1900 auch formell akademische Unternehmen verwenden 
können. Dass diese für dasselbe frei bleibende Arbeitszeit nicht zu 
knapp bemessen worden ist. dafür und für ausgiel)ige Unterstützung 
mit den litterarischen Hülfsmitteln der Kieler Sternwarte schuldet 
die Akademie deren Director Hrn. Professor H.\rzek Dank und unter- 
lässt nicht, solchen bei gegenwärtigem Anlass durch ihre Commission 
auszusprechen. Zum i . April d. J. wird das Arlieit.sbureau nach Berlin 
verlegt werden. — 

A\'enu auch nacli (U-m niuunelu' erfolgten Eintritt der vollen Ar- 
Tjeitskraft des Hrn. Ristent.vrt in das Unternelimen noch mehrere Jahre 
erforderlich sein Averden. den ersten Arbeitsabschnitt der Sammlung 
und Ordnung des Materials zu erledigen, mögen gleichwohl bereits dem 
gegenwärtigen Bcridit nocli einige die späteren Arbeitsabsclinitte be- 
treffende Bemerkungen zugefügt Averden. 



Bericlite über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 8 / 

Erstens möchte es nützlich sein bereits jetzt anzugeben, weshalb 
als das Aequinoctium , auf welches in dem zweiten Arbeitsabschnitt alle 
Orter der Cataloge überzuführen sind, 1875 zu Avählen ist. Es ist hier- 
für maassgebend. dass 1875 unter allen etwa in Frage kommenden 
Aequinoctien dasjenige ist, auf welches die weitaus grösste Menge A'on 
Catalogörtern bereits gestellt ist, und dass die Hülfsmittel zur Über- 
tragung für das Aequinoctium 1875 schon in anderweit nicht entfernt 
A'ergleichbarcr Vollständigkeit bereitgestellt Aorliegen. Zugleich liegt 
1875 der mittleren Epoche der Gesammtheit der zu bearbeitenden Beob- 
achtungen zunächst. 

Zweitens möchte der heutige Berichterstatter, gerade weil die Bear- 
lieitung des zweiten Absclmitts noch nicht in nächster Nähe steht, so- 
gleich bei gegenwärtigem Anlass als seine eigene sichere und feste Über- 
zeugung erklären, dass der Schwerpunct des Unternehmens und seiner 
Bedeutung in diesem zweiten Abschnitt belegen ist. Er ist weit entfernt, 
den Anderen vielleicht Avichtiger erscheinenden Generalcatalog seiner- 
seits als eine mehr ornamentale Krönung des Gebäudes anzusehen, er- 
wartet von demselben vieknehr eine unermessliche Erleichterung und 
Sicherung der täglichen astronomischen Arbeit des zwanzigsten Jahr- 
hunderts tmd eine weitreichende Förderung allgemeiner Untersuchungen 
auf dem Gebiete der Fixsternkunde. Aber ein wie wirksames und un- 
entbehrliches Hülfsmittel des Fortschritts der Generalcatalog auch dar- 
stellen wird, seine Herausgabe kann nicht der Nothwendigkeit über- 
heben, die Grundlagen, auf denen er beruht, vollständig und über- 
sichtlich klarzulegen und jeder künftig weiter darauf zu gründenden 
Arbeit unmittelbar zugänglich zu lassen, für jede Zahl, die er enthält, 
jederzeitige Prüfung ihrer Ableitung ausführbar, und fiu- spätere Be- 
richtigungen, zu denen es niemals, auch wenn von vorn herein noch so 
viel Umsicht bewiesen und Sorgfalt angewandt worden ist, an immer- 
fort wiederkehrendem Anlass fehlen wird, volle Freiheit und leichteste 
Möglichkeit zu erhalten. Die übersichtliche und gebrauchsbereite Fest- 
stellung des Thatsächlichen: die Sammlung der auf 1875 reducirten 
Einzelbestimmungen für jeden Stern ist dasjenige, was sich definitiv 
herstellen lässt und alsdann seinen Werth und seine Verwendbarkeit 
für alle Zeit behält, während jede daraus einmal gemachte Ableitung, 
in die nicht nur rein Thatsächliches eingeht, daran mit der Zeit unver- 
meidlich Einbussc erleiden wird. Der Umstand, dass die Drucklegiing 
der die reducirten Einzelbestimmungen enthaltenden Sammlung — tlie 
wiederum nur wenn sie publici iuris ist ihren Zweck vollständig erfCillen 
Icann — neben dem Generalcatalog die lediglich füi- Herausgabe des 
letztern erforderlichen Mittel auf den A'ierfachen Betrag steigern wird, 
darf deshalb seiner Zeit der Erfüllung der Forderung, den aus der 

Sitzungsbericlito 1901. 8 



88 öffentliche Sitzung vom '1 1. J.-inuar. 

grossen Ar])t'it /u ziclicmlcn Gcwiim für die Wissciisclialt dieser un- 
verkürzt zukoiiimen zu lassen, iiieht enti^'o^enstchcn. 

Endlich ist es notlnvendig, rechtzeitig und nachdrücklich darauf 
aufmerksam zu machen, dass ein an Umfang recht erheblicher und auch 
an Wichtigkeit nicht gering zu veranschlagender Theil des durch die 
Bemühungen der Beobachter namentlich in der ersten Hälfte der nun 
abschliessend zu bearbeitenden Periode gesammelten Materials theils der 
abschliessenden Arbeit noch ganz unzugänglich, theils für dieselbe nicht 
ohne umfangreiche Vorarbeit verwerthbar ist, und dass es nothwendig 
ist, spätestens bis zu der Zeit, zu welcher die erste Hälfte des zweiten 
Abschnitts der akademischen Bearbeitung der Geschichte des Fixstern- 
himmels, die Übertragung der einzelnen Catalogörter auf das Aequi- 
uüctium 1875, sich ihrem Ende nähern wird, die noch vorhandenen 
Lücken auszufüllen. So weit diess nicht noch rechtzeitig geschieht, wird 
das bis jetzt der wissenschaftlichen Benutzung vorenthaltene oder ihr 
nur in unzureichender Form dargebotene Material zum Theil definitiv in 
Verlust zu schreiben sein, zum Theil nur einen mehr oder Aveniger stark 
und im Interesse der grossen Arbeit selbst bedauerlich verkümmerten 
Beitrag zu deren Ergebnissen zu liefern vermögen. Es ist nicht möglich, 
das akademische Unternehmen selbst noch mit dieser Nebenarbeit zu 
belasten, ohn<' dessen Vollendung in eine nicht mehr absehbare Ferne 
zu rücken. In einzelnen Fällen Avird eine MitAvirkung bei derselben aller- 
dings in das Programm für die Ausführung der beiden ersten Abschnitte 
noch einzubeziehen sein; so wird für die besonders wichtige definitive 
Reduction der BEssEL'schen Zonen, von einzelnen der Kritik bereits zu- 
gänglicher gewordenen Stücken abgesehen, eben erst der zweite Abschnitt 
in Aveit vorgerücktem Stande die ausreichende Möglichkeit zur Elimi- 
nation der constanten Fehler der einzelnen Zonen ergeben, ohne Avelche 
eine neue Bearbeitung der WEissE'schen Cataloge kaum einen besondern 
Werth würde in Anspruch nehmen können, so dass es unumgänglich ist 
dieses bedeutende Stück Nebenarbeit entweder vollständig mit zu über- 
nehmen oder sonstAvie mit der akademischen Arbeit in Zusammenhang 
zu bringen. Im allgemeinen aber muss die AvünschensAverthe Neube- 
arbeitung älterer Sterneataloge und die Bearbeitung der Avichtigen noch 
als Rohmaterial daliegenden Beobachtungsreihen von dem Interes.se 
erhofft Averden, welelies in.sbesondere diejenigen Astronomen, denen 
Mittel zur Ausführung grösserer praktischer Arbeiten sonst nicht zu 
Gebote stehen, an der dankbaren Aufgabe nehmen werden zur Er- 
reichung eines grossen Zieles durch an sicli nicht uninteressante Spccial- 
arbeiten nützuwirken. Manches ist in dieser Richtung bereits begonnen, 
mehreres V(n'l>ereite( oder doch in Anregung gebracht: jedoch erscheint 
es zAveckmässig, uäliei'n Nachweis hierüber und die Bezeichming der 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 89 

noch weiter durch freiwillige Mitarbeit auszufüllenden Lücken dem 
nächsten Jahresbericht vorzubehalten. Inzwischen wird aber bereits jede 
Meldung zu solcher selliständigen Mitarbeit von der Commission dank- 
bar entgeg(>ngenonimen w(>rden und leiclit mit der Überweisung eines 
lohnenden Arbeitsoltj(H-ts erwidert werden können. 

Das Thierreich. 

Bericlit des Hrn. Schulze. 

Die Akademie hat sich entschlossen, ein von der Deutschen Zoo- 
logischen Gesellschaft vor vier Jahren begonnenes Werk im Vereine 
mit der letzteren herauszugeben, welches die Bezeichnung »Das Thier- 
reich« führt und eine Zusammenstellung und km-ze Kennzeichnung- 
aller bisher erkennbar beschriebenen recenten Thierformen bezweckt. 

Seit der 13. Auflage von Linne's Systema natui'ae, welche nach 
dem Tode dieses grossen Systematikers im Jahre 1788 von Gmelin be- 
sorgt wurde, ist nicht wieder der Versuch gemacht, sämmtliche leben- 
den und in historischer Zeit ausgestorbenen Thierarten in einem Werke 
einheitlich geordnet aufzuführen. Inzwischen ist jedoch die Zahl der 
beschriebenen Species in allen Thierclassen so bedeutend gewachsen, 
dass sie, fast unübersehbar, von Einigen auf 300000, von Anderen 
auf 500000 oder noch höher geschätzt wird. 

Es droht die Gefehr, die Gesammtübersicht ganz zu verlieren, um 
so mehr, als schon seit Decennien die meisten wissenschaftlichen Thier- 
beschreibungen nicht mehr wie früher in der alten Gelehrtensprache, 
dem Latein, sondern in den verschiedenen modernen Sprachen aller 
an der wissenschaftlichen Forschungsarbeit sich immer zahlreicher be- 
theiligenden Nationen veröffentlicht werden, und als leider auch die 
von den einzelnen Autoren befolgten Regeln füi- die Benennung der 
Tliierformen nicht unerheblich differiren. 

Daher ist es die höchste Zeit, dass dieses gewaltige Material , sorg- 
fältig gesichtet und nach einheithchen Principien geordnet, in einer 
gieichmässigen , leicht übersichtlichen Weise dargestellt werde, wobei 
dann auch für die Ermittelung der gültigen Bezeichnung aUer syste- 
matischen Begriffe und für eine möglichst einheitliche Regelung der 
Terminologie zu sorgen ist. 

Nach einer von Hrn. Dr. Schaudinn als Probelieferung ausgeführten 
Bearbeitung der Heliozoen sind bis zum A'ertlossenen Jahre neun Liefe- 
rungen erschienen. Die im letzten Jahre herausgegebenen beiden Liefe- 
rungen X und XI enthalten die Oligochaeten von Hrn. Dr. Michaelsen 
und die Forficuliden nebst Hemimeriden von den HH. de Bokmans und 
Dr. Krauss. 

Vier weitere Lieferimgen befinden sich im Druck. 



90 öffentliche Rit/.iuig vom 24. Januar. 

Das P/lan%e»re'icfi. 

B(M-iclit (If's Ilrn. Engi.kk. 

Nachdem durch die vereinte Thätiukeit zalih-eicher, vorzugsweise 
deutscher, österreichischer und Schweizer Botaniker in dem umfang- 
reichen, von Engler und Pranti, herausgege1)enen und nahezu voll- 
endeten Werke »Die natürlichen Pflanzenfamilien« eine Übersicht über 
die Familien, Gattungen und deren wichtigere Arten gegeben worden 
ist, entstand in den betheiligten Kreisen der Wunsch, nunmehr auf 
dieser Grundlage eine umfassendere, den wissenschaftlichen Bedüi-f- 
nissen entsprechende Bearbeitiuig des Pflanzenreiches folgen zu lassen, 
in welcher in knapper Form, namentlich mit Einschränkung der Arten- 
beschreibungen auf Hervorhebung der wirklich unterscheidenden Merk- 
male, eine Aufzählung der bekannten Arten und ihrer Varietäten 
gegeben werden sollte. Die Akademie hat diesem Wunsche Rech- 
imng getragen, die Herausgabe eines reichlich mit Abbildungen ausge- 
statteten Werkes «Das Pflanzenreich« oder »Regni vegetabilis conspec- 
tus« beschlossen und die Leitung des Unternehmens mir übertragen, 
auch bei der vorgesetzten Behörde die Anstellung eines Beamten zur 
Unterstützung des Leiters bei den Redactionsgeschäften erwirkt und 
Hrn. Dr. Harms als solchen gewählt. Es haben nicht bloss zahlreiche 
deutsche, österreichische und SehAveizer Botaniker, sondern auch ein- 
zelne englische, holländische, schwedische und americanische ihre IVIit- 
wirkung an diesem grossen wissenschaftlichen Unternehmen fest zu- 
gesagt, so dass in den folgenden Jahren eine grössere Anzahl von 
Bearbeitungen erscheinen wird. Schon im Jahre 1900 sind 3 Hefte 
erschienen , die Bearbeitungen der Musaceae von Prof. Dr. Karl Schu- 
mann, der Typhaceae und Sparganiaceae von Dr. Paul Graebnkr, der 
Pandanaceae von Prof. Dr. Otto Warburg, von welchen namentlich die 
letztere ungemein viel Neues bringt. 



Ausgabe der Werke Wiuielhi roA Humbolut's. 

Bericht des Hrn. E. SniMinT. 

Die aus dem Allerliöchsten Dispositionsfonds geförderte Ausgabe 
der Werke Wihiei.m von Humboldt's ist durch Hrn. Prof. Dr. Leitzmann 
in Jena und den Bearbeiter der Politischen Denkscliriften, Hrn. Prof. 
Dr. Gerhardt in Berlin, schon so weit vorbereitet, dass der Anfong des 
Druckes nur noch von einer genauei-en Schätzung handschriftlicher Ma- 
terialien abhängt. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 91 

UuMBOCBT- Stiflung. 

Bcriclit des Vorsitzenden des Curatoriums Hrn. VValdeyek. 

Dr. Thilenius, welcher iiizwisclien zum ausserordentlichen Pro- 
fessor in der medicinischen Facultät zu Breslau ernannt ist, fährt in 
der wissenschaftlichen Bearbeitung des reichen , von ihm mitgebrachten 
Materials fort. Es sind von ihm seither einige Mittheilungen etlmo- 
logischen Inhalts veröffentlicht worden. 

ür. MoERiCKE. dessen Forschungsreise in den cliilenisclien Anden 
von der Humboldt -Stiftung unterstützt wurde, s. den Bericht für 1897, 
ist leider der Wissenschaft durch einen frühen Tod entrissen worden. 
Die werth vollen, von ihm der Akademie eingesandten Sammlungen , die 
er selbst nicht mehr zu bearbeiten vermochte, sind im hiesigen Mine- 
ralogisch -petrographischen Institut aufbewahrt und haben dort in Dr. 
F. VON WoLFF aus Glogau einen Bearbeiter gefunden: s. dessen »Bei- 
träge zur Geologie und Petrogra])hie Cliiles«. Zeitsclirift der Deutschen 
Geologischen Gesellschaft 1899, Bd. 51. 

Neu bewilligt wurden: i. Hrn. Prof. Dr. TmLENius nachträglich 
3100 Mark, welche ihm an inivorherzusehenden Mehrkosten erwachsen 
waren. 2. Hrn. Privatdocenten Dr. L. Diels hierselbst 3800 Mark für 
eine botanische Untersuchung Ijestimmter Districte des Caplandes zur 
Vergleichung mit der Flora Westaustraliens. Hr. Dr. Diels hat bereits 
werthvoUe Sendungen avis dem Caplande, woselbst seine Forschungen 
s<'hr günstig ausfielen, an den hiesigen Botanischen Garten gelangen 
lassen. Über 1200 Arten sind gesammelt worden, von denen 890 
liier eingetrott'en sind. P'erner hat Hr. Dr. Diels auch eine genaue Auf- 
nahme der in jenem Gebiet auftretenden Pflanzenformationen gemacht, 
welche er an Hrn. Engler sandte, um sie später l)ei der wissenschaft- 
lichen Aufarbeitung seiner Sammlungen benutzen zu können. Da über 
diese Pflanzenformationen bis jetzt nur sehr unvollkommene Angaben 
existiren und im Jahr 1900 die Niederschlagsverhältnisse im Nordwesten 
der Kapcolonie sehr günstige waren, so wird die an die Sammlungen 
sich knüpfende Bearbeitung ein wcrthvoller Beitrag zur Pflanzengeo- 
graphie Südafricas werden. 

Das Stiftungsvermögen hat sich niclit verändert. Der füi- das 
Jahr 1901 verfügbare Betrag beläuft sich auf rund 6850 Mark. Das 
bisherige Kuratorium wurde zu Beginn der neuen Wahlperiode wieder 
gewählt. 

Savwxv- Stiffung. 
Bericht des Hrn. Peenice. 

Durch eine reiche Geldbeiliülfe. die beim Jubiläiun der Akademie 
aus dem Dispositionsfonds Sr. Majestät gewährt wurde, ist es möglich 



92 Öffentliclie Sitzung vom "24. Januar. 

ycniaclit . (li(; Fortsetzung des Vocalmlarium iurisjJi-udontiaL' Romaiiap 
zu sichern und zu beschleunigen. Die Neuorganisation der Arbeit wird 
nächstens formell zum Abschlüsse kommen. Neben dem Prof. Dr. 
B. KüBLEK, der die Hauptredaction beibehält , treten noch vier Mitlieraus- 
geber ein, unter denen die Arbeit in geeigneter Weise vertheilt ist. 
Sie wird gleiclizeitig an verschiedenen Stellen des Alphabets begonnen 
Averden. Die Herausgeber sind schon alle mit ilirer Aufgabe bescliäftigt. 



Bopp- Stijlung. 

Bericht der vorbcrathenden Commission. 

Zum i6. Mai 1900, als dem Jahrestage der Borr- Stiftung, liat die 
Königliche Akademie der Wissenschaften aus dem zur Verfügung stehen- 
den Jahresertrage von 1899 (im Gesammtbetrage von 1350 Mark) die 
erste Rate (von 900 Mark) dem Dr. phil. Walter Fiuedländek liierselbst 
zur Unterstützung seiner Reise nach England, imi Handschriften des 
(j)äilkhäyana-Aranyaka u. dergl. einzusehen, die zweite Rate (von 
450 Mark) dem Privatdocenten Dr. von Nägelein in Königsberg zur 
Drucklegung seiner Arbeit über das Rossopfer zuerkannt. — Der Jahres- 
ertrag der Stiftung (44300 Mark preussische Consols zu 3+ Procent) 
beläuft sich zur Zeit auf 1550 Mark 50 Pf 



Herüiann und Elise geb. Heckmann Wentzel - Stiflung. 

Bericht des Curatoriums. 

Die beiden Unternehmungen der Ausgabe der griechischen christ- 
lichen Schriftsteller und der Herstellung eines Wörterbuchs der deut- 
schen Rechtssprache sind im Jahre 1900 planmässig und ohne Unter- 
brechung fortgeschritten. Die näheren Angaben sind in den als Anl. I 
und II hier beigefügten Berichten der Leiter der beiden Unterneji- 
mungen entlialten. 

Die Nyassasee- und Kingagebirgs-p]xpedition ist abgeschlossen, 
indem kurze Zeit nach dem Tode des Botanikers Götze auch der 
Zoologe der Expedition Dr. Fülleborn seine Thätigkeit in dem er- 
forschten Gebiet beendigt hat und seitdem nach Europa zurückge- 
kehrt ist. ilber die von der J'.xpedition seit der letzten Berichterstat- 
tung eingegangenen Sendungen gibt Anl. III Auskunft. Die Bearbei- 
tung des gesammelten Materials dauert noch fort. 

Bewilligungen aus Stiftungsmitteln erfolgten zu Gunsten der 
Kii-chenväter-Ausgal)e \md des Rechtswörterbuchs mit je 5000 Mark. 
Weiterhin wurde auf Antrag einer grösseren Zahl von Mitgliedern beider 



Jaliresbei'ichte der Stiftungen und Institute. 93 

Classen der Akademie beschlossen, in ein von dem Professor Dr. Alfred 
Phu.o'pson in Bonn geplantes Unternehmen einer, vorzugsweise geogra- 
phischen und geologischen Erforschung des westlichen Kleinasiens ein- 
zutreten, und für die erste, im Jahre 1901 auszufülirende der drei 
geplanten Reisen die Summe von 4500 Mark bewilligt. 

Die erste Wahlperiode des Cüratoriums lief am 31. März 1900 ab. 
SämmtUche gewählten Mitglieder wurden von der Akademie auf weitere 
fünf Jahre in ihrem Amte bestätigt, und die neue Constituirung hat 
bezüglich der Geschäftsführung ebenfjiUs keine Änderungen ergeben. 

Anl. I. 

Bericht der Kivcliein-Hfer-Commission für 1900. 

Vou A. Harnack. 

In dem Jahre 1900 sind drei neue Bände der Kirchenväter -Aus- 
gabe erschienen, nämlich: 

1 . Der Dialog des Adamantius -nepi Ttjs eis Oebv 6p9r\s ■Kicrrews, 
hrsg. von W. H. van de Sande Bakhuyzen; 

2. das Buch Henoch, hrsg. von Jon. Flemming und L. Rader- 

MACHER : 

3. die Homilien des Origencs über Jeremias u. s. w. von Kloster- 
mann. 

Im Druck befinden sich zwei Bände, nämlich: 

Heikel, Vita Constantini, und Geffcken, Oracula Sibyllina. 

Ausgegeben wurden zAvei Hefte des »Archivs firr die Ausgabe der 
älteren cliristlichen Schriftsteller«, nämlich: 

Bd. V Heft 3 : A. Harnack, Die Pfaff 'sehen Ii-enäus - Fragmente 
als Fälschungen Pfaff 's nachgewiesen. — MisceUen zu den 
apo.stolischen Vätern, den Acta Pauli u. s.w. 

Bd. V Heft 4 : Carl Schmidt, Plotin's Stellung zum Gnosticis- 
mus und kirchlichen Christenthum. — Carl Schmidt, Frag- 
ment einer Schrift des Märtyrerbischofs Petrus von Alexan- 
drien. — 0. Stählin. Zur handschriftlichen Überlieferung 
des Clemens Alexandrinus. 

Im Druck befinden sich drei Hefte, nämlich: 
Bd. VI Heft i: J. Sickenberger, Titus von Bostra. 
Bd. VI Heft 2 : E. Nestle, Die syrische Übersetzung der Kirchen- 
geschichte des Eusebius. 
Bd. VI Heft 3: Urbain. Ein Martyrologium der christlichen Ge- 
meinde zu Rom am Anfang des 5. Jahrhunderts. 



94 öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

Zu Vorarbeiten für die Ausgabe des Epiphanius sind Prof. Holl 
die Mittel bewilligt worden. Derselbe hat fünf Monate in Italien zu- 
gebracht und in dieser Zeit etwa die Hälfte der dort vorzunehmenden 
handschriftlichen Studien ausgefülirt. — Prof. Ehrhard wurden weitere 
Mittel zur Fortführung seiner martyrologischcn Forschungen gewährt. 

Mit besonderm Danke hat die Kirchenväter- Commission es an- 
zuerkennen , dass die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften zu Wien, 
bez. die akademische Kirchenväter- Commission daselbst, nach freund- 
schaftlichen Verhandlungen nicht nur auf die Ausgabe der Ubersetzungs- 
werke des Rufin (Euseb's Kirchengeschichte , Origenes' De principiis, 
Origenes' Commentare, Clemens' Recognitionen) verzichtet, sondern 
ihr auch ihre CoUationen gegen eine billige Entscliädigung überlassen 
hat. Die nähere Beziehung, in welche die Akademien in den letzten 
Jahren zu einander getreten sind , hat sich aucli in diesem Falle als 
etwas nicht bloss Formelles, sondern als eine wirkliche Cooperation 
bewährt. 

Endlich hat die Kirchonväter-Commission der hohen Staatsregie- 
rung ihren wärmsten Dank dafür auszusprechen , dass die Bitte um 
Anstellung eines ständigen wissenschaftlichen Beamten erfüllt worden 
ist. Von den vier Beamten, welche der Königliclicn Akademie der 
Wissenschaften als Jubiläumsgalie von der Staatsregierung bewilligt 
worden sind, ist einer der Kirch enväter-Commission zugeordnet worden. 
Die Stelle ist, zunächst provisorisch, dem Lic. Dr. Carl Schmidt über- 
tragen. Er wird die Commission bei der Herausgabe der Werke der 
Kirchenväter unterstützen und ausserdem koptisch -christliche Texte 
publieiren, zu deren Bearl)eitung er in besonderm Maasse berufen ist. 

Anl. II. 

Bericht der Commission für das Wörterburlt der deutschen Rechtssprache, 
für das Jahr 1900. 

Von H. Brunner. 

Die auf Sammlung des Materials gericlitete Thätigkeit hat im ver- 
flossenen Jahre gedeihlichen und gesteigerten Fortgang genommen, Avie 
aus dem unten folgenden Berichte des Hrn. Geh. Hofraths Prof. Dr. 
Richard Sciirof.der in Heidelberg zu ersehen ist. Im Frühjahr 1900 
hat sich unter dem Vorsitz des Hrn. Prof Dr. Eugen Hiber in Bern 
eine »schweizerische Commission zur Förderung des deutschen Rechts- 
wörterbuches« gebildet, die es sich zur Aufgabe setzt, die schweize- 
rischen Quellen für die Zwecke des Wörterbuches zu excerpiren, die 
hergestellten Excerpte in einer Centralstelle zu Bern zu sammeln und 
in grösseren Partien nach Heidelberg abzuliefern. Füi" Herstellung der 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 95 

Excerpte liess die schweizerische Commission eine besondere Anleitung 
drucken. Von der philosophisch -historischen Classe der Königlich 
Preussischen Akademie der Wissenschaften wurde die Bildung der 
schweizerischen Commission mit lebhaftem Danke zur Kenntniss ge- 
nommen. 

Um neue Mitarbeiter zu gewinnen, hat die akademische Commission 
einen Aufruf drucken lassen, worin Alle, die etwa in der Lage sind, 
dem grossen nationalen Werke ab und zu eine freie Stunde zu widmen, 
dringend zu solcher Mitarbeit eingeladen und gebeten werden, ent- 
weder eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen oder doch wenigstens, 
wenn ihnen anlässlicli ihrer Arbeiten , sei es bei der Leetüre von ge- 
druckten Werken, sei es bei archivalischen Studien, wichtige oder 
seltene Eechtsausdrücke und Wortverbindungen vor Augen kommen, 
die betreffende Quelle auszuziehen, und sich wegen Zuweisung einer 
bestimmten Aufgabe, wegen Zvisendung von Zettelformularen, wegen 
der erforderlichen Anleitung und wegen sonstiger Auskunft an den 
wissenschaftlichen Leiter des Unternehmens, Geheimrath Prof. Dr. 
Richard Schroeder in Heidelberg, Neuenheimer Landstrassc 2, zu 
wenden. Der Aufruf ist in einzelnen Exemplaren versandt und in der 
Zeitschrift der Savigny- Stiftung für Rechtsgeschichte, germanistische 
Abtheilung. Band XXI, S. 365 f. abgedruckt worden. 

Hr. Prof. Dr. Karl von Amira ist aus der akademischen Commission 
zu deren lebhaftem Bedauern ausgeschieden. 

Bericht des Hrn, Schroeder. 

Die Arbeiten haben den im letzten Jahresbericht in Aussicht ge- 
stellten Aufschwung genommen. Die Zahl der Freunde imd Mitai-beiter 
hat sich, zum Theil jedenfalls in Folge des von der Commission er- 
lassenen Aufrufes, ausserordentlich vermehrt und die Menge der ein- 
gegangenen Quellenauszüge hat einen Umfang angenommen, der es für 
die bisherige Leitung unmöglich erscheinen lässt, ohne die Anstellung 
eines zweiten ständigen Hülfsarbeiters auch fernerhin das einlaufende 
Material genügend zu verarbeiten und in das Archiv einzuordnen. Das 
unten folgende Verzeiclmiss der im Jahre 1900 ausgezogenen Quellen, 
unter denen sich zum Theil umfangreiche, viele Bände mnfassende 
Quellenwerke befinden, zählt ungefälir ebenso viele Nummern auf wie 
das A^orjälu'ige Verzeichniss, das das Arbeitsergebniss der drei ersten 
Jahre zusammenfasste. Besonders zahlreich waren die Beiträge aus dem 
deutschrechtlichen Seminar in München (von Ahiira) und die von den EH. 
DES Marez. van Vleuten, Liesegang, Theodor Knapp und Rott gelieferten 
Quellenauszüge. Eine durch ihren Umfang Avie durch innern Werth 



96 Öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

^i>ieicluuä.ssi,i;- ;iu.sgezeichnete Sendung' von Qucllenauszügen lieferte die 
durch Hrn. Prof. Eugen Huber ins Leben gerufene Commission fiii" 
die Bearbeitung- der scliweizerisclien Reclitsquellen. Ihre Beiträge, die 
in dem unten folgenden Verzeichniss durch einen beig-efügten Stern 
erkennbar gemacht sind, entstammen gTÖsstcntheils dem von Hrn. Prof. 
Gmür in Bern geleiteten deutschreclitlichen Seminar: mit eigenen Bei- 
trägen haben sich insbesondere die HH. Friedrich von Wyss und 
Stocker in Zürich, die Professoren Gmür und -Singer in Bern, Dr. 
Alfred Stückelberg in Basel vmd Dr. Emil Welti betheiligt. 

Nicht in das Verzeichniss aufgenommen sind die werthYollen 
Beiträge, die auf Grund von Einzelnotizen oder als Auszüge aus 
kleineren Quellen von den HH. von Amira , Prof. Wille in Heidelberg, 
Dr. DES Marez in Brüssel und von Mitgliedern des GjiÜR'schen Seminars 
geliefert wurden. Auch an dieser Stelle mag darauf aufmerksam ge- 
macht werden, wie erwünscht gerade derartige Einzelnotizen füi" die 
Förderung der Wörterbucharbeiten sein müssen. 

Von einer Aufnahme der in Arbeit begriiienen Quellen wui'de 
für diessmal Abstand genommen. Nur darauf sei hingewiesen, dass 
Hr. Oberlandesgerichtsrath Dr. Theodor Motloch in Wien in überaus 
entgegenkommender Weise es übernommen hat. die grosse Chorin.sky- 
sche Sammlung in Wien für die Zwecke des Wörterbuches nutzbar 
zu machen. Zunächst ist die Bearbeitung des Landrechtsbuches Fer- 
dinand's L (Zeiger ins Landrechtsl)uch. Institutum Ferdinandi I), eines 
Gesetzentwurfes von 1528, in Angriff" genommen. 

Verzeichniss der im Jahre 1900 ausgezogenen Quellen. 

Acta Tirolensia: Prof. von Voltelini in Innsbruck. 

Adelsheini, Stadtrechtsquellen (Obenli. Stadtiechte): Schroeder und Lorentzen. 

Altbaierisclie Freibriefe (Lerclienfeld): Dr. Ellinger (vollendet). 
*Amnienliausen, das Schadgabelbuch Koniats von Aninienhausen (von 1337), her. 

von Vetter, 1892: l'rof. Dr. Singer in Bern. 
*Arberger Stadtsatzung v. 1541 (Z. f. sehw. H. IX): Stud. Rennefahrt in Bern. 

Augsburger Stadtbuch (Meyer), Reilitsprakticant Coblenzer in München (vollendet). 

Baseler Dienstmannenrecht (Wackcrnagel) : His. 

Baierisclies Landrecht von 1346: Rechtsprakticant Geiger in München. 

Bauniann, Geschichte des Allgäus: Prof. Th. Knapp in Tübingen. 

Beowulf: Dr. A. Hahn in Berlin. 
*Berner Rechtsquellen, besonders Handfeste und Satznngsbüclier (Sciuveiz. Rechtsqu. 
Bern I): Dr. Emil Welti. 

Binterim und Mooren, Rheinisch -westfälischer diplomatischer Codex oder Urkun- 
densainniluiig zur Geschichte der Erzdiöcese Röln 1. II. 1830, 1831: Prof. Dr. Lie- 
seoano in 'Wiesbaden. 

Blume von Magdeburg (Böhlau): Dr. G. .Stobbk in Leipzig. 

Blütings Glosse zum Jütischen Lowbuch . 1717: Dr. Luppe in Frankfurt. 

Bolsvvarder Stadtbüclier von 1455 und 1479 (Teltiiig): His. 

Brünnor l{cclits(|uellen (Rösslci): Pnif SniiticuEii in Prag. 

Bück, überdeutsches Flurnainenbuch , 1880: Prof. Tu. Knapp. 

v. Bunge, Altlivlands Rechtsbücher, 1879: Dr. van Vleuten. 
*Büroii, Herrsclial tsrecht von 1455 (Z. f. schw. R. V): Stud. Grobeb in Bern. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 97 

Carolina, peinliche H. G. 0. (Kohler und Scheel): Prof. Willy Scheel. 

Cartulaire de l'ahbaye de Bergues: Dr. dks Marez. 

Cartulaire du Bourg de Bniges: Dr. des Marez. 

Cartulaire de l'abbaye des Dunes: Dr. des Marez. 

Cartulaire de la prcvote d'Ypres: Dr. des Makez. 

Cleve, Heberegistcr der Grafen von Cleve im Staatsarchiv von Düsseldorf (1320 bis 
1330): Prof Dr. Liesegang. 

Clever Schöffensprüche. Liber sententiaruni promulgatarum per scabinos Cliveiises 
im Stadtarchiv zu Cleve: Prof. Dr. I.iesegang. 

Clever Stadti-eclit nach dem Hauptcodex im Clever Stadtarchiv A 83 (Bii): Prof. 
Dr. Liesegang. 

Codex AugusteusL: Dr. Heinrich Titze in Göttingen. 

Colberg. Rolle der Tischler, von 1573: Schröder und Lorentzen. 

Costumen (Coufumes) von: Aelst (Alost), Ainiens, Antwerpen (Anvers), Assenede, 
Audenaerde, Bonehaute, Cortrijk (Courtrai), Desseldonc, Funies, Mecheln (Malines), 
Ninive, Rousse, Termonde (Dendermonde), Waes, Ypern: Dr. des Marez. 

Dederich, Annalen der Stadt Emmerich 1867: Prof Dr. Liesegang in Wiesbaden. 

Diericx, Het Gends Charteiboekje, 1821: Dr. des Marez. 

Dresdener Schötfenrecht (Wasserschieben): Dr. R. Behrend (vollendet). 

Duisburg. Kleine, Diploinata Duisburgensia historica LH. 1839. 1840: Prof. Dr. 

Liesegang. 
*Engelberger Thalreclit (Z. f. schw. R. VII): Stud. Raaflai'e in Bern. 

Fivelgoer Sendrecht (Hettema): His. 
*Fontes rerum Bernensium: Dr. Eimil Welti. 

Freiburg i. Br., Stadtrecht von 1520: Dr. K. Bkunner in Karlsruhe. 

Fronimhold, Rügisclies Landrecht des Matthäus Normann: Prof Frohmhold in 
Greifswald. 

Gaillard, Archives du conseil de Flandre, 1856: Dr. des Marez. 

Göttingen, Protokolle des Vereins f. d. Geschichte Göttingens, 1892 — 1898: Schroeder. 

Grafenthal. Schölten, Robert, Das Cistercienserinnen -Kloster Grafenthal oder 
Vallis comitis im Kreise Cleve 1899: Prof. Dr. Liesegang. 

Grimm, Weistümer I: Dr. Heerwagen in Nürnberg (fortgesetzt). 
IV: Rcchtscandldat Rott in Hunspach (fertig). 
V: Dr. Fritz Kienkr in Strassliurg (begonnen). 

Hagenauer Statutenbuch (her. v. Hanauer und Kiele, 1900): Dr. E. Brück in Strass- 
burg. 

Heidelberger Stadtrechtsf|uellen (Oberrheiii. Stadtrechte): Schroeder und Lorentzen. 

Helbling, Seifried: Dr. Doublier in Wien (vollendet). 

Helmkampfi, De eo (juod iustum est circa vinum adustum: Dr. A. Eggers in Karls- 
ruhe. 

Hettesheim, Gesch. der Stadt und des Amtes Geldern I 1863: Prof Dr. Liesegang. 

Hilgard, Urkunden zur Geschichte von Speier: Dr. Köhne in Berlin. 

Hofmeister, De iure coquendi et vendendi cerevisii: Dr. A. Eggers. 

Jäger von Jägersberg, De iure coquendi et vendendi cerevisii: Dr. A. Eggers. 

Ingelheimer Obeihof (Loersch) : Dr. van Vleuten. 

Jütische Lowbuch, das, übersetzt von Eichenberger, 1717: Dr. Luppe. 

Kaikar. Kalkarer Schölfenrollen 1353 — 1379 Stadtarchiv. Einzelurkunden im Stadt- 
archiv zu Kaikar, im Pfarrarchiv (Nikolaipfarie) zu Kaikar und im Staatsarchiv zu 
Düsseldorf: Prof Dr. Liesegang. 

Kalkarer Stadtrecht in der Berlinei' Königl. Bibliothek, Manuscripta Borussica 4°, 
nr. 403: Prof Dr. Liesegang. 

Kieler Varbuch (her. von Luppe, 1899): Dr. Luppe. 

Kohler, Beiträge zur Gesch. des röm. Rechts in Deutschland, Heft 2 : das röm. Recht 
am Niederrhein. Neue Folge 1892 (Urkunden betreffend Duisburg): Prof. Dr. Lie- 
segang. 

Landau (Pfalz), Erbrecht von 1660 (v. d. Nahnier IL 873ff.): Dr. Weismann. 

Leeuwarden, Stadtbuch (Telting): His. 

Leininger Erbfolgeordnung von 1726 (v. d. Nahnier II. 835ff.): Dr. Weismann. 

Liesegang, Recht und Verfassung von Rees 1890 (Reeser Stadtrecht von etwa 1400): 
Prof. Dr. L1ESE0ANG. 



98 öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

Loerscli und Schröder, Urkunden z. Geschichte des deutschen l'rivatrechts: Schroe- 

DEn und LoRENTZEN (vollendet). 
Loerscli, Weistünier der Rlicinprovinz I. 1900: Dr. van Vleuten. 
Luxemburger Weistünier(Hardt), fertig bis S.437: Rechtscandidat Rott in Hunspadi 
•Luzern, Stadtreclit um 1480 (Z. f. schw. R. V.): Stud. Grober in Bern. 
Miraeus. Opera diplomatica: Dr. des Marez. 
Mittheilungen der badischen historischen Commission (Zeitsciir. f. Geschichte d. 

Oberrheins, N. F.): Prof. Tu. Knapp (noch nicht vollendet). 
Monum. W irciburgensia, Monum. Boiea 38 — 44: Rechtscandidat Konr. Stefser 

in München. 
Mosbach. Stadtrechtsquellen (Oberrhein. Stadtrechte): Schroeder und Lorentzen. 
Müncliwcier Weistuni, Anf. des 12. J;iliihunderts: His. 
Napiersky, Erbebüclier der Stadt Riga: .\. von Bulmerinoq in Riga. 
Napiersky, Quellen des rigischcn Stadtreclits, 1876: Dr. van Vleuten. 
N e c k a r g e m ü n d. Stadtrechtsquellen (Olierrhein. Stadtrech te): Schroeder und Lorentzen. 
Nürnberger Additionaldekrete (Labner): Rechtspraktikaiit Adolf .Stern in München 

(vollendet). 
'Nydau. Freiheitsbrief von 1548 (Z, f. scliw. R. IX): Stud. H. Rennefahrt in Bern. 
Oberhof Lübeck (Michelsen): Dr. Martin Wolff in Berlin. 
Ost errclcbiscbe Rcimchronik: Dr. Doliblier in Wien. 
•Pcstalutz, Züricher Amts- und Hypothekenrecht: Prof. ür. Friedrich von Wvss in 

Zürich. 
Placaeteii van Brabant, Viaenderen etc. 1.: ür. des Marez. 
Revscher, .Sammlung der wfirttembergischen Gesetze: Prof. Th. Knapp. 
*Rusch, Appenzellisches Landbuch von 1409 (1869): Prof. Dr. GmCb in Bern. 
Saarbrücker Landrecht (v. d. Nalimer): Dr. Weismann. 
Sachsenspiegel Landrecht: Schroeder und Stud. Alfr. Berger (vollendet). 
•Sankt-Gallen. Rathssatzungen des 14. und 15. Jahrhunderts (Mittheilungen zur 

Vaterland. Geschichte, 1865: Stud. Fässler in Bern. 
•Schaffhausen. Stadtbuch von 1385 (Allemaimia V), Testierordnung von 1689, Stadt- 

n-erichtsordnnng von 1766: Rechtscandidat Stamm in Bern. 
•Schauberg, Zeitschrift I., Beitrüge III. (Züricher Rechtsquellen): Prof Dr. Friedrich 

VON Wyss. 
Schölten, Rob., die Stadt Cleve 1879 (urkundl. Anhang): Prof. Dr. LiESEOANfJ. 
Schölten, Rob., Geschichtliche Nachrichten über Clevesham, Brienen, Sombrienen 

und Griethausen 1888: Prof Dr. Liesegano. 
•Schwyzer Rechtsquellen (Zeitschr. f. schw. R. II): Stud. Spielmann in Bern. 
Sloet, Het Stift te Bredbur (bei Cleve), Sonderabdruck aus Letterk. Verhandl. der 

Kon. Akad. zu Amsterdam , Deel XII. : Prof Dr. Liesegang. 
Sneker Stadtbucb von 1456 (Telting): His. 
Staveren. Stadtbuch (Telting): His. 

Stralsund. Gerichtsordnung von 1592; Senatspräsident Dr. Fabricius in Breslau. 
Strassburger Urkundenbuch LH. IV., 2: Rechtscandidat Rott in Hunspach. 
•Tätwil. Öffnung von 1456 (Argovia I): Stud. A. Vogel in Bern. 
•Tliun. Satzungs- und Einungsbuch von 1535 (Z. f. schw. R. IX): Stud. Rennefahrt 

in Bern. 
Trierer Landreclit von 1713 (v. d. Nalnner): Dr. Weismann. 
•Unterwalder Rechtsquellen (Z. f. schw. R. X): Stud. Morissmann in Bern. 
Urkundenbuch des Klosters Indersdorf: Dr. Ellinger in München (vollendet). 
•Wallis, Rechtsquellen des Cantons (Heusler, Z. f. schw. R. N. F. VII— IX): Dr. Al- 
fred StCckelberg in Basel. 
Weissenburg a. N., Statuten (G. Voltz, Chronik der Stadt W., 1835); Rechtsprakti- 

cant Ad. Stern in München. 
Wendeborn, De iure erigendi cauponas, diss. Gott. 1739: Dr. A. Eggers. 
Wescler Stadtbücher und Urkunden im Staatsarchiv zu Düsseldorf: Prof Dr. Liese- 

OANO. 

•VVettingen. Rechts(|iicllen des 15. Jahrhunderts (Argovia IV): Stud. Keller in Bern. 

Wetzlar. Erbrecht von 1608 (v. d. Nahmer) : Dr. Weismann. 

Wien. Stadtrechtsbuch (Schuster): Prof Schuster (vollendet). 
•Willisau, Amtsrecht von 1489 (Z. f. schw. R. V.): Stud. A. Grober in Bern. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 99 

'Will terthur, Stadtrecht von 1297 (BIuiifschH, Zürich. Rechtsgcschichte): Prof. Dr. 

Fhiedr. von Wyss. 
Württembergisclies Urlcundenbuch I— VII: Dr. Meiiring in Stuttgart. 
Württembergische Vierteljahrsliefte: Dr. ^NlEHiiiNn (angefangen). 
Zeitschrift f.d. Gescliirhte des Oberrheins, N. F.: Prof. Tu. Kn.\pp (angefangen). 
Zeitschrift des liistor. Vereins f. d. Wüitreniherg. Franlien: Prof. Th. Knapp. 
Zuger Reclitsquellen: Dr. Hans Burckhardt in Basel. 
Züricher Rechtsquellen (Z. f schw. K. IV.). insbesondere die Stadtbücher: Prof. 

Friedr. von AVvss. — Richtebrief: Altoberrichter Dr. Stocker. 



Aul. III. 
Nyafisasee- und Aing-ageblrgs - Expedition. 

n. Bericht des Hrn. Möbius. 

Seit Erstattung meines Berichtes vom 6. Januar 1900 sind zwei 
grosse Sammlungen des Dr. FüLLEiiORN und zwei Samndungen des Bo- 
tanikers GoETZE hier eingetroften. 

Das gesammte von Dr. Füllebokx gelieferte Material beläuft sich 
auf 160 Säugethiere. 470 Vögel, 457 Reptilien und Amphibien, 797 
Fische, 400 Schmetterlinge, eine grosse Menge von Käfern, Hymenop- 
teren, Dipteren, Orthopteren, Rhynchoten, Spinnenthieren und Tausend- 
füssern, viele Krebse, Würmer. Mollusken, und zahlreiche Gläser mit 
Planktonfängen aus dem Nyassa- und Rukwasee. deren Untersuchung 
im Gange ist. 

Die GoETZE"schen Sammlungen umfassen insgesammt 20 Säugethiere, 
I Vogel. 78 Reptilien und Amphibien, 1991 Schmetterlinge, 3 200 Käfer, 
5 Hymenopteren . 8 Dipteren. 744 Orthopteren und Rhynchoten, 29 
Spinnenthiere und 9 Mollusken . ferner noch drei und zwanzig Watte- 
tafeln , belegt mit Käfern . Orthopteren und Rhynchoten , die noch niclit 
alle sortirt und genadelt werden konnten. 

Vierzehn neue Vogelarten sind A^on Prof. Reichenow in den Orni- 
thologischen Monatsberichten, Jahrgang 1900, und di-ei neue Schmetter- 
linge von Prof. Kaesch in den Entomologischen Nachrichten, Jahr- 
gang 1900, beschrieben worden. 

Die Expedition hat selir viele werthvolle Beiträge zur genaueren 
Kenntniss der Thierwelt von Deutsch -Ostafrica geliefert und das zoolo- 
gische Museum durch eine Menge hier noch fehlender Insecten be- 
reichert. 

6. Bericht des Hrn. Emgler. 

Nach dem am 9. December 1899 erfolgten Tode des Reisenden 
W. GoETZE in Langenburg sind die reiche botanische Au.sbeute des- 
selben sowie auch seine Aveniger umfangreichen zoologischen. Samm- 
lungen und seine kartographischen Aufnahmen nach Berlin gelangt. 
Die gesammte botanische Ausbeute umfasst etAva 1500 Nummern, Avelche 



100 öffentliche Sit/.ung vom 24. Januar. 

eine sehr wesentliche Bereieherunü; der Sammhuigeii des Königlichen 
Botanischen Museums ausniiiclicii und deren wi.ssenschaftliche, zum 
grössten Theil schon erledigte Bearbeitvuig nicht bloss eine grosse 
Anzahl neuer Arten . sondern auch das pflanzengeographische Resultat 
ergeben hat. dass auf" dem Kingagebirge mehrere südafricanisehe Typen 
ziemlich reich entwickelt sind. Zahlreiclic photograpliischc Aufnahmen 
des Verstorbenen, von denen eine Copie dem Botanischen Museum 
zusteht, geben Aufschluss über die Art der Pilanzenlbrmationen des 
bereisten Gebietes. Die sehr speciellen kartographischen Aufnahmen 
wurden der Colonial -Abtheilung fiir die Herstellung der Karte von 
Deutsch - Ost^ifrica überlassen, liarren jedoch noch der Verarbeitmig. 
Von Hrn. Stabsarzt Dr. Füi.leborx wurden zahlreiche Schlamm- 
und Planktonjjroben gesammelt, welche jetzt zunächst von Hrn. Prof. 
ScHMiDLE in Mannheim auf die in ihnen enthaltenen Ptlanzen unter- 
sucht Averden. 

Akademische Jubiläums-Sliftung der Stadt lierUn. 

Bericlit des Hrn. Waldeyf.r. 

Die Stadt Berlin hat anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Aka- 
demie ein Capital von Einhunderttausend Mark bei der Akademie ge- 
stiftet. Die Stiftung ist durcli die landesherrliche Genehmigung der- 
selben, Festsetzung von Statuten und Auszahlung der Summe an die 
Akademie im abgelaufenen Jahre in's Leben getreten. Sie Avird von 
der Akademie durch ein Curatorium, in welches der Obei-bürgermeister 
von Berlin als ständiges Mitglied einzutreten hat, verwaltet. Die Zin- 
sen sollen in einer vierjährigen Periode, also zunächst 1904, für ein 
grösseres wissenschaftliches Unternehmen, insbesondere aus dem Ge- 
biete der Naturwissenschaften, vei-wendet werden. 



Die Jahresbericlite über die Monumenta Germaniae historica und 
über das Kaiserliehe Archaeologische Listitut werden in den Sitzungs- 
berichten veröffentlicht werden, nachdem von den leitenden Central- 
directionen die Jahressitzungen abgehalten sind. 



Sodann berichtete der Vorsitzende über die seit dem Friedkiciis- 
Tage 1900 (25.Jaimar) bis heute unter den Mitgliedern eingetretenen 
Personalveränderungen: 

Die Akademie verlor durch den Tod das auswärtige Mitglied 
der physikalisch -mathematischen Classe: Charles Hermite in Paris am 
14. Januar 190 1 : das auswärtige Mitglied der philosophisch -hi.sto- 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 101 

risdien Cla.ssc : Max Müller in Oxford am 28. October 1900: das Khren- 
mitüiied der Gesammtakademie : AdalbertFalk in Hamm am 7. Juli 1900. 

Die Akademie betrauert aufrichtig und beklagt tief den Tod dieser 
drei ilir durch lange Zeit hindurch verbunden gewesenen Männer. 
Charles Hermite, einer der bedeutendsten Mathematiker des abgehiu- 
fenen Jalirliunderts, wird besonders schmerzHch von den Fachgenossen 
in Deutschland betrauert, deren grösster Theil ihm die schönsten und 
wohlwollendsten Anregungen zu wissenschaftlicher Thätigkeit verdankt. 
Sein Name wird stets mit den Namen der ruhmreichen deutschen 
Mathematiker des verflossenen Jahrhunderts, mit denen er vereint 
arbeitete, in Verbindung bleiben. 

Friedrich Max Müller's, Sohn des Griechendichters Wilhelm 
Müller, Name ist durch die Art eines Theiles seiner Publicationen 
noch weiteren Kreisen bekannt geworden, als denen seiner speciellen 
Fachgenossen, den Indologen und vergleichenden Sprachforschern. In 
England hatte er seine zweite Heimat gefunden, ohne seine erste 
aus dem Herzen zu verlieren. Von Oxford aus, wo er lehrte und 
forschte, verbreitete sich sein Name und Ruhm durch die ganze Welt. 
Grundlegend war seine grosse Ausgabe der Hymnen des Rigveda, 
unvergesslich und bahnbrechend seine zahlreichen Arbeiten auf dem 
Gebiete der vergleichenden Linguistik, Religionswissenschaft und Phi- 
losophie. Es wird füi" immer ein Ruhmestitel unserer Akademie 
bleiben , diese beiden Männer lange Jahre zu den ihrigen haben zählen 
zu können. 

Der verstorbene Staatsminister und Ober- Landesgerichtspräsident 
Dr. Adalbert Falk trat zur Akademie in seiner Eigenschaft als Unter- 
richtsminister in Beziehung. Unvergessen bleibt uns für alle Zeiten 
das von tiefem Verständniss für unsere Aufgaben getragene thatkräftige 
Wohlwollen, welches er der Akademie während seiner Amtsführung 
bewiesen hat. Es hat der Akademie eine besondere Freude gewährt, 
diesen hochausgezeichneten Staatsmann und Rechtsgelehrten anlässlich 
ihrer Zweihundertjahrfeier zu ilirem Ehrenmitgliede ernennen zu können; 
zu unserer tiefen Betrübniss sollten wir uns dieser auch uns ehrenden 
Mitgliedschaft nicht lange erfreuen. 

Ferner wurden der Akademie entrissen die correspondir enden 
Mitglieder der physilvalisch-mathematischen Classe: Eugenio Beltrami in 
Rom am 18. Februar 1900: Elwin Bruno Christoffel in Strassburg am 
1 5 . März 1 900 : Willy Kühne in Heidelberg am 1 1 . Juni 1 900 ; das 
correspondir ende Mitglied der philosophisch -historischen Classe: 
Felix Ravaisson in Paris am 18. Mai 1900. 

Neu gewählt wm-den zum ordentlichen Mitglied der physika- 
lisch-mathematischen Cla.s.se: Robert Helmert am 31. Januar 1900; zu 



102 öffentliche Sitzung vom 24. Januar. 

jiuswärtii^en 31iti>iiedern der physikalisch -mathematischen Classc: die 
bisherigen correspondh-enden Mitglieder Wh-iielm Hittorf in Münster; 
Lord Kelvin in Ncthorhall. Largs: K.\rl Gegenbaur in Heidelberg: 
Eduard Pflüger in Bonn: ferner Marcelin Bertiielot in Paris und 
Eduard SvESs in Wien, .säinmtlich am 5. März 1900: 

zu auswärtigen ]VIitgliedern der philosophiscIi-liistorischenClasse: 
die bisherigen corrcspondirenden Mitglieder Theodor Nöldeke in Strass- 
burg: Friedrich Imiiüof- Blumer in Winterthur: Theodor von Sickel in 
Rom: Gaston Paris in Paris: Max Müller in Oxford: Franz Bücheler 
in Bonn; ferner Rudolf Hay.m in Halle a. .S. xmd Pasquale Villari in 
Florenz, sämmtlich am 5. März 1900: 

zu Ehr(;nmitgliedern der Gesammtakademie: Chlodwig Füi'st zu 
Hohenloiie-Sciiillingsfürst; Adalbert Falk in Hamm: Gustav von 
Gossler in Danzig; Hugo Graf von und zu Leuchenfeld in Berlin; 
Friedrich Althoff in Berlin; Richard Schöne in Berlin; Frau Elise 
Wentzel geb. Heckjiann in Berlin, sämmtlich am 5.3Iärz 1900: Konrad 
Studt in Berlin am ly.Mcärz 1900: Andrew Dickson White in Berlin 
am I 2. December 1900; 

zu correspondirendeii Mitgliedern der physikalisch-mathema- 
tischen Classe: Karl Chun in Leipzig und Johann Wilhelm Sfengel in 
Giessen am 18. Januar 1900: Dmitrij Mendelejew in St. Petersburg; 
Julius Thohsen in Kopenhagen ; Clemens W'inkler in Freiberg (Sachsen) ; 
Ernst Wilhelm Benecke in Strassburg; Albert Gaudry in Paris; Fried- 
rich Schmidt in St. Petersburg: Johannes Strüver in Rom: Alfred Ga- 
briel Nathorst in Stockholm; Ludwig Radlkofer in München: Melchior 
Treub in Buitenzorg und Ludwig von Gräfe in Graz, sämmtlich am 
S.Februar 1900: Josiah Willard Gibbs in NewHaven, Conn.: Gabriel 
Lippmann in Paris; Henry Augustus Rowland in Baltimore; Johannes 
DiDERiK van der Waals iii Amsterdam; Max Fürbringer in Jena: Sir 
John Burdon -Sanderson in Oxford; Nils Christofer Duner in Upsala; 
Paul Gordan in Erlangen; Franz Mertens in Wien: Henkik 3IonN in 
Christiania und Friedrioh Schottky in Marburg, sämmtlicli am 22. Fe- 
bruar 1900; Woldem AR Voigt in Göttingen am S.März 1900: 

zu corrcspondirenden Mitgliedern der p]iilosophi.sch -histori- 
schen Classe: Max Heinze in Leipzig: William James in Cambridge, 
Mass.; Wilhelm Wundt in Leipzig: Friedrich Blass in Halle a. S.; 
Ludwig Friedländer in Stras.sburg; Georgios N. Hatzidakis in Athen; 
Fkedekic George Kenyon in London; Albert Hauck in Leipzig; John 
Pentland Mahaffy in Dublin; Heinrich Nissen in Bonn: Albert Sorel 
in Paris: Julius Wellhausen in Göttingen; Gustav Gröber in Strass- 
burg: Richard Heinzel in Wien; August Leskien in Leipzig: Adolf 
MussAFiA in Wien: Eduard Sievers in Leipzig; Leon Heuzey in Pai'is; 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 103 

Alexandek Stuart Murkay in London; Francis Llewellyn Griffitii in 
Ashton-under-Lyne; Victor Baron Rosen in St. Petersburg; Emile 
Senakt in Paris; Viehelm Tiiomsen in Kopenhagen; Karl von Amira 
in München; Karl Theodor von Inama- Sternegg in Wien; Emile Le- 
VAssEUR in Paris: Frederic Williaji Maitland in Cambridge und Richard 
SciiROEDER in Heidelberg, sämmtlieh am 1 8. Januar 1900. 

Zum Sehluss theilte der Vorsitzende mit, dass die Akademie die 
Helmiiültz- Medaille ihrem auswärtigen Mitgliede , dem Professor an der 
Universität Cambridge (England) Sir George Gabriel Stokes verliehen 
habe. 



Ausgegeben am 31. Januar. 



Beilhi. 6.fdmckt i.i ilui Reichs.lriK-ke 

Sitziiiio-sberichte 1901. 9 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN 



V. VI. 



31. Januar 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN OOMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der » Sitzungsberichte « . 



§1- 

2. Diese ersclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Oei.iv re^rliiiiissis; noiiiiprs(ag;s nolit Torc nach 
jeder SitzunjS^. Die sämmtliclien zu einem Kalemler- 
.jalir gehörigen Stücke bilden vorlSufig einen Band mit 
fortlaufender P.iginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch -mathematischen Classc allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch - historischen Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Obersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftliclien Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten » und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der d.as Stück gehört, 
druekfertig übergebencn, dann die, welclie in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken niclit erscheinen konnten. 



Den Bericlit über jede einzelne Sitzung stellt der 
Sccretar zusammen , welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secrctar fülirt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erscliei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§G. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittlieilungen von Verfassern, welche 
der Akademie niclit angehören, sind auf die H,älfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaka- 
demie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nuthwendiges bescliränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text einzusclialtenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 
1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes andei-weitig, sei es aucli 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfülu'ung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilnng diese anilerweit früher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies n.ach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bed.arf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
1 Correcturen tutr auf besonderes 
Die Verfasser verzichten damit 



ö. Auswärts werde 
Verlangen verschickt. 



auf Erscheinen ihrer ölittheilungen n.ich acht T.agcn. 

§n. 

1. Der Verfasser einer unter den .Wissenschaftlichen 
Mittlieilungen" .abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonder,abdrüeke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit J.ahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
bei'ichte und einem angemessenen Titel nicht Ober zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei , auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdi-ücke bis zm* Zahl von noch zweihimdert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung abziehen zu lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigirendenSecre 
tar Anzeige gemacht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
voi-gelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Jlitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classcn eingehen , so hat sie der voi*sitzende 
Secretar selber oder durch ein .anderes Mitglied zum 
Voi-tr-age zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

|Aus Suat. §41.2. — Für die Aufn.ahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druck fertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebi-acht werden.) 

§29. 
1. Der redigirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte , jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abh.andlungen verantwortlich. Für diese wie 
fiu" alle übrigen 'riieile der Silzuiiitsborielile sind 
nach jeder Itiehtnns: nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



;ll 



Die Akademie versendet ihre 'Sitzuni/sberichie' an diejenigen Stellen, mit denen sie im Schriftverkehr ftehi, 
wofern nicht im besonderen Falte anderes vereinhart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke i:on Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
Mai bis Juli in der ersten Häl/te des MonaU August, 
Oclober bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Regixters. 



105 

SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

31. Januar. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. Kekulk von Stradonitz bis über ein Relief mit einer 
;iiif (Ion Jupiter exsuperantissimus hezüglichcn Insclirift 
C. I. L. VI, 426. (Ersch. später.) 

Das Relief, das Winckelmann nicht im Original, sondern nur aus einer Zeicii- 
nung kannte, ist vor einigen Jahren im Kunsthandel aufgetaucht und vor Kurzem in 
den Besitz der Königlichen Museen übergegangen. Die ursprüngliche tektonische Form, 
die Herkimft des Reliefs und die Zeitgrenzen . innerhalb deren es entstanden sein muss, 
wurden erörtert. 

"2. Hr. Erman legte die von dem wissenschaftlichen Attache beim 
Kaiserlichen Generalconsulat zu Kairo, Hrn. Dr. Ludwig Borchardt, im 
Laufe des Jahres 1900 erstatteten Berichte sowie den unten abgedruck- 
ten Jahresbericlit über dessen Thätigkeit vor. 

H. Hr. DiELs legte loannis Philoponi in Aristoteüs Meteorologi- 
cormn librum I commentarium. Ed. M. Hayduck. Berlin 1901 vor. 

4. Hr. CoNZE überreichte das 1 1. Heft der im Auftrage der Kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften in Wien und mit Unterstützung 
des Kaiserlich Deutschen Archaeologischen Instituts herausgegebenen 
Attischen Grabreliefs. 



Sitziinffsbcrichte 1901. 10 



106 



Bericht über die Thätigkeit des dem G-eneral- 
consulate für Aegypten attachirten wissenschaft- 
lichen Sachverständigen Dr. Ludwig Borchardt in 
der Zeit vom October 1899 bis Juli 1900. 



(Vorgelegt von Hrn. Erman. 



Uie ersten Monate nach meiner Ankunft in Kairo waren vorwieiiend 
durch die noth wendigsten Einrichtungsarl)eiten in Ans2:»ruch genommen. 
Doch Avurden die erforderlichen Besichtigungen und Reisen im Lande 
hierdm'ch nicht wesentlich gestört. 

In der Zeit vom i i.bis 15. October wurde der Einsturz im Amons- 
tempel von Karnak besichtigt und darüber berichtet (Sitz.-Ber. 1900, I, 
S. 58). Vom 10. bis 21. November wui-den die HH. Prof. Steindokmf 
und Leutnant von Grünau bei ihren Arbeiten in den Gr<äbern von Teil 
Amarna unterstützt. Diese Expedition sollte gleichzeitig als Pi'obe fiir 
die Ausrüstung der STEiNDOKFFsehen Expedition nach Siwah dienen. 
A'om 16. bis ig.December wurden Ausgrabungen m Alexandria bcsicli- 
tigt. Vom I I.Januar bis 27. Februar 1900 leitete ich die Grabungen 
des Berliner Museums im Re<^-Heiligthum des Königs N-wsr-re^ bei 
Abusir. Vom 3. März bis 24. April nahm icli an der SxEiNDORFF'schen 
Expedition nach Nubien Tlicil. Vom 6. Juni bis 8. Juli wurden die 
Inschriften in den Tempeln von Abydos für das A\'örterbuch der aegyp- 
tischen Sprache coUationirt und im Anschluss daran die Ausgrabungen 
in Abydos und in El AohaiAva besichtigt. 

Bei diesen Reisen wurden auch thunlichst die Alterthinnsliändler 
der bereisten Orte aufgesucht. Es konnten dabei für die folgemlcn 
deutschen Sammlungen Erwerbungen vermittelt werden: 

Berlin, Königlidie Museen: Berlin. Sammlung der Technischen 
Hochschule: Leipzig, Universitätssammlung: Strassburg i. E., Universi- 
tätssammlung: Karlsruhe, Gros.sherzogiiche Sammlung für Völkerkunde: 
Braunsclnveig, Sammlung des Ilosianuni : Frankl'urt a. M.. Sanunhiim 
eines städtischen Gvmnasiums. 



Bericht des Dr. L. Borchardt über seine Thätigkeit in Aegypten. 10 < 

SoAVPit deutsche öfl'entllche Sammlungen ein Interesse daran haben 
konnton (etwa bei Aussicht auf spcätere Überweisung der betreffenden 
Stücke an eine öffentliche Sammlung), wurden auch Ankäufe fär einzelne 
Privatsammlor unterstützt. 

Mit Empfelilungen von Regierungen deutscher Bundesstaaten hatten 
sich drei Gelehrte beim Gencralconsulate gemeldet, denen die erforder- 
liche Unterstützung, soweit dies bei der derzeitigen UnvoUkommenheit 
der hiesigen Einrichtungen möglich war, gewährt wiu-de. 

Schriftliche Berichte wurden i6 abgesandt, davon 13 an die 
akademische Commission ziu- Herausgabe des Wörterbuchs der aegyii- 
tischeu Sprache. 

Wissenschaftliche Anfragen ergingen an den Unterzeiclnieten 14, 
vuid zwar 9 aus Deutschland, i aus Osterreich -Ungarn, 2 von Fran- 
zosen. I aus England und i aus den Vereinigten Staaten. Dieselben 
konnten mehr oder weniger ausführlich beantwortet werden bis auf 
eine, die wegen der dazu erforderlichen umfangreicheren Vorarbeiten 
noch unerledigt bleiben musste. 

Die definitive Übernahme der Ebkks- Bibliothek, die llr. Dr. von 
Bissing dem Reiche zum Geschenk gemacht hat, konnte noch nicht 
erfolgen. Leider wird die Instandhaltung der Bibliothek noch grosse An- 
sprüche au das jährliche Budget der Stelle machen, das schon durch 
Abonnement auf die nothwendigsten wissenschaftlichen Zeitschriften 
stark belastet ist. Durch Überweisung vom hiesigen und vom Jeru- 
salemer Kaiserlichen Consulat wurden neben einigen kleineren Werken 
von Lkpsius zwei Exemplare von LEPsirs' »Denkmäler aus Aegypten und 
Aethiopien« erworben, deren eines zum Reise -Exemplar bestimmt ist. 

Auch einige fehlendeNacIischlagc^biicher wurden käuflich erworben. 

Die pliotographisclie Samndung wurde unter guten Auspicien 
angelegt. Die Negativsannnlung umfasst 1)ereits 886 eingetragene 
Nummern, darunter eine vollständige Serie der Stelen des mittleren 
Reiches aus dem Giseh- Museum, die fast alle von Frau Dr. Langk. 
Kopenhagen, aufgenommen sind, welche sich aucli um die Ordnung 
der Negative grosse Verdienste erworben liat. Etwa 1500 Nummern 
aus früheren Beständen des Berichterstatters, ferner von den Arbeiten 
bei lUahun. Abusir und Abydos werden zu dem bereits eingetragenen 
(Jrundstock demnächst hinzugefügt werden. Sobald die Sammlung 
ausreichend übersichtlich geordnet ist, soll ein Verzeichniss veröffent- 
licht werden, so dass es jedem Gelehrten möglich sein Avird. die für 
seine Arbeiten erforderlichen Aufnahmen zu wählen. Abzüge kömien 
zum Selbstkostenpreise — etwa i Piaster für den Abzug, 9x12 cm. 
und etwa 6 Piaster für das Laternbild zu Demonstrationszwecken — 
abgegeben werden. 

10* 



1 US .Silzimn (icr |)hil(>so|)lii.scli- lii.storisciuüi Cl;isse vuui .'il. Jaiiiiar. 

Die Positivsammlun.«;' cntliält bereits 1385 ei]iii'etrai''ene Nuinmeni: 
es konnten in diesem Jahre die Sr.HAirsclieu und Bkato 'seilen Serien 
angesehafl't werden, so dass fast alle Denkmäler Aegyptens vertreten 
sind. Die Erwerbung der BoNFiLs'selien und SriiRÖ»Ei{'selien Serien 
muss füi- spätere Zeiten verbleiben. 

Die beschaffte Ausrüstung für Expeditionen und Ausgrabungen 
lässt, was p]iotograp)liische Hülfsmittel und Maassinstrumente anlangt, 
nocli viel zu wünsclien übrig. Zum Glück standen mir ein Universal- 
instrument der Königliclien Museen und zwei pliotographische Apparate 
aus ])rivatem Besitze zur Verfügung. 

Die Feldausrüstung, Zelte u. s.w.. ist, von einigen notliwendig 
gewordenen Reparaturen abgeselien, in gutem Stande. 

Zum Schlüsse mu.ss noch dankend erwähnt werden, dass der 
Österreichische Lloyd dem jeweiligen Inhaber der Stelle des wissen- 
schaftliclien Sachverständigen beim hiesigen Generalconsulat dieselben 
Ermässiginigen auf Falirten mit den Dampfern der Gesellscliaft zuge- 
standen hat. die er den Mitgliedern des Kaiserlielien Arcliaeologisclien 
Instituts in Athen gewährt. Auch der Norddeutsclie Lloyd ist den 
deutschen wissenscliaftlichen Bestrebungen in Aegypten insoweit ent- 
gegengekommen, als er in zwei Fällen auf meinen Antrag eine Fraelit- 
ermässigung gewährte. 



Ausgegeben am 7. Februar. 



109 

SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

VI. 

KÖNIGLICH PREUSSISCH EN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

31. Januar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyeh. 

*1. Hr. F. E. Schulze las: Über die Ergebnisse seiner Be- 
arbeitung der von der «Deutschen Tiefsee-Expedition« lieim- 
gebrachten Hcxactinelliden. 

Unter den zalilreichen neuen Gattungen und Arten, mit welchen diese glückliclie 
Expedition die Wissenschaft bereichert hat, nimmt hervorragendes Interesse in An- 
spruch eine der Gattung Hyalonema nahestehende Form, welche statt des bei allen 
anderen Hyaloneinatiden vorhandenen Basalnadelschopfes nin- eine einzige, aber bis zu 
3'" lange und fingerdicke Kieselnadel zur Befestigung im Boden besitzt. Diese Ai't 
soll dem verdienten Leiter der Expedition zu Ehren den Namen MonnrhapMs chini 
erhalten. 

2. Hr. Klein legte vor eine Mittheilung des Hrn. Prof. Dr. II. 
Baumhauer (Freiburg, Schweiz): Über den Seligmannit, ein neues, 
dem Bournonit liomöomorphes Mineral aus dem Dolomit des 
Binnenthals. 

Von dieser berühmten Minerall'undstätte im Wallis stammt ein neues Mineral her. 
Dasselbe ist mit dem Bournonit verwandt und krystallisirt wie dieser rhombisch mit 
Zwillingsbildimgen nach dem Prisma. Axenverhältniss und Winkelmessungen werden 
mitgetheilt. 



' erscheint nicht in den nkademischeii Schriftei 



110 



über den Seligmannit, ein neues dem Bournonit 

homöomorphes Mineral aus dem Dolomit des 

Binnenthals. 



Aon Prof. Dr. H. Baubihauer 

in Freiburg (Scliweiz). 
(Vorgelegt von Hrn. Klein.) 



Im Jahre 1896 beselirieb icli in dvv Zeitschrift für Kry.stallotjrapliie 
(26, 593) ein neues Mineral, welciies ich im Dolomit des Binncnthals. 
diesem an sehönen Mineralien, insbesondere an Bleisulfarseniten. so r<M- 
chen Gestein, auffand. Das neue Mineral, welciies ich nach G. vom Ratii 
Rathit nannte, krystallisirt rhombisch mit AVinkeln. Avelche denjcniüen 
des Dufrenoysit nahestehen. Es enthält nach der ersten von Bö^rEu 
ausgeführten Analyse neben Blei, Schwefel und Arsen 4.53 Procent 
Antimon und wurde demgemäss von mir als eine isomorphe Mischung 
der betrefienilen Arsenverbindung mit der entsprechenden Antimon- 
verbindung aufgefasst. In neuerer Zeit hat sicli auch H. Soi.i.y mit dem 
Rathit eingehender lieschäftigt und bisher die von H. Jackson ausge- 
führten neuen Analysen publicirt'; der Veröflentlichung der Ergebnisse 
seiner krystallographischen Untersuchung des Rathit seilen wir entgegen. 
Jackson, welchem ein reichlicheres Material als mir zur Verfügung stand, 
fand nur einmal eine geringe Menge (0.43 Procent) Antimon, sonst 
nur Arsen. Seine drei Analysen führen auf die Fornud 3PbS.2AsjS3. 
während ich nach der BöMKu'schen Analyse als constituirende Verbin- 
dungen im Rathit Pb.A.s.S^ (bez. aPbS . As,S3+ 2PbS . As.S^) und 
Ph^Sb.Sg (bez. 2PbS.Sb,S3+2PbS.Sb,S5) angenommen hatte: dabei 
wiu-dc also Arsen bez. Antimon tlieils als drei-, tiicils als fünfwerthig 
betrachtet. Die Analysen von Jackson stimmen mit seiner einfacheren 
Formel ziemlich gut, der etwas zu hoch gefundene Gehalt an Blei und 
Schwefel Avird durch die Annahme einer mechanischen Beimengung von 
Bleiglanz erklärt. In der B(bn:i{ sehen Analyse, welche O.97 Procent 

' Älineraloiiical M.iü;izini' XII, 282. 



H. Baumhauer: Seligmannit. III 

Verlust ev,t>;ib, ist g'cgenüber der JACKsoN'schen Formel ebenlalls der 
Bleigeh?dt zu hoch (um 1.61 Procent), der Schwefelgehsdt fast g-leicl» 
dem verlangten, der Arsen -+ <lem Antimongehalt hingegen zu nie- 
drig. Kechnet man 4.53 Procent Antimon zu Arsen um, so erhält 
man 2.82 Procent, was mit den gefundenen 17.24 Procent Arsen er- 
giebt 20.06 Procent: rechnet man den Verlust 0.97 Procent, was nach 
BöMER berechtigt erscheint, ebenfalls dem Antimon zu und dann um 
in Arsen, so erhält man 0.60 Procent, zusammen 20.66 Procent Arsen. 
Dies weicht immer noch bedeutend ab von der von Jackson geforderten 
Arsenmenge von 24.8 1 Procent. Auffallend bleibt auch der grosse Unter- 
scliied in dem von beiden Analytikern gefundenen Antimongehalt. Das 
von SoLLY gesammelte Material war vorher hier in Freiburg mit meinen 
Originalkrystallen verglichen und als Ratliit erkannt worden. 

Für den Skleroklas hält Jackson auf Grund neuer, A^on ihm aus- 
geführter Analysen (a.a.O.) an der Formel PbS.As^Sj fest, während 
allerdings die früheren Analysen damit nicht gut stimmen.' 

Acceptirt man die von Jackson angenommenen Formeln für den 
Rathit und den Skleroklas und berücksichtigt, dass nach den neuesten 
Untersuchungen von Prior und Spencer' der Binnit nur als eine Varietät 

des Tennantit aufzufassen ist, wobei Falilerz die allgemeine Formel 

I II 

3R,S.(As, Sb),S3 -h x[6RS.(As, Sb),S3] erhält, so hat man folgende 

R<>i]ie der im Binnenthal A^orkomm enden Sulfarsenite : 

Skleroklas (Sartorit), rhombisch, PbS.As.Sj, 
Rathit, rhombisch. 3PbvS . 2ASJS3 , 
Dufrenoysit, rhombisch, 2PbS.As3S3, 
J o r d a n i t , monoklin , 4Pb S . As, S3 , 

Binnit. regulär -tetraedrisch, 3Cu,S.As,S3 (der Gehalt an Eisen 
bez. 6FeS.As,S3 ist gering). 

Der Binnit ist demnach im Wesentlichen dem rhombiscli krystal- 
lisirenden Bournonit Gu^S . 2PbS . Sb^Sj analog constituirt. Letzterer ent- 
hält zAvar zuweilen etwas Arsen, doch ist eine genau entsprechende 
Arsenverbinduni;- für sicli nicht liekannt. Der Guitermanit von Hille- 
HRAND ist derb und unrein und ergab nach Abrechnung der Verun- 
reinigungen die immer noch etwas zweifelhafte Formel loPbS. 3AS2S3. 

Ich habe nun ein weiteres neues Mineral im Binnenthaler Dolo- 
mit gefunden, A'on dem allerdings zur Zeit nur Avenigc Krystalle vor- 
liegen, weshalb eine Analyse noch nicht gemacht werden konnte, welches 
aber nach seinen krystallographisclien Constanten und dem Habitus der 

' A'ergl. auch meine Abhandlung über Skleroklas, diese Sitzungsberichte 1895, 
XII. 243. 

' Mineralügical Magazine, XII, 184. 



112 



Sity.unu; der ])liysikali.scli-inatlieniatischen Classe vom ;! I.Januar. 



Kiystalle oiiic .so ,i>:rü.sse Älinlielikeit mit Bournonit aufweist, dabei iiacli 

Farbe, Grlanz und Sprödii'keit den Bleisulfarseniten Skleroklas, Jordanit 

und Dufrenoysit (auch dem Binnit) so nahesteht, dass sich die Ver- 

muthunu' aufdrängt, es bilde ehi neues Glied dieser Reilie und sei naeli 

I ' 11 
der Formel 3(R, , R)S . As^Sj zusammengesetzt. Indem ich mir erlaube, 

liier eine erste Beschreibung dieses Minerals zu geben, möchte ich dem- 
selben, zu Eliren des durch eigene Forschung wie durcli liberale Unter- 
stützung der Untersuchungen Anderer um die mineralogische Wissen- 
.schaft liochverdienten Hrn. Ct. Seligmann in Coblenz. den Namen Selig- 
mannit beilegen. Schon vor einigen Jaliren fand ich aiü' einem grösseren 
Krystall von Rathit drei sehr kleine (^-i'"'" grosse) Kryställchen, deren 
bei den geringen Dimensionen schwierig auszuführende Messung ex'gab, 

dass es sieli um ein rhom- 
^'9- 1- bisches Mineral handelte. 

Die Spärliclikeit des Mate- 
rials und die in Folge A^on 
Zwillingsbildung verwickel- 
ten Verhältnisse der Kry- 
stalle waren die Ursaclie, 
Avarum die Untersuchung da- 
mals zu keinem völlig be- 
friedigenden Abschlüsse ge- 
bracht wui-de. Vor einigen 
Wcjchen erhielt ich nun zimi 
Zwecke der Bestimmung von 
Hrn. MiNoi). Mineralienhänd- 
ler in Genf eine grosse Sen- 
dung Binnenthaler Minera- 
lien mid fand darunter zwei 
Stulen. auf welclicn sich je ein Krystall befand, der .sich bei ge- 
nauerer Prüfung als identisch mit den fi-üher untersuchten Kryställ- 
chen erwies. Diese beiden KJrystalle von 3-4'"'" Grösse boten der Er- 
forscliung geringere Schwierigkeiten, und es konnte so das Mineral 
hinreichend krv.stallographiseh untersucht werden. Einer der grösseren 
KrystaUe (1) ist fast ringsum au.sgebildet und Avurde unversehrt vom Dolo- 
mit abgelöst : der zweite (II) sitzt auf einer kleinen Stufe und ist nur 
zum Theil frei entwickelt. Die drei anderen sehr kleinen KrystaUe seien 
mit ni-V bezeichnet und sollen erst nach I und II besprochen werden. 
Krystall I, in der Richtung der grössten Ausdelmung 3""" messend, 
konnte am Genauesten studirt werden. Auf ilm bezielit sich Fig. i. 
welche die an ihm auftretenden Formen in idealisirter Combiuation auf 
die Basis projicirt darstellt, dabei aber die Zwillingsbildung nach (1 10), 




H. Baumhaiier: Seligmannit. 113 

welche den Kiystall melirfach beherrscht, nicht wiedergiebt. Der Kry- 
stall erinnerte auf den ersten Blick stark an Binnit, doch liess die 
Messung bald erkennen, dass er dem rhombischen System angehört. 
Die Art der Zwillingsbildung war zudem für ein Binnenthaler Sulf- 
arsenit neu. Die Basis c erscheint mit beiden Flächen, um Avelchc 
sicli die am besten entwickelten Formen gruppiren. Besonders treten 
hervor o(ioi) und n(o\\). dann auch «(211). Die Kanten zwischen 
o und n werden abgestumpft durch m(i 12), zwischen u und erscheint 
schmäler /(2 13). Zum Theil gut entwickelt ist y{iii). Die Ausbildung 
der genannten Flächen ist im Allgememen eine vollkommene. Weniger 
ist dies der Fall bei den Flächen der Prismenzone, in welcher ausser 
n(ioo), i(oio) und 7«(iio) noch beobachtet wurden e(2io) ziemlich 
l)reit vmd/( i 20) schmal. Etwas zweifelhaft ist wold noch eine zwischen 
(100) und (210) auftretende, in Fig. i nicht wiedergegebene Fläche, 
deren Messung (s. unten) annähernd auf das Symbol §'(510) fülirte. 
Die Kanten m : erscheinen bei einer Prismenfläche abgestumpft dm'ch 
wenig gut ausgebildete Fläclien von W"(43i): die betreffende Fläche 
(iio) ist nach diesen Kanten gestreift. 

Das Mittel aus den beiden besten Messungen von o:c {43° 18' 
und 43° 2 2+') = 43° 20^', sowie die beste Messung n : r := 41° i 2+' 
dienten neben o:« = 56°5o' zur Berechnung. Zunächst ergiebt sich 
daraus der von o und n auf c gebildete ebene "Winkel =: 89° 59^'. 
Die Axen a und b stehen also auf einander senkrecht. Setzt man 
genau 90°o' ein, so erhält man für 0:71 den Werth 56° 49+'. Hierzu 
kommt, dass bei der ZwillingsT)ildung nach m die Basisilächen der 
beiden Individuen in ein Niveau fallen, demnach steht auch die Axe c 
auf a und h senkrecht. Weniger gut liess sich dies aus der Neigung 
der Flächen der Prismenzone zur Basis erweisen, weil der Krystall 
stellenweise aus zwei nicht ganz genau parallelen Theilen l)esteht, 
wtxlurch gewisse Flächen dieser Zone doppelte Reflexe geben. Doch 
fand ich o : r := 90° 2' und a:c'z= 89° 5 5'. Aus den Winkeln c:o = 
43° 20^' und c:n^ 41°! 2+' berechnet sich mm das Axenverhältniss : 
a:b:c^ 0.92804 : i : 0.87568. 

Im Folgenden sind einige gemessene und berechnete Winkel zu- 
sammengestellt, Avobei die für gleichartige Kanten erhaltenen Wertlie 
einzeln aufgeführt werden: 

beobachtet berechnet 

c(ooi) : o(ioi) = 43° 16', 18', 22+' 43° 20^' (Fuiid.-Wertli) 

: n(oii) = 4i°i2-J', 20' 4i°i2+' 

" :y(iii) = 52° 12', I3i' 52° 9i' 

- : h(i12) = 32°44', 48!', 5ii' 32°46' 

- : i)(2li) = 64°24i', 27i' 64°I94' 
" : '(213) = 34°503' 34°44i' 



114 



Sitzung der pliysikaliscli-inatlieinatisclien Classe vom 31. Januar. 



FUj. 2. 



beobaelitet berechnet 

o(ioi):rt(oii) = 56°so' 56° 494' 

. :«(il2) = 27°42', 50*' 27°53i' 

y(i 1 1) : n(oi i) = 35° lof (cca.), 27' 35"'22:}' 

r(2ii): ■■ = 54°54', 57' 54° 5°!' 

7n(iio):i(2ii) = 3o°5of, 54^' 3°° 59' 

y(iii): - = 19-30'. 43f I9''28i' 

a(ioo): ■ =34°54', 35°4' 35° 94' 

- :e (210) = 24° 54' 24° 534' 

■.f{i20) = bi°$oV 6i°4r 

" :?(5'0)= 9°574' io°3i' 

Die Makropyramide W(43 1 ) konnte an diesem Krystall nur uanz 
anuenähert (dm-cli Schimmermesfsung) bestimmt werden. Besser ist 

diese Form bei Krystall II austrebildct. 
Der Prismcnwinkel (i 10) : (i 10) berecli- 
nct sifli zu 85° 43^-'. Krystall I ist 
nun mehriacli nncli (iio) imd zwar 
nacli beiden Fläehen dieser Form ver- 
zwilliniit, indem sowolil g'^nze Theile 
desselben zu den übrigen siel» in Zwil- 
lingsstellung befinden , als aueli einzelne 
sehmale Zwillingslamellen denselben 
durchsetzen. Sehr deutlieh tritt die 
Zwillingsbildiuig hervor auf den Flächen 
von und /i. So wurden z. B. von r. 
aus nach zwei benachbarten Fläclien o 
und n hin neben einander (durch die 
Zwillingsgrenze getrennt) folgende Win- 
kel beobachtet: 




\ '■■ ^ = 4'° 'o' (cc:i.) 
/ f:o = 43° 18' 

I'crner wurde gemessen: 

n : (. = 3° 39' 

./:/» = 31° 18' 

sowie an einer Zwilliugslainelle, 
.'/ : .y = 6° 484' 



; t: 0=43° 16' 

'c:» = 4l° 124' 



berechnet 

3 35 
5'°24i' ■ 



AV(>lche sieh über 1/ hinzielit: 
her. 6° 44'. 

Krystall II unterscheidet sieh u. A. dadtu-cli von I, dass er in 
<ler Iviclitung der Vcrticahixe mehr gestreckt ist als dieser: er misst 
in dieser Richtung 4""". Fig. 2 stellt den grössten Theil desselben 
in der Projection auf das Brachypinakoid h dar. In der Prismenzone 
finden sich besonders entwickelt ot(iio). /^(oio) und *(i30) nebst 
einer sclimalen Fläche /{i 20). Niclit gut ausgebildet ist c(ooi), besser 
und grö.s.ser sind die Flächen von i/{iil), n(oii) und r(2il): die 



H. Baumhaieü: Seliginannit. 



115 



K;iiitc'«/:r wird (liivcli eine liier ,L>vit au.sgebildrtc Fläche VF(43 1 ) ab- 
gestumpft. Endlich treten neben einer Fläche m(ii2) zwei Flächen 
tler an Krystall I nicht beobachteten Brachypyramide jo(i2i) auf. Der 
Krystall konnte nicht unversehrt von der Stufe genommen Averden, 
er wurde deshalb auf derselben "enK^ssen mit folgenden Resultaten: 









hereeimet 


i 


/==28°12i' 




28° 19' 


h 


'■=19° 36' 




i9°45-i' 


b 


'" = 47° 23' 




47° H' 


h 


" = 48° 44i' 




48°47i' 


l, 


P = 37°S9'- 


38° ^H' 


38° 8' 


m 


y = 37°37' 




37° 50*' 


m 


p = 32°I0' 




32° 15' 


II 


p= I9°2lf' 




I9°22i' 


J 


p = 26''36i' 




26°4ii' 


" 


p = 3i°io' 




3>° IV 


.'/ 


u= 19° 15' 




i9°23i' 


//( . 


W=i 14° 20' 




'4° 375 



Die letzte Messung konnte nur annähernd genau sein, da ni hier 
nach den Combination.skanten mit VF stark gestreift ist: auch v gal) 



Fkj.S. 



keinen guten Reflex. Die rechts ge- 
legene Fläche y wird von zwei sich 
kreuzenden sehr schmalen Zwillings- 
lamellen durchzogen, von welchen die 
eine bis auf 11. die andere bis auf v 
zu verfolgen ist. 

Krystall III, nur etwa i""" gross, 
unterscheidet sich von I und II nament- 
lich dadurch , dass y gegen und n 
vorherrscht: die Flächen der beiden 
letzteren Formen sind nur sehr schmal. 
In der Pri.smenzone wurden a, e und 
m beobachtet. Der Krystall ist ein Zwilling: Fig. 3 stellt denselben 
im Wesentlichen und idealisirt in der Projection auf die Basis dar. 
Die Messungen waren hier, wie bei IV und Y. wegen der geringen 
Grösse, zuweilen auch der Unvollkommenheit der Flächen schwierig 
auszuführen. Es seien folgende Resultate an"eführt: 










lierechiiet 


'-• 


=43° 461' 


(cca.) 


43° 2oi' 


c 


n =41° 10' 




4I°I2V 


a 


m = 42°45i' 




42°5'l' 


•t 


= 32° 26+' 




32° 294' 


.'/ 


" =35° 24' 




35°22i' 


.'/ 


'■ = 19° 55' 




I9°28i' 


c 


!l = 52°2l' ( 


cca.) 


52° 9+' 


m 


'«= 8°54'( 


.•ca.) 


8° 33' 



116 Sitzung der pl)ysikaliscli -mathematischen Classe vom 31. Januar. 

An diesem Krystall erscheint ;iuch noch eine Fläche von ^(431). 
Ich maass: 

berechnet 
c:W= 77° 6f 77°44' 

Krvstall IV. Auch dieser Icleine Krystall ist ein Zwillins^-, was 
■wegen der eig'enartigen AusLildunii' desselben erst durch eingehendes 
Studium erkannt Avurde. Die Basis ist ziemlich gross, stark entwickelt 
auch eine Fläche n, sehr klein liingegen 0. Ausser diesen Formen 
Avurden nocli beobachtet r. m und a. Es wurde u. A. gemessen: 







berechnet 


c 


n = 41° 7i' 


4I°I2f 


c 


= 43° 22+' (cea.) 


43°2oi' 


c 


=43°20i' 


43°20i' 


c 


I] =64° 56' 


64° 194' 


c 


)H = 90° 0' 


90° 0' 


V 


= 3°4li' 


3°35' 



Krvstall V. Dieses winzige Krystallfi-agment zeigt um- wenige 
Flächen der Formen a. y und /?;: es ist ebenfalls ein Zwilling. Es 
Avurde gemessen : 





bei-eclinet 


m:y =37°5r 


37°50i' 


m : ni = 8° 4 1 ' 


8° 33' 



Im Folgenden sind die am Seligmannit beobachteten 15 Formen 
noch einmal zusammengestellt: 

Pinakoide : f/(ioo). b(oio). c{ooi] 

Prismen : m{iio). ^(2 10). /(i 20). /(130). 5'(5io) 

Domen : o(ioi). n(oii) 

Pyramiden: »/(iii), «'(211). «(112). ((213), \r(43i). 

Wie schon bemerkt wurde, ist der Seligmannit mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit als ein Blei-, vielleicht Bleiku])fer-sidtarsenit zu betrachten. 
Derselbe gewinnt ein 1)esond(>res Interesse dadurch, dass er eine grosse 
Formähnlichkeit mitBournonit aufweist. Er scheint mit diesem isomorjih 
zu sein . möge al)er, da seine chemische Zusammensetzung bei der Spär- 
lichkeit des Materials einstAveilen nicht zu ermitteln ist. nur als mit 
Bournonit honiöomorjih bezeichnet werden. Die Ähnlichkeit der Dimen- 
sionen, zu welcher noch die gleiche, allgemein herrschende Zwillings- 
bildung nach (i 10) hinzukommt, geht aus folgender Zusammenstellung 
der Axenverhältnisse und einiger Winkel ' deutlich hervoi-: 



' Die Biichstabenbe/.eichnung der Formen des Seligmannit wurde der für den 
IJoMriioiiit iiblielien gieicli gewälilt. Die Winkel des Bournonit sind Dana entnommen. 



H. Baumhaukr: SeÜQiinannit. 117 





Seligniamiit a : h : 


c = 0.92804 : I : 0.87568 






Hounionit 


= 0.93798 : I : 0.89688 








S. 


B. 


,'/ : .'/ 


(Pülkaute über a) 


64°59i' 


65° 54' 


.'/:y 


( .. .. /,) 


70°44i' 


70° 53' 


.'/ : y 


(Kaiidknnte) 


75°4i' 


74° 40' 


■II : m 




85° 43+' 


86° 20' 


»:» 




82° 25' 


83''46i' 


: 




86°40i' 


87° 26' 


c : H 




32°46' 


33° 15' 


c : r 




64°l9x 


64=40' 


n : e 




24°53i' 


25° 8' 



«:/■ 28° 19' 28° 4' 

Alle Formen, welche ich am Seligmannit beobachtete, treten auch 
am Bournonit auf. mit einziger Au.snahme der wohl noch unsicheren 
(510). Die Figuren i und 3, namentlich die erstere, zeigen zudem, 
dass auch der Habitus der Krystalle beider Mineralien sehr ähnlicli sein 
kaim. 

Wir haben also höchst wahrscheinlich im Seligmannit eine dem 
Bournonit entsprechende Arsenverbindung A'or uns. Flofi'entlicli wird 
mich ein giücklicher Fund recht bald in die Lage setzen, weiteres Ma- 
terial des neuen Minerals zu erhalten, um vor Allem die Frage nach 
der chemischen Zusammensetzung desselben ilircr BeantAvortung ent- 
uegenfuhren zu können. 



118 



Über die erweiterte PoissoN'sche Unstetigkeits- 
gleichmig. 

Von Leo Koenigsbkrger. 



(Voi'gelegt am 10. Januar [s. oben S. 33].) 



In den Sitzuns>'.sT)eneliten vom December 1900 liabe icli für ilas 
Web i:r" sehe Potential C'von Massen, welche einen Raum stetig- erfüllen, 
fiir alle Punkte des unendlichen Raumes ausserhalb oder innerlialb 
jener Massen den Ausdruck U'efunden 

worin ^ die Dichtigkeit in dem betrachteten Punkte, und X , Y, Z die 
Kräftecomponenten des gesammten nacli dem NEWTox'srhen Gesetze 
wirkenden Massensystems bedeuten, und zwar hntte ich diese Be- 
7,iehung vermöge des erweiterten Poissox"schen Satzes hergeleitet, wel- 
cher, wenn die Geschwindigkeit des von einer mit Masse belegten 
und nach dem WEnEi!"sc]ien Gesetze wirkenden Fläche angezogenen 
Punktes die Richtung der Fläclicnnormale liatte und der Grösse nach 
mit n bezeichnet wurde, sich in der Form darstellte 



8F d 3F\ /3F d 8T 



3«.. dt 3n,' ; "^ \ 3«„ dt d " ' ' ~ 4 ■• ö I 1 + 



■0 



Es soll nun dieser Satz erweitert und zunächst gefragt werden, 
welches die ITnstetigkeitsgleichung für das FIäc]ien]iotential 

beim Durchgänge des Punktes längs der Normale durch die mit 
ruhender Masse belegte Fläche ist, wenn die Gesell windigkeit des 
Punktes eine beliebig vorgescliriebene Riclitung li.it. 

Mit Benutzung der bisher gewäldten Bezeiclinungeii wird der 
'i'licil des Flächenpotentials, welcher dem unendlicli kliiuen Kreise 
angeh()rt, d;i 

;•■' = (a; — p cos </))' -|- (//, — p sin </>)'-»- c| 



1 



Koenigsberger: Über die erweiterte PoissoN'sche Unstetigkeitsgleichung. 119 



;il>so 

/•/•' = (a\—p cos (p)a\-\-(i/, — p sin f)7/,' + ,v,' 

ist, indem .i\ = //, =: o zu setzen ist, durcli den Ausdruck daruc- 
stellt sein, 

li 2,7 ^ 

. rr pdpdcp ( z\z[ — 2pz,z[{x[ cos (p+y[ sin ip) + p''{x[ cos (p-k-y[ sin 0) 



oder ^\"ie »unnittelbar zu sehen, durcli 

pdp 



'•-< 



Vp^ -+- K 



i^^-C+y'^) 



1 + 



k^{p'-i-z]) 



Dm die Ausfüliruni"' der Intei>'ration 



V = 2-^ 



yw 



2-h- ,. 


I I 








VR' + 2] Vzl\ 
7?" 


-, 


^rK + y.') 


+ ?)/ 


i2' + ^- 


-2]/z\ 


Li/i2= + ^; ' 



liefert, worin die \\'urzeln mit positivem Zeichen zu nehmen sind, so 

z. 



wird zunächst, wenn z, und R sich wieder so der Null nähern, dass 



R 



verschwindet, ersichtlich sein, dass F, ,i>'egen Null convergirt, und somit 
das gesammte Flächenpotential endlich und stetig ist. Bildet man nun 



?\- 



= 277^' 






VR" + z\ Vz] 



27r^ ,. 
RX 



{R' + z\)YR^ + z] 

2Z, : 



{R' + z])]/R' + z] VR' 



und 



dz: 



k 



so folgt 

ar, d 8v; 

?,-, dt a^: 






l/i2= + 2; 1/2^ 



1/7?^ +c= 1/^: 

/l 



yR -V-z] Vzl 



R'z, 



VR^ + z] ]/z\ 
— z\ 



2~, 2Z, 



(Ä^ + 2n)/i2^+^ |/ii'^ + 5; 1/'^^ 



und daher für versclnvindende AN'erthe von c, . R. - 

K 



1 2'^ Sit/.iinü iler plivs.-matli. Classe v. 31 .lan. — Mittlieiliinii v. lH. Jan. 

für 

/r ^' ~ I< 



>o 


3^. 


d dv, _ 

dt dz', ~ 


-2 


-6 


für 










3V. 

z, <0: ^— 

dz. 


d d\\ 

~ dt dz: ~~ 


2- 


T^ 






es lautet somit die auf das AVküer 'sclie Gesetz a usi;-ede Inil e 
P () I s s o N ' s (• ] 1 e Gleichung: 

(dv _d dV\ C^y _d dy\__ _J r\ 
\Jn, ~ dt dnl )'^\Jn^,~ dt 3«: j ~ " ^ " ^ ^ "*"/.- j ' 

Avoriu r die Geschwindi,i>keit des an.uezo.i;ciien P\inktes he- 
deutet. 

Ganz älmlielie Beziehungen gelten für die anderen kinetischen 
Potentiale erster und hölierer Ordnung, und ebenso kann man die 
Unstetigkeitsgleichung entwickehi, wenn die auf der Fläclie vertlicilte 
Masse nicht als ruhend angenommen wird, indem man für die auf 
dem ausgeschnittenen unendlich kleinen Kreise befindliclien Massen- 
punivte eine gleiche Geschwindigkeit voraussetzen darf — Untersuchun- 
gen, die ich in Kurzem in einer zusammenliängenden Darstellung der 
Principien der IMeclianik A^eröft'entlichen werde. 



Ausgegeben am 7. Februar. 



Ilrrlul. gr.lrurkt in ilrr KcU'lis<lturkcr< 



J 



121 

SITZUNGSBERICHTE löoi. 

VII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

7. Februar. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

1. Hr. VON Bezold las: Über den Wärmeaustaiiscli an der 
Erdoberfläche und in der Atmospliaere. IL Mittlieilunii.' (Ersch. 
sjjäter.) 

Bezeichnet man die Stralilungssumine, welche einer bestimmten Fläche an der 
oberen Grenze der Atmosphaeie im Laufe eines Jahirs von der Sonne j;eliefert wii'd, 
ausgedrückt in sogenannten Thermaltagen, durch D, die Mitteltemperatur der untersten 
Luftschicht für den näTulichen Breitenkreis durch t, dann besteht zwischen diesen 
beiden Grössen, abgesehen von der unmittelbaren Umgebung der Pole, mit einem hohen 

D 

Grade der Annäherung die empirische Gleichung t^ — 42.5- Die Discussion dieser 

Formel führt den Vortragenden zu Betrachtungen über die Wäiinevertheilung in der 
Atinosphaere im Gegensatz zu dem, was man bisher fälschlich mit diesem Namen be- 
zeichnete, wobei man nicht die N'ertheilung der »Wärme«, sondern nur jene der "Tem- 
peratur" im Auge hatte. 

2. Hr. Fischer las eine in Gemeinschaft mit Hrn. E. F. Armstronc; 

bearbeitete Mittlieilimg: Synthese einiger neuen Disaccliaride. 

Mit Hülfe der Acetylclilor -Verbindungen ist es gelungen, aus Traubenzucker und 
Galactose drei neue Disaccharide vom Typus der Maltose darzustellen. Ein viertes dem 
Milchzucker sehr ähnliches Product wurde durch directe Verkuppelung von Gluco.se 
imd Galactose mit Kefir -Lactase gewonnen. 

3. Hr. DiELs überreicht im Auftrage der Verfasser : F. A. Gevaert 
et I. 0. A'oLLGR.\FF, Les Problemes musicaux d 'Aristote II fascicule. 
Gand 1901. 

4. Die physikalisch-mathematische Classe hat zu Avi.ssenschaftlichen 
Unternehmungen bewilligt: Hrn. Privatdocenten Dr. Otto Coiinheiim in 
Heidelberg zu Re.sorptions-A'ersuchen bei Wirbellosen 1000 Mark: Hrn. 



' 22. I)ec. 1892. 
Sitzuiü'.sbcriolite 1901. 



122 (icsainiiitsit/.iiiiK vom 7. Feln'uai-. 

Seminnr-ÜbcrlelircT l)r. IL Klkbaiin in Ilamlnirc: zu Ujitor.sucliuii,i;-cii 
über die Biologie der Rostpilze 500 Mark. 



Durch AUcM-liöchsten Erlass vom 14. Januar sind die Wahlen des 
Ingeniein-s Dr. phil. Friedrich von IIefner-Alteneck in Berlin und des 
Professors an der Teelinisehen Hochschule Berlin -Charlottenburg Ge- 
heimen Regierungsraths Heinrich Müller- Breslau zu ordentlichen Mit- 
gliedern der physikalisch-mathematischen Classe, sowie des Kloster- 
propstes zu St. Johannis vor Schleswig, Wirklichen Geheimen Raths 
D. Dr. Rochus Freiherrn von Liliencron zum auswärtigen 3Iitglicde der 
philosophisch -historischen Classe der Akademie bestätigt worden. 



I 



I2ä 



Synthese einiger neuen Disaccharide. 

Von Emil Fischer und E. Frankland Armstrong. 



iJüs älteste künstliche Disaccharid, die Isomaltose, wurde durch Ein- 
wirkung von kalter, starker Salzsäure auf Traubenzucker gewonnen.' 
Das Verfahren ist zwar auf die Isomeren der Glucose anwendbar, hat 
aber den Nachtheil, dass es nur kleine Mengen von Disaccharid neben 
grossen Quantitäten von dextrinartigen Producten liefert. Wir haben 
uns deshalb bemüht, die Einwirkung der Acetochlorglucose '" und ana- 
loger Substanzen auf die Natriumverbindungen der Hexosen, welche 
man schon wiederholt zum künstlichen Aufbau des Rohrzuckers ver- 
sucht hat, zu einer brauchbaren Synthese von anderen Disacchariden 
auszubilden, und es ist uns in der That gelungen, auf diese Art drei 
bisher unbekannte Zucker vom Typus der Maltose zu gewinnen. 

Sie entstehen durch Einwirkung von Acetochlorglucose auf die 
Natriumverbindung der Galactose oder durch Combination der Aceto- 
chlorgalactose mit Glucose und Galactose. Da wir der Ansicht sind, 
dass alle diese Producte eine ähnliche Structur wie die Glucoside* 
haben und dass die glucosidartige Grujipe durch die AldehydgTuppe 
des Chlorkörpers gebildet wird, so nennen wir die drei Disaccharide 
Glucosidogalactose , Galactosidoglucose und Galactosidogalactose.* 

Sie bilden mit Phenylhydrazin Osazone, welche ebenso wie das 
Maltosazon und Lactosazon in heissem Wasser ziemlich leicht löslich 
sind und deshalb A'on den Osazonen der Monosacchaxide getrennt werden 
können. Dieser Umstand hat die Auffindung der neuen Zucker und 
die Feststellung ihrer Zusammensetzung ermöglicht. Für die Rück- 
vcrwandlung der Osazone in die zugehörigen Disaccharide ist leider 
bisher keine brauchbare Methode bekannt. 

Die Combination von Acetochlorglucose mit Glucose, welche am 
nächsten lag, hat uns bisher wenig befriedigende Resultate gegeben. 



* Emil Fischer, Ber. d. D. ehem. Ges. 23, 3687 (1890). 

^ Dem Vorschlag von Koenigs und Knorr (K. bayer. Akad. d. Wiss. 1900, XXX, 
Heft i) folgend, brauchen wir diesen Namen an .Stelle von Acetochlorhydrose. 
' Emil Flscher, Ber. d. D. ehem. Ges. 26, 2403 (1893). 

* Die Namen sind ebenso gebildet wie diejenigen der Glucosidosüuren. Vergl. 
E. Fischer und L. Beensch, Ber. d. D. ehem. Ges. 27, 2478 (1894). 



124 



Gesainmtsitzung vom 7. Februar. 



Es entstellt /,w;ir auch hier eine Substanz, welche ein in heissem 
Wasser lösliches Osazon liefert; aber ihre Menge ist so gering, dass 
die genaue Untersuchung noch nicht durchgeführt werden konnte. 

Um die drei Disaccharide, welche bisher in reinem Zustande niclit 
dargestellt werden konnten, näher zu eharakterisiren, haben wir ihr 
Verhalten gegen Hefen und einige Enzyme geprüft. Für die Versuche 
mussten allerdings Lö.sungen verwendet werden, welche ausser den 
Zuckern noch reichliche Mengen von Salzen enthielten, die vielleicht 
nicht ganz ohne Einfluss auf die Wirkung der Fermente geblieben 
sind. Trotzdem scheinen uns die Resultate recht bemerkenswertli. 

Von obergäriger Hefe wird keiner der drei Zucker in merkliclier 
Weise vergoren, und man kann sie also auf diese Art von den bei- 
gemengten Monosacchariden befreien. Andererseits zerstört Unterhefe 
die Glucosidogalactose und Galactosidoglucose, aber nicht die Galac- 
tosidogalactose. 

Emulsin, welches bekanntlich die /3-Glucoside und den Milch- 
zucker spaltet, bewirkt bei 35° und mehrtägigem Stehen auch die 
Hydrolyse der drei neuen Disaccharide. 

Wählerischer ist die Kefirlactase , denn sie spaltet nur die Glu- 
cosidogalactose. 

Um den Vergleich mit dem nahe verwandten Milchzucker und 
der Melibiose zu erleichtern, stellen wir die Beobachtungen in der fol- 
genden Tabelle zusammen, worin die schon bekannten Fälle durch * 
bezeichnet sind und der negative Ausf;dl des Versuchs durch einen 
Horizontalstrich ausc'edrückt ist. 



Milchzucker 



Galactosido- 
glucose 



Glucosido- 
galactose 



Galactosldo- 
galactose 



Unterhefe — * 

Emulsin liydrolysirt* 

Kefirlactase hvdrolvsirt* 



vergoren * 
hy.drolysirt 



vergoren 
liydrolysirt 



vergoren 
hydrolysirt 
liydrolysirt 



liydrolysirt 



Galactosidoglucose. 

Die für den Versuch erforderliche Acetochlorgalactose, welche bis- 
her in der Litteratur nicht beschrieben ist", wurde analog der Aceto- 
chlorglucose" durch Einwirkung von 5 Molekülen Acetylchlorid auf i Mo- 
lekül Galactose in verscldossenem Rohr dargestellt. Da der Verlauf 
der Reaction von kleinen Änderungen der Bedingungen stark beein- 
flusst ist, so scheint es uns iiützlicli, sie ausfülirlicli zu beschreiben. 



' Ryan, Ciieiii. Soc. Journal 1899, 196, führt zwar an, dass er Acetochlorgalac- 
tose auf /3-Naphthol liabe einwirken lassen, macht aber über die Kigenschaftcn der- 
selben keine Mittheiliing. 

° Coi.Licy, Ann. chini. et pliy.s. (1\'.) 21. 363; Ryan, a.a.O. 



Fischer und E. F. Armstrong; Synthese einiger neuen Disaccharide. 125 

i8^ reine Galaetose. welche sehr fein gepulvert, gesiebt und 
schliesslich scharf bei ioo° getrocknet ist, werden im starken Ein- 
schmelzrohr erst in einer Kältemischung gekühlt, dann mit 39"'' frisch 
dcstillirtem Acetylchlorid Übergossen und das Rohr mit der Vorsicht 
zugeschmolzen, dass keine Wasserdämpfe hineingelangen. Versäumt 
man das Abkühlen des Rohrs , so ist es wegen der alsbald eintretenden 
Entwickelung A^on Salzsäure nicht mehr möglich abzuschmelzen. 

Die Reaction wird durch andauerndes Schüttehi sehr beschleunigt 
und ist an warmen Sommertagen in 10-15 Stunden beendet: man er- 
kennt das an der völligen Auflösung des Zuckers. Unter 10° erfor- 
<lert die Operation viele Tage. Im Winter ist es deshalb empfehlens- 
vverth, das Rohr in einem Schüttelbade auf 35° zu erwärmen, wodurch 
die Operation auf etwa 6 Stunden abgekürzt ist. 

Nach dem Oftnen des gutgekühlten Rohrs, wobei viel Salzsäure 
entweicht, wird der schwachgelbe Syrup in etwa 75"" Aetlier gelöst, 
mit 25""" Eiswasser versetzt, gut abgekühlt und nun allmählich unter 
häufigem Umschütteln ein Überscluiss von Natriumbicarbonat zugefügt, 
um alle Salzsäure und etwa unverändertes Acetylchlorid zu entfernen. 
Die aetherische Lösung wird schliesslich abgehoben, filtrirt und eine 
Stunde über Chlorcalcium getrocknet. Es ist vortheilhaft, die Wäsche 
der aetherischen Lösung möglichst rasch auszuführen, da auch die 
Acetochlorgalactose gegen Wasser ziemlich empfindlich ist. Beim Ver- 
dunsten der actlierischen Lösung bleibt ein ferbloser Syrup, welcher 
nach dem Halogengchalt etwa 60 Procent Acetochlorgalactose enthält. 
Dieses Product haben wir direct für- die Synthese benutzt. 

Der Syrup ist in kaltem Wasser unlöslich und giebt beim Er- 
wärmen damit leicht Salzsäure ab. Er reducirt die FEHUNG'sche Lö- 
sung beim Erwärmen. Auch mit Alkohol, worin er leicht löslich ist, 
reagirt er in der Kälte langsam unter Bildung von Salzsäure und 
Essigaether. Er ist in Chloroform und Aether leicht, in Benzol 
schwerer und in Ligroin fast gar nicht löslicli. Beim Erhitzen über 
50° zeigt er sclion eine beginnende Zersetzung. Man sieht aus allen 
diesen Beobaclitungen, dass die Verbindung der Acetochlorglucose selir 
ähnlich ist. 

Bemerkenswerth ist, dass die Darstellung misslingt, wenn die Be- 
handlung der Galaetose mit Acetylchlorid in ofi^enen Gefässen vor sich 
geht, gerade so wie Ryan es für die Acetochlorglucose beobachtete. 
Offenl)ar ist die comprimirte Salzsäure für die Bildung der Ghlorkörper 
günstig. 

Für die Bereitung des Disaccliarids wird die Acetochlorgalactose 
mit Glucose-Natrium in kalter, wässerig-allcoholischer Lösung zusammen- 
gel)rac]it. Man verwendet dabei zweckmässig folgende Mengen: 



126 Gesammtsitzung vom 7. Februar. 

iS'" reiner Ghicosc in 90'''" Wasser. 
2^3 Natrium in 70'"" Alkohol von 96 Procent. 
36'"' Acetoclilors^alactose (d. li. das Product, welelics aus 1 S"^"" 
(ialactose entsteht) in 70"™ Alkohol. 

Sie werden alle drei auf o° ahii'ekühlt, tlann mischt man zvmäclist 
die beiden ersten und füti't sie, wiederum unter g'uter Ahkühluni«'. zu 
der Lösung' der Acetochlorftahictose. Die Men^'cn von Wasser und Al- 
kohol sind so gewäldt, dass hierbei keine Fällung- entsteht. Die klare 
Flüssigkeit bleibt jetzt bei Zimmertemperatur drei Tage stehen luid 
wird dann zur Verseifung der Acetylverbindungen mit 15"''" Natronlauge 
(33 Procent) versetzt. Dabei verändert sich die Farbe von Hellgelb 
zu Dunkelbraun. Die Verseifimg pflegt in 12 Stunden bei Zinmier- 
temperatur beendet zu sein, was man daran erkennt, dass eine Probe 
auf Zusatz von Wasser klar bleil)t. 

Die jetzt nur mehr schwach alkalisehe Flüssigkeit wird mit A-er- 
dünnter Salzsäure ganz sehwach angesäuert, dann der Alkohol und Essig- 
aether im Vacuum abdestillirt und die dunkle wässerige Flüssigkeit zur 
Klärung einige Minuten mit Thierkolde gekocht, wobei sie hellgelb 
wird. Füi- die Isolirung des Disaccliarids wurde das Osazon benützt. 

P h e n y 1 g a 1 a c t o s i d o g 1 u c o s a z o n . 

In der wässerigen Lösung des Zuckers, welche öMono- und Di- 
saccharide enthält, wird der Zuckergehalt titrirmetrisch l>estimmt, 
dann so weit verdünnt, dass die Reductionskraft vuigetahr 10 Procent 
Traubenzucker entspricht. 

lOO"'"" von dieser Flüssigkeit werden mit 15^'' reinem Phenyl- 
hydrazin, lo"" Essigsäure von 50 Proeent und 10"' Kochsalz versetzt 
und zwei Stunden auf dem VN'asserbade erhitzt. Dabei scheidet sich 
ein Gemisch von Glucosazon und (Jalactosazon aus, welches lieiss filtrirt 
wird. Aus tler Mutterlauge krystallisirt beim Abkühlen das Osazon des 
Disaccliarids allerdings noch gemischt mit kleineren Mengen von (ihico- 
sazon und Galactosazou. Die Muttei'lauge giebt nach abermaligem eiu- 
stündigen Erwärmen eine neue Krystallisatioii . welche vorzugsweise 
aus dem Osazon des Disaccliarids besteht. 

Das Rohproduet sielit schmutzig gelb aus. Es wird filtrirt. mit 
kaltem A\'asser gewaselien. sorgfältig abgesaugt und dann mehrmals mit 
Aether gewa.schen, welcher einen grossen Theil der rothbraun gefärbten 
Verunreinigungen wegnimmt. Schliesslich wird es mit 80 Theilen 
Wasser 10—15 Minuten ausgekocht, wobei die Osazone der Monosac- 
charide fast vollständig zurückbleiben. Aus dem Filtrat Tällt beim Ab- 
kühlen das Galactosidoglucosazon als hellgelbe flockige 31asse. welche 



Fischer und E. F.Armstrong: Synthese einiger neuen Disaccharide. 127 

aus mikroskopisch kleinen Nadeln besteht. Die Ausbeute betrug durch- 
sfhnittlich auf obige Mengen i^' oder 14 Procent der angewandten 
Gluoosc. Die Menge des Disaccharids ist aber zweifellos viel grösser, 
da die üsazonbihlung bei allen Disacchariden recht unvollkommen statt- 
findet. 

Das Osazon, welches in trockenem Zustand ziemlich dunkel aus- 
sieht, wird zur Reinigung in wenig heissem Essigaether gelöst und 
krystallisirt daraus langsam in gelben mikroskopischen Nadeln. 

Für die Analyse diente ein Praeparat, welches imVacuum getrock- 
net war und bei 153-155° (corr. 155-157°) schmolz. 

1. of2 200 Subst. gaben o".''446i CO, und o!''i2 46 H,0, 

2. o°.''o682 » " 6'':'"4 N (i4?5, 756"™). 

3. o"''0954 n » o"''i929 CO3. 

D 1 ^ <~- n LI r\ M Gefuiicleii 

Bereclinet fiir C,,H,jOqN, 

■* ■* ^ ' I. 2. 3. 

C 55.38 Procent C 55.30 — 55-14 Procent 

H 6.15 .. H 6.29 — — 

N 10.77 ■■ N — 10.96 — 

Die Verbindung verlangt zur Lösung ungelahr 110 Theilc kochen- 
des Wasser. In Alkohol, Pyridin, Aceton ist sie sehr leicht löslich 
und krystallisirt beim Erkalten nur sehr langsam. Etwas schwerer l<")st 
sie sich in Essigaether und viel schwerer in Chloroform. Benzol und 
Toluol, woraus sie sich in der Kälte rasch in kleinen Nadeln ausscheidet, 
'i'oluol empfiehlt sich deshalb als Reinigungsmittel. In Aether und Li- 
gi'o'in ist sie fast unlöslich. 

Ct 1 u c o s i d o gala c t o s e. 

Die Darstellung des Zuckers aus Acetochlorglucüse und Galactose 
war genaii dieselbe, wie im vorhergehenden Falle. Zur Isoliruiig diente 
wieder das Phenylosazon. 

P h e n y 1 g 1 u c o s i d o g a 1 a c t o s a z o n . 

Es wurde ebenfalls aus einer Lösung, die nach der titrirmetrischen 
Bestimmung lo^"' Zucker enthielt, dargestellt. Das etAvas dunkele leicht 
lösliche Osazon wog o?8 : es wurde zvu- Analyse einmal aus Toluol um- 
krystallisirt und bei 100° getrocknet. Es sah dann hellgelb aus und 
schmolz scharf bei i 72-1 74° (corr. 175-177°). 

o^.''i3 76 Subst. gaben o"''2 790 CO, und 0'''o7 7 5 H,0. 
0'.''i02 5 " » 9'':"'5 N (16°, 770"""). 



1 28 Gesainintsitzunfj; vorn 7. Februar. 

Bcrrcliiu't ITir Cjj IljaO^N^ Gcruiitleii 

(' 55.38 Piocc'iit C 55.29 Procent 

II 6.15 » H 6.25 

N 10.77 " N 10.94 

Zur Lö.suiig' verlangte die Verbindunü,' inigefalir i 20 Tlieile kochen- 
des "Wasser. Gegen die gewölinlielien Lösungsmittel verhielt .sie sich 
ebenso wie das Osa/.on der (ialactosidoglueose, war aber etwas schwerer 
löslich in Benzol und Toluol und zeigte unter dem Mikroskop etwas 
besser ausgebildete Nadeln. 

G a 1 a e t < ) s i d o g a 1 a e t o s e . 

Auch liier können wir bezüglich der Darstellung aul' das bei der 
Galaetosidoglueose Gesagte verweisen. 

Das Phenylgalactosidogalactosazon wird aus der Lösung des rohen 
Zuckers auf die früher beschriebene Art gewonnen. Die Ausl)eute ist 
etwa i-^ Mal so gross als beim Glucosidogalactosazon. Um das beige- 
mengte Galactosazon ganz zu entfernen, ist wiederholte Krystallisation 
aus luMssem Wasser nötlüg. Zum Schluss wurde das trockene Praeparat 
zweimal aus Toluol umkrystallisirt. 

Die bei 100° getrocknete Substanz sah Iicllgelb aus und schmolz 
bei 173-175° (corr. 176-178°). 

1. of203i Subst. gaben o".''4i i i CO, undo"''ii52 II^O, 

2. o^.'o789 " .. 7""35 N (17°. 768'"-), 

3. o'''2040 » >' o'.''4i 26 CO^. 

BtTooliiiet für ( ,.H,,()„N. 

C 55.38 Proeent C 55.21 — 55.11 Proeent 

II 6.15 .. H 6.30 — — 

N 10.77 " N — 10.92 • — 

Sie löst sich in ungefähr i 10 Theilen Wasser und scheidet sich 
daraus als flockige Masse a1), welche aus mikroskopisch kleinen Nadeln 
besteht. Spielend leicht löslich ist sie in Alkohol, Essigaether, Aceton, 
Pyridin, aber schwerer in Chloroform, Benzol und Toluol und fast mi- 
löslich in Aethcr und Ligroin. 

Verhalten dei- di-ei neuen Disaccharide gegen Hefen. 

Die Versuche wurden mit der w'ässcrigen Lösung ausgetuhrt, 
welche zur Bereitung des Osazons gedient hat und welche ausser den 
verschiedenen Zuckern noch die Natriumsalze von Essigsäure, Salzsäure 
mid Schwefelsäure, sowie wenig freie Essigsäure enthielt. Unter diesen 
Bedingungen wird das Disaccharid v(ju Oberhefe entweder gar nicht 



Fischer und E. F. Armstrong: Synthese einiger neuen Disacclibride. 129 

oder (looli nur äusserst lang's;nu vergoren. M;iii kann desliall) mit 
(lieser Hefe die Monosaceliaride grösstentlieils entfernen, olnie das 
Disaccharid zu zerstören. 

15'"^" der Zuokerlösung , welehe nacli der Titration mit Fehling- 
selier Lösung ungefähr 2^'' Gesammtzucker enthielt, wurden mit Wasser 
auf 40''''°' verdünnt, naeli Zusatz von 5"'"' Heienwasser aufgekoeht, nach 
dem Erkalten mit 4-"'' feucliter Oberhefe (Reincultur) unter den üblichen 
Vorsichtsmaassregeln versetzt und bei 30° gehalten. 

Bei der Galactosidoglucose war die Anfangs starke Entwickelung 
von Koldensäure sclion nach 2 Tagen beendet. Bei der Glucosido- 
galaetose dauert es 4 und bei der Galactosidogalaetose 8 Tage. Die 
Probe mit Plienylliydrazin ergab dann, dass die Flüssigkeit keine nach- 
weisbare Menge von Monosaccharid, wohl aber recht viel Disaccharid 
enthielt, und die Titration mit FEiiLiNCx'scher Lösung zeigte an, dass 
von den ursprünglichen 2="' Zucker 0.7-0.9 übrig geblieben waren. 

Derselbe Versuch wurde jetzt mit Unterhefe (ebenfalls Reincultur) 
wiederholt. Bei Galactosidoglucose und Glucosidogalactose war die 
Entwickelung von Koldensäiu-e nacli 4 bez. 6 Tagen beendet, und die 
Flüssigkeit enthielt jetzt nacli der Probe mit FEULiNG'scher Lösung 
oder Phenylhydrazin keinen Zucker mehr. Bei der Galactosidogalae- 
tose dauerte die Wirkung der Hefe 14 Tage, ohne (hiss das Disac- 
charid verscliwundeu wäre. 



Verlialten der drei neuen Zucker und der Melibiose gegen 
Emulsin und Kefirlactase. 

Für die Versuche diente die Lösung der künstlichen Zucker, welche 
nach der ol)en beschriebenen Vergärung der Monosaccharide durch 
01)erhefe bleibt. Sie wurde erst aufgekocht, um die aus der Hefe 
aufii'enommenen Enzyme unwirksam zu machen, filtrirt und abgekülilt. 
Zu je 40°™ dieser Flüssigkeit, deren Reductionsvermögen einem Ge- 
lialt von o^''j-o"^g Traubenzucker entsprach, wurde zugesetzt ent- 
wedi'r 1"'' frisches Emulsin, welches mit wenig kaltem Wasser an- 
gerieben war, oder 5"''"' eines frischen wässerigen Lactase-Auszugs, 
der durch 48 stündiges Schütteln von 50^' zerkleinerter Kefirkörner, 
300''''" Wasser vmd s"™ Toluol bei Zimmertemperatur hergestellt und 
filtrirt war. nebst l""" Toluol. 

Jede dieser Proben blieb 72 Stunden im Brutsclirank liei 35° 
stehen, \\ urde dann mit etwas Thierkohle aufgekocht und filtrirt. 
Zur Erkennung der Monosaccharide diente die Probe mit Phenyl- 
hydrazin. Zvi dem Zweck wurde i^'' reines Phenylhydrazin, 1°'' 
SOjirocentige Essigsäure und i^' Chlornatrium zugesetzt, i-^ Stunden 



1 '?0 Gesaiiiiiitsitzunji; vom 7. Fflnii.-ir. 

iiu \Vas.siTl);i(U' crliitzt . nach völlii^cm Erkalten das Usazuii aljgesauf;!. 

mit Wasser und s])ät('r mit Aether j^ewaschen. Nach dem Trocknen 

wurde das Osazon mit der loo fachen Menno Wasser ^ Stinide aus- 

.üfckocht und der indösüelic Tlieil ijewosi'en. 

Bei der zum Veryleicli hcrantj-ezo.uenen 3IeUbiose wurde an,u;e- 

wandt: i''' Zucker. 15''"' Wasser. 4-"'' Enndsin oder 5'''""' Lactase -Auszug- 
So wurden erlialli'U nu unl("isliehem Usazcjn: 





Eimilsiii 


Kefirlactase 


Galactosidoylucose 


0.25 





Ghicosidoina lactose 


0.35 


0.15 


Galactosidoiialactose 


0.25 





Melihiose 


o.i; 


— 



Zum Beweise, dass die Hydrolyse in der That (hurh das Ferment 
und nicht etwa durch (bis Wasser oder die in Lösunü' heiindlichen 
Salze verursacht wird, liahen wir noch in allen Fällen Contr(di)roben 
ohne Enzym ausgeführt und niemals unlösliches Osazon erhalten. 

Da durch die vorhergehenden Versuche die von uns beabsichtigte 
Synthese des Milchzuckers nicht verwirklicht werden konnte, so haben 
wir das Ziel mit Hülfe der Kefirlactase zu erreichen versucht. Be- 
kanntlich hat Croft Hill' vor anderthalb Jahren beobachtet, dass die 
in <ler Hefe enthaltene 3Ialtase" den Traubenzucker in concentrirter 
Lösmig partiell in ein Disaccharid verwandelt, welches mit der Mal- 
tose identisch sein soll. Olischon diese Mittheilmigen des Hrn. Hu.l 
bezüglich des letzten Punktes nicjit bewiesen zu sein schienen und 
auch thatsächlich nacli den Heobachtnngeu des Hrn. Dr. Emmeklinc. 
A\clche er uns privatim mittlieilte. nicjit correct sind, so bliel) doch 
immer das interessante Resultat bestehen, dass die 3Ialtose. ähnlicli 
den Säuren, eine reversible Bildtmg von Polysacchariden Ix'wirken 
kann. Ähnliche Erfalirung<'n haben Kastm: und Lokvkniiart^. sowie 
etwas später Hanhiot''. bezüglich der Eipase gemacht. 

]Man (bn-f'te deshall) erwarten, dass die in den Keiirkörnern ent- 
haltene Lactase' gleichralls ein (Mini><cli \on tilucose luid Galactosr 
zum Disaccharid verkupiiein werde. Der X'ersnch hat diese A'er- 
muthiuig in der That Ix'stätigt. 

20™" des früher erwälniteii Auszugs von Ketirkörnern wurden 
mit je I 2".''5 reiner Galactose und Tiaubcnzucker und ierner 3''™ Toluol 
versetzt. Dieses Gemisch lilieli bei 30° drei Monate stehen. Bei 

' Journ. t'liein. Soc. 1898. 634. 

- Emu, Fischer, Her. d. D. cliein. Ges. 27. 2988 11. 28. 1430. 

' Cliemisclies Centralblatt (1901. 1. 263). 

* Coiiipt. rend. 132. 212. 

' Emil Fischer, Ber. d. D. ehem. Ges. 27- 2991. 



Fischer und EI. F. Armstrong: Synthese einiger neuen Disaccliaride. 131 

öfterem Umschüttelii löste sich dei' Zucker fast vollständig auf. Die 
Flüssigkeit wurde schliesslich filtrirt, mit der lO fachen Menge Wasser 
verdünnt und in der frülieren Weise auf Osazon verarbeitet. Dabei 
resultirte ein in hcissem Wasser leicht lösliches Osazon, welches zur 
Reinigung dreimal aus Wasser und endlich noch einmal aus sieden- 
dem Toluol krystallisirt wurde. Seine Menge betrug zum Schluss 
4 Procent der angewendeten Monosaccharide. Für die Analyse war 
das Prae2)arat bei ioo° getrocknet. 

0^1982 Subst. gaben 0'''4004 CO, und o".'ii30 11^0. 

Bereeliiiet für C^^Hj.O^N^ Gefunden 

C 55.38 Procent C 55.09 Procent 

11 6.^5 .. II 6.33 » 

Das O.sazon schmolz bei 190-193° (193-196° corr.), krystallisirte 
in feinen gelben Nadeln und zeigte ziemlich grosse Ähnlichkeit mit 
dem Phenyllactosazon. Wir werden versuchen, das Disaccharid selbst 
zu isoliren . um es mit dem Milchzucker zu vergleichen. 



132 



Norbert's Vita Bennonis Osnabrugensis episcopi 
eine Fälschung? 

Von Paul Scheffeu-Boichokst. 



(Vorgetragen am 17. Januar [s. oben S. 49].) 



I. 

L/er Verfasser der Lebensbeschreibung', die uns beschäftigen soll, Nor- 
bert, seit 1084 Abt des von Benno gestifteten Klosters Iburg, hatte 
sich unter der Leitung seines Verwandten, des Kölner Domscholasters, 
eine gute Bildung angeeignet. Kenner rühmen die ungewöhnliche Rein- 
heit seiner Sprache: Juvenal und Horaz sind ihm vertraut"; die Regel 
älterer Theoretiker, der einige feinere Stilisten des Mittelalters immer 
gefolgt sind, dass nämlich am Schlüsse eines Satzes zwischen den beiden 
betonten Silben mehr als eine unbetonte stehen müsse, hat er nicht 
ausser Acht gelassen.^ Und wie reich ist der Inhalt seines Werkes! 
Zwar wird der Politiker — um es gleich zu sagen — nicht ganz be- 
friedigt. Ein Jahr lang hatte Benno, als Beauftragter des Kaisers, mit 
dem Pa])ste unterhandelt. Mehr zu berichten hat unser Biograph c. 28 
verschmäht. Dass Benno eiimial seines Amtes entsetzt war, erzählt 
Norbert auf eine Art. die ein geringstes Interesse für die hohe Politik 
bekundet: er legt einen Brief Benno's ein, c. 21: »Der Abgesetzte 
wünscht dem Angestellten, der Verstossene dem Erwählten Heil«. Nur 
dieser Gruss entlnillt luis den Vorgang, und Benno's Rehabilitirung 
müssen wir vollends erratlien.' Oft"enbnr kann Norbert für die Haupt- 
und Staatsaction sicli nicht begeistern: er freut sich an den cultu- 
rellen und namentlicii an den wirth schaftlichen Dingen. Wie Benno 



' M. G. SS. XII. 58-84. Wl. WiLMANS. 

' c. 5. Juvenal. VII. 65 ; c. 9. Ilorat. I Epp. XX. 25. 

" Kine eigene Untersiicliung der Furage verdanke icli der Güte meines (\)lleii,eu 
P. VON WiNTERFEr.D. Danacli giebt es doch nur wenif!;e Scldüsse, die sieh dem Gesetze 
nicht rüKen, und hier wird die seidechte Überlieferung, welche erst der zweiten Hälfte des 
17. Jahrhunderts angehört, die Schuld tragen. Zwei Beweise lassen sich dafür eibringen 
(vergl. VON WiNTFRi-Er.n's Henierkungen über coimccrarc rrl/rl und ftcit cii/ii(/am S. 164.) 

* Zudem erscheint der Brief, der an einen Erwählten von Köln gerichtet ist, 
in ganz luunöglichem Zusammenhang, und sein Inhalt bereitet Schwierigkeiten, die ich 
nicht zu überwinden vermag. 



Scheffer -Boit hörst: Norbert 's Vita Bennonis. 133 

einer Reiehsvilla vorsteht, wie er als Vizthum grosse Kirchensprengel 
verwaltet, wie er den Landbau hebt, wie er Sümpfe entwässert, wie 
er Einöden bewohnbar macht, wie er dem Könige die Bm"gen baut und 
ihm den Speirer Dom durch Substructionen vor dem Einsturz schützt 
— das Alles hat Norbert mit lebhafter Theihiahme verfolgt, und 
JusTus MösEU dachte gewiss an diese Seiten , die ihm so recht aus der 
eigenen Seele geschrieben waren, als er die Arbeit Norbert's ein bio- 
graphisches Meisterwerk nannte.' 

Die Einseitigkeit der Interessen ergiebt schon, dass dem Autor 
nichts ferner lag, als in dem grossen Kampfe zwischen Kaiserthum und 
Papstthum, der die Welt bewegte, eine feste Stellung zu nehmen und 
zu rechtfertigen. Er hält zum Kaiser, wie sein Bischof, aber es ist 
ihm doch eine grosse Genugthuung, dass Benno auch mit dem Papste 
im Ganzen sich gut zu stellen wusste. Norbert will nur zmn Gebete 
für den verstorbenen Stifter anregen. Er macht kein Hehl daraus , dass 
Benno nicht eben ein Heiliger war: darum bedarf er des Gebetes, und 
dass er dessen nicht unwürdig sei, soU die Biographie beweisen. 

Das ist unzweifelhaft keine grosse Tendenz, aber eine unendlich 
liebenswürdige. Nicht anders erscheint das ganze Werk: das Herz des 
Verfassers ist von Dank gegen Benno erfüllt, und die Mönche sollen 
nie vergessen, wie sehr sie zeitlich vuid geistig von dem Stifter ihres 
Klosters gefördert worden sind: in keinem Satze aber zeigt sich mön- 
cliischer Eifer und mönchische Unduldsamkeit. Vor W^undern imd 
Zeichen hat er keine übertriebene Achtung, und dass Benno es höher 
schätzte, einen Nackten zu bekleiden, als einen Tag lang zu hungern, 
findet oflenbar seinoi ganzen Beifall. Sclierzworte Benno's verzeichnet 
er mit Behagen, und er freut sicli seiner Klugheit, ob sie auch in List 
übergellt.'" Wenn ich nicht irre, war Norbert ein Mann, der lebte und 
leben Hess : seinem ehemaligen Abte Reginhard von Siegburg legt er 
die Worte in den Mund: »ein Kloster, das niclit in irdischem Reiclithum 
gefestigt sei, könne nicht Ijestehen; nur sehr Wenige oder Keine würden 
bei körperlicher Entbehrung die inönchisclie Strenge mit Gleiclimutli er- 
tragen«. Norbert seihst aber kaufte ein Vorwerk, aus dessen Erträg- 
nissen jährlich an seinem Sterbetage die Armen etliche Schillinge er- 
lialten sollten, die Mönche aber eine refectialis caritos'' . d.h. etwa: eine 
Schüssel über die gewöhnliclie Zahl und statt des Bieres ein Glas besseren 
Weines. So bezeugt er den Seinen ein Wohlwollen . das mit dem Cliarak- 
ter des Werkes im Einklang steht. 



' Dagegen liat sich L. Tiivf.n gewandt (vergl. Mittlieilungeii des Hist. \'ereins 
zu Osnabrück IX. 15). 
- \'ergl. c. 2 1. 
3 Osnab. U.-B. I. 1S5. Nr. 210. 



134 Gesamnitsitzung vom 7. Februar. — Mittlieilung vom 17. Januar. 

Wenn der eine und andere Irrthum uns begegnet, wenn man hier 
und dort grössere Genauigkeit und breitere Ausführlichkeit wünselit, 
wenn namentlich die sicheren Merkzeichen , deren eine geordnete Historie 
bedarf — wenn die festen Daten allzu sehr fehlen, so ist wohl zu be- 
denken, dass Norbert doch nur wenige Schriftstücke' licnutzen konnte, 
dass er im Grossen und Ganzen allein auf sein Gedächtniss angewiesen 
war. Was er aber daraus mittheilte, waren zumeist nicht eigene Er- 
lebnisse, sondern die Erzählungen seines Bischofs. Und Benno war ein 
alter Mann geworden, als Norbert auf der Iburg anlangte. »Durch die 
Jahre kraftlos«, führte er »ein elendes Greisenalter. «'^ Da hatte sicli in 
seiner Erinnenuig sicher schon Vieles verschleiert, versclioben. ver- 
wischt. Das brachte zudem nocli ein Anderer, wohl nicht einmal gleich 
nach Benno"s Tode^, auf die Nachwelt. 

Dieses Denkmal nun. dessen Mängel doch offenbar durch bedeutende 
Vorzüge aufgewogen werden , hat man jüngst aus dem 1 1 . in's 1 6. Jahr- 
hundert zu versetzen gesucht; nicht ein Mann, der noch dem Kreise 
Bcnno's angehört hatte, soll es ihm errichtet haben, sondern ein 
Humanist.'' 

Im Neuen Archiv XXV. 767 stellt F. PHiLrppi, Director des Staats- 
archivs und Honorarprofessor der Akademie zu Münster, die über- 
raschende Frage: »Norbert's Vita Bennonis eine Fälschung?« S. 785 
gelangt er zu dem Resultat, es habe allerdings ehemals eine zeit- 
genössische Biographie Benno's gegeben: die uns vorliegende Vita sei 
die Compilation eines viel Späteren. Als dessen Quelle könne man 
nachweisen: i. Urkunden des Iburger Klosterarchivs, 2. die Iburger 
Annalen, die ihm »vielleicht« nur in einer jüngeren Verarbeitung 
vorlagen, nämlich in der Geschichte Westfalens, die der Liesborner 
Mönch B.Witte um 1515 verfasste. 3. die alte Vita, die ihm »höch.st 
wahrscheinlicher Weise« auch nur mittelbar zugänglich war. nämlich 
durch E. Ertmann. der sie um 1495 für seine Osnabrücker Chronik 
benutzte. 



' Briefe in c. 21. 25. 28, Urkunden in c. 24. 33. 37, Regesten in c. 17. 35. 
Ai)er mit den Urkunden und Regesten hat es eine eigentliümliclie Bewandtniss (vergl. 
S.,57ff.) 

^ So nacii der Rede, die Lindolf c. 40 gegen die Feinde des Ver.storbenen riciitete. 
Damals hatte Aht Norbert, der bis 1084 Mönch in Sieghin-g gewesen war, vier Jahre 
seines Amtes gewaltet, c. 34. 

^ Nach c. 22 herrschte /.ur Zeit Papst Clemens 111., der iioo starb; in c. 35 
ist eine Urkunde von 1097 wüitlich benutzt worden. Osiiab. U.-B. I. 187. Nr. 215. 
Aber dieser Auszug rührt schwerlich von Norbert (vergl. S. 157— 159). 

* Das Original der Handschrift ist 1581 im Brande des Klosters verschwunden; 
zum Glücke hatte ein Dinklager Küster eine Copie genommen; diese Hessen die Mönche 
1587 abschreiben. Beide Uberliefenmgen sind heute auch verloren. Den IVir uns ältesten 
Text enthält ein Kxenii)lar, das 167 i angefertigt wurde (vergl. M. G. SS. XII. 941). 



ScHEFFKR -Bon iKiRSi- Noiheit's Vitn Bennonis. 1 00 

Die vorliei^-endt' Vita ist Jilso kein originales Werk: alle ihre An- 
gaben , die nicht durch die angeführten Hülfsmittel »belegbar sind, ent- 
liehren der B(>gbiubigunu- und dürfen niclit weiter verwerthet werden«. 



II. 

Um das Quellenverhältniss festzustellen, muss ich vorausschicken,, 
dass Ektmann' unzweifelhaft einer Biographie Benno's gefolgt ist. Fräher 
war die allgemeine Ansicht, er liabe sich der uns vorliegenden bedient: 
an deren Stelle setzen wir nun einstweilen »die verlorene«. Auch darin 
kann ich Philippi zustimmen, dass sich Ertmann's Nachrichten mit denen 
der Iburger Annalen nicht berühren." Dann aber geht Philippi völlig 
in die Irre: seine Behauptung über den Ursprung des von Witte^ be- 
nutzten Materials muss ich zurüclcAveisen , darum aber auch natürlich 
entkräften. Was der Lie.sborner Mönch erzähle, versichert er S.770 — 
Alles sei den Iburger Annalen entlehnt: eine Vita Bennonis, ob die ver- 
lorene, ob die erhaltene, hätte Witte also nicht benutzt. 

Wie mag Philippi da folgende Congruenz erklären? 

Witte 275; ti-iennio ante Saxonicuin bellum loci coinmissi ciincta ciiravit 
verbique dei semina populo spargen.s inoiibus subditoniin excolendis insudans etc. 
prorsus se sibi et omnibus utilem et profecto non iniiuis honorabilem praebuit. 

Ertmann 50: triennio ante Saxonicuin bellum verbum dei fnictifere 
si- minavit. 

Wenn Ertmann hier aus der »verlorenen« Biographie Benno's 
schöpft — wird Jeder zugeben — . dann auch der von ihm unabhängige 
Witte. Und wer die Art mittelalterlicher Autoren kennt, wird ebenso 
wenig bezweifeln, dass Witte seine Vorlage viel genauer wiedergegeben, 
Ertmann sie ungemein verkürzt hat. 

Zu demselben Ergebniss . dass Witte keineswegs den Iburger An- 
nalen allein gefolgt sei, führt eine andere Betrachtung. Mit ihnen be- 
richtet er, Benno sei geweiht worden 4. non. Fehruarii, in festo Ipapanti 
also am 2. Februar. Hier genügt ihm die einfache Thatsache: er nennt 
nicht den Ort der Weihe, nicht die weihenden Bischöfe. Sieben Seiten 
später kommt er ausführlich auf den Vorgang zurück: nun ist Köln 
als Ort, sind dessen Erzbischof und die Bischöfe von Münster und 
Minden als Consecratoren angegeben, und der Tag ist ein anderer ge- 
worden: Kalend. Fehruarii. Dass Witte gedankenlos zwei einerseits 
sich widersprechende, andererseits an Reichhaltigkeit sehr verschiedene 
Werke ausgeschrieben hat. brauche ich Forschern, die solchen Ver- 



' Eine brauchbare, von H. Forst besorgte .\usgabe seiner Chronica findet sich 
jetzt in den Osnab. Gij. 1. 21—173. 
^ N. A. a. a. O. 771 Anm. 2. 
' Historia Westphaliae. Monasterii 1778. 



1H() Gpsamintsit/.ung vom 7. Febi'uar. ^- Mittlieiliing vom 17. Januar. 

liältiii.ssen einige Aufmerksamkeit geschenkt liaben, weiter nielit klar 
zu machen.' Welcher Vorlage aber entnahm Witte seine genaueren 
Angaben und damit das Datum, das zu seiner früheren Darstellung 
selbst in W'iderspruch steht? Die Antwort giebt abermals Ertmann. 
der a>ich an dieser Stelle von Witte in nichts sieh untersclieidet, als 
in der Kürze." So etwa : 

WriTE 275: dignis etiam in id cooperantibu.s Frederico videücet vene- 
ra l)ili viro Monasteriensi episcojio et KyIl)erto eqtie ad opus dei viro 
pr()l)ato Mynden.si episcopo. 

Ertmann 50: cooperan t ibus veneiabi li bus Frederico Mo iiasterien.si 
et Eylberto Myndensi ejjiscopis. 

Das heisst: Ertm.\nn benutzte die nach Philu'I'i verlorene Vita 
Bennonis. ihre Darstellung auf den knappsten Ausdruck zurückführend: 
Witte schätzte Pajiier und Tinte niedriger, und so Hess er den Wort- 
laut unverkürzt. 

Obgleich Witte den Thaten Benno's nur wenige Seiten widmete, er 
verwerthete dafür doch zwei Quellen: die Leben.sbeschreibung Benno's, 
deren sich auch Ertmann bediente, und die Iljurger Annalen. Von 
diesen sind uns nur Bruchstücke überliefert, und an sich könnte 
W'iTTE ja ihren verlorenen Theilen manche Nachrichten entnommen 
haben, wie er thatsächlich den erhaltenen einige Sätzchen verdankt. 
Aber aus den geretteten Blättern erkennt man die knajipe Fassung 
des ganzen Werkes: darin war für so breite Schilderungen, wie Witte 
sie bietet, gar kein Raum: und ist nun einmal nachgewiesen, dass 
ihm eine Lebensbeschreibung Benno's vorlag, so kann man auch nicht 
zweifeln, dass er das Beste und Reichste, was er über den Osna- 
brücker Bischof mittheilte, eben ihr entlelmt hat. Den sicheren Beweis 
gewährt das Gesetz des Rhythmus. Der n)urger Annalist hat so oft 
dagegen gesündigt, dass man gar nicht annehmen darf, er habe es 
überhaupt befolgen wollen. In der ausführlichen Erzählung Witte's. 
die ich auf die verlorene oder erhaltene Vita ziu'ückführe, folgt der 
vorletzten Hebung im Satze innner mein- als eine unT)et(>nte Silbe. 

lU. 

Win ES Darstellung, meint Pini.ii'Pi, sei eine Quelle des Fälschers 
gewesen, d. h. des Verfassers der uns vorliegenden A'ita Bennonis. In 
der 'I'hat — wer genauer vergleicht. k(>nnte wohl einen Augenblick 
geneigt sein, seiner IfyiKithese sich anzuschliessen. Freilicli nicht in 

' Vergl. auch die Beinerlvung II. Bloch's im N. A. a. a. 0. 836. 

- Allerdings iiiaclit Krtmann 50 einen den Bischof von Münster betrelVenden 
Zusatz. Den verdankt er der Chronik des P'lorenz von Wevlinghoven. Münster. 
Gq. 1. 15. Wenn Forst die Kntlehnung angemerkt hätte, würde Phii.ippi sich vielleicht 
gewundei't haben, dass sein »Fidscher» sie seinerseits nun nicht von ERmiANN übernahm. 



J 



Scheffer -BoicHOBsr: Norbert's Vita Bennonis. 137 

Bczu.y jiTil' die Sätze, dio Wittk ans den Iburgcr Annalen entnommen 
Iiat, denn sie siielit man in der Vita vergebens: wohl aber selieinen 
einige Wenduntjcn der übrigen Erzählung Witte's , von der unser an- 
geblieher Falsarius in Einzelheiten, wenn auch nicht im Grossen und 
Ganzen abweicht, das Gepräge der Ursjjrüngliehkeit zu tragen, also dem 
Wortlaute der »verlorenen« Vita zu entsj)rechen. Man vergleiche nur: 

Wn IE Vita 

]). 269: riisticaiii conditioneiii in inaiores 0.19: rusticam coiitlitioneni armavit. 

armavit. 
j). 274: spe veteris i^ratie adlioitan te c.13: spe divinae gratiae consensit. 

conseiisit.' 
])ontificis ac inartiris egiegii die soUempni. pontificis et martii-is die soleinni. 
]). 275: digiia susceptione lionoratus, ao. digna susceptione honoratus; ab eodem 

doin. iiicar. 1069 kalend. Februarii vero archiepiscopo. 

ab eodein ai'ciiiepiscopo. 

Was Witte nielir l)ietet, macht auf mich nicht den Eindruck, 
als ob er es hinzugesetzt hätte: vor Allem beachte man das Datum, 
das wir sclum bei einem anderen Benutzer der »verlorenen« Vita ge- 
funden lialx-n, 1)ei Ertmann." 

Aber auch in der vorliegenden, angeblich gefälschten Lebens- 
besclireibung fehlt es nicht an Ausdrücken, die oflenbar die ursprüng- 
licheren sind. Einzelnes könnte bewusste Verbesserung am Texte 
Wittes sein, darülicr gehe ich hinweg.^ Aber wenn es c. 19 heisst, 



' gratiae consermt ist ein ungewölniliclier Satzschhiss , nicht so ailh(n-tante cnnsensil. 
Die Füini wird, wie P. von Winterpeld gezeigt hat. vom Autor mehr als 140 ]Mal 
angewandt. In c. 13 ist: consecrare vellei ein arger Verstoss gegen unser Gesetz; mit 
WrrTE 274 niuss gelesen werden: crmsecrare deberet. Ebenso unzulässig ist in c. 19 
fecit cupidam, richtig Jieisst es bei WrrrE 269: cupidam /ecit (vergl. von Win ierfeld's 
Bemerkiuigen S. 164 und t65). 

^ Benno bevorzugte den Aufenthalt in Ibnrg, nach Witte 270: tibi et secretins 
ad que vellH racare passet, nach \'ita c. 19: ut secretius divi/iis vacare posset. Weshalb 
sollte Benno im Geheimen Gott dienen wollen i* Zu secretius passt viel besser: ad que 
reitet. Die Verbindung ad que vellet ist dem Verfasser überdies geläufig, c. 8: ut ad que 
vellet auditf/res efßcax inclinaret; c. 1 2 : iihi sibi ad que reitet semper posset esse vicinu.i. Solche 
Wiederholungen gleiciier Ausdiücke finden sich auch sonst, c. 13 und nochmals c. 14: 
in episcopatu deyens , c. 20: in palatio deyens; Q..zi:pTudentiaeoculo, c.iy. prudfntiae suae 
ocutiim. Der Grund der Änderung liegt aber auf der Hand: es sollte eine übelwollende 
Deutung ausgeschlossen werden. Ich will gleich iiinzufügen, dass G. von Kleinsorgen 
vor mehr als dreihundert Jahren sich mit secretius divinis vacare ebenso wenig befi'eunden 
konnte, wie icii heute: da machte er die be([ueine C'onjectur serurit/s und übersetzte nun: 
»desto sicherer Gott dienen mochte (Kirchengesch. v. Westphalen I. 535). Die Text- 
geschichte lehrt zugleich, dass Kleinsorgen die ^'ita in ihrer heutigen Fassung be- 
nutzte, .anderer Meinung ist Philippi a. a. O. 775 ff. , doch scheint er auf den oben 
dargelegten Ziisammeniiang nicht geachtet zu haben. 

^ So etwa Witte 269: sini/i/lis/uisset circ?i,mstantitjii,s mmitibus deiisitate silvarum ; 
V'ita c. 19: simitis. Witte 270: quod ridffo ibidem Snüden appellatur; Vita. c. ig: Suender. 
Witte 274: /inn ad damnationem eoriitn; Vita (-.13 amniuinem. Hier könnten die Les- 
arten der \'ita Verbesserungen sein. 

Sitzmi.'sberiolite 1901. 12 



138 Gesainnitsit/iiiiii vniii 7. Februar. — Mittlieiluiig vom IT. .laiiuai-. 

die Mark er hätten den liiscliöfliclicii I'racf'cct us. der ül)(>r ]))ui'.i>- yc- 
bot, zur Fluclit uczwuiiiJ-cn , so .sclicint mir der 'l'itcl yjinz sncli- iiinl 
zeitG:pniäs.s zu sein: die Lesart WrriK's 269: V'illieus kann irli keines- 
wegs mit PniLii'i'i für die richtige halten. Als der Vorgänger Bennos 
einen Theil der fdten Mauern von Iburg ■wiederhergestellt hatte', wird 
er natürlicli auch sofort einen Burglierrn hineingelegt haljen. »Die 
Burgen«, sagt Koepke einmal mit Bezug auf die .sächsische Zeit", 'haben 
Praefecti«. und nocli in den i'ünfziger Jahren des i 2. Jahrliim<lerts 
heisst der Vorsteher der Burg Hiistelxi'g. den der Krzl)ischof von Mainz 
ernannte: Dudo prefectus de Kusteberg.^ (iegen den Au.sdruck 
iniserer Vita lässt sich mithin kein Einwand erlieben.'' Einen Villi eus 
wüi'de man aber zur Zeit. d;i der dichte Wald noch nicht gerodet, 
da die Ibiu-g noch wenig bewohnt war^, schwerlich dorthin geschickt 
haben. Es bleibt niu" die Frage, wie Witte zu der falschen l^ezeich- 
nung gekommen ist. Sollte der A'erf;isser des ihm vorliegenden P^xem- 
plars oder der Aon ihm benutzten Auszüge erwogen liaben. dass der 
klösterliche Amtmann zu seiner Zeit Praefectus hiess?'' Für das 



' .Annal. Ybrn-g. M. ü. SS. XVI. 437. 

- Widukind von Koivey 155. 

^ 1151: GuDFN, Cod. dipl. I. 207: 1151: Si'UMPF, .\cta Mo^^iiut. 51; 11 55: Guden 

I. 222. 

■* Ganz anderer Ansicht i.st Philippi 795. In Westfalen habe im 1 1. Jahrhundert 
der vom Bischof unabliängige Graf den Titel iiraefectnx gefühlt. Das hätte T.\n(;i, in 
den Mittheil, des oest. Instituts XX. 204 gezeigt. In Wahrheit handelt mein verehrter 
Herr College über königliche Grafen, die im 8. und 9. Jahrhundert zu Fulda und Mainz 
Praefecten hiessen. Doch Philippi scheint ja den Beweis, den Tangl für Westfalen 
und das 11. Jahrhundert erbracht haben soll, durch einen wichtigen Beleg zu ver- 
stärken. Sicher nach einem uns verlorenen Theil der Ibui'ger Annalen erzählt WirrE 268, 
der Vorgänger Benno's sei gestorben poxf multoK lahorex, qiio-i pprtulit pro repetitioiii' dcci- 
■marum a Gode.scalcn comiie ehisqne ßlio Ottone; die.ser Graf Godeschalk ei'scheint ein- 
mal als Praefect: Otto jirae/ecti Godi'sratci Jilhis. (Osnab. U.-B. I. 138 Nr. 157.) Woher 
weiss denn aber Phimppi, da.ss Godeschalk kein bischöflicher Beamter war:' Das ganze 

II. und 12. Jahrhundert hindurch finden sich die vom Bischof ernannten Stadtgrafen, 
die bald Freie, bald Ministerialen sind, das eine Mal als romitrx, das andere Mal als 
praeficti, zumeist allerdings mit dem Zusatz t7c//(7//.s-, aber doch nicht innner. 1103 be- 
gegnet in Paderborn Elrenix coinrs. 1 109 coincx ciritati.s i.itiiix El/eru.i, 11 18 wieder ein- 
fach Elferux comes. Dessen Sohn Heinrich heisst 1130 und 1136 aucli nur come^; in 
der folgenden Zeit wird er cirium /fraffectns genannt. (H. Lövinson. Beiträge zur Ver- 
fassungsgeschichte der westfälischen Reichsstiftstädte 73 ff., wozu für 1136 Krhard 
Cod. dipl. 19 Nr. 219 zu ergänzen ist). Nicht andei-s in Köln: io6i,*io74 Franco urhis 
praefectux. 1083 Franco urbnnus come.i, 1106 Franco comes, 11 16, 11 17 Franco burgi comfs. 
(IIegei., Chroniken der deutschen StädteXlI. Kinleitung 23. Anm.5.) So zweifele ich 
nicht, dass fiodeschalk Stadtgiaf oder .Stadtpraefert war. Nach den Iburger .\nnalen 
hatte man übele Kriahrungen mit ihm gemacht. Daraus mag sich erklären, dass in 
Osnabrück zunächst der Beamte \erschwindet. 

' — (Benno monlem) haliitahilmi fecit. \'ila c. 19 - WrrrK 270. 
" — praefectus sru amptmannus noxter schreibt zum Jahre 1667 der Iburger .\bt 
M. Rosr. Osnab. G<|. III. 134. Vergl. auch 99. 119. 124. 129, 132. 137. 155. 



* 



SiHEi lEii- Bon HüRsi': Noi'bei't's \'ita Bennonis. 131) 

geschilderte Ereigniss, das der Stiftung des Klosters um mehrere Jahre 
vorausgegangen war, bedurfte es durchaus eines vom Bisehofe er- 
nannten Vorstellers.' Ferner verweise ich auf c. 13. Da schreibt 
der vermeintlielie Fälscher: Adunatis igitur in villa Goslaria: Witte 273 
aber sagt: Adunatis igitur in Goslaria; wird Jemand Witte's Darstel- 
lung für die Quelle halten? Mustert mau das Goslarer Urkundenbuch, 
so findet man den Ort im Jalire i 108 zum letzten Male als villa be- 
zeichnet: fortan lieisst er civitas, wie es seiner Ent Wickelung ent- 
spricht." Ganz verständlich also, wenn ein Späterer villa bei Seite 
Hess. PniLipn's Fälscher aber würde sich erinnert haben, dass der 
Zeit von etwa 1095, in die er sein Machwerk verlegte. Goslar noch 
als Villa gegolten habe. Mit der Hinzufügung von villa glaubte er 
gewiss — so werde ich Philippi's Gedanken ergänzen müssen — , 
den Firniss des Alterthums aufzutragen. Hatte er etwa aus einer 
anderen Quelle, die auch über Benno handelte, die für ihn werthvolle 
Belehrung empfangen? Schon in c.5. 7. 11 ist Benno in Beziehung 
zur villa Goslar gebracht. Endlich beachte man folgenden Zusammen- 
hang. Witte S. 275 und der Verfasser der vorliegenden Vita c. 13 
berichten ganz übereinstimmend: a pie memorie Annone archiepiscopo, 
prout vilUratinnis sue tempore optime iiieruerat (Beiino)^ digna susceptione 
honoratus. Also war in Witte's Quelle von der Verwaltung des erz- 
bischötliclieu Territoriums durch Benno die Rede gewesen. Das hätte 
auch PniLippfs Fälscher erkannt, und da nun Witte's Darstellung, der 
er ja gefolgt sein soll, über die wichtige Stellung, die Benno einst 
im Kölner S})rengel als Vizthum eingenommen hatte, aber auch kein 
weiteres Wort enthielt, so hätte er dem Mangel abgeholfen: fröhlich 
das ganze 12. Ca])itel hinzudichtend, hätte er Benno's Freuden und 
Leiden als Kölner Vizthums anschaulich geschildert. Die Conjectur 
des sinnigen Mannes wird Jeder billigen. Piiilippi muss Avohl an- 
nehmen, dass er sich beeilt habe, sie in der angedeuteten Weise 
fruchtbar anzuwenden . 

Wie man sieht, ist Witte's Werk in der vorliegenden Vita nicht 
benutzt worden. So hat der Verfasser sich denn der "verlorenen« 
bedient. Oder sollen wir gleich sagen, die vorliegende ist die als 
verloren beklagte? Die Frage zu bejahen, setzt die Forschung, soweit 
ich sie bisher geführt habe, kein Hinderniss entgegen. Dass Witte 
einige bessere Lesarten bietet, kann nicht Wunder nehmen: er schrieb 



■ Nach Philippi 795 kam der Au,sdruck r///iciis als Meier schon gegen Ende 
des 13. Jiihilinnderts in Westfalen allniiililich ausser Gebrauch. Der Fälscher hätte mit 
iliiu »niclits Rechtes anzufangen gewusst» und darum praefcctus gesetzt. .Aber i-ilUcm 
ist ja ein classisches Wort, das Kundige immer verstanden. 

' Zuerst 1131, dann 1152. 

12' 



140 Gesammtsitziing vom T.Februar. — Mittlieiliing vom 17. .Tiinnar. 

lim 15 15, er folgte also einer älteren Handschrift, als der lieutc er- 
haltenen, die er.st aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rührt. 
Aber diese verdient docli zuweilen auch den Vorzug. Das ist bei 
.späteren, nicht von einander abliängigen Überlieferungen ja zumeist 
der Fall, dass bald die eine, bald die andere dem Ori«:inal nälier steht. 



IV. 

Wenn Piuui'Pi glaubte, den Fälscher entlarvt zu haben, weil in 
dessen Vita Beniionis ein Werk aus dem Anfang des 16. Jalu-hunderts 
benutzt sei, so schützte er sich doch durch den Zusatz »vielleiclit«. 
Kühner tritt er mit der Behauptung auf, dass die zu Ende des i S.Jahr- 
hunderts verfasste Chronik Ertmann's ebenfalls eine Quelle des Be- 
trügers wäre. «Höchst wahrscheinlicher Weise« habe dieser Alles, was 
Ertmann der echten, uns verlorenen Leben.sbeschreibung entnahm, aas 
dessen Chronik wiederholt. 

Auf die Gründe, die Piulippi S. 785 in's TreflVn führt, um sie 
dann sogleich selbst zmückziischlagen , gehe ich natürlich nicht ein. 
»Auffallender« sei die Thatsache, »dass in unserer Vita, obwohl sie 
viel ausfiilirlicher ist,« über Ertmann hinaus keinerlei Jahresangaben 
sich finden. Man sollte glauben, der Osnabrücker Chronist pflege zu 
jeder Notiz ein genaues Datum hinzuzufügen, und sie alle hätte der 
Fälscher sich zu eigen gemacht. Beides ist irrig. Nur im Todesjahr 
stimmen unsere Autoren überein. Walu-haft ein Glück aber wäre es 
für den Biogi-aphen Benno's gewesen, dass er c. 20 allerdings geradeso, 
wie Ertmann 51, der Entscheidung des Korvey- O.snabrücker Zehnten- 
streites gedenkt, dass allerdings auch er die Goldschrift der Urkunde, 
das Hanibual Heinrich's IV., das Siegel hervorhebt, dann aber das 
Jahr 1075 bei Seite gelassen hätte: die Verfügung zu Gunsten Osna- 
brücks gehört nämlich ins Jahr 1079.' Das ist ein Quellenvorhältniss, 
welches eher für Sellxständigkeit, als Abhängigkeit des angeblichen 
Fälschers spricht. Doch dem Comparativ »auffallender« kann Piulippi 
ja den nach seiner Meinung entscheidenden Superlativ folgen lassen. 
»Am auffallendsten« sei die Erzählung, wie Benno seine Diöcese von 
Ratten befreite. Die angeordneten Bussen . Gebete . Fasten waren 
fruchtlos geblieben: da befahl der Bischof, »mit ihnen Almosen zu 
verbinden«: nun erst hatte die »Plage Pharao's« ein Ende. Das ganze, 
über den Vorgang handelnde Capitel32 sei Ertjiann's Chronik 53 nach- 



' Wir linben Urkunden Heinrich 's IV. fiir Osnabrück vom 30. December 1077, 
27. Januar 1079, 30. März 1079. Nur die letztere ist mit Goldbuchstaben geschrieben. 



1 



Scheffer -Boichorst: Norbert's Vita Beimonis. 141 

gedichtet: Ertmann berufe sich ausdrücklich auf einen wohl 300 Jahre 
späteren Autor, den Johann Kleinkock. Dieser ist freilich der Gewährs- 
mann Eetmann's, aber nur für die Tliatsache, dass nach 280 Jahren das 
Osnabrücker Land neuerdings von Ratten heimgesucht wurde , weil die 
von Benno angeordneten Almosen nicht mehr entrichtet worden seien. 
Davon sagt unser Biograph kein Wort: ein Anachronismus ist ihm 
also nicht nachgewiesen. Weslialb aber die Erzählung — wie Philippi 
zur Stütze seiner Hypothese behauptet — eine spätere Sage sein muss, 
hat er uns leider nicht verrathen. Ob die Vertreibung durch gTite 
Werke bewirkt wurde, ist eine Angelegenheit des Glaubens; und es 
wird doch Niemand bestreiten, dass man post hoc, ergo propter hoc 
mit demselben Rechte damals folgern konnte, wie heute. 

Zur Erhärtung seiner Annahme, dass Ertmann's Chronik die Quelle 
des »Fälschers« sei — sagt Philippi — , »wird genaue Wortvergleichung 
wenig Anhaltspunkte bieten«. Ich muss berichtigen: gar keine; ich 
darf hinzufugen: genaue Wortvergleichung wird die Unabhängigkeit 
der Biographie erweisen. Um nicht zu ermüden, hebe ich nur Ein 
Beispiel hervor. 

\'ita c. 36. 38. 

Sed abba.s, quia de iiiorte eius per iuniorem fiatrein iaiii, qiii eaui 
per visionem iiiiininere praeuoverat, diu ante aliquatenus praemonitus fuerat, 
ingressus ad aegnnn, inter visitationis et consolationis officia de singulis monere 
coepit, qiiae inoritiiro cuique consideranda putavit. Atque ille ad singula acquiescens, 
locumquidem sepiilturae in abbatis electione iiernii ttens, in posterum diem, 
quo erat beati Jacobi celebranda festivitas, distulit unctionem. Primo itaque sur- 
gentis aurorae diluculo, abbate acceisito ciun fratribus, tain illi quam omnibus, 
qui adeiant, ])t'Ccatorum confessionein publice faciens, statim ab ipso sacer- 
dotalibus induto dominici corporis viaticum accepit ac sie |)ene triduum 

supervixisse dignoscitur. Ipse autem linguae paulatim destitutus officio, 

cum iam vitae iininineret occasus, abbate item cum fratribus exitum eius deo com- 
mendante litaniis et psahiiis, in tapetio deponitur et circa horam nonam inter 
orantium manus spiritum deo reddidit, anno 1088, 6. kalend. Augusti, 
indictione undecima. 

Ertmann 52. 

Sed abbas, qui de eius iam morte per iuniorem fratrem, qui eam 
per visionem quandam imminere prenoverat, eum de singulis monere 
cejiit. Ipse acquiescens, locum se])ulture in abbatis electione permisit; 
in die beati lacobi abbati et omnibus presbiteris confessus fuit publice ac 
ab ipso sacerdotalibus induto dominici corporis viaticum accepit et sie 
jiene triduum supervixisse dinoscitur. Ciroa horam nonani inter oran- 
cium manus spiritum reddidit anno domini niiUesimo 88", 11. k al. Augusti, 
indictione undecima. 

Der erste Satz Ertmann's, der sich so in allen Handschriften bei- 
der Auflagen seines Werkes findet, enthält eine Lücke: qui de eius 
morte schwebt völlig in der Luft. Die nöthige Ergänzung finden wir 
in der Vita: diu ante aliquatenus praemonitus fuerat. Nach Ertmann 



142 Gesamiiitsitziing vom T.Februar. — Mittlieilung vom 17..1aiuiar. 

mahnt «lor Abt den Sterbenden df sin;/ulL^-. Die Vita ,i>Lel)t die Kr- 
klärunij, was unter den Einzelheiten zu verstehen sei: quae morituro 
cuique considi^randa putavit. Der SchUiss entspricht aber aucli einer 
der mehrlach betonten Regeln mittelalterlicher Eloquenz: der vorletzte)! 
Hebung folgen zwei Senkungen, in deren Mitte die Caesur fallt, zu- 
letzt eine Hebung, dann eine Senkung. Ertmann's de singulis monere 
coepit ist dagegen ganz unzulässig. Von ihm erililirt man ferner nicht, 
wer unter den Betenden, in deren Armen Benno stirbt, denn gemeint 
seien. Der Verfasser der Vita hat sie eingeführt: den Abt und die 
Mönche, die in Psalmen und Litaneien den Ausgang ihres Bischofs Gott 
empfehlen. Dass Benno beim ersten Strahl der Morgensonne beichtete, 
dass ihn darauf allmäldich die Sprache verliess. dass man ihn zuletzt 
auf einen Tepjiich bettete — Alles hätte der »Fälscher« zu Ertmann's 
Angaben hinzugedichtet! Nein, Eetmann liat gekürzt, hier geradeso 
gut, wie wir es vorhin' schon aus dem Wortlaute Witte's sahen. 
Jetzt ergänze ich, dass die Vita, in der Wittes Werk niclit benutzt 
wurde, genau mit dessen frülier angeführten Text übereinstimmt. 

Es bleibt nur die Frage, ob Ertmann aus der uns vorliegenden 
A'ita schöpfte oder aus einer verlorenen, deren sich dann in engerem 
Anschluss auch der »Fälscher« bedient hätte. Bis zu diesem Punkte 
liaben wir keinen Gi-und, eine verlorene anzunehmen, kann die vor- 
liegende durchaus die Quelle Ertmann's sein. Dagegen wendet sich 
Piiitippi S. 774. 

Ertmann würde schwerlicli über die Belagerung von Pjiu-g hinweg- 
gegangen sein, wenn er die Biographie vor Augen hatte. Meine Antwort 
ist: in der »verlorenen« Vita Bennonis. die Ertmann nach PmLnri's 
31einung benutzt hat, musste ihr Verfasser, den Phu^ippi für einen Zeit- 
genossen hält, die Belagerung geradeso gut behandeln, wie der »Fälscher« 
in der vorliegenden c. 25 es gethan hat. denn sie ist eine durch die 
Iburger Annalen beglaubigte Thatsache von höchster Bedeutung sowohl 
fiir das Kloster, als auch fvir seinen Stifter. Dns Rätlisel. welches 
uns Ertmann's Schweigen aufgiebt, bleibt also bestehen, gleichviel 
welche Biographie er benutzte. Ertmann sclicint mir bei der Auswahl- 
seiner Nachrichten sehr willkürlich vorgegangen zu sein. Dass unser 
Bischof als Propst den Hihlesheimer Sjirengel verwaltet hat, erfahren 
wir auch von ihm S. 50, nicht aber, dass Benno darauf als Viztlnun 
z'ur Leitung der grösseren Diöeese von Köln l)erufen wurde, und un- 
zMcifeliiaft hat der zeitgenössische Biograpli darüber ein Ca])itel ge- 
sclirieben." Nocli einmal arbeitet Philm'pi mit dem Argumentum ex 



' Verj;l. die Gegeniibei'steilunji; S. 135. 
' Sielie oben S. 139. 



Si HEFFER-BoiiHousi-; Noi'bei't's \'ita Bennonis. 14.) 

sileiitit). jcildcli in um.n'ekohrtem Verfahren. Vorhin felilte eine Nach- 
richt (h-m Werke EktjMann's, also konnte die Vita, in der wir sie fin- 
den, nicht seine Quelle sein; niui macht Ertmann eine Ang'abe. welche 
der Vita fehlt. — nud Phu.ippi zieht dieselbe Folgerung.' Benno hat das 
Kloster Iburg erbaut, dazu die Feste: in urui parte mtmiis ecdesiam et 
claustritin relk)iosonmi. in alia vero parte castruni pro se et suis successo- 
rilnts.' So Ertmanx 51: der Verfasser der uns vorliegenden Vita c.19 
erzählt liloss vom Bau des Klosters. Aber er weiss von einer Feste, 
mu- nicht in alia parte inontis , nur nicht von einer bischöflichen; bei 
ihm ist vielmehr das Kloster selbst die Burg, wie denn zur Zeit wohl 
alle Klöster ummauert waren.' Der technische Ausdruck für die ganze 
Anlage ist ii?-bs\ und wenn es im 25. Capitel heisst: urhem Iianc un- 
dique studiosa oI)sidione vallantes — urbemque Saxonibus cutn. iuramento 
velle tradere — urhem obsidinne liherant, so hat der Verfasser eben das 
befestigte Kloster gemeint.' Von einer liischöf liehen Burg, die dazu 
abseits vom Kloster gelegen hätte, ist keine Rede. Aber auch nicht 
in den zwischen 1082 und 11 18 ausgestellten Diplomen, (hurh die 
Pniijppi beweisen will, dass Benno »auf der anderen Seite des Berges " 
sich luid seinen Nachfolgern ein Schloss erbaut habe. Ein früherer 
Forscher meinte", das castrum der ältesten Urkunden bedeute die von 



' Damit soll Regen d;is Verfahren ;ni sieh kein Einwand erhoben werden; es 
inüsste nur fe.st.stehen , dass die eine Naclirieht uumüglich von Norl)ert herrühren 
könne, dass die andere nun und ninnner als freie Zuthat Ertmann's gelten dürfe. 

^ — ..es muss hervorgehoben werden, dass Ertmann's Angabe über den Bau 
der Burg richtig ist, weil sie in Iburger Urkunden ihre Bestätigung findet«. Philippi 774. 
Also meint er die bischöfliehe Burg auf der anderen Seite des Berges. Dagegen tadelt 
er S. 781, dass in der ganzen Vita »die Erbauung der Burg Iburg, in welcher das 
Kloster gegründet wurde., mit keinem Worte berührt sei, obwohl Ertmann sie be- 
richte. Das ist durchaus verkehrt; Ertma.v;n unterscheidet ausdrücklich Kloster und 
bischöfliciie Burg: in una 'parte — in alia vero forte. 

^ Ob man später, da die gegenüber liegende bischöfliche Burg ausreichenden 
Schutz gewährte, auf die klösterliche Befestigung noch Werth legte, mögen Andere 
bestimmen. 

* Siehe darüber C. Hegei. im Neuen Archiv XVIII. 214. Eine sehr interessante 
Ergänzung bietet die Iburger Urkunde von 11 10 im Osnab. U.-B. 1. 193 Nr. 225. 
Danach Hess Bischof Wido die Reliquien des abgebrannten Domes in hoc nostrum 
Yburyense castrum bringen und in altari -s. Clemetitis einschliessen; sein Nachfolgei' 
Johann führte sie zurück; aber zwei Reliquien und ein Pfund Zehnteneinkünfte 
monasterio iiosiro contradidit. Et sie sanctis reUqtiiis in principali altari {Osnahruyensis 
ecdesiae) debito honore rrfo/iditif: . in urhem (Ytmrgensem) rei-er.ms , forwercum unum in 
Lina pro sepultura sua dimavit. Verum pnst eiiis mortem cum in nrhe ei septdchrum 
parari dehxisset, da finchteu urbis rusfodes einen Aufruhr; deshalb wird der Leichnam 
nach Osnalirück überführt. Qui tarnen sempitemam nominis siii memoriam supradictis et 
aliis plurimis caritati.1 offitiis urbi mm henedictione reliquit. Hier sind docii castrum, mo- 
nastcrinni und urbs in gleicher Bedeutung gebraucht. 

» Die Überschrift lautet freilich Quomodo — civitutem — Osnabrugensem — 
liberavit; sie ist aber spätere Zuthat (vergl. auch .S. 157 Anni. 5). 

" TnYEN in Mittheilnngen des Hist. \'ereins zu Osnabrück IX. 138. 139. 



144 Gesamintsitzung vom 7. Februar. — Mittheilung vom 17. Januar. 

Karl dem Gro.sscn zerstörte Burj^', deren unser Biograph oft gedenkt. 
Mir genügt, dass Abt Noi'bert .seihst, als er iiio über Schenkungen 
berichtet, zunächst sagt, sie seien gemaclit: monasterio, dann aber: 
urhi} Das Verhältni.ss scheint mir danach zu sein: der Vorgänger 
Benno's, wie wir schon in anderem Zusammenhang hörten", hat einen 
Theil der zerstörten Burg wieder hergestellt, und diese Befestigung, 
die Benno gewiss fortgeführt hat, schützt die Mönche, die Kirche, die 
Wolmungen und alle Räume , welche sie einscldiesst.'^ Dass der Ver- 
fasser der Vita nur vom Bau des Klosters spricht, kann nicht Wunder 
nehmen: ihm galt es als Hauptsache, und dann war ja selbstverständ- 
lich, dass ein Kloster, namentlich in einsamer Lage, niclit oline Be- 
festigung blieb. »Einer bischöfliclien Burg auf der anderen Seite des 
Berges«, die schon Benno erbaut hätte, ist zuerst von Ertmann ge- 
daclit.* Zu seiner Zeit stand dort eine bischöfliche Burg, imd in 
Benno sah er nun deren Erbauer. Ganz ähnlich sagt er S. 52, Benno 
sei begraben in loco, ubi nunc cernitur. Als Ertmann schrieb, ruhte 
Benno vor dem Kreuzaltare, der unter der Vierung sich befand: im 
Jahre 1408 waren die Gebeine dorthin übertragen worden, bisher 
hatte sie ein Platz im südlichen Kreuzarm geborgen." Hat Ertmann 
auch etwa diesen Anachroni.smus einer angeblich verlorenen, nach Phi- 
Lippi zeitgenössischen Biographie entlehnt? 

Aber ich muss, Hrn. Pmuppi wenigstens einen Schritt entgegen- 
kommend, an ein schon früher gewonnenes Resultat erinnern. Wittk 
benutzte um 15 15 eine bessere Überlieferung der Vita als die unsrige, 
die Tim 1670 entstand. Hier und da bot er die ursi^rüngliche Les- 
art, einmal sogar ein Datum, das in der vorliegenden Fassung der 



" ' Vergl. S. 143 Anm.4, fernei- ilie Urkunde von 1095: in ocridetitali parte huiun 
urhis. Osnab. U. -B. I. 182 Nr. 210, endlicli Vita c. 38: in hac urlip. 

2 Vergl. S. 138 Anm. I. 

' Dasselbe scheinen auch die Ihurger Annalen 1077, denen WrrrE 270 folgt, 
sagen zu wollen : castrum in Ybnrg propter imminentia hfUa edißcare di.sposuit, a prede- 
cessore suo iam inchoata aliquania parte murorum; ubi et cennbium in beati C/ementis ho- 
nore construxit. Ubi et heisst doch: in der von Benno's Vorgänger begonnenen, von 
ihm selbst weiter zu führenden Bui'g. 

■* \'ita c. 19: parva item tvgurio versus occidentem in loco praernpto prae festinatione 
extructo ■ — ■ vbi et aedijicationi praesens intendere et secretius dirinis racare passet. Damit 
vergleiche man eine Notiz G. von Ki.einsorgen's: »Folgents aber hat er in seinem StiflFt 
das Kloster und .Schloss lliorg erhawet, damit er in solch unruhiger Zeit desto 
sicherer Gott dienen mocht. Kx vita huius Bennonis». Aber wie ich schon S. 137 
Anm. 2 gezeigt habe, benutzte Ki.einsorgkn die auch uns vorliegende Fassimg; vom 
Schlo.sse des Bischofs sprach er unter der Einwirkung Eutmann's, dessen Chronik 
er S. 533 und 546 gerade für die Geschichte Benno's anführt. 

^ — in brarhio meridionali wurde Benno nach c. 39 bestattet. Über die 1408 
erfolgte Beisetzung in ecciesiae natn vergl. M. Rosr in den Osnabrücker G(i. 111. 45. Das 
ist derselbe Platz, den Witte 275 als ante altare s. crucis bezeichnet. 



i 



ScuEFFER-BoicHORST : Norbei't's Vita Bennonis. 145 

Vita fehlt, gewiss aber in deren Original enthalten war: den Tag für 
Benno's Weihe. Kann sich um 1495 Eetmann nicht gleichfalls einer 
correcteren Abschrift bedient haben? Er hat es gethan. Nach unserer 
Vita c. 16 zerstörte Karl der Grosse die Syburg ad rioam ßuvium: der 
Herausgeber macht daraus Siegburg an der Sieg: die richtige Lesart 
giebt uns Ertmann 50: Slgehurch quoque super Ruram ßuvium.^ Was 
aber die Sachen angeht, so hat auch Ertmann den Tag der Weihe 
mitgetheilt: und Avenn er S. 49 in übrigens gleicher Weise wie die 
Vita c. 7, von dem Verlangen der Eltern nach einem Sohne, von ihrer 
deshalb unternommenen Pilgerfahrt erzäldt, wenn er dann aber die 
Kinderlosigkeit, über die Vita hinaus, auf fünf Jahre schätzt, so dankt 
er die Zeitbestimmung wohl auch der reicheren Fassung seiner Quelle. 
Dass auf der anderen Seite unsere Überlieferung den Auszug Ertmann's 
weit hinter sich lässt, sahen wir zur Genüge, als wir die Schilderungen 
von Benno's letzten Stunden mit einander verglichen. 

So ergiebt sich denn , dass der Verfasser, der als Zeitgenosse 
Benno's gelten will, bis auf Weiteres als solcher auch gelten darf; 
die beiden viel späteren Werke, deren Benutzung ihn Lügen strafen 
und als Fälscher verrathen wüixle, sind seine Quellen nicht gewesen. 
Deren Verfasser, Ertmann und Witte, entnahmen ihre Nachrichten einer 
Vita Bennonis, die recht gut die unserige sein kann, nur mit dem 
Unterschiede, dass die von ilmen benutzte Überlieferung an einzelnen 
Stellen reiner und reicher war. Dafür sind wir — ich muss es wieder- 
holen — auf eine Handschrift aus der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts angewiesen: Ertmann und Witte hatten die Feder geführt, 
der eine um 1495, der andere um 15 15. 

V. 

Es bleibt die zweite Möglichkeit, die Philippi ofien Hess, also 
Benutzung der Quellen Witte"s und Ertmann's, der Iburger Annalen 
und der angeblich verlorenen Vita Bennonis. 

Eine wörtliche Übereinstimmung mit den lljurger Annalen finde 
ich nur an zwei Stellen.^ 

Zuerst erzählt ihr Verfasser, dass Biscliof Udo von Hildesheim 
und Markgraf Eckbert von Meissen die Belagerung der Iburg aufge- 
geben hätten ob antiquani amicitiam domini Bennonis. Nach der ims 
vorliegenden Vita c. 25 war der Grund, dass Bischof und Markgraf, 
obwohl seine Feinde, ihn dennoch verehrten und liebten antlqua ami- 



^ Hohensyburg am Einfluss der Lenne in die Rulir. 

2 Dass P1111.1PPI sicli von der Beschaffenheit und dem Umfange der Annalen 
eine falsche \'orstellung gemacht hat, zeigte ich S. 135. 136. 



146 Gcsainnitsit/.iing vom 7. Februar. — MilllieiliiMf; vom 17. Januar. 

r.itia et prirata quadmn faiitiliarltdte. Diese Fa.'^siiHt;- macht lücht i>orn(le 
den Eindruck, ;ds Aväir .sie die id),sieleitete und jünijere. 

Dann liandelt es sich um die Osnabrück er Zehnten, iam tanto 
tempore rioknier ahlataf. wie es in (h'r Vita c. 20 lieisst: per multoruin 
annorum eurricula iniuxte ablaliif . wie (k>r Annalist saj>:t. Benno ist bei 
Hofe. Der »Fälscher« lässt ihn (hi seinen Sehmerz enthüllen, ne spatium 
temporis in palntio de</ens prorsiis inullle duceret, proprüs primitus amicis,. 
deinde i-epls fainllkirilrm. Die vers])reehen «Hülle«. Nach dem An- 
nali.sten ruft ei- jede nur niöuliche »Hülfe« an. cudi rege Henrlco degens,, 
ne inani otio torperel. Er erliält das erbetene »Chiro^'i-aph«. Wie wir 
in der vorlie,t>'enden Vita lesen, wnv vs regio insiynituiii sifjillo: wieder 
Annalist meint, war es annu/o imigniturii. »In der Osnabrüeker Kirche« . 
saut der Bio,i>rai)h, wird es mit urösster Sorufalt »bewahrt«: der An- 
nalist: In der Osnabrüeker Kirche wird es »l)is heute bewahrt«. Jener 
weiss aber noch mehr als dieser: er l)erichtet. das kostbare Document 
«ei zu Retjen sbm-ii'. und zwar mit Goldbuclistaben geschrieben worden. 
Natürlich, der »Fälscher« lei>te die Iburuer Annalen zu Grunde: er 
strich »bis heute«, denn der Ausdruck mochte ihm im Munde des 
unmittelbaren Zeitgenossen , der er sein wollte, nicht recht g-eeignet 
erscheinen: dann Hess er sieh in Osnabrück das Original vorlegen, 
und da er hier las: sigillo nostro imsiiiiiis afsignari, so setzte er sigillo 
statt annulo. überdies konnte er jetzt von der Goldschrift erzählen 
und den Ausstellungsort ergänzen!' Das königliche Privileg befriedigte 
Benno nicht: er wollte auch ein päpstliches gewinnen. Da preist ihn 
(ler »Fälscher« als einen Mann: omni semper priidentiae circunisprctione 
contectum, e. 2 i : oö'enbar folgte er dem Annalisten: prndenti oculo se 
undique circumspiciens. Dessen Charakteristik hat ihm dann so ge- 
fallen, dass er sich ihrer gleich im folgenden Capitel nochmals be- 
dient : prudentiae oculo^ quem secuni semper portare solehat. Damit nicht 
genug: wieder im 23. Capitel rühmt er, dass Benno vigilantissimum 
p7-ttdentiue sitae ondum ubiqve circumtulit. Ja, sollte er nicht .schon c. 8 
unter dem Elnllusse des Lobes, das der Annalist der Klugheit Benno's 
spendet, von ihm gerühmt haben, all' sein Thun sei prudentiae pro- 
funda arte C07iditttiii? Verhält es sich anders, wenn er c. 1 1 ihn also 
preist: prudenti quippe consilio ninrta exteriora . exigiia licet et frirola. 
dispensare caUehat? Floss aus der gleichen Quelle auch etwa das un- 
Ix'grenzte Vertrauen, das nach c. 1 i in eins p7-itdentia ¥.rzhi>^Qhof Anno 
setzte?" 

' Von dem Ausstellungsort und der Gold.schrift spricht auch Ertmann; aber 
des.sen Chronik ist in der Vita niciit benutzt worden (vergl. S. 140 — 145). 

^ Ich füge hiei' tiocli hinzu : prudi-nliae et ingenii praedarum specimen c. 2 , vir 
prudentioris iiii/enii c. 4, j/rudena epiicopus ('.19. prudentiae moderatione c. 21, animi prii- 



i 



Scheffer -BoicmoUst: Norljei-t's Vita Beiinonis. 147 

Doch icli scheine einen liöhnenden Ton anzuschlagen. Wenden 
wir uns zur Hypothese einer verlorenen Vita als Quelle des »Fälschers«! 
Nach Lage der Dinge wird ihr ein besonnener Forscher erst dann bei- 
pflichten, wenn innere Kriterien die uns vorliegende als Fälschung ent- 
larven. Daran soll es nicht fehlen. 



VI. 

Einer der vornehmsten Gründe, die Hrn. Phu.ippi bestimmt haben, 
die Biographie für luiecht zu erklären, ist das Streben des Verfassers 
nach absoluter Objectivität, wie es einem Schriftsteller des ii.Jahr- 
himderts »kaum« zuzumuthen sei. So S. 780: bald darauf ist das 
beschränkende »kaum« verseh wunden : S.783 Avird »die Objectivität, 
welche der Verfasser vor sicli herträgt, ein dem 11. Jahrhundert 
fremder Zug«: aber nicht bloss dem 1 1. Jahrhundert, simdern »avich 
dem ganzen Mittelalter«: Piulii'I'i erkennt liier den Eintluss, den der 
Kritieismus (h'r Humanisten ausgeübt halte. Diese bei Biographen 
des Mittelalters einzig dastehende Objectivität sei denn aucli schon 
vielfacli aufgefallen. Leider nennt er als seinen Bundesgenossen nur 
Wattenbacu , vmd iii dessen Ausführungen findet sich kein Wort des 
Staunens, nur ein Lob der ungesuchten Schilderung, der das Gepräge 
der Wahrheit aufgedrückt sei.' Wie hätte Wattenbacu auch Anstoss 
nehmen sollen, er, der die gleiche Objectivität bei einem Autor un- 
zweifelliaft des 1 1 . Jahrhunderts beobachtet hat. bei Adam von Bremen?" 
Ja, gesteht der Biograpli des Erzbischofs Adalbei't zu, s(?in Held habe 
nach Menschenart Einiges um zeitlichen Ruhm gethan^: und dann: 
gegen Ende seines Lebens seien Adalbert"s Sitten unerträglich ge- 
worden*: zuletzt seufzt Adam: wie gern würde er seinen Gönner 
rühmen, jedocli stehe geschrieben: »Wehe denen, die Bös Gut nennen 
imd Schwarz in Weiss wandeln«." Hat auch etwa Adam einen Haucli 
des luimanistischen Kritieismus verspürt, so dass (>r aus dem 11. Jahr- 
hundert ins 16. versetzt werden muss?" 



dentia c. 22. Auch der Bischof von Hildesheiin heisst: vir et ipse totius prudentiae c. 6, 
der Abt von Siegbnrg vir prudentis ingenü c. 27, die Wittwe Hilde.swich /j/feraf saluii 
prudenter consnlenn c. 35. Die zuletzt angeführte Charakteristik ist freilich der Uikunde 
im Osnali. U.-B. I. 187 Nr. 215 entlehnt, ahm- diese hat gewiss Norbert verfasst. 

' Geschichts(i. * 11. 30. 31. 

- A. a. 0. II. 81 Anm. I. 

^ 111. 2 S. 97 der Schulausgabe. 

" III. 61 S. 139. 

■ 111. 64 S. 143. 

" Icli billige durchaus Philh'i>i"s Aufforderung 780 Anui. 5: -Man vergleiche 
jedoch, wie Adam von Bremen i'iber Adalliei't urtheilt" ; ich mnchte nur wissen, ob 
er es sellist aethan hat. 



148 Gesainmtsitzung vom T.Februar. — Mittlieiluiig vom 17. Januar. 

Aber die Ubjectivität Adam'.s ist nucli eine andere, als die des 
»Fälschers«. Jener i.st objectiv bloss der Wahrheit wegen, dieser aus 
einem ganz bestimmten Zwecke: ich habe ihn selion in der Einleitung 
berührt: da er mir am Wenigsten ein Zeichen humanistischen Fort- 
sclirittes zu sein seheint, muss ich mich hier genauer mit ihm be- 
.scliäüigen. V^'ie der Verfasser sagt, hat Benno oft mit ihm geselierzt, 
»nach seinem Tode erwarte er von ihm täglich ein -Frühstück « : dar- 
unter habe er ein Gebet für sein Seelenheil verstanden. Benno aber 
habe der Fürbitten bedurft. Damit man nun nicht müde werde, »mit 
allen Kräften die göttliche Barmherzigkeit anzurufen«, schreibt der 
Iburger die Biographie Benno's. Hätte er sie nicht objectiv gclialten, 
hätte er Benno mit einer Gloriole umgeben, so würde er seinen Zweck 
völlig verfehlt haben, denn man betet zu Heiligen, nicht für Heilige. 
Das erklärt er selbst c.io: »Wenn seine Thaten jeder Unvollkommen- 
lieit entbelirten, dann brauchten wir Niemanden um den Segen des 
Gebetes für ilm zu bitten: wir hätten nur die allgemeine Willfäiirig- 
keit anzurufen, ilim die jedem Heiligen schuldige Verehrung zu zollen«. 
Diesen Gedanken fuhrt er dann nocli weiter aus. Am Schlüsse des 
Werkes wiederholt er seine Ermahnung: zum Gebete für Benno ein- 
zuladen, sei die ganze Absicht seiner Schrift gewesen: er erinnert 
daran, dass Benno nicht selten das Volk aufgefordert habe, für ilin 
zu beten. Die Objectivität ist also nur die nothwendige Folge der 
leitenden Tendenz, und die Tendenz ist wahrlich kein Product des 
Humanismus. 

Den Humanisten verrathe auch, wie Piulippi 783 behauptet, eine 
Bemerkung über Wun<ler. Nachdem der Autor einige erzählt hat, 
fahrt er c. 31 fort, andere lasse er bei Seite, damit sie nicht als ab- 
geschmackt luid erdichtet angesehen würden. Also muss ein mittel- 
alterlicher Gescliichtschreiber jeden Klatsch, dass Unglaubliches .sich 
ereignet habe, kritiklos auf die Nachwelt bringen! ' Aber lehnt niclit 
schon Widukind von Korvcy es ab, für die Vision eines Klausners 
die Gewähr zu übernehmen, die ganze Geschichte als fi-omme Sage 
bezeichnend? Ist er nicht über die "\^'uu(ler des Slaven Wenzel hin- 
weggegangen, weil er sie nicht zu erweisen vermochte?" Ebenso 
sa.gt Anselm in seinen »'i'Iiatcn der Bisciiöfe von Lütlicli«'', er wolle 
gewisse Wunder nicht unter die Leute tragen: in Treue über sie zu 
berichten, möge Späteren vorbehalten bl(Mben. Das heisst doch, ihm 



' B. Lasch, I)a,s ErwaclicM uiul die Kiitwicki'luMi;- der liist. Kritik im Mitli'laltei', 
schrieb S. 117— 121 über das "N'crliältiiiss der Autoien zu Wuiidereizälduugen • . Ihm 
habe ich mich augesciilossen. 

^ ^'ergi. KoEPKE, Widukind von Ivorvey 72. 73. 

ä II. 35 M. G. SS. VII. 209. 



Scheffer -Boichorst: Noi-bert's Vita Bennonis. 149 

fehle der Beweis für die Wahrheit. Siegbert von (xembloiix aber ist 
aufgeklärt genug, die Tugend liöher zu schätzen als das Wunder^ 
— ein Urtheil, ähnlicli dem unseres Biographen, wenn er in der 
Vorrede sieli tröstet: «Wunder und Zeiclien liabe Benno nielit gewirkt; 
wer indess eines guten Lebenswandels sieh befleissigen wolle, dem 
könne man die meisten seiner Thaten zum Beispiel empfehlen«.^ 

Erst recht soll der Humanist in c. 9 zu Tage treten. Denn Äusse- 
rungen über die Fasten, wie sie hier sich finden, würde man im Mittel- 
alter vergeblich suchen. Benno selbst pflegte fleissig zu fasten und 
dazu auch Andere anzuhalten. Wenn jedoch ein Grund zum Dispens 
A'orlag, ertheilte er ihn gern, nur musste der Befreite zahlen; je reicher 
er war, desto melir: dann »gab Benno AUes einem Ai-men, damit er 
sich Kleider kaufe«, und scherzend fügte er hinzu, »dass es Gott an- 
genehmer sei, wenn ein Nackter bekleidet würde, als wenn Jemand 
den ganzen Tag mit leerem Magen umherlaufe«. Der Bibelkundige 
sieht sofort, dass Benno im Grunde nur einer Weisimg des Jesaia 
entspricht. Wo der Prophet vom wahren Fasten redet, lelirt er durch- 
aus human . aber darum nicht erst humanistisch , die rechte Art sei 
keineswegs, dass ein Mensch seinem Leibe des Tages übel thue; viel- 
mehr: «Das ist ein Fasten, das ich erwähle: Brich dem Hungrigen 
dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in das Haus: wenn du 
einen nackend siebest, dann kleide ihn, und entziehe dich nicht von 
deinem Fleische.«^ Diese Weisheit liatte Benno beherzigt: ihr war vor 
Kurzem auch einer seiner Amtsbrüder gefolgt: die Gläubigen verehrten 
ihn jetzt schon als den hl. Bardo. Dass er sich mit Fasten bemüht 
hätte, bemerkt sein Fulder Biograph, habe man nie gehört, nkl forte 
hoc ieiunium ieiunavit, quod divinum iudicium magis probavil, und nun 
werden die schon angeführten Verse des Jesaia mitgetheilt.^ 

Auch ein einzelnes Wort hat Philippi. einem Bedenken Wilmans' 
folgend, für- den humanistischen Ursprung angeführt. Benno sei, heisst 
es c. 3, studentium more vagatns. Nun bedeutet studere ohne weiteren 
Zusatz auch schon im Alt erthum »sich der Wissenschaften befleissigen«, 
indess studens begegnet doch nicht schlechtweg als Student.^ Und 
auch den ersten Jahrliunderten des Mittelalters scheint die Bezeich- 



' Vita Wicbeiti c. 17 M. G. SS. VIII. 515. 

^ Weshalb damals die Wunder in Misscredit gekommen waren, und zwar bis 
VAX dem Grade, dass man auch angeblich gut beglaubigten kein Vertrauen mehr schenkte, 
hat Wolfhere, der ältere Zeitgenosse Norbert's, in der Vita Godehardi poster. c. 34 
M. G. S.S. XI. 216 ausführlich begründet. 

ä LVIII. 6-7. 

* Jaffk, Bibl. rer. Germ. III. 55. 

' "Bei Quintil. I. 2, i ist zu studentem aus dem Vorausgehenden piirriim zu er- 
gänzen... .So Hr. Dr. W. Witte. 



150 GesaiiiiiitsiUuii^ vom 7. Febiuiir. — Mitllieiliing vom 1 7. .lanuai'. 

miiis;- noch fremd n'ewcscn zu sein, m;in sag'te scholares.^ »Student» 
beginnt erst im i 3. Jalirliundert liäufiger zu werden'', aber weni,u:stens 
einmal lässt sich studens als Student aucli im i i . Jahrhundert nach- 
weisen, und zwar schon in den Jugendjahren Bennos. Dabei ist von be- 
sonderer Wichtigkeit, dass ein Zögling derselben Scluüe, an der Benno 
bald darauf sein Lehrtalent entfaltete, von Studenten redet. Ein Ilildes- 
lieimer kann sich nicht genug wundern, dass ein früherer Commili- 
tone, der dann Ritter geworden ist, der nun wieder Sehnsucht nach 
den Büchern empfindet, in has nostri, studentiur»., mkerias zurückfallen 
Avill.^ Das schreibt also ein Hildesheimer Schüler; — wurde durcli den 
ehemaligen Hildesheimer Lehrer, der als Bischof von Osnaljrück gern 
und lange auf der Iburg weilte, »Student« in den AN'ortschatz seiner 
dortigen Mönche eingebürgertV 

Zuletzt meint Puilippi: Bei den Iidialtsangaben von Urkunden 
auch den Ausstellungsort, die Zeugen und die Besiegelung zu ver- 
merken, sei dem kritisclien Sinne der humanistischen Zeit gemäss, 
»nicht aber der naiven, die Hauptsache betonenden Gepflogenheit des 
Mittelalters«. Zeugen hal)e ich in den mitgetheilten Urkundenauszügen 
überhaupt nicht gefunden: des Siegels wird zwei Mal. c. 22. 37, des 
Ausstellungsortes drei Mal gedacht, c. 17. 22. 35.* Von Siegeln spricht 
auch der Annalist desselljen Klosters ^ in dem die Vita entstanden 
ist: nach Piin.irpi 771 schriel) er etwa im Jahre 1090. Wie man sieht: 
wenn der »Fälscher« liumanistisch verfuhr, so nicht minder der Annalist. 
der nach Philippi doch ein Zeitgenosse Benno's war. Was dann die Anfüh- 
rung des Ortes betrifft, so empfehle ich eine Leetüre etwa nur der Regesten, 
die in c. 9. 10. 15. 21 der Vita Meinwerci enthalten sin<l, und alle Ein- 
rede muss verstummen." 

VII. 

Andere Fehler sollen, wenn sie nicht gerade auf einen Hiuua- 
nisten deuten, docli auch gegen den Zeitgenossen spreclien. 

Die Tendenz der Vita geht nacli Philippi 783 dahin, den Leser 
glauben zu machen, lu'sj^rünglich sei der ganze Berg dem Kloster ge- 

' Die Bp/.eichniing findet sich auch in der Vita c. 4. 5. 

" Dass das Wort erst von den Humanisten eingeführt sei, ist eine nanz verkehrte 
Behaujjtung. 1227 spricht Ilonorius 111. de .studio et .stndentibn.i liommie. K])ist. pontif. ed. 
RoDENHERO 1. 247. Vergl. auch Boncompaonus, Rhetorica novissima in Bilil. iurid. med. 
aevi 252, Rhetorica anticpia hei St:riER. Aus Leben und Schriften des Magister Buoii- 
compagno 97. Ich verdanke die Nachweise den HH. E. Sei kf.l luid F. Fehling. 

^ SuDEN'DOHF, Rcgistrum 111. 4 Nr. 2. Auf diese Steile hatte übrigens schon Hauck, 
Kirchengeschiehte Deutschlands 111. 932 .\tun. i verwiesen. Vgl. aucii den Naclitrag S. 162. 

* A'ergh liier/.u aber H. 157 iV. 

'' Annal. Iburg. M. G. SS^, XVI. 437. 

" Zeit. Ort. Zeugen aucii in den viel älteren Ann;il. Uihh'sbeim. ed.AV.vnz 44.45. 



Scheffer-Boiciiorst: Norbert's Vita Bennonis. lol 

schenkt, die Bischöfe hätten erst durcli eine allmähliche Erweiterun.s;- 
ihres Schlosses Boden gewonnen. Und S. 781 versichert er, aus keinem 
anderen Grunde sei auch der Bau der bischöflichen Burg ■\"erschwiegen 
worden. Wie ich nun schon vorhin gezeigt Iiabe, wissen die Urkunden 
der Zeit nur von einer klösterlichen Burg.' Was aber die Tendenz 
betrifft, so habe ich mich vergebens bemüht, deren Spuren zu ent- 
decken." Vielmehr ist die Ansicht des Verfassers, dass der ganze Berg 
dem Bischöfe gehöre. Benno's Vogt umgeht den Berg, c. 19, lotumque 
spaUurn^ quod hoc ambitu designaverat, ipse proprio iurans manu episcopo 
presentl suisque successoribus aeterna possessione firmavit. Man sollte 
meinen, es wäre so geblieben, denn nirgends wird erzählt, das Kloster 
sei an die Stelle des Bischofs getreten. Im Gegentheil — f- 37 erfahren 
wir durch die Urkunde, die alle Besitzungen aufzählt, dass Benno »das 
Vorwerk hier bei der Burg«, also bei dem Kloster, dem hl. Clemens ge- 
sclienkt habe. Das heisst doch: nicht den ganzen Berg: der "Fälscher« 
würde, indem er die Urkunde aufnahm, seinen angebliclien Zweck 
völlig ausser Acht gelassen haben.' Gut. dass ich meinestheils die 
Absicht in keinem Worte merke und daher auch Philippi's Verstim- 
mung nicht theilen kann. 

«Der Schreiber der Vita«, sagt Philippi S. 781, »hat keine Vor- 
stellung mehr, wie der Iburger Berg zu Benno's Zeiten ausgesehen haben 
muss.« Nach ihm sei er bewohnt gewesen, noch ehe das Kloster* ge- 
gründet war! Forstleute, Baumsehlägcr, Holzhacker, Köhler, Schweine- 
züchter haben in dem weiten Waldgebiete gewiss nicht gefehlt. Das 
sind die halntantcs des 16. Capitels: dabei kann aber der Bericht 
des 19. sehr wohl bestehen: succlsis si/h-is et arbustls ei'utis (montem) 
hab'dahllem fecd. Eine Gapelle habe sich auf ilmi befunden, und 
darin sei einige Male im Jahre Messe gelesen worden! AVeshalb aucli 
nicht? S. ApoUinare in Classe liegt heute in völliger Verlassenheit, und 



' Vergl. S. 143. 144. 

^ Früher liatte der ganze Berg dem Stii't gehört. Dieses erhielt dafür von Benno 
das ganze Gut Bohinte. Kann nun bei dem Tausche, den Benno allerdings zum Zwecke 
der Klostergründung in die Wege geleitet hatte, der Stifter nicht einen Theil des ihm ab- 
getretenen Berges für sich und seine Nachfolger zurückbehalten haben:' Das wollte dem 
Abte M. Rost nicht einleuchten; und ihm stimmten die Neueren zu. Osnab. Gq. 111. 4. 5. 

^ Wenn die Urkunde später eingeschoben ist — vergl. S. 157 — , so geschah 
es doch durch den »Fälscher«. Oder sollen wir einen von ihm noch verschiedenen 
Interpolator annehmen i" 

* 1581 erstrebte das Kloster, nt praetensum iu.i priucipi.'i in amßnia monasferii den 
Hagen extingim-etvr. Zu dem Zwecke, meint Philippi 784. sei das Werk gefälscht; denn 
-es hätte für das Kloster von grosser Wichtigkeit sein müssen, in der Vita seines 
Stifters eine allgemeine Anerkennung seiner Ansprüche beibringen zu können». Dann 
vpürde der -Fälscher« doch mit einem bestimmten Worte, Benno"s Grossinuth preisend, 
der Welt verkündigt haben: »Er hat uns den ganzen Berg geschenkt-. Ferner würde 
er die Urkunde c. 37. über die ich handelte, nicht eingeschoben, sondern getilgt haben. 



152 Ge.sanmtsitzuiig vom 7. Fcbninr. — Mittheilunp; vom 17. Januar. 

beim Hain der Ef^eiia iiiidct sic-li ii('l)eii der Kirche des hl. Urban 
nicht einmal ein Bauernliaus. Dass in der Ihuri'er Capelle so selten 
<ler GottesdJK'nfst ii'eleiert wurde, zeu.ü,'t eben für die ausserordentliche 
Sjiärlichkeit der Bewolnicr. Ein biscliölliclier Beamter liabe auf dem 
Berge gewohnt! Piiilippi hat offenbar vergessen, dass Witte 269 das- 
selbe erzählt, und dessen Bericht füjirt ja auch Philippi auf eine zeit- 
genössische Quelle zurück. Wie wir sclion Iiörten, besteht nur der 
Unterschied, dass der Vertreter des Bischofs bei Witte cilUcus, in der 
Vita c. ig praefeetus heisst.' Ganz besonders verhängnissvoll soll dem 
»Fälsclier« aber die Erwähnun.i;- zerfallener Bur^mannsliäuscr gewor- 
den sein."' Denn die Auflösung der Ibur^er Buriinuinnschaft sei erst 
im 16. Jalirhundert vollzogen; vor dem 15. könne also niclit A'on zer- 
fallenen Bnriiinannshäusern die Rede sein. AOii solchen spricht der 
Autor aber auch yar nicht; vielmehr von zerstörten: sie sind zu- 
liieich mit der alten Burg durch Karl den Grossen gestürzt worden.^ 
Darüber lässt der Zusammenhang des 16. Capitels keinen Zweifel.'' 

Unverzeihlich rindet Piiilippi S. 780. dass Benno als Reformator 
der Hildesheimer Schule ,i>e])riesen wird, c. 5. Sclion Bischof Gode- 
hard, 102 2 -1038. liabe sie zu hoher Blüthe gebracht. Gewiss. Aber 
kann .später nicht ein Verfall eingetreten sein? Die Studien blühen 
ebenso langsam empor, wie sie sclinell daliin welken. Und dem ge- 
lehrten Godehard war nun ein un,t;elehrter Däne gefolgt. Im Vcrkelir 

' S. 138 Anm. 4. Ebendort zeigte ich auch, dass äe.vT'\ic\ praffectiia, den Philippi 
795 gegen die Echtheit verwerthet, durchaus den \'erliältnissen ent.spriclit. 

^ In demselben Zusammenhang bemerkt Philippi .S. 782 Anm. i : Er wolle nur 
im Vorbeigehen erwähnen, dass die Marchiotae. die nach c. 18 dem Bischöfe Aijgaben 
entrichteten, als solche dazu iiberhau[)t nicht vei'pilichtet waren. Ich entbehre den 
Beleg; ich weiss für diese Zeiten nur, dass Bischof Thietmar, 1003— 1023, das Stift 
St. Johann ermächtigte, in der Mark Engtei- imd Venne Bauholz zu schlagen — 
Osnab. U.-B. I. 220 Nr. 274 — , dass die Märker von Oesede 11 18 dem Kloster Iburg 
gewisse Befugnisse einräumten consendeiitibu.s primum riomhio Gorlf.ica/co Osnahurgensi 
episcopn etc. Osnab. U.-B. I. 195 Nr. 230. Sollten den Rechten des Bischofs gar keine 
Verpflichtungen der Märker entsprochen haben:' Noch möchte ich darauf hinweisen, 
dass in der Urkunde von iri8 und in der \'ita c. 18 die Märker als marchiotae be- 
zeichnet werden: sonst finde ich diese Form nicht. Den Markgenossen würde marke- 
noti, marchmoti entsprechen. 

' Sollte man zur Zeit KarFs des Grossen keine eigenen Burgmannshäuser gekannt 
haben, so wird dadurch natürlich nichts geändert. Norbert's Iburger hielten die 
Ruinen eben für Reste burgmännischer Einzelwobnungen . die ihnen für das 8. Jahr- 
hundert geradeso selbstverständlich erschienen, wie sie für das ihrige waren. 

■* Viel eher könnte man an dem Worte hurgmannl Anstoss nehmen. Nach Waitz, 
Verfa.ssungsgesch. VIII. 207 Anm. 3, findet es sich c. 16 und 18 zum ersten Male; offen- 
bar kannte ei' auch keinen Beleg für die zunächst folgende Zeit, .\lier wenn hiirtf- 
tfrachm in Gebrauch war ■ — vergl. Waitz, a. a. t ). \'ll. 41 Anm. 3 — . dann wird man 
nicht niindei' burijtnaiiniis gesagt haben. Ich bemerke noch, dass Norbert in einer 
Urkunde von i 1 10 die Biirgmaniieu -urhis nistodes nennt. (Philippi, Osnal). IT. -B. I. 
193 Nr. 225). 



Scheffer -Boichoüst: Norbei't's Vita Bennonis. 153 

konnte Tliietm;ir"s Freundlichkeit ersetzen, was ilim an tieferer Wissen- 
schaft fehlte ' , nicht den Studien gegenüber. Wie schon Wattenbach 
bemerkte", niöclite es kein Zufall sein, dass sehr bald nach seinem Re- 
gierungsantritt die Ilildesheimer Jalirbüclier verstummen.' Im zweiten 
Jahre Biscliof Azelin's. 1044-1054, wurden dann Stadt und Dom ein 
Raub der Flammen: unter Trümmern wird die Wissenschaft aber nie 
gedeihen. Bis dahin hatten die Geistlichen in mönchischer Zucht gelebt; 
sie ward gelockert, imd in ihr erblickte man doch die Ursache für 
den früh(>r so erfolgreichen Schulunterriclit.* Die Klage über den 
Rückgang ist niclit ausgeblieben.'' So war für einen Reformator genug 
zu thiui. Freilich mag Norbert die Verdienste Benno's übertreiben: 
vor ihm seien die Kleriker in einer »gewissen Bäuerlichkeit aufge- 
wachsen« . und er zuerst habe Hildesheim erleuchtet.'' 

Der Biograpli hat die »berühmte Brixener Synode«, während deren 
Benno sich in einem Schlupfwinkel versteckt hielt, um nicht gegen 
Gregor VII. stimmen zu bravichen. »nacli Pa via verlegt«. Das sei um 
.so bedenklicher, als die falsche Angabe sicli bei Ertmann wiederfinde. 
Aber ich meine zur Genüge erwiesen zu haben, dass dessen Chronik 
in der Vita Bennonis gar nicht benutzt ist. Den Fehler verschuldet 
<ler Autor selbst. Wie ist er dazu gekommen? Die Antwort wird be- 
ruhigend wirken. Eine der Synoden, deren Mitglieder den Papst ver- 
urtheilten, wurde zu Pavia gehalten.^ Dalier die Verwechselung. Es 
ist ganz älmlich. wenn Donizo von Canossa und Paul von Bernried, 
Zeitgenossen Norbert's, einmal statt Piacenza's, wo die versammel- 
ten Bischöfe auch über Gregor den Stab brachen, ebenfalls Pavia 
schrieben.*' 



' — .s( quid ei ]irofiindio}-is literalls scientiae defiiit. X'ita Godehardi poster. c. 2ii- 
M. G. SS. XII. 215. 

" Geschichtsq.* II. 27. 

' In den Gescliichtsq. a. a. 0. ist 1040 statt 1043 /.u lesen. 

* Fiindatio eccl. Hildenesemens. ed. A. Bertram, Hildeslieims Doingnift 14. Da- 
nach Aiinal. Saxo M. G. SS. VI. 686. 

^ In den Mittheilungen des Historischen \'eieins zu Osnabrück IX. 39 Anni. 
sagt Th YEN sehr i-ichtig: 'Der Annalista Saxo schildert die Zeit des Verfalles, Norbert 
aber die darauf folgende Erhebung nnd Neubeleliung". 

' Das hätte erst recht ein Autor, »der objectiv zu schreiben sich bemüiit«, nicht 
vorbringen können. Ein eigenes Urtheil dürfen wir hier, wo es sich um sächsische 
Verhältnisse der 40er Jahre handelt, bei dem viel später schreibenden , erst 1084 nach 
Westfalen gekommenen Brabanter schwerlich annehmen; und wenn nun sein Gewährs- 
mann übertrieben hat, wie konnte er dann das richtige Maass herstellen:' Im Übrigen 
verkennt Phii.ii>i>i ganz, die Art von Norbert's Objectivität: er will seinen Bischof nicht 
zum Heiligen machen, denn sonst würde man aufhören, für ihn zu beten. Ob 
Beimo's Verdienste um die Ililde.sheimer Studien in lauteren oder leiseren Tönen ge- 
priesen wurden, war dafür ganz gleichgültig (vei-gl. S. 148). 

' Vergl. Meyer von Knonao, Heinrich I\'. II. 676 Anni. 90. 

" \"ergl. Meyer, a. a. 0. 631 Anm. 24. 

Sit/.uiiiislii'nchte 1901. 13 



1;j4 UL'.s:iiuiiil>il/.mig vom 7. Februar. — Mittliciliiiii; mhu 17. .l.-iiiiiar. 

Die chronulo|nisclie Anordnuiiij' macht allenlLii,i4.s Schwierigkeit. 
Das i;llt voi- Allem von zwei Ereignissen aus Benno's Jugend. Wann 
hat er zu den Füssen Hermann's des Lahmen gesessen? Wann ist 
er mit einem Strassburger Bischoi' in's lieilige Land gezogen? Aber 
icli finde doch nicht, dass die Schwierigkeiten uulösl)ar sind. Um 
1020 geboren, hatte Benno als Knabe in Strassburg die Elemente der 
Wissenschaft gelernt. Wenn er sich darauf, »fast schon in das Jüng- 
lingsalter eingetreten«, also etwa im i 7. Leben.sjahr, nach der Reichenau 
begab, dann hatte Hermann, der 1013 geboren Mar, allerdings erst 
das 24. oder 25. Jahr erreicht. Doeli weshalb sollte der später hoeh- 
berülimte Mann nicht schon um 1037 oder 1038 eine starke Anregung 
ausgeübt haben? Schüler von allen »Seiten hat er schwerlich schon 
angezogen', doch mochte der Ruf seiner Tüchtigkeit in Schwaben und 
Elsass verbreitet sein, und überdiess lag ja für den Schw^aben, der Benno 
war, der Besuch des damaligen Tübingen ausserordentlich nahe. Nach 
der Reichenauer bezog er andere Schulen, endlich folgte die Reise in"s 
lieilige Land, die er mit dem ungenannten Strassburger Bischof imter- 
nahm. Nun war Bischof Werner im Jahre 1027 von Konrad IL zum 
griechischen Kaiser gesandt; er wollte auch nach Jerusalem ])ilgern. 
aber schon in Konstantinopel ereilte ihn der Tod. Nimmt man mit 
PiirLiFPi an, diesen Werner habe Benno begleitet, so müsste die Reise. 
gegen die Vita, dem Aufenthalt in der Reichenau vorausgegangen sein, 
und mehr Kind als Knabe hätte Benno die weite Fahrt angetreten. 
Aber nichts zwingt, au Bischof Werner festzuhalten: es ist doch auch 
wahrscheinlicher, dass seine verwaisten Begleiter von Konstantinopel 
aus sogleich den Rückweg antraten. Recht gut kann der Nachfolger, 
Wilhelm, der erst 1047 gestorben ist, die Absicht seines Vorgängers 
zur Ausfühnmg gebracht haben. ^ Wie auch immer — giebt es wohl 
ein mittelalterliches Geschichtswerk von dem Umfange iniserer Bio- 
graphie, das nicht A^eranlassung zur Controverse bietet? 

Die grösste Mülie hat den Forschem von jeher die Chronologie 
des 24. Capitels verursaclit.'' Das 23. erzählt den Tod Rudolf"s von 
Rheinfelden, dns 25. die Wnld Hermann"s von Salm. Der Iidialt 
des 24. würde also zwisclicn den Ortol>er 1080 tuid den August 1081 
gehören. 



' Das meint TiiYKN. a. .'i. O. 25. Im lliri^i'n Uanii ieli "air/. seinen .\usfiiln-iinü;en 
heipllichten. 

" Aiieli liier nmss icii den fnleisiu-linngen Tmykn's. a. a. O. 28fl"., zustimmen. 
Wesliall) Phii.U'Im, a.a.O. 780, die alte .\nnalnne testiiält. ist nieiit ab/uselien. Watifn- 
DAcii. G(i. '' II. 26. liat sieh Thykn anf>'eselil()ssen. 

^ Vergl.WiLMANS M. ü. SS. XII. 74. .\mn.77; II. IIaim.mann in den Miltlirilunsei) 
des llist. \'ereins zu Osnalirüek \III. 274. Amn. i : L. Tiiven ebendort IX. 201, .\nni. i; 
Pmi.ippi, a. a. O. 78off. 



S( iiEFi ER-BoiciioRsr: Noibert's Vita Bennonis. 155 

Als Rudolf gefallen war, als das »ganze Sacliseiiland, tief ge- 
deinülliigt, den anfänglichen Trotz abgelegt hatte«, «nahm un.ser Bischof, 
nach Hause zurückgekehrt, sein früheres Gelöhniss«, auf der Iburg ein 
Kloster zu bauen, »mit grossem Eifer wieder auf«. Zunächst »setzte 
er alle Kräfte daran, die Mauern der Kirche zu errichten«. Aber 
nochmals trat eine Verzögerung ein; nun l)elahl er, wenigstens »den 
Chor möglichst schnell zu vollenden und dann nach und nach den 
anderen Theil des Tempels vorzunehmen. Da der Chor fertig war, 
weihte er den Altar«. Es folgt eine Urkunde, und ein eben in ilir ent- 
haltenes Jahresdatum, das durcli Hinzufügung der Indiction gesichert 
ist, soll die ganze Chronologie Lügen strafen, denn danach ist die 
Basilica 1070 eingeweilit worden, also aucli vollendet gewesen. Zu 
allem Ül)ertluss versichert der Autor c. 41, dass der Tempel selbst 
noch 1088 des vor Regen schützenden Daclies entbehrte, so nochmals 
die Zeitbestimmung der Urkunde verachtend. Diese Erwägung l)edeutet 
Vernichtung — wofern Kirche vmd Tempel einer-, Basilica andererseits 
nicht ganz verschiedene Bauten waren, Avofern ein Interpolator die 
Weihe des Altars in Kirche oder Tempel niclit mit der Weihe der 
Basilica ebenso willkürlicli wie ungeschickt verbunden hat. 

Am Clemenstage 1068 wurde Benno zum Bischof ernannt: da ver- 
spracli er nach c. 13, dem hl. Clemens einen Altar errichten und ein- 
weihen zu wollen; nach c. 19 that er noch mehr: auf der llnu-g baute 
er zu Eliren des hl. Clemens eine kleine hölzerne Capelle, natürlich als 
Schutz des darin aufgestellten Altars', und aus den erworbenen Gütern — 
schliesst der Verfasser — gelobte unser Bischof, eine Abtei für den 
Orden des hl. Benedict zu gründen. 

Diese Capelle ist die Basilica, die Benno im Jalire 1070, wie 
es in der Urkunde hcisst", zu Ehren des hl. Clemens weihte.^ Capelle 



' c. 13. — qii<:(l in eins (■(miiiicmorationis honore (sc. s. Cli-mentis), in episcopaiu (kgens, 
altare construere et cousecrare deheret. — c. 19. capellwn ligiicam in hoiioTem s. Cleinentis stru.nt, 
Dass im zweiten Satze die Ausführung des im ersten enthaltenen Gelöbnisses angedeutet 
wird, kann doch nicht zweilVlhai't sein, wenn es auch mit keinem ausdrücklichen Worte 
gesagt ist. So auch Thven, Mittheilungen des llist. Vereins zu Osnabrück IX. 71. 

^ Sie enthält ein Relii(uienverzeiciini.ss, dem das Datum der Weihe vorausgeht. Ihr 
eigenes Datum wird nicht angegeben, doch ist es gewiss ungelaiir das der Weihe. Dafür 
sch'eint mir di'r l)unte Wechsel von ae und e zu sprechen; schon bald darauf wiid im 
Osnabrückischen e vor- und dann alleinherrschend. Wie ich noch bemerken will, wurde 
das Kloster 1106 beschenkt msta una et alio ossindn snnvtonim Crispini et Crispiniani. 
Osnab. U.-B. 1. 193 Nr. 225. In unserem Verzeichniss heisst es nur de vestimento 
sancti Petri etc., üri.'ipini et Crispiniani etc., de costa sanctl Pancratii etc., de corpore sancti 
Sy.rti etc., de capiUis .lancti Nicolai etc. Wenn ich nicht ine, hatte man zur Zeit 
überhaupt noch keine grösseren Ileiligthümer, sondern nur Partikelchen; der Genitiv 
Cri-spini et Cri.'<j»niani ist mit de ve.stimento zu ^■el■bindell. 

' Von der Capelle des lil. Clemens ist meines Wi.ssens nur in der Vita die 
Rede, c. 19. 23. Sie wurde beseitigt; die Reliquien legte man mit dem Verzeichniss, 

13* 



l.)l) (io.-iiniiilMl/.iiui; vom 7. Keliniar. — .Milllii-iluii.n mihi 1 7. ,l;iiiii;ir. 

und l^;isilica für (l('ii.s('ll)on Bau zu halten, strjiuht sic-li der nioderuc 
i\l('nscli wohl mu' dcsliall). weil Basilica ihm als der melirsehiffiye Dom 
orsclieint. aher im Äliltelalter sind ancli ('a])elleü mit dem uns so voll- 
tönenden Namen he/eiclmet worden.' 

Treil'eii nieiiu' Ausluhnuigen das Kiditige. dann werden die An- 
ijahen Noi-liert's. wann die Kirelie oder der Tempel beti'onnen. 
waiui der Altar in dem Chore d(>r Kirche oder des Tempels ein- 
geweiht ist, durch die Urkunde keineswegs widerlegt. Mau muss ihr 
nur einen anderen Platz anweisen, man miiss sie nur aus ihrer jetzigen 
Verbindung lösen. Die ialsche Beziehung aber, in d(M" sie bisher er- 
.schien, möchte ich nicht dem Autor zur Last legen. So köinite der 
Zeitgenosse Norbert doch nur in einem IMomente völliger Abs])auiHmg 
gesellrieben haben — lieber wird man eine Interpolation annehmen: 
ein Späterer fügte die Urkunde ohne jede Ul^erlegung hinzu iu)d ver- 
web sie in vni])assendster ^^'eise mit dem Texte der Vita." 



wciriilier die voiaiisgcliende Anmei'kiuip; liaiulclt. in di'ji Altar der Khistrikirche 
nieder. 

' Nacli Capit. re'^. Franr. ed. Borkiiis et Kraisk II. 8i Nr. 210 iiatten Edle und 
Mächtigein der Mitte des 9. .)ahrliundert.s ituta cloiiios ,sua.'< bnailicas , in rpiibiis diriniim 
audientes (tfßchtm ad maiares ecdesias rarius venire cortsiieverunt. In Eiidiaidi ep.70 M. O. 
Ep. Karol. III. 144 iieis.st die capelkt in villa Lensi auch basilica. Ludwig- der Deut.sche 
überweist dein Kloster Korvey cellidam Fischlmeki cum basiliciSy dmnibna etc. Osnah. 
U.-B. 1.24 Nr. 37. In den Jahren 968 — 978 findet sich zu Essen im Osnahrückischen 
eine basilica mit nur Einem Piiester, Osnab. U.-B. I. 84 Nr. 106, und die basilica auf 
dem Heiligenberg bei Höxter, die 1079 der .\bt von Korvey ausstattete, hatte eben- 
falls nur Einen Priester, wenn auch andere »Gottesdiener« dort erwartet vvuiden. 
WiLMANS. Additanieuta zum Westf. U.-B. 21 Nr. 21. Nach Nordhokf, Kunst- und 
G<!scliichtsdenkmaler Westfah^ns II . 56 hiess das Gotteshaus /.u Beelen um 910 basilica. 
1146 capi'lla, noch 1498 gehörten dazu nicht mehr als 293 Communicanten. Hr. Hoi.dkr- 
EoGER bclrliite mich gütigst, dass Helwig von Erfurt 1266 von einer ba-vlica s. Marie 
redet: ihm folgte später Nicolaus von Siegen , aber statt basilica .sagte er: eccle.tia .'■ire 
capella in ninliitii inontistirii. Mon. Ei'phesfurt. 421 cf. 422 Anm. l. Die ebendort S. 424 
erwähnte basilica intcr inferiores turrcs war, wie derselbe Gelehrte meint, gewiss nur 
eine kleine Capelle. 

" C. 24 — chonim qtiam relocissime iubet perßci et paidativi (dinin templi partem 
urget absolvi. Perfecto itaqiie utciimqiie choro altare — con.secrat niidfisipie imposi/i.i reti- 
(piiis sanctißcat. Jlvius cnnsecrnfitmis tenorem et sacroTum ossmm catalogum altari imposi- 
tum proprmn; "Anno dominicae incarnatinnis 1070 — hdiae rnrginis^i. c. 25. Sed hoc 
Herum noca Saxonmn tumultiiatione differtur. Offenbar «ürde Sed hoc am besten unmittel- 
bar an urget absolvi anschliessen. Man könnte geneigt sein, .Mies von Perfecto itaqve 
bis Iiiliae virginis auszuscheiden. Übei-dies ist relifpiiis sanctißcat ein v<u-k<>nunender, 
doch seltener Schluss. Danach wäre von der Einweihung gar keine Kede gewesen. 
Jedenfalls sind mit der Urkunde auch die einleitenden Worte: Jhiiv.t consecrationis 
tenorem etc. zu streichen. 



Scheffer- Boichorst: Norbeil'.s Vita Bennoiiis. 15/ 

VIII. 

Njicli einer Be.stätiijiing für die vorgetragene Vermiitliung suchend, 
vergleiclit man natürlicli die beiden anderen Capitel, worin Urkunden 
mitgetlieilt sind, i*. 33. 37." In allen dreien muss nun einem Jeden, der 
das Werk bedachtsam liest, der Singular der ersten Person auffallen. 
Sonst findet man nur den Plural", hier aber hnposltum prnponn c. 24', 
tenorem subiclo c. 33, copixim ascrihere oolul c. 37. Ist es Zufall oder führ- 
ten verscliiedene Autoren die Feder? 

Da der Argwohn einmal erregt ist, müssen auch die Regesten gc- 
]irüft werden. Wie wir salien, hat sich gegen sie schon Philippi ge- 
wandt: er witterte in ihnen humanistische Art.* Seine Darlegung zertloss 
in nichts. Doch es hlei1)en andere wichtigere Bedenken, die Phiuppi 
iiiclit bcnclitct zu halten sclieint. 

Nacli c. 35 schtMikte die (^Ue Frau Hildeswich rurfr^/n in Berkr in 
pnrrnrJiin (ilanf ail inoittfiii. 3Ian sollte glauben, Benno habe sich Ver- 
dienste um die Schenkung erworben''; sie erfolgte inch'ss erst mehrere 
Jahre nach seinem Tode, 1097.'' Hatte Norbert etwa gerade damals das 
Werk unter der Feder? War er von der letzten Erwerbung so erfüllt, 
dass er nicht unterlassen konnte, seinen Lesern davon zu erzälden?' 
Aber die Ortsbestimmung: »Berler in der Pfarre Glane am Berge Iburgl« 

' ^Nlit tlen einj^elegten Urkunden und Regesten bescliäftis'te sich aiicii Hr. 
ÜREssi.AU. Er hatte die gvos.se Güte, mir seine Studie aus freien Stücken zu übei-- 
senden. Damals aber hatte ich meine Untersuchung schon niedergeschrieben; die 
Forschung des Strassbiu'ger Collegen hat keinen Einthiss auf .sie ausgeübt. Unnli- 
hängig von einander sind wir durchweg zu gleichen Ergebnissen gehnngt; nur in der 
Beurtheihmg und Verwertluing des soelien besprochenen Kelicjuienverzeichnisses gehen 
unsere Meinungen weiter aus einander. 

" .\uch in der Umgeliung der niitgetheilten Bi-iefe c. 21. 25: rpferimus — per- 
yamus — properamvs — disivlinnis. Die erste I'erson des Singular finde ich nur noch 
in der Rede des Liudolf c. 40. In dieser leidenschaftlichen Apostroplie ist sie durch- 
aus am Platze. 

^ Diese Form des Rhythnuis konnte vcjn Winterfeld nur noch fünf Mal belegen. 

* Siehe oben S. 150. 

■• Daher denn auch die Überschrift Epi.icnpo Bennoni — Hildeswich dat bona sna in 
Berler. Aber die Titel sind insgesammt spätere Zuthaten. Das beweist auch der von c. 25: 
Civitatem Osnabritgenaem — liberamt. "Die Iburg« sollte es heissen , vergl. S. 143 .'\1un.5. 

° Osnab. U.-B. I. 187 Nr. 215. Die Urktmde ist in c. 35 wörtlich benatzt. Wenn 
sie das Siegel Benno's trägt, so iiat der .\l)t, der selbst vielleicht gar kein Siegel 
liatte. eben des bischöflichen sich bedient: bei Benno's Tode wird es auf der Iburg 
zurückgeblieben sein. Es findet sich noch an zwei anderen Urkunden, die elienfalls 
IViurg erhielt, dann aber auch an einer vierten, die nicht für das Kloster ausgestellt 
ist (Osnab. U.-B. I. 138 Nr. 157). 

' So könnte man aucii erkläien. dass von anderen Erwerbungen, die Norbert 
nach Benno's Tode gemacht hat. nicht die Rede ist. In Wahrheit wird es sich freilich 
wohl verhalten, wie Bressi.ait vermuthet: der Intei-polator wurde diuch Benno's Siegel 
verfühlt, die Urktuide in dessen Lebenslieschreibiing einzuschalten. 



I£i8 Gesiimintsit/.iiM^- \(iiii 7. riihniar. — Mittliciliinf; vom 17. .I:iiiu;ii-. 

Bcrlcr, lioute Kcnlcl, lic.u't \v<'it;il>, in <lfi- Plarrc Tcli;'!«'.' Den il(irtii;rn 
Hof (los Klosters nannte man den Bodiii^lKPl". 1241 crwarl) ihn der 
Bischof von Osna])rücl<.'' So wäi-c (Icuii liiM^rcil'licIi . wenn die Ilmruci- 
in späteren Jahrlniudcrtcn di<' La^c dicNcs ihres (Jiitcs nar nielit nielir 
gekannt, Avenn sie es mit einem anderen, in ihrem Besitze ^chhehenen 
zusammengeworfen liätten. nämlieli mit dem zu Berge, das thatsäcldicli 
in der Pfarre Glane lag. M. Rost l)ehauptete zu Ende des 17. Jalirhun- 
derts^, Hildeswich habe gesehenkt curirnii fitia/n InBcrlrrc, quaepoMiiiodioii 
Ben/a*^ nunc, Niederhof dicitur. Dieselbe Anscliauung könnte einen Arelii- 
var zur gleichen Zeit bestimmt liaben, auf die Rückseite der Urkun(h' 
von 1097 zu schreiben: Privi/.e[/iuin auf unseii Nedderen Hof tho Ginne. 
Das wäre ein Irrtlium gewesen. Aber dem Späteren diu'fte man ihn leidit 
verzeilien. imn inid inmmer dem Zeitgenossen. Die Worte: In parroeJüa 
Glane ad morde m müssten als Interi)f)lati(in unbedingt gestrichen werdeir' 

' Piiii.iin'i berichtigt im Omi;i1i. l'.-li. I. 368 und 375 x^iiic tViilicrf ( )rlsl)e,stiiii- 
mmi!;; er i;ecleiikt /.ngleicli der Urkunden von 1223 und 1241, auf die ich /.iiriick- 
kdinine. Weshalb hat er in .seinem Aufsatze nicht die Nutzanwendung gezogen:' 

■^ Unter den Besitzungen Ihnrgs, deren \'ogtei es 1223 vviedererwarb, erscheint 
doimix in Berlere. que Boding dicitur; 1241 giebt der Bi.sclioi' den Mönchen gewi.sse 
Zeiiuten pro curia ipsorum in parrnchia Teh/eth, que dicitur Bndinghqf. O.snab. U. - B. 
II. 124 Nr. 169.11. 321 Nr. 408. 

^ O.snab. G(i. III. 16. X'ergl. dazu Stüve ebendort 183 Anm. 90. 

* postmodum ist verkelut, denn schon zu Benno's Zeiten hatte das Kloster er- 
halten Berf/a in instant precariam ah Hildestnda nnhili femina. Osnab. U.-B. I. 173 
Nr. 201. Dass 1097 Ilildeswith nobilis femina cnrtem in Berlere sciienkte, war wohl ge- 
eignet, Berga und Berlere zu identificiren. 

^ Weitere Gründe gegen die Echtheit des 35. ("ajiitels wü.sste ich nicht geltend 
zu machen. Wenn es heisst: Donationem liann itixta eins hacredes Friderunes abbatinsa 
in Ilertzebrock ccmimcndabat , so liegt ofl'enbar ein \'erderl)nis.s vor: mit inxta haerede.i 
r.ommendabat kann ich keinen Sitni verbinden. Dagegen scheint mir die leichte Änderung 
iusta eivs haeres allen .Anforderungen zu genügen: -Fiidenui, die rechtmässige Erbin 
der Schenkeiin, eni|)fahl dieser die .Schenkung'. Das Motiv aber, das die Äbtissin 
zu der Enipfelihmg bestimmt habe, sei die Gleichheit ordinix et prnfes.sionis beider 
Klöster gewesen. Man hat eingewendet, damals liätte es in Deutschland nur einen 
Klosteroi'den gegeben, den der Benedictiner. Gewiss; al)er ein Publicist der Zeit erklärte 
doch: — Eibelli de lite II. 266 — in plures sectas iam diu scissus est -lingiilaris ille ordo. 
Dem entspricht, dass in Odonis riuniae. vita auctore Johanne III. 8 nicht bloss von 
einer conyregatio Floj-iacensix , sonderrj auch von einem ordo Floriacensis die Rede ist. 
Mit Bezug auf die 1112 vollzogene Keformation des Michaelsklostevs zu Bamberg — 
.schreibt mir Hr. Holder- Egger — spreche Ebbo in der \'ita Otton. Bamberg. I. 20 
vom noro II irsangiensiwn ordine. Doch ich schweife in die Kerne, derweil c. 23 der 
Lel^ensbesehreibnng Benno's si-lbst. das mir durchaus echt zu sein scheint, die gleiche 
Anschauung enthält. Benedictiner aus 8t. Pantalcon und .St. Alban. aus zwei Klöstern 
verschiedener Richtung . waren in Iburg eingezogen ; da wurde denn das Einvernehmen 
l)ald gestört rarietnte conxuetudimim et stii ntriusque ordini.s defriixione. Man sieht, \\as 

die \'(;rsehiedenheit \ ordo. womit sicii dann iintürlich eine Verschiedenheit der 

professio verband, auch in ('.35 liedeuten kann: die Mönche von Iburg, zur Zeit nicht 
mehr Albaner und I'antaleoner, sondern nach c. 27 Siegburger. bekannten sich zu 
derselben .\rt der Reform, wie die Nonnen von Herzebrock. 



ScHEFFRR-BoiciioRsr: Norbert's \'ita Bennonis. 159 

— " voraiisgosctzt, dass es nicht zwei Berler ft'ab, dass nicht in 1)ei- 
den das Kloster beg-ütert war. Der Hof zu Berler bei Telgte ging 
1241 — wie gesagt — in den Besitz des Bischofs über, der zu 
Berler liei Glane Aväre im Laufe der Zeit mit dem Berger Hofe 
zusammengewachsen und hätte nun Niederhof geheissen. Die Mög- 
lichkeit ist nicht geradezu ausgeschlossen, docli fehlen mir genügen- 
de Mittel, ilu' Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Was ich gegen Berler 
bei Telgte anführen kann, ist einmal die Tradition der Iburger, 
wonach ein Berler bei Glane gemeint war, ist dann der Umstand, 
dass die Grafschaft Amulung's. in dessen Gericht die Schenkung 
vollzogen wiu-de, wolil die Pfarre Glane, schwerlich aber die zum Bis- 
thum Münster gehörende Pfarre Telgte imifasste.' Die Regel war, 
dass vor dem Grafen, in cuius comitatu bona sita sunt, auch der Verzicht 
erfolgte. 

Der Rhytlimus zeugt nicht für Norbert's Autorschaft. Das kleine 
Capitel enthält nur vier Sätze. Bloss ein Sclduss entspricht den Regeln, 
die Noi'bert gewöhnlich befolgt: zwei werden a-ou ihm gebraucht, aber 
nicht oft: einer scheint ganz unzulässig zu sein.' 

. Viel grössere Beweiskraft hat der Rhythmus für das ly.CapiteL 
Soweit es sich darin vun Aufzählung von Gütern handelt, treten die 
sonst von Norbert bevorzugten Formen hinter seltener angewandten 
durchaus zurück : eine findet man niu- hier, zweimal', und im 35. Capitel, 
einmal. Anders verhält es sich mit den zwei ersten und letzten Sätzen, 
in denen noch nicht oder nicht mehr Schenker und Schenkungen nam- 
haft gemacht werden.* Sie sind im Stile Norbert's gehalten. Zudem 
klingen einige der Worte in Witte's Erzählung wieder^, Witte's, der 
zu einer Zeit schrieb , da das Original der Vita noch nicht verbrannt 
war. Doch macht nun das Wenige, was im 17. Capitel von Norbert 
lierzurühren scheint, neue luul grosse Schwierigkeiten. Interra sponsionis 
suae de exstruendn monasterio memor lautet der Anfang. Von einem der- 



' Vergl. iilier die Grenzen der Graf'scliaft Lindner, Die \'eine 169. 

^ inlla Sc/iierlo 1 „ 1 „; zur Noth könnte man sagen, dass Eigennamen nicht 
unter das Gesetz fielen. 

^ {Bene)(Ucto donot — Glane nff'ert. Ausserdem begegnet nur noch fucjiantur 
riamant c. 40. Doch vermuthet von WiNrERFELi) : /MC//a«ter cnnclamant (vergl. S. 164). 

■* — esse praesumcrent = II nach Winterff.i.ii's Zählung, mde off'ernntur = VI, 
extahat pervenit = I, pnssent coenobiiae = \\. 

° c. 1"]. Qnilocus Uli ante omnia complactiit, qund et materia ad acdifican- 
dum esset ahundans. Wffte 270: locus iste omnivm opnrtunitate complacuit, omnM 
generis edificandi comndissime reperta materia. In demselben Zusammenhange sagt 
WrriE: cum iam vndique fideret bella consurgere, huc se omnimnda cordis et corporis in- 
tentione contuUt; vergl. dazu: iam ingravescente rursti-s peste bellica, c. 20. — totiim se in 
hiinc vigilanti.isimvm lahnrem contidit e. 23. WiriE"s Worte a prcdecessore siio iam inchoata 
aliquanta parte mnrorum sind den Iburger Amialen entlehnt. 



160 Gesainintsit/.imj; vcmi 7. Feliruar. — Mitllieiliiiig vom 17. Jatiiiai'. 

artigen Gelöbniss wnv bis daliin gar iiiclil die Rr-dc.' Benno verspricht 
erst im 19. Capitol. eine Abtei zu gründen. VioUeielit nielit ganz so 
wunderlich, doch immerliin wunderlich erscheint der Schhiss des i 7. Ca- 
pitels, wenn man ihn mit dvm Anfange (h's 18. vergleicht. liier und 
dort ein Preis Iburgs. obgleicii nicht mit dens(>lben Worten! Also hätte 
der Verfasser einmal Zukünftiges vorweg genommen \nid dann in ini- 
mittelbarer Aufeinanderfolge seine Gedanken wiederholt ? Oder sollen 
Avir annelimen. der Interpolator habe der Güterbcschreibung zu Liebe 
einen guten, leider nicht nu'hr erkennbaren Zusammenliaiig gelöst inid 
dann verwirrt? 

Doch um zu den Regesten zurückzukehren — so bedarf wenig- 
stens die Schenkung der Höfe Aselage und Ilerssum einer Besi)rechung. 
Der Edle Wal soll sie dem Kloster zugeeignet haben »mit Genehmi- 
gung der Mathilde, der Tochter seiner Schwester Et eeha«. Die aber 
war einverstanden, dass Wal den Hof Riesenbeck dem hl. Clemens 
darbringe."^ Aselage und Herssum widmete er und sein Mündel Helm- 
lach dem hl. Petrus zu Osnabrück; Helmlach 's Tochter, Emma, gab 
ihre Zustimmung."'' Aselage und Herssum haben niemals dem Kloster 
gehört und sind auch niemals von ihm beansprucht worden.* Aus 

' Bislier war nur erzählt, dass Benno fincn Altar geloht habe (vergl. S. 155 
Anni. i). 

^ Osnab. U.-B. I. 146 Nr. 171. In dem Regest dieser und der gleich /.u erwähnen- 
den Urkunde hat Philu'Pi schon auf den von mir beti'ctenen Weg hingewiesen. Auch 
hier ist die S. 158 Anni. i aufgeworfene Frage am Platz. 

' Osnab. U.-B. I. 145 Nr. 170. 

* Zu c. 17 sei noch bemerkt: a) Es ist nicht richtig, dass Wal die Zehnten 
zui-ückerhalten habe; Benno gewäiirte ihm nur libram utiam decimationi.s. Ferner ist 
die Schenkung üisela's nicht genau beschrieben; die wichtigste Gabe, ein Vorwerk zu 
Glane, blieb bei Seite, b) In der über den Hof Helfern handelnden Ui'kunde — Osnab. 
U.-B. I. 142 Nr. 162 — wird man dessen Charakteristik vergebens suchen: (curtem) 
ab aliquo tempaiv in nobilhtm sedem erectam. Woher hat der lnter|)olator c.17 sie ent- 
nommen? Sie kann recht gut älterer Zeit angehören. \'ergl. Wamz, \'. G.^ V. 512. 
Wenn von demselben Besitze gesagt wird, er sei »durch viele Privilegien ausgezeichnet ge- 
wesen«, so steht Jedem frei , damit die 1629 beanspruchte Exemtion In \'erbindung zu 
bringen. — Rost in den Osnab. Gi). III. 107. c) Mit Ausnahme der irrig genannten 
Höfe zu Aselage und Herssum kehren alle .Schenkungen im Testamente Betmo".s wieder 

— Osnab. U.-B. I. 173 Nr. 201 =c.37 — , oft in wörtlicher Übereinstimmung; aber einige 
finden sich nui' im Testamente, nicht In c.17. so Huteleshusen oder llölseu, das 1537 
verkauft wurde. — Rosr in Osnali. G(|. III. 71 vergl. 181 Anm. 66. — Schrieb der Inter- 
polator etwa nach 1537:' Hatte der Besitz Hölseiis für ihn keinen Werth mehr!' Die 
Frage zu bejahen, scheint mir bedenklich, denn der Hof zu Riesenbeck, der im Testa- 
mente genannt wird, aber auch in c.17, gehörte seit 1436 den Herren von Langen. 

— Rost in Osnab. G(i, 111. 48 vergl. 202 Anm. 278. — Dann fehlen allerdings in e. 17 
wieder die im Testament erwähnten Güter Rheda und Hart, die 1246 der Bischof er- 
worben hatte. — Osnab. U.-B. II. 380 Nr. 479. — Ob Miischeii. Hagen und Ostenfelde, 
über die der Interpolator auch hinweggeht, zu seinei' Zeit elicnfalls in andere Hände 
gelangt waren, vermag ich nielit zu sagen. 



Schekfer-Boichorst: Norbert's \'it.a Benriunis. 161 

einem Missverständniss der benutzten Urkunde erklärt sich der Irrtlnun'; 
es ist nur das Bedenken, ob der eigene Abt der noch sehr jungen 
Schöiifung, deren Güterbestand docli leicht zu überschauen war. ihn 
begehen konnte." 

IX. 

In voller Ursprünglichkeit — wie es scheint — ist die Lebens- 
besclireibung Benno's uns nicht überliefert. Aber die Zusätze — glaube 
ich behaupten zu dürfen — sind keineswegs in betrügerischer Ab- 
sicht gemacht. Von zweien der eingelegten Urkunden besitzen wir 
die Originale, eine ist uns in alter Abschrift erhalten. Ebensowenig 
fehlt für die Mehrzahl der Regesten die erwünschte Beglaubigung. 
Und wenn ich soeben nachwies, dass Aselage und Herssum dem 
Kloster nicht zugeeignet wurden, so konnte ich doch gleich hinzu- 
fügen, dass es sie auch niemals beansprucht habe. 

Zvu- Interpolation kommt die schlechte Überlieferung, die erst 
dem I 7 . Jahrhundert angehört. Ältere Ableitungen bieten einen besse- 
ren und in EinzeUieiten reicheren Text. Alter davon abgesehen, be- 
.sitzen wir das Werk in der Form, die Abt Norbert ihm gegeben hat. 

Wer nicht ohne Noth imaginäre Grössen licranzieht, wird mir 
zustimmen, es wäi'e denn, die von Philifpi autgeworfene Frage wüi'de 
mit triftigeren Gründen bejaht, als bislier. Freilich, nach Lage der 
Dinge kann der Historiker den Beweis al)soliiter Echtheit nicht er- 
bringen : er vermag nur zu zeigen . dass diese und jene Einzelheit von 
einem Zeitgenossen überliefert sein müsse, vnid da würde Philippi, 
wenn er auf seinem Stand])unkte verinirren sollte, die Sjiuren der 
»verlorenen« Vita l)egrüssen dürfen. Ol) er auch die Hypothese, in 
der uns erhaltenen seien Werke viel spiitci-cr Jahrlnuiderte l)enutzt 

' In der ITikiindc, wodurch Wal dem Kloster Riesenbeck .schenkt, heisst es 
weiterhin, er schenke den Hof in supplementum videlicet duarum curtium, quas prius 
eidem Bennoni in precariam tradiderat, Osalat/a scilicet et Harshem. Da lag die \'ernnithunti; 
sehr nahe, Wal habe auch Aselaij;e und Herssinii dem Kloster zugeeignet. Es sollte 
aber nur gesagt werden, dass Wal erst durcii die .Sclieiikuiig von Rie.senbeck dem 
Bischof .sein ganzes Versprechen eingelöst habe; mit .'\selage und Herssum hatte er 
ihm weniger gegeben, quam ei promiserat et iustitia exiyebat. Ganz, deutlich ist denn 
auch in der vorausgehenden Urkunde gesagt, Wal liabe die beiden Güter ad Osna-- 
hrvygensem ecdesiam sancto Petrn apostnlo dargebi'acht. Hierzu stimmt, dass Benno in 
der Aufzählung aller Güter Iburgs, die seinen letzten Tagen angeiiort, wohl Riesen- 
becks, nicht ajier Aselages und Herssums gedenkt. 

'^ Ob avich in dem Gelöbniss Benno's c. 19, er wolle ein Kloster gründen, die 
Worte ex acquisitis honis et praediis pro ordine s. Benedicti als Interpolation gelten 
müssen:' Es sei erwäimt, dass ein "aus den Zeiten der Renaissance herrührendes 
Denkmal- Benno's — Miihoff, Kunstdenkmiiler und Alterthümei' im Hannoverschen 
VI. 70 — die Inschrift trägt: Benno IL episcopus Osnahrrigensis ex honis acquisitis pro 
ordi/ie s. Benedicti etc. Wem gebührt die Priorität:' 



102 Gesammtsitzimg vom 7. Februar. — Mittheiliirif; vom 17. .I.iiiuai-. 

■worden, auf Grund mcinor Darlc.i^un.n' prcisi>'i('1)t — - ilini blu'be als 
Quelle der »unechten« Biographie die echte, deren Untergang er be- 
klagt hat. Und würde ich nun etwa ausfüliren, da.s.s man von den 
Unterhauten de.s Speirer Doms nur durch das 27.Capitel wusste, bis 
Ausgrabungen im Jahre 1824 eine Bestätigung braclitcn', so liessc 
sich doch unmöglich beweisen, dass die vortrclTliclie Nachridit auf 
eine »verlorene« Vita nicht zurückgelicn könne. Um ein anderes Bei- 
spiel zu wählen — wollte ich daran erinnern, dass im 5.. 7.. 11. und 
i3.Capitel Goshir als »Villa« erscheint, während es doch seit der 
Mitte des 1 2. Jahrhunderts immer »Stadt« heisst^, so wüi-den Alle, 
die PniLH'Pi's Ansicht vertreten, es als ihr volles Recht beanspruchen, 
.sich des braven »Fälschers«, der an diesen Stellen seine Vorlage so 
treu abgeschrieben habe, aus ganzer Seele zu freuen. Nur wenn es 
ein föi- jeden Satz gültiges Kriterium gäbe, nur wenn jeder .Satz üim 
gegenüber die Probe bestände, müssten Philippi's Anhänger einräumen, 
der betrauerte Verlust sei das Gebilde eines quälenden Traumes ge- 
wesen. 

Der Historiker entbehrt des Zaubermittels; der Palaeograph kommt 
wegen der späteren Überlieferung gar nicht in Betracht; glücklicher 
ist ein Philolog, der die jung aufblühende Wissenschaft der mittel- 
alterlichen Latinität pflegt: er vermag wenigstens zu zeigen, dass das 
Werk als Ganzes nicht vmter humanistischen Einflüssen geschrieben 
wurde. 



Darauf liat iiiicli Hr. G. Meyer von Knonau aufinerksain geiiiaclit. 
Vergl. S. 139 Aiim. 2. 



Nachtraj; zu S. i 50 .Vuin.j. Eben tlieilt mir IIi-. Di'MBU.KR uiit. dass im west- 
frähkischen Reiclie .schon Ratramnus von Studenten redet. lAisimiis haec de more stv- 
dentium. De nativitate Chri.sti c. 9 ap. Dachkry. SpicileK.' 1. 344. 



163 



Excurs : Der Rhythmus der Satzschlüsse in der 
Vita Bennonis. 

Von Hrn. Dr. Paul von Winterfeld. 



W. Meyer (Gott. ,!>-el. Anz. 1893, S. 24) stellt als Formen des 
rliytlimischen Sntzsc-hlusscs im Mittelnlter die folgenden hin': 
I. -., .-.. 

II. -., 0-... 

m. -.., ..-.. 

IV. -„., -., -.. 
Von diesen vier Formen der strengen Regel beruht jedoch die vierte 
auf einem groben Fehler der mittelalterlichen Theoretiker; sie hebt 
den Kern des rhythmischen Schlusses auf (dass nämlich zwischen den 
beiden letzten Tonsilben mehr als eine unbetonte stehen muss), findet 
sich aber zahlreich in den feinsten rhythmischen Stücken des Mittel- 
alters. Bevorzugt wird die dritte Schlussform. 

Hierzu kommen nun aber vier weitere Formen der fi-eieren Übung: 

Y\ -.„.-.. 

V'. -„.,-... 

VI. -., ..-.. 
VII. Schlusswörter von mehr als Aier Silben. 

Das sind die acht Formen, welche die Regel bildeten. »Diese Leute 
schufen aber gern und kühn neue Formen, und genauere Prüfung 
wird manche Abart der genannten Formen oder avich neue Arten 
aufdecken.« 

Ich habe die Vita Bennonis von Anfang bis zu Ende auf den rhyth- 
mischen Tonfall der Satzschlüsse untersucht, und zwar die starken 
Pausen, d.h. besonders die vor dem Punkt und. in längeren Sätzen, 
vor dem Semicolon. Wie W. Meyer (S. 6) habe ich nicht bloss die 
wörtlichen Citnte ausgeschlossen, sondern auch die Worte, womit sie 
eingeführt werden. Das ist durchaus berechtigt: so steht z.B. S.78, i i 
'psalmistam canitur' ein für den Biographen an sich unmöglicher Satz- 



' _ bedeutet 'betont', .. 'unbetont', ein Komma das AVortende; einsilbige Wörter 
werfen ihren Accent auf das voi'angehende oder das folgende AVort: 'factus est' ist 
_ „ o, 'qui duxit' ^ _ „. 



Ifi4 Gesanimtsit/.iin:^ vom 7. Felniiar. — Midliciliini; vom 17. .laiuiar. 

sclihiss (- . - ), (Irr ;il)('i' ddcli nicht zu Ix'anstaiuleii ist, clicii weil 
er ein Citat einleitet. Ferner 1imI>c icii die eingelegten Urkunden und 
Briefe ausgescldossen, während die l;inoe Rede S. 82 f. einzultezielicn 
war, weil sie in der Sprache luid der rliythmisehen Technik durclians 
dem Stil des Bi()gra]>li{'n entsjiricht und ubendrein mit den AVorten 
»])rofatus in hunc fere nKKhnn« eingeleitet wird; der Biogra])h giebt also 
ihren Wortlaut gar nicht für autlientisch aus und macht von demselben 
Keclit Gebraucli. wie die alten Historiker, wenn sie ihre Helden redend 
einführen. Endlich habe ich einige Abschnitte der Biograpliie. weil sie 
aus geschichtlichen Gründen verdächtig sind, zunächst ausgeschlossen, 
nämlich Caj). i 7 (S.68, i 5-43), die einleitenden Bemerkungen der Cap. 24 
(S.74, 42-46), 33(8.78. 37-40). 37(8.80,6-14) und Cap. 35(8. 79. 
26—34). Diese Stücke abgerechnet, find(>n sich die Satzschlüsse 
1. 141 mal. 
II. 82 mal. 

III. 2 I mal. 

IV. überhaupt nicht, 

Y\ 9mal (65.45. 66,4. 69. 20.31. 74,2. 76.35.50. 77,12. 

81.49), 
\^. 3 mal (66, I 2. 67. I I. 75. 18), 
VI. 2 5 mal, 

VII. 8mal (65,36. 66.20. 70.24. 71.16. 77.34. 78.35. 81, 
12.33. 82,45). 

Dass sich der vierte Satzscliluss, den die feinsten Stilisten zulassen, 
obwohl er im Grunde fehlerhaft ist, gar niclit findet, ist besonders 
wichtig. Überhaupt kommen Satzschlüsse, zwischen deren zwei letzten 
betonten Silben nur eine unbetonte steht, verschwindend selt(Mi vor: 
nämlich die Form - >. . - ^ nur 2 mal : 

66.38 'consecrare vellet'. doch hat hier die Überlieferung l* 
— was der Herausgeber übersah — »consecrare deberet«. 

82. 26 ut fugiantur. clamant' wird zu conclamant'zu verbessern 
sein, \\as auch dem gehobenen Tone besser entspricht. 

l'erner iiudet sich ilie Form -.._.. scheinbar 3mal: 

67, 27 iter esse potnit'. wo al)er w alu'scheiidich die zweisilbige 
FcH-ni desHülfsverbums mit potuit' zusammensclimelzen 
soll (^TI): sonst müsste eine Verderbniss vorliegen; 
69. 20 fecit cujjidam' ist eine falsche Lesart: die Variante von l* 
Vu])idam fecit' stellt den zwar seltenen, aber erlaubten 
Sclduss ^''' her und den Keim auf arniavit'; 
73.3 iussit cxtrui' ist k<'in voller Satzsclduss. sondern Sclduss 
einer Parcidlicsc. 



Scheffek-Boichorst: Norbert's Vita Bennonis. IGT) 

AVcnii (larnncli der vierte .Satzseliluss und seine Varianten streng' 
,i;emieden sind, so finden sicli andererseits zwei neue Schlussformen : 
l)eide zwar selten, aber liäuHft' g'enug, um zu zeigen, dass sie nieht 
auf Verderbniss berulien, sondern von dem Biographen wirklieli zu- 
gelassen sind: 

VIII. -.. -, u-^o kommt gmal vor (64,43. 65.13. 67.36.41. 
69,9.11. 72,18. 82.52. 83,29), 
IX. - v, — -. 5mal (62,46. 64,24. 65,5. 66,40. 76,47): 

dagegen sind zwei aiulere Beispiele von IX zu streichen, weil sie auf 
falschen Lesarten beruhen: 

60. 28 ist nicht iuste conqueri non possit', sondern mit i 
'eon(|ueri iuste non possit' zu lesen, was sich durch 
die gewähltere Wortstellung empfiehlt und den häutig- 
sten Satzschluss (I) ergiebt : 
66.31 ist statt gratiae consensit' vielmehr mit i* gratiae 
adhortante consensit' zu lesen: ebenfalls Schluss I. 

Man könnte hiernach, obwohl sich zwei irreguläre Schlussformen finden, 
dennoch die Vita Bennonis schon zu den ^V'erken mit dem rhythmischen 
Satzschluss rechnen, wie er im Ausgange des 1 1. Jahrhunderts auf- 
kommt: sie wäre dann eines der ersten Werke, die ihn aufweisen. 
Sie wegen jener zwei Ausnahmeformen ohne weiteres mit der Masse 
von Denkmälern des 8.— i i . Jalirhunderts auf gleiche Stufe zu stellen, die 
nur den Satzschluss -. -^ meiden (W. Meyer, S. 23), scheint mir nidit 
empfehlenswerth: eher wird man sie als das Erzeugniss einer Über- 
gangszeit anzusehen haben, deren Reformideen dann Roms Autorität 
zum Siege verhilft. 

Ich gehe zu den Einlagen über. Der kleine Brief Benno's S.72, 20 
entliält unter fünf Satzschlüssen II imal (22), VII 2 mal (24. 26), VIII 
und IX je imal (beides 28): das ist ein übennässiges Hervortreten der 
seltenen Formen. Der Brief des Hildeslieimer Propstes Adelold S. 75, 39 
enthält I imal (76,6), II imal (2. wo aber die Lesart von i 'transmittere 
necessai-ium duxi' V" ergäbe), III imal (3. am Schluss der Parenthese), 
VII 2mal (6. 9). VIII 2mal (8. 12), dazu die in der Vita vermiedene 
Fonn --. - ^ 2mal (75,40. 76.11). Ferner der Brief Benno's an den 
Abt Reginald, S.77.24: I 2mal (27,31). II imal (29): aber der ver- 
pönte Schluss -., -„ nicht weniger als 3 mal (26 salutari suo' als bibli- 
sche Wendvuig zu entschuldigen, 30 sponsioni eins'. 32 nostri memor, 
pater sancte'). Endlich die Urkunde Benno's für Iburg. S.78.41: I imal 
(79,5), II imal (78.50). III imal (42), VI imal (i 'suis est contentus', 
wonach ein Semikolon stehen sollte), VII imal (10), IX 2 mal (46. 48). 
In dem Verzeich niss der Relirpiien S. 74, 47. sowie in der Güterauf- 



in(? Gesainiiitsitzmiv; vom 7. Fchniar. — Älittlieihin^ vom 17. Januai-. 

zähluiiii' 8.80.15 ^vinl mnn «Im i^liytliiiiisclicn S;itzsdiluss von vorn- 
herein nicht erwarten. 

Darau.s fbli>t zweierlei. Einmal dies, dass die Bionraphie nicht, 
wie PiuiJi'Pi meint, ein luv.euu'niss der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts ist: der rhythmische Satzschluss, den sie hefolg-t und der im 
II. und 1 2. Jahrhundert aus,t>ebildet worden ist, hat sich nicht über 
1450 hinaus erhalten (W. Meyer S. 26): damit ist die Echtheit so gut 
wie gesidiert: denn gerade die Verhältnisse des 16. Jahrhunderts sollten 
ja die Fälschung hervorgerufen haben. Zweitens, die Urkunden und 
Briefe sind nicht das Werk des Biographen, da sie sonst seine Technik 
des Satzschlusses aufweisen würden: ob er selbst sie eingelegt hat oder 
eine fremde Hand, darüber giebt natürlich der Satzschluss der Docu- 
mente keinen Aufschhiss. Man könnte einen solchen von den einleiten- 
den Worten der Cap. 24. 33 und 37 erwarten: aber obwohl diese ge- 
rade anderweit stark verdächtig sind, so findet sich in ihren wenigen 
Schlüssen neben den verbreiteten Formen nur imal (S.74.45)SchlussA^ni. 
Das ist kein Beweis gegen die Itchtheit. aber ebenso wenig dafür: das 
Material ist eben zu beschränkt, um einen Schluss zu gestatten.' 

Anders steht es mit Ca]). 17. Hier häufen sicli die seltensten 
Formen des Satzschlusses, allenfalls erlaubte und ganz Acrpönte, in 
unerträglichem Grade: bemerkenswerth ist, dass allein die zwei ersten 
und drei letzten Schlüsse correct sind. Schluss I st(dit 2 mal (S. 68. 
33. 39), II imal {17), V imal (20), V' imal (31), VI anml (17. 43), 
Vn 2mal (18.19). ^ in imal (29), dazu 24 'Benedicto donat' und 30 
'in Glane ofl'ert'--, -^. Das sind unter zwölf Scldüssen fünf gewöhn- 
liche, eben die zwei ersten und drei letzten, fünf seltene. al)er zulässige 
A'^^V'', VII, VIII. und zwei völlig verbotene — allerdings beide in Eigen- 
namen. Wenn nun auch unter anderen Umständen eine Licenz bei 
Eigennamen am ehesten gefunden werden dürfte, .so ist ihr doppeltes 
Vorkommen hier in der Umgebung so viel anderer seltener Schlüsse 
doch geeignet, die sonst vorliandenen A^Tdachtsgründc ganz erheblicii 
zu verstärken. 

Ebendies nniss nun aucli von Cap. 35 gt>lten. Gewöliulicli ist hier 
nur ein Satzsclduss (8.79.29 = 11), selten zwei (33 = VII, 34 = IX). 
verboten einer (31 in villa Schierlo'). Auch dieser Ab.schnitt muss also 
als verdächtig bezeichnet werden. 

Es bleibt noch übrig, die gleichzeitigen Üsnabrücker und Iburger 
Quellen zu mustern. Die kärglichen Reste der Iburger Annalen (Mon. 
Germ. SS. XVI. 436f.) weisen eine yanze Keilie felderliafter Satzschlüsse 



' S.74,46 Schluss IX ist Kiiileitiinii- zu ciiioni Citat; darauf wird die Rc-iel 
niclit angewandt. 



Scheffer-Boichürst: Norbert's \'ita Bennoiiis. 107 

auf, die dvn Ciedanken, dass der Annalist mit dem Biographen identisch 
sein könnte, aussehliessen , wenn man nicht zu der Ausflucht greifen 
will, der unbeholfcuie Stilist der Annalen habe sich zu dem Meister der 
Biographie entwickelt. Ich führe nur die absolut fehlerhaften Schlüsse 
auf: hier entscheidet nicht der nothwendig regeh-echte Satzschluss der 
Mehrheit, sondern der regelwidrige der Minderheit. S. 436,43 'comes 
cecidit'. 437.14 'pluresque alii". 19 (=438, 2) 'papam expulit'. 24 
'Mogontino jjraesule'. 26 'obsidere nisus est'. 32 pax dei orta est". 
39 'auctoritat(» reddidit'. Daneben wuchern die seltenen Schlüsse. 

Von den Osnabrücker Urkunden kommen zwei in Betracht, Nr. 215 
und 225 (Urkuiidenbuch I 187, 192). Die erste weist nur zwei starke 
Schlüsse auf, redimere licebit' (IX) und 'stabilire curavit' (I). Die 
schwachen Pausen führen fast nvu- auf verbreitete Schlüsse, einmal in 
schwacher Pause stellt benedictione reddidit'. Hier scheint ein l rtheil 
auf den Satzschluss hin ausgeschlossen. 

Die zweite Urkunde bietet ein reichhaltiges Material, das durch- 
weg im besten Einklang mit der Vita steht. Die starken Pausen sind 
folgende: ignorabatar ab omnil)us' (VI), 'custodiendos reliquit' (I), in- 
sumerentur' (Vn : wanmi Piulippi ein Ausrufungszeichen setzt, verstehe 
ich nicht: mir scheint Alles in Ordnung), foret donavit' (I), 'transtulere 
cadaver' (I), benedictione reliquit' (I). Dazu die schwaclien Pausen: 
'Christi fldelibus* (II), 'esset combusta' (I), 'conderetur adduxerat' (II), 
'esse sciebantur' (VI), 'eorruptum ceciderat' (II), 'fornice firmissimo' (VIII), 
'corpora sanctorum' (IX). servare formidans' (1). transferendos putavit' (I), 
diligenter includens' (I), essent hospitio' (11), Osenbrjugge] reduxit' (I), 
reductionis eorum' (I). peteretur reliquiis' (II), nostro contradidit' (II), 
'dispensandam constituit' (II), 'distribueretur et egenis' (VI), 'provexerat 
partirentur' (III) , episcopi haberentur' (111), Osnaburgensi ecclesia' (II). 
honore reconditis' (II), 'revcrsus episcopus' (II), acquisierat' (VII), parari 
debuisset' (VI), 'urbis custodes' (I), moliretur insidias' (11), sui memo- 
riam' (II). Hier scheint mir nichts gegen, manches für Norbert zu 
sprechen: ich glaube seine Vorliebe für die Sclilussform I zu erkennen 
und seine mir aus der Vita bekannte Weise, dasselbe Schema öfters 
nach einander zu wiederholen. Dazu verräth der kühne Schwung der 
Perioden einen ungewöhnlich gewiegten Stilisten: auch das wüi-de auf 
den Biogra])]ien Benno's wohl passen. 



^Nährend des Druckes geht mir durch W. Meyer's Güte ein Blatt 
mit Notizen über die Vita Bennonis zu , die er sich A^or etwa neun Jahren 
bei seinen Studien über den rhvtbmischen Satzschluss gemacht hat. 



ins 



Gesammtsitzting vom 7. Februar. — Mittlieilimg vom 17. Januar. 



Seine Cliarakteristik der Vita ist so scharf und zutreffend, dass ich 
.sofort wünschte, diese lange vor der Echtheitscontroverse von dem 
Entdecker des Satzschlusses niedersjeschriebenen Bemerkun.e:en voU- 
ständig- aiifnclimcn zu dürfen. Ich lasse sie mit seiner Erlaid)niss hier 
folgen und füge nur die Bezeichnung der Satzschlüsse in Klammern 
hinzu. 

»Die rhythmische Foi-m dieser Schrift ist wichtig: denn 
sie ist für die Zeit der Entstehung auffallend rein. In den 
starken Pausen wechseln die drei Arten 'felicius abundaret' (III), 
cantilenae vulgares' (I), 'nullus existeret' (II), doch sonderbarer- 
weise ist die erste (III) hier fast selten, die dritte (II) so häufig 
wie die zweite (I); dazu kommt oft die Art murus vidcretur' (VI); 
die beiden anderen Arten 'constituit magistrmn' (IX) vmd 'iu- 
veniliter addidicit' (VIII) hat sich Norbert wohl sehr selten 
auch gestattet: auffiiUend selten sind die daktylischen und die 
A'ielsilbigen Schlüsse 'visere tractans* (V"), 'temeritatem' (VII). 
In den mittleren Pausen finden die Freiheiten sich öfter. Wo 
hat Norbert diese Formen gelernt? Den neuen, in Rom erst 
1088 begonnenen Stil kann er noch nicht keunen; er erlaubt 
sich auch noch nicht den Schluss 'gentibus deus noster' (IV). 
Also muss er noch zur alten Schule gerechnet werden; dann 
ist die Vermeidung der daktylischen und der vielsilbigen 
Schlüsse auffallend, aber die Geringschätzung des Cursus velox 
(111) begreiflich.« 



.\usR('geben am 14. Februar. 



Kriliii. Efilriickt iii Hrt Kcirlitdriirkr 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREÜSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN 



VIII. IX. 



14. Februar 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG RElMEIf. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§ 1- 

2. Diese ci'sclieincn in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav rc^oliiiiissig Doiinerslagrs acht Tage nach 
jeder Sitzung. Die srimmtliclien zu einem ICalemler- 
jalir gchririgen Stüi'ke bilden vorläufig einen Band mit 
tortlautcnilor Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
Ausserdem eine durcli den Hand ohne Unterechicd der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Bericlite über Sitzungen der physi- 
kalisch -matlu>matischen Classe allemal gei*ade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historisclicn Classe ungei-ade 
Nummern. 

§2- 

1. Jeden Sitznngsbericlit eivlfnct eine Obersiclit über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur VeröEfentlicIiung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übcrgebenen , dann die , welche in frOlieren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht ei*scheinen konnten. 



Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher darin den \'orsitz hatte. 
Dei-selbe Secietar führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenscliaftlichen Arbeiten. 

§0- 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gcwChnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern, welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die HäUle dieses 
Umfangcs beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaka- 
demic oder der betreffenden Cl.isse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Ilolzsclinitten sollen Abbildungen .auf durcliaus 
Nothwendigcs beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text cinzHScIialtendeii Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Aufl.'ige eingelicl'ert ist. 



1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
seh.aftliche Mittheilung d.arf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe lies betrefifenih'U Stückes anderweitig , sei es aucli 



nur auszugsweise oder aucli in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröflentliclit sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wisscn- 
schaftliclien Mittlieilung diese anderweit fi-üher zu ver- 
üffentliclien beabsichtigt, als ihm dies n.ach den gelten- 
den Reehtsregcln zusteht, so bedarf er d.azu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Cl.assc. 

§8. 

.5. Auswärts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihi'cr Mittlieilungen nach acht Tagen. 

§ 11. 

1. Der Verfasser einer unter den «Wissenschaftlichen 
Mittheilungen* abgedruckten Arbeit erhält imentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umseldng, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jalireszahl, Stüek- 
nummer, T.ag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittlieilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittlieilungen, die mit «lern Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiclic Sonderabdrücke* bis zur Zahl von nocli zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheiliuig abziehen zu lassen, 
sofern er liiervon rechtzeitig dem r e d i g i r e n d e n S e c re - 
tar Anzeige gem.acht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, liabcn hierzu die Vermittehuig eines ihrem 
Fache angelu"u'enden ordentlidien Mitgliedes zu benutzen. 
Wenu schriftliehe Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Cl.assen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secrctar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden >litgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer .ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.J 

§29. 
1. Der redigirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die d.arin .aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese wie 
für alle übrigen 'l'lioile der Sitzmigrsborichte sind 
nach joder Itirlitun^ nur die Verfasser rernnt- 
w ort lieh. 



Die Akademie vei.iendel ihre •Sitzungsberichte- an dif jenigen Stellen, mit denen sie im SehrillcerkeJir ,-'teht, 
\cofem nicht im besonderen Falle anderes vereinbart iiird, jährlich drei Mal, nämlich: 
ilie Stiiihe von Januar bis April in der ersten Hüllte des Monut.i Mai, 
- Mai bi.1 Juli in der er.sien Häljie des Monatx August, 

October bis December :u Anfang des näcMen Jahres- nach Fertigstellung rfe- Register-, 



169 

SITZUNGSBERICHTE i9oi. 

VIII. 

KÖNIGLICH PREÜSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 



14. Februar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 



Vorsitzender Seeretar: Hr. Waldeyeu. 

1. Hr. Klein las: »Der Yulcan Etiiidc in Kamerun und 
seine Gesteine« nacli den im BerHner mineralogiscli-petrograplii- 
schen Institute jiusgefülirten Untersuchungen A'on Dr. E. Eson. (Ersch. 
später.) 

Der \'erfasser zeigt, dass der in Rede stehende Vulcan aus Leucit-, Hauyn- und 
Neplielin- Gesteinen aufgebaut ist. Von besonderem Interesse sind namentlich die Leucit- 
Gesteine, da Leucit sonst in Africa nur von wenigen Orten bekannt ist. Die Nephelin- 
Gesteine erregen die Aufmerksamkeit durch ihre Grundmasse und durch eingesprengte, 
in sehr compHciiter Weise verzwillingte Nepheline. 

2. Hr. Klein legte eine Mittlieilung des Hrn. Prof. Dr. W. Salo^iion 
(Heidelberg) vor über neue geologische Aufnahmen in der öst- 
lichen Hälfte der Adamellogruppe. 

Der Vei'fasser untersuchte die nördliche Grenze des gewöhnlich unter dem Namen 
»Presanellagebirge» bekannten Theiles der Adamellogruppe. Er stellte fest, dass sie 
von einer kolossalen , schon fi'üher von ihm auf grosse Strecken verfolgten Dislocation, 
der Tonaleverwerfung, gebildet wird, und führt die Entstehung des unteren Veitlins, 
des Apricathales, der oberen ^'al Camonica und der Val di Sole, als eines einzigen, 
riesigen Zuges von Längsbruchthälern . auf diese Verwerfung zurück. Wichtige andere 
Beobachtungen über das Verhältniss von Längsbi'uchthälern und Dislocationen, sowie 
über Contacte schliessen sich an. 



Sitzungsbericlite 1901. 



170 



Über neue geologische Aufnahmen in der östlichen 
Hälfte der Adamellogruppe. 



Von Prof. Dr. Wiliii-:l:\i Salo3iün 

iii Heidelberjr. 



(Vorgelegt von Hrn. Klein. 



I. 

JUie Königlich Preussisclie Akademie der Wissenschaften zu Berlin lic- 
währte mir im Jahre 1900 zum zweiten Male eine Unterstützung he- 
hufs Fortführung der sich nun schon über eine .y-anze Reihe von Jaliren 
hinziehenden geologisch -mineralogischen Untersucliung der Adamello- 
gruppe.' Ich spreche ihr dafür auch an dieser Stelle meinen ehrerbie- 
tigen Dank aus und möchte kurz über die auf Grund dieser Unter- 
stützung im Jahre 1900 imd aus eigenen Mitteln im Jahre vorher 
unternommenen Reisen berichten. Der grösste Theil des im Gebirye 
gesammelten Materials bleibt einer späteren Bearbeitung vorbehalten. 
Die Grenze des Tonalites gegen die benachbarten Formationen 
wurde vom Tonalepasse in die Val di Sole hinein verfolgt. Icli 
hatte schon im Jahre 1891" und dann wieder 1897' darauf aufmerksam 
gemacht, dass unmittelbar südlicii von der Tiefenlinie des Passein- 
schnittes nicht gleicli Tonalit, wie früher angenommen wurde, folgt. 
sondern eine Zone von »metamorphen, wahrscheinlich ursprünglicli 
phyllitischeu« Schiefergesteinen, die »in ONO. -Richtung streichend 
äusserst steil nach Süden, also unter den Tonalit einfallen«. Dass 
es thatsäehlich Phyllite, und zwar zimi System der Quarzlagen -Pliyllitc 
der Val Camoniea gehörige Gesteine sind, ist jetzt sehr schön an der 
ersten südgeriehteten Biegung' der Faiirstrasse östlich der Casenna dci 

' ^'el■gl. diese Berichte 1896, 8. 1033— 1048 mul 1899. 8.27 — 41; Tschermak's 
Mittheiluiifien XVII. S. 109 — 284; Zeitschr. Deutscli. Geoi. üesellscii. 1890, S. 450 — 556 
und 1900. 8.348 — 359; Neues Jahrb. f. Miner. 1900,11.8.117 — 139 und eine Reihe 
von anderen Mittheihina;en. 

^ Neue Beobachtungen ans den Gebieten der ('iin;i d' Asta und des Mcmlc .\da- 
mello (Tschermak's Mittlieihuigen XII. 1891, 8.414). 

^ Über Alter, Lagerungsfonn und Kntsteiningsart dci- |u>ri;idrijilisi'lii'n granilisch- 
körnigen Massen (ebenda XVII. 1897. S. 170 und 171). 



W. Salomon: Adamello. 171 

Finanziei'i zu sehen, w(j sie zur Zeit, wenn jiucli in zerrütteter Lage- 
rung, vort reiflich aufgeschlossen sind. 

Auf der Ostseite des Tonalepasses liegt die Grenze^ des Tonalites 
nur wenig südlich des tojiographischen Einschnittes, wie man sicli 
beim Anstieg von der Casa Loeatori zum Presenapasse überzeugt. Von 
dort zieht sie in ungefähr N. 70- 80 0. -Richtung südlich von derMalga 
Pece vorbei, wo sie nach dem Farbenconti-;ist zu urtheilen auf dem 
rechten Ufer des Torrente Vermigliana höchstens 200'" über dem Bacli 
verläuft, und behält diese Richtung bis zum tiefen Einschnitt der Val 
Stavel. Sic überschreitot dann östlich von dieser den vom Croz della 
Luna" nach NW. ziehenden Ausläufer wenig nördlich des Baito Bunisoj 
und wurde auf der Westseite der Val Plana etwa 500'" südlich der 
Malga Pece in einer das Gehänge durchschneidenden Runsc wieder 
beobachtet. Sie streicht also auch von Stavel bis Val Piana unAcr- 
ändert weiter. Auf der Ostseite von Val Piana liegt sie dagegen wesent- 
lich weiter nach N. Sie dürfte den Scavese- Rücken etwa 250™ nörd- 
lich von dem trigonometrischen Signal der Karte überschreiten und 
somit über das Thal in ungefähr N. 55 0. -Richtung setzen. Weiter öst- 
lich konnte ich leider keine sicheren Grenzpunkte mehr auffinden. Im 
Thal des Torrente Ossaja gegenüber von Castello wurde ich in etwa 
I 105'" Höhe durch ein Gewitter gezwungen umzukehren, war aber 
dort wahrscheinlich der Tonali tgrenze ziemlich fern. Noch weiter im 
Osten fand ich in dem Thal, das sich von Malga Marilleva nach Nor- 
den hinunterzieht. Tonalit in einer jedenfiüls an Ort und Stelle aus 
anstehendem Gestein gebildeten Schutthalde, noch an dem Punkte, wo 
der A'oir SW. aus Val Leores herkommende Weg den Bach erreicht. 
Nördlich und östlich von diesem Punkt gelang es mir bei der Mäclitig- 
keit der alten Grundmoräne und der dichten Bewaldung des Terrains 
nicht, bei meinen Avenigen Begehungen Aufschlüsse aufzufinden. Auch 
ist es nicht einmal wahrscheinlich, obwohl möglich, dass die Grenze 
hier an irgend einem Punkte aufgeschlossen sein wird, da die Ge- 
schiebelehme der Glacialzeit den Südabhang der Val di Sole nach 
Dimaro hin l)is zu beträchtliclien Höhen bedecken. Immerhin ergiebt 
sich aus den angeführten Beobachtungen, dass die Nordgrenze des 
Tonalites von Val Piana nacli Vnl Marilleva zwischen N. 59O. und 
N. 66 0. streicht. Machen wir also die Voraussetzung, dass ihr Streichen 
auch noch weiter östlich constant bleibt, so würde sie die Tiefenlinie 
der \;\\ di Sole zwischen Diolasa und Dimaro erreichen. 

' Die Ausführlichkeit des zunächst folgenden Absclnüttes hat ihren Grund in 
dem fast völligen Mangel an .\ngaben über diese Gegend, deren hohes geologisches 
Interesse eine solche Vernachlässigung nicht verdient. 

^ Man vergleiclie 7.u diesem Abschnitt die vom k. k. niilitär.-geogr. Institute in 
Wien herausgegebene Karte der Adaniellogruppe in . ^^^. 



1(2 Sitzung der physikalisch -inatlieniatisclien ("lasse vom H.Februar. 

Es scl)eint mir nun von Bodoutiuii;' zu sein, ilass ;iul' der Strccki' 
vom Tonale bis zurVal Piann dci* Tonalit im Norden in ]irimärem Con- 
tacte mit der bislier dort nicliterkannten Fortsetzuni; der Quarz- 
lagenphyllit-Zone der oberen Val Camonica steht. Ich beobachtete 
in der Val Piana, dass der in der Nähe der (irenze auftretende Tonalit- 
U-neiss Einscldüsse der benaclibarten Schiefer enthält inid üäu.i;e in sie ent- 
sendet. Dagegen fehlen im Gegensätze zu der Val Camonica in den dem 
Contacte des Tonalites benachbarten Gesteinen jene diarakteristischen 
HornfeLstyiien , die icli 1890 vom Monte Aviolo, 1897 von verischiedenen 
anderen Punkten der Adamellogruppe und anderer südali)iner Central- 
massive beschrieben habe.' Um so interessanter ist es deslialb, dass die 
mikroskopische Untersuchung der in Val Piana und Val Stavel nalie dem 
Contacte gesammelten Stücke zumTlieil noch Contactmineralien (Andalu- 
sit und andere), zum Theil noch Andeutungen von Hornfelsstructuren 
nachwies. Dabei nähern sich die in weiterer Entfernung vom Contacte 
deutlich die Charaktere der Quarzlagenpliyllite der Val Camonica besitzen- 
den Gesteine in der Nähe des Contactes zum Theil dem Habitus der später 
zu besprechenden Rendenaschiefer. Sie werden nämlich etwas krystal- 
linischer, bleiben aber, soweit meine Ei'fahrungen reiclien, stets deutlieh 
schiefrig und zeigen makroskopiscli durcliaus keine deutlichen Andeu- 
tungen von Contactmetamorpho.se. Die mikro.skopische Untersucliung 
zeigt aber, dass sie eben so wie der in der Nähe des Contactes zum 
Tonalitgneiss umgepresste Tonalit sehr starke Druckwirkungen ausge- 
lialten haben. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, da.ss hier der Ge- 
birgsdruek die ursprünglich wohl ähnlich wie in derVal Ca- 
monica ausgeprägte Contactmetamorphose wieder vcrwisclit 
oder ganz unkenntlich gemacht hat. Alinliche Erselieinungen sind 
ja durch Grubenmann und Künzli" von den primären Contacten des als 
Fortsetzung des Adamello zu betrachtenden Iffingermassives bei 3Ieran 
bekannt geworden. Ja, icli möclite beliaupten, dass der auffällige 3Iangel 
der Contactmetamorphose rings um so viele der vScIiweizer Centrahnassive 
gleichfalls auf einer seeundären Dynamometamorphose bendit, soweit 
er niclit einfach durcli das Fehlen ausreicliendcr mikr(i>k<)pisc]icr l'ntcr- 
suchungen zu erklären ist. 

Was die geologisch en Kichtungen di'r (^)uarzla g(n]ihy 1 1 i t c 
der Val di Sole lietrilTt. so streiclicii sie. \\('nn w ir von ihren znlil- 



' Zeitschr. Deut.sch. Geol. Ges. 1890, S. 450— 556. — Tschermak's Mittheilungen 
1897, XVII. S. 109— 284. — Vergl. auch H. V. Grahf.r, Jahrh. k. k. Geol. Reiehsanst. 
1897, S. 225 — 294. 

' llber den Tonalitkern des Iffuiger bei Meran (Südtirol). Festschr. d. iialurl'. 
Ges. Zürich 1896, S. 349 — 352. — Die Contactzone um di(" Ulten -Iffiugerm.Tsse bei 
Meran (Tschermak, Mittheil. XVIIl, 1899, an vielen .Stellen). 



W. Salomon: Adainello. 173 

rcicilf'ii Bieiiun,i>'en und Faltuns'cn absehen, auf der Westseite der Val 
Piaiia zwischen N. 45 0. und N. 75 0. bei sehr steilem N. -Fallen. Sic 
faUen also dort von der Tonalit^'renze weg. Der Tonalitgneiss, der, wie er- 
wähnt, gegen den Contaet liin den normalen Tonalit vertritt', zeigt dort 
gleichfalls ein ungefähr N. 70 0. gerichtetes Streichen seiner Structur- 
tlächen bei ungemein steilem, ja beinahe senkrechtem N.-Fallen. Auch in 
ValRicolonda östlicli vonValStavel konnte ich die geologischen Richtun- 
gen der Phyllite bestimmen. Das Streichen schwankt zwischen N. 60 O. 
und N. 76 0.; das Fallen fand ich an mehreren von einander ziemlich 
weit entfernten Stellen steil südlieh , also unter den Tonalit gerichtet. 
ImMerlothale beiMalga Pece nahe der Tonalestrasse streichen sieN. 56 0. 
und fallen wieder steil nördlich ein. 

Nach Norden grenzt an die Quarzlagenphyllite, nur durch die Tonalc- 
verwerfimg" von ihnen getrennt, das wesentlich aus Gneissen, Glimmer- 
schiefern, Flaserpegmatiten, Marmorlagern und anderen meist hoch- 
krvstallinen Schiefertypen bestehende System, für das ich den Namen 
Tonaleschiefer'^ gebrauchen will. In diesem gelang es mir nun zum 
ersten Male, einen petrograpliisch wohl charakterisirten Gesteinstypus 
horizontal auf grössere Entfernungen zu verfolgen. Es ist das ein eigen- 
thümlich er, jedenfalls aus einem Eruptivgestein durch Zerquetschung her- 
vorgegangener und thatsächlicli an verschiedenen Stellen sehr verschie- 
dene Spuren dynamischer Einwirkung aufweisender Augengneiss. Er 
tritt von A'^al Plana bis westlich von Val Stavel unmittelbar nördlich der 
Verwerfung auf und ist auf dieser ganzen Strecke südlich im Contaet 
mit schwarzen kohligen phyllitischen Schiefern, die an einigen Stellen 
zu einer förmlichen Reihungsbreccie zertrümmert sind. Ich beobachtete 
sie neben einander auf beiden Seiten von Val Plana, verfolgte sie auf der 
Südseite der Val di Vermiglio von Pizzano bis nach Val de Ricolonda, 
fand sie dort und auf der Westseite von Val Stavel beide wieder an- 
stellend neben einander vor und beobachtete den Augengneiss noch eine 
Strecke lang westlicli A'on Velon gegen Malga Pece im Vermigliothale 
liin. Bei dieser Sennhütte selbst muss die Tonaleverwerfung schon nörd- 
lich des Vermigliana- Baches vei'laufen. Denn ich fand dort beim An- 
stieg zur Tonalestrasse auf der W.- Seite des Merlothales anstehend eine 
kurze Strecke lang noch echte Phyllite, die offenbar zu den Quarzlagen- 
])hylliten gehören, im Merlobaclic a])er Augengneiss -Stücke. Docli felden 

' Schon Lepsius (a.a.O. S. 28) und Stäche (Verh. k. k. Geol. Reichsanst. iSy/^. 
S.303) tlieilten mit, dass der Rand des Presanella-Tonalites von Gneiss (Lepsius), 
Toiialitijiieis.s (Siaciie), begleitet wird. 

- Vergl. diese Berichte 1896, S. 1037, Anni. 3 und Neues Jahrb. f. Min. Beilage 
Bd. XI. S.356. 

^ Es ist dasselbe System, über das ich schon früher lierichtet habe (vergl. 
diese Berichte 1899, S. 27). 



1<4 Sil/.uug iUt i))iyAikali.-.(.li-iiiatlR'iMati»clu;ii C'lasse vom 11. Febiuar. 

Mcitor oben in der uuitlnnaasslichcii Vcrwcrlunyisrt'.ijioii die Auischlüssc 
yanz und gar. Dnreli die Nähe der Verwc'rfnng erklärt sieh aueh die 
furchtbare Zerrüttuuu' (h-r (Jesteine au iler Toualestrasse in der Uingebunii- 
des Merlotliah's. 

Die angeführten selnvarzen kohligeu Gesteine sind zw(>ifellos die- 
selben . die ieli schon 1890' unter der Bezeichnung «kohlcnstoirreiche 
Phyllite« als Einlagerungen der Quarzlagenphyllite der Val Camonica 
besproclicn habe. Die kohlige Substanz in ihnen dürfte mit dem jüngst 
von RosENBuscii" eingehend beschriebenen Graphitoid mancher Schwarz- 
waklgneisse übereinstinmien. Es ist bemerkenswert]), dass diese Graphi- 
toid -Phyllite aucli jenseits des Tonalepasses wenig südlicli der Verwer- 
fung in der Val Narcane imd Val d' Avio in mächtiger Entwickelung auf- 
treten und sieh bis in die Gegend von Mi"i bei Edolo verfolgen lassen. 
wobei indessen nach Westen ihr Abstand von der Verwerfung inuiK r 
grösser wird, dafür aber ein zweiter Zug durchaus übereinstimmender 
Gesteine die Verwerfung bis in die Gegend von Musciano. w(\stlic]i 
Tirano im Veltlin . begleitet. 

Der glückliche Zufall, dass die Tonaleverwerfuug östlich des 
Tonale zwischen zwei so ungemein charakteristischen Gesteinstypen 
entlang zieht, versetzt uns in die Lage, ihren Verlauf sehr leicht und 
genau bestimmen zu können. Sie folgt dem Tonalepass auf der Pass- 
höhe nördlich der Fahrstrasse, überschreitet diese zwischen der Casa 
Locatori und <lem Merlothale, setzt bald hinter Malga Pece auf die Süd- 
seite des Torrente Vermigliana und streicht genau 6""" südlich vom n 

des Namens A'elon auf der Karte in in ONO. -Richtung über Val 

50000 ' 

Stavel hinweg. Sie durchschneidet dann auf der Westseite von Val 
Plana den unteren Theil des Buchstabens^ in Monte Veciaja mul streicht 
über das Thal in nur wenig nach N. von (). abweichender Richtung 
in eine am Waldrande gelegene Runse hinein. Die Breite der Quarz- 
lagenphyllit-Zone beträgt in Val Stavel noch etwa 850'", auf der Ost- 
seitc von A^al Piana dagegen nur noch ungelalir 500'" und dürfte, nach 
der Convergenz der Tonalitgrenze und der Verwerfung zu schliessen, 
wahrscheinlich noch vor dem Thale des Ossajabaches auf o herab- 
sinken. Es düi'ften daher jedenfalls vom üssajathale an. wenn nicht 
schon früher, die Tonaleschiefer in unmittelbaren Contact mit dem 
Tonalit treten, wenn ;\uch durch die Verwerfung von ihm getrennt. 
Eine Prüfung dieser Vermutluing wird durch die Begehung der oberen 
Tlu'ile des O.ssajathales stattünden können. 

' A.a.O. S. 468/469 1111(1 532, 534. Vei'ü,!. aiu'li diese Ik'riehte i8()6. S. I03(> 
und 1037. 

- Studien im Gneissgehirgc des Seliwai v.waldes (Mittlieil. Gro.ssherzoal. Badiselie 
Gei)log. Landesanst. 1899 IV. S. 21—48). 



W. Salomon : Adauiello. 175 

Was die geolo.i^isclK'U Richtungo'ii der Tonalescliiefer be- 
trifft, so beobachtete ich in den unmittelbar neben der Verwerfung 
gelegenen Augengneissen auf der Ost.seite von Val Plana N. 55— 60 O.- 
Streichen bei saigerer Stellung, auf der Westseite N. 70 0. -Streichen 
bei ganz steilem N.- Fallen, auf der W. -Seite von Val Stavel N. 76 0.- 
Streiehen bei steilem S.- Fallen und in ganz geringer Entfernung davon 
bei Velon N. 65 0. -Streichen mit ganz steilem S.-, seltener X.- Fallen. 
Auch die immittelbar nördlich von dem Augcngneiss folgenden nor- 
malen Gneisse von Volpaja, westlich von Pizzano, streichen N. 50-55 O. 
imd fallen ganz steil nach S. ein. 

Aus den angeführten Date}i gellt hervor, dass die geologischen 
Richtungen der Tonaleverwerfung, der dieser lienachbarten Tonale- 
scliiefer, der Quarzlagenphyllite und der Schieferungstlächen des To- 
nalitgneisses östlich des Tonalepasses nur wenig von einander ab- 
weichen. Das gilt aber nicht meJir, sobald wir die Richtungen der 
weiter von der Verwerfung entfernten Tonaleschiefer berücksichtigen. 
Ich kann an dieser Stelle nicht meine sehr zahlreichen darauf bezüg- 
lichen Messungen im Einzelnen anführen, bemerke aber, dass schon 
eine Begehvuig der Tonalestrasse' zwischen dem Passe und Fucine 
ausserordentlich wechselnde geologische Richtungen beobachten lässt 
und (hiss neben auch liier vorkommendem ONO. -Streichen und N.- 
Fallen sehr häufig WNW.-, NW.- und NNW. -Streichen bei vorwiegend 
nördlichem oder östlichem Fallen auftritt. Ja, östlich von Fucine, am 
Südgehänge des Thaies zwischen Ossana. und dem Ossajabache, herrschen 
nördliche bis nordnordöstliche Streichrichtuiigen und östliches Fallen 
ganz entschieden vor. 

Ich kann mir die angeführten Thatsachen im Verein mit schon bei 
früheren Gelegenheiten von mir mitgetheilten Beobachtungen über die 
niclit selten vollständige, sehr häufig annähernde Concordanz zwischen der 
Tonalitgrenzfläche und den geologischen Richtungen der benachbarten 
geschieferten und geschichteten Gebilde nur durch eine zuerst von F. Löwl 
j)raecisirte, aber damals von ihm für unmöglich gehaltene Hypothese 
i'rklären." Ich nehme nämlich an. dass «der Tonalit die gefalteten 
Schichten durch die mit dem Auftrieb verbundene Span- 



' Ich bemit/.e diese Gelegenlieit. 11111 dem k. k. österreichischen ror[)scoiiimando 
in Innsbruck und dem Hrn. Hauptmann Schefczik (1899 in Strino) meinen besten 
Dank für das freundliche Entgegenkommen auszusprechen, duich welches mir die Aus- 
fiihrung der oben aufgeführten Beobachtungen auch in der Nähe der Befestigungen 
von Strino gestattet wurde. 

- Tonalitkerne der Rieserferner in Tirol (Petermann's Mittlieiluugen 1893, 
Heft IV und V, S. 12). \'ergl. auch meine darauf bezüglichen Bemerkungen in Tscher- 
mak"s Mittheilungen XVH. 1897, S. 129 und 130. in denen ich bereits die LöwL'sche 
Hypothese für wahrscheinlich erklärte. 



17ß Sitzung der pliysikaliscli-inatlieinatisclien Classe vom 14. Februar. 

iiun.n' wieder streekte. ylättete. ;i usbü.iielte >< , und l^L-i iil>e. 
dass (hirch deu kolossalen von dem ein,<>'epres.sten Magma 
aii.sgeübteii Druck eine An])assung der Structurflächen der 
benachbarten Gesteine an die 'ronalitcontactfläche .statt- 
gefunden hat. Ja. es scheint, dass die Tonaleverwerfung ihrerseits 
durch das Vorhandensein der starren Tonalitmasse beeinllusst wurde 
oder .sich vielleicht sogar in unmittell)arem Zusammenhange mit deren 
Intrusion lieraiiszubilden begann. Endlich haben die fortdiiuernden 
Vei'schiebungen an der Verwerfung niclit nur den dem Contacte be- 
nachbarten Tonalit geschiefert, das cliarakteristische Gepräge seiner 
Contactproducte verändert und verwischt, sondern auch noch die Dis- 
cordanzen ZAvischen den geologischen Eichtungen der in der Xähe der 
Verwerfung und des Contactes betindlichen Gebilde vermindert oder 
unkenntlich gemacht. — In d(ui östlich von Fucine beobachteten nord- 
nordöstlichen Streichrichtungen könnte möglicherweise schon eine 
Wirkung der dort nicht mein- sehr weit entfernten Judicarien-Ver- 
Averfung erkennbar .sein. 

Zum Schlüsse dieser auf die Tonaleschiefer bezüglichen Betracli- 
tungen möge endlich kurz erwähnt werden, dass, nachdem auf der 
Nordseite der Val di Sole Peridotit- und aus ihnen hervorgegangene 
Serpentinmassen seit längerer Zeit bekannt und besonders dm-cli 
Stäche' sowie ;iuf Veranlassung von Cathkein durch Hasdiee" genauer 
erforscht worden sind, ich nun auch auf der Südseite des Thaies am 
Os.sajabache eine mächtige Bronzit-Serpentinmasse anstehend beob- 
achtete. Sie findet sich in etwa i loo"' Höhe, scheint sich den von 
Hajimek beschriebenen Typen eng anzuschliessen und stellt topo- 
graphisch ein Bindeglied zu den von Stäche^ aufgefundenen Peri- 
dotitmasscn der Val San Valentine dar. Diese letzteren treten aber 
nicht mehr in den Tonaleschiefern, sondern in dem gleich zu be- 
schreibenden Rendenaschiefersystem auf. 

Während sich die bisher aufgeführten Tliatsachen auf die nörd- 
liclie Grenze des Adamellomassivs beziehen, möge im Folgenden über 
die die Ostgrenze bildende Judicarienverwerfung berichtet werden. 
Diese gewaltige Dislocation fällt südlich von Dimaro nicht 
mit der Tiefenlinie des Meledriothales^ zusammen, sondern 
verläuft westlich ajn Gehänüc. und zwar zum Tlieil in sein- 



' \'erli. der k. k. Geol. Reicli-san.st. 1880 — 188 1. 

- OliviiigestPine ati.s dem Nonsherg. Sulzbei'g und Ultentlial (Zeitschr. f. Na- 
tiinv. Bd. 72. 48 S.). 

' Verli. der k. k. (ieol. Hl•icllsau^t.. Wien 1888, S. 250. 

■* Lepsius (Siidtirol, S. 192) beobaclitete bereits, das.s »der Mclcdiio am Hügel 
der Santa BriüiUa uiclit unmittelbar in der Verwerfung verläuft". 



W. Salomon : Adamello. 17/ 

beti-ächtlicher Höhe über dem Thaleinschnitt. So fand ich 
sie WSW. der oberen Malga di Presson' zwischen 1750 und 1S25'" 
Höhe, während der Gebirtcskamm dort etwa 2100'" Höhe erreicht, 
der Thaleinschnitt 1 200'" über dem Meeresniveau liegt. In Cam- 
piglio zieht sie unter den Gebäuden des Grand Hotel des Alpes hin- 
durch, denn wenn man von dort auf dem alten Karrenweg rechts von 
dem Gasthause Dante Alighieri nach Norden geht, .so findet man 
unmittelbar neben diesem durch den Weg aufgeschlossene krystalline 
Schiefer, die von granitischen und aplitischen Adern durchzogen sind, 
N. 4W. streichen und steil nach 0. fallen. Gleich darauf aber, wo 
der Weg nach 0. umbiegt, folgen Aufschlüsse in N. i 5 0. streichenden, 
mit massiger Neigung 0. -fallenden thonigen Kalksteinen von liell- 
bez. dunkelgrauer Farbe , die bereits zur Brentagruppe gehören. Auch 
an der neuerbauten Fahrstrasse nach Dimaro stehen unter der Pass- 
höhe gegen Campiglio hin stark zerrüttete und zerbröckelte hellgraue 
Kalksteinmasscn an, die gleichfalls tektonisch zur Brentagruppe ge- 
rechnet werden müssen. Von Campiglio aus streicht die Verwerfung 
zweifellos wieder an dem dort mit einer mächtigen Diluvialdecke ver- 
sehenen Westgehänge des Sarcathales weiter. Denn wenn man der 
Strasse nach Pinzolo folgt, so findet man rechts vom Wege in einem 
kleinen Thälchen etwa o™^ nördlich des g im Namen Fogojard der 
Karte in ~ mächtige ungeschichtete Massen einer hellgrauen . mit 

50000 00 o 

verdünnter Salzsäure lebhaft brausenden Kalksteinbreccie , den letzten 
Aufschluss diesseits der Verwerfung. Weiterhin folgt Moräne und 
6""" Avestlieh des P im Namen Piazza der Karte in einer kleinen 
Runse an der Strasse der erste Aufschluss eines bereits zur Adamello- 
gruppe gehörenden Gesteins. Es ist das eine eigenthümliche weisse, 
wohl zu den Apliten zu stellende Felsart, die ich am Monte Sabbione 
in grosser Verbreitung fand und auf die ich später noch einmal zu- 
rückkommen muss. 

Die Verwerfung streicht also von Campiglio bis hierher ungefähr 
SSW., überschreitet die Sarca di Cami^iglio etAva bei Piazza und ver- 
läuft nun, wie bereits Lepsius" richtig erkannte, durch Valagola hinter 
dem Sabbione'' herum, der somit tektonisch noch zur Adamellogruppe 
zu rechnen ist. Aber auch in Valagola zieht sie nicht etwa, 
wie man annehmen könnte, in der Tiefe des Thaleinschnittes 



' 1559'" der Karte in r^^. 

- A.a.O. S. 195. 

■' Der Name i.st im Gegensati'. zur Karte mit düpjieltein b zu schreibeu , da er 
von der "Sahbia», dem zu sandigem Grus zerialleueu Granit des Gipfels, lienülirt. 
Bei Lki'sus lieisst er "ßresn del oro«. 



178 Sitziiiij; der jiliysikalisoli-niatliematischen Classe vom 14. Februar. 

rii t l:ni.n', sondern liodi oben ;iin westlielien Ge]i;in,i;e, ja su- 
iiar stellenweise lianz dielit unter dem östliehen Gipfel- 
Uanini des Sabbione. So fand ieli. von Bandalors in weni^' von 
N. naeli 0. abweieliender Riclituni»' niifstei.ii'end . den Granit des Sab- 
bione erst in i88o'" Höhe. Die Grenze ,ye,«:en die zur Brentauruppc 
yeliörigen Kalksteine und Seliiefer der Vala,!i\>la selieint an dieser 
Stelle un.y'efahr ONO. zu strcielien. Weif er im Norden, unmittelbar 
ö.stlieli vom südlichen Stück des östliehen, dort nur etwa 2000"' hohen 
Sabbionekammes, liegt sie in i960'" Höhe, Avährend der Thaleinschnitt 
(Lage di Valagola) daneben 1589™ Höhe erreicht. Sie streicht dort 
in einer wenige Grade A'on N. nach 0. abweichenden Richtung, muss 
sich aber später, um die schon bezeichnete Stelle auf der Strasse 
Pinzolo-Campiglio zu erreichen, ziemlich genau nördlich wenden. SW. 
von Bandalors dürfte sie etwa WSW. streichen und sollte nach Lepsius' 
schon nördlich der bei Giustino in"s Rendenathal ausmündenden Schlucht 
wieder das Sarcathal erreichen. Ich fand indessen in dieser Schlucht 
selbst noch ausgedehnte Aufschlüsse in dem schon vorher erwähnten 
aplitischen Gestein des Sabbione luid in mächtigen Phyllitmassen, so 
dass die A^erwerfung wohl eine Kleinigkeit Aveiter südlich verläuft, als 
Lepsius annahm. Dass das a])litisc]ie Gestein wirklich eine intrusive 
Bildung ist, geht daraus hervor, dass es in dem Bacldictt an einiT 
Stelle einen zweifellosen Gang in die Phyllite entsendet. 

Auch weiter im Süden folgt die Judicarienlinie. wie Bittnee" 
zeigte, auf der ganzen Strecke von Verdesina im Rendenathal bis 
Roncone gleichfalls nicht der topographischen Haupttiefenlinie, son- 
dern streicht westlich von ihr durch das Gebirge hindurch. Die gleiche 
Erscheinung beobachteten Avir ))ei der TonalcA'erwerfunu. die, wie 
ich früher^ und in dieser Arbeit (estgestellt halie. in der uanzeu 
Val di Sole undvonVezza in der Val Camonica bis Stazzona 
imVeltlin zwar stets in der Nähe der grossen Thaleinschnitte 
verläuft, aber nie mit ilmen zusammenfällt. In beiden Fäl- 
len können wir nicht daran zweifeln, dass die Bildung der Thalsy- 
steme eine Folge-Erscheinung der gewaltigen Disloeationeu ist nn<l dass 
die Thäler ursprünglich ganz nahe den A'erwerfungen \erliefen. Wir 
müssen daher die betreifenden Thäler als Längsbruchthäler auflassen 
und linilen bei ihnen in ausgezeichneter Weise das von F. vox Richt- 
inn-EN^ hervorgehobene Merkmal, dass «die Hohlform zwar eiidieitlich 

' A. a. O. S. 197. 

■-' Ulier die ,ü;eologisclien .\iifnaliiiirn in ■Indifaricii imd Vnl .Sal)l)ia i.laiirli. k. k. 
Gfol. Ueicli.sanst. 1881. S. 368 und a. v. O.). 

' Diese IJericiite 1896, S. 1036 und 1037. 
* Ki'ilirer für Forscluingsreiseiide S. 642. 



W. Salümon : Adainello. 179 

ist. ;iber in eine .iiTüssere Anzahl von Tlialstivrken zerfällt, welche 
von Strömen in kürzerer Erstreckunsi' «■inyenominen werden«. Es ist 
nun eine mir in hohem Maasse beaelitenswerth erscheinende That- 
saehe. wiewenlii' die Verwerfungen bei der weiterschreiten- 
den Yertiet'uni^' der Thaleinschnitte es zu verhindern ver- 
möijen. dass die Tiefenlinien allmälilieli von ihnen abgleiten, 
bis schliesslich, wie in Valagola. die Verwerfung, statt in 
der Senke, wenige Meter unter dem Gebirgskamm entlang 
zieht. Die Gründe dieser Erscheinung, die ja keineswegs auf die 
hier beschriebene Gegend beschränkt ist. werde ich in meiner Mono- 
graphie der Adamellogruppe eingehend erörtern. 

Meine früheren Untersuchungen haben ergeben, dass der Tonali t 
sich in der Adamellogruppe im Norden, Westen, Süden und Osten 
überall in primärem Contact mit den angrenzenden Forma- 
tionen befindet. Eine Ausnahme daA'on macht nur die NO.- 
Ecke bei Dimaro und möglicherweise die Strecke von Pin- 
zolo bis zur Malghetta im obersten 3Ielcilriothale (Val Nambin 
bei Lefsr-s). WNW. von Pinzolo, genau 5T1 südlich des t in S. Stefano 
der Karte, stehen unten am Gehänge des Sarcathales bis zu einer Höhe 
von 9 1 5'" krystalline Schiefer an, die zu dem weiterhin als Rendena- 
schiefer beschriebenen Complex gehören. Über ihnen folgt Tonalit. 
Der Contact ist unmittelbar aufgeschlossen. Ebenso findet man an 
den unteren Kehren der Fahrstrasse, die von der Ausmündungsstelle 
des Nambronethales gegen S. Antonio di Mavignola in die Höhe führen, 
in sehr geringer Entfernung Aon der Tonalitcontacttläche Aufschlüsse 
in phyllitischen Gesteinen. An beiden Stellen ist der Tonalit trotz 
der beträchtlichen Entfernung von der Judicarienlinie deutlich gecpietscht 
und geschiefert und somit als das ausgebildet, was Stäche Tonalit- 
gneiss nannte. Der dynamometamorphe Ursprung ist hier um so klarer, 
als auch die dem Contactc benachbarten Schiefer stark zerdrückt . ja 
an dem Punkte bei Pinzolo zum Theil völlig zermalmt erscheinen. Apo- 
physen des Eruptivgesteins, wie ich sie docli nun bereits von zahl- 
reichen anderen Punkten seiner Grenze nachgewiesen habe, konnte 
ich hier nicht auffinden. Auch der ganze Habitus der an den beiden 
Stellen dem Contact benachbarten Schiefer schien es mir bei der makro- 
skopischen Untersiu'liung im Felde auszuschlies.sen, dass eine contact- 
metamorphe Veränilerung stattgefunden habe. Um so erstaunlicher 
war es mir tlaher, dass schon eine llüclitige mikroskopische Unter- 
sucluuig einiger an den Kehren unterhall) St. Antonio gesammelten 
Stücke Staurolith nachwies, ein Mineral, das in den Rendenaschiefern 
nach meinen weiterhin mitgetheilten Erfalirungen nur als Contact- 
bihking auftritt, f'reilicli nicht bloss des Tonalites, sondern auch des 



180 Sitzung der jjliysikalisch- mathematischen Classc* vom N. Februar. 

östlich des Tonalitmassives in den Rendenascliieleru aufsetzenden 
Sabbione- Granites. Ähnliche Anzeichen einer übrigens jedenfalls dm-cli 
spätere Dynamometamorphose . ähnlich wie in der Val di Sole, ver- 
wischten contactnictamorphen Einwirkung gelang es mir bislier an 
dem zweiten Punkte westlich Pinzolo nicht aufzufinden. Dagegen ent- 
halten auch die schon wesentlich weiter von dem Tonalit entfernten 
krystallinen Scliiefer oberhalb S. Antonio gegen Piazza gleichfalls 
Contactmineralien . inid zwar Staurolith und Andalusit, dieselben Mine- 
ralien, die wir in stets Aviederkehrender Paragenese als Contactinlihmgen 
sowohl des Tonalites. wie des Sabbione- Granites wiederfinden werden. 
Bei der Frage nach dem Urheber der so zweifellos anzunehmenden 
Contactmetamorphose ist zu berücksichtigen, dass, wenn die aufge- 
führten Fundorte sich der eine in unmittelbarer Nähe des Tonalites, 
die anderen in kaum mehr als höchstens i""" Entfernung von ihm 
befinden, der Granit des Sabbione im SO. gleichfalls niclit so weit ent- 
fernt ist, dass er nach meinen Erf;ihrungen nicht ganz gut dafür ver- 
antwortlich gemacht werden könnte. Dazu kommt, dass die Scliiefer 
zwisclien dem Sabbione-Grnnit und dem Tonalit Aielfach ganz be- 
trächtliche Massen jenes schon vorher erwähnten eigenthümlichen aplit- 
älmlichen Gesteines enthalten, das möglicherweise nur eine Apophysen- 
facies des Sabbione -Granites ist und somit die Metamorphose der 
Schiefer unterstützt haben könnte. Es sind also zwei bis jetzt nicht 
mit Sicherheit zu beurtheilende Erklärungen über das Verhältniss der 
Schiefer zu den Intrusivmassen möglicli. Nach der einen würden die 
Schiefer mit Tonalit und Granit in primärem Contacte stehen und nur 
an der Tonalitgrenze mit dem Tonalit zusammen stark gepresst worden 
sein. Nach der anderen würden sie ihre Contactmineralien der Ein- 
wirkung des Granites verdanken, vom Tonalite aber durch eine aou 
Pinzolo aus bei Carisolo vorbei in NNO. -Richtung ziehende Verwerfinig 
getrennt sein. Für die erstere Erklärung spricht auch die Beobachtung, 
dass an dem Punkte westlich A'on Pinzolo unmittelbar auf die Schiefer 
nicht gleich der typische Tonalitgneiss , sondern zunächst eine schmale 
Zone eines eigenthümlichen, dem Auge dicht erscheinenden Gesteines 
folgt, das möglicherweise als Kandfacies des Tonalites gedeutet werden 
könnte. Für die zweite Erklärung spricht eine andere, weiter im Norden 
gemachte Beobachtung, die im Folgenden kurz aufgeführt werden 
soll. Schon Lei'su-s wies in den krystallinen Schiefern westlich der 
.ludiearienlinie im obersten 3Ieledriothal »einen grobkörnigen Granit» 
nach, der »gänzlich vei'schieden von dem Tonalit hier einen Stock 
oder mächtigen Gang iiu (ineiss bildet". Er bezeichnete das 'l'lial als 
»Val Nambin«, die nächstgelcgene Sennhütte als »Malga ^londilVa«, 
wälirend sie jetzt auf der Karte schlechthin als »Malghetta« bezeiclinet 



W. Salomon: Adaniello. 181 

wird.' Icli liesuclitc dieselbe Stelle und f;iud dort ein Gestein, das dem 
8al»l)ione- Granit nahe verwandt, wenn nicht identisch mit ihm zu sein 
scheint. Die Grenze zwischen dem Granit und dem Tonalit ist nicht aul- 
jj'eschlossen ; doch sah ich unter den losen Stücken weder tJbers'än.i>'e 
zwischen den beiden Gesteinen, noch Einschlüsse oder Apophysen des 
einen im anderen. Der Tonalit ist nahe der Grenze hochgradig' zer- 
malmt, der Granit so stark zertrümmert, dass es schwer hält, grössere 
vStücke zu schlagen. Der Gontact scheint also secundär zu sein. Da 
nun dieser Grenzpunkt ziemlich genau im Streichen der Grenzlinie 
zwischen Carisolo und S. Antonio liegt, so haben wir hier offenbar 
eine Thatsache vor uns, die für die zweite der oben gegenübergestellten 
Erklärungen spricht. Eine sichere Entscheidung wird aber erst nach 
genauer mikroskojjischer Untersuchung des gesammelten Materiales und 
eventuell nach einer Revisionstour an Ort und Stelle möglich werden. 
Sollte sich dabei die zweite Erklärung als die richtige ergeben, so 
kann man schon jetzt sagen, dass dann die Verwerfung von dem 
Punkte bei der 3Ialghetta ein mehr nordöstliches Streichen annehmen 
mid sieh bald darauf mit der Hauptlinie der Judicarienverweriunu- 
vereinigen muss. Denn schon an der Eingangs beschriebenen Stelle 
oberhalb Malga Presson grenzen die Brentakalke unmittelbar an voll- 
ständig zermalmten gneissigen Tonalit. 

Während die QuarzlagenphyUite der Val Camonica ganz vor- 
herrschend echt phyllitische Typen aufweisen, wälirend in den Tonale- 
schiefern diese niu- untergeordnet auftreten und gerade hochkrystalline 
Typen das charaktcristisclie Gepräge geben, sind unter den zwischen 
der Val Rendena und dem Tonalit das Gebirge bildenden 
Schiefern Gesteine, die an der Grenze zwischen Phyllit und Glimmer- 
schiefer stehen, ausserordentlich häufig. Doch kommen auch echte 
Phyllite vor, uiul selir oft finden sicli normale Glimmerschiefer und 
mehr oder weniger mächtige Einlagerungen feldspathreicher Gesteine, 
die nicht eigentlich das Gepräge von Phyllitgneissen tragen, sondern 
als echte Gneisse zu bezeichnen sind. Von all den localen Gruppen 
der krystallinen Sciiiefer, die aus der näheren Umgebung der Adamello- 
grujipe bislier l)ekaiuit geworden sind, gleichen sie am meisten dem 
im Jahre 1890 von mir beschriebenen luid für älter als die Quarz- 
lagen2:)hyllite gehaltenen Schiefercomplexe des Monte Aviolo." Beide 
Systeme wurden von Staciie zu seinen «Gneissphylliten« gestellt. 
Ich möchte l'ür diese auf der !4'aiizeu "Westseite der Val Rendena in 

' A. a. O. S. 193. Hinsichtlich der vielfach abweichenden Namen bei Lepsius 
ist zu berücksichtigen . dass dieser Forscher nur die alte Karte in j^^^ z">" Ver- 
fiiginig hatte. 

- Zeitschr. Deutsch. Geol. Ges. 1890. S. 482 und 506—511. 



182 Sit/.ung der physikalisch -mathematischen Classc vom 14. Fehniar. 

grosser Mäohti.ykcit f ntwickcltcn Gesteine und ileren stratitiüipliisclu' 
Aequivalentc lieber den X;inicii »ixendcnn-Scli iefer« wälden. Denn 
so sehr man den klaren iiiul seharlen Blick anerkennen muss, mit 
dem Stachk in sn A\eit zurückliegender Zeit und ohne die Unter- 
stützun,«' der mikroskopischen Untersuehuny in seinen »palaeozoisehen 
Gebieten der Ostalpen "^ diese einzelnen Gruppen der krystallinen 
Schiefer richtig trennte, so wird man es lieutzutage doch wtild vor- 
ziehen, füi" Formationen, die so verschiedenartige petrographische 
Typen enthalten, Localnanicii zu wälden. Werden dann einst die 
krystallinen Gebiete der Alpen so weit eribrscht sein, dass eine sieliere 
Parallelisirung der einzelnen Gruppen möglieli ist, dann mögen die Local- 
namen zu Gunsten einiger weniger auf stratigraj^hischer Basis ge- 
Avählter Bezeichnungen fallen. Aus diesem (irunde will ich auch ^•on 
jetzt ab neben den »Eendena-« und «Tonale -Schiefern« die besonders 
schön rings um das Städtchen Edolo in der oberen Val Canioniea ent- 
wickelten Quarzlagenphyllitc als »Edolo-Schiefcr« bezeichnen. 

Was das gegenseitige Verhalten der drei Schiefergrupi)en betrifft, 
so habe ich mich über die Stellung der Tonalesehiefer schon an an- 
derem Orte' ausgesprochen. Die Rendena-Schiefer aber scheinen 
älter als die Edolo-Schicfer zu sein. Denn es ist Avahrschein- 
lich , wenn aucli nicht sicher^, dass sie am Monte Aviolo wirklieh 
vmter ihnen liegen: und es ist ebenfalls niciit ausgeschlossen, dass die 
in der Umgebung A^on Cedegolo* in der Val Camonica am Fusse des 
Monte Elto auftx-etenden mid jedenfalls in ein sehr tiefes Niveau der 
Edolo - Schiefer gehörenden gneissartigen Gesteine den jüngsten Ren- 
dena- Schiefern zu parallelisiren sind. 

Die Untersuchung des Verhaltens der Rendenaschiefer zu 
dem Tonalit ergab eine Reihe von interessanten Ergebnissen. Schon 
früher hatte Lepsius Beobachtungen gemacht, die eine Contactmeta- 
morphose der Rendenaschiefer durch den Tonalit in der Val San Va- 
lentino anzudeuten schienen.' Ich hatte dann 1891 und 1897'' den 
sicheren BeAveis dafür erbracht und habe jetzt die Contactmcta- 
morpliose in \'al di Borzago. Val San ^'alentino und Val di 
Breguzzo eingehend untersucht. Die ersten im Borzago-' und Bre- 

' Jahrb. k. k. Geol. Reictisaiislalt 1874. ö. 135 fl' 

- Diese Berichte 1899. S. 27. 

^ Vergl. diese Berichte i8g6. S. 1034 iind 1035. 

•' Vergl. ehendort .S. 1034. 

■' A. a. 0. S. 29. 151. 198. 

" Tsciiermak's Mitthcil. XII. S. 414 und X\"II. S. 164. 

' In diesem Thale ti-eten freilieh in den Seiliefern auch Massen von .Snhbione- 
Gi'ünit auf, die selbst eine durchaus älniliciie Metamoi'phose bewirkt und violleicht die 
vom Tonalit ausgehende verstärkt haben. 



W. Salomon: Adamello. 18H 

,i;uzzütlialc in etwa 2+""" Entfernung' vom Contacte beobachteten 
Anzeichen der Metamorphose sind in bestimmten, meist phyllitisclien 
oder zwisclien Glimmerschiefer und Phyllit stellenden Gesteinslas'en 
auftretende Krystallc von Staurolith bez. Andalusit oder beiden 
zusammen. Erst sind sie nur mikroskopisch nachweisbar, aber schon 
in Entfernungen von 2""" vom Contacte beobachtete ich den Schicht- 
tlächen jiarallele Staiu'olith-Krystalle A^on 2'"' Län^e und Andalusite 
von i'"' Dicke und mitunter l:)is 8'"' Län^'e. An den Staurolithen sind 
<Ue Fläclien cxdP. } i loj. ooPco, joioj auso-ebildet. Den Prismenwinkel 
maa.ss ich zu 129° 43' am Retlexionssoniometer. Ihr optisches Ver- 
halten ist das S'ewöhnliche. Zwillinge sind selten, doch sah ich ver- 
einzelte, die offenbar nach ^F4-,{2^2) verzwillingt sind. An den An- 
dalusit en ])rüfte ich das optische Verhalten, das sich als normal erwies 
(c = o. rosa). Beide Mineralien finden sicli in Gesteinen, die sonst 
makroskopisch keine Spur einer Gontactmetamorphose erkennen lassen, 
ja in denen die glimmerii>'en Häute noch häufi.i;' den typischen Phyllit- 
Charakter bewahrt liaben. Knotenbildunnen irgend welcher Art habe 
ich nie gesellen. Die zwischen den Lagen mit den grossen Krystallen 
befindliclien anderen Gesteinsschichten zeigen makroskopisch überhaupt 
keine Veränderungen. — '■ Nähert man sich nun in einem der drei an- 
geführten Thäler dem Contacte, so versclnvinden nach einiger 
Zeit, und zwar immer noch in beträchtlicher Entfernung vom 
Contacte. die grossen Krystalle wieder ganz und gar. Stau- 
rolith sah ich dort überhaupt nicht mehr: Andalusit ist zwar noch 
vorhanden, aber in viel kleineren Individuen, die nun auch bei der 
Verwitterung nicht mehr so deutlicli hervortreten. Dafür ist aber in 
dieser inneren Contactzone meist die ganze Gesteinsmasse vollständig 
umkrystallisirt. Die ursprünglichen Phyllite und Phillytglimmerschiefer 
sind nicht mehr wieder zu erkennen. Andalusit- bez. eordierit- 
reiche Hornfelse haben ihre Stelle eingenommen. Doch auch un- 
mittelbar an dem primären Contact treten unter diesen neben ganz 
richtungslos struirten Gebilden auch sehr vollkommen schiefrige Ge- 
steine auf. ein vortreffliches Beispiel für die Thatsache. dass selbst 
bei völliger Umkrystallisirung des Gesteinsniateriales eine vollkommene 
Schieferinig erhalten bleiben kann. — Würden wir in unserem Falle die 
Grösse der Andalusit- und Staurolithkrystalle als Maassstab nehmen, 
so würden wir scheinbar das paradoxe Ergebniss erhalten, dass die 
Contactmetamorphose in grösserer Entfernung stärker wirkt als in 
geringer. In Wirklichkeit beruht die gescliilderte Erscheinung offen- 
bar darauf, dass in unserer äusseren Contactzone nur ein relativ kleiner 
Theil der chemisclien Ge.stein.sconstituenten . und zMar auch nur be- 
stimmter (iesteinslayen. chemiscli beweglicli wurde. Der grösste Theil 



184 SitzmiR' ilci' ])liysikaliscli-nintli(MM;iti.sclien C'lasse vom 1!. Februar. 

blieb, wie auch die mikroskupisclu' Untersuclmni;' bestäti,ut , nUut und 
unverändert. Dabei dürfte)i ferner die physikalisclien Constanten, die 
für die Krystnllisation der Neubilduns'en maa.s.s,e:ebend Avareii. keine 
so rasclien Anderunsi'en erfahren lial)cn "vvic in den dem Contaetc n;üien 
Massen.' Su konnten, von relativ wenigen Krystallisationsccntren aus- 
ti'ehend, allmälilich n'rosse Individuen der beiden 31inc-ndien entstehen, 
mussten sieh alier we,n-en des starren Zustandes der einsehliessenden 
Gesteinslagcui in ihrer ei.^enen Schieht und ])arallel der Sehielitlläche 
ausdehnen. Darauf m erster Linie, wenn aueli unterstützt durcli die 
grosse Härte mid die freilieh nur relativ yerin.nc ehemisehe An,s,Teifbar- 
keit des Staurolithes und Andalusites beruht es, dass die Krystalle dieser 
beiden Mineralien in der äusseren Contactzone ungewöhnlich leicht lier- 
auswittern und dem Auge in ihrer ganzen Länge sichtbar werden. Li 
der inneren Contactzone wurde ein wesentlich grösserer Tlieil. ja. in 
vielen Fällen die gesammte Masse des Gesteins chemisch beweglich, 
wenn auch wohl, wie ich bei der ausführlichen Darstellung dieser Ver- 
hältnisse später zeigen werde, nicht alle Theile ganz gleichzeitig inid in 
gleichem ^Luisse. Auch bei den Contactbildungen ist nämlich mitvniter 
eine bestimmte Krystallisationsfolge erkennbar, die man gerade ihnen 
bis jetzt, gestützt auf die Beobachtung poikilitischer und ]illaster- 
ähnliclier Structuren. gewöhnlieh abgespi'ochen hat. In unserem Falle 
aber entstanden bei der im Ganzen doch beschränkten A\'anderungs- 
lahigkeit der ihre chemische Anordnung hei der Contactmetamorphose 
ändernden Sul)stanzen in der inneren Contactzone zahlreiche verscliie- 
denartige Mineralien, die von relativ vielen Krystallisationsccntren aus 
Avachsend sich sehr schnell gegenseitig störten inid darvun keine so 
grossen Lulividuen entstehen Hessen. 

Die besclu'iebene Erscheinung kommt ül)rigens aueli in zalilrcichen 
anderen Contacthöfen vor und ist nur, Avenn ich nicht irre, bisher 
weder als gesetzmässig erkannt noch zu erklären versucht worden. 
Sie weicht von dem durch Rosenbusch's berülijute Untersucliungen 
der Steiger Schiefer bekannt gewordenen Typus der Contactmetamor- 
phose ganz wesentlicli ab, stimmt aber auch nicht mit dem jener 
zweiten Gruppe von ('ontacthöfen überein, bei "denen die Knoten- 
Inldung durchaus fehlt« und »sich aus den Schiefern sofort die Horn- 
felse entwickeln«.-' Dass die verschiedene Litensität der Faltung des 
Gel)irges in unserem Falle nicht die Ursache des Unterscliiedes gegen- 
über den Steiger Schiefern sein kann, i>-eht daraus liervor. dass die 
letzteren durcli denselben gebirüsbildench'n Process autgeriehtet und 



' Die Wiiniie schon wegen der gelingen \Viirnieleitung.staliigkeit der Gesteine. 
'■^ KosENBCscH, Elemente der Gestcin.slelirc, Au(l. II, S. loo. 



W. Sai.ojion: Adamello. 185 

,yvf;iltt't Avurdeii. der die Rendenascl tiefer betraf. — Zum Schlüsse möchte 
ich noch hervorheben, dass auch in der AdamellogrupjDe selbst die 
.nescliilderte Art der Contactmetamorphose keineswegs auf die Rendena- 
schiefer beschränkt ist. sondern sich ebenso in den phyllitischen Ge- 
steinen der Edoloschiefer, z. B. sehr schön in der Val Adame, beob- 
achten lässt. Nur fehlt dort der Staurolith , dessen häufiges Auftreten 
zusammen mit dem Andalusit, ja, gar nicht selten in einer an grano- 
])hyrisclie Vervvaclisung erinnernden Durchdringung mit diesem, einen 
ganz eigenthümliclien . bedeutungsvollen Zug unserer Contactbildungen 
darstellt.' 

Der zweite Theil dieses Berichtes wird im Wesentliclieu die in 
den RendenascJ liefern aufsetzenden Sabbione- Granitmassen, ilu- Ver- 
lialten zu den Schiefern und dem Tonalit soAvie die Erzgänge der. 
Rendenaschiefer schildern. Er wird ferner tlen Nachweis zu fiihren 
suchen, dass in der That bei der Intrusion des Tonalites die über 
diesem bleibenden Theile der festen Erdkruste eine Hebung erfahren 
liaben und wird schliesslich eine Reihe eigenthümlicher tektonischer 
und stratigrapliischer Erscheinungen aus dem im SO. an den Tonalit 
stossenden Triasa'ebiete darstellen. 



' In dein Contacthofe des kleinen von mir aufgefundenen Quarzgliminerdiorit- 
stockes der Val Rabbia bei Rino treten nach Riva s Beobachtungen gleichfalls Staurolith 
und Andalusit neben einander auf (vergl. Atti Soc. It. Sc. nat. 36. 1896, S. 14 und 15 des 
Sdiulerabdruckes). 



Ausgegeben am 21. Februar. 



Sitzungsberichte 1901. 15 



187 

SITZUNGSBERICHTE i90i 

DKR lA.. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

14. Februar. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. DiELs Ins Über zwei Fragmente Heraklit "s. 

Die zwei bei Pseiidaristoteles de mundo erhaltenen Heraklitfragmente werden in 
Tu'kundlicherer Form vorgelegt und Bemerkungen über die Überlieferung jener aristo- 
telischen Schrift xmä des Apuleius de mundo angeknü}3ft. 

2. Hr. CoNZE überreicht den von den HH. Prof. A. Gkünwedel 
ujid Dr. G. IIiTTii abgefnssten Bericht über Alterthümer aus der 
Malakand- und Swat-Gegend. 

Das Kaiserlich Indisclie Depai-tment of Revenue and Agriculture hat die Geneigt- 
heit gehabt, dem Kaiserlich Deutschen Generalcnnsulat in Calcutta Photographien von 
Bau-. Scnlptnr- und Inschi-ift- Resten aus der Malakand- und Swat-Gegend zur Ver- 
fügung zu stellen. Dieses werthvolle Material ist durch Vermittelung des .Auswärtigen 
Amtes und des Königlich Preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und 
Medicinal -.Angelegenheiten der .\kademie zugegangen und von dieser den HH. Grün- 
WEDEi, und HuTH zur fachmännischen Beurtheilung übergeben worden. Den Bericht 
beider Herren bringen wir unter Voranstellung der mit den Photographien uns zu- 
gegangenen Verzeichnisse im Folgenden zum Abdrucke, indem wir so zugleich am 
besten der Kaiserlich Indischen Regierung unseren Dank für die Mittheilung glauben 
ausdrücken zu können. 

B. Vorgelegt wurde der zweite Band der von Prof. A\'. Kkoll mit 
Unterstützung der Akademie herausgegebenen Prncli in Piatonis Rem 
publicam eommentarii. Lipsia 1901. 



15* 



188 



Zwei Fragmente Heraklit's. 

Von H. DiELs. 



Dei Gelegenheit einer neuen Bearbeitvins;' der Frn,i;meiite Heraklit's, 
welche das Wesentliche kurz zusammenfassen will, habe ich die "Über- 
lieferung der Hauptgewäln-smänner im Einzelnen nach,t!;ei)rüft und dabei 
manclie hergebrachte Textgestaltung und -Umgestaltung als irrig er- 
kannt.' Einige methodisch interessante Ergebnisse möchte ich hier in 
etwas ausfülirlicherer Begründung vorlegen. Schuster hat seiner Frag- 
mentbearbeitung den Satz vorangestellt", dass auf diesem Gebiete «die 
diplomatische Kritik gar nichts und die Conjecturalkritik Alles zu sagen 
liabe«. Dieser Grundsatz erscheint mir nur richtig, wenn man ihn 
umkehrt. Die Conjectur hat liier sehr wenig zu thun, mehr die sorg- 
faltige Recension der Handschriften und Versionen, am meisten freilich 
die Erklärung, vor Allem die, welche den Schriftsteller aus sich selbst 
zu verstehen sucht. Ich will hier nur eine Recensionsprobe vorlegen. 
Der Verfasser der Selirift Hepl Koa-jitov citirt in einem aus Posei- 
donios geschöpften Abschnitt, wo er die Entstehung der Welt aus 
den elementaren Gegensätzen entwickelt und dies(^ Gegensatztheoric^ 
zum Theil mit lieraklitischen Gedanken'' ausfährt, am Schluss ein 
Wort des Dunkeln (aiiTO Se tovt' tiv ro irapa tw «TKoreivw 'HpaKÄeiTw 
Xeyöfxevov) in folgender Form c. 5 S. 396'' 20: 

(rvva.\lreias ovXa km ovx'i ovXa, (TVfxcf>€p6iLi€vov Kai Sta(f)ep6fi€vov, 
(TvvaSov Kai SiaSov, Kai eK jrdvTMv ev Kai e^ evos -nrdvTa. 
So wird das Fragment, abgesehen von klehien Abweicliungen des 
Dialektes und der A'erl)indungspartikeln. in den Ausgaben und Frag- 
nientsanuniungen gelescni (n. 59 Byw.\tkk). Es scheint bislier nicht 
aulgefallen zu sein, dass das erste Wort sinnlos ist. Denn der Optativ 
kann weder iniper.-itiviseh aiilgefasst werden, wie 8(in,i:iii;MAriiKK über- 



I 



' Durch Mittlu'iliiiigen über Ildss. haben mich die HH. F. Cujiont (Brüssel), 
O. VON Gebhardt (Leipzig), K. Pfuhl (Rom), P.Thomas (Gent), G. VrrEi.i.i (Floren/.) 
auf das Liebenswürdigste unterstützt. 

- RrrscHL's Ada soc. phil. Lips. 111, Leipzig 1873, S. 12. 

° S. 396'' 1 1 eotice de Kai i) t^^vi rriv <j>vmv jjujwvjdvi) tovto irocetv vergl. de victu C. I iff. 
15ei.spiele aus der INIusik ebenda c. 18, Grammatik c. 23, im Kinzelnen abweichend. 



DiKLs: Zwei Fi'agmente Ileraklit's. 189 

setzt »Verknüpfe Verdrrl)lichcs und Niclit -Verderbliches«, was Schuster 
naclischreibt, noch, was dem Verständnisse näher liegen Avürde, poten- 
tial, da das unentbelirliche äv fehlt. Ferner würde der Schluss, wie 
SciiLEiERMAciiEK fühlte, aus der Construction fidlen. 

Alle diese Schwierigkeiten verschwinden, sobald man nur den 
<liploinatiscli feststehenden Text vorlegt. Die Schrift De mundo ist 
uns glücklicherweise in fünffacher Überlieferung erhalten. Die directe 
Tradition unserer Hdss. führt bis in das 1 1' Jahrhundert', eine arme- 
nische Ubersetzvmg stammt aus dem 8. oder 9. Jahrhundert", eine 
syrische (des Sergius) aus dem 6:\ Excerpte des Joh. Stobaeus* aus 
derselben Zeit, endlich die Bearbeittmg des Apuleius führt in das 
2. Jahrhimdert, also etwa ein Jalirhimdert nach Entstehung der Schrift, 
ziu'ück. 

Stellen wir zunächst die directe Überlieferung fest! Von den vier 
Hdss. OPQR, nacli denen der BEKKER'sche Text recensirt ist. zeigt keine 
die Vulgata. Vielmehr haben OR crvvä.\fnes, P crvWriyjnes . Q arvväyjfas. 
die sich alle auf die vollkommen verständliclie Lesart CTvväyfnes ver- 
einigen. Dasselbe ergiebt auch, wie ich Bekkers Apparat zufügen kann, 

N 

L: crvXXäyfries. »Verbindungen (d. h. innerlieh zusammenhängende Ge- 
gensatzpaare) sind: Ganzes und Nichtganzes« u. s. av. Statt des ge- 
wöhnlichen crwcncTei oder <TvvfjirTai' ist prägnant das Subslantivum 
gesetzt, während die Copula der Energie des Ausdruckes zu Liebe 
unterdrückt wird. Die Bed(Mituni'- und Verbreitung dieser Ausdnicks- 



' R (l'arisiniis 1102) stainmt ans s. XI, L (Lips. gr. 16) aus s. XI\' in., P 
(Vatic. 1339), eine Pergamonthds., aus dem Ende des XIV. s. Die übiigen O (Vatic. 
316: Joh. Rhosos) und Q (Marc. 200 s.XV) und Marc. 216 Paris. 1603. 2992 sind jung. 
L ist von Bekker leider nicht herangezogen worden. Über ihn vergl. Ar. q. f. de 
MXG. lib. Abh. d. Berl. Akad. 1900 S. 4. 

^ CoNYBEARE, Anecd. Oxoniens. 1892 p. XXXII. Die beste Hds. ist die dort ex- 
cerpirte aus Edschiniadzin s. XIII, die aber leider erst 397'' 16 einset/.t. Die übrigen 
sind aus der griechischen Vulgata stark interpolirt. 

^ Edirt in Lagarde's Analectn St/riaca (s. Baumstark Liiviibr. Syro-Gr., Jahrb. 
f. cl. Phil. Suppl. XXI 381). 

^ 2-5 I 255, 10 W., c. 6 43.15, c. 7, 5 82,24. 

^ So von der Verknüpfung der Gegensätze Lust und Schmerz im Eingange des 
Piatonischen Phaedon üo-rrep sk /iiäs Kopvtpijs (Tvvii/xfievo> ov' ovre (60 B). Aristoteles zieht 
liier das Activ in intransitivem Sinne vor, z. B. Phys. 8. 264'' 27 ov yap (rwäirrei ri; 
"PX'i ^ '"'^pes, i'i Se lov kvkKov [nämlich 7repi(f>fpeia] (rwöwTei, was Heralclit ausdrückt fr. 70 
^vvöv äpxh Kai wepas em kvkKov Trepi<j>ep6!as. Später zieht man wieder das Passiv vor, 
vergl. Magn. mor. B 11. 1209'' 5 a-uvfJTTTat yap irws TÖiyaOS) t6 avTÜ äyaööv. Bekannt ist 
der stoische Terminus awijfi/jevov (hypothetisches Urtheil). der sich auf die Verknüpfung 
durcli el bezieht. Synonyme Ausdrücke für a-vvayj/is bei Heralclit sind äp/toviT], ev, ^vvov. 
Bei Aristoteles ergiebt sich die begriffliclie Bedeutung des Wortes z. B. aus Metapli. 
K 12. 1069''' 8 t6 (rvve)(es ev rovTois ef wr eV rt Tr€<f>VKe ylyvea-Bai Kam t!]v (7vva\j/iv. Vergl. 
nachher (Tvji<j>v(ns. 



190 .Sitzuiifi; der j)liilosoj)liiscli-liistorischen Classe vom 1-1. Februar. 

woi.sc Avill ich später verfolgen. Hier geiiü,i>:t es, die vollkommene Ver- 
ständlielikeit dieser liandscliriftliehen ÜLerlieferung darzuthun imd zu- 
iileieli aid' d(!ii Vortheil hinzuweisen, den .si(^ der Verknüpfun.ü' des 
ganzen Bruclistückes bringt. Es ist nunmehr nicht melir nöthig, mit 
SciiLKncRMACHER bci €K irdvTwv ev kt\. ein neues Fragment zu beginnen, 
wa,s nach dem Zusammenhang kaum thunlicli erscheint, oder zeug- 
matisch aus dem (Tvvdyjreias ein allioemeineres Verbum zu ergänzen. Viel- 
mehr ist nun Alles glcielnnässig durch die zu Griuide liegende Co]iula 
zusammengelialteu. 

Bei Stobaevis, der ein grosses Stück des Buches De mundo in seine 
Eklogen aufnahm (I270W.), heisst die handschriftliche l'berlieferung 
(TvKKäyfrei es. worin das richtige CYNAyiec bereits in einer Trübung- 
erscheint, die auch in dem o-vWaxfries des Lijisiensis wiederkehrt. 

Sergius, der ebenfalls im 6. .Inhrhiindcrt die Schrift De mundo 
in's Syrische übersetzt liat, scheint, wie man annimmt, den Text des 
Heraklit nicht völlig gefesst zu haben, was ihm Niemand verübeln 
wird. Aber wenn er am Anfang übersetzt: »Vereinigung iür Alles 
und für Nicht -Alles«, so ist klar, dass er (rvvd\ffies oXa kcu ov^ oXa 
vor sich gehabt und dies wenigstens richtig begrifien hat.' 

Der älteste Zeuge, Apuleius, hat in seiner lateinischen Ubersetzun,«; 
glücklicher V^eise hier nicht eine ungenaue Bearbeitung, sondern, Avie 
bei manchen Dichterstellen, den Originaltext vorgelegt. Natürlich geben 
die Hdss. nur das wieder, was der Schreiber des Archetypus von 
gTiechischen Buchstaben ohne Verständniss nachiiemalt hatte. Dies 
war aber weder awaxfreias der Vulgata noch crvvdxirais, was in der 
GoLDBACiiER'schen Ausgabe steht, sondern CYNAYIAIC. d.i. in schlechter 
Orthographie (Tvväyfries. Die Tlberlieferunii- des Apuleius wird uns noch 
später 1 )eschäft igen . 

Ich stelle also fest, dass das Fragment nacli der überall einstim- 
migen Recensio aller Jahrhunderte mit (rvvdxfnes begann. 

Diese urkräftige AusdrucksAveise setzt eine verbale Kraft der Bil- 
dvnig auf cris voraus, die in der That im 5. Jalirliundert noch vor- 
handen war, w«) eine Fülle solcher Wörter neu a>ds])ross. Bei dem 
Heringen Bestand unserer classischen Prosa ist es müssig, die Frage 
aufzuwerfen, ol) Heraklit, bei dem (Tvva'^is zuerst vor Pia ton auftauciit, 
etwa als Schöpfer des Wortes zu gelten habe. Avie lioch überhaupt in 
dieser Beziehung sein Einfluss zu veranschlagen sei. Nach dem ganzen 
Stil kann ich mir seine Oriiiinalitiit auch hier nur als sehr bedeutend 
vorstellen. 



' Die armenische Überselzimg überträgt nach Conybeark (briefhche Mittlit>ilung> 
iTvväyj/€ts oder awaij/eias; aber hier fehlt die alte, echte Überlieferung. 



DiELs: Zwei Fragmente Heraklit's. 191 

Fniclitbtircr ist es, die Geltung dieser Praegnanz in Heraklit"s Stil 
und weiterhin zu verfolgen. Genau so gepi-ägt ist fr. 2 i Bywater irvpos 
Tpoirat irpwTov OdXacrcra, d. h. nvp Tpeiterai irpwTov es 6a\a(r(rav. 
Der Unterschied liegt auf der Hand. Im Substautivum liegt das Regel- 
mässige, Dauernde, im Verbum nur der einmalige Vorgang. So sclion 
in der Odyssee das wmiderliche oOi Tpoiral i'/eAt'oio, d. h. 661 äel Tpe- 
TTCTai fjÄios. Da HerakUt's Pliysik im Auf- und Untergelien der Sonne 
ebenfalls eine rpoiri] irvpos sali, mag sein Ausdruck durch die be- 
rühmte Stelle l)eeintlusst sein. Aber die Stileigentiiümliciikeit greift 
weiter. 

Man liest bisiier aus Plut. de E ap. Delpli. 8 das fr. 22 Byw. so: 
irvpos ävTapeißeTcu irdvra Kai irvp äirävTwv uxrirep ^pvcrov ^pripara 
Kai xp}]pdTwv ^pvcös. Aber das ist schlechte Vulgatlesart. Li den 
nichtinterpolirten Hdss. DV'F', die zum ersten Male in Paton's Aus- 
gabe (Berlin 1893) bekannt wurden, heisst es ävTapoißr\Ta (oder 
ävTapoißr]Tai) irdvTa. Das Fragment hat also künftig so zu lauten: 
iTvpos ävTapoißi] to. irdvra Kai irvp äirduTiov. So lauten denn aueii 
die Excer])te bei Diog. IX 8 irvpos äpoißr\v tci irdvTa, Heraclit. alleg. 43 
irvpos jap Sri KaTCi tov cßvo'iKov HpaKXeiTov äpoißrj \äpoißi]?\ tci 
irdvTa yivGTai. Sie gehen auf Tiieojihrast's (pvcriKwv So^ai zurück wie 
Simplic. Phys. 24. 4 irvpos äpoißi]v elvai cfyijcriv H. irdvra und Eus. 
P. F^. Xn. 3, 8 äpoißrjv eivai rci irdvra. Wie in den Exeerpten irdvra 
mid rd irdvra al)wechselt, so auch bei Heraklit selbst toi irdvra und 
äirdvrwv und ebenso fr. 26 irdvra ro irvp eireXOov KpiveT. dagegen 
2 7 rd 8e irdvra oiaKi^ei Kepavvos. 

In den F]xcei'pten ist das ursprüngliche dvrapoißri, das erst wie- 
der bei Chrvsostomos und den Byzantinern auftaucht, in das übliclie 
äpoißri geändert worden, nicht ohne eine Feinheit des Originals zu ver- 
wischen. Heraklit kommt es darauf an hervorzuheben, dass der Wan- 
del des Feuers in Wasser u. s.w. kein einseitiges Hinabsteigen sei, dass 
ihm vielmehr die öBos dvw, von der Erde durch das Wasser zum 
Feuer, entspreche. Darum ist aucli in dem Beispiel von Gold imd 
\\aare der gegenseitige Austausch auscb-ücklich luid breit ausgeführt. 
Wo aber Heraklit breit zu werden scheint, ist gewiss stets eine beson- 
dere Absicht dahinter. Denn a'ou der Behaglichkeit seiner Landsleute 
liat er wenig. Darum spart er auch das Verbum eivai in allen diesen 
Fällen. 

Diese ganz ausserordentlich energische Ausdrucksweise hat auf 
das Stilgefüld des fünften Jahrhunderts sichtlich gewirkt. Ich will 
nicht wiederholen, was ich im »Parmenides«, was dann E. Norden in 
der «Antiken Kunstprosa« im Zusammenhang über den rhetorischen 
Einiluss der heraklitischen Aphorismen angedeutet hat. Dieser Ein- 



1 !)2 Sit/uiif;- iliT |)liili>,si)]ilii.scli-liist()ri.sclu'ii Cla>se vom 14. I'"rl]ni;ir. 

Ihiss ist j;i uiiw idcrstelilifli, nucli licutf iiocli. Ich will nur zeitfcn. 
wie (liest' Figur der substjuitivischen Pr;ic,iin;ti)z die Technik der Folne- 
zeit beherrscht. Zuerst also, wie billiii'. Gorgias im Epitaphios km Siaaa 
äcrKriaravTes naKicTTa S>v Bei yi'w/i;/!' Kai pd/Jirjv Tr]v fxev ßovKevovres 
Tr}v SciTToreXovvTes , OepäirovTes /aev twv ciSikws SvaTV)(ovvT(i)v, 
KoXaaTai Se twi' äSiKws eiiTv^oiH'TWV statt des (■(incinnen depcnrev- 
ovTes und KoXä^ovTes; nder ])raedicativisch Hei. lO ai jap evdeoi 8iä 
Xöjwv eTTwSai eiraywyol i)Sovris, aTraywjol Xinr>]s yivovrai. Ilera- 
klit's geistloser Imitator De victu I i8 sagt: äppovii^s crvvTä^ies eK twv 
avTwv ovx Q' avTai, eK tov ö^eos Kai e/c tov ßapeos. Das klingt so 
sehr (auch im Weglassen der Copula) an das eben behandelte Frag- 
ment Heraklit's an, dass liier einmal eine auch dem Inhalte nach nach- 
weisbare (s. S. i88^) unmittelbare Entlelinung vorzuliegen scheint. 
Thukydides, der in seinem ganzen Charakter zu dieser Praegnanz des 
Stils neigt, hat Vieles der Art\ auch der blossen Variation lialber. die 
er liebt, z.B. I 23: ovTe jap iröXets TocraiSe X}](f>6e?(Tai i]pr}pwdr](yav 
0VT6 <f)vyal TOcraiSe ävBpwTvwv Kai cf)6vos, Mieder mit liarter Auslassung 
von rjv. 

Welcher Unterschied zwischen der gew nindiehen verbalen und der 
künstlichen substantivischen besteht, ist intelligenten Schriftstellern 
keineswegs verborgen. Ein Künstler wie Piaton, der die rhetorische 
Technik, die er bekämpft, besser kennt als irgend Einer, der sie übt, 
hat oft anscheinend regellos gewechselt. Aber gerade da , wo er mit 
scheinbar unerträglicher Abundanz Beides dicht nebeneinanderstellt, 
springt die Absicht für den Nachdenkenden klar hervor, z. B. im Pliae- 
don yiii: yiyveadai re avra e^ äXXi'iXwv yevecriv re eivai eKaTepov eis 
äXXrjXa. Der Unterschied ergiebt sieh aus dem Folgenden (r>) eK tov 
KadevSeiv to eypi]yopevai yiyvecrOai Kai eK tov eypriyopevai to KaH- 
evSeiv, Kai tos yeveaeis avTo7v tyjv pev KaTaSapOäveiv e'ivai, tijv 
S' ctveyeipecrBai. Das Verbum bezeichnet den Vorgang iles Werdens im 
Allgemeinen, das Substantivum fixirt die typischen Zustände: jenes 
wird concret, das Substantivum abstract angeschaut. Und so ist diese 
ganze Ausdrucksweise ein Zeichen, dass die Spracht' sich vom An- 
sciiaulichen zum Begrifilichen wendet. So steht Heraklit, der unter 
allen Vorsokratikern durch die Kraft der Abstraction, durch die Be- 
tonung des liinter den Phänomenen verborgenen Gesetzes ]ier\orragt. 



' Auch Verkanntes, wie 111 82,6 oü yap fie-ni tüv Ketjiivoiv vojitov ü<j>e\iat a'i Toiavvai 
^vvuSoi, äWä vapii roi'S KaBea-rÜTas irKeove^iai, Hier werden bxfieXlat {b)(f>e\ias Hds.S.) und 
■7r\eove(!ai gewölinlicli als Dativ gelesen, richtig nach Dionys (d. Thuc. I 377. 14 Us. — 
Raderm. Anni.!) J. C.Voi.lc.ravf, Slud.palaeo(/r. p.^o. Mnemos. N. S. XXIX81. Solche 
l'"iille zeigen heiläiifig, dass unsere unantike Druckweisc , welche Dativ Sing, und Nom. 
l'lur. für das Auge scheidet, praktisclie Vorzüge hat. 



DiF.r.s: Zwei Frji.niiiente Heraklit's. 19',) 

mit Kcclit JIM der Sjjitze jener stilistischen Neuerung. In diesem allmäli- 
liclifn Vordringen der substantivischen statt der verbalen Wendung 
unterscheidet sicli die Prosa von der Poesie', die spätere Prosa wieder- 
um von der classischen, ebenso im Latein die Prosa Cicero's von dem 
Verse des Pkvitus und wiederum — das ist am auffalligsten — dir 
energische Stil des Tacitus von der classisclien Art. Die Grundunter- 
schiede endlieh moderner und antiker Ausdrucksweise beruhen hierauf. 
Das weiss bereits die Sciudstilistik, wenn sie beispielsweise Leser und 
lector gegenüberstellt und ah urhe condita substantivisch übertragen lässt. 
Aber wie der Wechsel der Ausdrueksweise im Einzelnen historisch 
geworden ist, das möchte man einmal durchgeführt seilen in der Art 
des NoEDEN'schen Buches, das einen anderen Heraklit'schen Keim , die 
Antithese, die ebenfalls im innersten Marke der ephesischen Philosophie 
wurzelt, in seiner Entwickelung durcii die Weltlitteratur lichtvoll und 
ergebnissreich verfolgt hat. 

Das Fragment, von dem \\ir ausgingen, heisst also: crvvctxiries oXa 
Kcu ovx oXa, (TVfK^epönevov Sia(f)€p6/ievoi', crvvaSov SiäSov, e/c Trai'Ta)!/ 
ei' KCU €^ evos iravTa. Freilich die directe Ilberlieferung bietet statt 
dess(>n meist oiiXa Kai ov^i ovXd', aber 6Xa kui ov)( öXa. was P giel)t, 
steht im Stobaeus (d. h. in den Anmerkungen!) und im Apuleius. Für 
Heraklit's Schreibung ist die Orthographie von oAos irrelevant, da er 
auf alle Fälle oAA schrieb^: es handelt sich hier nur um die Ortho- 
graphie des Pseudo -Aristoteles. Bemerkenswerth ist also, dass, da die 
Eecensio oXa koI ov)( oXa als seine Lesart herausgestellt Iiat, eine 
Übersetzung in's Episch -Ionische (denn Herodot's Überlieferung giebt 
oXos) erst in sjiätbyzantinischer Zeit stattgefunden hat. Bemerkens- 
\\erther aber, dass die übliche Übersetzung »Verknüpfe Verderbliches 
und Nicht -Verderbliches« , die nur auf dieser .späten Pseudo -Über- 
lieferung beruht, von selbst hinfällt. Schleiermacher, der diese Über- 
setzung aufgebracht liat, bemerkt »Ganzes und Unganzes« gebe keinen 
»reinen Sinn«. Allein der hippokratisehe Nachahmer zeigt, wie das 
zu verstehen sei De victu 1 15: (Tkvt€7s ra oXa Kora pepea Siaipeovcri 
KCU Trt pepea oXa iroiovcri • Te/jivovTes Se kcu Kevreovres ra cradpa 
vyiect TToioucTL Kai ävOpwTros Se tcwtci TräcTT^er e/c twv oXwv /aepea 

' Inttii-essant ist es zu sehen, wie Bakchylides 3,85, wo er, Pindar's Tiefsimi 
iiaeliahinencl {(bpoveovri a-wera yapva nach O. 2, 191), seine heitere Stirn in philosophische 
Falten legt, die substantivische Praegnanz verwendet: ßaOvs fiev aWi)p ä/üavros, voiop ee 
TTüVTOv ov (TaTreTar evt^ pofrvva ü' ö ^pva-6s , d.h. am ev<f>patvei, Hoftentlich wird das be- 
anstandete Wort in der dritten Teubner'schen Auflage wieder erscheinen. 

" ovKKa (aus ov\aa) Kai ovx ovKKa L, ebenso wie es scheint R. oiiKa KUI ovK 
ovKa O. 

^ Der keische Stein 43 bei Bechtel S. 45 oKoa-xepea kommt nicht in Betracht, 
da er atti.schen Einfluss zeigt, was ich wegen W. Schulze, Quaest. ep. 104', bemerke. 



194 Sitziinj; der j)liilos()j)liiNcli-lii>toiiscli('ii ('hisse vom IL l'i'bniiir. 

SiaipeTTat koi €k twi/ fxepewv crvvTiBenevwv 6\a jiveTai\ und vor Allem 
Panncniflcs in der Polemik seiner AKijÖeia, die so ol't direct i^'e.yen 
lleraklit ifericlitet ist: das Merkzeiclien des Eins ist ovXov, das in 
der ganzen Darle.nunu' seines Monismus eine herv()rrat;<'nde Stelluiiii- 
Ix'liauptot." 

Auch in der Partikehcrliindunu liat die Lyzantiniselie Textüber- 
lieferun.ü' die arehaiselie Stren^'e des Frat;nients übel A'crwässert. \\ ir 
linden hier avficßepö/jievov Kai Statte pöjievov, crvväSov Kai SiaSov. Nur 
fehlt Kai vor SiaSov in der ältesten t'berlieferuni;- KL. Diese Spur 
bestätigt Stobaeus (d. h. dessen lidss.), der (rvfi(f)ep6pevoi>. Siacf)€p6pevov, 
(TVvaSov, SiaSov liest. So FP, imr dass P. wenn die Collation ucnau 
ist, Koi nach crvpcfjepopevov zusetzt. Nun könnte man ja sa,i>en, dass 
hier überall, wie sonst oft, KAI vor AlA ausgefallen sei. Aber Apuleiu.s 
Itringt die Entsclieiduni;-. der das Asyndeton strenjn' durchführt und 
wie Stobaeus auch das kuI \uv eK irävTwv ev kui e^ evos navTa als 
Interpolation der Byzantiner erweist. So kann man die Stelle ji'tzt 
als diplomatisch durchaus .i>-esichert betrachten. 

Doch darf ich von diesem Frai^-ment nicht scheiden, ehe ich meine 
Probe des Apuleius, die mit der letzten, kritisclien Edition GoLituArHEiis 
nicht stimmt, gerechtfertigt halie. Diese Ausgabe hat leider die beste 
Handschrift B (Bruxell. 10054-10056, s. X/XI), die bei dem Fehlen des 
]\Ionacensis flir die zweite Hälfte von De mundo besoudci-s wicliti,ü- ist'', 
nicht benutzt und über die nächstbeste V (Vatic. lat. 3385, s. XII) im- 
i^enaue Aniiabt-n ,ü-emacht. So bin ich nenötld.ü't, diese Avichtiii'sten 
Zeugen, und zwar aus einem besonderen Grvmde in facsimilirter Schrift, 
hier vorzuführen. 

B Cr N\2s.Tri^(AtCOA.\)<*.tor^oA\^IN'^jpA.AeK'0]sfaT2i.4'^^P^'^^'^"'^* 

cv^AXo-isjrkjAXors AI Ke-rAHriwsTeN KAl'?^CKo<^e)rArvrAj, 

CX-WAAOHA.l<V\OHMKffÄ.>^fcoNFHKA\e^^WOceifAH(^V.>f'- 

Ks ist klar, dass die Schreiber in Bezug aul' die dini Lateinischen 
feldenden griechischen Buchstabenformen, z. B. A A H n Y y CO. sieh 
so gut geholfen haben wie sie konnten, indem sie entweder die i'remden 
Züge ungeschickt nachmalten ddei' ähnliche Sui-nigale aus dem lateini- 

* Kbenso 17 ■r« /^tv oKa oiaipf^nvres ra oe Sttipjj/j^va oiivTiO^vres kt\. 

■•* Die ^'ennlltllllng Patin's, lleraklit. lieisp. I 51, dass ov\a in .sciiiilerndein Doppel- 
.sinn »Verderbliclies- und zugleich »Ganzes- bedeute, gehört zu dem Überscliail'- 
siniiigcn, das die Leistungen dieses modernen Herakliteers so oft luifruchtbar niaciit. 

" E. RoiiDE, Rh. Mus. XXXN'II. 151: V. 'V mm Af>. Remarques iritiijties sur lex (ciwn.t 
philnsophiqms il'Apidi'e (Kxtr. d. liuli. ilr l'Ac de Helge. ISruK. 1898 -1900) 1—4. 



DiKLs: Zwei Fragmente Heraklit's. 1 9r) 

sehen Alphabet nahmen. Dies ist nun freiUeli stets bei der Abschrift 
der Graeca so gehalten worden. Aber der Schreiber unseres Arche- 
typus hat oftenbar in diesen schwierigen Fällen zwei Hdss. zu Rathe ge- 
zogen, deren Schreiber in verschiedener Weise des Griechischen mächtig 
waren. Der eine hantirt nur mit lateinischen Surrogaten, ohne jede Spur 
von Verständniss , der andere hat eine Ahnung von griechischen Buch- 
staben, vielleicht auch von griechischer Sprache, die ja im Abendlande nie 
ganz ausgestorben ist. Der Schreiber des Archetyxius scheint nun diese 
beiden Versionen nicht selbst benutzt (da alle unsere Hdss. im Wesent- 
lichen dieselbe Contamination zeigen), sondern vielmehr eine Urhand- 
schrift benutzt zu haben, in der die zwei Lesungen, die barbarisclie 
und die gelehrtere, über einander standen. Denn es finden sich in unseren 
Überlieferungen Dittographien und Verwechselungen von Buchstaben, 
die schlechterdings nicht anders zu erklären sind. 

So gleich zu Anfang ist das cynayiaic der alten Überlieferung 
ofl'enbar doppelt gelesen worden, einmal CYNATIAIC, das andere Mal 
CYNAYIAIC. Die Difterenz A und A (oder A), sowie Tl und Yl ist offenbar 
dann über einander in das Exemplar eingetragen worden, das der 
Schreiber des Archetypus stupid benutzte. Ebenso stammt YlN<l>iPMeNON 
aus einem Exemplar, wo das als CiN<l>ePOMeNON oder ähnlich gelesene 
Wort die von dem kundigeren Schreiber gegebene Variante mit Y über 
der Silbe Cl zeigte.' Der Schreiber des Archetypus, der eben mit Mühe 
das fremde Zeichen Y hingemalt hatte, glaubte in dem Y wiederum 
dasselbe Zeichen zu erblicken und setzte es einen Buchstaben zu früh 
statt C in den Text. Die ülirigen Versehreibungen bedürfen keines 
weiteren C'ommentars. ausser AiKei&NrcoN = eK TrdvTwv. Die diph- 
thongische Schreil>ung a'ou 6 gehört der alten Überlieferung an und 
liegt wie in CYNAYIAIC A'or der barbarischen Transcription; eigenthüm- 
lieh aber ist, dass TT zerlegt wurde in 6 und f (oderr), was am Schlüsse 
in einö.NrA = Trai/ra wiederkehrt. Ich fasse hier die beiden ersten 
Zeichen ei als Zerlegung des ersten Schreibers, das dritte (P) als die 
Lesung des zAveiten Schreibers auf. die neben einander geschrieben 
wiu-den. So ist in Ak\*eiPeMeNON zuerst das P mit l, dann genauer 
mit P wiedergegeben, was ruhig neben einander gestellt wurde. 

Diese kleinlichen Bemerkungen Avaren nöthig, um Unformen Avie 
epLiravTa (Hildebeand) von dem Texte fern zu halten, vor Allem aber, 
um ein zweites bei dem Verfasser De mundo erhaltenes Bruchstück des 
Heraklit methodisch anzufassen, das von hervorragenden Gelehrten mit 
unbegreiflicher Willkür behandelt Avorden ist. 



' So erscheint das Y an anderen Stellen. Vielleicht ist auch das überschüssige 
Y am Schhisse eine Correctur des missrathenen Y. 



1 !)(i Sitzung der ])liilosü])lii.scli-]iistoriscli(Mi C'lasse vom 14. rebrunr. 

«Ciutt, « .siigt i^egoii Scliluss c. 6 f. in .schwun,y;vüllem Hyumenstil 
der Verßisst'r, »Gott ist das wahre Gesetz, das den ganzen Kosmos 
(lurcli waltet nnd sich Jeglichem nach seinem Samen, auch Thiercii 
und Pllanzcn, mittheilt. Reben und Palmen, Feigen- und Ölbäume. 
Platanen und Fichten, zahme und wilde Thiere, die sieh in der Lul't. 
a\d" Erden und im Wasser nähren, Alles wird und wächst luid stirbt, 
gehorsam den Gesetzen Gottes« {ylveTai Kai aKfxä^ei Kai (^BeipsTai tois 
Tov ßeov ireiOo/ieva Oea/uLoTs). Darauf sehliesst das Capitel mit <len 
Worten (11.401" 10): iräv jap epiverbv ry]v jrjv viperai. ws (f»]aiv 
HpaKXetTos. Was bedeutet dieses Citat? ScuLKiERMAcnKi! übersetzti- 
»Alles Gewürm nährt sich von der Erde« ; Sciiusteu: »Alles, was gehen 
kann, hat die Erde zum Wohnsitz und zur Weide«. Beides auf die- 
selbe unmögliche und in diesem Zusammenhange unverständliclu- Er- 
k l;i rung hinauslaufend. 

Aufklärung giebt wiederum die Recensio. Unsere directe Über- 
lieferung ist freilich einhelliij'. auch der Lipsiensis weicht nicht ab. 
Die armenische TJbersetzung scheint ebenfalls übereinzustimmen, so- 
weit die Vulgata in Betracht kommt.' Aber in der Vorrede theilt 
er aus dem alten, uninterpolirten Codex von Edschmiadzin die Lesart 
7rA>7'y>;i' mit. Ihre bessere Form bringt die Version des Stob'eus. die 
leider hier niu' in der einen liuten Hds. F vertreten ist. TrXfjyf]. Bekgk 
hat das Verdienst, diese liberliefcrung zu Ehren gebracht und dei- 
cutscheidenden Belegstelle aus Piaton sich erinnert zu haben." Im 
Kritias führt nämlich der Philosoph aus, dass die Götter in friedlichem 
AN'ettstreit die lilrde unter sich vertheilt und besiedelt hätten (logBc): 
oioi' vopfjs TTOifivia, KTrifiara Kai dpeuptara mvrwv rjpäs CTpe^ov TrXrjv 
ov (Twpaai (TwpaTa ßia^öpevoi Kadäirep iroipeves KTijvr} TvXrijrj vifiov- 
T€S, oKK . . . oiov o'iaKi ireidoi \j/v)^ris ecf)aTrT6p€voi Kara tyiv avrwv 
Siävoiav, ovTws äjovres ro Ovf^rbv rcctv eKvßepvwv.^ Es lieut auf der 
Hand, dass Plat(m sich auf Heraklit's Ausspruch bezieht. Aber Bergk 
hat sicli leider A^on da ab auf Irrwe.i>en bewei;! . welche ihn von dm* 
ka\un gefundenen Spur wieder weit entfernt haben. Er glaubt nämlieli 
hier eine Polemik gegen Heraldit zu wittern. Dieser habe die Men- 
sehen von Gott körj^erlich und mit (icwalt leiten hissen. Dageu:en 



' CoNviiKAHi:, Anci-d. O.v. p. 69. Auch die syrische Übersetzung folgt le.dig- 
licli der \'u]gata .denn alh's Kriechejide«, wie Heralilit go-sagt hat, "weidet auf der 
ganzen Erde«. ()ü "weidet» einendi)t Ilr. Sachau, dem icii die syrischen Über- 
.spfzungen verdanke, aus dem überlieferten ).^), »ist ähnlich gewesen«). 

=^ Hall. Progr. 1861/62 (Kf. phil. Sehr. U S3). 

'^ Proclus in rem p. II. 20,23 Kroi.l. avTOKivi'inos yäp ^ücnv [nänilieh «i \/fvxa!\ Kai 
ov nepiayovrai ftovov viro rfjs ei^apfievijs toairep ra irKijyij v€fi6/n€va <f>a<nv, aWa Ka) eavrus 
nepidyova-iv seheint auf diese Platostelle, nicht direct auf Heraklit anzuspielen. 



DiEi.s: Zwei Fragmente Heiaklit's. 197 

wfiide sich Piaton, indem er die sfinfte Treiöw an die Stelle der ßia 
.setze. Davon steht nichts in dem Zusammenhange von De mundo. Viel- 
melir sclüiesst dort der Satz: tois tov Oeov ireiOofieva deafJioTs. Soll nun 
Piaton dieselbe ireidw gegen Heraklit ausspielen, der doch seinen \6yos 
nicht gewaltsam, sondern ebenfalls auf dem Wege der seelischen Ein- 
^\ irkung auf Mensch und alle Creatvu' wirken lässt? Freilich ist He- 
raklit's Seele etwas Materielles, aber sie ist doch deutlich gegen das 
eigentliche Somatische abgesetzt. Piaton kämpft also hier nicht gegen 
Heraklit, sondern er folgt ihm, ja er schmiegt sieh ihm an, da der 
zweite Vergleich, der an den ersten von der Weide angeknüpft ist, 
CK Trpv/xvris ärrevOvvovTes olov oictKi iveidoi vmd der Schluss -nav eKV- 
ßepvbdv auf die bekannten A'^'ol•te des Ephesiers xa ivävra oiaKi^ei k€- 
pavvös (28) und ev t6 cro(f)6v, eTricTTacrdai yvwfjiriv, ÖTeti eKvßepvtiae 
irävTa Sia irdvToov (19)' anspielt. Nur dieser Gedanke schliesst den 
Hymnus des Verfassers De mundo richtig ab: Alles steht in Gottes 
Hand, Alles lebt und webt durch. ihn. »Denn Alles, was da kreucht, 
wird durch seinen Schlag zur Weide getrieben.« Durch seinen Schlag; 
das steht freilich nicht da. Ich vermuthe also, dass das Wort deov 
v(n- TrXrjyfj früh ausgefallen ist, und glaube in der ältesten Über- 
lieferung bei Apiüeius noch eine schwache Spur davon zu finden. 

Ehe icli dies nachweise, muss ich wieder die beste Überlieferung 
vorlegen. Da V hier fehlt, so liabe ich F (Flor. S. Marci 284, s. XII) 
neben B herangezogen. Die übrigen lldss. weichen übrigens nicht 
wesentlich ab: 

B mcnCl nÄ(STAer<^preroJ'v>occ<xrr»N)Ä.MepH«'re.roNoYrAl7yti 
F ■menr'.t ■nA.HTAefe-FKcroJAvoss.^.KKlU.v A\cPH-e55ClON0J5.vhfrt • 

Es ist nicht zu sagen, was aus dieser Zeile Alles herausgelesen 
worden ist. Byw.\tkr zählt folgende Lesungen auf: vovs airavTa evep- 
jerwv WS äv riva pepi] (tw^citos äiSiov Vossius; eis äiravTa Sieirwv 
Koo-juas Kvßepva fiepepto-juevos es äiravTa Bernays; Zevs airavra evep- 
yeTeT öpu>s ws av Tiva pepr] crwpaTos avTOV Goldbacher; Zrjvbs airavTa 
KvßepvaTai vow OKWcnrep veperai epireTov TrXriyrj Bergk. Es ist uu- 
nöthig, alle diese zum Theil sprachlich und inhaltlich b(>denklichen 
A'ei'suche ernstlich zu prüfen. Der Ausgangspunkt ist völlig verkehrt. 
Es ist unmöglich , dass ein fünffach innerhalb von tausend Jahren be- 
zeugter Text solchen Schaden erlitten liaben soll, dass derartige Her- 
stellungen überhaupt denkbar wären. Auch Bergk's Vorstellung, Apu- 

' ÖT€tj (= !JTis vergl. zu Parmenid. 8, 46) giebt die beste Überlieferung; eKvßfpviia-e 
(giuuniscli) statt Kvßepvija-ai der Hdss. liabe ich gebessert. 



198 Sitzuiif;- der ])liilosoi)liiscli-lii.sli)iisclieii C'lasse vom 14. Februar. 

lci\is ]i;il)C ciiic Hds. benutzt, in der (l;is ungenügende Citat des Ver- 
fassers De mundo aus Hei-iklit selbst ergänzt Avorden sei. entlielirt 
jeder Analogie und Wahrscheinliclikeit. AVir können in der ältesten 
Quelle des Textes einen in Kleinigkeiten correcteren oder vollstän- 
digeren Text erwarten, aber ein vollständiges Quidpro(|uo wäre selbst 
dann unglaublich, wenn sich die Herstellung mit zwingender Sicher- 
heit aus den Ildss. des Apuleius ergäbe. Die lächerliche Verschieden- 
heit der Resultate zeigt, dass dieser Weg unuangbar ist. 

Eine metlHidische Betrachtung muss vielmehr von zwei Sätzen 
ausgehen. p]rstens ist an der muthmaasslichen Identität der lateini- 
schen und griecliisehen tlberlieferung festzuhalten, sodann müssen wir 
erwarten in dieser, Avie schon die Zahl der Buchstaben ergiebt. viel 
umfangreicheren Tradition dieselben Dittographien der Abschreiber 
■wiederzufinden, dii' wir bei dem früheren Citate festgestellt haben. 
Niu- dass hier, wo der Inhalt noch schwieriger erscheint, die Hülfe 
des gelelirten Schreibers nocli öfter herangezogen werden musste. 

Von diesem A'^isirpunktt» aus sieht man zunächst ohne Weiteres, dass 
die Schlussgruppe offahljti in der Mitte zum zweiten Male als OCC^YYl 
erscheint. P'erner ist der A^on dem barbarischen Schreiber sorglos als 
menfa gelesene Anfang des Citats offenbar sofort wiederholt in der Um- 
schrift des gelehrteren Abschreibei-s TTANTA =: irav jap. Dass e und ^ 
A'crlesen werden konnte, begreift sich leicht aus einer mein- cursiven 
Gestaltung dieser Buchstaben. Dieselbe Verlesung findet sich in diesen 
Avie in den anderen griechischen Legenden des Apuleius Aviederholt. 
Das unbekannte TT' ist Aon dem barbarisclien Schreiber als M, das eben- 
falls unbekaiuitc r als f gefasst Avorden : P ist einfach ausgefallen. Das 
folgende Monstrum erePTeTOM macht nun gar keine Seh Avierigkeit mehr. 
Das Original epireTov ist unverkennbar. Nur ist die erste Silbe zuerst 
von dem Barbaren mit lateinischem Al])habet, dann von dem griechisch 
Gebildeten mit griechischen Buchstaben gegeben Avorden, und diese 

ep 
Doppellesart er ist friedlich im Archetypus neben einander gestellt 

Avorden. Aber es findet sich noch eine dritte Version desselben Wor- 
tes cffeTon, die A^ermuthlich vom Rande stammt. Nun bleibt davon noch 
N^MePH übrig, das mit vepeTai zu identiliciren nicht schwifMÜg ist. 
Ä =: e, Avie ol)en: P = T. Aveil der Horizontalstrich cursiv mit dem fol- 
genden Anfangsstrich vom & verbunden Avurde. Was dann übiin- blieb. 
musste notliAvendig als H gedeutet Averden. Das Wort sah also in der 
alten Vorlage so aus: /K'/'^Ai ( ^'^ 

' .\ucli sonst Miaclit TT den Selirciliern Seli\viei'if;lceiten. So hat GiKi.i r r (P/ii/ol. 59, 
103) mit Ueclit Cic. ad .\tt. XV 29. 2 HOC als nittü!ira|.liie der let/.teii Silbe von 
CKOnoC erljainit (vergl. II 18. i). 



DiEi-s: Zwei Fragmente Heraklit's. 199 

Der Ivc'st i^r ;im Nclnvicrig'sten, iihvv iilücUlielicrwoiso duinx'lt er- 
halten, in ilcr 3Iittc OCCcWYl, am Ende offahyii. Schon Bergk hat mehr 
tastend tVeilicli als sehend die Identität der Schlusszeichen mit TrXrijfii 
iicmerkt. Wenn man das erste abtrennt, ist in der That die Über- 
einstimmunii- sehlag'end. Das ff ist die ungeschickte Nachahmung von n, 
wie in effeion, i\ = A wie oft, h = H, Yli = TH. Also hat auch Apuleius 
die richtige Lesart 7rA>;7}j gehallt. Nur bleibt ein incommensurabler 
l^est übrig, jenes o, das. weil zweimal überliefert, wohl nicht als zu- 
llilliger Schnörkel eliminirt werden kann. Ich sehe vielmehr darin den 
I?est (h's ursj)rünglichen 0Y, das ich mir ei-laubt habe, dem Citate vor 
7v\r]'yfj einzidügen, um den fehlenden Begrift" der Gottheit zu ergänzen.* 
e w'ird regelmässig in diesen Legenden mit O wiedergegeben. Es ist 
also nur ein Buchstabe T ausgefallen, der vor den folgendi'U ff leicht 
übersehen werden konnte. 

Die Verbindung 9eov 7rAi;7^ ist seit der Patroklie (/VaTpoKÄos 
^e deov TrXriyrj kcu Sovpi Sa/uacrOeis) geflügeltes Wort. Ai.schylos nimmt 
es auf A<6s 7rAo7ai' e^ovaiv e'nreTv (Ag. 379) und Sopliokles wendet es 
noch mehrfach an: cre S' orav irKi^yi] Aios jj ^a/ueviis Xoyos eK Aavawv 
KciKoBpovs eirißri und /ii] k Oeov 7r\t]yri Tis i'jKoi (Aiaxi37. 279). Da- 
durch schleift sich das Wort so ab, dass derselbe Dichter wagen 
konnte zu sagen 9eov Se 7rXriyr]v ov^ vTrepirriSa. ßpoTos (fr. 876), W'O 
die Katachresc natürlich willkommnen Anlass zu Conjecturen gegeben 
hat. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhundert scheint das tliegende 
AVort trivial gewurden zu sein. Euripides wenigstens meidet es streng. 
Ahnlich geht es mit dem gleichbedeutenden, ebenfalls aus Homer (MN) 
stammenden p.äcrTi'yi A/ds. Pindar (P. 4, 219) und Aischylos (öfter) 
verwenden es ohne Bedenken, Sophokles und Eurijjides haben kein 
Beispiel melir. 

Unabhängig von dieser archaischen Entwickehmg ist in der Septua- 
ginta 7r\;j7Jj in Folge eines Hebraismus (nsTD) zur Verwendung gekommen, 
inid Philon', Josephos. die Apokalypse haben diese Verwendung' auf- 



' Die Abkürzung' 0C ist in den kircliliclien lldss. regelmässig und seit dem 
3. Jahrliundert nachgewiesen (Kenyon , Palacogr. of gr. Pap. 32). Wann sie freilich in 
den Profangebrauch übergegangen ist. ist mir nicht bekannt. Das Material litterarischei', 
nicht kirchlicher Texte aus den letzten Zeiten des Alterthums ist auch sehr spärlich. 

- Ich citire eine an das Heraklitfragment anklingende Stelle leg. alleg. Ill ;^;^ 
(I 120 Cohn): Oeov yap rä irävTii KTrjuara, ti'xne 6 eavrw ri Trpo<n'E/i(i}v ra erepov voarfit^eTat Kai 
TrKtjyijv k'^et 7ray}(a\e7rov Kai öV(rtaTO\\ oitjatv^ npayfia ctfiaßias Ka\ cnraiSeva-tas trvyyeves (v^ergl. 
auch Heraklit l'r. 132). Von den aegyptischen Plagen Philo de v. Mos. I 16, p. 95 M. 
^'ielleicht bezielit sich auf jüdische "Superstition» die Bemerkung Plutarch's de superst. 7, 
S. l68c TW ee Seio-tSai'/iOvt Kat a-äftaros äppioaTta wncra Kai yprj/iäTiov äwoßoKri Ka\ reKvcov 6a- 
varot Kai Trepl TroKiriKits irpa^eis EviTi]Ufptai Kai airorev^eis VXp/y«) Oeoi> Kai irpopoXat oaiuovos 
\eyovrai. 



200 Sirzimu; der jiliilosopliiscli-liistorisclieii ('lasse vom 14. Fclu-iwir. 

,ü;enuinmt'n, und durcli das im Laloinisclicn alte, aucli früh Ix'i'cits niela- 
phoriseh g-ebrauclitf Lphinvort plätia liiiidiircli hat die \"uli;ata die 
»Plague« auch vms wie den meisten ü])ri,tien eurojtäischen .S|iracljen über- 
mittelt. In diesem Gehrauehe wechselt 7rA^7»j bei den jüdischen Schrift- 
stellern mit fidcTTi^, wie bei Pliilon in Fbicc. lO p. 528 M. Aber schnn 
in der Septuayinta erscheint dieses (z.B. Jes. 10. 26: 2. J\Iacc. 9. 11) 
und im Neuen 'l'estament ist dann Seia fiäaTi^ oder iiewölinlich jicktti^ 
allein für »Si'ottverhänijte Plage«, »Kraid<heit>' üblicli geworden. Das 
ist elteiilalls ein lieliraismus (tsitt), den Marcus (3, 10 und öfter) ohne Mil- 
derung stehen lässt, während der hellenisirende Lucas die Erklärung 
vorausschickt (7, 21): eOepc'nrevev iroXXovs äiro vocrcov kul fiaarijwv. 

Im Stile seinerzeit also hat Heraklit das schöne A\'ort gesproclien : 
iräv epTTETOv deov TrXj-iyrj ve/meTai. 

Zunächst Iieisst dies, wie <ler Zusammenhang in ih'r Sehi'ift De 
vmndo deutlicli zeigt, dass jedes 'fhier (epTreToi/. wie im Homerischen 
6(T(T €-Ki yaTav epirera yiyvovTai) durch den göttlichen i'd/ios gelenkt 
wird. Und Ähnliches findet sich nicht mn- überall in der Stoa . bei 
Poseiihmios so gut wie bei den Älteren, sondern aucli bei Heraklit 
selbst fr. 9 1 : Tp€<f)OVTai jap irdvTes ol ävßpwTreioi vöpoi viro evos tov 
deiov KpuTBL jap TOcrovTov ökÖctov kdeXei kci k^apKei iraa-i kcu irepi- 
yiverai (tvc'ivtwi'). Dann würde ep-rrerov metaphorisch aucli von den 
Menschen gesagt worden sein, ähnlich wie KTripara liei Sopliokles 
und Piaton an bekannten und oft verkannten SteUeii. Zu dieser all- 
gemeineren Deutung führt namentlich die Art, wie Platnn im Kritias 
(a. St.) das Citat des Heraklit verwendet. 

P]s könnte aber auch in beschränkterem Sinne \(hi den 'rhieren 
im Gegensatz zum Menschen gesagt sein. Denn wie die Stoa, lässt auch 
Heraklit die Thoren gegen das allgemeine Gesetz Gottes freveln. Seine 
Schrift beginnt ja mit den Klagen gegen die ä(Tvv€Toi tov Xojov TOvSe 
und viel citirt wird sein Wort tjdos ävOpwiru) Satpwv (fr. 121). Es 
könnte also der Gegensatz zwischen der ganzen Natur, die willig dem 
Gebote Gottes folgt, und den Menschen, die sich dagegen verstocken, 
hervorgehoben worden sein, etwa in iler Weise, wie Poseidonios dies 
ausgeführt liat in dei- von Wenuland mit Wahrscheinlichkeit auf ihn 
zurückgeführten Diatribe des Pliilon Ar pniv. 1 70 tf.: tirra perpetuo (ic 
jintienter rasdem producere plantas non cssaf. caeluin ordincni suwn immu- 
tabilem scrcnt, sol et Ivnu ceteraeque stellae a decenti cursu non cessant, inare 
regulam inandciti non excedif\, nquatiUa volatiUii et terrei<tria del)itis officii.^ 
non desunt': soliis lU>ertote praeditus nmndl civis homo , cui etittni principattis 

' Vergl. Hei'akiit fr. 29. 23. 

* X'ergl. jeiu' Stelle De mundo: tüv re ^äxov . . . rä re ev äfpi Km 6t1 ytjs ml iv 
vcari ßoiTKOfifva . . . ToTs Toi'i Heov TreM/ievti OeciioTs. 



DiELs: Zwei Fragmente Hei-aklit's. 201 

qiiidam imperkdis concessusfuit^ taliSj inquam^ providentiam dimisit legemque 
iustitiae neglexlt} 

Welche von den beiden mögiichen Verwendungen des Fragments 
die richtige sei, die deterministische oder die indeterministische, wage 
ich nicht zu entscheiden. Denn das zweite Gesicht, das manchen 
neueren Hei'akliteern Reihenfolge und Zusammenhang der Bruchstücke 
gclieimnissvoU erschlossen hat, ist mir versagt geblieben. 

' Vergl. P. Wendland, Philo's Sehr. üb. d. Vorsehung (B. 1892) S. 22. 



Sitzungsberichte 1901. 16 



202 



Alterthümer aus der Malakand- und Swat-Gregend. 

Von Albekt GrCnwedel und Geokg Hith. 

(Vorgelegt von Hrn. Co^"/.l;.) 

List of Photographs of sculptures froin Swat. 

By Dr. Tu. Bi.ocn. 

Im Texte bezeiclinet mit einfachen Xnminern. 

Tlic ^culiilurcs rcprosfiitcd uii tliosf pliotoiiraplis cniiic Inun :\ 
place callcd Loriaii Tangni in thc Lnvcr Swat Valley, and also froni 
various otlior plaees. No exact iid'ormatioii as to their respoctivc 
fiiid-spots is available. 'Ihe Lorian Tangai Stiipa Avas excaA'ated l>y 
A. E. Caddy in 1896 by Order of the Govt. ofBengal, and the scul])- 
tures l'ound by liini were sent to the Indian Museum in Calcutta. 
The photoi^raphs have been taken by Mr. Caddy. They however r(^- 
present some sclected pieces wliich are not in the Lidian Museum. 

1. Lariie collection of statues of Buddhas and Bödhisattvas. Thc 
large, headless statue of a Buddha on the riulit hand side of the 
photograph bears a dated inscrijition on its jiedcstal: incasurcment : 
5'4"X i'6". 

2. Inscriptiou on pedestal ot' statue of a Biiddlia. slmwn on No. i. 
The inscribed area measures i' 4-§-" X i' 5^"- The inscriptiou is dated 
in thc year 318, 27"' day of Pöthavada (Praushthajiada). 

3. Another collection of statues of Buddhas and Bödhisallva-. 

4. Statue of a Bödhisattva. standiug: 4'6"Xi'i": and plastcr- 
cast of Kharöshthi Inscriptiou from Swat. cditcd in Indian Anti(inary. 
Vol. XXVI. 1896. p. 141. 

5. 'J'wo heads of Btiddlias. and otlicr sculptun's: not in Indian 
Museum. 

6. Statuc' of a Bnddha scatcd on lotus-throne : not in Indian 31uscnni. 

7. <i) Seated Bödhisattva: 2'8"X i's": f>) three standing Buddhas: 
i' 10" X i' 10"; (?) Standing Bödhisattva: 2' 5" X 7 '; '0 seated Bödhi- 
sattva: 1' S" X I i"- 

8. Slandinu' ]}odhisatt va : 3' l" X 8": and Iwo hrokcn statues of 
Bödhisallxas. 



A. Grünwedel u. G. Hüth: Alterthüiiier a. d. iN[;ilak;ind- ii. Suat- Gegciul. 20!) 

9. a) Bödhisattva . sittiii^': 2'i"Xi'3": f>) Bödliisattva, staiidiiiy,-: 
2' 8" X 9"; c) Bödhisattva, sittin.y-: 2' 4" X i' 4"- 

10. a) Bödhisattva, staiuliiiy: sainc as 011 Xo. 8: b) Bödhisattva, 
.staiidinii': 110 moasuremciit: c) Bödhisattva, standing: same as No. 9^. 

11. Altar with Buddha 011 lotus-throue in ceiitrc: 2' 9" X i' 3"- 

12. Buddha 011 h)tus-tlu-oiie, Avith two Bödhisattvas: i'4" X i'io". 

13. A simihvr sculpturc: i' 5" X i' 3 "• 

14. a) Buddha, sitting: 2' i" X i'24-": h) Bödhisattva, witli lotus: 
2' 4" X i' 3 ": ^) Bödhisattva. witli lotus: 2' 2" X i' 3 "• 

15. Fragmcut of relief, rcprcsentiiig Budtlha's birth {sulasäkhä). and 
scvcii Steps takcu hy the uew-horn Buddha (sapia padäni): i' 6" high. 
Note the oho-\vree hangiug in the air: of. Lalitavistara. 

16. a) A Brahman exjilains to King Suddhodana the meaning 
of Mäyä's dream (?): not in Indian Museum: h) sapta padäni: not in 
Indian 3Iuseum. 

17. a) Buddha uieeting a Brahminieal ascetic (Gayä-Kassapay): 
not in Indian Museum: b) iniideiitified scene: not in Indian Museum: 
c) Bathing of new-horn Buddha [dceudakadhärä): not in Indian Museiun. 

18. Mahäbhinishkramana : i' 7 " X i' 7 "• 

19. Head of a Buddha: sälasäkhä: fragment of reliel': not in 
Indian Museiuii. 

20. a) Rishi Asita-Devala: io"Xi'2"; b) Sälasäkhä: 9" X 9": 
■c) Kanthaka-visarjanam: 10" X 9": d) unidentified scene: 9" liigh: 
(') fragment of unidentified scene. 

21. a) Prince Siddhattha leaving liis harein: 10" X i' 2^" : b) Säla- 
.säkhä: 10" X 10": c) Supposed Sumedha and Dipamkara Buddha: 10" 
high: d) fragment of unidentificd seene. 

22. o) Mahäbhinishkramana : io"Xi'4": i) Worship oi' Buddhas 
rclics: 10" high: c) fragments of two unideiititied scenes: 10" liigh : 
■d) dve udakadhärä: 10" X 10". 

23. The sermon in Benares: i'4"X2'3". 

24. "Worship of a Buddha: i' 6" X 2'. 

25. Buddha teaehing the law to his mother in the Trayastrn'ica 
I-Ieaven(yy): 2' 9" X 3"- 

26. Bnddlia descends from the Trayastrihea HeaAen: i'64- X s'i": 
and fragment of pedestal. 

27. Miseellaneous sculptvn-es and fragments. 

2S. BuddJia sitting inside the Indrasälä (er Indi'ac^aila) r:\\i- and 
worshi2)[)ed by Indra : see Procccdings, Asiatic Society ol' Beiigal, 
1898. July: measures 3' 10" X 2' 8". 

29. Same scene: larger-sizcd photogra])h. 

30. Maliäparinibbäna : i' 4" X 2' 4". 

16* 



2tl l Jjiuuiig der |iliilüsojjliiscli-liistoiischeii t'ln.vsL- vom 14. Februar. 

31. 3I;ihäp;innibbäna: same .sccul'. .smaller - sized photograph. 

32. 3Ialiäpaniiibbäna : al.so variou.s other sculptures: not in Iiidiaii 
3Iusciiin. 

33. MiscellancDiis sculptures and f ranincnts : tlic relicl' rcprt'seu- 
üuii Buddha mc'ctin,i>- >Jänas, measurcs 2' 9" X 2' 6". 

34. Miscellaueous sculptures and fragments. 

35. Miscellaneous sculptures and fragments. 

36. JMiscellaueous sculptures and fraiiancnts. 

37. n) Buddha andNägas: a'g" X 3': l^) ''fifh measuriiig 2' X i'6'- 

38. Three ürdliva2:)attas: 3' 9" X 1' 6" cach. 

39. Miscellaneous sculptures and fragments. 

40. Miscellaneous sculptures aiid iVagments. 

41. Indo-Corinthian Capital and jicdcstal. 

42. Three Lido-Corinthian Capitals. two ol' whicli show figurc 
of Sürya: 3' broad. 

43. Small Stüi)a : the top-piece shown on the photograph docs 
not b(dong to it. Height l'rom top of dorne to bottom 2' 6". On 
Square basement 2 relief-scenes: Return of the infant Buddha from 
Lvunbini-garden: Rishi Asita-Devala. 

44. Three panels of square basement of same, the relief scenes 
represent: i. Kanthakavisarjanam and Mahäbhinishkramana; 2. Brahmin 
cxplaining Mäyä's dream. and Mäyä seeing the white elephant; 3. Rislü 
Asita-Devala and return from Lumbini-garden. Measurement 2' 2" X 8" 
t'ach. Of the missing fourth panel frag-ments only have been fouud: 
it represented the two scenes: sälasäkhä and dve udakadlKU-ä. The 
Stüpa has been set up (partly restored) in the Indian 3Iuseum. 

45. A Stüpa put together from various pieces by Mr. C.\ddy. 
This Stüpa is nothing but a tentative and partly incorrect restoration. 

46 and 47. Lorian Tangai Stupa (after excavation). 
48. Another Stüpa. 

49 and 50. Dome of Stüpa witli small worshipping figures around it. 
51-54. Au ancient docn-way. 
55-56. Rock-cut images. 
57. Ojie of the Stüpas at Ali Masjid. 

58-63, 64—76. Various ancient sites i)hotographed by 3Ir. C.\i)DY 
(luring liis loiir in 1S96. 



A. Grünwedel u. G. Huth: Alterthiiinci' a. tl. Malnk.niid- ii. Swat-GegpnJ. 2(1."» 

Descriptive list of sculptures found at Dargai. 

By RAM SiNGii, Cuniti)!', Laliore Museum. 
Im Texte bezeichnet mit D und der entsprechenden Nummer. 

1. St;indin,i>- Statuette of Prince Sid(lh;irtli;i with hifthlv onumiented 
liend-dress. On tlie base Buddha sc;it(>d in meditatidu attendcd liy 
au audience on eacli side. 

2. Headless standing figure ol' Buddlia. Botli nrins ,i>one. On tlie 
pcdcstal Buddlia seated in mcditatiun attendcd l)y \vorshipi)ers one 
on each side. 

3. .Seated figuve of Buddha iu nieditation. Head gone. 

4. Pedestal of a statue representing seated figure of Buddha at- 
ten<U'd by wor.shippers. 

5. Square base or pedestal. Birtli of Buddha is representcd on 
one side: on the otlier tlie Nirvana of Buddha and on the remaining 
two sides Buddha seated in eontemjdation attended by an armed guard 
on each side. 

6. A very complete representation of a gable end of a chapcl 
comprising four compartments. At the top Buddha"s abii"s-bowl is eti- 
throned as an object of Avorship. In the 2'"' and 3"' compartments 
Buddha is seated in abstraction. The lower one represents Prince 
Siddhärtha riding through the strects of Kapilavastu when he en- 
countered one of the four jiredictivc signs. 

7. Panel in three tiers. In the upper Buddha attended l)y Deva 
Datta is addressing a per.son .standing on bis left. In the middlc 
Buddha is seated on a throne with two jFeniales on bis left band, one 
offering a bowl, the other standing behind. I thinl< tliis scene may 
re]n-esent the ofiering of the rice and milk by the maiden Sujäta 
attendcd by' her servant. In the lower Buddha is standing in the 
middlc. A person is prostrating at Buddha "s feet. To the extreme 
right a female figure holds a bunch of tlowers in her right band and 
a drum under her left arm wliom a person next to her is apjiarently 
olVcring sometliing. 'J'o the left a female is addressing three monks. 

S. Three scenes in the story of Prince Siddluirtha"s assum|)tion 
of a religious life. 

Upper scene. The Prince resting 011 a coucli with bis wifc^aso- 
dhara sitting beside bim. Female musicians in attendance. 

Middlc scene. The Prince and Princcss have changed placcs. Slie 
is slcepiug on the couch wliile he sits beside her. The female musicians 
have fallen asleep. {The Prince took this opportunity of .slij)ping away for 
Renunciation.) Chanda with horse Kanthaka is waitingready for Buddha. 



200 Sitzung der ])liiloso])liisch-liistoi'isc!iPn Classe vom 14. Feliniar. 

LoAvcr sceiu'. Iho ;irmcd yiuirds üiul ;iii iinibrella-bcnrer nre 
^tnndiiiii' at the jxntc. 

9. Upright panel coinprising six compartments. In each comjjart- 
ment Buddlia is addrcssin,i>' Ids Ibllowcrs. In eacli compartmont on 
the lel't side Buddlia is seated in al)straftion. In thp riulit side-coni- 
partnionts boys are dancing-. 

10. Fragment in not good preservation. Buddlia is addressing bis 
followers. On tlie loft side is a figure of Buddha scatcd in mcditation. 

11. Fragment containing two .scenes. In the upper Buddlia is 
addressing bis followers and in the lower Buddha attended by the 
bearded Deva Datta is addressing a person standing on bis lef't. 

12. Fragment containing figures of wor.sliip])ers. 

13. The Nirväna or death of Buddha, wlio is represented in the 
usual iiosition lying 011 bis rigbt side witli bis right arm under bis bead. 

1 4. Buddha seated on a throne under the Bodlii ti'ee. An armed 
man is standing on bis left. 011 right a person is receiving sometbing 
for presentation to Buddha. 

15. Panel. Buddha enthroned is attended bv several shaven-headcd 
monlvs and worshippers. Bearded Deva Datta boldint;- liis usual stall' is 
standing on the left. 

16. Panel containing four standing ligurcs of Buddha in the atti- 
tude of teaching. 

17. Incomplete panel reprcseiiting the birtli of Buddha. 

18. Buddha seated in the middle is 'addressing bis worshippers 
holding some presents for bim. 

19. The Princess Yasodbara is resting on a coueb with Prinee 
Siddliartha sitting lieside her. Female musicians in attendanee. 

20. Acantlius leaf in low relief. 

2 I. Part of a frieze containing three panels. In the middle Buddha 
is seated in contemjilation attended by worshippers. In the side panels 
Buddlia is addressing liis followers. 

22. Part of a frieze comprising 2 panels. In the lel't Buddlia 
attended by Deva Datta is standing. In the right Buddha again attended 
by Deva Datta is presenting sometbing to a jierson probably of a liigb 
rank standing on bis left. 

23. Panel rejiresenting Buddha seated in abstraction attended hy 
two persons on each side ap])arently of a high rank. 

24. A squatted ligure. 

25. Seated figure of Buddha with leaves round bim. 

26. Vide No. 24. 

27. Part of a frieze. Buddha is seated in mcditation attended 
by his \\drs|iip|ici's. 



A. Grünwedel u. G. IIuth: Alterthümei- a. d. !Malakand- u. Swat-Gejiend. 20/ 

28. P;irt of n fricze containing two tiers. In cacli tier Buddha 
is addrcssiiiii' liis foUowers. 

29. Same as No. 28. 

30. Part of a frieze. The vipper portion contains a fitiure of Bud- 
dlia and a worshippers figure in each niche. The lower portion iii- 
dieates a sort of Avooden screen with acanthus-leaf moulding above. 

31. Fragment containing model of a stupa in the middle and a 
scated figure of Buddha on the left. 

32. Part of surhase-moulding with acanthus-leaf Ornament. 

33. Circular part of a fi-ieze containing fig-ures of Buddha and 
■worshippers alternatively. 

34. Part of a frieze representing Buddlia seated in meditation 
with votaries on each side. 

35. Part of a frieze. Boys in procession carrying garland. 

36. Portion of a circular frieze containing two panels. In the right 
]ianel Buddha attended by Deva Datta is addressing a man standing 
on liis left. In the left Buddha seated in contemplation with wor- 
shippers on each side. 

37. Portion of a circular frieze containing a scroU pattern. 

38. Part of a capital with acanthus-leaves. 

39. Part of an Indo-Corinthian capital with seated figure of Bud- 
dha under acanthus-leaA'es. 

40. Upper portion of an Indo-Corinthian capital with abacus over 
acanthus-leaves. Lithe midst of the acanthus is a seated flgiire ofBuddha. 

41. A very fine representation of the cap of a square pillar with 
acanthus-leaves. In the midst of the leaves is a seated figui-e of Buddha. 

42. Part of an upper portion of the Indo-Corinthian capital. 

43. Small bracket for the support of a cornice of votive stupa. 

44. Fragment containing lotns flower-leaves. 

45. Lintel. Diaper pattern. 

46. Corner pilaster with base and cap complete. 

47. Incomplete model of a stupa in high relief containing seated 
figures of Buddha. 

48. Model of a stupa. 

49. Broken brackets in the shape of Hippocentaur. No. 3 re- 
presents 2 figures joined at the back; the male carrying a mashak 
on his left Shoulder with a water vessel in his right band and the 
other of female holding a garland. 

50. Figures of elephants. 



208 Sit/.ting der pliilosopliisch-liistorischcii (Masse vorn 14. Fehruar. 

Die Bedeutung der Sculpturen. 

Von Albekt Grünwedki,. 

Die, übersandten Pliotonrapliien stellen Alterthümer ;ms der Pe- 
riode der .sogenannten graeco-Luddhistisehen oder Gandliära- 
Kunst dar, einer Periode der indiseJien Alterthumskunde, Avelelie erst 
.seit Kurzem mehr in den Vordergrund getreten ist und noch unend- 
liche Aufschlüsse nicht bloss für den Verkehr Indiens mit den Län- 
dern des Westens, für die Geschichte des Buddhismus jener Tage 
verspricht, sondern deren Einflüsse wir bis in den fernsten Osten ■wahr- 
nehmen können. Der Name »graeeo-buddhistiseli« ist jetzt aufgegeben, 
da (>r die Vorstellung nahe legt — welche in der That von einzelnen 
Forschern aufgestellt wurde — , als ob unmittelbar griechischer Einfluss 
den abendländischen Charakter derselben veranlasst hätte: besser ist 
die jetzt allgemein angewandte Bezeichnung Gändhära-Periode (Gändhära 
ist das Adjectivum von Gandhära), welche Iiergenommen ist von dem 
alten, auch den Griechen geläufigen Namen des Landes, in welchem 
der grösste Theil der Monumente sich vorfand. Das Volk der Gan- 
dliära (altpers. Gadärä, griech. ravSdpioi) Ix'wohnte den ganzen Lauf 
des Kabul-Flusses (Kwtfyriv und Ku)(f)i}s, sanskr. Kubliä) und Timfasste 
so das ganze heutige Afridi-Gebiet und Momand, Swät {loacrros, lova- 
CTTrivr]) Bajaur, Bvuier u. s. w. Der Yiisufzäi-Distriet, in buddhistischer 
Zelt ein eigenes Königreich, Udyäna «der Garten« genannt, ein Land. 
Avelches im 6.-8. Jahrhundert in der Geschichte des Buddhismus eiiu' 
hervorragende Rolle spielt, ist ebenfalls mit Monumenten der gleichen 
Art bedeckt. Ebenso gehörte dazu die Stadt Takshacilä mid ihr Ge- 
biet im Räwalpindi-District, ferner die Kolosse und Reste v(m Gemälden 
bei Bämiän an der alten indobaktrischen Königsstrasse. Bis nach l'ur- 
kistä,n (Afrasiäb, bei Taschkent z. B.) finden wir in den dort ij-efun- 
denen Terracotten und anderen Alterthümern die Ausläufer dieser Kunst, 
ferner in Borazan und der Wüste Takla-Makan. 

Die ersten Gandhära -Sculptiu-en wiu'den vor etwas melir ;ds zwei 
Menschenaltern bekannt, aber das ;illgemeine Interesse wiu-de. wie er- 
wälint, erst in der letzten Zeit wieder auf diese Gegenstände gelenkt. 
Den besten zusammenfassenden Bei-icht darüber hat jetzt Jamks Bi;R(ii:ss, 
Journal of Indian Art and Industry VIII, 1899-1900, Nr. 62, 63, 69 
geliefert, so dass ich, was die Lit1<'raturzusaimnenstellung betrifft, mu' 
aul" ihu /u verweisen brauche, allenliniis uuter besoudei'eui Verwei> 
auf die Liltei'aturzusammenstelluni; in Vincknt .S.AUTn" \(irtrefl"liclu>m 
Aufsatz »(iraeco-Roman influence on ilie eivilisation of Aucieut India«, 



A. GRrxwEDEL 11. G. Huth: Altertliüinei' a. d. ^Nliilakand- n. .Swat-Gejieiid. 20!) 

Journal of tlie Asiatic Society of Bengal 58. I. 1SS9, p. 108 iV. "Wie 
James Burgess (a. a. 0.) liervorhebt, sehen wir jetzt, dass Avir nnr Frau- 
mente A-or uns haben, da nirs>'ends systematiscli ausg'egrabon wurde, 
ja, man nahm sich nicht einmal die Mühe, genaue Bezeiclmung der 
Localität, avo die Funde gemacht Avorden waren, zu sichern: für die 
Museen, für einen Privatgarten sogar nahm man beliebig die best- 
erhaltenen Stücke aus dem Connex liiuAveg, stellte sie separat aus, 
trennte local Zusammengehöriges und Acrtheilte es an verschiedene 
Museen ohne Notiz über die Zusammengehörigkeit und Hess frag- 
mentirte Dinge liegen, so dass unsere Materialien jetzt eine an ört- 
licher und zeitlicher Herkunft völlig unsichere Masse von Stücken dar- 
stellen, Avelche rücksichtslos aou ülierall her zusammengeschleppt Avorden 
sind. Diesen A'on Jaaies BiRfiEss zuerst ausgesprochenen Klagen möchte 
ich meinerseits noch das Folgende beifügen. Möchten sich die Hände 
iinden, Avelclie die zur Bearbeitung und Erkläi'ung der Darstellungen 
nöthigen Texte bearbeiten. Di(> buddlnstische Litteratur Tibets und 
Japans enthält massenhaft kunstgcschichtlich Avichtiges Material: icli 
erinnere nur an die kunstgeschichtlichen Werke im tibetischen Tan- 
dschur und ihre Angaben über die Proportionen der Statuen, über 
Malerei, über Aureole, StraldenUränze und Mandorlen, icli erinnere 
ferner an die gemäldebeschreibenden Werke der nördlichen Kirche. 
Abgeselien von diesem positiA' kunstgeschichtlichen Material ist es 
nöthig. dass die volksthümlichen Legenden A'-ollständiger übersetzt, 
nicht bloss auszugsweise mitgetheilt Averden. Denn was nützen uns 
Auszüge, A-om Standpunkte der Litteraturgeschichte aus gemacht, den 
Eeliefs gegenüber, Avelche gerade mit Vorliebe das Legendenhafte dar- 
stcdlen, ja, Avas Indien betrift't, vielleicht der Ausgangspimkt der Mythen- 
bildung mit allen möglichen sectarischen L'mdeutungen gCAVorden sind? 
Die chronologische Frage Avar lange schAvankend. Leitner's un- 
möglicher Versuch einer Erklärung der antiken Stilformen diu-ch An- 
gliederung der Gändhärascliule an die Zeit Alexander's des Grossen 
Avurde bald und ausreichend aus stilistischen Gründen von James Fer- 
GussoN und Vincent Smith Aviderlegt. Gelegentlich gefundene Inschriften 
gaben einige Daten (A'ergl. Vincent Smith' erwähnte Abhandliuig), docli 
stellt sich dabei eine grosse Sclnvierigkeit ein dadurch, dass wir niclit 
Avissen, nach Avelchen Acren gerechnet Averden muss. Aus stilistischen 
Gründen und den letzten von Vincent Smith, Senart und Büiieer l>e- 
sproclienen inschriftlichen Funden Avar die Zeit von 100-300 n. Chr. 
(und etwas darül)cr hinaus für die Ausläufer) möglich: der neueste 
Fund. Aveh'hen auch James Bvrgess' Journal of Indian Art and Industry 
Vlll. Nr. 69, p. 89 nach Senakt"s Bearbeitung schon Avieder mit den 
Sculpturen in Bezug setzt, rückt, wenn die F>kläruni;- riclitig ist, die 



210 Sitzmi';' der philosopliiscli- liistorisclii'ii Classo vom 14. relniiar. 

Dinge nnch liölier hinsuil': dMiinch der Bfniiin um 30 11. Clir. Eiiir 
Glicdcniiiii- der Sculpturcii nncli dein Alter ist iioel) luimö.iilicli. Sie 
ist ersdnvci-t d.-idureh. dass wir es mit einer olTenbar handwcrks- 
niässig-en Kunst /u tlmn linhen, welclie bisweilen Vorlagen des ver- 
schiedensten Ursjirungs, vollkommen freie, gelungene Typen mit rohen 
und stümiH'rhaften, auf einer Platte vei-einigt. Immerhin ist eine Ent- 
wickelung zu heobachten, und zwar in compositionaler Bezielnmg. Aus 
der Thatsaehc z. B., dass die Triaden eines Buddha mit zwei Bodhi- 
satvas unter einem Baldaehin oder Dache, die Hauptfigur auf einer 
Lotusblume sitzend, neben der Lotusl)lume gelegentlich Anbetende oder 
niedrige Gottheiten sich in der späteren buddliistischen Kunst bis in 
den Kleinbetrieb hinein erlialten haben, während nach griechischem 
Muster figurenreich aufgebaute Reliefs mu' ein kurzes Leben gehallt 
haben, ninelite ich schliessen. dass sie jünger sind als andere, in 
denen das antike Element meist aueli nocli mehr über\\iegt. Eine 
Art Maassstab giebt die Buddhagestalt ab, freilich keinen unbedingt 
correcten: denn, Avenn wir auch anerkennen müssen, dass, je älter 
eine Figur sein mag, desto reiner die griechischen Formen sein müssen. 
so ist doch andererseits gerade bei dem zweifellos handwerksmässigcn Be- 
triebe nicht ausgeschlossen, dass eine Replik einer sehr stilreinen, guten 
und alten Form neben völlig rohen und stilistisch verwilderten In der 
gleichen Schicht, ja auf demselben Relief vorkommen kann. Beachtens- 
werth ist die Gcwandbehandlung, und gerade hier selieint die Anord- 
nung des Oberkleides, welche so geschieht, dass die rechte Schulter frei 
bleibt, eine Eigenthümlichkeit der späteren Buddhatiguren zu sein. 

\'om kunstgeschichtlichen Standpunkte aus muss betont werden, 
dass (1 ie Gand liärakunst als Ausläufer römiseli er Provinzial- 
kunst aus dem Born dieser Periode schöpft und daraus 'l'ypen 
für die buddhistische Mytliologie zu scliatTeu Itemülit ist. 
deren Sjmren wir in der indischen und ostasiatischen Kunst aucli 
noch ferner trellen. 

Im Jahre 1896 gab die l)ritiselie Regierung den Auftrag, den Slüpa 
von Loriyän Tangai hn unteren Swättlial zu ex]>lorireii. Air. (.'auhv 
brachte den gr()sstenTheil der Originale, wclelie dabei gefunden wurden, 
nach Calcutta und ])hotographirte das ganze Material, welches uns vor- 
liegt. Darunter siiul aueli Photogra])hien von Reliefs, welche niclit nach 
Calcutta gelangt sind: es sind die b{>sten Gändhärasculpturen, welche 
w'ir überhau])t kennen: Reliefs, w^elche wirklich künstleriscli dnrciige- 
füiirt sind untl von den geläufigen Schemen abweichen (vei'gl. die Ab- 
bildungen Nr. 5, 6, 7, S im .lournal oC Buddhist Art and Industry \IU. 
1900, Nr. 69, ]>. 75 und 76 und die uns Norliegenden Photograiihieu 
Nr. 16. 17, 19). 



A. GriÜNAVKUEr. n. G. IIuth: Alterthümer ;i. d. ^lalakaiid- u. Swat- Gegend. 211 

Icli liabe an einem anderen Orte (Handbuch der buddh. Kunst 
s.xVutl. 8. i09ft'.) auszuführen gesucht, dass wiv eine Reihe schema- 
tisclier Conipositionen A^or uns haben, welche immer wiederkehren mit 
mehr oder weniger Figuren, je nachdem der Eaum oder vielleicht die 
Mittel es gestatteten. Im Folgenden möchte ich nun einen Theil der 
uns A'orliegenden Photographien danach anordnen, welche Scene im 
Leben Buddhas sie darstellen. Ich gehe dabei nach dem Verzeichnisse 
der »zwölf Hauptliandlungen« Buddha's und werde mich bemühen, 
publicirte Typen der betrefl'enden Compositionsschemen nachzuweisen. 
Leider kann ich dabei das Standard -Werk, nach welcliem man citiren 
niüsste, nicht citiren: die «Ancient Monuments of India«, weil dieselben 
in Berlin niclit vorhanden sind. 

I.-2. Der Bodhisatva steigt AM>m Himmel herab. Er gelit 
in den Leib seiner Mutter ein. 3Iävä's Traum: ein Elepliant 
kommt vom Himmel herab und nähert sicli der Schlafenden. Die Gcän- 
dhära- Darstellung ist dieselbe, wie zu Bharhut und Säntsclii, nur ist 
iler Elephant von einem Prabhämandala umgeben. 

^"ergl. A. CuNNiNGHAM, Bharhut PI. XXVIII: J. Fekgusson, Tree 
and serpent Mairship PI. XXXIII (145): die Photographien 34. 44. 

3. Er wird geboren. Der Bodhisatva tritt als Kind aus der 
rechten Hüfte seiner Mutter, während sie nacli einem Zweige greift. 
Die C4ötter empfangen ilm. 

CoLE, Preservation of National Monuments Indin. Yüsufzäi-Distr. 1 1 
(Fragment: zwei Frauen von ders. Comp.), 10, 2: «Handbuch« a.Autl. 
125: Journ. of Indian Art and Industry ^ JIAI. Nr. 69, 75 (Mä,yä und 
Zofe ohne Kopf), ebenda Nr. 62. PI. 5, 2 : PI. 10, i. 

Hierzu die Pliotos: 15 (publ. JIAI. VIII, Nr. 69, S. 75, Fig. 4), 
19 (publ. ebenda S. 75. Fig. 5), 20, 21 (sehr zerstört), 35, D17, D5. 

Das Kind uiaclit naeli jeder Himmelsgegend sieben Schritte und 
ruft ein Udäna aus: JIAI. Nr. 69, 76: liierzu die Photos 15, 16, D17 
(zum Tlieil »Folgescene« der vorigen Darstellung). 

Das Kind wird gebadet. Die Götter und die Nägas baden es: JIAI. 
Nr. 69, 76. Nr. 62, PL 10, 2. 

Hierzu ilie Photos: 17, 22, 35. 

Heimkelir mit dem Kinde Phot. 34. 

Der Brähmana Asita und das Kind: Gemälde in Ajantä bei Gkiffitii, 
Ajantä I. Cave XVI, 45 (in der Ecke). Hierzu: 20; 34. 

4.-5. Er zeichnet sich durch alle möglichen Künste aus. 
Er wird verlieirathet. 

Der Bodhisatva als Bogenscliütze Phot. 34. 

Der Bodliisatva im Harem Phot. 21. 



212 Sil/.ung der pliilosopliiscli-liistorisi-licii Classe vom 14. Februar. 

6. Er verlä.'^st .sein Hnvis. a) Er o,i-w;iclit. h) Er vcrl.ässt 
seine .seil lafVndo Frau. 

..Handbueli« 2. Aufl. 121, JIAI. Nr. 62, PI. 12, i. Hierzu: 27, 1)8. 
Die Scene des Flrwacliens 1)19. Im Verzeichniss niclit ganz richtig; er- 
klärt: Siddliärtha lieg-t auf dem Laycr. und die Prinzessin .sitzt zu .seim-n 
Füs.sen, wi(> auf dem cltirten Bilde im »Handbuch« (oberstes Feld). 

(•) Das Ross Kanthaka verneigt sich vor dem Bodhisatva: 
Photos: 20, 36, 44. d) Der Bodhisatva reitet durch das von 
einer Gottheit geöffnete Tlior. 

Compositionen von vorn gesehen : 

JIAI. Nr. 63, PI. 19, i: Handbueli 2. Autl. 97, Bikgess. Amarävati 
and Jaguayyapeta 81 (kürzeste Form). Hierzu die Photos: 33, 35, 39, 
(Bodhisatva feldt) D6, D8: 

von der Seite gesehen : 

JIAI. Nr. 62, PI. 13, 2: Nr. 63. PI. 22, i. Hierzu die Photos: 18 
(luibl. JIAI Vni. Nr. 69, S. 76), 22, 36, 39, 44 (vergl. meine Abhandhing 
im »Globuscc 189g, 18. März, S. 169). 

7.-8. Er lebt als Büsser. "Überwindet den Satan (Maral. 

I\hVra's Heer greift den Bodhisatva an. Handb. 2. Autl. 95. JIAI. 
Nr. 62. PI. 5, 2. Kürzeste Form: Buddha in der ^fitte. reclits und links 
je ein Mann mit Schwert. Doch giebt es auch sein- reiche phantastische 
Compositionen. Hierzu die Photos 36, 39. D5 (ganz kurz). D14. Auf 
39 sehen wir ein reich belebtes Relief Kam] )fcnder, vorn erscheint ein 
beschämt zurückweichender Führer: Mära , dessen Daemouenlieer ver- 
g-el)ens gegen den Buddlia ankämpft. Die gegen Buddha ansprengenden 
Daemonen reiten zum Thcll auf Raubtliieren. Eine abgekürzte Replik 
dieser Darstellung zeigt Nr. 14 (D14). Mära"s Krieger, vielleicht er 
.selbst kämpfen gegen Buddha an: im Hintergründe sehen wii- zwei zer- 
stiirte Daemonenfiguren: einElephantenköpfiger mit einem Speer, ein An- 
derer, mit einem menscldichen Gesichte auf dem Bauche, lässt ein Schwert 
sinken, welches einen Pferdek(>])f als Griff hat. Über diese Figur vergl. 
GuiFFiTH, Tbc paintings in the Buddhist Ca ve-temples of Ajantä, London 
1896, Cave I. 8 Wall-Painting X. avo ebenfalls ein Tigerreiter vorkommt. 
Noch mein- ist die Darstellung al)gekürzt auf dem kleinen Fragment auf 
Phot. 40 links (dien: zwei Krieger dringen auf Buddha ein. zwei stürzen 
zu seinen l-iissen nieder. 

9-10. Er wurde Buddha und wirkte als Buddiia (»he 
ran bis religious race«): In diese Grup])e gehören eine Menge Reliefs, 
über welche am besten Globus iS. März 189Q S. 172 ff., in englischer 
Übersetzung .ILM. VIII. 1900. Nr. 69, p. 90 zu M'rgleichen i-.t. leb 
wähle hier nur einige aus: a) Die Predigt im Gazelleidiaine v(in 
Benares: .IIAI. \v.h2. Fl. 10. 5: Sv.Cu), p. 78 die Photos: 23.1)15. 



A. GnÜNWEnEL u. G. Huth: Alterthüiner a. d. Rlalakand- u. Swat-üegend. 21B 

b) BiuUlha und ein alter Brähmami : Coli:, Preservation u.s.w. PI. IX, 
A'eröfientlichungen aus dem Königl. Museum für Völkerkunde V, S. 7: 
Phot. 17. Nahe verwandt damit die Kägyapa-Leg'ende: JIAI. Xr. 69 
]). 87: Phot. 34. e) Buddlia in Indracailaguhä JIAI. Nr. 62. 6: Xr. 69 
p. 77. Hierzu Phot. 29. Vergl. Tu. Bloch, Buddlia wor.shipped by Indra 
PASB. 1898, 186-189. d) Buddlia und die Xä.nas, zur Sache verMi. 
Globus i8.März 1900, S. 171 ft". Abgebildet: JIAI. Nr. 69. p. 84. Cole, 
Preservation u.s.w. PI. 8 , hierzu: 33, 39, 37 (publ. JIAI. Nr. 69, 13.84, 
Fig. 27), 40 mit Altar JIAI. Nr. 69 80: Handb. 2.Aull. 102, Veröffent- 
lichungen aus dem König!. Museum für Völkerkunde V, S. 131. Hierzu 
Phot. 38. 

Das Relief in der Mitte von Phot. 37 ist eine fein dargestellte 
Replik des oft dargestellten Vorganges , vergi. J. Burgess a.a.O. Fig. 27. 
Eine andere, aber leider sehr zerstörte rechte Hälfte zeigt die Photo- 
graphie 59: im Hintergrunde sehen wir Vajrapäni in Action treten, wie 
auf dem citirten Relief bei Cole. Dieselbe Photographie 39 enthält aber 
noch ein Fragment eines anderen Reliefs mit derselben Darstellung (das 
kleine Stück in der Mitte mit der Zebu -Säule zur Seite). Da schlägt 
Vajrapäni mit dem Donnerkeil auf Nägas los, von denen einer sein 
Schwerte.) zieht. Was uns aber auf Nr. 37 besonders interessirt, ist 
die hinter dem Buddha sehwebende Nike, deren rechte Hand leider ab- 
gebrochen ist: wahrscheinlich warf sie Blumen nach Buddlia. Ihr 
Kopfputz (Ohrptlöcke \i. s. \v.) ist indisch, iln-e Tracht aber rein grie- 
chisch. Sie hat dieselbe Position, wie die Nike auf dem Relief auf 'faf. IV 
der MaTepia-iH no apxeo.ioriii Pocciii ii:54aBaeMHe uMiiepaTopcKoio 
apxeo.ioriiMOCKOio uoMMnccieio. St. Petersburg 1892 (Materialien zur 
Archacologic Russlands, herausgegeben von der Kaiserl. Archat'olog. 
C'ommission). Ich erwähne gerade dieses Elfenbeinrelief, weil die darauf 
dargestellte Figur eines siegreichen Kaisers zweifellos die Vorlage zu 
dem Ausritt des Bodhisatva gcAvesen ist (vergl. Globus 18. März 1899, 
S. 169 If.). Darstellung des Dipamkara- Jataka vergl. Journal of Indian 
Art and Industry N. 62. PI. 6: PI. 11. i. 2. Hierzu Phot. D 7. 

Buddha bändigt den wüthcnden Elephanten Nälagiri (vergl. Cole, 
Preservation u. s. w. 30, Veröffentlichungen aus dem Königl. Museum 
für Völkerkunde V, 131 (93). Journal of Indian Art and Industry 
Xr. 62. PI. 14, 2. Hierzu Phot. 35. 

II. -12. Buddha geht in's Nirväna (Parinirväna) ein, seine 
Reliquien werden nach Verbrennung des Leichnams ver- 
tlieilt. Das Parinirväna ist eine ungemein behebte weitverbreitete 
Composition (vergl. Handbuch 2.Autl. 1 11 ff.). Weitere Abbildungen 
Cole, Preservation u.s.w. 16,17, 22: Journal of Indian Art and In- 
dusti-y Nr. 62, PI . i 3 , 5 . 



214 Sitzung der pliilosophiscli-historisclien ('lasse vom 1 4. Feliniar. 

Ilier/u die Photos: 30. 31 (publ. JIAI Nr. 69, j). 73). 32 (eljendn 
S. 74), D5, Dl 3: manchmal ist nur Biuhllia aul' einem Ruhebette dar- 
,i>-estcllt, manclinial aber eine i^anze Reihe von Fi.SiTiren, welche Jami.s 
Bi'RfiKss im JoiuMi. of I. A. u. s. w. Nr. 69 auf's Neue eing'ehend hin- 
schreibt. Pliot. 30 bietet die umfangreichste Darstelluni»', welche Avir bis 
jetzt davon kennen. Nichts wäre für archaeoloiJ'ische Zwecke erwünschter 
als die Übersetzuntj' des japanischen Textes, welcher das Parinirväna tfe- 
nau beschreibt. Denn obwohl noch viel reicher in den Einzelheiten aus- 
gestattet, als selbst unser Relief (30), würde doch bei der Güte der 
japanischen 'l^radition s'enug AVissenswerthes für den lis^ürlichen Theil 
(h's Bildes sieh erQ'eben. Die Ei'kläruni;' der einzelnen um das Bett des 
Sterbenden stehenden Gestalten ist uni^emein schwierig'. Unser einzi.s>('s 
Mittel ist die Very,'leichun,ii- aller Repliken unter Heranziehung der Texte. 
A\('lche Buddha's Parinirva,na beschreiben. Ich will mieli auch hier 
nicht darauf einlassen, da eine solche Untersuchung' uns zu weit führen 
würde, und nur auf einige Ncuig'keiten aufmerksam maelien. Das 
sind in erster Linie die schon von James Burgess bemerkten Baum- 
.s>üttinnen in den Kronen der Atlas-Bäume iK'ben Buddha's Lauer 
luid der nackte Mann. Avelcher. ein ])aar Kleiderla])]ien in der Ihind 
haltend, immer (vers)!. JIAL Nr. 69. ]i. 74. Nr. 2 und 3) im Gespräch 
mit einem alten Mönch bei>Tiifen ist. Avelcher einen langen Stab in 
der Hand hält. Ich enthalte mich jeder Hypotliesc aus den oben 
erwähnten Gründen. Eine dritte MerkAvnrdi,i;keit — ebenfalls schon 
von James Burgess beachtet — ist eine kleine Buddhafi,i>-ur, welche 
unmittelbar uebeii dem Bette in meditirender Pose sitzt, eine Fiti-vn-. 
welche innerhalb der späteren Drn-stelluuiien des Parinirväna eine ge- 
wisse Dauerhaftisi'keit erlangte, bis sie — um diesen Ausdruck zu 
iiebrauchen ■ — ihre Eigenart einbüsste \iiul unter den Leidtra.iienden 
verschwand. Der Umstand, dass der Meditirende bisweilen (Phot. 32. 
])ubl. JIAI. VIII, Nr. 69, ]i. 74, Fig. 2) halb unter dem Oberkleid versteckt 
dargestellt wurde, mag wohl den Anlass dazu gegeben haben, dass die 
Figur als Trauernder aufgefasst wurde. Wenn, wie ForeiiEn zuerst mit 
Emphase betont hat. die (i;nid]iärasc\dpturen der Mahäyänaschule aiine- 
liören . so kitnnten wiv. was diesen me<litirenden ^lönch betrifft, eine 
Vermntjiung wagen, die yanz im Sinne dieser Schule wäre. Nach dem 
Mahäpai'inibl)änasutta (inn sogar noch einen Päli-Text zu citiren) durch- 
eilt dei- (ieist — wenn dieser Ausdruck gebraucht werden darf — des 
Sterbenden nocli die letzten Stufen (U'sDhyäna. l)e\or er nach seinem 
■|>liysisclicn i'odc ins Parinirväna eingeht. Die Lclire Non den drei Ki'ir- 
pern eines IJnddlia. \\clehe die Mahäyänadoet rin hekanntlieh aul'u:estellt 
hat. k("inntc den (bedanken nahe legen, dass wir anl' dem Relief eine 
AN iederlioliiiiij' der Fiu'in' des liiiddlia suelien dürl'eii in seiner nie<li- 



A. Gni-NWEDEL II. G. Huth: Altertliümer a. d. Malakaiid- u. Swat- Gegend. 21 .1 

tütivcn Form. AVir liätteu leriier vom künstlerisclicii .Stniidpiiiikt 
eine P;ii"illek- zu den Reliefs der Geburt, in welelien neben dem 
;ius der Seite der MAyfi springenden Bnddhn noeh einmnl das Kind 
darn'estellt ist. wie es die berülimten sieben Sehritt<' n;ieh JediT 
Himmelsgegend maeht (vergi. JIAI. VIII, Nr. 69, p. 75, 4). 

Eine andere Bemerkung bezieht sieh auf den über dem eigent- 
lichen Relief befindliehen Streifen. Er ist ungewöhnlich interessant 
din-ch die Darstellung aoii vier Drachenreitern: zwei auf jeder Seite, 
mit dem Körper je nach der Mitte gewendet. Die Bildung des 
Drachen ist nun ganz neu: so häufig sonst drachenähnliehe Gebilde 
auf den Reliefs von Gandhara sind, so haben sie, soweit ich sehe, 
alle nur Fisehsehwänze. Der uns hier begegnende Typus ist der 
vierfüssi.i>-e. also genau derjeni,i>e, Avelcher vms als der chinesisehe 
Drache bekannt ist: langer Leib mit vier deutlichen Füssen , zackigen 
Flügeln, laniicm Hals und Hörnern auf der Stirn. Dazukommt, dass 
die zwei vorderen Di'achenfiguren einen tiesehliffenen Edelstein im 
Rachen halten. Gerade diese MittelgTui)pe nämlich ist ein in Ost- 
asien viel verbreitetes und viel verwendetes Motiv, besonders ist das 
von den Drachen gehaltene JuA\el, der gesehlilfene Stein — der so- 
genannte "Draehenspeichel« — in den modernen Darstellungen unendlich 
variirt. Zunächst dürfte unser Relief den Drnchentypus aus persischer 
Quelle halx'u. Denn auch die Reliefs auf dem Grabe des \Vu-liang\ 
■welche ebenfalls Drachendarstellungen zeigen, zeigen trotz der gegen- 
theiligen Ansicht der Sinologen zweifellos persische Stilfoi-men. Dass 
das stilistisch so ausgeprägte Gesehö])f des chinesischen Drachen ein 
Prodvict der phantasielosen Chinesen sein soll, Avav mir immer räthsel- 
haft: indess will ich mit der hier skizzirten Bemerkung nichts Ab- 
schliessendes gesagt, sondern nur auf die merkwürdige ungewöhnliche 
Darstellung hingewiesen haben. 

Drachenreiter kommen auch weiterhin in der indischen Kunst 
vor. In JMathurä z. B. sind Reliefs gefunden worden mit reichen 
Compositionen, welche am stärksten von allen indischen Reliefs die 
Beeinllussung der Gandhärakunst zeigen (vergl. Epigraphia Indica II, 
314, 320). A\ü' einem dieser Reliefs, welche nicht buddhistisch sind, 
sondern der Ja ina -Religion angehören, sehen wir Reiter von Seelöwen 
vuid Drachen: luid wenn auch die letzteren bezüglich der irpoTo^)'] des 
Thieres eine li'ewisse Ahidichkeit mit unseren Drachen Jiaben. so 
fehlen ihnen doch die llörner. uwd der Unterkörper ist nacji grie- 
chischer Art ein Fiscllsch^\■anz. 

Phot. 32 (|)nbl. in JIAI. VIll. iqoo. Xr. 69. p. 74. Fig. 2). Dieses 
migemein belebte Relief, welches el>enfalls das Parinirväna des Buddlia 



' CiiAVANXEs, La sculptiire en Chine au sieele des Man. 



■Jl() JSitzung der pliilosophiscli -historischen Classe vom 14. Februar. 

darstellt, srliciiit nacli .sorntaltiucrVcriiieichun.ii'dcr Photograpliic von dcr- 
sclbcii Hand gearbeitet zu sein, wie das Relief, welches das auf Buddha 
cinstürmciulc Heer Mära's vorstellt (ver^'l. «Handl)ueh«, 2. Aufl.. S. 95). 

Zum .Schlüsse noch einiiie Kleini.nkeiten. Auf Phot. 37 (publ. 
.11 AI. VIII Nr. 69, S. 84, Fii>'. 27) und 38 sind in den Seitenleisten be- 
sonders interessante nackte Knabentiiiuren, die 7rat'7wa, über welche ich 
jioch auf Vincent S.Mrra' vorzügliche Abhandlung im Journal of the 
Asiatic Society of Bengal 58, i, 1889 verweisen möchte. Auf Nr. 38 
sehen Avir nämUch bereits ein Motiv, welches später in der decorativen 
Plastik bis in die Kleinkunst hinein (Elfenbeinschnitzereien besonders 
im Dekhan und Ceylon) eine Rolle spielt: es ist dies die Darstellung 
zweier oder mehrerer Figuren mit gemeinsamen Gliedern. Wie die 
guu'landentragenden Trarywa- Gruppen aber s])äter als Erwachsene' auf- 
iicfasst wurden (Handbuch, 2. Autl. 1300".), so geschah es auch bei 
(Liesen Figuren, welche paarig in den Seitenstreifen stehen. Sie wurden 
sjjäter als Frau und Mann aufgefasst und wurden so, füi* Indien cliarakto- 
ristisch genug, die Basis erotisch entarteter Gruppen. 

Phot. 42 zeigt uns die stark zerstörte Darstellung eines Sonnen- 
gottes (Sürya) (v^ergl. zur Sache A. E. Caddy, On two mu'ecorded 
Sculjitures in the Ananta Cave, Journ. of the Asiatic Socii'ty of Bengal 
65, I. 3. 272 If). Schon frülier hatte Cunningiiaji auf die Übertragung 
des antiken Heliosmotivs hingewiesen (vergl. Archaeological Survey 
of ludialll, PI. XXVII u. p. 97; vergl. auch Räjendralälamitra Buddha- 
gayä PI. L). Es ist aber zu beachten, dass die Photographie 42 unter 
den Pferden die Gigantentypen zeigt, welche ich bei Gelegenheit der 
Besprechung des Abhinishkramana des Bodhisatva (Handbuch 2. Aufl., 
S. 99) eingehend besprochen habe. 

Bezüglich der Blätterschürzeu der Kentauren (Phot. 45) möchte 
ich auf die schon einmal citirte Abbildung eines Jaina- Reliefs in den 
Epigraphia Indica Vol. II, 314, verweisen, wo ebensolche Kentauren 
in den Ecken der Reliefs auftreteii. Es dürften diese Blätterschürzeu 
im Anschluss an Blätterkleider der indisclien Aboritiiner stilistisch 
verwilderte (iewandfalten sein (Panzerstreifen u. deru,l. . vergl. Journal 
of Indian Art VIII, Nr. 63, PI. 17. i): vergl. Phot. D 49/^. 

Zu R.ÄM SiNGii's Liste einige Verbesserungen: D 36 ist Vajrapjini 
statt Devadatta zu lesen, ebenso D 7, 11, 15. Das untere Feld stellt 
nach Jamf.s Burgess das Dipamkarajätaka dar, nicht «a female is ad- 
dresslng tliree monks«, sondern A^ajrapäni; D6 nicht »when he en- 
countered one of the four predictive signs« — eine Scene, welclie 
in der Gamlliärakmist überhaujtt nicht nacliweisbar ist — , sondern 
das Mahäbliinislikramana mit der »Erdc" unter dem Pferdi'. 



^ 



A. CinrNWEnEi, u. (}. Huth: Altertliiiiner a. d. MaLaknnd- u. Swat- Gegend. 217 

Der zweite Tlieil der Pliotoyrnplüensammlung !?ind nun die Re- 
productidiien von Inschriften. leli liabe zu den von Senakt ii. A. pidili- 
eirten Scliriften — die Citate sind der Liste beigefüg-t — niclits l)ei- 
zusetzeii als die Tlintsache, dass die Photograpliien viel schärfer sind 
als die imblicirten Tafeln. In noch höherem Maasse ist dies der Fall 
bei den scheinbar türkischen Inschriften oder sogenannten Jenissei- 
Inschriftcn. Da ist eine Entzifferung nach den Reproductionen ohne 
Zuziehung der Photographien überhaupt unmöglich. 

Vergl. AuEEL Stein, Notes on new inscriptions discovered by 
M. Deane JASB. 67, 1898, iff.: Sur Texpedition du M. Deane et les 
stupas dans la vallee du Swät. JAs. Ser. IX. T. XI, p 315: Senakt, 
Notes (rE])igraphie Indienne V. 

Zum Schlüsse kann ich nicht umhin, auf die grosse Bedeutung 
dieser Kunstentwickehmg für die Geschichte der ostasiatischen Kunst 
hinzuweisen. Ein besonders interessantes Datum giebt uns F. Hirth. 
Über fremde Einflüsse in der chinesischen Kunst, Jahresbericht der 
Geogr. Ges. in München, 1896, S. 259 (auch Sep. S. 46), indem er 
erwähnt, dass baktrische Maler an den chinesischen Hof (im ersten 
Drittel des 7. Jahrhunderts) gelangt sind und dass ihre Schule von 
da aus sieh über Korea und Japan verbreitet habe. Es ist nun merk- 
würdig, dass ein Japaner, welclu-r vor einigen Jahren in der damaligen 
Hauptstadt Oh ang- an-fu war, thatsächlich dort Reliefs entdeckt hat, 
welche stilistisch den Gandhära -Reliefs nahe stehen, am nächsten den 
Reliefs aus Loriyän Tangai Phot. 12, 13 (vergl. z. B. F. Müller, Chang- 
an -fu [noch nicht gedruckt]). In diesem Zusammenhang ist es ferner 
angezeigt, an die Gemälde der von Hrn. Klemenz im Auftrage der 
Kais. russ. Akademie entdeckten Höhlentempel zu Turfan zu erinnern, 
da unter den mannigfachen Stilformen dieser Gemälde auch die Bodlii- 
satvadarstellungen im Stil der Gandhära -Periode vorkommen. 

In James Burgess' Abhandhnig. Journ. of Indian Art and Industry 
VIII. 1900. Nr. 69, sind die folgenden Photographien aus der vorlie- 
genden Serie bereits publicirt: 6 p. 83. Fig. 24: 11 p. 83. Fig. 25: 
12 1).82, Fig.22: 13 p.82, Fig.23: 15 p.75, Fig.4: 16 p.76. Fig.6und7: 
17 [). 76. Fig. 8. ]). 87. Fig. 31: 18 l>. 76. Fig. 9: 19 p.75. Fig. 5. 
p. 87. Hg. 32; 23 l>. 78, Fig. I 2 : 25 p.84. Fig. 26: 28 p. 7 7, Fig. i i ; 
31 ]). 73. Fig. i: 32 p. 85, Fig. 19, p. 87. Fig. 33, p. 74, Fig. 2: 37 
]). 84. Fig. 27: 41 p.89, Fig. 37, P.S7, Fig. 34: 43 p.88, Fig. 35: 
45 ].. 88. Fig. 36. 



Sitziiiiifsbericlite 1901. 



218 Sit/.unu; der philosopliiscli -liistoiisclien CMasse vom 14.Fcl)ni;\r. 

Die Entzifferung der Mahaban -Inschriften. 

\\)\i (ii:itn(i Ilnii. 

X'orlJiul'iii«' ^I if 1 Iiciluiiu-. 

Die der Ak;i(l('iiii<' iilpcrsMiidtcii Iii>cliriltcii aus dciii Swat -(ifhictc 
sind in mrlircrcn unln'kanntcn Sclii'irinilcn \ci'r;isst. deren einst\veilii>'e 
(inippii'un,^' Senai;t' und Sti.i.n" \ oriicuniunieH imlien. Die II;iuiit!;rn|i])e. 
die sog. Mnlüdinn-Inseliril'teii. Iinlie ieli trotz dn- mhi diesen lieiden 
Gelelirton^ tj-ekenn/eieh'iieten ni;inni,nlaltii;-en nrnssen Selnvieri,i;-keiteii. 
die sicli einer Kntzin'erunii- enty:eü:enst eilten — Felden einer l^iliniiue : 
i^erinn'e An/.nid der "in silii« ^cluiideneu Inschrilten um! in Foly-e 
dessen meist rnsiehei-lieit . \\<i Kojirund l'uss dicsei- i)<'nkin;iler: l n- 
li'ewisslieit liezünlieli der Kiclitunu' di'r Schrift u.A.m. — . einer l'nter- 
siielinn.y unterzogen, indem icii daliei ^ on der zuerst \ on Levi und 
CiiAVANNEs^ als bedeutsam iier\ urgeliobenen .' dann aucli von Bühler'' 
und Stein' bestätigten Ahnlicld^eit des (irundeliarakters und einzelner 
Zeiehen der Selirif't mit denen der Orehon-Iuselirit'ten und von der 
von deiisellien l-drseliern^ ausgesjiroclienen N ermutliung. dass die 
Spraeiie tüi-kiseli sc-i. ausging. Meine rntersueliung hat zurEntzitTe- 
rung der SehriCt und — l)is ji'tzt — zur Übersetzung einei- 
grösseren Anzahl d ieser 1 usch ri l't i'u gei'ülirl \md folgende 'i'hat- 
.saclien dargethan: 



' Notes (re|)ii;ra|)liie iridiiMiiic. iinr M. K. .SF.NAnr, 5'' i'aseicule. Piiris 1895. 
|i. 16-18 (.Separat-. VlKlriick aus dem Journal .Asiatiiiue pour 1894). 

- Notes on new inscriptions discovered b)' Major Deane. by M. \. Siein (part 1) 
p. 7— 12 (reprinted from tbe .Touinal of tlic .\siatic .Society of Bengal. vol. LXVII, 
part I, 110. I, 1898). 

* SENAnr. a.a.O. j). 11-16. 18—23: Sikin. a.a.O. ]i. 3. 12. 19. reiner: Notes 
011 inscrijitions froni Udyäiia. ])resented by Major Deane: Ijy M. .\. Stkix, Journal of 
the Royal Asiatic Society, 1899, p. 897. 

* L'itincraire d'Ou-K'ong, par .M. M.Svlvain Lkvi et P^d.Chavanne.s, Pai'is 1895. 
p. 43— 45 (Separat --Vbdruck aus dem Journal Asiati(|ue, 1895, septembre-octobre). 

' Senart" iMid lieni-Ers'" hielten die von ihnen ziiei-st gesehene AlmlichUeit 
einiger Zeichen mit den Orchon-CharaktenMi iur rein /.nfällig, was sehr begreiflich. 
da ihnen das erst von Lkvi und I'havanxes entdeckte bestätigende historische Docu- 
ment, Ou-K'ong's Reisebericht, nicht bekannt war. 

" On tiie Origin of the Indian Biahnia .Mphabet, by CiEOHR BCni.ER. Serond 
revised edition of Indian Sludies, Nr. III. .Strassbuig 1898. preface. p. I\', n.i. 

' SrEix, Notes on new inseri))tioMS diseoxered by JSIajor Deane. p. 13 und 14. 

** Levi und Ciiavannes, a.a.O. p.44 und 45; Hihu.F.n. a.a.O.; .Stein, a.a.O. p.14. 

" Senart, a.a.O. p. 19. 

'" BüliLKR. I. Auflage von .On the Origin of the Indian Hifdnna Alphabet-. 
Wien 1895, p. 88 inid 81). 



A. Grünwedei. 11. G. Hriii; Allerlliiiiiier ;i. d. Malakand- u. Swat- Gegend. 219 

I. Jene licidcn Vcriiiiitlninncii der ^'cii.Miiiitcii (iclclirtcii liezüglicli 
der Sclirift \[]\t\ S|)i"icli(' licstiitincii sicli. 

IL Auilcrcrscits \v('ist die Sclirifr in vielen Bezieh unii'tMi eine sehr 
weitgehende \'erseliie(h'idieit \(in <h'r (h'r Orclion- nnd Jenissei-In- 
sehrif'ten anl': nänilieh : 

1 . Es zeigen \iele (;h;ir;d<tere ansserordentlieli starke ^Vliweichungeu 
\un (h'n ents|)r(>ehenden Seliril'tzeielien der Orchon- nnd Jenissei-Denk- 
]\V;\\er. 

2. In den Ürchon-Inselu'it'ten liaben die meisten Consonanten zwei 
versehie(h'ne Zeielien . je naelidem sie in Verbindung mit harten oder 
mit \\('ielien \'()calen auftreten. Diese Scheidung ist in den Jenissei- 
Insehrit'ten weniger .streng durehgeführt. In den Swät-Inschi'if'ten nun 
ist die A'ertausehung der beiden Zeich(m nocli häufiger, ja von manchen 
in ilen Örelion- und .Tenissei-Denkmäh-ru (hurli zwei Charaktere ver- 
tretenen Consonanten findet sieh hier ülx'rliaupt mu- eui Zeielien. 

3. In den Swät-Insehiil'ten konuuen — ausser den in (h'u Orclion- 
und Jenissei- Denkmälern auftretenden Verbindungen von Consonanten- 
Zeiehen — noch mehrere andere vor, darunter auch solche, bei denen 
zwischen den Con.sonanten ein Vocal zu ergänzen ist. 

4. Die Vocale — abgesehen von und u — werden last nie 
liezeichnet. Auch in dieser Beziehung gehen also die Swät- Inschriften 
noch weiter als die Jenissei -I)eid<mäler. in denen die Fortlassung der 
Vocalbezeichuinig viel häufiger ist als in den Orchon-Inscliriften. 

5. Der Worttrenner fehlt gänzlich. 

6. Die Schrift läuft — w(Miigstens in allen von nur untersuchten 
Inschriften — von links nach rechts: sehr wahrscheinlich wird sich 
dies auch bei sämmtlicheu übrigen Mahaban- Inschriften herausstellen. 
In den .lenissei-lnschriften dagegen läuft die Schrift fast stets, in den 
Orchiju- Denkmälern sogai- durchweg von rechts nach liid<s. Also auch 
in dieser Bezieluuig gehen die Swät- Denkmäler weiter als die Jenissei- 
Inschriften. 

III. Die S])rache ist mit dem alttürkisclien Dialekt (\vr Orchon- 
und .lenissei-lnschriften nahe \erwandt. doch nicht identisch. 

I\'. Die \on mir übersetzten — und ebenso höchst wahrschein- 
lich aucii alle übrigen — Deid<mäler der Mahaban -Grupix' enthalten 
(iral)inscliriften in Form von mehr oder minder aasführlichen Lob- 
reden auf die Ndrzüge und Fähigkeiten des Verstorben(>n. 

Die am Schlüsse der Erforschung der .Alahaban-Schrift anzustellende 
I'ntersnclumg. ob dieselbe jünger oder älter als die Orchon- und Je- 
nissei -Charaktere sei — im Zusannuenhang nüt dem Problem des Ur- 
sprungs dieser ganzen Schriftgattuug überhau|(t. sowie nüt der jenes 



220 Sitzung der pliilosoi)liisch-liistorischcii Cinssc vom 14. I-"iliiii;ir. 

türkisclio Volk betreffenden liistorisclicn Frniic — . würde Niclicrlicli 
ebensounlil l'ür die eentrnl-n.sinti.sche. ;\\>. l'ür die ii-;iiii>elie und in- 
(liselie Forselauiii' überaus wichtii^e Kriicbnisse lielern. 

Die Fraye, ob die Inschrillen mit den buddhistiseJieu Scul|itiireii 
in iri>-end ^vek•hem Znsnmmenhanii- stellen, kann ich, da meine ünlcr- 
suclnmu- noch lan!>e nicht abii'eschh)ssen ist, jetzt nodi nicht endsi-ültiu- 
entscheiden: die von mir bis jetzt übersetzten Inschriften zeiijen jeden- 
lalls keinerlei deutliche Spuren des Buddli isnius. (hi.u:e,i>en un- 
verkennbare Einflüsse des Islams und <l es Arabert hums. wie 
das nielirmali.o-e Vorkommen des Namens Allah, sowie nicht wenii>rr 
arabischer Lehnwörter, namentlich solcher, die aucli in andere — zu- 
mal östliclK' — türkische Dialekte Eingani-- ,i>-efunden haben, beweist: 
wie iisi/ {(isbil) 'vortrefflicir — adbil 's'erecht' — aiik (r/.vw/.-) 'Liebe, liebe- 
voll" — aiiifil 'Arbeit, HandUmg' — ädcib 'Gesittun.u' — akbil 'Verstand'. 
Aueli die Untersuchung dieser religionsgeschichtlichen Frage muss ich 
mir füi- später vorbehalten. 



Au.SKeceben am '21. I'"e))rii;ir. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN. 



X. XI. XII. 



21. 28. Februar 1901, 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1. 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
OctAv rcjceliiinssiis: I)oiiin'rstag:s acht Tage nach 
jeder Sitzung. Uie sümmtliclien zu einem Kalender- 
jahr geliörigen StOcke bilden vorläufig einen Band mit 
lintlaulender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durcli den Band olme Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Bcriclite über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classc allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classc ungerade 
Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenscliaftliclien Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der d.as Stück geliört, 
druckfertig übergebenen , dann die , welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken niclit ei'scheinen konnten. 

Den Bericlit über jede einzelne Sitzung stellt der 
Si'cretar zusammen, welcher darin den Voi-sitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsiclit über die Redac- 
tion und den-Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenscliaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und g 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören , sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaka- 
dcmie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text einznsclialtenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Aufl.age eingeliefert ist. 



1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes .anderweitig, sei es aucli 



nur auszugsweise oder .auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittlicilung diese anderiveit fi'üher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, .als ihm dies n.ach den gelten- 
den Rechtsrcgeln zusieht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Cl.asse. 

§8- 

.5. Auswärts werden Corrccturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilimgen nach .aclit Tagen. 

§11- 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittlieilungen • abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlicli 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit J.ahresz.ahl , Sfück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschl.ag fort. 

3. Dem Verfasser stellt frei, auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch zweihundert 
zu imentgeltlicher eigener Vertheilung .abziehen zu Lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem r e d i g i r e n d e n Secre- 
tar Anzeige gemacht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Ak.ademie nicht angeliören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Jlitgliedc zu überweisen. 

(Aus St.at. §41,2. — Für die Aufnalmie bed.arf es 
einer ausdnicklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der redigirende Secretar ist für den lnh.alt des 
geschäftlichen Thcils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese wie 
für alle übrigen Theile iler Sitzungsberichte sind 
nach jeder Uichluiig mir die Verfasser verant- 
worllitli. 



Dir Akademie rerspndet ihre 'Sit:ungsberichtc' an <tiF/eni</en Stellen , mit denen sie im Schriftverkehr xteht, 
fcofem nicht im besonderin Falle anderes vereinbart irird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stiirkr von Januar bis April in der ersten Hiilfte des MonaU Mai, 
Mai hix Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers, 



221 

SITZUNGSBERICHTE i^oi. 

DER A.. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
2L Februar. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

1. Hr. CoNZE las: Ȇber die Ergebnisse der im Herbst v. J. 
vom archaeologischen Institute durcb Hrn. Dörpfeld und 
ihn ausgeführten Untersuchungen in Pergamon«. (Erselieint 
später, z. Th.) 

2. Hr. V. Bezold legt vor und besprielit eine Abhandlung dys 
Hrn. E. Goldstein: «Über Nachfarben und die sie erzeugenden 
Stralilungen« . 

Die mittels der Kathodenstrahlen zu erzeugenden Färbungen von Salzen lassen 
sich an zahlreichen, bisher farblos gebliebenen Substanzen hervorrufen, wenn die 
letzteren vor der Bestrahlung einer starken Erhitzung ausgesetzt waren. Es wird 
versucht, diese Farbenwirkung, sowie eine Reihe anderer Eftekte der Kathodenstrahlen, 
Röntgenstrahlen und Radiumstrahlen auf die Wirkung ultravioletten Lichtes zurück- 
zuführen. 



Die Akademie hat das ausw.nrtige Mitglied ihrer physikalisch- 
mathematischen Classe Hrn. Max vo.\ Pettenkofer in Münclien am 
lo. Februar durch den Tod verloren. 



Sitzuiigshericlite 1901. 



222 



Über Nachfarben und die sie erzeugenden 
Strahlungen. 

Von Piof". Dr. E. (toldstkin. 



f Voi-ofleot von Hrn. von Bkzoi.d.) 



Vor ciiiii^cii Jalircii liabc ii-li I'nrl)uii,!i'(Mi besclii-icbcn'. wclclic iicwissc 
Sal/c iiMch der Eiiiwirkuim- der Kiitliodcnstrnlilcu Z('ii;cii. uiul sie ;ils 
Naclitavlx'U Ixv.cicliiict.'' Die damalige Arlicit koiiiilc nur NaclifarlKMi 
aus df-r (Jimi[i[i(' der Alkalisalz<' auriuhrcu. lu/.w isclien ist es mir durch 
ein einlaches 3Iittcl ti-ehniiicn . tlieils jMkalisalze. (He l'rühei' imch lavlilos 
H('l)liel)en waren, iheils zalih'ciche .Substanzen aus anderen (;ru))|)en in 
<len Kathodenstrahlen zu färben. Das Mittel bestellt darin, die Sub- 
stanzen vor der Bestrahlun;»' einer hohen Temperatur auszusetzen. Die 
l^enutzten Salze wurden i>'esclimolzen , nach dem Erstarren ii'ekörnt, in 
die verlier g-etrocknete Entladungsrohre gebrachl und in ihr 1)estrahlt. 
nachdem sie wieder gewöhnliche Temperatur aiigenoimnen hatten. 
Xi(dit schmelzbare Substanzen wurden im Platintiegel — zu Yergleichs- 
zwecken bisweilen auch im Porzellantiegel — über dem Crlasgebläse ge- 
glüht. Die Entladungsrohren hatten die einer von mir schon l'rüher' be- 



' Goldstein, Sit/.iingsbcr. d. ürrl. Akiul. d. ^Viss. 1^94 8.937. 

- In der über da.s Wesen dieser Fäihiiiigen entstandenen Diseiission sciieint die 
Hypothese von E.Wikdk.mann und G. ('. .Sciniiüi', dass es sieh mn Snlicldoride, SabV)i-o- 
inide U.S.W. hniuUe. vielen Pliysikern durcli die gleichzeitige Behauptung; plausibel ge- 
wni-den zu sein, dass die l>ösung der farhigen Salze alkalisch reagire. In zahlreiclien 
\"ersuchen zur Piiiliuig dieser Angabe lial)e ich bei \'ei-\\ eudung reiner Jlaterialien nie- 
mals eine .Spur alkaliseiier Hcaction (frlialteji. Kine schwache Andeutung von .Vlkalität. 
die ein einziges Mal auftrat, hatte ihren Grund darin, dass das zur Lösung in diesen) Falle 
benutzte destillirtc Wasser das gläserne Aufbevvahrungsgefäss angegriften hatte, .\\irh 
.\bkgo (Wird. Ann. Hd.62) hat nui' neuti-ale Heactionen erhalten. — So sehr die Eischei- 
nungen der ginssentheiis stark lichtenijitindlichen Nachfärben äusserlich an das N'erhalleu 
der licliteuipfindiichen Silbersalze erinnern und daher zu einer cheniischen Erklärung 
anregen, ist es mir doch bisher nicht gelungen , einen sticlih.'iltigcn Itew eis für i'ine 
clieniische I'mänderiuig bei der {''.nlstehung der Nachfarben zu 1 ili.'illcn. Die I'ragc. 
ob nicht bloss eine physikalische .Mioti'oiiie vorliegt, l)leibt daher h fiter eine litVenc. 

■' ( ioi.iisi i:iN, SitziHigslier. d. l?erl. .'Vkad. d. Wiss. 1900 S. Sh). 



K. Goi.iistf.in: riiL'i- Niiclil'm-licn und die sie erzeugenden Strahlungen. 22H 

iiiit/tcn Form selir älinliclic (iestalt V'vj;. i. Da.s horizonbilc A1),saugi-olir 
(/ war in einem an der Pumpe lielestiiiten Selilili' drehbar. Das zu unter- 
suchende Salz kann dalu'r, wenn es nielit ruhend den Stralden der 
Kathodenscheibe K ausgesetzt werden soll, mittels Hin- und Her- 
nei,i;ens der Röhre beliebi.ii' oi't (hn-ch die Kathodenstrahlen .ü,-leitend 
liindureliii'etuhrt werden. 

Die Untersuchuni;-. über die liier in Kürze berichtet werden soll, 
eiiiab. dass die erzeu,i;ten >\achiarben in zwei C'lassen v(m A'erschie- 
<lcneni Vcriialten zu scheiden sind. Eine und diesellie Svdistanz kann 
Naclilarben aus beiden Ölasseii annehmen. 

Die Nachfarben, die ich der ersten Classe zurechne, entstehen 
schon durch sehr kurz dauernde Einwirkung iler Kathodenstrahlen auf 
Salze von gewöhnlicher Temperatur, schon durch einen einzigen ( »fihungs- 
s(ddag des Inductoriums. Analog wird schon bei einmaligem Durch- 
stürzen der Salzmasse durch die Kathodenstrahlcn jedes Salzkoni an 
der von den Stralden getrollenen Seite gefärbt. Bei ruhendem Salz 



Flg.J. 



K 



Iv 



+-oE 



R 



/ ^O \ 



B 



eulsteiit die Nacliiarbe in dem ganzen von den Katliodenstralden ge- 
troft'enen Bezirk B (Fig. i). Beispiele für diese Farbenclasse sind unter 
den sclion bekannten Nachfarben die violette Farbe des Chlorkaliums, die 
bhuie des Bromkaliums, die braungelbe des Chlornatriunis. Ferner ge- 
hiiren hierher die weiterhin autgeführten Nachfarben der geschmolzenen 
oder geglüliten Substanzen, die vor der Bestrahlung wieder auf ge- 
wöhnliche Temperatur abgekühlt wurden. Der grösste Theil dieser 
Nachfarben zeigt sehr ]i(il:e LiclilempHndlichkeit, vermöge denni die 
larliigen Substanzen am 'rageslicjit in relativ kurzer Zeit wieder in 
die weisse ursprüngliche Substanz zurückgehen. Je schneller die Fär- 
liung durch Belichtung verschwindet, desto leicliter lässt sie sich aucli 
durch Erhitzung Ijeseitigen. 

Die Nachfarlien der zweiten Classe entstellen nur an wälirend der 
Bestralilung stark erhitzten Substanzen. Durch Hin- und Herstürzen 
der Siilislaiizcii. bei dein jeih's 'Hicilclicn nur einen Augenblick der 

18* 



224 GesamnitsitziinK vom "Jl . Feluii.ii-. 

Bestraliluii,n' untcrlit'.nt, bissen sie sich iik-lit crzcui^cii . soiick-rn \i>v- 
läufig nur in\ ruhender Substanz. Die erforderliche starke Erhitzuni»' 
der letzteren kann entAveder durch Condensation von Katliodenstrahh-n 
auf einen engen Bezirk (z.B. von etwa i"'" Durcliniesser) oder durch 
äussere Erhitzung (Bunsenthmime) bewirkt werden. Im ersten FaUc 
bihlen diese Farben sich dann aucli nur in dem engen Bezirk, den (bis 
condensirte Strahlenbündel trill't, dagegen hei äusserer Erhitzung des 
gcsammten Bestrahlungsfeldes £ in der ganzen Ausdehnung des letzteren. 
Die Lichtempfindlieldceit dieser Nachfarben ist nicht Null, aber sein- 
gering: sie wird in manchen Fällen erst nach einer moiiatelangen 
starken Belichtung deutlich, während zahlreiche Naclifar])cn der ersten 
Classe in difl'user Belichtung sicli schon in Bruchtheilen der Minute er- 
Iieblich ändern. — Durcli eine Erhitzung, die ihre Entstehungstempe- 
ratur übersteigt, können auch die Nachfarben der zweiten Classe wieder 
beseitigt werden. Die erforderlichen Temperaturen sind im Allgemeinen 
sehr beträchtlich liöher als die zur Beseitigung der Farben erster Classe 
Iiinreichenden. Sie können schon mittels der condensirten Kathoden- 
strahlen bei längerer Bcstrahlungsdauer erreicht werden. Deshall) bleil)t 
oder wird der innerste, heisseste Theil des von den Farben zweiter 
Classe eingenommenen Bezirks häufig farblos. 

Es sei nun gestattet, einige Beispiele der diu'ch vorgängiges 
Schmelzen bez. {xh'ihen neu erzielten Nachfarben anzuführen. Die 
Zeichen -F, und F,, mögen dabei als Abkürzung für die Bezeichnungen 
»Nachfärbe erster ('lasse« bez. »Nachfarbe zweiter Classe« dienen. 

Kaliumsulfat: F^ kräftig grün, stark lichtemi)findlic]i: Anfangs mit 
gelblichgrauem Schleier, der nncli kurzer Tagesbelichtunn- verschwindet. 
Fn dunkelgrünbhui. 

Natriumsulfal : i«', l)läuHehchuikelgrau. noch lichtempfindlicher als 
das grüne Kaliumsulfat. Im Finstern aufbewahrt beide SmIzc nach 
einem hallten Jahr noch unverändert. F^ violett. 

Lithiumsulfat: F, blaugrau: sehr wenig lichtempfindlicli. 

Litliiumchlorid: F, gelbgrün, geht im 'fageslicht diurli Grau leichr 
Avieder nnch Weiss. Fu (schon in meiner ersten Arbeit erwähnt) dunkel- 
violett, sehr wenig lichtem])lindlich. 

N;itriumeari)()n;it : F^ rosa, starkiiehteni]ifin(llieli. i^i, tief veilcheii- 
Cnrhig. 

Kaliumeai-honat : i^, kräftig lieliotrop. Am Licht geht das Heliotrop 
in wenigen Minuten in Ros;i ül)er. das nun monatelang im Lieht bestehen 
bleibt. F]i grünlichl)lau. 

Calciumchlorid: F, rosagelb (lachsfarben), F,, blaugran. Die erste 
Farbe verscliwiiKh't im Licht nach Miiuiten. dii' zweite erst nach melire- 
ren Monaten. 



E. Goldstein: Über Naclil'aiben und die sie erzeugenden Stialiluugen. "22ö 

Strontium Sulfat (geglülit) : F^ lilablau, sehr lichtempfindlich; im 
Finsteru nach 1 5 Monaten nicht erkennbar geändert. 
Baryumsulfat : Fi grünblau. 
Baryumphosphat : Fi rosa. 

Dass Flussspath (Calciumfluorid) sich in den Katliodenstraldcn 
violett färbt, ist bereits bekannt'. Das Violett ist die Nachfärbe zweiter 
Classe und sehr wenig lichtempfindlich. Ist das gepulverte Material 
aber im Tiegel stark und anhaltend geglüht worden . so nimmt es 
auch eine Nachfarbe erster Classe an. Dieselbe ist dunkelblaugrau und 
stark lichtempfindlich. Der Rückgang nach Weiss erfolgt langsam aucli 
im Finstern, und zwar unter Lichtausgabe. Spontanes Leuch- 
''^' "■ ten der grau gefärbten Flussspath -Modificationen wurde, all- 
mählich schwächer werdend, noch nach Monatsdauer beob- 
achtet. Durch die Wärme der Hand, mehr noch durch Ein- 
tauclien in heisses Wasser, wurde das Leuchten, als es nacli 
längerer Zeit nicht mehr sjiontan nuftrat. wieder selir 
deutlicli. 

Geglülites Kieselsäure -Anliydrid (amorpli wie als Berg- 
krystall) wird grau: die durch Sclimelzen hergestellten Sili- 
cate von Kalium, Natrium und Calcium werden gelbgTau. 
Durch Erhitzung können diese Nachfarben erster Classe 
wieder beseitigt werden. Mit diesen Nachfarben hängt die 
sclion l)ekannte Verfärbung des Glases von Entladungsröhren 
an Stellen, die von intensiven Kathodenstrahlen getroffen 
wurden, zusammen. 

Noch nicht ganz abgeschlossen sind Versuche zur Prü- 
fung, wie weit nach dem Obigen die Kathodenstralden be- 
nutzt werden können, um unter Umständen zwischen plutonischer 
und wässeriger Entsteliuuä,- eines Minerals entscheiden zu können. 



Die bei sehr geringen Gasdicliten auftretenden Katho<lenstrahlen 
sind niclit das einzige Mittel zur P^rzeugung der Nachfarben. 

Naclifarben der ersten wie der zweiten Classe kann man bei 
ziemlich starken Gasdichten, z. B. schon bei 50""" Druck, erzeugen, 
wenn man in einer einfaclien (vertical gestellten) etwa i^™' weiten 
Cvlinderröhre (Fig. 2) das Salz so lagert, dass es die eine Elektrode 



' In meinen Versuchen färbte sicli nur weisser Flussspath unmittelbar. Von 
Xatur larbitver (blauer, grüner oder t!;ell)er) nahm erst dann die violette Naclifarbe an, 
wenn er durch massige Erhitzimg (mittels der Kathodenstralilen selbst oder dui'ch 
äussere V^'ärmezuluhr) /.imächst entfärbt worden war. 



22fi tiesnininlsit/.iiim; vom "^1 . Kein iiar. 

mii i'initic l ciiliiiictcT üln'rni.i^t (/. B. bis x). Die Entladuni;- /\v;iii!;l >icli 
dann als sclunalcr Strnnt;' zwischen Salz nnd Glaswantl liinduroli. Nacli 
l'nterbrccliun.ii' der Entladung zeigt sicli das vorher weisse Salz ent- 
lang der Entla(hingsl)ahn. i)ei geeignetem Druck auch in ihrer I ni- 
gehung gef'ärht. 

A>ich ihirch das geschiclitete positive Eiciit . in (h'sseii Bereicli 
man die Salze bringt, iiönnen die Nachfarben her\ orgerul'en werden, 
besonders die der ersten (lasse, z. B. bei Chlorkalium. Kaliunisuli'at. 
ISatriumsuli'at , geglühtem Flussspath u. s. w. Nur ist die für gleiche 
Sättigung der Farben erforderliche Zeit \ iel grösser als bei der Ein- 
wirkimg von Kathodenstrahlen. Bei der Röhre Fig. i lireitet man 
das Salz in dünner Schicht entlang dem etwa 1+''" Aveiten Rohrtheil 
li aus: ist dann e Anode, so wird R vom positiven Licht durch- 
zogen. 

Dass a\icli die \'(Ui radioactiven Substanzen a\isgelienden Strahlen 
tlirbend wirk<'n können, hat bereits Giesel an Steinsalz. Bromkalium und 
gewöhnlichem Flussspath nachgewiesen. Auch die hier an geglühten Ijez. 
geschmolzenen Substanzen neu gefundenen Nachfarben lassen sich — 
mindestens soweit sie der ersten Classe angehören — durch Radiuin- 
strahlen hervorrufen. Unter einem von Hrn.GiEsEi, mir freundlichst leih- 
weise überlassenen mittelstarken Radimniiraeparat von o'^Tis nahmen die 
betretVenden Salze binnen 24 Stunden deutliche Färbung an der Ober- 
tläche an. binnen einer oder einigen Wochen ergreift die Färbung Schich- 
ten von einigen Blillimetern Dicke. Da Kathodenstrahlen höchstens 
wenige hundertel Millimeter tief eindringen, so müssten die die Färbung 
angeblich bedingenden liypothetischen Sidichloride durch lange einwir- 
ken<le Radiumstrahlen schliesslich in viel grösseren ri'lativen Giengen 
erzeugt werden als liei der Färbiuig dureli Kathodenlicht, die Alka- 
lität (Ut Lösungen sollte also sehr verstärkt sein. Trotzdem fand 
ich neutrale Salze auch nach der Färbung mittels Radiumstrahlen 
neutral. 

Fhidlicli kr>nnen die Nachfarbi'ii auch einfach durch ultra\ iolettes 
Licht, nänilicli durch den Funken der Lcydener Flasche hervorgerufen 
werden, wie ich schon vor einigen Jahren erwähnte.' Die Färbung 
erfolgt auch nacji Einsclialtinig einer Quarzplatte. F^inc kleine Zahl 
A'on I-'unken genügt . um geschm<ilzen gewesciu's Kaliumsidfat grün. 
Natriuiusulfat grau zu llirlicn. — 

Da man die vcuu geschichteten positiven Licht und von dem 
dümien Entladungsstrang erzeugten Nachfarl)en ebenfalls auf die Wir- 



' Tliätigkeitsberiüht der Pliysikaliscli -'recliiiisclR-n Heii'lisaiistrilt für 1S95; Zeil- 
.sclirift für Instriiinentenkuiide 1896 S. 211. 



E. Güldsiein: Ülicr Nachriirben mul die sie erzeugenilen Stralilungen. 22/ 

l<im,ii' (k's ultravioletten Liclites l)ezielien muss, wek-lics \(m diesen 
Kntladiiniistlieilen ausgelit, so vermutlie ich, dass die ganz gleicli- 
artigen. dnreli das Katliodenliclit veranlassten Färbungen ebenfalls auf 
gleiehe Weisi' entstehen. 

Vor längerer Zeit bereits liabe icli die Hypothese ausgesprochen', 
<lass die Kathodenstrahlen l)eini Anprallen an feste Körper ultraviolettes 
Lieht an der TrelTstelle erregen. In den letzten Jahren habe ich ein- 
gehender die Wirkungen des ultravioletten Lichtes mit den Wirkungen 
vergliclien, welche Kathodenstrahlen beim Aufprallen hervorrufen. Das 
uKraviolette Liclit zeigt folgende Wirkungen: 

1. erregt <'s Phosphorescenzlicht. 

2. erzeugt es Nachfarben. 

3. maclit es Gase leitend. 

4. vermindert es den Entladungsverzug an negativ elektrisirten 
festen Kör])ern, 

5. kann es Kathodenstrahlen liervorrufen (Lemard). 

6. bildet es Nebelkerne. 

7. erzeugt es chemische Wirkungen. 

8. ändert es die Benetzungsfälügkeit von Körpern, 
q. wirkt es zerstäidtend (Lenard und Wolf). 

Alle diese ^^'irkung(•n werden alier aucli beim AuftrelTen von 
Kathodenstrahlen erzeugt." Daher halte ich es für wahrscheinlich, dass 
ein grosser Theil der Wirkungen, welche gegenwärtig den Kathoden- 
strahlen zugeschrieben werden, nicht diesen selbst unmittelbar zu- 
kommt, sondern sehr kurzwelligem ultraviolettem Licht, das an den 
Enden der Kathodenstrahlen Ijez. bei ilirem Anprall gegen ein Hin- 
derniss erzengt wird. IDjer das Wesen der Kathodenstrahlen selbst, die 
nicht etwa auch identisch sind mit ultraviolettem Licht, soll Iderbei 
nichts ausgesagt werden. — Hinsichtlich der unter 3 und 6 aufge- 
führten Wirkungen ist zu beachten, dass auch schon Gastheilchen 
bei den feinen Dimensionen, in denen die Vorgänge der Kathoden- 
strahlen sich abspielen, auf letztere analog wirken wie ausgedehnte 
Wände." ^'on den in der Litteratur bisher beschriebenen Eigenschaften 
würden den Kathodenstrahlen, abgesehen von der Wärmeerzeugung bei 
der Absorption, vielleicht nur die passiven Eigenschaflen der magneti- 



' Goldstein, Sit/,iingsl)ei'iciit der Wiener Akad. der Wiss. 1879. Hd. 80 und 
Sit/.ungsber. d. Berl. Ai<ad. d. Wi.ss. 1880, 8.82. 

- Soweit dies nicht selion aus der vorhandenen Litteratur folgt, soll es in einer 
ausführlicheren .\rbeit belegt werden. 

^ Vergl. hierzu Lenard, Wied. Ann. 51, S. 225, luid Goldsiein, Wird. Ann. 67, 
S. 92. 



228 Gesaiiinit.sit/.ung vom -]. Fcbiuai-. 

seilen AI)l<'iikb;irk(nl . der Dellexioii und der DüTusion ^■erl)leil)cn. Die 
Eedeiitiuiu' der KalliodenstrHiden ;d)er würde, abseselien von iliren noch 
zu erforschenden besonderen Ei,i>ensch;d"ten . zunäclist darin liegen, dass 
sie die mächtigste Quelle ultravioletten Lichtes sind, die man bisher 
kennen gelernt hat. — In meinen Arbeiten hat diese Auffassung sich 
als geeignet erwiesen , neue Effecte des Kathodenlichtes wie des ultra- 
A'ioletten Lichtes kennen zu lehren. 

Es scheint mir nicht unrationell, die hier angedeutete Auflassung 
auch auf die Röntgenstrahlen auszudehnen. Ausser der Fähigkeit, diflun- 
dirt und relativ wenig aljsorbirt zu werden, sind, wie mir scheint, noch 
keine Eigenschaften der Röntgenstrahlen selbst bekannt geworden. Die 
ihnen bisher zugeschriebenen Wirkungen . den Leuchtschirm bez. phos- 
]ihorescenzfähige Körper zu erregen, die photographische Platte zu 
aflficiren und die durchstrahlten Gase; leitend zu machen , auch ihre 
bisher beobachteten physiologischen Wirkungen, erklären sich, wenn 
die Röntgenstrahlen beim Aufprallen auf wägbare Materie (feste Kör])er 
oder Gastlieilchen) ebenfalls ultraviolettes Licht von sehr kurzer Wellen- 
länge erregen, das nun auf die wägbaren Theilchen als solches weiter- 
wirkt. Die Bestrahlung eines Köri)ers mit Röntgenstrahlen kommt nach 
dieser Auffassung in erster Reilie auf die Erregung von ultraviolettem 
Licht an und in dem Körjjer hinaus. 

Analog kann man auch das Verhalt(Mi der Radiunistrahlen auf- 
fassen, welche Phosjihorescenz erregen, Nachfarben erzeugen, jihoto- 
chemisch wii-ken. Gase leitend machen, entladend Avirken und jihysio- 
logische Effecte veranlassen. Ultraviolettes Licht, das lieim Anprall 
der Strahlen an wägbare Materie entstünde, würde ganz gleichartig 
wirken. Neu kommt bei den Radiumstrahlen noch hinzu, dass sie 
aus messbaren Tiefen der actiA^en Substanz entspringen. Sie treffen 
daher, schon bevor sie die letztere verbissen, auf wägbare Theilclien 
und erregen an ihnen ultraviolettes Licht. Da Broml»ar\ um und Clilor- 
baryum, in welche das »Radium« eingebettet ist, unter dem Eintluss 
ultravioletten Lichtes blaues Phosphorescenzlicht aussenden, so erschei- 
nen die radioactiven Salze selbstleuchtend. Da ferner die genannten 
beiden Salze bei sehr hoher Temperatur nicht mehr jihosjihoresciren. so 
erklärt sich auch, ilass das Leuchten der radioactiven Salze bei starker 
Ja'hitzung aufhört, um bei Abkühlung wiederzukehren. Die Färbungen, 
welche die activen Substanzen allmählich annehmen, sind die Nach- 
farben, die das vim den Strahlen an den Theilchen hervorgerufene 
ultraviolette Licht in (h-n letzteren erzeugt. — 

In der Litteratur der letzten Jahre werden auch die sogenannten 
Kiitladungsstrahlen von E. Wucdkmann aulgetuhrt. Sie gehen nach 
K. \\ iKDiM \NN \ ou der Kiitladungsl)ahn in diclit(>ii und dünnen (Jasen 



E. Goldstein: Über Nacliiarben und die sie erzeugenden Strahlungen. 229 

aus. ptlanzcn sich geradlinig fort, werden vom Magneten nicht ab- 
gelenkt und erregen Thennoluminescenz. Soweit ich die bezüglichen 
Erscheinungen in eigenen Beobachtungen kennen gelernt habe, sehe 
ich noch keine Veranlassung zu der Annahme, dass diese Strahlen 
eine besondere Strahlenart bilden und dass sie etwas Anderes sind, als 
gewölinliches. aber ziemlicli kleinwelliges ultraviolettes Licht, welches 
von der Entladung in freier Luft wie in verdünnten Medien ausge- 
sandt wird. 



Ausgegeben am 7. März. 



231 

SITZUNGSBERICHTE löoi. 

1)i;k A.I. 

KÖNIGLICH PREÜSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

28. Fehruar. Sitzung der pliilosophiseli-liistorisclien Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlkn. 

1. Hr. ToBLER las: Vermisclite Beiträge zur französisflien 
Grammatik. 

Die drei unter einander nicht zusammenhängenden Aufsätze, die er vorlegte, be- 
schäftigen sich theils mit syntaktischen Eigenthümliehkeiten des Französischen , theils 
mit seltsamen und nicht unmittelbar verständlichen Verwendungen des Verbums dei-oir 
in den älteren Denkmälern jener Spi'ache. 

2. Hr. Hahnack las üher Probleme im Texte der Leidens- 
ge sc lii eilte -lesu. 

Es wird in der Allhandlung gezeigt, dass Luc. 22, 43. 44 zuversichtlich, Luc. 23,34 
mit grosser Wahrscheinlichkeit als ursprünglicii zu betrachten ist. ferner dass in 
Marc. 15, 34 die Lesart tovelSia-as (für eyKareXnres) herzustellen ist. 



232 



Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 

Von A. TOBLER. 



1. 
De la maii}f>r(' iloni iioiis Joiiiiiirs /'aifft. 

il eft certain que notre ß^Udti' confifte dam k philßr, lit-st man in Prr- 
vosts Manon Lescant (ich benutze zufällig die Ausgabe von Paris 1823) 
S. lOi, und ieli möchte bei diesem Satze einen Augenblick verweilen, 
nicht als Moralist, sondern als Grammatiker, der den darin sicli zei- 
genden Gebrauch von de nicht ganz selbstverständlicli findet. Nicht 
als ob er in dieser und einigen andern ähnlichen Wendungen selten 
wäre. Man vergleiche 

car, de la muniere dont les chofes f'arranycolpnt, je ne doutoiji 
point que je n'euffe la liberte de me du'rober de la maifon, eb. 35 : 
rlen ne pouvait lui r'tre meilleur que l'idee de vous revoirj furtovt de 
la moniere dontj'ai arrange les chofes, Richepin, Cesarine 162': 
de la fagon dont on m'avolt parle de vou-Sj, j'etois perfuadee que 
je pouvois vous faire cette propoßtion , Mme de Sevigne, VIII 613: 
du train dont vont les chofes en Italie et en Europe, je vois en 
vou^ le pape futur, P'abre, L"abbe Tigrane 301: du train dont 
vont les chofes, dans moins de dlx ans, cent mille Italiens feront 
etablis (I MarfeiUe, Fouillee, Psycliologie du ])euple fn;. 261: 
dii train dont les chofes niorchnient, eile nvait encore de helles 
crm'ites ä manger avant d't'tre fa femme, Rev. bl. 1899 II 715a: 
s. auch Littre unter trai7i: je l'ai affurr que^ du caractlre do)tt 
je vous connoiffoiSj je ne doutois point que cous n'y repondissie: 
honnetement, Manon Lescaut 162: du naturel trndre et conßant 
dont je fim . ßi'tois heureux pour tonte nui rie. J'i Manon m'ei'it 
cte fidele, eb. 26: De l'humeur dont le ciel a coulu le former. 
Je ne fais pa.s comment ilf'acife d'ainier, ^luliere. Misanthr. 1 17 i: 
de l'humeur dont je fuis, Vamitii' d'une feule perfonne nie con- 
tente, Sand. Maitres sonneurs 338. 



' Da.s Bncli ist mir niclit mehr zur Ilaiui. sd dals ich nicht icst-stclleii kann, oh 
etwa, w'w ich }>;laiil)eii möciite, ch h man iire u. s. \\ . sich hhjfs auf rpi-w'r bezieht, iiiciit 
auf den ganzen Satz riin ne pimrait . . . rernir. Ist cisteres der Fall', so uehört das 
15eis|)iel nicht hieliei'. 



Toiiler: Vermischte Beiti'äge zur französischen Grammatik. 23B 

Überall hier wird mit dem von de begleiteten Substantiv und dem 
sich daran schliefsenden Relativsatz eine Erklärung, Rechtfertigung 
oder (bei traiii) eine Voraussetzung für ein Geschehen, einen Sachverhalt 
gegeben, die im ganzen folgenden Satze ziu- Darstellung kommen: 
es handelt sich nie blol's um eine Bestimmung zum Verbvmi allein. 
Dem entspricht denn auch, dafs die uns beschäftigenden Wendungen 
dem ganzen Satze vorangestellt sind, ^^'ir werden das hier verwendete 
de am ehesten mit ,bei' übersetzen, und die Franzosen werden, wenn 
sie sinnverwandte Wendungen gebrauchen wollen, etwa zu vu, attendu 
greifen. 

Ist denn aber ein derartiger Gebrauch \u\\ de nicht im höchsten 
Grade auffällig? So geläufig jedem agir de cetie inaiüere, de la fagoii, 
(Hre d'un hon earactere u. dergl. sind, kann jemand Anwendungen wie 
*de la marche gue l'affalre avalt prlse^ *du caractere qiie je hü connaif^ 
*du naturel qu'on leur fait, wobei de den eben angegebenen Sinn hätte, 
auch nur für mögiicli halten? Würde nicht ä in diesen Fällen, wenn 
nicht das einzig Denkbare, so doch das Nächstliegende scheinen? In 
der That ist denn auch d. wenigstens in einem Teile der A'erbin- 
dungen, die uns beschäftigen, nicht minder üblich als de: 

ä la maniere doni tu cheriffals et dont tu fok/nalN les mlen^ 
(enfants), il etait faclle de iiolr que tu ferals une inere fubllme, 
Sand, Jacques 340: nous Vaurioiis attendue longtenips, au traiii 
dont eile vient a nous, eb. 83: helas, j'ai grand' peWj au train 
dont la terre tourne malntenant. que la bousoulade ne devienne ge- 
nerale. Dumas iils, angeführt Rev.bl. 1900 1418a: au train dont 
foTp'ere, des malntenant j, cette implantation (des yankees au Mexique), 
on peilt prevoir que l'expanßon des emigrants bas-alpins . . . fera bien- 
töt compromise. Demolins, les Francais d'aujourd'hui 39: au train 
dont vous marcliez. dans cinq ans vous /eres ohlige de liquider, 
Ohnet, Gens de \i\ noce 134: s. auch Littre unter train. 
Darf nun diese letztere Sprechweise die zunächst einzig gerecht- 
fertigte scheinen, hat man ein Recht, zu behaupten, die erstere wüi'de 
neben ihr nie üblich geworden sein, wenn lebendige Rede je auf dem 
Wege behutsamen Erwägens, ängstlichen Äufreihens sorglich gewählter 
Wörter zu stände käme, so wird die Frage zu beantworten sein, wie 
man sich denn das Aufkommen der minder unmittelbar gerechtfertigten 
Ausdrucksweise neben oder nach der andern zu erklären habe. Die 
Antwort aber scheint mir lauten zu sollen: die Verwendung von de 
(für d) ist herbeigeführt durch die unmittelbare Nähe des im Relativ- 
satz stehenden Verbums, welches gar keine andre Verbindung als die 
tlurch de mit dem Substantivum zuläfst, das fiir den Relativsatz das 
Beziehungswort ist: statt oder neben fi la nianüre dont nous foinniesfaits 



2.)4 Sitzung ili'r pliildsiijiliiscli- liistoiisclicii Classe vom 2S. Kcbruiir. 

koiinnt de la iiKiniirr <l. ii. f. f. u\ (iobnmcli . weil i tri' fiiii d' wie cer table 
mdiüirc die cinzin' iil)liclii' Koiistriikl inu isl : dieser ist zwar durch dont 
völli.si' CTenügo yetli.-in. sie ergrcirt aber ;uicli iiocli das Bezioliiin,i>:s\vort 
Av<. dont. Man köniile ;nicli von Attraktion des Substantivs durcli das 
RelatiAuni s]M-eelieii und die Erscbeinuni;' mit jener andern zusaniinen- 
stellen , die ieli in den X'enniscliten Beiträycn I 199 besj)rociHMi habe, 
und die darin besteht, dals ein delerininierendes Pronomen, das im 
Accusativ zu stellen liätte. Xomiuativ wird, weil ein Nomiiiati\- des 
Ixolativums unmittel))ar darauf Inii.;! . und dals bei um^'ekehrtein Ver- 
Iiältnis das Ums'ekelirte eintritt. Doeli verdient die erste Fassun.i^; darum 
(h'n A'orzn,i>', weil jenes de für ä auch da sich zoin't, wo ein donf jxnv 
nielit auftritt, sondern die Spraejie. statt zu ilim. zu dem relativ<'n Ad- 
verbium que .iie,s>'riffon hat'. In der That findet man neben ^lolieres Jr 
la regarde eii femme aiix termr.s quelle en efl (ln'i dem Punkte, in B<'- 
tracht des .Stadiums', wo sie sieh befindet). Ec. d. Femm. II i . 382. 
\V(i ein de natürlicli ausn'esehlossen ist, aber rii le terine oii eile en eft 
liätte i>'t'sa,!;'t werden können, auch: 

de la fat^'on qu'll en parle, c'eft i'tre crinilaelle que d'acolr du 
merite, ders.. Imjironiptu de A'ers. Sc. 5: la hdtiffe . . . dont Tufaiie 
rieft (ju'ere faclle a expliquer a pn'fent (de la nianiere qu' il eß 
conflruit), etait une roi'de fervant dentree. .Sand. Maitres sonn. 263. 
Weitere Beis])iole dieser dritten Redeweise füye ich nicIit liinzu: 
man findet deren bei vei'scliiedenen Grammatil<ei'ii. die das Auf- 
treten des Adverbiunis que an Stelle eines relativen Pronomens 
oder eines r/o«/ bemerkenswert li'efunden halien. wälirend. wie 
man aus ihrem Seliw ciiicn sehliefsc^n darf, der (iebrauch d(>s de 
ihnen sellistNcrständlicIi erschienen sein nuü's: so bei 3Iätzner. 
Syntax II 245. Holder S. 3g4r/. Ilaase. Syiit. ^ 36. 1. bei Livel. 
Lex. de la lanuue de 3Iol. unter (jue S. 430 Nr. 6 und 5. 
Ob es auch altfranzr)sisclie Beis])iclc der besprochenen Krschei- 
nun.y i>-ieb( y \\'enn wii- lesen maul cftoit Marques preudoni de la jor- 
nece dont d eßinl . Mar(pie 55'/ -1 • so scheint dies zunächst nanz ulcicli- 
artii;- mit dem. was uns hier zuerst hescdiäl'tiiit hat. Und dtich mrichte 
ich die zwei Dinye trennen. Kininal ist hicM' ein mit dani (oder (y?/^) 
einncleileter Nebensalz nur selten der ijeyleiter des mit ile cin.s>-efü]irten 
Substantivs, so dafs die ohen t'ür die neufranz(")sisclien Kedeweiscn 



' S()1j;iIi1 iiinii i'iliri^iMis in di'ii n. n. ( ). lii'lrriclitetcii l'.rscIiciiiuMui'M iiiclil iriclir 
.•Vltraiilion an das Hflativproiiomcii, sondern, wie ich .j<'t/.t lit'l)ci' timii niöclilc. .\\- 
traktion an das W'fbuin des Relativsatzes ei'kennt, so riielven sie der uns liier lic- 
seliäftiijenden finnz nahe oder werden mit ihr völlig nlelcliarti,!;. nin- dnfs die dureli 
die .Xltraktion angedeuteten Beziehungen zwisclien dein iieziehmiüsu orte und dein 
Veihiiin des Relativsatzes iins;leieli lieselialVeii sind. 



Tüiii.icR: X'ennisclitc Beitiiiiie zur iVanzösisclien Grammatik. 235 

vort''esclil;igcii(' Krkl;irTiii.n' für die ;iltfraiizösi^if]ien folii'cnilcn kcineslnlls 
hcstchcn könnte: 

De l'un ai' fu bele e yranz, MFceF 236: De fun aayc fu grnnz 
e forz e J'enez, Ron II 2823: De J'on aaije fu moiit Jages. Meon II 
333' 65: De J'on aac/e eftolt gram et fournis. Enf. O^-. 8024: 
Lors encontrent wi cheDaller . . Prevdonie par famhiant et hei De 
j'on ragi'j rar vieb fu . Cli. II esp. S047 : Quant li rois vit fon 
f(l ß lii'l De fon eagc damoifel. Fl. 11. Bl. 202 (wo Bckker nach 
bei nicht yiit ein Komma setzt): Flolres II enfes fu nioult Maus 
Dr fon eagr (knnoifiavs . cb. 2846 (auch hier hat Dn Möril mit 
Rocht kein Komma n'csetzt): Sacirs, moidt eftoit hünL^t et grans 
Dl' l'eage qvc II avoit. Perc. 1991g (nach avo'd ist ein Punkt 
zu setzen und in der folii'endeii Zeile ot für et zu sclireiben): 
Blult eft de fon cage tnax Guil. Pal. 3477: L'enfant trova foz Jr 
mantel De fon eage grant e hei, SMagd. 578: De fa ferne ot 
hd im ßl De fon eage asses gentll, Mousk. 213: prlls crl et 
jovenchiaus; De fon ierme fu auques h'iaus. Covu-. Ren. 1886: 
Äinz plus hiax kons ne fu oeuz De fes jors. Reinsch. Kindh. 
Ev. 46, 388: De fon tans eftolt moultfenes, 3Ionsk. 12 153: on- 
qiies ne iH fi preu de fon jouvent. Enf. Og. 3052: Frrre, fait 
llj com eftes fage de vo jouvente, BComm. 3130: Tant par dr- 
oint des armes huens . . que en France ne en l'emplre Ne[n] avoit 
im meillor efcu De tant com. il avoit vefcu, Joufr. 719: Aca- 
rins fu mult ftges et cortois de fa loi. RAlix. 419, 18: De lor 
loi furent preu et gent (zwei Heiden). Mousk. 6605: Molt eft 
toiax de fa loi Salatres, FCandie 45. 
Auch finden wir liier niemals d im Wechsel mit de, und die mit de 
eingeführte Bestlmnuuig wird nicht zum ganzen Satze gegeben, son- 
dern . Avie in einem grofsen Teile der Beispiele ganz besonders deut- 
lich ihre Stellung erkennen lälst. zu einem pr.ädikativen einzelnen 
A\'(irte. Wenn wir mm im Deutschen nntei- gleicJien Umständen die 
Prä])()siti(in .für' brauchen (,klug i'ür sein Alter', ,ein Elirenmann für die 
Konfession, der er angehört'), so darf uns dies doch so lang nicht be- 
stimmen, dem de einen ähnlichen Sinn (etwa: .vom Standpunkte des 
Alters betrachtet") zuzuschreiben, bis wir einen solclien auch sonst 
naclizuweisen vermögen. Wir werden besser thun uns zu erinnern, 
dafs de ungemein oft den Franzosen alter und neuer Zeit die gleichen 
Dienste thut wie den Lateinern der Genitiv- der Eigenschaft: hont de 
grant acnje. de noftre loi. und zu bedenken, dafs das. A\as hier aus- 
zudrücken war. ganz ausreichend ausgedrückt wurde, wenn man die 
beiden Eigenschaften jede selbständig mit <len sonst ül)lichen Mitteln 
angab. ,I)es Altei's. in dem er stand. A\ar ei' klug' wird man um so 



2H(> Sit/iiiif; der philosopliisch- historischen Classe vom 28. Februar. 

eher vcrstcliii: .iiir sein Alter Avar er kluy", als ja doch ein , seines 
Alters" oline den (auch da. wo er ijcincinl ist. nur durch Nebeneinander- 
stellnny angedeuteten) Bezu.y auf ein anderes Prädikat ,i>:anz ohne In- 
halt bleibt. Dal's an den temporah'n Sinn von de nicht gedacht werden 
kann, brauclit kaum gesagt zu Averden. Dieser, der auch als eine be- 
sondere Art des partitiven gelten darf (arriver de mni, ja)nais de la vie. 
de toute la nuit u. dergl.), liegt weit ab von ch-ni. der uns hier entgegen- 
tritt. Ist das eine Mal die Zeit, von der gesprochen wird, eine Zeit- 
dauer, in welche etwas an beliebiger Stelle hineintallt oder auch (öfter) 
an keiner Stelle sich verwirklicht, so ist es das andre ein erreichter 
Punkt des zeitliclien Verlaufes. 

^\'as den zuerst betrachteten Gebraucli angeht (de la maniere dont 
noua fommes faits) und die dafür vorgeschlagene Erklärung, so darf man 
dabei unzweifelhaft des von allen lateinischen Grammatiken erwähnten 
Vorganges sich erinnern, vermöge dessen aus pro prudentla qua es mit 
^'erlust von pro ein qua es prudentla wird, s. Kühner II 866, 5. Aber 
ohne weiteres gleich sind der lateinische und der französische doch 
nicht: bis zu einem * de quelle maniere nous J'ommes faits in dem Sinne 
von .wie wir nvui einmal bcscliaflen sind' ist das Französische, glaube 
ich. nicht fortgeschritten, und offenbar würde erst diese Art sich aus- 
zu(lrücl<(n jt'Hcr latcMnischen genau entsprechen. 



2. 

iiuftnf il (tut ajonter. 

In einer Berliner Dissertation vom Jahre 1879 hat auf meine Ver- 
anlassung Ernst Weber sich mit einigen Verwendungen der Verba 
devoir, laifßer. pooir. favolr, foloir. voloir im Altfranzösischen beschäftigt, 
mit denen vertraut sein mufs. wer alte Texte genau zu verstehen 
wünscht. So Nützliches er damals dargeboten hat. manches Avürde 
zu seinen fleifsigen und besonnenen Darlegungen wohl noch hinzu- 
zuftigen sein. Ich berüjire hier nur ein paar Kleinigkeiten, die man 
über devoir nachtragen könnte. Dals das von einem Infinitiv begleitete 
devoir nicht nur über Personen und Sachen ausgesagt wird, an die 
damit eine Fonienmg gestellt wird, sondern auch über solche, die 
etwas that.sächlicli ausführen, nur dals eben durch das hinzukonmiendi' 
devoir dieses Thun als naturgesetzlicli. dem Brauche gemäfs. der Ge- 
wohnheit ent.sprechend hingestellt wird, hat ^Veber S. 7 fl*. gesagt ini<l 
gezeigt. Dazukommt aber, dafs auf glciclic A\'eise man auch aussagt. 
dals etwas .mit Fug", .mit gutem Kechte" geschieht (selten anders als 
bei persönlichem Subjekt). Wir Deutschen spreclii'u in solchem Falle 



Toiir.KR: \'ermi,sclite Beiträge zur i'raiizcisisclien Graininatik. '2.\ ( 

clior von Dürfen als von Sollen, und aucli das Altfrauzösisclic ver- 
wendet in fast ^-leiehem Sinne pooir von nicht blofs mönliehem . son- 
dern thatsächlichem Thun\ nur dal's in deooir der Hinweis auf be- 
stimmenden Antri eh. h\ pooir der auf Nichtvorhandensein irgendwelcher 
Hinderunir lie^'t. 

Qiic as que plores decant iiioi/ — Sire. r/iß il. faire k doi. Quant 
ine reniembre de ma gent (ich thu's mit Fug). Wace SNic. 1019: 
MuM cos dei, dift il, toz arner E niult me pois en vos f'ier, Rou III 
7418: Plaindre fe doit. qui eft baiuz. Ch. lyon 502: Vos e/tes 
mes cofins germains, Si nos devons mout antramer. eb. 583 Var. : 
Nus miauz de moi ne Je doit plaindre (keiner hat mehr Ursache), 
eb. 3 860: Car an tanz leus eftoit plaiiez Que bien devoit eftre 
efmaiiez, eb. 4560. Dahin gehört wohl auch aus dem näm- 
liclien Gediclite die Stelle, wo Yvain die von ihm aus schwerer 
Bedrängnis Befreiten an seinen lieben Freund Gavain entsendet: 
sie kennen ihres Retters eigentlichen Namen niclit und ver- 
mögen einstweilen mehr nicht zu sagen, als dals sie vom 
.Ritter mit dem Löwen" kommen , aber sie sollen Gavain sagen, 
wenn er auch an dieser Bezeichnmig noch nicht erkennen könne, 
wer sie schicke, so dürfe er sich darauf verlassen, dafs Ab- 
sender und Empfänger einander seit lange wohl bekainit seien: 
Et avuec, ce priier vos doi Que vos U dltes de par moi Qn'il me 
conoij't bien et je luij Et fi (.und docli') ne Jet qui je me Jui. 
4293: hier bezieht sich das Grundhaben nicht auf das Bitten 
allein, noch auch auf die Bitte irgend etwas zu melden, son- 
dern auf die Bitte eine Botschaft grade dieses Inlialts zu l)e- 
stellen. Yvain meint: icli darf von mir sagen, Gavain und ich 
kennen uns schon lange, also darf icli aucli eucli bitten ihm 
das in meinem Namen kund zu thun. 
P"ür den, der es nicht gar so eilig hat. giebt es leider sehr zahl- 
reiche Stellen, wo die Vieldeutigkeit des deooir ihn schwer oder auch 
gar nicht aus der Ungewifsheit darüber herauskommen läfst. was als 
der genaue Sinn der ihm vorliegenden Worte gelten dürfe. Wenn 
Lambert dem Olivier das Lob erteilt : n'ej'tes mies lainier; Cil fut malt 
Jaiges ke (= ki) vos duit anfeignier, GViane (Bekker) 995. heifsen da 
die letzten Worte ,der euch zu erziehen die Pflicht hatte, den Auftrag 
erhielt'? oder .der euch erzogen haben muls"? Denn auch von dem, 
wovon man nicht durch unmittelbare Kenntnis weifs, dafs es ist, sagte 
man altü-anzösisch , wie man heute noch sagt, eftre doit, wofern ein 
hoher Grad von AValirscheinlichkeit dafür liesteht {La tur (T Arches voleit 



' Dies lial)e icli im Arcliix 1'. iL Stiid. der n. Spr. XCI 107 zu Z. 328 gezeigt. 
Sitzungsbericlite 1901. 19 



238 Silzunti; der pliilosopliiscli-liistoiisclieii ('lasse vom 2S. Ki'Uniar. 

(farnlr, Knr le bh' lur deveit failllr .er san'tc sich, die Bosatziiiiy miissc 
wolil. iiarli La,i>o der Dinj>e, Mangel leiden", Ron III 3480: Beroui'wr 
miß Ja terre (luffi. Et puis dnt renirjvfquex c.\j, Et aprh retourna a Romme. 
,er muls liielier gekommen sein". j\Iir. ND 28, 1000, welrlie Stelle auch 
mit ihvciii dnt venir fiir doit efirr- vrnuz sicli ne1)cii obiii'es dut anfpkjnier 
für doli acoir anfeicjnu' stellt, worüber Vcriii. Keitr. II 32 ifehaudelt ist). 
So können auch die vielen l'älle. avo di-roir den Infinitiv eines 
Verbnnis be.iileitet. das einen der i-ee-elniiilsi!;' eintretenden Vorij'änne 
in der Natin- bezeichnet. Aidaf's zu Zweifel neben. Dals lur Webers 
Auffassung' (S. 9) g'ewiehtin'e Gründe sprechen, ist niclit in Abri'de zu 
stellen. Brauchte man devoir. wie seit bin.n'e leslsti-ht. rem dem. \\as 
innerhalb des menscidielien Daseins ,t>ewohnheitmälsin' iicschieht, wie 
z. B. v(mi Seld;deni>'(din, vom Aufstehn. vom Feiern gewisser Feste, 
Vom Benennen i;-e\viss<'r Dinn'c, b(>stimmter Personen, vom Verkeln-en 
an den oder jenen Orten, wnrum dann luclit auch vom TMii-en. vom 
Naelden. vom Steigen und vom Sinken der Sonne. Dingen, die ;ui 
Gesetzmäl'siijkeit des Eintretens von keinen andern übertroffen werden? 
— Aber es liefse sich doch wohl auch ein etwas anderer Sinn in \\'ort(> 
Icii'en wie qiutnt i1 dnt (wefprir, qmmt devra cfclairicr. als ,da nacli natür- 
licher Ordnuni»' es Abend ward", .wann es taii'en wird, was nicht 
Mushieiben kai)n'. dci'oir fairp wird ja auch von einem Tliun nc- 
hr.'uicht. das lieNorsteht ohne resi'clmä Isi ii' einzutreten. Auch dies ist 
\()ii A\('ber S. 1 I ausreicliend ijezeiut ANurden. und mu' um die Sache 
noch einmal deutlicjiei' in Erimiei'un,!;' zu brinn'en. lüüc icli Iner ein 
]>anr weitere Belege Innzu: 

Je raus demant cel viellart rnjbte Et Je (^= ce) Jone home que vous 

pendre deves (wollt), RCambr. 8030: Jo devie a toz e defent . . . 

Qne vos Gitilleme n'enterrez El Heu ou metre le devez. Ron III 

9324: tout Jons träy , Cor nous J'erons ja envihj De nos ojtes. fort 

larron Jbnt. Noftre avoir ja departi ont Et ß nous doivent an 

fouper A cajmn la tiefte coper. Rieh. 3351 : Di va, Franeeis, . . . 

Par le tien deu^ por qui tu deis rombatre (zu kämpfen gedenkst), 

Claimes tu Jioine com ton dreif eritaye^ — Tu Vorras ja, . . Ge 

dei rombatre a eheval et as armes El myni de den, . . Par dreit 

e/'f Rome noj'lre empereor Charle. Cor. Lo. 8S0: Cijt hom fit en 

■peril de }uort Kn la iner ou deroif noier ; Gc 11 nidai. nel qiiier 

noier. Barb. u. M I 88, 41. 

Ist dem so. dann könnte dut ajorner iwwU lieifsen .als der iaiicsan- 

bnieli bevorstand': und wenn auch nnch heutit>em soriilaltiiicin Spi'ach- 

i;ebr;nieh in diesem Siune eher ein lm|ierfectum ;ds ein Perfectum zu 

erwarten seju würde, so (i;irf doch dMr;ni erinnert werden, dals die 

alte S])r;iclie in <ler Seheidiniü' der lieiden rem|ior;i miinhr belnUsam 



Tor.i.Kn: X'i'rniisclite Beitiägc /iir französischen Grammatik. 2H9 

vdriiclit ;ils dir jetzige (s. (l;in'il)cr die BiTslauin- Dissertation von Kröiny. 
Der syiiValvtisclic Gclir.Mucli des Ini](erfeets und des liistorisclien Perfccts 
im AUlranzösiscIicn, 18S3. licsonders S. 36. wo icli blofs dem nicht 
heistimmen kann, was ülicr liciitc vorkommenden Wechsel zwischen den 
Zeitformen gesa.yt ist): auch würde man immer noch .geltend machen 
könnt'n, dals auch das Bevorstehen eines Gcscliehens als etwas in der 
A'ergangenheit Eintretendes, niclit blofs als etwas in der Vergannen- 
lieit Bestehendes sicli anschauen Läfst. 

Eine Stelle in der Fortsetzung des Perceval legt mir alx'r eine 
Auffassmig nahe, nach welclicr, wenn wir ein dut vor einem Infinitive 
finden, der einen jener regelmälsigen Naturvorgänge hezeielmet. dabei 
weder an die Regelmäfsigkeit noch an das Bevorstehen gedacht worden 
ist. Dem Perceval ist Z. 27887 in finsterer Nacht im Walde unver- 
mutet eine wunderbare Helle erschienen, die er sich niclit zu erklären 
weifs (es stelU sicIi später heraus, dafs sie vom Graal ausgegangen ist); 
er will ein Fräulein, das er eben nocli in seiner Gesellschaft geliabt 
liat. darüber befragen, bemerkt jedoch, dals sie nicht mehr bei ihm 
ist. Tags darauf trifft er sie wieder und fragt nun: Por coi me tai- 
ßißes er fair. Quant la clark'S ditt aparoir Dont la flaimne Janloit ver- 
iiu4le? Hier ist niclit allein jeder Gedanke an etwas, das bevorge- 
standen hätte, sondern aiudi. wenigstens für den also Fragenden, jede 
\'orstellung von (Jrdnungsmäfsigem, Unausbleiblichem vt'Ulig ausge- 
schlossen. Liegt der Anwendvnig des dut auch in diesem Falle <'in 
Gedanke zu Grunde, und daran zweille ich nicht, so kann es, wie 
mir scheint, nur der sein, dafs auch hinter dem ganz aufserordent- 
lielien, durclums überraschenden Vorkommnis eine treibende Macht, 
ein liestimmender AA'ille liege, der jenes zu einem Gesollten, zu einem 
Xichtzufälligen macht. Und gilt dies von dem vereinzelt stehenden, 
gar nicht A'orauszusehenden A'organg, so wird es in noch höherem 
Alalse von der regelmäfsig sich einstellenden Naturerscheinung gelten. 
Wie weit der Einzelne, der sich in der angegebenen Weise ausdrückt, 
in der Bestimmtheit der Vorstellungen von jener Macht, jenem Willen 
geht, worauf er andeutungswei.se den Vorgang zurückfährt, steht dahin: 
doch weifs man ja, dafs in altfranzösischer Rede der ausdrückliche Hin- 
weis auf (iott als Avn \'eranlasser derartigen Geschehens ungemein 
häufig ist, nicht blofs da etwa, wo es gilt, über den vu'sächlichen Zu- 
sammenhang der natürlichen Dinge zu belehren, .sondern auch da. avo 
es sich nur um die Thatsache des Vorganges handelt. 

inout fui efmaüez Tant que U tnns fu rapaiiez. Mrs deus tont 
(besser toft) me raffeura, Que U tans (jueirex ne dura. Et tuii U 
vaiii Je repoferent. Quant den, ne plot . runter noferent. Gh. lyon 
451: Et quant deus redona le tut. Sor le pin rindrent U oij'el, 

19* 



240 Sit/.iing der jjliilosoplii.scli -liistorisclieii ('lasse vom 28. Fel)ruai-. 

eb. 807 : plovoit a ß (ji'ant dcjroi Co)i damedeus avnU de coi. 
eb. 4842 (unter deutlicbcr lIervorlicbuni>' von (Tottcs KintjTcilou 
mit bestimmter Absicht. Clig. 1704): Dex ßß ß hkm jorndi- 
ciße Qen nul ßens ne en nule (juifi' Ne doit nus plus blau df- 
mander. Dolop. 108: La nuit ßen nnt, et dex donna le jor, 
(xjiyd. 32: La lunc eftclere, </ui lor donne darteZj Com dex f^ß 
h' fnlell kaut lere. eb. 322: De pierres predieufes tot bleu ßnt 
aorner (den llehn): Ja ne fern ß nuit con n'i voie fl der Covi 
fe dius eußt falt le jow enluminer. Ch. cy.yne 40: jusqu'a Tende- 
main. Que dainedieiis dona le jor, Barb. u. M III 221. 35 : Li jorz 
rint^ quant dex l'amena, Meon I 215. 735: Ainz diex ne ßß ßi 
graut ßroidure qu'il (der 'I'äufer -Joliannes) eußt polnt de veftmre, 
Reinsch KE 48, 791 : Chaut ßaißoU con cl tans de mal; Paritii la 
loje ri un ralj Li rc/w J'or ßa face luißoit. Jloiä ßaißoit dex re i/u'il 
roluit, Fol. Trist. B 205. Da/u die vielen Stellen, wo vom 
Donnern Gortes gerade so siesproclioii ist. wie vom Donner 
ohne weiteres geredet sein könnte, s. Holland zu Ch. iyon 2350. 
Bekaiuitlicli sind auch bei den älteren Griechen vet, cuTTpäivTei, 
ßpovTci noch nicht subjektlos, sondern haben Zeus oder .den 
Gott" Zinn Subjekte. 
31an erkennt leiclit. wie eine Zeir. welciier derartiüc Ausdrucks- 
weise geläufig' war. ganz natürlich dazu kam. selbst wenn sie den Yv- 
lieber der Naturerscheinungen nicht namhaft machte, von diesen doch 
als von (iesolltem zu sprechen. Auch daran sei erinnert, dai's \vu' 
Deutschen von solchen Vorgängen, die wir inanclimal als ganz zu- 
fällige lünzustellen lieben, andere Male als von (Jemulstem reden: .aK 
ich vor die Thür trat, mulste el»en der Kaiser voi-über fahren': .ich 
wollte dich besuclien. da muCs es grade regnen', s. Deutsches A\ ("irter- 
biu'li \l 2757 unter /'. 

3. 
Koürdiiiiei'tc Bediiigiiiigs.säf/i'. 

Bei einem belebten Ilerrendiner läfst E. de Goncourt einen der 
Gäste folgendermafsen das Wort ergreifen: A propos de dinde aux truß'es, 
ßavez-vous les trois ßeides ßois, pendant toute ßa vie, oi( Roßßni ait pleun- ? 
C'eßt authentique. je l'ai lu dauf une lettre du maeßtro ä Cherubini: Ir 
jour oii Jon oprra de drbut ßut ßffli'-; le jour oii il entendit pour la prr- 
mii-re ßois Paganini jouer du violon; et le jour oii, dans une promenadf 
J'ur le lac de Guarde. il laißj'a tombei' <i l'eau une dinde ti-uffee qu'il tenait 
entre ßes Irras. la Faustin 159. 3Ian erkennt leicht, dafs luid aus welchem 
Gnnide es hier nicht möglich sein winiir. ///'>;///• nui- \or dem ersten 



Toblek: Vermischte Beiträge zur französischen Graniinntik. 241 

oii aiiszusproehcn. auf ein einziges le jour die drei oi( sieli beziehen 
zu lassen; es würde dies die durchaus nicht gcAvollte Vorstellung eines 
einzigen Tages ergeben, auf welchen die drei Ereignisse zusammen- 
gefollen wären. Ebenso leuchtet sofort ein, dafs. wenn es dem Er- 
zähler beliebt hätte, le jour oit durch das einzige Wort lorsque zu re- 
setzen, er dies alle drei jMale hätte thun müssen, dafs ein einziges 
lorsque. das vor den beiden nachfolgenden Sätzen durch Islofses que 
vertreten worden wäre, nicht hätte genügen können, während solche 
Ausdrucksweise dvu-chaus an ihrer Stelle da ist, wo eine und dieselbe 
Zeit durch drei Vorgänge oder Zustände bestimmt werden soll, die 
in ihr zusammentrefl'en. Dafs von einer , Vertretung' einer mit que (als 
zweitem Teile einer Zusammensetzung) gebildeten Konjunktion durch 
blofses que streng genommen nicht die Rede sein kann, sondern es 
sich blofs um die unter Umständen allein gerechtfertigte Nichtwieder- 
holung desjenigen Teiles der Zusammensetzung handelt, der die Art 
des Verhältnisses zwischen dem Inhalte des mit que eingeleiteten Neben- 
satzes und dem Inhalte des Hauptsatzes bezeichnet, ist lange erkannt 
(s. z. B. Mätzner, Gramm." §213^0, ßß) und wäre wohl von den Gram- 
nialikern jederzeit gesehen worden, wenn nicht mehrere Umstände die 
richtige Auffassung ersciiwert hätten: einmal nämlich werden mehrere 
jener Wortverbindungen {lorsque, puisque, quoique) seit langer Zeit als je 
Ein Wort geschrieben, was irre führen konnte: sodann zeigen mehrere 
der ersten Elemente in der Verl)indung mit dem zweiten einen Sinn, 
der ihnen in der Trennung von diesem nicht mehr eigen ist, oder 
kommen überhaupt gesondert kamn mehr vor {parce, puls, tandi'i): end- 
lich sah man nach conniir, qiiand (und //') ein que gleichfalls den koor- 
dinierten Nebensatz einführen, und dies erzeugte den Schein, als könne 
que in der That die verschiedensten Konjunktionen, wie zusammen- 
gesetzte, so auch einfache vertreten, während in Wirklichkeit nach 
conttite und quand dem que nur infolge einer unmittelbar nicht gerecht- 
fertigten Erweiterung seiner Befugnis die gleiche Funktion zugewiesen 
ist. die nach den sinnverwandten puisque und lorsque ihm unmittelbar 
durchaus zusteht.' Weniger erkannt scheint dagegen der Unterschied. 

' Dieses que nach quand ist auch der alten Sprache schon geläufig: Quant je iiH 
/Uli iiroir droiture, Et qv'il n'avoit de Ja foi eure, En haut parjure le clamai, RThebes 2764 
1 1>(1. 11 .S. 140); Puis miß J'aint Piere en pre Noiroii Pnvr notts pardoner lespechiez, Quant 
l'en en fernit entechiez Et que Ten fuß venu (\. rerai-i?) confes Et repentan: , H de Berze 
in Barh. u. M 11 400, 201; Mes la joie ne querez [- crerrez] mie Que cd ont, quant 
d lor canta /"; - ronta] Dou ßrpent et qu'il ß vanta Que, fanz ce. que mal li feiß, Le 
pri/'t. Peain Gat. Mart. S4032; Jfl dix ne me prengne, Quant ja mais enß m'en prendra 
Xe que mauffez me Jozprendra . ., Escan. 2966; quant vous vient a pleßr, Et que par 
mon lon/ed ne roi/s voiiles foufrir Que ne farhies du tout chen qv'aves en defir, Foi que 
doi damedieii , je m'en doi bien fouffrir, Gaufr. 135; Quant vous ares co gent avuec vous 
n/'/ambhe , Et que chafcunK ara laß>rt Jiroigne endoßfee, . . . Par le chaßel irons . BComni. 868: 



242 Sit/.iiiiü; der |iliilc)s<(|>lii.scli - liistorisclien Classic vom "is. Fohniar. 

(It'r sich UMiiz iialiirucninls ci'üirlit , je ümcIkIciii die zus.-iininruiift'setzti' 
Koiijuiiktidu (um li<i dicscin Aiisdnickc zu lilcilicn) im kdordinlortcu 
Nebensätze voUständii;- wiederliolt wird oder aber ein blolscs ijvr diesen 
einleitet. Er ist im ol)en Gesagten so iiekennzeiehnet. wir ci- sieh aus 
der Natur der Dinne eriiieht. Dal's die Praxis der Selirit'tsteller dazu 
nicht dureliwe.ü,- stimmt . macht mich nicht irre. Wenn Coppee schreilit : 
quand fetdis jeunc et quand nui hhinclüfj'euj'e ecrlvait a la crnie für la 
parte de ma rhmiihre: .je juk V/'/ii's arcc le liruje' , j'ahmiis rcffr touchcudi- 
näivete, Franc Parier i lO. so bin icli so J'rei, dies für niclit schini zu 
halten: doch inönen Fälle solcher Art es entschuldisien, wenn aucli 
die Granmiatiker. namentlich die ausländischen, nielit reclit wissen, was 
sie zu der Sache .sa,i>'en sollen. Plattner. Gramm. \'. d. l ulerr. i 2sS 
meint, die AViederhohinii' der zusanimenii'esetztcn Konjunktion finde 
nur .in naclidrücklicher Rede' statt, was mir nicht verständlich wird: 
bes.ser drückte sich schon Holder 8.4721!'. aus. wenn er den Fall. 
wo .die beigeordneten Nebensätze in keinem iiniereii Zusanimenlianii'c 
miteinander stehen", von dem anderen, meistens vorlieiicnden sclicidet. 
wo sie .mehr oder Aveniger in einem inneren Zusammenhange stehen". 
Man wird mit yröCserer Üeutlicld^eit sayen: die AViederholunu' der 
ijanzen Konjunktion ist da aniicmessen . wo durch die 31eln'heil von 
Nebensätzen eine .Alehrlieit aoii Zeiten "l)estimnit werden, zu oder vor 
oder nach denen ein 'rinui oder Sein (des Hauptsatzes) statthat, eine 
Blehi'heit von Ursaclien, aus denen es sich erklärt, eine Mehrheit von 
Hemmni.ssen. denen zum Trotz es sich verwirklicht n. s. av.: da,yei>en 
Avird die einmalige Auss}>rache der ganzen zusammengesetzten Kon- 
junktion und die Wiederliolung des blolsen que vor d(>n koordinierten 
Nebensätzen das Kiclitige da sein, wo nur eine einzige Zeit, eine ein- 
zige Ursache, ein einziges Hemmnis angegeben wird, der Sprechende 
aber zu solcher Einheit eine Mehrzahl von Sachverhalten zusammen- 
fafst. Es mag unter Umständen wenig zu bedeuten haben, ob solche 
ZtisanuiKiiiassiuig erlblgt oder nicht, und daher die eine Ausdrucks- 
weise l'ür die andere eintreti'u köuni'n. ohne dnl's ein stai'ker Untei-- 
s( liied des Siinies sicli ergiebt: in anderen Fällen aber ist es von nicht 
geringem Belang;, den Interschied zwischen Alelii'lieit der Bt'stinnnungeii 



Mais <itiant li riii/s iit fait aj'ßinbler Jon liiiaye , Et i/ue lex ihu-'^ paiiies J'oiit ri/aye a rifai/i', 
Dun mantel Je coiwri , Uast. 1012; quaiit tei jor J'erimt aioiiplit et ke tu dormires iiijatnhli 
tis peres. je J'ufcilera[i] ta J'emtiue apres ti. Greg. K/.. 10. 7: ijiiont die riiit /'eiidemain 
par matiii et qiie cliil ile le vile feurent . .. RCIai'v 52; ijiiaut il a moult iiiaiiyie. et ijne 
fes rentres ejt breii plain.i et li renei/r le chncrnt . il roini/t toiil pur rielirrer J'oi de la pi- 
fniitor de Jon rors , BLat. 224. — .\ucli nacli com. flas übrijiens. wie quand. niclit immer 
den Sinn hat, der ihm heute zuküinmt, findet sich ipie als dessen Wrtretnng: &' com 
le qu[i]ert et qu'il le trache. Une vies vapele a trouvee. G Coin.s. in Barh. 11. M I 352, 
156 (hei Poquet 533: Que qu'il la querre [\.qiiiert]. que qnil la trave). 



Tübler: X'ermisclite Beiträge zur französischen Granuiiatik. 24ö 

(\()n Zeit, Grund. Hindenii.s) iiml ciiiheitliclK'r, Avcnn aucli durch Kom- 
bination gegebener Bestimmung aufrecht zu erlialten: und die von der 
Sprache dazu gebotenen Mittel sollten mit Bedacht verwendet werden. 

Der Vollständigkeit wegen sei nocli erwälmt . dal's Wiederholung 
der gesamten Konjunktion auch da und zwar mit vollem Recht ein- 
tritt, wo die koordinierten Nel)ensätze trotz ilirer Mehrheit eine ein- 
zige und zwar nicht eine durch Kombination gewonnene Bestimmung 
darstellen. Wenn der Sprechende mit einem der Rhetorik wohlbe- 
kannten Vorgehen für einen und denselben (Zeit, Grund u. s. w.) l)e- 
stimmenden Sachverhalt nacheinander verschiedenen Ausdruck ver- 
wendet, den ersten dui'ch einen zweiten, vielleiclit aueli einen dritten 
nachträglich ersetzend oder vervollständigend oder erläuternd, durch 
A'erweilen bei der nebensätzlichen Bestimmung aucli den Hörer zum 
Verweilen zwingend, dann ist die \^'iederholullg der ganzen Konjunk- 
tion grade so gerechtfertigt wie die Wiederholung der Präposition es 
ist vor ge\\issen Substantiven, die zu anderen von Präpositionen be- 
gleiteten hinzutreten nicht als wirkliche Apposition, die wenigstens 
neufranzösisch die Präposition auszuschliefsen ptlegt, sondern ebenfalls 
als Ersatz (Holder § 70, 36). 

Dafs ein que, welches den zweiten von koordinierten Bedin- 
gungssätzen einleitet, nicht einfacli als Stellvertreter von /< angesehn 
werden darf, und nicht zusammenzustellen ist mit dem que. das wir 
oben, aber auch nur durcli unbefugte Überscli reitung seines eigent- 
lichen Funktionsbereiches, nach comme und quand die gleiclien Dienste 
leisten salien wie nach lorsqup oder puisque, ist lange erkannt und, 
wenn nicht schon zuvoi-, von Lücking. Französ. Schulgrammatik § 562 
(1880) ausgesproclien. Die Tliatsache, dafs dieses que ausnahmslos 
den Konjunktiv nach sich liat, während ein ß, mit dem es gleich- 
bedeutend scheinen konnte, doch meist mit dem Indikativ verbunden 
auftritt, zeigt hinlänglich, dafs die zwei koordinierten Sätze niclit 
gleiches W^esens sind, dals vielmehr, während der erste ein Kondieional- 
satz ist, der zweite, wie Lücking sagt, eine Annahme enthält, oder, 
wie ich im Archiv f. d. Stud. d. n. Spr. XCVIII 465 gemeint liabe, eine 
Aufforderung, Herausforderung, die gar nicht an einen vorhergelienden 
Bedingungssatz gebunden ist, sondern auch ohne solclie Stütze auf- 
treten kann, ja auch selbst Hauptsatz sein kann (qti'il vice!) und nocii 
in Verbindung mit einem folgenden Hauptsatze, zu dem sie logisch 
eine Bedingung hinzuzubringen scheint, sprachlich ein Hauptsatz 
zu sein nicht aufhört {qu'il parle, tout J'c talt; Qu'il noiis vienne un ycn 
rcfndn. Et voila k monde en train, Beranger, le bon Francais, wo das 
Et deutlicli genug zeigt, dafs Hauptsätze verbunden sind: zu ver- 
gleiclien mit uuseru A\ Cndiuigen: .es sei r ^ 2>: ^^ i^*^ '"'^ ^= 9'^)- 



244 .Sit/.uns der pliilosophiscli -historisclien Classe vom 28. Feliniar. 

Doch iiiclit auf diesen wolilbekarinton Konjunktiv und seine \'ei- 
wenduni»; zum Ausdruck einer Voraussetzung: sollte liier hinffcwiesen 
werden. Hier .s>:ilt es nur, den Unterschied fuhll)ar zu machen, der 
sich für den Sinn erjjiebt. je nachdem man zwei koordinierte Sätze, 
die beide (lon-isch) als Bediniiun.nssätze tjeltcn dürfen, beide mit /I 
oder aber mn- den ei-sten mit ß. den zweiten mit (ive einleitet. Dar- 
über weifs icli iidcli ininici- nichts anderes zu sa.tjen, als was der früh 
verstorbene Dr. l'ritz Eischoll" in seiner (Berliner) Dissertation. Der 
Conjunctiv bei Chrestien (1881) S. 124 als meine .infseruns; über den 
Geji'cnstand mitgeteilt hat. Es stimmt im wesentlichen zu dem. was 
oben über AViedcrholuui;' der ganzen zusammen,u:esetzten Konjunktion 
und Anwendung des blofsen que an zweiter (und foliiender) Stelle 
ü-esayt ist. ,Es ist zu unterscheiden, ob die zwei Bedin,y:ungssätze 
sich so verhalten, dafs die nleichzeitine Erfiillunt'- lieider Bedin- 
.y:un,<i-en die A'oraussetzunft- der Giltigkeit der Aussage des llaujitsatzes 
ist, oder ob unter jeder einzelnen der zwei Bedingungen das im 
Hauptsatz Ausgesagte eintritt.' Im einen Falle ist die Anwendung 
von ß im ersten, von que im zweiten Satze unzweifelhaft richtig, im 
andern Falle ist die Wiederholung von /'/ das einzig Mögliche. Der 
Beobachter des tliatsächlichen Sprachgebrauchs wird jedoch einzuräu- 
men niclit uinliiu können, dafs Beis])iele des im zweiten Falle Richtigen 
im ganzen selten liegegnen', weil andere \^'endlmgen mit ungefähr 
gleichem Sinne (// . . ou fi, que . . ou que) sich zur Verl'ügung stellen, 
vennutlich auch weil, was man bedauern mag. die Wiederhohmg von 
ß in weitem Umfange da üblich geworden oder geblieben ist, wo ß 
mit nachfolgendem que durchaus statthaft sein würde, so dafs ß . . 
et ßi den Sinn nicht unmittelbar erkennen läfst. der ihm besser als 
einziger vorbehalten geblieben wäre (»dann, wenn . . und dann. wenn«). 
Beispiele des ß . . et ß. (bis mit unz^\■eideutigem //' . . et que vertauscht 
werden konnte, sind die folgenden: 

' Man wird ;ils solches . licliaclitcu drii-fcii. das von Holder ans G Sand beige- 
Iji'achte Vnlrrio i/l im jni.ni- Itomiiii- J'nnx cirnllr , ji- iliraix prriiqnr Jans moi/rns (Begabung), 
/'// ii'etait pax mon Jilx. et f'il narait pas fait parfai-t prfiirr tt inliUHjrua-. X'ielleiclit gehört 
liieher anch folgender Satz des Hrn. Clairin in dein einleitenden Schi-iltstiick . das dem 
weltbewegenden arn'te des französischen Unteri'iehtsministers vom 31. .Inli 1900 voran- 
stellt. Kr .spriciit von dem Unheil, das beim Fortbestehen der bis dahin herrschend 
gewesenen Gewohnheiten den Kxaminanden drohen würde, und sagt: ih jWont conj'ideres 
i-ommc iijnorants et vondamnex . aux exainen.s de toii.s /es de<ires . f'ils iie coiiiiaissent pas 
(■es rit/les et /'its iie lex ohferrent pas. Mi'igliclierweise soll hier von zwei Fällen die 
Rede sein, dein Falle der Unkenntnis der Regeln und dem der Mifsaehtung von Regeln, 
die man kennt. Hat der Verfasser jedoch nur das Übertreten der Regeln aus Un- 
kenntnis im Auge, so hätte er deutlicher gesagt: /"/, iir connaij'faid pas res riyles. ilx 
iie /es o/i/errent poiiit oder J'i/s n'o/tferreiit pas des ret/Zes ijii'i/s ii/iiorent. Jedenfalls zeigt 
dies Heis])iel wieder, dafs bei heutigem Sprachgebrauch die \'erwendung von // .. . »7 /i- 
Aidafs zu Unsicherheit des X'ei'ständnisses wer<len kann. 



Tobler: Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 24d 

il l'erait refU' J'eul dans cet rtatj, fi im pauvre mercier . . . ne feilt falt 
affeoir für Jon petit banc^ et ß une fervante . . . ne lui ei'it apporte 
un verre cteau. JJ Rousseau IX 251: ß eile eft reconnue et ß eile eß 
arretee en fuyant^ c'eft peut-etre ßilt delle pour toujours, Provost, 
i\Ian. Lescaut 115: ßil aimail Fernande comme je l'aime_, et f'il y 
rennn{'ait comme II fait^ je m'indlnerals devant lui, GSand, Jacques 
296: ß vous ne le mepri/'ez pas trop^ et ß vous ne m'en empecfiez 
paSy je lui ßrai une petite furprij'e, dies.. Maitres sonn. 253: /i'e/fe 
etait mariee et ß j'etais fon amantj me tiendriez-vou^ ce langagef 
Feydeau, Daniel IV 22: coilü le roman que chacun a le droit et^ 
pour dire tout. le dei'oir de mettre dans fa cie^ ßil a le titre d'homme, 
et ßil le veut juj'tifier. Feuillet, Jeune homme 278 : /'// agit en con- 
fcience et ßi fon voit quil peut reußßir^ on ne le laißßera pas achever, 
Comtesse Dash, See. empire 66; ji la revißion eß decidee, et ß 
Dreyfus eß reconnu innocentj, le lieutenant-colonel Picquart ßera 
rhomme qui aura ecoque la lumiere, Corncly, L'aftaire Drcyf. 55: 
ß la Chamh-e adopte le deßjaißßßement et ß le Senat le refuße, je 
ne nous vois pas propres, eb. 190. 
Dieser Ausdrucksweise sich auch dann zu bedienen, wenn die erste 
Bedingung streng genommen gar nicht Bedingung zu xlem im Haupt- 
satze Ausgesagten, sondern nur Voraussetzung der zweiten, diese im 
(4rnnde die einzige Bedingung ist. empfiehlt sich keineswegs. So be- 
anstandet Pellissier, Etudes de litt, eontemp. II 135, dals Bourget je- 
mand sagen Läfst ß Jamals je fonde une hoidlque de parßumerie, et ß je 
confie () un aidre la redaction de la reclame . Duch. bl. : aus gleichem Grunde 
würde der nämliche Kritiker wohl aucli niclit ungerügt lassen 

/!■' cous i'tes etranger et ßi vous montez d Dublin für un de ces 

cars . . qui ßercent de fiacres^ il y a beaucoup de chance pour que 

k codier vous propofe .... Bourget, Voyageuses 92: laißßez-moi 

vous embraßßer comme je cous embraßj'erais ßj'avais vraiment rißque 

de me noyer et ßi cous m'aciez tire de l'eau. ders., Cosmop. 109; 

ß j'etais libre demain et ßi je rappelais ä 31. de Facreuil le propos 

quil nia tenu un jour^ il ferait J'emblant de ne pas comprendre, 

Duruy, Sans dieu ni m. 158: jl je parviens ä decrocher un de 

ces jours la großße dot que je cherche et ßj'ai des enßants, tu oerras 

un peu ßi je ne leur en ßourre pas. de la religion, eb. 229. 

Zu (h'r Bevorzugung des // . . ei ß unter Umständen, wo ß . . et que 

ganz ebenso gut oder besser sein würde, mag etwas auch die kindische 

Sclieu vor dem Imi)erfectum des Konjunktivs beitragen, die vielleicht 

über kurz oder lang den vfilligen Verlust dieser Form herbeiüähren wird. 

Da in den Fällen, wo nacli ß das Imperfeetum des Indikativs auftritt, 

(bis naclifolgende que das gleiche Tempus des Konjunktivs erfordern 



246 Sil/.iiiig; der pliilosoiiliiscli-lii.storisclien (lasse vom '2S. Fclniiai-. 

■wüi'de, so bleibt, wenn dieser Geyenstüiul des Selireckeiis nciniedeu 
werden soll, iiui- übri^' das (/iie durch ein zweites /« iiiit dem In(lik;iti\' 
zu ersetzen, es sei denn, ninn vert;uiselie das Iinperl'eetuui mit dem 
Präsens des Konjunktivs, wie es manelie über sieb vernK"),s>:en : 

ß vons •prcniez inon fiifll et gue vous me vlßcz (Präs. d<'s Konj.). 
je ne bouyerais pax, Rev. bl. 1900 I 808 a: ß le Bleu tout-pulffant 
venait dmis ce pays et qu'il n'ait {evt ist doeli noeh am Leben!) 
pas un demi-mllUnn de Uvres en actionSj, on ne penj'erait pax 
grand' chofe de lui, eb. 8096: ßi les Fran(,-ais tenaient aujourd'hvi 
et fdifaient notre comjuete, et qiie nous essaijions de les jeter di-hors .... 
eß-ce que rous nous appelleriez des revoltes? eb. 8ioü. 
Endlicb sei noch erwäimt. dafs die Wiederholung des /i' das einzi.i>- 
Mögliche und Gerechtfertigte da ist. wo die nebeneinander stehenden 
Bedingungssätze nur wecliselndeii Ausdruck für eine und dieselbe Be- 
dingung darstellen : 

// iomberuil a tes pieds, ß tu t'expUquais a hil. ß il te coiiiprmait 
et ßil J'avait ce que tu es, GSand, Jacques 329: la fineß'e. hi 
nie jure. Vefprit ne vous fuffiront meme plus. I~i rous n'y johjnez 
encore l'elegance et la f/rdce du Jtyh', J'l rous ne faites point (nirre 
d'artifte. Rev. bl. 1897 I 7770. 
Im Altfi-anzösischen finden wir mehrere Aus(h'ucksweisen. die der 
lieutigen Sprache nicht mehr zur Verfügung stehen. Im Falle der kom- 
binierten Bedingung Fehlen jeder Konjunktion im zweiten Satze 
und Beharren bei dem JModus des ersten, und dies aucli dann 
wenn der zweite ein ausgesprochenes Subjekt hat. Zu den b(M BiscliolV 
S. 67 gegebenen Beispielen füge ich hier ein ])aar andere: 

ßele ej'toit d'onor faillanz Et ele ejtoit plus (>ele aßßez, Si J'eroit por 
noient laßj'ez D'amors celul qui Vameroit, Mer. 529; ßil te mort 
et tu les mors (= morz). Ki nous (jardera de ßcs dens? Rencl. C 
68. 5: Se aucun bien fi'is ne fais Et tu t'en ranteSj tu meffais. 
Tr. En. 554: Bien J'eroie ore deceiie. Se je ros ntetoie en la voit 
De m'amor, et je ?i'i acoie Le euer, Ombre 532: Se je le ßer et 
je l'en chare, 11 eß molt (jranz pitiez de lui, Barb. u. 31 1 357, 29: 
S'arenoit que bataille euß furnie. Et dieus li donoit ßaire ceralerie. 
Se l'aineroit li rois et la röine, Aiol 129; S'il ne vos velt par 
droit rns en fa cort mener Et il velt faire force et vo droit de- 
jeter . . . II le porra . . conperer, God. Bouill. 156; Vaurriemes bien 
c'd li [MorijainJ fuß offenes fnos jix], S'il vous plaij'oit et il 
eftoit l'es (jri'S, Aub. 1282: 11 n(i) a homine en ce nionde . . Que 
J"il (I mort le roy . et je le puis trouver. Que tantojt ne le (\. liYJ 
fache Vaine du eors J'evrer, HCap. 216: Je li yentil komme tenoient 
en (j'uerre les bourjoi^ ou ceus de poojte. et li bourjois ou eil de 



Tomler: Vermisclite Beiträge zur fran/.ösischen Grammatik. 247 

Ijooftr ue poiioieni fenir en (juerre les gent'ms hommes. il feroient 
mort et mal haiJli. Keaumnii. 1672; /"// avient qu'aucun de nirs 
parens foient en (/iienr. et je J'ul auj'j'i prochiens de l'ujnaye a Vun 
comtne a lautre, et je ne me melle de la guerre ne d'une part 
ne d'autre^ et Vune des partles me rneffet . . . , il ne Je puet efcufer 
du mej'fet pour droit de (juerre. ob. 1668. Ob in diesen Fällen 
die an zweiter und an dritter Stelle .stehenden, Bedingungen 
enthaltenden Sätze wirklicli nueh dem Ausdrucke nach Be- 
dingnngs.sä,tze, eb<>nf;dls durch das ß eingeführt, oder aber 
Haupt.sätze der Form nach sind, ist schwer zu sagen, auch 
dann, wenn sie ein Verbum im Imperfectum haben. Bisweilen 
wird die Stellung des Verbums den Entscheid für die erste 
IMögliehkeit erlauben: aber nicht immer. Auch im Deutschen 
stehen beide Ausdrucksweisen zu Gebote: »wenn du dich in 
den Streit nicht mischest (mischtest) und die eine Partei dich 
angi-eift (angrilie)« oder »greift (grille) dicli an«: »wenn ich 
mit 3Ienschen- und mit Engelzungen redete, und liätte der 
Liebe niclit. so wäre ich ein tönend Erz«. 
Daneben trifft man freilich auch .schon nicht selten Beispiele ^V-v un- 
nötigen und nicht empfehlenswerten Wiederliolung des .«: 

Pevduz ej't f'il lo flo iiinlj feit et fit ne f'en ircreit, Poeme mor. 
360^: S'il en Ja lioc/ie mit et inil lengues acolt Et J''il a toz jors 
ricre, to: jors parteir jwoit. Lex hiens ke deus ferat fes amis ne 
dirolt, eh. 4586: s. Bischotf a. a. 0. 124. Die Stelle im Claris 
8916. die der Herausgeber so fafst. als gehöre sie hiejier, 
wird man l)esser so schreiben, dafs man die zwei Bedingungs- 
sätze zu zwei verschiedenen Hauptsätzen zieht. 
Das Häutigste ist freiHch das, was Diez IIP 417 berührt und BischolT 
S. 124 aus Crestien belegt, die Anreihung des zweiten Satzes ohne 
J'i oder que und im Konjunktiv, welches immer der Modus des ersten 
sei (s. dazu auch Meyer-Lübke, Syntax § 674. EHerzog, Untersuch, 
zu Mace de la Charite. S. 33). 

So setzt eine Handschrift Se il la puet vers nioi ronquerre, Et 
tant Jace qu'il Van raniaint. wo die andern den zweiten Vers 
beginnen lassen Et J'il fet tant. RCharr. 81: dis Job calt [II 
chevals] , S'il eft Ignels, e fiief alt. MFce Fab. 47, 22: Se povre.^ 
huem li fet honia\ E puls demant fun gueredun. Ja n'en avra fe 
mal gre nun. eb. 7, 35: Mais f'en eftour le puis tenir. Et diex 
me vueilk maintenlr. Et m'ej'pee aye en nia main diejlre^ Je Ten 
ferai cauche feniej'tre\ Ricli. 1964: en Voftel navra c.hevalier. Se 

' Was das lieifst, weifs ich noch immer nicht. G Paris' Bemerkung Romania 
IV 480 lieruhigt wenig. \'ielleiclit ist ,ich werde ihm damit eine linke Hose machen' 



'2ib> Sitzunf" (It'i- |)liiloM)|>liiscli-lii.stoi-i.sclieii ('lasse vom "28. Februar. 

(lefoiis Uli ii(i u baiUier Quaranfe efcm au mains v plus_, U II ne 
foit u qtifns u dus. cb. 4546: Sc ce neft mors ou maladif, Ei H 
rois ne le contredie. Vom porrcz au jor de demaln Tenir. f'il vouz 
plaiß, pnr la main Tele (Cele'i) qui nul mal ne vouz vent, Escnn. 
22716: -S^ // eftolent tuit for lor checax monte. Et fuffent de Jor 
armes (jarni et coiiree. Par force cacJwroient Je roi de fa chite. 
Cl). cyjfiie 137: Riens (jui en Je fjarde foit mife, N' lert ja perdue 
ne maumife, Tant ne J'era ahandonnee, Non fe chis palais ert piain 
d'or, Et il |s. Nicolas] ffeu/t feur le trefor, JBodel in Tli. frc- 
177: /■■// demeine malveife vie_, e il feit en peche de dampnation. 
fache il reraiement que . . , Serni. poit. 3. — Seltsam und docli 
1)('i Wiederholung' des gleichen Wortlautes kaum zu bezweifeln 
ist Ibluendes: fi noftre ßres ne Voci/tj t( de fa dreite iiiort muire v 
en bataille_, Ja ne metrai main für lui. I.Rois 94 und fi deus 
mi'ifme ne l'ocift. u il murged de Ja dr. ni. u en b.. ne metrai 
main par mal für l'enuini nojtre feigmir. cb. 103 [nifi dominus 
percujferit eum aut dies ejus venerit ut moriatur, aut in praelium. 
defcendens per irr it). wo vor dem muire oder murr/ed die Ney-aticin 
unentbelirlieh selieiut. — Auch einem mit (/iianf cinii-eleiteten 
ersten Satz kann ein zweiter ohne Konjunktion und im Konjunktiv 
sieli aureilien: JJedenz les murs [dou chaftelj eft la fontaine . . 
Et molin. qui de l'eve muelent Ades, quant eil du chaftel cuelentj, 
Et il dient ble a defpendre, Claris 1022 : so aueli da. wo Aueassin 
den nielit .i>'anz einfachen Gedanken auszuspreclien liat, Gott 
mö.y-e ilim nie eine Bitte erfiillen, wenn er (Aueassin), Ritter 
geworden, jemals ein Rofs besteige oder in eine Seidacht ziehe, 
es sei denn, man habe ihm zuvor die Geliebte zum Weibe ge- 
geben: ja dix ne ine doinft riens que je li demant. quant ere 
cevaliers. ne monte a ceval ne que coij'e a eftor ne <i bataille h 
u je Jiere cevalier ne autres mi, fe cos ne me dones Nirholete, 
2, 22 und fast völlig gleiclilautend, doch ohne qiie vor coife, 
8, 23: an dies(>r letzten Stelle zeigt sich wieder jeue gewisse 
Unbcliiiriiclikcit der (icdaiik('iig<'stallung. \"oii der oben die Rede 
Avar. iiil'nlgc dcr<'ii zwei (icdniil^ciiglicdcr knordiiuert erscheinen. 
\()n (Iciicii riclitiger das rinc dein aiuhTii luitergeordnet würde. 
Das gleiche zeigt der zweite Satz aucli dann, wenn (h'm ersten 
statt der Form eines Kondicionalsatzes die eines liezielmnus- 



als wild schei'/.liaftei- .Viisdnick l'iir .icli « crdf iliiii ila.s liiiUc Bein daiiiit aliscldagen' 
v.n neliiiieii: wem man da.s linke Hein (samt Hose) durcliscldäüt. dem liil'st man damit 
eine neue linke Ho.se zur X'erfiiginig, er braucht nur das tote Bein lieraus/.uziehn. 
Oder i.st zu verstehen ,ieli werde, indem ich iiun da.s rechte Bein absehlage, machen, 
dafs man ihn künftig Link hose nennt";' Das /" von l'fii kann Ja so gut /<■ wie // sein. 



Tobler: \'eniiisclite Beiträge zur französischen Grammatik. 249 

losen Rebitivsjitzcs (Verm. Boitr. I 99) gegeben ist: qui tveroit 

a un oifel feur un arhr dune faiete. et euft gent entow rarhir 

a la veue et a la fme du traieur, et la faiete recheoit feur aucun 

et le tuaß ou meJiaignaft ou navra/t, li trakres ne feroit pai< quites 

du inejfet, Beauman. 1941 (wo recheoit statt recheift zwischen den 

Konjunktiven gewifs sehr auffällig ist). 

Die lieute übliche Einhntinig des zweiten Satzes, der im Konjunktiv 

steht, durcli ijue. ist in der alten Zeit ziemlicli selten. Bisehoft" hat 

bei Crestien kein Beispiel davon gefunden, dagegen eines aus Auberi 

beigebracht. Wir haben oben eine Stelle aus Aucassin angefülirt, die 

in dieser Erzähhnig zweimal beinah gleichlautend begegnet luid das 

eine Mal vor dem Konjunktiv ein que zeigt, das das andere Mal fehlt. 

Weiter sei angeführt 

Se CS vient al hefolng et que meftier nos alt,. Adonc favrons nos 

bien Uqex l'arra mex fait. Ch. cygne 80: Car fe de ci eßi'oumes 

tome Et que de nous fuffent li champ pueple ... Ja ne seroient 

tant hardi ne ofe^ Ne fen fouiffent, c'eft fine verite. Enf Og. 630: 

Brunamons jure Mahon, cui eft fougis. Que^ f'il efchape de la 

bafaille eis,. Ei que de lui puift eftre Ogiers conquis. Que. tout 

errant qu'il l'avera ocis. lert Karahuh erranment raffaiWui. eb. 

3771: dazu die Bemerkungen Eherings über Froissart in Zts. 

f. rom. Phil. V 363. 

Da das Neufranzösisclie von den , herausfordernden' Konjunktiven (s. 

oben S.243) ohne g«f, die mit bedingenden Nebensätzen ungefähr gleichen 

Siinies sind, nur noch in seltenen Fällen da Gebravich macht, wo sie 

einzeln auftreten', so i.st nicht zu verwundern, dafs sie da ganz auf- 



' Dieser Gebrauch ist jedoch nicht so selten, wie man bei der I'Uichtigkeit der 
Erwähnung bei Mät/.ner. Synt. II 171. Giamni. § 231 bb. Holder § 200 I 3 Anin. denken 
könnte: Et pmtr lui rendre la /ante, II hii faiidrait. rienne V ete , Le-s foi/ix cmipes. Vair de 
laferme, E Manuel, Poemes pop. S. 15; Vienne un rayon . et la premiere , Tu tmmeras vers 
i/ioi lex yeux, Coppee, Les Jlois, Mars; j'aurai quarante-deux ans vienne la Chandeleiir, 
Fahre, Les ("ourbezon 116; vienne l'hiver, vienne la neige, et ce payfage ßottant deriendra 
plus ßottant enrore . Rev. bl. 1886 II lootr: s. auch Littre unter remV 21. Er reicht auch 
weit hinauf und beschränkt sich in älterer Zeit nicht axxi vienne: Mais faulet une fei: 
par fa reireanti/'e , Trencherai li la teße, Karls R 697; Meis li anperere fes ßre N'i vaingne, 
ne Van Chandra il, Clig. 5677 (vor welchen Worten, da sie eine Bemerkung des Dichters, 
nicht der Feuite enthalten, ein Punkt zu setzen ist); Hui t'afijnt bie/i . demain te harra, 
('hast. II Tfiy. Dens lou me dont, to: res mals ahatrait, Rom. n. Past. 1 8, 16: il n'eß nu,s 
(pii de cell boive, Boire en neis plus (peil ne doive . Qui fa fnif en puiffe eßanchier. Rose 
6722; S'a li rois en tel point eße Trois cens ans, avieyne en efte, Perc. V S. 248: je fui 
enrore tmis en rie Par dcdens une charcre, entre moi et m'amie Et ai eße fet ans. viengne 
a Pasque(s) forie. BSeb. XIV 1181. Natürlich gehört hielier der Konjunktiv ohne que 
auch im Sinne der Einräumung, wie er in dem ursprünglich mit Geberde gesprochenen 
tant foit peil ,es sei so wenig' noch immer vorliegt und früher in zahlreichen andern 
Redeweisen vorkam, die heute, so weit sie fortbestehen, alle ein que aufgenommen 
haben (tnut, ja. enriiri). 



250 Sit/iiiii; der pliilcisupliisi-li - liislorisclii'n ("lasse vom 'JS. Fi'liniar. 

yeij<4)cii sind, wti sie. wie es in der ;iltcn Zeit so liäuliii' \ orkfiniiiit. 
mit Sätzen koordiniert vnid durcli cl Ncrbnnden liätten aiil'ti-eten kiuinen. 
die ein fi einleitet, und dal's si(; jetzt immer ein que an iler Spitze 
haben. d;is ihnen das Aussehen von Nebensätzen ,y:iebt. Das ist nicht 
eine Einbulse von ^rollsem Belang-, nm so weiii.i^er. ;ds dieses qvf in 
den zahhriehen Fällen, mo sich, (hi ]>r(>nominalcs Subjekt kaum mehr 
unaus|ne.sprochen bleibt, ein et U, et eile, et ils, et eU.es ein.ii'estellt hätte, 
Iliate aul'liebt, die den Diehtern nicht ,i>:cstattet sind und aueli der 
vm,siebun(h'uen Rede niclit zur Zierde .i>'ereiclicn. Eher may' man be- 
(hiuern. dals der Spracli.^ebrauch niclit von selbst dazu gekommen, 
nocli auch dahin iielenkt worden ist, zwiselien /i' . . r//i' einerseits und 
fi . . et (/i/e andererseits einen Unterseliied anzuerkennen, den aiif'reelit 
zu erhalten keine Sache blol'ser Grammatikerlaune, jedentalls aber ein 
Gewinn t'üi- die Klarheit französischer Rede üewesen sein \\iir(h\ 



251 



Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 

Von Adolf Haknack. 



1. 

Zu Lue. 22. 43. 44. 

Kai avTos c'nrecnrc'iaSi] ctir' avrwv wael Xidov ßoXrjv, Kai dels ra 
yövara TTpoanjv^ero Ae'ywf iraTep, ei ßoüAei jrapei'eyKe tovto to 
TTOTi'ipiov an epov, irXijv pi] rb deXiipa pov äXXa to aov yiveadw. 
co(f>6ti §e avTw äyyeXos äir' ovpavov evi(T')(V(ov avTÖv. Kai 
•yevöpevos ev äywvia eKTeveaTepov Trpo(T}]v^6To. Kai eyevero 
ö iSpws avTov wcrel dpopßoi aiparos Karaßaivovros f-es] ctt/ 
Tjji' yriv. Kai ävaaras äiro Tf]s irpocrev^ijs. eXßiov irpos tovs paOrjras 
evpev Koipwpevovs avTovs äno tjjs Avttjjs. 

Die ycsperrton Worte finden sieh im Sinaitieus [erste Hand und 
späterer Corrector] . in D E F G H K L M Q S U V X TA A A7 A [aber in 
A nur am Rande als ammonianische Section], in fa.st allen Cursiven, 
in allen Italacodd. mit Ausnahme des Brix. [f], in der Vido-ata, den 
drei Syrern [Cureton. Peseh.. Hier.] und einiij'en boheirisehen, sahi- 
disehen und armenischen Manuseripten. Ferner sind sie bezeugt durch 
Justin. Tatian, Irenäns, Ilippolyt. Dionysius Alex., Arius. Eusebius, 
Gregor Naz. , Epiphanius, Hilarius. Didymus, Hieronymus, Augustin. 

Die gesperrten Worte fehlen in BART 124: im Sinaitieus hat 
sie der erste Corrector getilgt: in El S V TA /7 und einigen Cursiven 
sind sie als suspect (durch Asterisken oder Obeli) bezeichnet: sie fehlen 
ferner in f, den meisten boheirisehen und einigen sahidischen und 
armenischen Handschriften, dem Syrns Sinaitieus, dem Syrus-Harcl. 
Der Minuskelcodex 13 Iiat nur die beiden ei'sten Worte des Stücks von 
erster Hand, die anderen von zweiter. Die Mss. der Farrar-Gruppe und 
die Evangelistarien bieten sie nacli Mattli. 26. 39. Ambrosius luid Cyrillus 
Alex, übergelien die Worte in ihren Commentaren zu Lucas. Hilarius 
scln'eibt: »Nee sanc ignorandum a vobis est et in Graecis et in Latinis 
codicibus com])lurimis vv\ de advcniente angelo vel de sudore sanguinis 
nil scriptimi rejieriri«. Sehr werthvoll ist die Bemerkung des E])i- 
plianius (Ancorat. 3 i): ciXXa Kai «eKXavae« Keirai ev tw Kara AovKav 



2;)2 iSitztiiiL; der ])liilüSO|)liiscli -historisclu-ii Classi- vom 'JS. Kcl)niai'. 

evajyeXiw ev to7s äSiopOwTois ävTiypd(f)ois. Kai Ke^ptiTcu t»; fiap- 
Tvpia ö ayios Gipt]va7os ev tm Kcira alpeaewv irpos tovs SoKriaei tov 
XpuTTov Trecf>i]vevai Ae'701/Tas. öpdoSo^oi Se äcfyelXovTO t6 pt^Tov 
(j^oßiidevres Kai /ur] vot^cravTes avTov t6 tc'Aos Kai rö icr^vpoTaTOv 
y>Kai "yevofxevos ev äywvi'q iSpwcre, Kai eyevero ö iSpws aiiTov ws dpöpßoi 
aifxaTOS, Kai w(f)6}] äyyeXos evia-^vwv avToV" [Ej)ipliaiiius sclioiiit hier- 
nach die Verse in UnistelUin.i»- .i^-elesen /u li;il)en]. Ilieronymus sa.a^t: 
«In (luibusdam exemplarihus tarn Graecis (|uam Latinis invenitur scri- 
hente Luca: Apparuit illi angelus u. s. w.» Auch nocli in späterer 
Zeit ist man auf das Fehlen der Worte in den Handschriften auf- 
merksam gewesen. Anastasius (Hodeg.) sagt: e-Ke)(eipi](rav irapeTzapai 
TOVS Gpöfißovs TOV aifiaTos tov iSpwTOS Xpia-Tov. Pliotius 1icini-rl<t 
über die Syrer (ep. 138 ad Theddor.): piKCTi ovv croi tov evayje- 

XlOV TOVTO t6 ^WpiOV 7r€piK€K6(f)9ai, KCIV TUTl TWV ZvpWV WS €<f)t]S 

§OKe7, evirpeires vofii^e. Nicou beschuldigt die Armenier, die Stelle 
getilgt zu haben, und denselben Vorwurf erhebt Isaak gegen sie: um- 
gekehrt erklären diese die Verse für eine häretische Fälschung (des 
Saturnilus). Dass Athanasius und Gregor von Nyssa sie nie citiren 
(auch Clemens Alex., Origenes, ('yrill. Hicros.). macht es wahrsclicin- 
lich. dass sie sie nicht gelesen haben. 

Lässt man die späteren und minder wichtigen Zeugen 1)ei Seite, 
.so steht die Autorität von » D. den Lateinern, Syrern, Justin, Irenäus, 
Dionysius Alex, und Eusebius gegen die Zeugnisse von B A Syrus- 
Sinaiticus, Mss. bei Hilarius. Epiphanius. Hieronymus. Cyrillus Alex, 
und (vielleicht) älteren Alexandrinern. Westcott und Hokt, Bernh.xrd 
Weiss und Nestle — um nur diese Textkritiker zu nennen — haben die 
Verse dem Lucas abgesprochen und si(> für eine sehr alte Interpolation 
erklärt. Icli werde zu zeigen versuchen, dass dieses Urtheil vorschnell 
ist und dass die Verse für echt zu halten sind.' 

Erstlich trägt das kurze Stück den Stempel der lucanischen An- 
schauung und Sprache so deutlich, da.ss es schon deshalb höch.st 
misslich ist, es für eine Interpolation zu erklären, a) Engelerschei- 
jumgen in der Geschichte sind dem Lucas viel geläufiger als den anderen 
Evangelisten: man vergl. Luc. i luid 2: 24. 23 und Act. 5. 19: 8. 26: 
10,3.7.22: 11,13: 12.711".: 12,23: 23,9:27. 23. h) Die Ausdrucksweise 
o)<l)6i] §e avTW 0776X05 ist wörtlich dieselbe wie Luc. i . i 1 : w<^ö;; Se 
avTU) äyyeXos: ferner findet sich dieses wcf)Oti bei Matthäus und ^larcus 
nur je ein Mal, dagegen in den lucanischen SchrifVen, abgesehen von 
unserer Stelle, dreizehn ^lal. r) Dem ^'erbum evicrxveiv begegnet man 

' Für dii' Kclitlicit luit sich Hr. Ui.ass iiusgesproclieii mit ilcr iiur/.eii. alx'r. \\ ie 
wir .sehen werden . richtigen Begriindinii^: "Noii casii vidcntiir oniis.sa esse: r<'lii|Uiiin 
ijlitur est iit in thcologos cnlpam cnniriauiiis.- 



Harnack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 253 

im ganzen Neuen Testament nur noch ein Mal, nämlich Act. 9, 19, also 
bei Lucas, d) eKTevea-repov irpocrrivxeTo findet sich weder bei Matthäus, 
noch bei Marcus, noch bei Johannes; dagegen liest man Act. 12, 5: 
TTpoaevxh Se rjv cKTevws jivo/jLCVt] , ferner Act. 26. 7: ev eKTeveia vvktu 
KOI ij/uepav XctTpevov. e) Zu jevöpevos ev äywvia .... Kai e'yevero ist 
zu bemerken, dass die Constructionen mit yi-yvecrdai dem Lucas l)e- 
sonders vertraut sind und allein in dem Evangelium fast doppelt so 
häufig begegnen wie ]>ei Mattliäus (133 > 73); speciell aber die Con- 
struction yi'yvea-dai mit ev ist für ilm geradezu charakteristisch. Da 
nun die Worte äywvia, iSpws, dpopßos im Neuen Testament Hapax- 
legomena sind, mithin eine Vergleichung überhaupt nicht zulassen, su 
darf man sagen, dass das Stück in jedem Zuge, der überhaupt 
eine Vergleichung ermöglicht, lucanisches Gepräge trägt. 

Zweitens, was die Überlieferung angeht, so fehlt jedes directc 
Zeugniss, dass die Worte vor c. 300 in den Handschriften gefehlt liaben. 
während sie diu-cli Justin. 'I'atian und Irenäus bereits für die erste 
Hälfte des 2. Jahrhvuiderts bezeugt sind. Wahrscheinlich ist es freilich 
nach aller sonstiger Analogie, dass Verse, die in B A sowie in dem 
Syrus-Sinaiticus fehlen und die Hihu-ius, E})iphanius und Hieronymus 
in mehreren' P^xemplaren uiclit gelesen liaben, schon im 3., ja im 
2. Jahrhundert in einigen Codices nicht gestanden haben: allein be^ 
weisen lässt sich das niclit. Jedenfalls bleilit es eine blosse Behauptung, 
das Fehlen müsse älter sein als das J. c. 200. Dies erscheint um so 
mehr als eine blosse Behauptung, als die Zeugen für die Tilgung der 
Worte einen bestimmten geographischen Kreis bilden. Auf Aegypten 
und Umgegend kann sie zurückgeführt werden' — interpretirt man 
die Zeugnisse grossmütliig und reclmet auch mit dem argumentum e si- 
lentio — bis zur Zeit des Origenes und Clemens Alexandrinus. Da- 
gegen haben die Worte das Zeugniss der übrigen Kirchen, und zwar 
vom Zeitalter Justins an, für sicli. 

Drittens, allen diesen so schwer für die Echtlieit in's Gewicht 
fallenden Gründen setzt man das Argument entgegen, dass eine Aus- 
merzung, da sie nicIit aus zufälligen Ursaclicn erfolgt sein kann ', aus 



' Kin Gewicht auf das »coiiijiliiria" des Hilai'ius und das .iiuaedaiii« di's llicrony- 
nnis wird nicht zu legen sein. Das Material zur Vergleichung, über das sie verfiigten, 
war lieschränkt und ihre Ausdrucksweise schwerlich genau. 

- .Solche Zufälligkeiten, wie die. dass ein altlateinischer Zeuge die ^Vorte niclit 
kennt, kommen nicht in Betracht, ebenso wenig dass umgekehrt einige lioheirische 
und saiiidische Manuscripte die Worte bieten. 

' Hierüber haben WEsrcorr und Hort das Nötiiige bemerkt. Dass einige 
Handschriften (s. oben) die Worte bei Mattli. 26, 39 lesen , gehört nicht hierher, da es 
sicIi hier um Conformationen liandelt, die sich ans der Perikopeneintheihing bez. der 
kirchliciieii \'orlesung leicht einstellen konnten. 

SitzuiiKsheriehte 1901. 20 



2Ö4 Silziiiif; der pliilosdiiliisoli-liislnrisclicn Classp vom 2>S. Felirii:u-. 

(loyiiiatisclicii (irüiidcii uin'rliörl sei': diso seien die \'orse dix-li nicht 
von IviK"is. Allein das ist eine petilid jirineipii hez. ein ;illi;cmeines 
Urthoil, welches in jedem einzelnen Fnll unlu^stoelien ;ni("s Neue zu 
prüfen ist. Nun saut uns ;d)er liciade in diesem Falle Kj)iphanius. 
dass nicht etwa Iläretikei". sondei'ii änsistlielie Ort h odoxe die Stelle 
unterdrückt haI)on. Man erwidert, dies sei eine vag'c Vermuthunu- 
des E])iphanins: allein. \aye ikIit niciit . \(in \\'icliti.i>'kcit ist. dass 
er ül)erhaujit eine solche Vei-niutlnni!;' anfzusteilen vermochte. AN'as 
er für thatsächlicdi hält, dürl'en w\v doch nicht als unm()nljch ;di\vcisen. 
Nun aber enthiUt die Stelle wirklich zwei schwere Anstö.s.sc. Erstlich 
war es anstössif^, da.ss ein p]n,i>-el den Ilemi stärkt — besonders an- 
st()ssi,ii" in der ältesten Zeit, wo vom Colosser- und Ilebräerbrief an 
für die über die Enii'cd crliabciK' AVürde Jesu i;ekäm[)ft wer<lcn musste. 
Zweitens war auch die äywvia sannnt ihi'en blutig-en Folgen anstö.sslg: 
denn sie war doch nicht dui-ch äussei-e SchUiiie und Wmiden hervor- 
gerufen, sondern durch (h'ii innere]) See 1 e n k am pf. Diese Schil- 
derung ging noch ül)er llcbi'. 5, 7 hinaus: je mcdir man gegen Juden 
und IleidiMi das freiwillige virofieveiv naßeiv des Herrn betonte (s. z. B. 
Barnabas und Justin), um so lielVenidlicIier nnissle dieser furchtbare 
Seeleidvam[il' erscheinen. Es ist also durchaus walirsclieinlich . dass. 
wenn >)ei der grossen Blehrzahl dei- ältesten und besten Zeugen die 
Worte .sich finden und sie inu- bei einer ^Minderheit fehlen, eine Aus- 
merzung stattgefunden hat — um so wahrscheinlicher, als sie gut 
lucanisch lauten. 

\ iertens endlich: die I'rage. \V(jher der \ierte Evangelist seinen 
Stoir geiKjnnnen hat. ist no(di nicht in j'e<lei' lliusicht geklärt: ii'ai' 
manche sclnvcre Prol)leme schweben hier noch, abei- dass er in der 
Leidens- und Auici-stehuugsgescliichte an \ieleu Stellen lediglich die 
Synf)ptiker als Unterlage hat, ohgleich er sich weit von ihnen entfernt, 
lässt sich erweisen. Nun liest man J0I1.12. 2 7ir. : vvv 1) ^i'X^'l A'^f 
TeTapaKTcu, Kai ti etirw; iräTep. (twctov jie ek tyjs Mpas TavTiis. äXXa 
Sia TOVTO i]K6ov eis t»;i' wpav Tavrt^v. Tvärep, Sö^acröv aov to övopa. 
riXOev ovv (fxavri eK tov ovpavov- Kai eSo^acra kcu iräXiv So^daü). 
.... [6] Irjcrovs e'nrev ov 81 epe ^; (fxjovi} avTi] yeyovev äXXä §t vpäs. 
Das ist die joliannei.sche rmAvandlung von Luc. 22. 4^;. 44. Aus dem 
(iyyeXos äir' oi'pavov ist eine (ßcövi^ eK tov ovpavov geworden • — »Einige 
aus dem \'olk s[)i-acli(^n (v. 2g): ein Engel hat zu ihm geredet« — , die 
»Stärkung« scheijit nchlicben zu sein: alier es scheint nur so: nicht 
um Jesus, sondei'u um Andere zu stärken, hat die Stinnne gesprochen. 

' Wi-Mcorr iiikI lldui II |). 66; .Tlirri! is 110 tiinijililc^ ('V'idence l'or tlie excisioii 
(>{ ;i MiliNtaiilial pDrlinn <if nai ralivc fur (li)ctrinnl rcasdiis at aiiv ])erio(l of tcxtiial 
liistorV". 



Harnack: Pi'ohleine im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 2.')5 

i>'anz so wie in e. i ilif Herabkunft <lcs Geistes nur ein Zeug'niss für 
den Täufer, nicht aber für Jesus, ,i>-ewesen sein soU. Johannes liat 
also den Engel getilgt, die Stärkung getilgt und den Blut- 
schweiss getilgt, d.h. er hat dasselbe gethan, was diejenigen 
tliaten, welche die Stelle ganz strichen. Also beweist er uns, 

1 . dass die Verse von ihm gelesen worden sind — es wäre aber eine 
abenteuerliclie AnnaJime, er habe sie anderswo gelesen als bei Lucas — . 

2. dass sie um das Jahr loo Anstoss erregt liaben und er sie dalier 
in seinem Evangelium inischädlich gemacht hat. 

Nach diesen Darlegungen' wird man meines Erachtens nicht melir 
daran zweifeln dürfen, dass Luc. 22, 43. 44 ein ursprünglicher Be- 
standtheil des Evangeliums ist und in BA und Syrus-Sinaiticus ein 
absiclitlieli verkürzter Text vorliegt. "V\'ie alt die Ausmerzung ist, lässt 
sich niclit bestimmen: sie kann schon am Anfang des 2. Jahrhunderts 
erfolgt .sein, sie kann aber auch um viele Jahrzehnte jünger sein. 



II. 

Zu Luc. 23, 33. 34. 

Kai oTe r]X6av eirl tov tottov tov KaXov/devov Kpaviov, e/ce? ecrTctv- 
pwcrav avTov kcu tovs KciKOvp'yovs. ov pev eK Se^iwv 6v 8e e^ äpicTTepwv. 
6 §€ Irjcrovs 'eÄejev närep. ä(f)es aiiToTs, ov jcip o'iSacrn' tl 
TTOiovcriv Siapepi^opevoi Se Tct Ipäria avTov eßaXov KXripovs. 

Die gesperrten Worte sind bezeugt durch den Sinaiticus [erste 
Hand und späterer Corrector], den Alexandrinus, ferner durch CLQ 
X TA A n, den Corrector von D und fast allen Minuskeln. Dazu 
ktmimen 5 der besten Itala-Handschriften, die Vulgata, die meisten 
büheirischen Handschriften, die syrischen Versionen (Curet., Peshit.. 
Harcl., Hier.), die aethiopischen und die armenischen. Endlich fin- 
den sie sich (im 2. Jahrh.) bei Hegesii^p [s. darüber unten], Tatian, 
[Ephraem Syr.] und Irenäus, (im 3. und 4. Jahrh.) bei Hippolyt, Ori- 
genes, Clem. Homil., GestaPilati. Eusebius, Athanasius, Gonstit. Apost., 
Gregor von Nyssa, Basilius, Diodor, Chrysostomus, Hilarius, Ambrosius. 
Hieronymus, Augustin. 

Die gesperrten Worte fehlen im Vaticanus, in D [erst ein späterer 
CiuTector hat sie beigeschrieben] und im Syrus-Sinaiticus [im griech. 
Sinaiticus hat sie der erste Corrector getilgt, ein späterer wieder 
hergestellt; auch im Cod. E sind sie mit einem A.steriscus versehen]; 
.sie fehlen ferner in ein paar Minuskeln, in drei ausgezeichneten Itala- 



' Sie gelten auch dann nucli, wenn.loh. 12, 27 11'. doch unabhängig von Luc. 22, 43 f. 
sein sollte. 

20* 



256 Sitzung der philosopliisch- historischen Classe vom 28. Februar. 

Handscliriftcn , zwei sehr guten boheiiüschen und in der .sahidisclien 
Version. Arethas theilt un.s mit, dass ("yrill von Alexandrien die 
Worte fiir fino Interpolation betrachtet hat.' 

L.\ciniANN, Westcott und Hort, Bkuniiard Weiss und Plumjier 
(der Letztere unsiclier) streichen den Vers als niclit-hu-anisch : Bla.s.s 
hat ihn in Kürze vertheidigt und aucli Zahn sicli beiläutig (Einleitung 
in das Neue Testament, II, S. 359) lür seine Beibehaltung ausge- 
sprochen. Ich werde versuchen zu zeigen, da,ss die Letzteren keinen 
unhaltbaren Standpunkt vertreten und dass die Streichung des Verses 
mindestens vorschnell gewesen ist. 

Auf den ersten Blick scheinen die Gründe gegen die Ursprüng- 
lichkeit des Verses unüberwindliche zu sein: denn 

1. der Vers durchbricht den Zusammenhang, Siafiepi^öfxevoi schliesst 
sich enge an €CTTavpw(rav an. 

2. Wir sind in der neutestamentlichen Kritik gewohnt, Worte, 
die vom Vaticanus B und D nicht geboten werden, für Zusätze zu 
lialten: hier aber tritt nooli das negative Zeugniss des Syrus-Sinaiticus 
hin/u. 

3. Ein Grund zvn* Streichung der Worte scheint uneriindlieh zu 
sein^: ausserdem sind absichtliche Streichungen ganzer Verse in der 
neutestamentlichen Textgeschichte so gut wie unerhört. Als Zusatz 
aber erklärt sich der Vers sehr wohl aus Act. Apost. 7. 60. 

Diesen Argumenten gegenüber kommen folgende Erwägungen in 
Betracht': 

I. Gewiss durchbricht der Vers, wenn auch nicht in besonders 
störender Weise, den Zusammenhang, aber dass er niclit ursprünglich 
sei, kann daraus nicht geschlossen werden. Die ^^"orte nämlich, welche 
der ganzen Perikope zu Grunde liegen — sie ist ja nicht von Lucas 
frei Cüm])onirt — , stehen Marc. 15. 2 2 f.: Kai (fyipovcriv avrov ctti tov 
FoK'yoBav tottov 6 eo'Tiv fiedepiDivevofievos Kpavt'ov Töiros . . . Kai arav- 
povaiv avTov Kai Siapepi^ovrai to. ipciTia avrov, ßciWovres KXijpov 
eir' avTa Kai crvv aiirw cTTavpovaiv Svo AjjcrTas, eva e/c Se^iwv 



' Diese Übersicht /.eigt, das.s die L .\ nicht einer der beiden Editionen des 
Lucas, wenn es zwei gegeben hat, zugetiieilt werden kann. 

- WEsrcorr und Hort p. 68: -Its Omission, on the hypothesis of its genuineness, 
cannot be explained in any rea-sonable manner. Wilful excision. on account of the 
love and forgiveness sliown to the Lords own murderers, is absolutely incredible: no 
various reading in tlie New Testament gives evidence of having ariseri fi-oui any 
such cause«. 

' Dass die Worte, inhaltlich betraclitet, sein- wolil von Lucas geschrieben .sein 
können, hat meines Wissens Niemand bezweifelt. Man kann noch einen Sclu-itt weiter 
gehen: die Anrede •■wÜTfp" ist specifisch lucanisch. Dazu konnnt. dass die Absicht. 
Jesus als den Sünderlieiland darzustellen, bei keinem anderen Kvangelisten auch tun- 
annähernd so ausgeprägt ist wie l)ei Lucas. 



Harnack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 257 

Kol €va e^ evwvvfxwv avTov\ In diesen Text waren die Worte: ö ^e 
'lri(Tovs eXeyev HaTep, ä^es avrols, ov jap oiSacriv ti Troiovaiv ein- 
zuschalten. Dass Lucas dies mit besonderer Ungeschicklichkeit ge- 
than hat, wird man nicht sagen können": aber Avenn sie noch unge- 
schickter eingewebt worden Avären, als sie es sind, könnte dem Lucas 
selbst die Einschiebung ebenso gut missglückt sein, wie einem späteren 
Interpolator. Die Annahme einer Interpolation ist daher aus diesem 
Grunde nicht zu rechtfertigen. 

2. B [Vatic], D und Syrus-Sinaiticus sind ausgezeichnete Zeugen, 
ja, wo sie zusammenstimmen, gewöhnlich die besten; indessen Tatian, 
Hegesipp'', Irenäus und Sinaiticus haben ein Gewicht, das schwer auf- 
zuwiegen ist. Die drei genannten Väter schreiben um das Jahr 170 
bez. 180 und sind ganz unabhängig von einander. Der Text, den sie 
gemeinsam bezeugen, kann daher nicht jünger sein als saec. II. med. 
Von hoher Bedeutung ist es ferner, dass weder im 2. noch im 3. und 
4. Jahrhundert vmter den Vätern auch nur ein einziger Zeuge fiir das 
Fehlen der Worte nachgewiesen werden kann*. In ähnlichen Fällen 
aber wird das Zeugniss von B, D, bez. B D in der Regel von sehr 
alten Vätern unterstützt; hier fehlt diese Unterstützung. Somit kann 
Niemand mit irgend welcher Sicherheit behaupten, dass die 
fraglichen Worte, die für die Zeit um das Jahr 150 als luca- 
nisch bezeugt sind, vor dem Jahre c. 300 in irgend einem Bibel- 
exemplar gefehlt haben. Nur auf die allgemeine Beobachtung 



' Matthäus hat diesen Text also reproducirt (27, 33 ff.): Kai eXOövns eh töttov 
Keyö/ievov FoKyoOä , o e<TTiv Kpavlov Töiros Keyo/jevos .... (rravpätravTes Se avrov ciefiepicravTO 
ra ifiana avTov ßaKKovres KKrjpov . . . rare (TTavpovvTai iriiv avTÜ) ovo Ai/cTTai', eis ex ce^iäv Kai 
«fs e'f evoivvfioiv. 

^ Zeigt nicht das »eXeyev» die zutreffende Überlegung des primären Schrift- 
stellers i" Hätte ein Interpolator das Iinperfectuni gewählt? 

' Hegesipp wird in der Zeugenreihe von den Textkritikern nicht gebührend 
gewürdigt. Er erzählt (bei Euseb. h. e. II, 23, 16), .Tacobus der Gerechte habe bei seiner 
Steinigung gebetet: wapaKaKb), Kvpie ßee irärep. atfies avTo7s' ov yap olBatri t! ttoiovctiv. Offen- 
bar ist entweder unser Lucastext von Hegesipp abhängig oder Hegesipp hat den Lucas- 
text vor Augen gehabt. Nun aber ist Jenes unmöglich ; denn aus Tatian und Irenäus 
ergiebt sich, dass der fragliche Lucastext schon vor Hegesipp [dieser schreibt z. Zt. des 
römischen Bischofs Eleutherus, also um 180] vorhanden gewesen ist. Also hat Hegesipp 
den recipirten Lucastext vor Augen gehabt und nach ihm erzählt. Diesem Schluss kann 
man durch die Annahme zu entgehen versuchen. Hegesipp folge der mündlichen Über- 
lieferung oder einem apokryphen Evangelium. Allein diese Hypothese ist deshalb 
ganz unwahrscheinlich, weil er sich wörtlich mit Lucas deckt [nur Kvpie öee hat er 
aus einleuchtendem Grunde in der Anrede hinzugefügt]. Umgekehrt wird man viel- 
mehr sagen dürfen, dass drr Lucastext noch Jahrzehnte über Hegesipp hinaufreichen 
müsse; denn dass Hegesipp die Nachricht, Jacobus habe in der angegebenen Weise für 
seine Feinde gebetet, frei erfunden habe, ist nicht anzunehmen. 

* Es muss aber hier daran erinnert werden, dass aus Zeugnissen das Nicht- 
vorhandensein viel schwerer festzustellen ist, als das Vorhandensein. 



2nS Sit/.iinj; der philosophisch- liisforisclien C'lasse vom 28. Februar. 

könnte er sich berufen , düss die einsehneidend wichtigen Varianten des 
neute.stamentlichen Bibeltextes in der Regel sclion dem 2. Jahrliundert 
nngchören. Aber Regeln haben Ausnahmen, und aucli die neutesta- 
mentlielie Textkritik weis.s von solchen zu erzälden. Zusammenfassend: 
das negative Zeugniss von B D und dem sinaitischen Syrer fällt des- 
lialb nicht ausschlaggebend in's Gewicht, weil es nicht von den Vätern 
unterstützt wird und weil es — füge ich hinzu — die Mehrzalil der 
Itala-Handscliriften'und der syrischen Versionen gegen sieh hat. Diese 
neutralisiren bis zu einem gewissen Grade die Bedeutung von D und 
dem sinaitischen Syrer. Somit bleibt nur B übrig. Vermag dieser 
Codex wirklich dem Tatian, Hegesipp und Irenäus sammt dem Sinai- 
ticus die Wage zu halten? 

3. Das stärkste Argument für die Nicht-Ursprünglichkeit des 
Verses bildet ohne Zweifel die behauptete Unmöglichkeit, seine nach- 
trägliclie Streichung zu erklären. Wer soll es gewagt haben, das 
Gebet des Herrn für seine Feinde in der Todesstunde zu tilgen? 
Welches Motiv soll ihn geleitet haben? Dagegen ist es wohl ver- 
ständlich, dass man schon frühe — am Anfang des 2. Jahrhimderts — 
ein solches Gebet eingesetzt hat, sei es einer ausserkanonischen Über- 
lielerung folgend, sei es in freier Erfindung (unter Ansclduss an 
Act. 7, 60). Hat selbst Stephanus im Momente des Todes für seine 
Peiniger gebetet, so schien es gewiss, dass auch der Herr sie nicht 
vergessen und sein eigenes Gebot der Feindesliebe erfüllt hat, zumal 
da Jesaj. 53. 12 z>i lesen stand, dass »der Knecht Jaln'eh's« iür die 
Übelthäter betet. 

Diese Argumentation erscheint einleuchtend, und doch erhellen 
sich Bedenken — zunächst gegen den positiven Tlieil. Sollen die 
Worte ein späterer Zusatz sein, so ist es auffallend, dass niclit eine 
einzige Handschrift ihn im Matthäus- oder Marcustext aufweist, die 
doch an dieser Stelle mit dem Lucastext fast identiscli sind. War 
das Bedürfniss, an dieser Stelle ein Gebet des Herrn für seine Feinde 
zu lesen, so gross, so begreiil man nicht, warum es sich nur in 
einem Text geltend gemacht liat. Ferner ist auch die Verweisung 
auf Act. 7, 60 als den Ausgangs])\uUit des Zusatzes nicht einleuchtend. 
Ste])]ianus betet: Kvpie fxi] (XT^crris avTo7s TavTt]v ti'ji/ äfiapTiav. Unter 
»fli'Tors« sind die Juden, die ihn steinigen, zu verstehen. An unserer 
Stelle — richtig interj)retirt' — ist aber keine generelle Fürbitte liir 
die Juden, die intellectuellen Urheber des Kreuzestotles. lierauszulesen, 
sondern das Gebet gilt mn- ihren Henkersknechten. <len Soldaten, 
luid es wird ausdrücklich motivirt und limitirt durch den Zu.satz: 

' Siehe dariihei- mitcn. 



Harnaik: IVobleine im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 259 

ov jap oiSacTLv rl Troiovtriv. Hat wirklicli die Steplianus -Erzählung 
den Anstoss zu unserem »Zusatz« gegeben, so erscheint die Fürbitte 
des Step])anus als die weiter reicliende, die Jesu als die begrenztere. 
Verfährt die fortschreitende und schematisirende Legenbildung so? 
Gewiss nicht! Wäre die Stejahanus-Füi'bitte der Ausgangspunkt fär 
unseren Zusatz, so niüsste er generell lauten und die Juden einscldiessen. 
In ihrer strengen Begrenzung erweckt also unsere Stelle nicht den Ver- 
dacht, aus dem Bestrel)en ents])rungen zu sein, Jesus ül)erhau])t ein 
Gebet für seine P'einde in den Mund zu legen, tun ihn nicht Innter 
Steplianus zurückstehen zu lassen. 

Aber das negative Argument: wer soll es gewagt liaben, das 
Gebetswort des Herrn aus dem Lucastexte zu tilgen? Nun, es giebt 
zwei Wege, auf denen man sicli den Wegfall der Worte als geschehen 
vorzustellen vermag.' 

Erstlich, der Wegtnll der Worte kann in einigen Handschriften 
bez. in einer sehr alten ein zidalliger gewesen sein. Da sie tlen 
Zusammenhang durchln'echen und da bei Matthäus und Marcus 
auf das (TTavpovcriv unmittelbar das Sia/uepl^ovTai folgt, so 
ist es möti-lich . dass im Lucastext von einem Schreiber der kurze 
Zwischensatz übersehen worden ist. Die so häufigen Conformationen 
der synoptischen Texte imter dem Principat des Matthäustextes brauchen 
nicht immer eine Bereicherung der Einzeltexte zur Folge gehabt zu 
haben; sie können auch eimnal einen Verlust l)edeuten. Indessen 
ist diese Annahme prekär, weil nicht streng zu l)eweisen und weil 
das Gewicht der Worte sie in diesem Falle vor jeder zufalligen Aus- 
lassung zu schützen scheint. 

Zweitens aber, die Worte boten der alten Christenheit einen 
starken Ansto.ss, sobald sie auf die Juden überhaupt bezogen 
wurden. Zwar zeigt der Zusammenhang, genau betrachtet, dass sie 
mu- auf die Soldaten gehen; aber da dies nicht direct gesagt ist, 
so bezog man sie nach der damaligen weitsichtigen Methode der 
Exegese auf die Feinde Jesu, die Juden, überhaupt." Dann aber stritten 
sie nicht nur mit den unmittelbar vorhergehenden Worten Jesu 
(c. 23. 28 if). in denen er den 'lochtern Jerusalems und ihren Kindern 
das furchtbarste Strafgericht ankündigt, sondern sie stritten auch mit 
dem AntiJudaismus der alten Kirche überhaupt, dem nichts sicherer 
war als die Überzeugung, dass sich das Judentlnun durch die Kreuzi- 
U'unu' Christi eine nicht zu vergebende Schuld und ein uncrliittlichcs 



' Dass der Wegfall nicht dmch Zerlegung des Textes in Perikoj)en zu erklären 
ist, darüber s. Wf.stcott und Hort, 1. c. p. 68. 
- Siehe einen Beleg dafür unten. 



200 JSil/.unq der ])hilo.sopliisch -liistorisclien f 'lasse vom 28. Februar. 

StrafiLfericlit aulgfladen hahc' Wie soll nun Jesus für die ihn kreuzi- 
genden Juden gebetet haben, weiui das (;ericht feststeht? Wie kann 
er gesagt haben: »Sie wissen nicht, was sie tliun«? 3Ian lese den 
Barnal)asl)rief' oder Justin's Dialog mit Trvpho. und mau wird ein- 
sehen, dass die Verfasser dieser Schriften die Behauj)tun.i>'. die Juden 
hätten in Inwissenheit gehandelt, unerträglich und deshalb die Für- 
bitte unmöglich finden mussten. Dass aber auch noch im 4. Jahr- 
hundert eine Coutroverse in Bezug auf Luc. 23. 34 bestanden hat, 
dafiir haben wir in einer Quästio Pseudqjnstin's. d. Ii. Diodor's von 
Tarsus (Quacst. et Respons. ad Orthodoxos nr. 119). einen Belesj'.' Die 
Quästio lautet: Gt (rvyYvwiuriv fj ÜKOvaios ecf)e\KeTai äjvota. Kadws 
virb Trjs ^pa(f)ris SiSacTKOfieOa, ttws oi fiev TrdXai lovSaioi tov XpKTTOv 
e^ äyvoias crTavpwaavres irXeta-Twv kcu hvviroL(TTU)v Seivwv eireipä- 
Oijaav . . . , oi §e vvv avTwv ru> XpiarCo cnreidovvres rris pev o'iKeias 
TraTpiSos äneXaSevTes eis iracrav rriv jiju eXiKpiaOtfcrav . ro7s Bk edvecriv 
eis SovXelav e^eSödtiaav änpov, ws Tct irpäypaTa cTTriXtjs ßoä irepi- 
(fiavearepov , tyjv §e ev eKccrepois aiirwv (TvviaT>]cnv ayvoiav. iroTe pev 
Xeyo)v ö Kvpios «TrciTep acfyes avTo7s' oii jap oiSacri ri TtoiovcTL" . iroTe 
8e ö rtTTocTToAos cf)cicrK(i)v «ei yap eyvoocrav, ovk av tov Kvpiov tjjs §6^)]s 
e(rTavpo)(rav'i ; kui ravTa pev yrepi rwv iraXaicov lovSaiwv. Tvepi Se twv vvv 
»/iayOTUpw« , (f)ti(riv, »aÜTors oti ^Xov deov e^ovcriv, äXX ov kut eTriyvwaiv. 
In der Auflösung dieser Aporie verfährt Diodor .so, dass er zeigt, die 
Juden hätten wirklich den Herrn »unwissend« gekreuzigt, da sie nicht 
gewusst hätten, dass er wieder auferstehen Averde; hätten sie das ge- 
wusst, so hätten sie das Verbrechen nicht begangen. Also konnte Jesus 
für sie beten. »Wissend« wurden sie erst nach der Auferstehunn', und 
da sie nun in ihrer feindseligen Stimmung verharrten, ja sich ver- 
stockten, die Wächter bestachen und die Auferstehung mit Lüge zu 
verschütten versuchten . haben sie sich eine nicht zu vergebende Schuld 
und das Strafgericht zugezogen. Diese Ausführungen lehren i. Diodor 
las Luc. 23. 34 in seinem Bibeltexte, 2. er und die Anderen bezogen 
die Stelle generell auf die Juden, 3. der Text gab damals einen schweren 
Anstoss, der entweder so lautete: »Wie haben die Juden solch ein Straf- 
gericht zu erdulden, wenn ilire Sünde doch eine unwissende; war und 
der Herr für sie gebetet hat?«, aber auch so: »Wie konnte der Herr 
fui' sie beten, da sie doch, wie der Thatbestand zeigt, die .schwerste 
Sünde begangen hatten?« Diodor he1)t den Ansto.ss mit »geschicht- 
lichen« Mitteln, sofern er zwischen der Haltung der Juden vor und 
nach der Auferstehung unterscheidet. Der AusAveg erscheint verzwei- 



' Darauf hinf!;ewiesen zu haben, ist ein Verdienst von Hrn. Blass. 
* Der Text nach Papadopulus-Kebameus (Petersburg 1895), S. iiif. 



Harkack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 261 

t'elt, aber elien dadurch beweist er, wie di'ückend die Zweifelfra^-e war. 
die der Ver.s im Lucastexte heraufbeschworen hatte. 

Sollte es nicht dieser Anstoss gewesen sein, der in einigen alten 
Handschriften oder in einer sehr alten zur Tilgung des Verses geführt 
hat? Man wird einwenden, solch eine »dogmatische« Tilgung sei un- 
erhört: allein dass dogmatische Motive auch in der Textgestaltung des 
Neuen Testaments eine Rolle gespielt haben, ist unleugbar (s. o. sub i): 
hier aber liandelt es sich um ein Motiv, welches in vielen Zeiten der 
Kirche stärker gewesen ist als ein dogmatisches — um den Antijudais- 
mus. Lässtsich, wie Zahn gezeigt hat, nicht verkennen, dass selb.st 
antimarconitische Absichten leise auf den kirchlichen Text des Lucas- 
Evangeliums eingewirkt haben , wie viel leichter ist die Annahme anti- 
judaistischer! — 

Ich behaupte nicht, dass die Ursprünglichkeit des Verses dm'ch 
diese Darstellung zweifellos geworden ist; aber die Gründe, mit denen 
man seine Nicht -Ursprünglichkeit sicher gestellt zu haben glaubt, sind 
erschüttert, und gezeigt ist, dass sich zu seinen Gunsten sehr Erheb- 
liclies sagen lässt. Also wird man die Acten dieses Processes min- 
destens oifen lassen müssen. Der Vers darf aus dem Text des Lucas 
keinesfalls gestrichen werden: höchstens ein Fragezeichen muss er sich 
gefallen lassen. 

Ich darf aber diese kleine Untersuchung über die beiden Lucas- 
Stellen nicht schliessen, ohne darauf hinzuweisen, dass sie geeignet 
ist, einer übertriebenen Schätzung des Cod. B zu wehren. Kein Zwei- 
fel — fehlten die beiden incriminirten Stellen nicht in B, so wäre es 
keinem Kritiker eingef;illen , sie zu tilgen. Also ist es angezeigt, wenn 
sich die Echtheit derselben bewährt, dem Cod. B, obschon er der beste 
Zeuge ist, den wir füi" das Neue Testament besitzen, ein geringeres 
Verti-auen zu schenken. 

III. 

Zu Marc. 15, 34. 

Kai rfj evdrri wpa eßörjaev ö Irjcrovs (f)(i)vfj jicyaKr]- eXm eXm 
Xe/dct (raßa^Oavei, 6 eo-Tiv ixedepfxrjvevofxevov 6 Beos /aov ö deos fxov, 
eis TL (bveiSiads /ue. 

Die von den Textkritikern und Exegeten — Hrn. Nestle und die 
Engländer ausgenommen — kaum beachtete LA wvei§i(ras soll im Fol- 
genden eingehend geprüft werden. 

I. Die LA wveLSicras ist nicht nur eine, .sondern es ist die alte 
abendländische LA im Marcustext; denn trotz der schmalen Bezeugung 
des Marcustextes im Alterthum (der Matthäustext wurde ihm in den 
parallelen Abschnitten stets vorgezogen) ist das üiveiSicras heute noch 



262 Sit/.uiip; der pliilosopliiscli - liistoiisclu-n ('lasse Vdiii "iS. Kehiiiar. 

fünf Mal zu bele.ycn. Gricciiiscli steht es nicht nur in D, sondern auch 
])pi Propliyrius'. hiteiniscli im ('()Il)ert. Paris, (exprobrasti), Vindoh. 
(in üi^probrium dedisti) und Bobbiensis (nialedixist i).'" Hier- 
nach ist es gewiss, (hiss wir es mit einer LA /.u lliun lialien, die bis 
an die Grenze (h's 2. Jahrlunukn-ts reicht. Demi;ejienüber die Zahl der 
Fälle zu zählen, in welchen auch abendländische Zeugen ey/carcAiTres 
(•>dereli(iuisti«) bieten, ist nicht wohl möglich und hat keinen Sinn: 
denn in Citaten (wenn niclit ausdrücklieli Marcus als die Quelle .ge- 
nannt ist) ist in der Regel (h'r Matthäustext gebraucht worden: jeden- 
falls hat man nicht die geringstem Sicherheit, dass der betreflende Schrift- 
steller den Marcus citiren wollte. Dass aber die eine oder andere vor- 
hieronymianische lateinische Übersetzung »derelicjuisti« bietet, kann 
ebenfalls niclit ins (iewicht fallen, da die Correctur nach Matthäus 
(bez. nach den LXX) ausserordentlich nalie lag. 

2. Die LA wveiSicras ist aber nicht mu' die alte abendländische 
LA, sondern sie ist höchstwahrsclieinlich aucli die ursprüngliche 
LA, die bereits in der ältesten, bez. den ältesten für den Orient maass- 
gebenden Handschriften durch e'yKciTeXnres ersetzt worden ist. Hätte 
nämlich der Schriftsteller selbst ejKciTeXnres geschrieben, so Ix'gTeift 
man nicht, warum ein Sjiäterer dieses ^\'orI nur im Marcustext und 
nicht auch im Matthäustext entfernt und diu-cli wveiSicras ersetzt hat.' 
Im Matthäustext bietet aber kein einziger Zeuge das wveiSi(ras. Also 
ist (joveiSicras im Marcus nicht nachträgliche Correctur, sondern ursprüng- 
liche Überliefennig. Der Vorgang kann mithin nur folgender gewesen 
sein: Matthäus, der den Marcus benutzt hat, fand in ihm das wvei§i(ras, 
nahm es aber nicht auf, sondern stellte den coiTCcten LXX-Text 
ejKareXnres her.* Sofort wurde dieses Wort im Orient auch in den 
3Iarcustext aufgenommen, aber im Occident erhielten sich vmcorrigirte 
Exemplare. Übrigens ist es auch an sieh ganz unwahrscheinlich, dass 
gegenüber der doppelten Autorität des LXX-Textes und der evange- 
lischen Überlieferung — selbst Avenn es nie einen INlatthäustext ge- 
gel)en hätte — ein Späterer es gewagt hätte, eyKareAnres in (bveiSiaas 

' Kr ist der lieidiiische Philosoph im ».\pocriticus.. des Macarius Magiies. Dort 
aber heisst es (p. 21 ed. Br.oNDEi.): 'O /lev Gls x^'P''^ <rov., \eyei, wapaOi'io-o/jat ro irvev/^ä 
fiOVf 6 Se T€T€\€<rTat , 6 öe 0€€ /jov See fxov^ Iva tI fie eyKarfKiires ; 6 Se 'O 9eos öeos /jov^ 
eis t! üvei'Si<räs fie. 

'■* Siehe BuRKiri ii]i .lomii. ol" Thcohiii. Stud. 1 p. 27S. Die Bedeiitiin«;; des Bob- 
biensis kann nicht leicht iiberschät/.t werden. VLv repräsentirt den Text, den Typrian 
iicleson hat. 

' Wohl bejj;reift man, dass an dem Gedanken. Gott habe Christnni verlassen, 
Anstoss genommen worden ist — aber \va)-inii nahm man diesen .Viistoss nur im Marcus- 
text und nicht auch im Matthäustext:' 

* Beiläufig sei bemerkt, dass sieh die Priorität des Marcus vor Mattiiäus auch 
an diesem Punkt erweist. 



Harn'ack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 26H 

ZU verwandeln. Menn jenes Wort das ursprüngliche bei Marcus ge- 
wesen wäre. 

3. Aber wie ist das coveiSicras zu verstehen? »Eine nach allen 
Seiten befriedigende Erkläi'ung ist noch Niemand gelungen«, sagt 
Nestle {FAnt'. in d. griech. N. T., 2. Aufl., S. 222). Ich kenne überhaupt 
keine Erklärung', also auch keine befriedigende. Versuchen wir es, 
dem Probleme näher zu kommen. Zunäclit muss anerkannt wei'den, 
dass wvetBicras in keinem Sinne als tll^ersetzung von (raßa^davei auf- 
gelasst werden kann: denn 2X3? (p3C) heisst »lassen«, »verlassen«, in 
Verbindungen auch »preisgeben«. An einen Übersetzungsfehler ist aber 
auch nicht zu denken: denn Marcus las ja die LXX, und sie bot die 
riclitige Übersetzung ejKaTeXnres. Mithin ist die Annahme unver- 
meidlich: Marcus ist der richtigen Übersetzung absichtlich 
aus dem Wege gegangen. Der Grund dafür kann schwerlich in 
etwas Anderem gesucht werden als in der Erwägung, den harten 
Ausdi'uck eyKUTeXiTres abzuschwächen." Die grosse Schwierigkeit, die 
in ihm liegt — Jesus in der Todesstunde vom Vater verlassen — , 
musste ja alsbald empfunden werden. Aber warum wveiSicras? Nun, 
unzweifelhaft ist die Verhöhnung (Beschimpfung) der hervorstecliendste 
Zug in der Leidensgeschichte, wie sie 3Iarcus erzählt: man vei'gleiche 
besonders 15, 17-20: 29-32. Der v. 32 schliesst aber zudem noch 
mit den Worten: kol oi crvvecrTavpwfxevoL avv avTw wveiSi^ov aiirov. 
Unmittelbar auf diese Angabe folgt der Bericlit über den Ausruf Jesu. 
Also liat sich Marcus, als er nach einem passenden Ersatz für das 
(raßaxOavei suchte, an das vorhergehende Stichwort gehalten. Seine 
Erwägung muss etwa folgende gewesen sein: GjKaTeXnres. ohne Er- 
klärung hingestellt, ist zu allgemein und darum missverständlich. Man 
muss fragen, w'orin sich das »Verlassen« seitens Gottes zeige. Die 
einzige Antwort kann nur sein — darin, dass er Jesum den Schmä- 
hungen preisgegeben hat: denn nur dies war im Voi-h ergehenden er- 
zählt. Also war dieses Wort einzusetzen, aber einzusetzen in der 
Form, die der Psalm fordert, nämlich, dass Gott selbst als der Ur- 
heber der Schmähungen erschien. Eine solche »erklärende« Über- 
setzung war in jener Zeit nicht nur nichts Unstatthaftes, sondern 
etwas durchaus Erlaubtes, ja Gefordertes; der Übersetzer soll zugleich 



' Expositoiy Times 1898 August, 1900 Februar, März und .\pril soll etwas 
über diese LA stehen; ich kenne aber diese Artikel nicht. 

^ AVichtig ist, dass auch der Verfasser des Petrus -Evangeliums den letzten Ruf 
Jesu bewusst missverstanden hat, wenn er Jesum ausrufen lässt: 'H Svvaßis fiov, ij ov- 
va/ji's fiov KaT€Kei\lräs /if. Er verfuhr nur klüger als Marcus, indem er das ra-reAei^as 
stehen Hess, al)er mit einem Schein des Rechts bez. des Möglichen ?; m'va/us /lov 
schrieb. 



264 Sitzung der ])hilosoplii.sch- historischen ('lasse vom 28. Fel)ruar. 

»Erkläi-er« sein." Aber, kann man einwenden, wenn Gott selbst jils 
der Urheber der Sclimähungcn erscheint , so ist gci^enüber eyKaTeXiires 
nichts gebessert: ja. manelier mae: »du liast mich geschniälit« für 
noch stärker halten als »du liast iiiicli verla.ssen « . Allein, dieser 
Einwurf triflt nicht zu. Das wveiSi<Tas weist auf das tmmittelbar 
vorliergeliende wveiSi^ov zurück und zwin,n-t daher jeden Leser zu der 
Erkenntniss, dass die Schmäliung seitens Gottes als die Zulassung 
der Schmähungen seitens der Juden zu verstehen ist^: das eyKareXiTres 
aber ei'laubt eine solche mildernde Erklärung nicht oder erschwert 
sie mindestens in hohem Maasse. Somit bleibt es dabei, dass wvei- 
Sicras wirklich gegenüber eyKareAnres eine Erleichterung ist und zu- 
gleich den näheren Sinn des eyKaTeXiTres aus der Situation heraus 
nicht ganz unzutreft'end darlegt. 

4. Indessen ist es möglich, ja Avahrscheinlich. dass Marcus bei der 
Wahl des Wortes wveiStcras für a-aßa^öavei noch durch ein nahe ver- 
wandtes zweites Moment geleitet worden ist. Nicht nur für die Christen 
war das öveiSi^eaOai ev övöjuaTi XpiaTov (bez. ev€Kev Xpicrrov) der 
Höhepunkt ihrer Bewähruni;- (Matth. 5, 11: Luc. 6, 22: I Pet. 4. 14; 
Act. 5, 41). sondern man sprach in ältester Zeit auch geradezu A'on 
dem y>öveiSi(rfJi6s tov Xpiarov'^' als dem Inhalt des Leidens Christi. 
Dass der Ausdruck ein festgeprägter war, zeigen zwei Stellen im He- 
bräerbrief.* C. II, 26 liest man, Mo.ses habe tov öveiSio-fxov rov 
XpifTTOv für einen grösseren Reichthum erachtet als die Sehätze 
Aegyptens, und c. 13, 13 heisst es: »Lasset vins nun zu ilim [Jesus] 
hinausgehen ausserhalb des Lagers, tov öveiSicrfiov avTov <f>epov- 
Tes. « Die erste Stelle ist deshalb besonders lehrreich, w-eil aus ihr 
die Festigkeit und Geläufigkeit des Ausdrucks deutlich hervorgeht. 
Der Ausdruck war so bekannt, dass man ihn sogar vermittelst eines 
Hysteron-Proteron auf einen alttestamentlichen Helden anwandte. Die 
andere Stelle aber lehrt, dass man mit dem Ausdruck öveiBicrpos tov 
XpuTTOv gerade das Leiden znsammenfasste , w'elches er in der Todes- 
stunde erlitten hat: denn die Kreuzigung ist Ilebr. 13. 13 gemeint. 
Also deckt sich die LA des Marcus wveiSioras mit dem term. 
techn. övet§i(rp6s tov XpicrTov an der Hebräerbriefstelle. Der Hebräer- 



' Hieraus folgt nun auch, dass M.ttcus niciit 7.u fürchten brauchte, von Solchen, 
die des Hebräischen oder der LXX kundig wai'en, als falscher l'bersetzer entlarvt 
zu werden; er war sich bewusst, als denkender Übersetzer seines Amtes gewaltet 
zu haben. 

' Ganz richtig hat es so der Übersetzer (N'indob.) verstanden; er bietet die 
doppelt erklärende Übersetzung »nie in o])probi-iuni dedisti« (s. oben), was wre/Acras 
an imd fiir sich nicht hei.ssen kann. Das -maledixisti" des Bobbiensis ist genaue l'ber- 
setzung und besser als das «exjjrobrasti« des (^olbertinus. 

^ Zu vergleichen ist noch Köm. 15, 3: oi öveiOia-/iol räv öveici^övToyv a-e eirtTrea-av eTr efie. 



Harnack: Probleme im Texte der Leidensgeschichte Jesu. 265 

brief ist später jueschrieben als das Marcusevangelium. Dennoch wird 
nicht anzunehmen sein, dass er den Ausdruck nach Marcus 15, 34 
gebildet hat, sondern beide Scliriftsteller geben dieselbe uralte An- 
schauung wieder, dass der Höliepunkt des Leidens Christi der dvei- 
Si(rfJi6s gewesen ist. Marcus hat sie in die Übersetzung der geheim- 
nissvollen und erscliütternden Worte: eXun eXwi Xe/xa craßa^davei 
gelegt.' 

5. Aber der Versuch des Marcus, das eyKciTeXiTres zu eliminiren. 
bez. zu präcisiren. war zu kühn, um Erfolg zu gewinnen. Der alte 
heilige LXX-Text, mochte er aucli noch so grosse Schwierigkeiten 
bieten, Hess sich nicht niederzwingen. So ist denn schon Matthäus 
zu ihm zurückgekehrt, und die Folge dieser Rückkelu- war. dass auch 
der Marcustext in der Mehrzahl seiner Exemplare das wuetSiaas ein- 
büsste. Er wurde hier, wie in anderen Fällen, dem Matthäustexte con- 
formirt. Das. was hergestellt wurde, war wörtlich genommen das 
Richtigere: aber es verbreitete ein schreckliches Dunkel über das letzte 
Wort Jesu und musste zu sehr bedenkliclien Speculationen Anlass 
geben. Marcus hat den Text nicht gefälscht, sondern ihn so prä- 
cisirt, dass er vor 3Iissverständnissen gesicliert war. 

6. Da Marcus sich bereits veranlasst gesehen hat. den letzten Aus- 
ruf Jesu zu erklären, so folgt, dass ihm dersellie überliefert gewesen 
ist. Hätte er ihn erfunden, um die Situation zu illustriren, so hätte 
er das a-aßaj(Bavei entweder nicht gewählt oder nicht durch eine ge- 
wagte Interpretation angetastet. 



In allen drei Fällen, die wir hier besprochen haben, haben dog- 
matische Erwägiuigen gewaltet. Aber an der dritten Stelle verhält 
es sich vimgekehrt wie an den beiden ersten. An diesen hat der 
Schriftsteller etwas geschrieben, was der Folgezeit zum Anstoss ge- 
reichte, und entschlossen tilgte man den Engel, der Jesum gestärkt 
haben soll, tilgte den Angstschweiss und strich das vermeintliche 
Gebet für die lluclibeladenen Juden; denn sie haben nicht in Unwissen- 
lieit gehandelt. An der Marcusstelle ist es aber der Schriftsteller 
selbst gewesen, der Anstoss an dem genommen, was ihm überliefert 
war, und der diesen Anstoss durch eine erklärende Übersetzung ge- 



' Zu dieser ei'kliireiulcii Übersetzung konnte sich Marcus schliesslicli auch des- 
halb berechtigt wissen, weil im Psalm 21, aus welchem die Worte: »Eloi, Eloi u.s.w.- 
stammen, die Schtnähting so stark hervoi'gehoben ist; s. v. 7, 8: eyw &' e'ifit o-KwKtj^ 
Kai ovK avOptinros, ovfipos äv6pd>7rov Km e^ovoevijfia Xaov. 7rai'T6S 01 Oeiopomres fie efe/ii'Kri;'- 
ptcräv /je, fKäXtja-av ei' j^eiKea-tv, eKlvi/a-av Ke(j>a\i'iv, kt\. 



2fi6 Sitzung der pliilosopliiscli- historischen Classe vom 28. Februar. 

tilgt hat. Allein die Folgezeit ertrug diese Erklärung niclit gegen- 
über dem Wortlaut des heiligen LXX-Textes, naehdom derselbe durch 
Matthäus auch in der evangelischen Geschichte wieder hergestellt war. 
Alle drei Stellen aber gewäjiren uns einen Einblick in einen Theil 
der neutestanientlichen Textgcschichtc, der für uns der dunkelste mid 
unsicherste ist — die ältesten dog-niatischen Correctm-en. Die Mehr- 
zahl der neutestamenllichen Textkritiker leugnet solch«' noch immer 
— wunderlich, wenn man daran denkt, wie Matthäus, Lucas. Jo- 
hannes \ni(l der Verfasser des Petrus-Evangeliums ihre Quellen bear- 
beitet haben. Schliessen sich die aufgewiesenen und ähnliche Fälle 
nicht gleichartig jenen grossen Varianten an, die uns bei einer Ver- 
gleichung der Evangelien unter einander entgegen treten? Dieser Pro- 
eess hat mindestens bis zvnn Jahre ±170. vielleicht auch noch läng<'r, 
gedauert. 

Für die Textgeschichte ergeben sich die wichtigen Resultate, 
(i) dass BASyrus-Sinaiticus. ja sogar BD Syrus-Sinaiticus keine in- 
fallible Autorität darstellen — sclnvere Eingrift'e in den Text liegen 
hinter ihnen • — , (2) dass der griechische Sinaiticus dem Vaticanus 
gegenüber unterschätzt wird, (3) dass in einem sicher nachzuweisen- 
den Falle allein die abendländische Überlieferung (oline von der 
syrischen unterstützt zu werden) das Ursprüngliche Tiewahrt liat. 



.-Kusgegehen um 7. März. 



267 

SITZUNGSBERICHTE i90i 

XII. 

K()MGLK1I PKEIISSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
28. Februar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Wai.deyek. 

1. Hr. Fischer las eine in Gemeinschaft mit Dr. G. Roeder bear- 
beitete Mittlieilung: Synthese des Thymins und anderer Uracile. 

Durch Schmelzen von Hainstoft' mit ungesättigten Säuren entstehen Dihydro- 
uracile. deren Bromverbindungen durch Alkali in Uracile verwandelt werden. Das 
Product, welches durch dieses neue Verfahi-en aus Methacrylsäure erhalten wird, ist 
identisch mit dem von Kossei, und Neumann als Spaltungsproduct der Nucleinsäure 
gefundenen Thyniin. 

2. Sodann las Derselbe nach einer in Gemeinschaft mit Dr. W. von 
LoEBEN ausgeführten Untersuchung: »Über die Verbrennungs- 
wärme der Glucoside«. (Ersch. später.) 

An der Hand der experimentell hestinunten A'erbrennungswärnien wird die Bil- 
dung der Glucoside besi)rociien. 



268 



Synthese des Thymins und anderer Uracile. 

Von Emil Fischeu und Dr. Georg Roeder. 



Während das von Behkend entdeckte Metliyluracil aus Acetessigester 
und HarnstolT selir leicht bereitet werden kann, fehlt es bisher an 
einer allgemeinen Metliodc zur Darstellung von Uracilkörpern, und 
auch die Grundsubstanz , das Uracil selbst, ist synthetisch noch nicht 
dargestellt. Dagegen kennt man das Dihydrouracil. Dasselbe wurde 
zuerst von Weidel und Roithner^ einei-seits aus dem Succinamid durch 
Brom und Alkali nach dem allgemeinen HoFMANN'schen Verfahren und 
andererseits dm-ch Schmelzen A'on j8-Aminopropionsäure mit Harnstoff' 
gewonnen, aber unter dem nicht ganz glücklich gewählten Namen 
/3-Lactylharnstoft' beschrieben. Denselben Körper liat kürzlich J.T.vfel" 
durch elektrolytische Reduction der Barbitursäure erhalten. 

Veranlasst durch das sy.stematisclie Studium der /3- Aminosäuren 
haben wir zwei neue Bildungsweisen solcher Hydrouracile gefunden. 
Die eine beruht auf der Wechselwirkung zwischen Kaliumcyanat und 
den Salzen der /8- Aminosäureester. So giebt der Ester der y3-Amino- 
buttersäure das bisher unbekannte Methylhydrouracil 

NH— CO 

CO CH, 

NH— CH . CHj 

welclies dem BEiiREND'schcn Methyluracil entspriclit. Als Zwisclieu- 
product bildet sich dabei walirscheinlich ein Harnstolfester, der aber 
äusserst leicht die Elemente des Alkohols verliert. Diese Synthese 
ist für die Lösung von Structurfragen manchmal zu gebrauchen, hat 
aber als Darstellungsmcthode bei den einfachen Körpern keine praktische 
Bedeutung, da sie in Bezug auf Ausbeute dem directen Verfahren von 
WEn)r,L und Roitiiner. welclies nach unseren Beobachtungen auch l)ei 
der y8-Aminobuttersäure zu demselben Hydrouracil führt, niclit über- 
legen ist. 



' Monatsh. f. Ch. 17, 172 (1896). 

^ Bei-, d. D. ehem. Ges. 33, 3385 iiml 34, 144 (1901). 



Fischer und G. Roeder: Synthese des Thymins und anderer Uracile. 269 

Anders steht es mit der zweiten von uns gefundenen Methode, 

Av eiche darin bestellt, die ungesättigte Säure selbst mit Harnstoff zu 

erhitzen, z. B. : 

CH— COOH NH3 CH,— CO— NH 

1! 1=1 I 

CH, + CO CH3— NH— CO 

I 
NH3 

Aki-ylsäure. Hanistofi'. Diliydrouracil. 

Sie giebt ungefähr dieselbe Ausbeute wie die anderen Verfahren 
und macht die unbequeme Darstellung der Aminosäuren überflüssig. 
Wir haben sie bisher in drei Fällen, bei der Crotonsäure, Methakryl- 
säure und Akrylsäure geprüft. Letztere giebt das Hydrouracil, die 
beiden anderen liefern zwei isomere Methylderivate. Wir glauben, dass 
die Reaction auch bei vielen anderen ungesättigten Säuren anwend- 
bar ist. 

Die Hycb'ouracile Avürden nur ein untergeordnetes Interesse be- 
anspruchen können, wenn es uns nicht gelungen wäre, sie in Uracile 
umzuwandehi. Dass die gewöhnlichen Oxydationsmittel in diesem Falle 
versagen, hat schon Tafel' erfahren. Aber sehr leicht gelangten wir 
mit Hülfe der Bromverbindungen zum Ziele. Erhitzt man die Hydi'o- 
uracile nämlich mit der berechneten Menge Brom in Eisessiglösung auf 
100°, so gehen sie in die schön krystallisirenden Monobromderivate 
über. Diese lösen sich schon in kalten verdünnten Alkalien unter Ver- 
lust von Bromwasserstoff, und beim Ansäuern scheiden sich die Uracile 
krystallinisch ab. Wir haben die Reaction in zwei Fällen durchgeführt. 
Aus dem Methylhydrouracil, welches mit Crotonsäure dargestellt war, 
entstand das alte Methyluracil von Behrend. Das isomere Product 
aus Methakrylsäure war ein Metliyluracil. welches als identisch mit 
dem von Kossel und Neumann unter den Spaltungsproducten der 
Nucleinsäure aufgefundenen Thymin" erkannt wurde. 

Diese Beobachtung bestätigt einerseits die Ansicht von Kossel und 
Steudel^ über die Constitution des Thymins, andererseits wird durch 
die Synthese die interessante Base leichter zugänglich. 

Beim Diliydrouracil selbst gelingt die Darstellung der Bromver- 
biiidung ebenfalls sehr leicht. Ihre Verwandlung in Uracil, welche 
wir wegen Mangel an Material noch nicht ausgeführt haben, wird vor- 
aussichtlich aucli keine Schwierigkeiten bieten und es ist kaum zu be- 
zweifeln, dass man auf dem Wege zu dem von Ascoli kürzlich aus 
Hefennucle'in dargestellten Körjier gelangen kann, der die Merkmale 



1 A.a.O. 

^ Ber. d. D. ehem. Ges. 26, 2753 (1893). 

' Zeitschr. f. physiol. Cham. 29, 303; 30, 539 und Chem. Centralblatt 1901, I 443. 

Sitzungsbericlite 1901. 21 



270 Sitzung der jjhysikalisch - mathematischen Classe vom 28. Februar. 

des freien Uracils trägt. Wir lioffeii den Vorsucli bald ausführen zu 
können. 

Durch die neue Darstellun,i>.swei.se dürfte sicli die Zahl der Uracile 
und Ilydrouracile rasch vermehren, und für ihre Unterscheidung wird 
dann die bisher gebrauclite Bezeichnung mit a und ß nicht mehr aus- 
reiclien. Es erscheint dalier zweckmässig, die den Ring bildenden 
Atome mit den Zahlen i-6 zu bezeichnen, Avie es in der PuringTuppe 
sclion gebräuchlich geworden ist. Wir scidiessen uns deshalb dem 
Vorschlag an, welcher in der grossen Monographie über die sechs- 
gliedrigen heterocyklischen Systeme von Brühl, Hjelt und Asciian 
S. 824 schon gemacht ist, im Uracil wie im Purin nach folgendem 
Schema zu zälilen: 

I NH— CO 6 

io CH 5 



3 NH— CH 4 

Selbstverständlich halten wir es für richtig, die gleiclie Bezeicli- 
nungsweise bei den Pyrimidinen anzuwenden, die durch die neueren 
Versuche von Gabriel mit den Uracilen verknüpft, worden sind, und 
welche in oben erwähntem Lelirbucli auch sclion in diesem Sinne be- 
handelt wurden. 

4-Methyldihydrouracil. 
NH— CO 
CO— CH, 
NH-CH— CH3 

Wie erwähnt, haben wir diese Verbindung auf drei verschiede- 
nen Wegen erhalten, aus dem Ester der /8-Aminobuttersäure durch An- 
lagern von Cyansäure, aus der /3-Aminosäure selbst durch Schmelzen 
mit Harnstofl" und aus der Crotonsäure durch die gleiclie Operation. 
Für die praktische Darstellung ist das letzte Verfahren am meisten 
zu empfehlen. 

40"'' Crotonsäure werden mit 30^'' Harnstoff im Ölbad eine Stunde 
lang auf 210-220° erhitzt. Es entsteht zuerst eine homogene gelbe 
Flüssigkeit, welclic gegen 200° so stürmisch Gase entwickelt, dass es 
nöthig ist, das Gefäss aus dem Bade zu entfernen, bis die Reaction 
schwächer geworden ist. Das Product ist nach dem Erkalten eine 
feste gelbe Masse; sie wird fein gepulvert und in etwa 400"°"" sieden- 
dem Alkohol gelöst. Beim Erkalten scheidet sich das Methyldiliydro- 
uracil in glänzenden Blättchen ab. Die Ausbeute betrug 14— 1 5^' oder 
ungefähr 25 Procent der Tlieorie. Das Product ist für die meisten 
Zwecke rein genug. Für die Analyse wurde es nochmals aus Alkohol 



Fischer und G. Roeder: Synthese des Thymins und anderer Uracile. 271 

umkrystallisirt , mit Wasser, Alkohol und Aether gewaschen und bei 
ioo° getrocknet. 

o"''2005 gaben o".''ii3i H,0 und o^.'"3440 CO,. 

Gefunden Berechnet für CjHgNjO^ 

H 6.27 Procent 11 6.25 Procent 

C 46.79 .. C 46.88 

Die Verbindung sintert im Capillarrohr gegen 2 1 6° und schmilzt 
bei 219-220° (corr.). Sie löst sich in etwas weniger als der 4fachen 
Menge kochendem Wasser. In der Kälte ist sie viel schwerer löslich 
und fällt deshalb beim Abkülilen sofort in feinen glänzenden Blätt- 
chen. Von siedendem Allvohol verlangt sie ungefähr 22 Gewichtstheile. 

In Benzol und Aether ist sie sehr viel schwerer löslich. 

Bei dem zweiten Verfahren, Methyldihydroirracil aus ;S-Amino- 
buttersäure und Harnstoff zu bereiten, welches der Vorschrift von 
WEffiEL und RoiTHNER bci der ^Ö-Aminoproj^ionsäure nachgebildet ist, 
haben wir ebenfalls moleculare Mengen der beiden Componenten eine 
Stunde auf 210-220° erhitzt. Die Erscheinungen sind ungefähr die- 
selben, wie sie zuvor beschrieben wurden, nur ist unter den ent- 
Aveichenden Gasen eine grössere Menge von Ammoniak. Auch die 
Ausbeute ist ungefähr dieselbe. Das Product hatte nicht allein gleiches 
Aussehen und gleichen Schmelzpunkt, sondern auch dieselbe Zusammen- 
setzung. 

o".''i939 gaben 0'.''iio7 H^O und 0'.''3338 CO,. 

Gefunden Berechnet für CjHäN^O, 

H 6.34 Procent 6.25 Procent 

C 46.95 .. 46.88 

Bei dem dritten Verfahren diente der bisher unbekannte 

;8-Aminobuttersäureaethylester 

als Ausgangsmaterial. 

Zur Bereitung desselben wurden 40''' j8-Aminobuttersäure, welche 
nach der Vorschrift von Engel' aus Crotonsäure und Ammoniak dar- 
gestellt war", in 200°™ absolutem Alkohol gelöst und mit gasförmiger 



' Bull. soc. cliim. Paris 50, 103. 

^ Die Kenntnis« dieser Säure ist bisher recht lückenhaft geblieben, wahrscheinlich 
deshalb, weil sie ausserordentlich leicht löslich ist und nur sehr langsam krystallisirt. 
Selbst über ihre Structur konnte man noch zweifelhaft sein, da Engel nur aus der 
Verschiedenheit von der a-Verbindung die /^-Stellung der Aminogruppe gefolgert hat. 
Durch die Verwandhing des Esters in das 4-Methyldihydrouracil wird diese Frage 
allerdings im Sinne der ENOEL'schen Ansicht entschieden. Aber um die Säure leichter 
kenntlich zu machen und ihre Auffindung zu erleichtern, schien es uns nöthig, einige 

21» 



272 Sitzung der physikalisch -inatheinatisclien Classe vom 28. Februar. 

Salzsäure gesättigt, zuletzt lO Minuten gekoclit und dann der Ester in 
der fi-ülier mohrfoch beschriebenen "Weise" isolirt. Derselbe ist eine 
farblose ammoniakalisch riechende Flüssigkeit, welche unter I2'"."5 
Druck bei 59-60° siedet und sich mit Wasser, Alkohol, Aether und 
Ligroin in jedem Verhältniss mischt. 

0^1246 gaben ofii4oH,0 und of2495 CO^, 
ofi635 





bei 19° und 761 "'.""5 15"" Stickstoff. 




Gefunden Berechnet für CeH.jNOj 


c 


54.61 Procent C 54.96 Procent 


H 


10.17 " H 9.92 


N 


10.61 » N 10.69 



Um den Ester in das Methyldihvdrouracil zu verwandeln, wurden 
2f6 in 10"°' Normalschwefelsäure gelöst, vnid in der Kälte eine 
Lösung von i^.''6 Kaliumcyanat in 10"'" Wasser hinzugefügt. Als die 
Flüssigkeit nach zweistündigem Stehen bei gewöhnlicher Temjieratur 
auf dem Wasserbad eingedampft wurde, schied sich ein Theil des 
Methyldihydrouracils schon während des Einengens in scliönen Blätt- 
chen ab, der Rest wurde der ziun Syrup concentrlrten Flüssigkeit 
durch Alkohol entzogen. Schmelzpunkt, Löslichkeit, Krystallform und 
Zusammensetzung stimmen mit den auf anderen Wegen erhaltenen 
Producten überein. 



schwer lösliche und gut krystallisirende Derivate zu bereiten. Wir haben dafür die 
Benzoyl- und die Phenylcyanatverbindung gewählt. 

Die erste wurde genau so dargestellt, wie die Benzoyl -a-Aminobuttersäure.'' 
Sie krystallisirt aus heisseni Wasser in schönen Nadeln, welche bei 155° (corr.) 
schmelzen. 

o5.''i947 gaben bei 20° und 762"'.'"5 ii''V"4 StickstolV. 

Gcruiirlcn Berechnet für C^HjjNOj 

N 6.75 Pi'ocent N 6.76 Procent. 

Die Ausbeute lässt zu wünschen übrig, weil die Trennung der Benzoylverbindung von 
der Benzoesäure Verluste venn'saclit. 

Für die Erkennung der Aminosäure ist deshalb die 

Phenylcyanatverbindung 
vorzuziehen. 

Dieselbe wird auch in der gleichen Weise wie das entsiirechende Derivat der 
o- Aminosäure^ dargestellt. Aus der 50 lachen Menge heissem Wasser krystallisirt die 
Substanz beim langsamen Abkühlen in schönen prismatischen Nadeln , welche gegen 
148° unter Aufschäumen zu einer farblosen Flüssigkeit schmelzen. In lieisser 25pro- 
centiger Salzsäure. lösen sie sich ziemlich leiclit und beim .•^bdamjifen bleibt ein neues 
Product zurück, welches gegen 200° sehmilzt und wahrscheinlich ein Älethylphenyl- 
dihydrouracil ist. 

' Her. d. D. ehem. (!es. 34, 443 (1901). 

" Ber. d. D. ehem. Ues. 33, 2388 (1900). 

' MouNKYKA-r, Ber. d. D. ehem. Ges. 33. 2395. 



Fischer und G.Roeder: Synthese des Thymins und anderer Uracile. 273 

0'.''2o67 gaben ofiiygH^O und 0^3540 CO^, 
o^''i790 gaben bei 16° und 752"™ 33^.''6 N. 

Gefunden Berechnet 

H 6.34 Procent H 6.25 Procent 

C 46.71 « C 46.88 

N 21.73 " N 21.87 

Verwandlung des 4-Methyldihydrouracils in 4-Methyluracil. 

Zur Bereitung des Bromderivates löst man das Methyldihydro- 
uracil in der vierfachen Menge heissem Eisessig, fügt die für ein Mole- 
kül berechnete Menge Brom hinzu und erhitzt im geschlossenen Rohr 
eine Stunde auf 100°. Die Lösung wird dabei hellgelb und sclieidet 
schon in der Wäi-me Krystalle des Bromkörpers aus. Um denselben 
vollständig zu gewinnen, verdampft man die essigsaui-e Lösung auf 
dem Wasserbad und wäscht den Rückstand mit kaltem Wasser. Die 
Ausbeute beträgt ungefähr 88 Procent der Theorie. Zur Reinigung 
wurde das Product aus etwa 25 Theilen heissem Alkohol umkrystalli- 
sirt und für die Analyse bei 100° getrocknet. 

0".''2028 gaben 0^0641 H^O und 0'.''2i56 CO,, 
O'.'' 1907 gaben o? 1735 AgBr . 

Gefunden Berechnet für CjH^O^NjBr 

H 3.51 Procent H 3.38 Procent 

C 28.99 " C 28.98 

Br 38.72 » Br 38.65 

Das 4-Methylhydrobromuracil. für welches die Wahl zwischen 
folgenden beiden Formeln bleibt, 

NH— CO 

l 

ind CO CH3 

i I • 

NH— CBr 

\CH3 

krystallisirt aus Alkohol in farblosen Nadeln , welche beim raschen Er- 
hitzen von 315—320° unter Dunkelförbung und Abspaltung von Brom- 
Avasserstoff schmelzen. In kaltem Wasser ist es so gut wie unlöslich, 
in der Siedehitze wird es davon in erheblicher Menge aufgenommen 
und lässt sich daher auch aus Wasser umkrystallisiren. In kaltem 
verdünnten Alkali löst sicli der Bromkörper sofort und wird dadurch 
unter Abspaltung von Bromwasserstofi" in das 4 - Methylm-acil verwan- 
delt. Wie glatt die Reaction verläuft, zeigt folgender Versuch. 

i^.'7 Bromverbindung wurden mit 10"°™ einer 1 5 procentigen Natron- 
lauge bei Zimmertemperatur übergössen, wobei sie unter schwacher 




274 Sitzung der physikalisch -inatlieinatischen Classe vom 28. Februar. 

Erwämiung in Lösuns;' gelit. Höliere Temperatur ist zu vermeiden. 
Als die Flüssigkeit nach -Jstündigem Stehen mit verdünnter Salzsäure 
schwach angesäuert Avurde, fielen o".'"6 Metliyluracil aus, welclies völlig 
hromfrei war. Die Mutterlauge gab nocli 0'.''2 desselben Productes, 
so dass die Ausbeute etwa 80 Procent der Tlieorie betrug. 

Aus heissem Alkohol umkrystalHsirt. bildet das Präparat oft stern- 
förmig vereinigte Nädelehen, welche für die Analyse bei 100° ge- 
trocknet wurden. 

o^.''i890 gaben o8.''o82i H,0 und o".''328i CO^. 

Gei'unden BerecliiHt für CjHsOjNj 

H 4.83 Procent H 4.76 Procent 

C 47.34 >- C 47.62 

Der Vergleich mit einem Metliyluracil, welches aus Acetessigester 
dargestellt war. und welches wir Hrn. Prof. Gabriel A'erdanken, ergab 
völlige Übereinstimmung in Aussehen, Löslichkeit und Schmelzpunkt. 
Letzterer, welcher noch unbekannt war, wurde Aon uns gegen 320° 
gefunden, wobei aber Gasentwickelung stattfindet. 



5-Methylhydrouracil (Hydrothymin). 
NH— CHj 
CO CH— CH, 
NH— CH, 

Fül- die Bereitung der Verbindung aus Harnstoff" und Methakryl- 
säure gelten dieselben Bedingungen Avie für das Isomere. Auch die 
Ausbeute ist ungefähr die gleiclie. Ein kleiner Unterschied zeigte sich 
darin, dass während der Schmelze ein reichliches Sublimat von Am- 
moniumcarbamat entstand . 

Das Product wurde erst aus siedendem Alkohol, dann aus heissem 
Wasser unter Zusatz von etwas Thierkohle innkrvstallisirt und für 
die Analyse bei 100° getrocknet. 

o'fi928 gaben 0^1105 H^O und 0'.''332 5 CO,. 

Gefunden Berechnet für CjHgOjN, 

II 6.36 Procent H 6.25 Procent 

C 47.03 .. C 46.88 

Die Substanz krystallish't ausA\ iisser und Alkt)hiil in mikroskupisch 
kleinen wetzsteinartigen Formen. Sie ist in kaltem Wasser schwer, 
leicht in heissem löslich. Von Alkohol wird sie etwas scliwerer auf- 
genommen. Sclimelzi)unkt 264-265° (corr.). 



Fischer und G. Roeder: Synthese des Thymins und anderer Uracile. 275 

Bromirung des 5-Metliylhydi-ouracils. 

Die Bromirung geht auch hier am besten in eisessigsam-er Lösung- 
bei Anwendung molecularer Mengen von Statten. Dem entsprechend 
wurden 4"'' Hydi-othymin in 16^'' Eisessig gelöst, 5f6 Brom zugegeben 
und im geschlossenen Rohr zwei Stunden auf 100° erhitzt. Das Brom 
war dann fast verscliAvunden; die Lösung schied aber erst Krystalle 
ab, nachdem sie mit dem doppelten Volumen Wasser verdünnt und 
gekülilt war. Die Menge des ausgefällten Bromkörpers betrug4^''. Die 
Mutterlauge gab beim Verdampfen auf dem Wasserbade und Anrüliren 
mit Wasser noch i'\ Zur Analyse wurde das Product einmal aus Wasser 
und einmal aus Alkohol umkrystallisirt, lieferte jedoch keine stimmen- 
den Zahlen. Die erheblich geringere Menge Brom, welche gefunden 
wurde, zeigte, dass ein Theil des Broms wahrscheinlich schon während 
der Bereitung in der heissen eisessigsauren Lösung abgespalten war. 
Auf die Isolirung des reinen Bromkörpers liaben wir verzichtet. 



Thymin (5-Methyluracil). 

NH— CO 

I I 
CO C— CH, 

I il 
NH— CH 

Die Behandlung des zuvor erwähnten Bromderivates , welches als 
Rohproduct benutzt Averden kann, mit Alkali wurde ebenso wie bei 
der isomeren Verbindung ausgefiUirt und gab auch ungefähr die gleiche 
Ausbeute. Das Product war identisch mit dem Thymin. Für den 
Vergleich stand uns ein Originalpraeparat der HH. Kossel und Neumann 
zur Verfügung: wir haben keinen Unterschied zwischen dem natüi*- 
liclien und dem synthetischen Producte finden können. Ein Schmelz- 
punkt ist bislier füi- das Thymin nicht bekannt. Wir haben gefunden, 
dass das ganz reine Präparat bei raschem Erhitzen gegen 318° sin- 
tert und bis 321° schmilzt, wobei es Gas entwickelt, aber sich nur 
wenig larl)t. Audi hier verhielt sich das synthetische Product genau 
wie das natiü-liehe, nachdem es sorgfältig gereinigt war. 

Für die Analyse war das künstliche Präparat bei 1 00° getrocknet. 

0^1882 gaben o't'0824 1T,0 und o".''32 94 CO, 
o".''i588 gaben bei 16° und 759""" 30"!"/\. N. 

Gefunden Berechnet l'ür C5H6O2NJ 

C 47.73 Procent C 47.62 Procent 

H 4.86 » H 4.76 

N22.37 » N22.22 » 



2/6 Sitzung der jjliysikaliscli-inatheinatisclien Classe vom 28. Febi'uar. 

Bei Anwendvmg- von 25^'' Methakrylsäure betrug die Ausbeute ;ni 
Thymin ungefälu' 4^'' oder 10 Procent der Theorie. Um die gleiche 
Menge Thymin aus Nuclemsäure herzustellen, sind nach dem ver- 
besserten Verfahren von A. Neumann etwa 6^ Kalbsthymus erforder- 
lich. Für den Chemiker dürfte deshalb die Synthese als Darstellungs- 
methode des Thymins bequemer sein, während der Physiolog wahr- 
scheinlich die ältere Methode vorziehen wird, solange die Methakryl- 
säm-e nicht leichter zu haben ist. 

Dihydrouracil. 

S^' Akrylsäure wurden mit 4'.''5 Harnstoif i Stunde auf 210-220° 
erhitzt. Die Erscheinungen waren die gleichen wie bei der Darstel- 
lung des 4 -Methylderivates. Zur Isolirung des Productes wurde die 
Schmelze in Wasser gelöst imd auf dem Wasserbade bis zur beginnen- 
den Krystallisation eingedampft, nach starkem Abkühlen filtrirt, ein- 
mal aus heissem Wasser unter Zusatz von Thierkohle und ein zweites 
Mal aus Alkohol umkrystallisirt. Die Ausbeute an reinem Präparat 
betrug i^. Dasselbe entsprach in Bezug auf Schmelzpunkt (275°) und 
Form der Krystalle ganz den Angaben von Tafel. Die von Wetoel 
und RoiTHNER beschriebenen Nadeln haben wir nicht beobachtet, und 
da ein Präparat, welches nach ihrem Verßdiren dargestellt war, auch 
in viereckigen Blättchen krystallisirte , so muss jene Angabe wohl auf 
einem Irrthum berulien. 

0^1900 gaben o^.''092 6 H,0 und d^!2g^2 CO^. 

Gefunden Berechnet für C^H^OjNj 

H 5.42 Procent H 5.26 Procent 

C 42.23 » C 42.10 » 

Erhitzt man i^'' Hydi'ouracil, welches in 4^ Eisessig gelöst ist, 
mit i'.''4 Brom im geschlossenen Rohr auf 100°, so ist das Halogen 
nach i-i- Stunden verschwunden und die Lösung hellgelb gewoixlen. 
Beim Verdünnen mit dem gleichen Volumen Wasser, Abkülden und 
Reiben der Gefässwandung beginnt bald die KrystalUsation des Brom- 
körpers, von dem nach ^ Stunde 0'.''9 als rein weisse krystalUnische 
Masse abgescliieden waren. Die Mutterlauge gab beim Eindampfen 
noch o?'5 eines schwach gefärbten Productes. 



277 



Der Vulcan Etinde in Kamerun und seine Gesteine. 



Von Dr. E. Esch 

in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Klein am 14. Februar [s. oben S. 169].) 



I. 

Vorliegende Arbeit, welche einen Theil der von mir auf meinen, im 
Auftrage der Colonial- Abtheilung des Auswärtigen Amts unternom- 
menen Reisen in Kamerun gesammelten Gesteine behandelt, wurde im 
Mineralogischen Institut der Königlichen Friedrich Wilhelms-Universität 
zu Berlin ausgeführt. Dem Hrn. Geheimen Bergrath Prof. Dr. C.Kxein 
sage ich an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank für manchen 
werthvollen Rath und seine gütige Unterstützung bei der Unter- 
suchung der Gesteine. 

Ich behandele hier ausschliesslich die Gesteine eines Vulcans , der, 
obwohl dicht an der Kamerunküste gelegen vmd dessen Fuss von 
Victoria aus gut in drei Stunden zu erreichen ist, doch von den 
Reisenden wenig beachtet wurde. 

Der Etinde bildet in dem mehr als 150'''''°' grossen Vulcangebiet 
des gewaltigen Kamerunberges, dessen Hauptkrater der Mango ma 
Loba bis zu 4000™ aufragt, einen zwar verhältnissmässig kleinen, aber 
durchaus selbständigen Gebirgsstock. 

Sein Gipfel liegt fast genau in der Linie, durch welche man den 
Mango ma Loba mit dem Pik von Fernando Poo und weiterhin mit 
den Eruptionscentren von Principe, Säo Thome und Annobon sich ver- 
bunden denkt. Bei etwa 1000" Meereshöhe ragt er aus dem breiten 
Sockel des grossen Kamerunberges, kaum 5""" von der Küste entfernt, wie 
ein Dorn hervor, und erhebt sich, frei von den umhüllenden Laven, 
Aschen und Tuffen . mit denen der Mango ma Loba und viele seiner 
kleinen Nebenkratere seinen Fuss verdeckt haben, bis zu fast 2000" 
Meereshöhe empor. Nach der Küste zu fällt er äusserst steil, oft um 
mehi-ere hundert Meter absolut senkrecht, ab. Nach Norden und Osten 
hin senkt er sich erst allmählich , dann immer steiler, bis er, scharf ab- 
setzend, in den Tuffen des Hauptberges verschwindet. Im Ges'ensatz 



278 Sitzung der pliys.- inatli. Classe v. 28. Febr. — Mittlieilung v. 14. Febr. 

ZU dem grossen Kamerunberg und den zahlreichen kleinen vulcani- 
schen Kegeln an dessen Fuss, die in ihren charakteristischen P'ormen 
vorzüglich erhalten sind und nur geringe Spuren von Erosion erkennen 
lassen, zeigt der Etinde schrofle Hänge und Schluchten und schmale 
scharfe Kämme, die an manchen Stellen, Avenn sie nicht mit Busch- 
werk bestanden wären, kaum passirbar sein würden. Aus diesem Gnuide 
ist es auch vor mir. trotzdem mehrfach der Versuch gemacht wurde, 
Niemandem geglückt, den Gipfel des Berges zu erreichen. Die kessei- 
förmige Bildung des Kraters in Gedanken zu reconstruiren , ist durch 
die überall üppig wuchernde Vegetation sehr erschwert. Welches Alter 
demVulcan zuzuschreiben ist, kann unmittelbar nicht bestimmt werden, 
da er in keinem Verband mit aufgeschlossenen Sedimenten steht: jeden- 
falls repraesentirt er aber eine der ältesten Eruptionen in jenem Ge- 
biet. Die Laven des gi-ossen Kamerunberges durchbrechen und be- 
decken theilweise die Kalk- und Sandsteinschichten der oberen Kreide, 
\md seine jüngsten Tuffe föliren Ptlanzenreste , die der jetzt lebenden 
Flora entsprechen. 

Ebenso wie in seiner äusseren Erscheinungsform, steht der Etinde 
auch in petrographischer Beziehung völlig isolirt da. Während in dem 
weiten Gebiet des grossen Kamerunberges nur Basalte und Andesite 
auftreten, ist der Etinde nur aus Nephelin-. Leucit- imd Hauyn- Ge- 
steinen, denen Feldspathe durchaus fehlen, aufgebaut. 

Der Erhaltungszustand der Gesteine ist durchweg ein sehr guter, 
Verwitterungserscheinungen an denselben zeigen sich, mit wenigen 
Ausnahmen, nur in sehr dünnen braunen Krusten, welche die Blöcke 
oder das Anstehende überziehen. 

I. Leucitit. 

Es sind dunkelgraue, zum Tlieil ins Blaue, zum Tlieil ins Gelblich- 
gi"üne spielende Gesteine mit tlachmusclieligem Bruch. Die Ober- 
fläche ist meist glatt und mattglänzend, bei einer Varietät ein Avenig 
rauh und oluie Glanz. Sie sind deutlich porpliyrisch .struirt. Li der 
auch mit starker Lupe kaum aui'lösbaren Grundmasse liegen. 

Nephellne von o"'."'2-2"""o Grösse in jiicht geringer Zahl. Ilir 
Aussehen ist in den einzelnen Varietäten der Gesteine verschieden. 
Sie sind glasig mid dunkel, auch wohl braun, grau oder milehweiss 
bis gelblichweiss mit fettigem Glanz mid heben sich gut von <ler 
dunkleren Grundmasse ab, oder sie sind matt graid)raun gefärbt, fast 
ohne Glanz und sind daini nur bei scjiarfem Hinblicken erkennbar. 
Die Formen der Schnitte sind rechteckig, sechsseitig oder imregel- 
mässige Figuren. 



E. Esch: Etinde. 



279 



Hsiuyn ist in gleich grossen und ebenso zalilreiclien Krystallen 
wie der Nephelin vorhanden. Seine Farbe ist dunkelgrau bis tief- 
sehwarz, er zeigt deutliehen Fettglanz. Häufig umschliesst einen 
schwarzen Kern eine mehr oder weniger dicke weisse Rinde. Die 
Formen der Durchschnitte sind meist sechseckig und rechteckig, seltener 
rundlich. Seine Spaltbarkeit nach ooO(iio) ist makroskopisch recht 
deutlicli. 

Augite sind nur selten makroskopisch erkennbar. 

Pyrit kommt in A'ereinzelten winzigen Kryställchen vor. 

Fig.l. 




Lcucitit, 



Gar nicht selten treten o'"."5-2'".'"o grosse tiefschwarze diamant- 
glänzende Perowskite auf. 

U.d.M. erweist sich die Grundmasse, Fig. i, als ein panidio- 
morjjhkörniges Gemenge von Leucit, Nephelin und Angit mit reichlich 
als Nebengemengtheil auftretendem Apatit und Perowskit. Nur in einer 
Varietät ist ein Rest des Magmas unvollkommen individualisirt , wo- 
durcli jedoch der Charakter der Grvmdmassenstructur wenig beeintlusst 
wird. Die durchaus idiomorphen Leucite und Nej^heline, deren Di- 
mensionen ungefälir gleich sind und zwischen o""! imdo"'.'"o3 schwanken, 
bilden ein scharf gezeichnetes Ptlaster, dessen verliältnissmässig weite 
Fugen von wild aufeinander gehäuften, winzigen, mehr oder weniger 
scharf begrenzten Augit- Kryställchen. seltener von einheitlich orien- 



280 Sit/.uns <l«'i' i)liys.-niath. Classe v. 28. Febr. — Mittlieiliing v. 14. Felir. 

tirter, nur durch den voi-liandenen Raum in ilirer Form bedinu:ter 
Aufflt- Masse austyofüllt sind. 

Nur in einer Varietät nimmt Augit auch in Kryställchcn von 
gleielier Grösse wie Leucit und Nephelin Theil an der Zusammen- 
setzung des Pflasters. Bei sämmtlichen Gliedern dieser Gesteinsgruppe 
tritt in melir oder weniger grosser Menge, nie aber einen wcsent- 
liclien Thcil des Gesteins ausmachend, als gelegentliche Zwischen- 
klemmungsmasse Melilith auf. 

Erz fehlt den Gesteinen vollständii>-. 

Die Nephcline als Einsprengunge und als Grundmassenbcstand- 
theile unterscheiden sich nur durch ihre Acrschiedene Grösse. Die 
Formen sind nur ooP(ioio) und oP(oooi): parallel diesen Flächen 
ist auch stets deutliche Spaltbarkeit A-orhanden. Fast ausnahmslos 
ist der Nephelin vollständig frisch, nur vereinzelt zeigt er auf Sprüngen 
Absonderungen von Kalkspath (einaxig negativ, in sehr verdünnter 
Essigsäure unter Co^- Entwickelung ohne Rückstand löslich). 

An Einschlüssen enthält der Nephelin vereinzelt Perowskit, häufiger 
Apatit. 

Hauyn tritt nur als Einsprengling auf. Im SchUfl" ist er voll- 
ständig farblos, aber er enthält häufig grosse Mengen von opaken, 
kugeligen, ovalen oder stabformigen Einschlüssen Avelche ihm makro- 
skopisch das dunkelgi-aue bis tiefschwarze Aussehen verleihen. Die 
Einschlüsse sind fast nie regellos in dem Schnitt vertheilt, sondern 
bilden meist die bekannten Liniensysteme parallel den oktaedrischen 
Axen. Auch treten sie nicht gleichmässig in dem ganzen Krystall 
auf, sondern stets wird ein an Interpositionen i-eicher Kern umschlossen 
A'on einer einschlussarmen oder einschlussfreien Schale oder umgekehrt: 
der Kern ist klar und die Schale dunkel, oder einschlussreiche, ein- 
schlussarme und einschlussfi'eie Zonen wechseln in jeder möglichen 
Reihenfolge und Breite mit einander ab. Häufig beobachtet man, dass 
die winzigen Stäubchen sich zu grösseren Säulchen, die bis o"'.'"o05 
dick und o"'.'"03 lan.n' werden, vereinigen, wodurch dann einschluss- 
fi-eie Höfe um die grösseren Interpositionen entstehen. 

Hauyn -Schnitte, welche arm oder frei sind von diesen opaken 
Einschlüssen, enthalten häufig Interpositionen von ehemaligem Magma. 
Es sind klare, stärker als der Wirth lichtbrechende kugelige oder 
oblonge Partikelchen von theils glasiger, theils augitischer Natur. Fast 
jeder dieser Einschlüsse enthält ein äusserst winziges Erzkörnchen. 
Zuweilen zeigt der Wirth um diese Einschlüsse hei*um (lo]ipelt- 
brechende Höfe. 

Vereinzelt treten auch Ga.sbläschen und bewegliche Libellen als 
P^inschlüsse im Hauyn auf. Verwitterungserscheinungen sind .selten, 



E. Esch: Etinde. 281 

zuweilen ist Zeolithisirung zu beobachten. Die Schnitte bleiben dabei 
völlig klar; die Umwandlung giebt sich u. d. M. nur dadurch zu er- 
kennen, dass die Strichsysteme nur noch in mehr oder weniger gTOssen 
Schollen im Schnitt auftreten. Bei gekreuzten Nicols zerfallen dann die 
einschlussfreien Partien in ein Pflaster von unregelmässig umgrenzten, 
länglichen Krystallpartikelchen, welche Interferenzfai'ben von der Höhe 
der Nephelinschnitte und eine Auslöschungsschiefe von höchstens 8° 
haben. In ihrer Längserstreckung sind sie positiv, sie erreichen eine 
Grösse von o™"2 bez. o™.'"o5: vereinzelt liegen in diesem Pflaster auch 
Körnchen von Calcit eingeschaltet. 

Leucit macht fast die Hälfte des Gesteins aus; er ist nur in einer 
Generation vertreten, gleichalterig den kleinen Nephelinen, welche mit 
ihm und den jüngst ausgeschiedenen Augiten die Grundmasse bilden. 
Im Durchschnitt erlangen die Kryställchen kaum eine Grösse von o"""!, 
nur selten messen sie o'".'"i5, gehen aber auch nicht häufig unter o'^^os 
im Durchmesser herab. Die Formen der Durchschnitte sind abge- 
rundete Sechs- und Achtecke: scharf gezeichnete Figuren findet man 
selten. An Einschlüssen enthält er vereinzelt Perowskit, häufiger Apatit. 
Kornkränzchen wurden nicht beobachtet. Nicht selten treten in ihm 
auch bis zu 0T02 grosse rechteckige bis quadratische Einschlüsse mit 
einem mittleren Brechungsexponenten gleich dem des Apatit und bL-uieu 
Polarisationstönen auf, die wohl als Melilith zu deuten sind. 

Zwillingslamellirung zeigt der Leucit stets in den grösseren Indi- 
viduen, aber sie ist aucli noch recht häufig zu beobachten in Körn- 
chen von o'".'"o5 ; selbst die allerkleinsten Kryställchen von o"'."'02 er- 
weisen sich bei Anwendung des Gypsplättchens als nicht isotrop. 

Augit tritt in drei Generationen auf Als Einsprengung ist er 
recht selten in kaum millimetergrossen, grasgi-ünen bis gelbgrünen, 
schwach pleochroitischen Schnitten mit einer Auslöschungssehiefe bis 
zu 40° vertreten. 

Als Grundmassenljestandtheil tritt er einmal in zweiter Generation, 
ungefähr gleichalterig mit Leucit und Nephelin, in diesen auch gleich 
grossen, aber verhältnissmässig seltenen Kryställchen, und drittens als 
jüngstes Ausscheidungsj^roduct auf; als solches füllt er die Fugen des 
Leucit-, Nephelin-, Augit -Pflasters aus. 

Die zweite Generation i.st bis auf geringe Reste vollständig zer- 
setzt. Sie bietet sich jetzt dar in durch Eisenoxyd bräunlichgelb ge- 
färbten länglichen Schnitten von ausserordentlich feinfaserigem, ser- 
pentinartigem Zersetzung-sproduct, umrahmt von zahlreichen frischen, 
parallel dem fi-ülieren Krystall gelagerten grünen Augitsäulclien jüngster 
Generation. Wo im Kern der Schnitte noch die Pyroxensubstanz er- 
halten ist, ersclieint sie ganz scliwach gelblich mit ziemlich hohem 



282 Sitzung der ])liys.-i)iatli. Classe v. 28. Febr. — Mittheilung v. 14. Febr. 

Relief, helli>-el])eu bis last rotlien Polarisationstöju-n und stets orieii- 
tirter Auslöschiing: oflfenbar lie,i>t ein rhombi-schei- Pyroxeii vor, nur 
ist er seines schlechten Erlialtungszustandes we^-en niclit sicher mit 
einem der Glieder dieser Gruppe in Parallele zu stellen. 

In dritter Generation tritt der Ausi'it meist in sehr weni.y n'ut um- 
grenzten Individuen auf, er bildet Körncluui, kurze dicke oder sdilanke 
Säulchen und ersclieint zuweilen aucli in Formen, die nur durch die 
Grenzen der benachbarten Mineralien bedingt sind; doch fehlt es auch 
nicht an einzelnen ;iucli tei-minal scharf begrenzten Säulchen. Die Grösse 
der Kryställchen schwankt zwisclien o'".'"04 bez. o'".'"oi und o'"!"oi bez. 
O™.'"oo2. Die grösseren sind fast stets saftig grasgrün, die kleinen 
häufig ganz farblos, die grösseren und mittleren grünen Partikclehen 
gehen terminal oft in die farblose Varietät über. Diese hat ein höheres 
Relief als die grüne. Die Polarisationstöne der grünen sind höher als 
die der forblosen Kryställchen. 

Die Auslöschungsscliiefe des grünen Minerals geht bis zu 35°, 
sehr häufig sinkt sie jedoch bis auf 0° iierab: manclie gut ausge- 
bildete Kryställchen löschen überliaupt nicht aus. Fast niemals löscht 
ein Individuum einheitlich aus, es bedarf meist einer Drehung von 
10 — 30°, um die verschiedenen Theile eines Individuums nach einander 
in Dunkelstellung zu bringen. Die dunkle Welle wandert beim Drehen 
des Praejjarats langsam von einer (meist Längs-) Seite der Krystalle 
zur anderen: concentrisch schaligen Aufbau zeigen sie fast nie. Der 
Pleochoismus ist nur seh wach {|| c sclnvingend gelbgrün, _Lc grasgrün). 

Wahrscheinlich gehören diese Augite dritter Generation zur Gruppe 
der Aegirin- Augite und sind titanlialtig. 

Apatit liegt in recht zahlreichen kleinen, bis äusserst winzigen 
Kryställchen vor: vereinzelt erscheint er in Krystallen bis zu o^.^s 
Länge und o"""2 Dicke. Diese enthalten meist reclit bedeutende Mengen 
von opaken Körnclien und kurzen Stäbchen eingescldossen von der- 
selben Art wie im Hauyn, nur liegen sie im Apatit regellos in dem 
Schnitt verstreut. 

Perowskit ist recht liäufig, bei der Varietät, welche analysirt 
wurde, zäldt man in einem Gesichtsfeld von 2™'" Durchmesser stets 
über 50 dieser Kryställchen, deren Grösse zwischen o"V"oi6 und oT'07 
schwankt, zuweilen trifft man jedoch auch Seimitte von einem Durch- 
messer bis zu i^-^S; sie sind tief rothbraun gefärbt, nur sein- wenig 
durclisichtig, haben grobe unregelmässige Sprünge vmd in den grösseren 
Exemplaren oft mehrere Kinscldüssc von Apatit. Doppelbrechung 
zeigen sie niclit. 

Titanit tritt in vereinzelten kleinen s]ntzwinkcligen Krystall- 
s])litterchen auf. 



E. Esch: Etinde. 283 

Melilitli erscheint als Zwisclienklemmungsmasse in klaren, kaum 
merklich gelb gefärbten, stark wie Apatit lichtbrechenden formlosen 
sehr kleinen Partien , die sich aus dem Gesteinsgewebe deutlich her- 
vorheben durch ihre auffixllenden tieiHblauen Polarisationstöne. 

Zur Analyse wurde diejenii^e Varietät gewählt, deren Grundmasse 
eine äusserst niedrig individualisirte, nicht typisch glasige, Basis führt, 
die zu Leucit im Mengenverhältniss von etwa i zu 3 steht. Hauyn, 
mit Ausnahme vereinzelter, randlich ein wenig angeginüener Krystalle, 
Nephehn, Leucit, Grundmassen -Augit, Perowskit, Titanit und Apatit 
sind absolut frisch , nur die verhältnissmässig seltenen (rhombischen) 
Augite zweiter Generation zeigen Zerfall, der aber wohl schon in noch 
flüssigem Magma statthatte. 

Die Analyse Nr. i wurde an lufttrockenem Material ausgeführt 
(s. die Tabelle am Schluss). 

II. Leucitnephelinit. 

Einen Übergang der Leucitite zu den Nejsheliniten stellen folgende 
Gesteine, die zum Theil sich den Hauynophyren nähern, dar. 

I. Grüngelblich graues, etwas schlackiges Gestein, wel- 
ches als Einsprengunge ausser unregelmässig begrenzten Opacit-Körn- 
chen nur matt glänzende schAvarze Augittäf eichen (nach 00 P 00 [100]) 
von o'".™3 — 6"'"' Länge führt. Nephelin und Hauyn fehlen als Ein- 
sprengunge. Im Schlifl' kommen auf 1*'°'" etwa 25 Augit-Einsprenglinge. 
Dieselben zeigen neben der prismatischen eine fast ebenso gute Spalt- 
barkeit nach ooPcb(oio): sie haben ausserordentlich praegnante Zonar- 
structur in Verbindung mit Sanduhrform, nicht selten zeigt ein Schnitt 
bis gegen 200 Anwachsstreifen. Die Farbe des Augits ist je nach der 
Lage der Schnitte mehr oder weniger grünlich oder oliv gelb, bis grau 
oder röthlich violett. Schwingt das Licht ||a, so erscheint er klar gelb, 
IIb grau grünlich gelb , ||c röthlich grau. Die Auslöschungsschiefg geht 
über 40°. 

Perowskit von klar gelblich brauner Farbe und deutlicher Doppel- 
brechung. Apatit und »Erz«, bez. Opacit (jedenfalls als Umwand- 
lungsproduct) , alle drei häutig mit einander verwachsen, sind recht 
zahlreich in Schnitten bis zu o™.'"3. 

Die Grundmasse ist noch eine panidiomorjahkörnige zu nennen 
»md wird auch hier von Nephelin, Leucit und Augit gebildet, aber 
der Leucit tritt gegen den Nephelin mehr zurück. Die Formentwicke- 
lung dieser beiden JMineralien ist weniger exact als in den typischen 
Leucititen. Sie sind allem Anschein nach übereilt gebildet, die Zufuhr 
der Moleküle zu den Kiystallisationscentren erfolgte so schnell, dass eine 
streng gesetzmässige Gruppirung derselben nicht mehr erreicht wurde. 



284 Sitzung der phys.- niath. Classe v. 28. Febr. — Mittlieilung v. 14. Febr. 

Dies ergiebt sich sowohl aus den weniger exacten Umi-issen der 
Schnitte wie aus liäufiger skelettartiger Bildung der Nepheline und 
einer grossen Menge nfiagmatischer Einschlüsse in beiden Mineralien. Die 
Skelettform der Neplieline stellt sich in den Schnitten so dar: der 
Nephclin in ziemlich scharf gezeichneten Sechs- und Rechtecken oder 
mit unregelmässigen Conturen zeigt sich in seinen peripherischen 
Theilen durchaus normal, nach dem Innern zu aber nimmt sein Doppel- 
brechungsvermögen ganz allmählich ab, so dass es scheint, als sei er 
im Inneren isotrop. Dieser nicht doppelbrechende Kern ist dann 

Fig. 2. 




Leucitiiephelinit. 

häufig durchsetzt von ganz verschwommenen breiten , allmälilicli in 
ihn übergellenden Streifen doppelbi'cchendcr Substanz , so dass der 
Schnitt fleckig wird durch normal polarisirende und nicht oder nur 
schwach polarisirende Substanz. Von glasigen bez. magmatischen Ein- 
schlüssen sind diese Flecken eigenartiger Nephelinsubstanz leicht zu 
unterscheiden durch iliren allmälilichen Übergang in normalen Nephelin, 
durcli ihren dem des Nephelin absolut gleichen Brecliuiigsexponenten 
(der der glasigen Einsclilüsse ist höhei' als der des Nephelins) und durch 
den Mangel jeglicher Färbung. 

Der Augit der Griuidmasse ist aucli hier Jünger oder doch 
höchstens gleich alt wie Leucit inid Nephelin; er tritt nur in einer 
Generation auf, die Kryställclien sind aber durchschnittlich gi'össer 



E. Esch: Etinde. 285 

als die der dritteu Generation in den Leucititen. In den Formen stimmt 
er mit jenen überein, seine Farbe aber ist intensiv orangegelb bis 
klar grüngelb, er ist ebenso wie in den Leucititen sehr wenig ein- 
heitlich aufgebaut. Wahrscheinlich gehört er zu den titanhaltigen 
Gliedern der Akmitreihe. 

Der Leucit zeigt geringe Formentwickelung; scharfe achteckige 
Schnitte sind recht selten, meist sind seine Conturen durch die an- 
gi'enzenden Mineralien bedingt, und man erkennt ihn nur an oktogo- 
nalen bis runden Kornkränzchen und an äusserst schwacher, wolkig 
fleckiger oder gänzlich fehlender Doppelbrechimg. ZwillingslameUirung 
wurde an ihm nur äusserst selten beobachtet. Zuweilen hat er auch 
unregelmässig gruppirte Einschlüsse von klaren winzigen Augitkryställ- 
chen und Erzkörnchen. Glas nimmt nicht Theil an der Zusammen- 
setzung der Grundmasse, es tritt nur in winzigen Einschlüssen in 
Nephelin auf. 

Bezüglicli der Analyse vergl. Nr. 2 Tabelle am Schluss. 

2. Rein dunkelgraues Gestein mit rauhem Bruch, welches als Ein- 
sprenglinge nur Augit bis zu 4°'™ Länge und kleine Hauyne führt. 
Auf ein Quadratcentimeter eines Schlifies kommen etwa 5 — 6 Augite 
von o°'.'"6-4T'o Grösse und etwa 30—35 Hauyne von o'°.'°i-o'°.'°3 Durch- 
messer. Der Hauyn enthält selu- viel opake Einschlüsse; dieselben 
häufen sich vielfach so sehr, dass die Schnitte fast ganz oder ganz 
undurchsiclitig werden, randlich ist er häufig verwittert. Der Augit 
ist schwach gelblichgrün bis ganz schwach oliv gefärbt; er ist sehr 
wenig pleochroitisch, seine Auslöschungsschiefe beträgt etwa 40°. 

Apatit (ausnahmsweise bis zu o^-^ös , häufig bis o"".""! gross) und 
Perowskit (bis zu o"" 15) röthhch grau bis röthlich violett mit deut- 
licher Doppelbrechung sind ziemlich reichlich vertreten; mit diesen 
verwachsen, aber auch selbständig, oder als Rest von einschluss- 
reichen verwitterten Hauynen , tritt auch »Erz« auf in kleinen (meist 
o'".'"02— o'".'"04, ausnahmsweise bis o^.^s) opaken Körnern ohne krystallo- 
graphische Begrenzung. 

Die Grundmasse zeigt sehr niedrige krystalline Entwickelung. 
Der NepheUn hat nur noch selten krystallographische Umgrenzimgen, 
meist zerfliessen die Ränder der verschiedenen Individuen in einander 
oder sie gehen langsam in nicht oder nur äusserst schwach doppel- 
brechende formlose Substanz von genau demselben Brechungsvermögen 
wie sie selbst über; diese Substanz, welche wohl als in der Indivi- 
dualisirung zu Nephelin und Leucit begriflenes Glas aufzufiissen ist, 
macht zusammen mit dem krystallisirten Nephelin etwa die Hälfte 
der Grundmasse aus. Leucit ist auf ox^tischeni Wege oft nicht mehr 
mit voller Sicherheit nachzuweisen. Aus der Analyse aber, die 3.56 Pro- 
Sitzungsberichte 1901. 22 



28G Sitzung der phys.-inath. Classe v. 28. Febr. — Mittheilimg v. 14. Febr. 

Cent Kß aufweist, welches unmöglich ganz dem llauyn zugeschrieben 
werden kann, ist wohl auch mit Bestimmtheit auf die Anwesenheit 
des Leucitmoleküls zu scliliessen. 

Augit ist von den Grundmassrnbcstandthcilen vorliältnissmässig 
am besten individualisirt: er bildet Körner, kurze, meist schlecht, 
zuweilen aber auch ziemlich gut umgrenzte dicke Säulchen oder un- 
regehnässig lappige, aber docli optisch einheitlich struirte Fonnen, er 
nimmt etwa ein Drittel bis ein Viertel der Grundmasse ein, seine 
Farbe ist licht gelblich grün, Pleochroismus ist kaum merklicli, die 
Auslöschvnigsscliiefe beträgt bis zu 45°. Eine Altersfolge der Mine- 
ralien der Grundmasse aufzustellen, ist nicht durchführbar: Augit liat 
den Nepheün und Leucit, und Nephelin hat andererseits wieder den 
Augit an freier Formentwickelung gehindert. 

Im liöclisten Grad auffallend ist in dieser Grundmasse das massen- 
hafte Auftreten eines sehr stark lichtbrechenden mid aussei'ordentlich 
stark doppeltl)rechenden wasserklaren bis schwacli gelblicli gefärbten 
Minerals als jüngstes, dem Augit Iiöclistens gleich altoriges, vielleicht 
auch jüngeres Aussclieidungsproduct, welches ohne jede krystallogra- 
phische Begrenzung in lappig zerrissener Form, zum Tlieil als Füll- 
masse, zwischen dem Leucit und Nephelin erscheint. Diese Fetzen 
erscheinen wie ein Haufwerk aou dicht gedrängten losen, aber im 
optischen Sinne jiarallel gelagerten Körnern. An Grösse übertreffen 
diese Partien meist die übrigen Grundmassenbestandthcile : sie nehmen 
fast ebenso breiten Raum ein wie der Augit und machen mit diesem 
zusammen etwa die Hälfte der Grundmasse aus. Im convergenten 
Licht zeigen günstige Schnitte das Gurveusystem von zweiaxigen, senk- 
recht zur I-Mittellinie getroffenen Mineralien, der Axenwinkel erscheint 
recht klein, die Dispersion ist sehr deutlich roth , grösser blau; der 
Charakter der Doppelbrechung ist positiv. Die Analyse des Gesteins 
ergiebt einen Titangehalt von 3.34 Procent, das Mineral karm also 
nur als Titauit' angesehen werden. Da solcher in Eru2:)tivgesteinen, 
sonst aber nur als eins der ältesten Ausscheidungsproducte auftritt, 
wäre vielleicht der Gedanke naheliegend, dass derselbe hier als Zer- 
fallproduct eines in der Tiefte gebildeten, beim Au.sbruch des Magmas 
aber nicht jnelir bestandlaliigen titanreichen Minerals aufzufassen sei. 
Irgend einen Anhalt für eine derartige Erklänuig habe ich ;\hcv in 
den zahlreichen Sclilifl'eM nicht auffinden können. 

3. Graugi'ünes Gestein mit vielen leinen zackigen Schnitzclien 
von weicliem schneeweissen Zcolith. Als Einsjn-englinge führt das Ge- 



' \Vic es sclioint. liaben die Gcstciiislitiiiiitc ciiicii klciiicicii .\\cn\\ inkcl ;ils die 
isolirt .niiOjewaclisenen Kry-stallo. 



I 



E. Esch: Etinde. 287 

stein in gleicher Menge wie das eben beschriebene feine, dünne Augit- 
nadeln bis 7ai 5""" Grösse und kleine verwitterte, hell ockergelb aus- 
sehende Hauyne. Die Einsprengunge machen aber zusammen kaum 
'/lo des Gesteins aus. 

Unter dem Mikroskop erscheint die Grundmasse ohne Analysator 
betrachtet als ein A-ollkommen wasserklarer einheitlicher Teig, in dem 
zahlreiche, mehr als die Hälfte des Raums einnehmende, kleine hell- 
grüne Körnchen und mehr oder weniger gut umgrenzte Säulchen von 
Augit, formlose Titanitpartikelchen und vereinzelt Erzkörnchen ein- 
gebettet liegen. Bei gekreuzten Nicols aber, unter Anwendung von 
mindestens 2 5ofacher Vergrösserung und unter Zuhülfenahme des 
Gypsplättchens zeigt die scheinbar glasige Basis vereinzelt doch ganz 
geringe Doppelbrechung; die Conturen solcher polarisirenden Partieen, 
wenn dieselben auch mit grosser Wahrscheinlichkeit auf in der Indi- 
vidualisirung begi-iffene Nephelinsubstanz schliessen lassen, sind fast 
ausnahmslos so verschwommen und unregelmässig, dass man aus ihnen 
keinen sicheren Schluss auf die Natur des vorliegenden Minerals ziehen 
kann. Ganz vereinzelt beobachtet man allerdings, dass der Augit recht- 
eckige Schnitte der klaren Basis freilässt, die dann randlich, und im 
Innern verschwommen fleckig, deutliche Literferenztöne zeigen, da- 
lier wohl auf schwach entwickelten Nephelin schliessen lassen. Auch 
zeigen sich wohl, aber nur sehr selten, klare achteckige oder runde 
Schnitte (in einem Fall mit Kornkränzchen), die wohl auf Leucit zu 
beziehen sind. 

Der Augit nimmt etwa die Hälfte, der Titanit ein Achtel der 
Grundmasse ein ; ihr Auftreten ist genau dassellie wie in dem unter 2 
beschriebenen Gestein: auch Hauyn, Apatit, »Erz« und Perowskit 
zeigen sich hier in demselben Mengenverhältniss wie dort. 

Demnach ist dieses Gestein als eine minder hoch krystallin ent- 
wickelte , vielleicht theilweise glasige Varietät des unter 2 beschriebenen 
aufzufassen. 

III. Hauynophyr. 

I. Röthlich graue Gesteine mit vielen kurz säulenförmigen 
Augiten und last ebenso vielen äusserhch verwitterten, daher mit rost- 
brauner Rinde versehenen Hauynen. Auf i''"" des Schliffs kommen 
etwa 20 Hauyne von o""."" i — i """ Grösse mit vielen opaken Einschlüssen 
in Form der bekannten Strichsysteme, und etwa 25 Augit -Schnitte 
von o"'."'3-6"™o Grösse. Zudem treten noch zahlreiche o'".'"3-2°"" 
grosse, meist mit Augit verwachsene fonxilose Opacit- und Erzkörner 
und sehr häufige, ihrer besonderen und recht gleichmässigen Grösse 
(o'"."'3-o".'°5) wegen zu den Einsprengungen zu rechnende, an opaken 

22* 



288 Sitzung der phys. -inath. Classe v. 28. Febr. — Mittheilung v. 14. Febr. 

Einschlüssen reiche, auch rothc Eisenglimmerschüppchen führende Apa- 
tite hinzu. 

Perowskit fehlt in diesem Gestein. 

Die Grrundmasse ist in ilirer mineralogischen Zusammensetzung 
und ilirer Structur sehr ähnlich der im vorigen Gestein beschriebenen, 
nur ist die Nephelinsubsanz hier krystallograjihisch etwas höher 
entwickelt. Stellenweise sieht man die, ohne Analysator betrachtet, 
klar glasige Basis in Flecken bis zu o"'"7 Grösse bei gekreuzten Nicols 
in typischen graublauen Tönen aufleuchten. Diese Nephelinflecke haben 

Flg. 3. 




Hauynopliyr. 



durchaus unregelmässige, zackige, löcherig -lappige Form; sie sind eben 
optisch einheitlich erstarrte Nephelinbasis, die die vorher ausgeschiede- 
nen Mineralien verkittet. Diese Partien von formlosem Nephelin neli- 
men etwa '/15 des Schliffs ein, die übrigen Thoile der Grundmasse sind 
wie im vorigen Falle ausgebildet. 

2. Dunkelgraues Gestein mit einem Sticli in"s Bordeauxrotlie. 
Besonders charakterisirt ist das Gestein durch seinen grossen Reicli- 
thum an Augit, der etwa die Hälfte des Schliffs emnimmt, an Hauyn 
und »Erz«, auch sind schon makroskopisch Apatite zu erkennen. 

Der Augit ist der gewöhnUche basaltische mit kaiun merklichem 
Pleochroismus , er enthält vielfach grosse Erzkörner eingeschlossen; 
randUch führt er häufig eine dünne röMdich violett bis olivgrüne, wohl 



E. Esch: Etinde. 



289 



alkalireiche Zone. Der Hauyn ist, wenn überhaupt durchsichtig, im 
Innern blau: diesen Kern umgiebt eine nicht scharf begrenzte Zone, 
die röthhchbraun geßirbt ist, und diese wieder geht nach aussen hin 
allmählich über in eine durch unzählige opake Einschlüsse, die un- 
regelmässig vertheilt oder in Strichsysteme geordnet sind, tiefschwarze 
undurchsichtige und stellenweise metallisch glänzende Rinde. Eigen- 
thümlich ist dabei , dass diese braunen und tiefschwarzen Zonen nicht 
krystaUographischen Begrenzungselementen des Minerals entsprechen, 
sondern an die den Schnitten durch sogenannte magmatische 

Fig. 4. 




Hauyn aus Haujaophyr. 

Corrosion der Krystalle gegebene Form gebunden sind (Fig. 3 
und 4, gewöhnliches Licht), mit anderen Worten, dass die gefärbten 
und die erzreichen Zonen stets den magmatischen Corrosionsbuchten 
folgen, woraus sich unweigerlich der Schluss ergiebt, dass diese opaken 
Einschlüsse nicht primärer Natur sind, sondern, entweder äusserer 
chemischer Einwirkung des Magmas auf die Mineralsubstanz oder einer 
Umwandlung des Minerals in sich, veranlasst vielleicht durch Tem- 
peratur oder Druckschwankungen im Magma, ihre Entstehung ver- 
danken. Dass die tiefschwarzen randlichen Zonen auch wirkhch durch 
eine immer mehr gesteigerte Anhävifung der opaken Körnchen und 
(wenn diese regelmässig in Linien geordnet sind oder sich zusammen- 
gelegt haben zu einheitlichen strich förmigen, geradlinig begrenzten 



290 Sitzung der phys.-inatli. Classe v. 28. Febr. — Mittheilung v. 14. Febr. 

Körpern) durch Übereinanderscliichtung der Strichsysteme gebildet 
werden , ist deutlich durch Übergänge der einschlussfreien in die ein- 
schlussreichen Zonen an ein vuid demselben Schnitt erkennbar. 

Dass auch die blaue Färbung des Minerals nicht primär ist, zeigen 
einige Schnitte dadurch, dass sie erkennen lassen, dass die Blaular- 
bung ebenso zonar angeordnet ist, wie die anderen Färbungen. Die 
blauen Partieen sind nicht gleichmässig tief gefärbt, sondern weisen 
im Innern kaum merkliche, nach aussen hin immer intensivere blaue 
Töne auf, so dass die Hauyne um den mehr oder weniger wasser- 
klarcn Kern drei Zonen fiiliren, zunächst eine tiefblaue, dann eine 
röthlichbraune und eine äussere tiefschwarze. 

Die schwarze erzhaltige Zone dringt häutig so tief in das Mineral 
ein, dass fast der ganze Schnitt von ihr überwuchert Avird. und man 
glaubt einen typischen Schnitt von Magnetit vor sich zu haben , bis 
man eine winzig kleine Stelle des Schnittes als ein wenig durch- 
sichtig erkennt; dieselbe zeigt sich dann bei starker Vergrösserung 
als braun gefärbte Hauynsubstanz mit dichtgedi'ängten strich- oder 
punktförmigen opaken Einlagerungen. 

Derai'tige Erscheinungen legen natürlich die Vermuthung nahe, 
dass vielleicht auch andere gar nicht durchsichtige grosse »Erz«-Ein- 
sprenghnge auf Hauyn, der mit opakem Material überreich beladen ist, 
zu beziehen sind. 

An Apatiten bis zur Grösse von o™."'5 ist das Gestein sehr 
reich dieselben führen grosse Mengen von kleinen opaken Einschlüssen, 
diese sind zuweilen zu Strichsystemen parallel den Nebenaxen geordnet. 
Perow"skit tritt nicht auf. 

Titanit in unregelmässig umgrenzten Schnitten, die aber zu- 
Aveilen auf spitzrhombische Formen schliessen lassen, ist ziemlich 
häufig. 

Die Grundmassc besteht in der Hauptsache aus einem dichten 
Augit-Mikrolithenfilz. Die Mikrolithen sind meist recht gut ausge- 
bildete flache Stäbchen von o'".°'02-o'"."'o6 Länge und o"V"oo2— o^.^ooj 
Breite oder Dicke; in einem o"'.'"oi5 dicken Schliff sieht man meist 
di'ei oder vier Schichten der Kryställchen über einander liegen, was 
natürlich das Studium derselben ausserordentlich erschAvert. 

Ihre Färbung ist nur sehr schwach in grüngelben bis grauvio- 
letten Tönen, z. Th. auch erscheinen sie durchaus wasserklar und haben 
dann nur ganz schwache Do])2)elbrechvuig. Als Augite sind sie aber 
doch stets charakterisirt durch ihre yrosse Auslöschungsschiefe. Dieser 
Mila-olithenfilz , der aucli ziemlich zahlreiche Erzkörnchen enthält, 
scheint ohne Analysator betrachtet mit einem wasserklaren Glas ge- 
tränkt, bei gekreuzten Nicols aber iiiul bei Anwendung des Gyps- 



E. Esch: Etinde. 201 

plättcheiis erweist sich die Basis stets in gTösseren wolkig geformten 
Partieen als schwach doppeltbrechend. Das Streben der Basis nach 
mineralischer Individualisirung führt an einigen Stellen des Schliffs 
zur theilweisen oder seltener gänzlichen Ansstossung der Mikrolithen 
\md Bildung klarer, lappig geformter, deutlich polai'isirender und op- 
tisch einheitlich orientirter Nephelinschnitte. 

3. Einen dem unter 2 beschriebenen verwandten Typus stellt ein 
Ilauynopliyr dar, der, von rein aschgrauer Farbe mit ziemlich ebenem, 
aber niclit glattem Bruch, als Einsprengunge zahlreiche bis 3™'" grosse 
blaue und schwarze Hauyne, viele zuweilen millimetergrosse Apatite 
und nur wenige i bis höchstens 2""° .gi-osse Augite enthält. 

U. d. M. zeigen die Hauyne ganz dieselben Erscheinungen wie 
in dem unter 2 beschriebenen Gestein; hier sind sie aber noch zahl- 
reicher wie dort, ihre Schnitte machen etwa '/e des Schliffs aus. Augit- 
Einsprengiinge von golbgrüner bis röthlich oliver Farbe sind nicht 
selten, aber sie sinken in ihren Dimensionen bis zu o"""i herab. Apatit 
ist nicht so häufig wie in 2. Perowskit tritt in vereinzelten grösseren 
Krystallen auf. 

Die Grundmasse zeigt nur sehr niedi'ige krystalline Entwicke- 
lung, ähnlich der weiter oben beschriebenen. Sie besteht etwa zur 
Hälfte aus gelbgrünem Augit, der, in winzigen Schüppchen (bis zu 
o''".""o02 in ihrer Grösse herabgehend) in äusserst kleinen wulstigen, 
knolligen oder traubigen Formen, in kleinen und grösseren Körnchen 
und dünnen lappigen Plättchen, aber nur sehr selten in Säulchen, 
krystallisirt und mit ebenso unregelmässig geformten Partikelchen von 
Titanit (Titanit zu Augit wie i zu 20), sowie mit kleinen Erzkörnchen 
untermengt ist. Zur anderen Hälfte ist sie eine wasserklare Substanz, 
die hier aber höhere Foi-mentwickelung zeigt. Der Hauptsache nach 
herrscht allerdings noch amorphe Basis, zum Theil aber bildet sie schon 
kleine rundliche oder angenähert rechteckige, mit Augit- und Erzein- 
schlüssen überladene Krystallkörnchen, die zwar wegen ihrer mangelnden 
Wirkung auf das polarisirte Licht ihrem mineralogischen Charakter 
nach nicht ganz sicher bestimmbar sind, es aber doch wahrscheinlich 
machen, dass die Basis Nephelin und Leucitsubstanz ist. Rücksichtlich 
der Analyse vergleiche Nr. 4 des Schlussblattes. 

Der verhältnissmässig liohe Wassergehalt des Gesteins ist wohl 
zum grössten Theil auf die Basis zu beziehen, denn das zur Analyse 
verwandte Material zeigte makroskopisch wie auch in Schliffen nur 
äusserst geringe Spuren von Zeolithisirung. 

4. Eine besonders charakteristische Varietät der Hauynophyre 
stellt ein Gestein dar, welches in ganz dichter dunkelbräunlicher Grund- 
masse grosse Mengen von hellldauen o'"."'2-2™"' grossen Hauyn-Ein- 



292 Sitzung der phys.-inatli. Classe v. 28. Febr. — Mittheilung v. 14. Febr. 

Sprengungen, dagegen verschwindend wenige kaum d"!"^ grosse Augite 
führt. (Fig. 5 , gewöhnUches Licht). Im Schhjft' zeigt der Hauyn kaum 
merkbare Farbe, nur vereinzelt zeigen seine Schnitte dünne randhche 
Zonen, die schwach blau gefärbt sind. Als Einschlüsse fiilirt er zu- 
weilen grosse Mengen von äusserst winzigen Glaspartikelchen und 
Flüssigkeitsbläschen mit Libellen; die bekannten opaken Körnclien und 
Stäbchen fehlen ihm in diesem Gestein ganz. Die wenigen Au,s;itschnitte, 
die meist mit Erz verwachsen sind, haben schwach gelblich grüne 
Farbe und sind nicht merklicli pleochroitisch: sie zeigen stark ausge- 

Fiff. 5. 




prägten zonaren Aufbau und stellen das älteste Ausscheidungsproduct 
dar. Apatit ist .selten, Perowskit und Titanit fehlen. 

Die Grundmasse besteht aus einem sehr dichten Filz von Augit- 
mikrolithen, der mit wenig, theilweise klarem, theilweise bravmem, 
auch wohl äusserst fein globulitisch geköi-neltem Glas getränkt i.st 
und auf i**"" etwa 200 Erzkörnchen von oT'015 durchschnittlicher 
Grösse fuhrt. Die Augitmikrolithen scliwanken in ilirer Grösse zwisclien 
oT'i bez. o"l'"oi und o'Toi bez. o"'."'oo4: sie sind nur sdnvach gefärbt, 
zeigen aber doch stets deutlichen Pleochroismus: ||c schwingend bla,ss 
grünlicligelb , ||b oder n blass röthlicli l)is grauviolett. Ilire Aus- 
löschungsschiefe geht bis zu 40°, sie ist in Folge der geneigten Di- 
spersion unvollkommen: nur Schnitte, die orientirt auslöschen, also 



E. Esch: Etinde. 293 

aus der Zone oP (ooi): ooPoo (loo), werden vollständig dunkel. Bei 
Anwendung sehr lichtstarker Objective mit bedeutender Vergrösserung 
lässt die klare glasige Basis an manchen Stellen eine äusserst schwache 
Doppelbrechung erkennen. Vereinzelt zeigen sich in derselben qua- 
dratische, sechs- oder achteckige Schnitte, die ohne Wirkung auf das 
polarisirte Licht sind, aber doch A'ielleicht auf Leucit bezogen werden 
können. Die Analyse steht unter Nr. 5 am Schluss. 



IV. Nephelinit, von Sonderstellung, d. h. mit zum Theil 
mangelhafter Individualisirung der Nephelin-Grundmasse. 

Die hierher gehörenden Gesteine kommen denen nahe, die Boeicky 
1874 Nephelinitoid nannte; sie düi-ften von besonderem Interesse sein, 
da das Vorkommen von allotriomorphem Grundmassen -Nephelin von 
RosENBuscH in seiner Mikroskopischen Physiographie II, 1896, S. 1247 
in folgendem Satze bezweifelt wird: 

»Es widerspricht den sicheren Erfahrungen und der Natur der 
Krystallbildung , dass aus und in einem Magma krystallisirender Nephe- 
lin allotriomorph sei, man dürfte in solchen Fällen wahrscheinlich 
Zeolithe für NejDhelin halten, welche secundär in der Glasbasis ent- 
standen sind.« 

Die Gesteine haben dunkelgraue Gesammtfarbe, der Bruch ist 
sehr rauh und stumpfzackig. 

I. In einer dunkelgrauen, zuweilen in unregelmässig begrenzten 
kleinen Partien hellgrau bis gelblichweiss gefärbten Grundmasse liegen 
.sehr zaldreiche meist o"!°5— i™", nicht selten aber auch 3""' grosse 
Augite und viele röthlichbraune oder auch schwarze, braunumrandete, 
meist o"""3-o'T5, selten 2°"" grosse Hauyne. 

Unter den Mineralien erweist sich der Augit als der gewöhn- 
liche basaltische, mit stark ausgeprägter Zonarstructur, fahl -grünlich- 
gelber bis matt-röthlicholiver Farbe und geringem Pleochroismus ; er 
nimmt fast die Hälfte des Schliffes ein. 

Hauyn tritt neben dem ausserordentlich häufigen Augit zurück, 
obwohl er gar nicht selten ist. Er ist durch ojjake Einschlüsse fast 
ganz schwarz und undurchsichtig, randlich zeigt er oft Verwitterungs- 
erscheinungen. 

Ebenso häufig wie Hauyn treten unregelmässig sechs- und recht- 
eckige bis o'".'"5 grosse Schnitte von Opacit oder Erz auf, die auch 
hier vielleicht als ehemaliger Hauyn zu deuten sind; auch Apatit 
ist in kurzen dicken Säulchen bis zu i""" Grösse recht häufig; seine 
Schnitte sind stets mit grossen Mengen von opaken Einschlüssen er- 
füllt, die Ij den Tracen der Prismentlächen angeordnet sind. Titanit 



21)4 Sitzung der pliys.-math. Classe v. 28. Febr. — Mittheiluiig v. 14. Febr. 

in spitzrliombisclien Scluiittru und unregelmässig umgrenzten Körnern 
bis zu oT'3 Grösse ist ebenso häufig wie Apatit. 

Die Grundmasse macht, ohne Analysator betrachtet, den Ein- 
druck, als bestehe sie aus einem einheitlichen wasserklaren Teig (Fig. 6, 
gewöhnliches Licht), in welchem Wölkclien von winzig kleinen Augit- 
kryst<ällchen und Erzkörnchen mit wechselnder Dichtigkeit eingestreut 
sind. Erstere zeigen vorzügliche krystallographische Begrenzungen; 
es sind scharf gezeichnete Säulchen und (scheinl)ar nach oo Pco [loo]) 
flache StäbcJien, drei- bis viennal so lang als breit, die auch stets 

Fig. 6. 




Nephelinit \'on Somler.stelliing. 

terminal gut ausgebildet sind. Es lässt sich allerdings wegen der 
Kleinheit der Kryställchen kaum bestimmen, durch welche Flächen 
dies geschieht. Ihre Farbe ist die der Einsprenglinge, nur ein kleiner 
Theil erscheint völlig klar: in ihren optischen Eigenschaften ähneln 
sie sehr den Augiten dritter Generation in den Leucititen. Vielfach 
löschen sie in keiner Lage vollständig aus. 

Die Erzkörnchen zeigen keine krystallograpliische Umgrenzung, 
es sind unregelmässig geformte Partikelchen von o"'."'oi-o"'."'02 Grösse. 

Die klare Basis, in wclclicr diese Mikrolithen zum Theil diclit 
gedrängt und einander in oT'015 dicken SchliiVen in 2 — 3 Schicliten 
überlagernd, zum Theil weniger dicht und auch sehr dünn gesät ein- 
gebettet sind, zerfjillt, bei gekreuzten Nicols betrachtet, in i"'"'_i'""'=5 



E. Esch: Etinde. 295 

grosse löcherig lappige, rund oder scliarfzackig ineinandergreifende 
Partieen. die mehr oder weniger stark auf das polarisirte Liclit wirken; 
die Interferenzfarben schwanken zwischen tiefdunklen, kaum merkbaren 
und kräftigen blaugrauen Tönen. 

Wie oben erwähnt, liegen die Mikrolithen unregelmässig wolkig 
in der Basis vertheilt: diese Vertheilung ist keine zufallige oder durch 
Bewegung im Magma oder durch schlierig wechselnde chemische Natur 
des Magmas bedingte Erscheinung, sondern sie ist bewirkt durch mehr 
oder weniger hohe mineralische Entwickelung des Magmarestes, der 
nach Ausscheidung der Hauyne , Einsprenglings- und Grundmassen- Augite 
übrig blieb. An solcher Stelle, wo dieser Rest ein kräftigeres Indi- 
vidualisirungsbestreben entwickelte, wurden die kleinen Mikrolithe mit 
einem jenem Streben proportionalen Erfolg ausgestossen und häuften 
sich demgemäss dort, wo dieKrystallisationskräfte weniger stark wirkten, 
an. Dieser Vorgang documeutirt sich im Schlift' dadurch, dass die 
Partieen, welche arm an Mikrolithen oder im Innern frei von ihnen 
sind, weit deutlicher den Charakter des bestimmten Minerals tragen, 
als die an Mikrolithen reichen Stellen. Vereinzelt schreitet die Indi- 
vidualisirung auch so weit vor, dass es zur Bildung angenähert recht- 
eckiger Schnitte mit lappigen Anhängseln kommt, die dann deutlich 
zwei auf einander senkrecht stehende Systeme von Sjialtrissen und im 
convergenten Licht die Interferenzfigur eines || der Axe geschnittenen 
hexagonalen Minerals zeigen. In einem Fall konnte auch in einem 
ganz unregelmässig' geformten Schnitt, welcher im || Licht beim Drehen 
nur wenig aufhellte, im convergenten Licht das wenig excentrische 
Interferenzkreuz von negativem Charakter mit Sicherheit constatirt 
werden. Es muss also hier formloser Nephelin A'orliegen. Etwa 
ein Drittel der formlosen klaren Partien wirkt nicht einheitlich auf 
das Licht, sondern zeigt bei sehr geringer Doppelbrechung mehrere 
sich kreuzende Systeme von Zwillingslamellen; diese Partien sind nur 
als Leucit zu deuten. Sowohl die mikrochemischen Untersuchungen, 
die mit den beiden Mineralien angestellt wurden, wie das Resultat 
der Bauschanalyse (vergl. Schlussblatt Nr. 6) , die einen Natrongehalt 
von 4.35 Procent und einen Kaligehalt von 2.44 Procent ergiebt, be- 
stätigen diese Annahme durchaus. Hier liegt der Neplielin im Stadium 
der Individualisirung begriffen und nicht mit der gesetzmässigen Form- 
umgrenzung begabt vor. Die Sache erinnert oder stimmt zum Theil 
genau mit dem, was Boricky seiner Zeit ausführte.' Ich werde, wenn 
ich die oben charakterisirte Nephelinsubstanz im Sinne habe, von 
Nephelinmasse reden. Besonders möchte ich aber bemerken, dass 



' HoRiCKY, Petrograpliische Studien an den Basaltgesteinen Böhmens, 1874, S. 62 ff. 



29G Sitzung der pliys.-inatli. Classe v. 28. Febr. — Mittlieilung v. 14. Febr. 

die hier besprochenen Schnitte nicht etwa in der Hauptsaclie ans nach 
der Basis getroffenen Nephelinsänlen bestehen, auch nicht ehemals 
glasig erstarrte und nachträglich zeolithisirte Basis darstellen. Auch 
glaube ich nicht eine genaue Begründung, weshalb die betreffenden 
Schnitte nicht als Sanidin bez. Plagioklas anzusehen sind, erbringen 
zu müssen. 

2. Eine weniger praegnant entwickelte Ausbildungsform der oben 
geschilderten Nephelinite stellt folgendes Gestein dar. 

Seine Farbe ist rein dunkelgrau: die Structur ist deutlich por- 
phyrisch. In der rein grauen dunklen Grundmasse, die durch äusserst 
feine, ein wenig hellere Sclmitzchen kaum merkbar marmorirt er- 
scheint, liegen als Einsprenglinge zahlreiche meist o^.^j — i"", nur aus- 
nahmsweise bis 4""" grosse dunkle mattglänzende Augite, vereinzelte 
blaue Hauyne, bis 2'""\gross, und sehr zahh-eiche o".'"3— 1°"" gi-osse, 
durch ihren starken glasigen, fast diamantartigen Glanz auffallende, 
zuweilen mattgrau durchscheinende, Aäelfach aber ganz schwarz un- 
durchsichtige Apatite in scharf sechsseitigen oder rechteckigen Formen. 

U. d. M. erweist sich der Augit als ein gcAvölinlicher basaltischer 
mit sehr schwachem Pleoehroisinus in matt grünlichgelben bis grau- 
oliven Tönen, er ist deutlich zonar aufgebaut. Seine Schnitte nehmen 
^—^ des Schliffs ein. 

• Hauyn, der bei makroskopischer Untersuchung des Gesteins nur 
selten zu beobachten ist, tritt im Schliff in recht zahlreichen Schnitten 
auf. In vielen Fällen sind dieselben so sehr erfüllt von den bekannten 
opaken Einschlüssen, dass sie kaum oder auch gar nicht mehr von 
grösseren » Erz « partieen zu unterscheiden sind. Solche scheinbaren 
Erzpartieen ziehe ich daher mit zu den Hauynschnitten. Auf 
ein Quadratcentimeter des Schliffs kommen etwa 50 von diesen Hauynen 
bez. Erzschnitten, die eine durchschnittliche Grösse von o'"."'io-o"^'5 
haben, im Ganzen nehmen sie etwa ^bis '/j des Raums ein, dn\ der 
Augit beansprucht. 

Apatit ist nicht ganz so häutig als es nach der makroskopischen 
Bcurtheilung scheint, auf i''™' des Schliffs kommen etwa 5 der kurz- 
säulenförmigen Kryställchen von o'"."'3 — i'"!"o Grösse. Sie sind sehr 
reich an opaken Einschlüssen. 

Die Grundmasse besteht aus einem sehr fein struirten Filz von 
meist scharf ausgebildeten, schwach gelblich grün gefärbten Augit- 
mikrolithen, wenigen Melilithmikrolithen und A'ielen Erzkörnchen; dieser 
Filz ist mit Nephelinmasse getränkt. Diese zeigt ein Indi\ idualisiriuigs- 
bestreben, welches dem \\'esen uacli dassellx' ist, wie in dem zuletzt 
beschriebenen Gestein; in dem erreichten Grad der Krystallisation aber, 
mit welchem die Basis hier in Erscheinunü- tritt, unterscheidet .sie sich 



I 



E. Esch: Etinde. 297 

A'on jener. Der Rest des Magmas, Avelcher nach Ausscheidung der 
MikroHthen seiner chemischen Natur nach flüssige NepheHnsubstanz 
(vielleicht untermengt mit Leucit- Molekülen) darstellte, suchte nicht 
über weite Strecken hin seine Moleküle gewissermaassen wie mit einem 
Schlage zu orientiren, fest gleichgültig, ob er dabei Einsprenglinge und 
Mikrolithen umfasste, wie es in dem unter IV i beschriebenen Gestein 
geschah, sondern er suchte hier durch Bildung vieler, selten mehr als 
o'".'"2 von einander entfernter Krystallisationscentren seine Individuali- 
sirung zu erreichen. Von diesen aus wurden die Mikrolithen unter 
beständigem Zuströmen von Nephelin-Molekülen, weg und nach in- 
differenten Stellen des Magma zusammengedrängt. Dieser Vorgang docu- 
mentirt sich aus folgendem Bild, welches die Grundmasse unter dem 
Mikroskop zeigt. 

In dem graugrünen, wenig durchsichtigen Mikrolithenfilz leuchten 
zahh'eiche kleine oT'05— o"".™! ausmessende, unregelmässig zackig be- 
grenzte klare Partieen auf; dieselben sind ganz oder fast ganz frei von 
Augit und anderen Mikrolithen. Bei gekreuzten Nicols zeigen sie eine 
verschieden starke, vereinzelt gar keine Einwirkiuig auf das Licht; die 
Interferenzfarben schwanken zwischen hell und dunkel Blaugrau. Mit 
verdünnter Salzsäure werden sie leicht angegriffen, weshalb ich sie 
für Nephelin halte. Einige dieser klaren Partien zeigen in roher An- 
näherung wohl auch rechteckig, sechseckige oder rundliche Formen 
und führen in einer der äusseren Form concentrischen Zone kleine 
Augitmikrolithen, auch scheinen sie isotrop; mit einiger Wahrscheinlich- 
keit kann man sie als Leucit deuten. 

Aus welchem Grunde in diesem wie in dem vorher beschriebenen 
Gestein die Nephelinsubstanz keine Krystalle bildete, ob es in der 
chemischen Beschaffenheit des Magmas, seinem physischen Zustande, 
Druck oder Temperaturgrad, oder aber in der eigentlichen Natur, der 
individuellen Eigenart der Nephelinmasse liegt, lässt sich hier nicht 
entscheiden. 

3. Einen Übergang dieser besonderen Nephelinite zu echten Nephe- 
liniten einerseits und je nach der Menge des vorhandenen Leucits zu 
Leucititen stellt ein Gestein dar, welches in seiner mineralischen Zu- 
sammensetzung dem unter II i beschriebenen, zwischen Leucitit und 
Nephelinit vermittelnden Gestein sehr nahe verwandt ist, in der Structur 
der Grimdmasse aber sich denNepheliniten von Sonderstellung anschüesst. 

Es hat rein dunkelgraue Farbe. In äusserst fein schwarz und hell- 
grau gekörnelter und geäderter Grundmasse liegen sehr zahlreiclie 
oT'5 — 2""° grosse Augiteinsprenglinge in dick tafelförmigen und stab- 
bis nadelfbrmigen Krystallen. Andere Einsprenglinge sind makrosko- 
pisch nicht zu erkennen. 



298 Sitzung der pliys.-matli. Classe v. 28. Febr. — Mittlieilung v. 14. Febr. 

U. d. M. zeint der Aiigit deutlichen Pleocliroisinus ; .seine Al)- 
sorptionsfarben sind \\a scliwingend matt Blaurosa, ||6 Grau, auch 
röthlich oliv. ||c iii-ünlicli Gelb: er nimmt -§•-•§- der Schlifffläche ein. 
Zonarer AufTDau. Sanduhrl'orm mit erkennbarem Skelett, sternfönnige 
Verwachsung mehrerer Individuen und Zwillingsbildung ist häufig zu 
beobachten. Nel)en dem Augit tritt als Einsprengling in recht zahl- 
reichen o"'."'i— o'""'3 grossen, sechs- und rechteckigen oder auch un- 
regelmässig umgrenzten Schnitten «Erz« xuid Opacit (wohl ehemalige 
Hauyne) auf. 

Die Grundmasse scheint ohne Analysator l)etrachtet der Haupt- 
.sache nach als ein wasserklarer, einheitlicher Glasteig, in welchem, 
meist gleichmässig vertheilt, nur selten etwas zusammengedrängt, Augit- 
kryställchen und Erzkörnchen und einzelne Titanitkörnchen und Apatit- 
säulchen eingebettet sind. Die Mikrolithen machen etwa ^, die klare 
Basis ^ der Grundmasse aus. Die Grösse der Augitmikrolithen wech- 
selt zwischen o'".'"03 und o"™i5, die der Erzkörnchen zwischen o'"."oi6 
und o"."'07 : an Zahl überwiegen die Augltkryställclien die Erzkörnchen. 
Obwohl den kleinen Augiten genügend Raum zu guter Formentwickelung 
zur Verfügung stand, zeigen sie doch nur sehr wenig exacte Begrenzung. 
Meist haben sie die Form unregelmässiger, zum Theil mehr oder weniger 
scharf zugespitzter Säulchen, die nicht selten auch noch einen »Bart« 
oder eine lappig anliängende Zone grün gefärbter wohl alkalireicher 
Augitsubstanz führen. Häufig wachsen die im Kern den Einsprengungen 
gleich gearteten Säulchen in klarer, nicht gefärbter, nur schwach polari- 
sirender Substanz als sanduhrformige Skelette weiter. Dieses skelett- 
förmige Waehsthum fülirt zu fast unglaublichen Bildungen, deren rich- 
tiges Verständniss ich allerdings a\ich nur dem vorzüglichen Zeiss'schen 
Immersionsobjectiv Apochromat von 2""" Brennweite und 1.40 nume- 
rischer Apertur und dem mir von dieser Firma gütigst leiliAveise übcr- 
lassenen apochromatischen Objectiv 2"'.'"5, 1.60 mit Monobromnaphthalin- 
Immersion verdanke: Man beobachtet nämlich neben den erwähnten 
Augitkryställchcn und Skeletten auch solche, die in ihrer Breite bis zu 
o'Tooi herabsinken. Nacjidem sie eine Länge von etwa o™'°oo3-o"'."oo5 
erreicht haben, wachsen sie nur noch in der Richtung der Prismen- 
kanten weiter und bilden dann scheinbar durchschnittene kantige Röhr- 
chen, die bei einem Durchmesser von o"".'"ooi bis zu einer Länge von 
o'°.'"i5 auswachsen, also 150 Mal so lang als breit Averden. Die klare 
Basis erweist sich bei gekreuzten >s'icols meist als deutlich doppelt 
brechend in blaugrauen Tönen; sie zerfällt in unregelmässig begrenzte 
optisch verschieden orientirte, köri)erlich aber nicht getrennte kleine 
Partieen, oder sie bildet, den ihr von den Augiten übrig gelassenen 
Raum einheitlich ausfüllend, Körner: ihren optischen und chemischen 



II 



E. Esoh: Etinde. 299 

Eigenschaften nach kann sie nur als Ncphelin gedeutet werden. Nicht 
selten auch zeigt sie nur dort, wo sie an die benachbarten Augite 
grenzt, also in einer äusseren Zone, Doppelbrechung; nach dem Innern 
zu geht dann diese Zone ganz allmählich in nicht polarisirende Substanz 
über, für die amorphe Nephelinsubstanz (bez. Nephelingias , wenn der 
Name erlaubt wäre) der einzig bezeichnende Ausdruck ist. 

Neben der klaren Nephelinmasse und in diese übergehend tritt 
in geringen Mengen noch eine glasige Basis auf, die durch äusserst 
winzige Augit- und Erzpartikelchen getrübt ist und daher ein schmutzig 
graubraunes Aussehen hat. 

Leucit war hier nicht nachweisbar. 





I. 


2. 


3- 


4- 


5- 


6. 




Proceut 


Proceut 


Procent 


Procent 


Procent 


Procent 


SiO^ 


= 46.48 


40.10 


39-97 


39-30 


39-37 


38.39 


TiO, 


= 1.22 


3-64 


3-34 


3-62 


3-31 


4-44 


AI3O3 


= 19.00 


15-27 


'7-30 


13.66 


16.50 


12.64 


Fe,03 


= 4-74 


10.13 


7-41 


7-42 


2.28 


7.40 


FeO 


= 2-30 


1.85 


3-05 


4-45 


7-97 


6.15 


MnO 


= Spur 


0.08 


0.09 


0.08 


0.06 


0.02 


MgO 


= 2.49 


4-59 


3.82 


4.46 


4-48 


6.46 


CaO 


= 4o5 


12.0S 


10.53 


11-37 


10.22 


14.17 


Na,0 


= S.46 


4.78 


5->4 


5-78 


4-73 


4-35 


K,0 


= 6.78 


3-34 


3-56 


■•44 


3-38 


2-44 


H,0 


= 3-3' 


2.93 


4. II 


4-53 


4-77 


1.62 


P.O, 


= 0.15 


0.87 


0.84 


0.85 


0.13 


1.16 


SO3 


= 0.19 


— 


0.06 


2.17 


2.14 


0.47 


Cl 


= 0.08 


— 


0.14 


0.4S 


0,09 


0.37 


CO, 


= 0.36 


0.23 

X 


0-33 
= 0.20' 


0.15 


0.64 


0.23 


Summa 


= 99.91 


99.89 


99-89 


99.76 


100,07 


100.31 


Spec. Gew. 


= 2.58 


2.91 


2.86 


2.79 


2.82 


3.10 


I. Leucitit 




\ 








2. Leucitnephelinit 












3. Leucitnephelinit 

4. Hauynophyr 

5. Hauynophyr 

6. Nephelinit von .Sonderstellung 


1 vom Vul( 


3an Etinde 


in Kamerun. 





' X = Zr oder andere seltene Erden. 



AusfteKeben am 7. März. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN. 



XIII. 



7. März 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2. Diese ersclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav regelmässig »oiiiicrsta^s acht Tage nach 
jeder Sitzaiig. Die sämmtlichen zu einem Kalendcr- 
jalir freliürigcn Stücke bilden vorlfiuBg einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band oline Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
iiummcr, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historisclien Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Obersiclit über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenlieiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung , zu der das Stück gehört, 
druckfertig übcrgebenen, dann die, welche in früheren 
Sitziuigen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. 



Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretai' zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secrctar führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufn.alime einer wissenscliaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Slittheilung darf 32 Seiten in 
Oetav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übei-steigen. Mittheilungen von Verfassern, welche 
der Akademie nicht .angehören, sind .auf die Hfdfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaks- 
demie oder der beti'effendcn Cl.asse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzsclniitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der S.atz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text einzusch.altenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 
1. Eine für die Sitzungsbericlite bestimmte wissen- 
scliaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes andei-weitig, sei es .auch 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

5. Auswärts werden CoiTcctnren nur auf besondere» 
Verlangen verscliickt. Die Verfasser verzichten d.amit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen n.ach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittheilungen- abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschlag, auf welcliem 
der Kopf der Sitzungsbericlite mit J.ahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei , auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener A'^ertheilung abziehen zu lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigirendenSecre- 
tar Anzeige gem.acht h>at. 

§28. 

1. Jede zur Aufn.ahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer ak.ademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ilu^m 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Cl.assen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secret,ar selber oder durcli ein anderes Mitglied zum 
Voitrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Suat. §41,2. — Für die Aufnahme bedarf e» 
einer ausdräcklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.J 

§29. 
1. Der rcdigirende SccreUar ist für den Inhalt de» 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, Jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kui-zen Inlmltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen veraimvortlicli. FÜP diese wie 
für alle übrigreii Thoile der Silzunffsberichtc sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre 'SiUunt/sbmchte' an diejenii/en Stellen, mit denen sie im Sehrißverkefir fleht, 
wofern nicht im beeontleren Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar hin April in der ersten Hälfte des Monate Mai, 
Mai hi^ Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
Octuber bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



301 

SITZUNGSBERICHTE i9oi. 

DER Ä-lil. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
7. März. Gesammtsitzuns'. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Walueyek. 

L Hr. Frobeniüs las: »Über ilie Charaktere der alterniren- 
(len Gruppe«. 

Die 2u + (■ Charaktere der syinmetrischen Grujipe Gestehen aus ;; Paaren asso- 
ciirter Charaktere und r sich selbst associirten Charakteren, die für alle Classen ausser 
einer gerade Werthe haben. Die n + 2c Charaktere der darin enthaltenen alternirenden 
Grujjpe bestehen aus v Paaren conjuf>irter Charaktere und u sich .selbst conjugirtcn. 
Die Werthe der letzteren sind dieselben wie bei der symmetrischen Gruppe. Kiu 
sich selbst associirter Charakter spaltet sich in der alternirenden Gruppe in zwei 
conjugirte Charaktere, deren Werthe die Hälften jener geraden Zahlen sind, für das 
eine Paar conjugirter Classen aber, wofür sie verschiedene Werthe besitzen, durch .Auf- 
lösung einer quadratischen Gleichung gefunden werden. 

2. Hr. Fischer las nach einer in Gemeinschaft mit Hrn. Arm- 
.STRONfi ausgeführten Unter.suehung-: »Über die isomeren Aceto- 
halogenderivate des Traubenzuckers«. 

Durch Einwirkung von flüssigem Halogenwasserstoft' auf die beiden Pentacetyl- 
glucosen entstehen zwei isomere, krystallisirende Acetochlor- oder .Acetobroniglucosen. 
welche ein neues werthvolles Hülfsmittel für die Synthese complicirterer Kohlenhy- 
drate sind. 

H. Hr. Vogel las: »Über das .Speetrum der Nova Persei«. 
(Ersch. später.) 

Die in Potsdam angestellten spectrographischen Beobachtungen vom 23. Februar 
(I. Js. ergaben, dass das Sj)ectrum der Nova ein continuirliches war mit verwaschenen 
matten, stark nach Violett verschobenen .\bsorptionsbändern vorwiegend des Wasser- 
stoffs. Spätere Aufnahmen vom 26. und 27. Februar und in den ersten Tagen des 
März Hessen das Spectnun als das für neue Sterne typische erkennen , indem helle 
und dunkle Linien paarweise auftraten. Hr. Vogel weist die Beziehung nach, in 
welcher die abweichende Erscheinung des ersten Beobachtungstages zum typischen 
.Siiectrum steht. 

4. Die philosophisch -historische Chisse hat zu Avissenscliaftlieheu 
Unternehmungen bewilligt : Hrn. Dr. Ernst Diehl in München zur Her- 
ausgalK' des Prochis-Commentars zum Platonischen Timaeus iSöoMark; 

Sitzungsberichte 1901. 2:3 



302 Gesammtsitzung vom 7. März. 

Hrn. Ai'chivdiroctor Prof. Dr. Joseph Hansen in Köln zu fortgesetzten 
Untersuchungen über die Geschichte der Inquisition in Deutschland 
looo Mark: Hrn. Privatdocenten Dr. Georg Kampffmeyer in Marburg 
zum Studium arabischer Dialekte in Marokko lOOO Mark. 



Die Akademie hat da,s correspondirende Mitglied ihrer philoso- 
phisch-historischen Classe Hrn. Bernhard Erdmannsdörffer in Heidel- 
berg am I . März durch den Tod verloren. 



303 



Über die Charaktere der alternirenden Grruppe. 

Von G. Frobenius. 



Uie Charaktere der alternirenden Gruppe der Permutationen von 
n Symbolen lassen sich durch ein Verfahren bestimmen, ähnlich dem, 
das ich (Sitzungsberichte 1900) zur Berechnung der Charaktere der 
symmetrischen Gruppe benutzt habe. 

Die alternirende Gruppe § des Grades n besteht aus den geraden 
oder positiven Permutationeu der symmetrischen Gruppe §'. Eine 
Permutation, die aus s Cyklen Cj , (7,, • • • (7, von je Cj,C2,---c, Sym- 
bolen besteht, ist gerade oder ungerade, je nachdem 2(c— 1) = n — s 
gerade oder ungerade ist. Die Gruppen 5 und §' haben die Ord- 
nungen h ^ j til und h' r= 2h, ihre Elemente mögen in k und Ä'Classen 
zerfallen. Auch in § können zwei Permutationen nur dann conjugirt 
sein, wenn sie aus gleich vielen Cyklen derselben Ordnung bestehen. 
Es fragt sich aber, ob alle solche Permutationen auch in § nur eine 
Classe bilden. Denn zwei gerade Permutationen R und S sind in § 
stets und nur dann conjugirt, wenn es eine gerade Pei-mutation P 
giebt, die der Bedingung P~^ RP = S genügt. 

Sind R und S in Ö' conjugirt, so ist diese Bedingung stets er- 
füllt, wenn R mit einer negatiA'en Permutation T vertauschbar ist. 
Denn in l5' giebt es eine solche Permutation Q. dass Q~'i?Q = S ist. 
Ferner ist {TQ)-'R(TQ) = Q-'(T-'RT) Q = Q-'RQ = S, und von den 
beiden Permutationen Q und TQ ist immer die eine gerade. In diesem 
Falle ist also die Classe von § durch die Zahlen Ci, c^, ■■■ c, vollständig- 
bestimmt. 

Ist aber R mit keiner negativen Permutation vertauschbar, so 
können R und T'^RT = S in JÖ nicht conjugirt sein, falls T ungerade 
ist. Denn sonst gäbe es eine solche positive Permutation P, dass 
P~'SP =: R wäre, und daher wäre die negative Permutation TP mit R 
vertauschbar. 

Sind P^, P^, •■■J^,, die h positiven Permutationen, so sind 2'Pi, 
IP.^ . • ■ ■ TP/, die h negativen. Daher sind 

23* 



304 Gesainmtsitzung vom 7. März. 

alle Permutationon, die mit R in Ö' conju^irt sind. Sie bilden in ö' 
eine, in iö «'l'Pr zwei Classen, die durch R und T'^RT = S repraesen- 
tirt werden. Zwei solche conjttgirte Classen Aon *ö haben dieselbe 
Ordnung-. 

Damit aber R nur mit positiven Permutationen vertauschbar sei, 
ist nothwendig" und hinreichend, dass die Ordnungen der Cyklen von R 
lauter verschiedene unirerade Zahlen sind. Denn jeder einzelne Cyklus 
C von R ist eine mit R vertauschV)are Pennutation, und zwar eine nega- 
tive, wenn seine Ordnung c gerade ist. Ist aber c migerade, und sind 
zwei dieser Cyklen , etwa (1 , 2 , . . . c) und (c+l,c+2,.-2f) von gleicher 
Ordnung, so ist R mit der Permutation (1 . c+ 1)(2, c + 2) ■•. (r^, 2f;) ver- 
tauschbar, die aus einer ungeraden Anzahl c von Transpositionen lie- 
steht, also ungei-ade ist. 

Wenn aber ilie Ordnungen c^,c\_, ■■ ■ c, der Cyklen C^,C„, ■■■ C, 
von R lauter verschiedene ungerade Zahlen sind, so ist R nur mit 
positiven Permutationen vertauschbar. Diese bilden eine Gruppe ver- 
tauschbarer Elemente 

(I.) C^'C:''---C7' (y, = 0, l,...c,-l,...^. = 0,l,...c»-l) 

der Ordnung 

(2.) f = ^l'-'2 ■ ■ ■ Cs 

und sind alle gerade, weil die Basiselemente C^,C„, ■•■ C, alle gerade sind. 
In der symmetrischen Gruppe §' sei u die Anzahl der ungeraden, 
u + v die der geraden Classen. Dann ist v die Anzahl der Classen 
von ö'; deren Permutationen aus lauter Cyklen Acrschiedener unge- 
rader Ordnungen bestehen. In der Gruppe ^ zerfällt jede dieser 
»Classen von JÖ' in zwei conjugirte Classen, jede der u anderen ge- 
raden Classen von ö' bleibt aber auch in § ^ii^e Classe. Daher ist 

(3.) k = M + 2c, k' = 2« + V, 

und da u > v ist , so ist auch k' > k. 



§ 2. 

Mit Hülfe der Regeln, die ich in § i meiner Arbeit Über Re- 
lationen zwischen den Charakteren einer Gruppe und denen ihrer Unter- 
gruppen, Sitzungsberichte 1898 (im Folgenden mit U. citirt), ent- 
wickelt habe, lassen sich die k Charaktere von § ziun grössten 
Theile aus denen von Ö ableiten. Setzt man in einem Charakter 
X(/S) von ö' föi' S nur die h Elemente R von §> «o ist %{R) eine 
lineare Verbindung von den A" Chai'akteren <^*"'(Ä) der Gruppe §, 



Frobenius: Über die Charaktere der alternirenden Gruppe. 305 

X(Ä) = 2 r.cpW (R) 

mit positiven ganzzahligen Coefficienten i\, und mithin ist 

R 

Für die sj'mmetrische Gruppe sind die beiden (im Allgemeinen 
conjugirten complexen) Werthe %(i2) und y^{R~^) gleich. Durchläuft 
(S die 2 h Elemente von §>'> so i'^t 

5 x('^')^ = 2/-. 
s 

Ist T eine bestimmte negative Permutation, so durchlaufen R 
und RT zusammen die 2 /(Elemente S von Ö» und mithin ist 

B R 

Der zu %(<S) associirte Charakter von ö' hat die Werthe te)(i2) = %(i2), 
w{RT)^-%{RT). Ist nun xl^) nicht sich selbst associirt, so sind 
%(-S) und ü)(<S) verschiedene Charaktere von Ö» und folglich ist 

2 x(S) "'(*') = 0, 2 xiRf - 2 x(Ärr, 
also 

2 x(Ä) X{^-') = /'- 2r^=l. 

Daher ist von den k positiven Zahlen i\ eine gleich 1 , die anderen gleich 0, 
und mithin ist %(i2) ein Charakter von §• So entspringt aus jedem der 
u Paare associirter Charaktere von ö' ein Charakter von § > der die Be- 
dingung 

(I.) x(T-'RT) = xiR) 

erfüllt, d. h. der sich selbst conjugirt ist. 

Ist aber %(S) sich selbst associirt, so ist y_,{RT) = 0, 

^ y^[Rf = 2/(, 2 '■;. = 2. 

Folglich sind zwei der Zahlen i\ gleich 1 . die anderen gleich 0, und 
%[R) ist gleich der Summe von zwei verschiedenen Charakteren (p{R) 
und \^(-R) von §• Nach U. § 2 sind dies, da § eine invariante Unter- 
gruppe von §' i'^t' zwei conjugirte Charaktere, also 

(2.) ^iJ{R) = ^{T-^RT), x(R) = 9{R) + HR) = 9iR) + 9iT-'RT). 

Gehört R zu einer der u nicht zerfallenden Classen von §', so sind 
R und T'^RT auch in i3 conjugirt und mithin ist für ein solches 
Element R 

(u.) 9(^0 = HR) = ixiR)- 

Insbesondere gilt dies für R = E. Die Grade der beiden conjugirten 



H06 Gesainintsiteung vom 7. Jlär/. 

Charaktere (p und -^ sind also einander gleich und üleich dem halben 
Grade von x- •'^ind aber die Ordnungen der Cyklen von R lauter ver- 
schiedene ungerade Zahlen, gehört also R zu einer der v zerfallenden 
Classen von i3 , ^^f* können die Werthe von (p[R) und ■\1'{R} verschieden 
sein, und zwar ist. wenn man T'^RT =^ S setzt, 

(V.) 9(7?) = a'(S), ^^(S) = d'{R). 

Aus jedem der v sich selbst associirten Charaktere von JQ entspringen 
also zwei verschiedene, und zwar conjugirte Charaktere von §• 

Die so erhaltenen u + '2v = k Charaktere von Ö ^bid alle unter 
einander verschieden. Denn seien (p{R) = yjR) und <p{R) ^= %(-K) zwei 
der ersten «/Charaktere von jö- wu\ sei. wenn »S die 2ä Elemente von 
Ö' durchläuft, %{S] sowohl von %{S) wie von dem zu 7^(5) associirten 
Charakter A'crschieden. Dann ist 

je n 

und wenn man yjR) durcli den associirten Charakter ersetzt, auch 

^ x(R)W<)-^ x{tiT)x(tiT) = 
und folglich 

R 

also ist (p(R) von (p(R) verschieden. 

Ist aber ^(R) = %(R) einer der u ersten, und (/)(Ä) einer der 'Ic 
letzten Charaktere von i3- ilci" '"i^ 'A'^R) = (p(R) + -^{R) entspringt, so 
ist %(7?r) = 0, also 

- X('^'-')X('^') = 0, ^ 9(/^')(c,.(ft)4-a-(/0) = 0. 

Nun sind (/) luid -vi/ verschieden. AVäre daher (/> einem dieser beiden 
Charaktere gleich, so wäre diese Summe gleich h. J]n(llich erkennt 
man in derselben Weise, dass je zwei der letzten 2c Charaktere von i3 
verschieden sind. 

Um als(t die u + 2v = k verschiedenen Charaktere von § ^u be- 
stimmen, ist nur nocli jeder der r sich selbst associirten Charaktere x, 
von § in zwei conjugirte Charaktere </> imd \l/ zu s])alten. und zwar 
nur noch für die r Pernnitationen R, die aus lauter Cyklen von ver- 
schiedenen inigeraden (Ordnungen bcsTehen. 

Die k' ^ 2u + c Charaktere von JÖ' bestehen aus »Paaren asso- 
ciirter Charaktere und r Cliarakteren, die sich selbst associirt sind. 
Die k = u + 2p Charaktere von .sS bestehen aus r Paaren eonjugirter 
Cliaraktere und u Charakteren, die sic-h selljst conjugirt sind. 



Frobenius: Über die Charaktere der alternirenden Gruppe. 307 

§ 3- 

Icli verweise zunächst auf die Beispiele w = 4 und n = 5 in § 3 
meiner Arbeit Über Gruppencharakfere und n = G in § 4 meiner Ar- 
beit tjber die Compositlon der Charaktere einer Gruppe. Sitzungsberichte 
1896 und 1899. In diesen Fällen ist «; ^ 1 , ebenso für n = 7. Ich 
gebe daher hier noch das Beispiel ?i = 8, wo c = 2 ist. 

In der ersten Spalte der beifolgenden Tabelle ist die Classe einer 
Permutation durch die Formel ?i = 1- ä + 2-/3 + • •• gegeben, d.h. da- 
durch, dass sie aus a, Cyklen der Ordnung 1, /3 Cyklen der Ordnung 2, 
u. s. w. besteht. Kommt nur ein Cyklus einer bestimmten Ordnung vor, 
so ist der Multiplicator ci. ,0. • • • weggelassen. Erst kommen die m = 10 
ungeraden Classen, dann die ?/ + r = 12 geraden. 

Von jedem der u = 10 Paare associirter Charaktere ist nur der 
eine nngegeben. Der andere entsteht daraus dm-ch Multiplieation mit 

dem Charakter ersten Grades %(„), der dem Haupt charakter /gLI = 1 

associirt ist. In den beiden letzten Spalten stehen die v ^ 2 sich 
selbst associirten Charaktere. 

Die Charaktere sind gegeben durch die Formeln (11.). § 4 und 
(3.), §5 meiner Arbeit Über die Charaktere der symmetrischen Gruppe 
und durch die folgenden: 

x|^^^^.J =ic/.(a-l)(a-3)(a-6) + i(a-l)(a-2)ß-iß(,e-l)-6', 

<!■) xil ".) = -A"(«-l)("-4)(a-ö) + ß(,&-2)-(a-l)7, 
\U n — 0/ 

xC; ^ \ =i„(a_2)(a-3)(«-5)-ia(a-3)ß-iß(&-l) + d, 

^(\ i,1q) =F4"(«-l)("-2)("-"')(a-7) + ia(a-l)(a-,5)ß 

+ i(a-l)ß(ß-l)-i(a-l)(a-2)/ + ß7-("-l)i'. 
In der alternirenden Grupj)e zerfällt die Classe (1 + 7) in zwei 
Classen. die ich durch ein angehängtes Zeichen + oder — unterscheide. 

Elienso zerfällt der Charakter % ( . ) i" zwei. Dasselbe gilt von der Classe 

(:> + .")) und dem ihr entsprechenden Charakter y^ (' 1. 

In derselben Art wie in diesen Beispielen rindet man für jeden 
W'crtli von n die Charaktere der alternirenden Gruppe §• Seien 

(2.) c, = 2«, + 1, f, = 2a, + 1, • ■ ■ c, = 2«, + 1 (ci <C2 < ••• <c,) 

.V vcrscliiedene uniierade Zahlen, deren Summe 



308 



Gesamnitsit/uii"; vom 7. März. 



t 
CD 



l 



_, ^ 














































(M C-1 


c 


o 


O 






o 


O 


o 


O 




71 




7-1 


7-1 


7^ 


o 


7-1 






71 






cjr^ 






















^ 


1 






1 






1 








1 


^ 














































§3 


c 


c 


<= 


O 


c 


o 


o 


o 


O 


o 


o 


s 


~ 


~ 


7-1 


o 


C 


- 


- 


71 


— 


- 




























1 












~ 








CO n 




_ 


71 


T" 






o 


_ 




O 


-.£ 


T 


_ 




O 




_ 


X 




O 


_ 


_ 








1 






7 










O 


1 








7 






1 








^ 














































C^ CO 


o 


•* 




'^^ 




o 




o 




o 






71 


O 


O 






71 




■» 










1 




1 






1 








l- 


1 










1 


1 




1 






^^ — ' 














































^ ^ 














































(M -* 




o 


CM 




c 






o 


7-1 


o 


^ 


-# 






o 


7-1 


o 


O 




o 






c o 






1 












1 




CO 






1 




1 












1 


' ' 














































ilf 


•* 


1 


- 


o 


o 


1 


- 


c. 


1 


o 


- 


1 


71 


1 


o 


71 


1 


O 


O 


71 


O 


1 


' 




1 














l 




























-:— - 


o 


»N 




T) 




o 




71 




_ 


r. 


_ 


•* 


7-1 


o 


_ 


„ 


■-. 


_ 


,_, 


_ 


_ 


3^ 




[ 






1 






1 












1 








]' 


1 






















































— ■f5 


o 


-M 




(M 




o 




71 




o 


o 


.0 


■* 


_ 


_ 


_ 


_ 


-* 


_ 


_ 


_ 


_ 


G O 














1 








71 










1 




























































cc ^ 


o 


^ 


„ 


m 


o 


o 


„ 


„ 


(M 


„ 


u'- 


uO 


■-0 


O 


_ 


71 


_ 


CO 


^ 


„ 


-, 


- 








1 


1 












1 


CO 




1 




1 










1 






ci ir; 


Ol 


ro 


o 


CO 


o 


,_^ 


3 


„ 


O 


„ 




.- 






_ 


O 


.^ 


^ 


_ 


_ 


_ 


_ 










1 




1 




1 






71 








1 




'l 


"f 










— o 


o 


cc 


•M 


- 


- 


o 


O 


7 


Y 


7 


l~ 


-f 


^ 


71 


- 


- 


= 


7 


7 


7 


- 


7 


Es 


7 


7 


7 


7 


7 


7 


7 


7 


7 


7 


- 


- 


- 


- 


- 


~ 


- 


- 


- 


- 


- 


- 




er. 


o 


_ 


o 


o 


■71 


o 


o 


o 


o 




7-1 


_^ 


TT 


_ 


_ 


o 


m 


o 


_, 


_, 


X 


tt- 


(N 


IM 


<M 


7-1 


(O 


CO 


«o 


«o 


(N 


■* 




,—1 


ZI> 


•* 


öl 


5i 


00 


o 


•o 


!0 


o 


00 


»^^ 




•* 


f— 1 


-* 


CO 


o 


CO 


IM 




o 




,^ 


^1 


CO 


in 


^^ 


■o 




CO 


?1 


l^ 


as 








~ 




CO 


■* 


CO 


'" 


"^ 


■o 










C-l 


~ 


"^ 




"^ 


^" 


in 


7^ 








-^ 
























-f 




^^ 












+ 


I^ 


•q> 


+ 




■o 


o 


■ij* 


'T 


tN 






CO 




O 


+ 




+ 












ca 


+ 


+ 


n 


■71 


+ 


+ 


+ 


+ 


■ 




00 


+ 


7^ 


+ 


!M 


CO 


7-1 


-. 


— 


71 


i^ 


i.O 


<M 


O 


•* 


+ 


+ 


5^ 


IM 


CO 


7-1 


+ 
7-1 


CO 


J_ 


in 


+ 


CO 


+ 


+ 




71 


+ 


^ 


+ 


+ 


+ 


^ 


^ 




n 


^ 


+ 


+ 


(71 








-*■ 




n 


71 


+ 




71 




~ 


CO 


ä 






Jm 


'" 


















— 




^ 


— 














^ 















































Frübenius: Über die Cliaraktere der alternirenden Gruppe. 



309 



IS 































0^ 


0" 






























1 


1 




1 


^^ 


CO 


,_, 


^ 


„ 





^^ 


CO 





^^ 








^ 


1 




(M Ol 


-M 


1 






1 






1 










^ 


+ 






























7, 


\1a 




+ 


























1 


1 




^^ 


CO 


^ 


^ 


_ 





„ 


CO 





^ 


^ 





1 


^ 




^ C^ 


fM 


1 






1 






1 






1? 


1 


+ 
7 


1 

7, 




1 

I3 


in 





CO 
1 





- 


o 





■CO 

1 


= 


- 




>> 
+ 


































7, 








+ 






















1 


^ 








tro CO 




Tf 





CO 
I 





— 








CO 
1 





■^ 


+ 


1 


c 












i 










1 






































7^ 


j_^ 








-M CO 


._ 


-* 


_ 




_ 




_ 


X 




_ 


_ 


_ 






o 







1 








T 






T 












































^- 
































o 


^ ^ 































C^l 


C;;3 CO 


uO 


!M 











•M 




C<1 

















L-^ 


1 










1 


1 




1 










II 


" ' 






























cc 


c7^ 


■* 


Tf 





^ 





(M 


o 








c 


„ 


_, 


_ 


_ 


11 


c 









1 




1 














1 


1 


II 


C~^ 


■# 


^_, 


n 


^ 





"yt 


_ 


.. 


_ 


■M 


,_, 


,_ 


_ 


_ 


"^ 


53 




1 




1 






1 












1 


1 




cr^ 


■X 




^ 


^, 


— 






— 


_ 





_ 


_ 


_ 


_ 




^^ 








'1 








1 


1 














■" — ' 
































^^ ^ 
































F— lO 








Tt« 












-* 





















C-) 










1 










1 


1 








CO -^ 


CO 


uO 



1 





T 


i^ 


- 


CO 





T 





= 










(M 1.0 


(M 





- 


- 


7 


=' 


1 


et 

1 





- 





=' 


- 


- 




j-CD 


t^ 


■* 


CO 


a-y 


- 


- 


= 


T 


T 


T 








7 


7 




t-_ 


































































„ 


(M 





^ 





_ 




















Tj< 


rf< 




1. 




f— 1 


.— ' 


'j' 


(M 


(M 


GO 








CD 


00 


00 


TC 


^ 




■^ 




.—1 


<M 


CO 


>o 


F— . 


«0 




CO 


CN 


00 


00 


CO 


CO 












^^ 


<M 


'"' 






CO 




<M 


(M 


■"■ 


^ 




öl 










•^ 


M 


... 






















CO 







+ 




+ 








^ 


,_^ 


J; 


1 




O-I 


CO 


+ 


(M 


+ 


(N 


CO 


(M 


^ 


CO 


(M 


C^ 


C- 


in 


lO 




+ 




+ 


CO 


+ 


+ 






+ 


-* 


+ 


+ 


+ 


+ 




a 






~r 




0-1 


1» 


^J 


' 


(N 


_ 


^- 


rTi 


CO 








"■^ 




^" 






+ 








■^ — 


■ ' 


d-- 





































310 Gesamintsitzung vom 7. März. 

(3.) (.•,+'•,+ •••+(•. = " 

ist. Der Clas.so (2.) der .synimotrisclioi Unippc i^ t'nt.s])riclit der sich 
.selbst assocürtc Charakter 



(4- 



in . II, • ■ • aÄ 



und mn.tiekehrt diesem Cliarakter die Classe (2.). Auf diese Art sind 
die V sicli sell)st associirten Charaktere (4.) der Gruppe §' und die 
r Classen (2.) einander gegenseitiji' eindeutig zugeordnet. Gehört R 
(h-r Chisse (2.) an, und ist T irgend eine negatiA'e Permutation, .so 
repraesentiren R und T'^RT=^S die beiden eonjugirten Classen, worin 
die Classe (2.) in der alternirentU'n (iruppe Ö zerfällt. Ebenso zerlallt 
der Cliarakter (4.) von ^' in zwei eonjugirte Charaktere von §. 

(5-) x[P) = ^.{P) + Mn^ 

wo 

ist. Dann ist für jede durch Q repraesentirte Classe von § 

(6.) ^(Q) = ^iQ) = \x{Q) 

mit Ausnahme der beiden Classen (R) und (/S). Ich habe schon in 
§ 2 gezeigt, dass diese Gleichung für die u Classen von <ö gilt- deren 
Cvklen nicht den Bedingungen (2.) genügen. Sie gilt aber auch i'ür 
2 6- -2 der übrigen Classen. Dagegen ist 

9(Ä)=.;(^ + iV), Hii)=w-y^p), 

wo 

(8.) ;. = c,C,.--C,=:A, ,^(_i)i(.-0_(_l)!("-) 

ist. 

Die cvklische Permutation C = (0 , 1,2, ... a,a+\, ■■■ 2n-\.2a) 
der Ordnung c = 2« + l wird durch die Permutation 

^jr' = (1, 2«) (2. 2«-l) ••• («,«+ 1) 
in 

(i-'CG =: (rt. 2«, 2«-l , ••• a+ 1, «, ■■• 2, 1) = C'-' 

translormirt. (i besteht aus a =^ .^ (r - 1) Transpositionen. Daher wird 
R = C^C, ■■■ C, durch eine Permutation H, die aus ^^(c-I) = |(«-.<t) 
Transpositionen besteht in H'^RH ^= 72"' transformirt. Nim sind unter 
der Voraussetzung (2) die Permutationen, die R in R'^ transformiren. 
entweder alle gerade oder alle ungerade. Daher gehören R und R~^ 
in iö 7.U derselben Classe oder zu zwei verschiedenen eonjugirten Classen, 
je nachdem £=4-1 oder -1 ist. Im ersten Falle ist </)(Ä) = <^(/r') 
reell, im anderen sind (\>(R) und ip{R~^) = -^liR) eonjugirte complexe 
Grössen. 



Frobenius: Ülier die t'liaraktere der alteriiirenden Gruppe. Hll 

■5 4- 

Dem Beweist' des oben axifgestellteii Satzes schicke ich zwei Be- 
merk im, ti'eu voraus, die für beliebige Gruppen gelten. 

1. Seien 5i und JÖ2 zwei Gruppen der Ordnungen A, und A,, die 
nur das Hauptelement gemeinsam haben. Ferner sei jedes Element 
von Öl "^it jedem von ^., vertauschbar. Dann ist Ö = ÖiÖ-^ = JÖ-^Öi 
eine Grupjie der Ordnung h^=h^K. Zerfallen die Elemente von öi 
und §2 in Ä', und /i'j ('lassen, so zerfallen die von § in A: = Ä-i^aClassen. 
Sind A^, By, ■■■ El, ■■■ (A,,. B^, ■■■ R^, ■■■) Repraesentanten der k^ (/cj 
Classen A'on §1 (Öa)» *^o repraesentiren A^A^, A^B., , A„B^ , A„B^ . • ■ R^R^ .... 
die Ar, ^„ = A- Classen von ß. Ist %i (Äj) (%2 (-^2)) eii^ Charakter von 
Öi(5..)- und ist R = R,R.,. so ist y^{R) = Z,(-ß,)X2(/?,) ein Charakter 
von ö- Setzt man für %i (Xj) '1er Reihe nach jeden der k^ (k^) verschie- 
denen Chnraktere von 5i (02)^ •''O erhält man die /i\l\ = k verschie- 
denen Cliaraktere von i3- Diese Sätze ergeben sich oluie Weiteres 
aus den Eigenschaften, durch die ich in § i meiner Arbeit über die 
Darstellung der endlirJien, Gruppen durch lineare Substitutionen. Sitzungs- 
berichte 1897, die Charaktere definirt liabe. 

2. Zwischen den Charakteren % einer Grupjie ^^ und den Charak- 
teren \1/ einer ihrer Untergruppen ® bestellt nach U. ij i (5.) die Relation 

(I.) 2;,-xW(Ä) = 4-:Si^('''(P). 

■" 9'U W 

Die positiven ganzen Zahlen r^, sind von der Classe (p ) des Ele- 
mentes R unabhängig. Die g^ in © enthaltenen Elemente P der p'™ 
Classe von § vertheilen sich auf mehrere, etwa auf m. verschiedene 
Classen von ^. Sie seien durch P, .P^.-.P,,, repraesentirt. Besteht 
die Classe von P„ aus ^ Elementen, so ist 

z a'(P) = /,ii'(P,) + /,a'(P,) + ••• + /,XP„). 

(?) 

Die Gruppe der Elemente von ®. die mit P vertauschbar sind, 
ist enthalten in der Gruppe der Elemente von .'ö, die mit P vertausch- 
bar sind. In dem Falle, den ich im Folgenden zu betrachten habe, 
sind diese l)eiden Gruppen identisch für jedes der g^ Elemente P von (S, 
die einer bestimmten Classe (p) von s3 angehören, oder jedes mit P 
vertauscldiare Element von i3 i^^t in (Si enthalten. Die Anzahl der mit P 

vertauschbaren Elemente von § i'^f 7-- <lie Anzahl der mit P„ ver- 
tauscliliaren P^lemente von ® ist 

/, = 4 = ... = /„ = 



1./ 


Daher ist 




m ' 


/' 9 
Ih ^ /„ 


9i 



312 Gesainmtsitzung vom T. März, 

und nacli (i.) 



^ 5- 

Icli wende mich jetzt zu dem Beweise der Regel, die ich in § 3 
zm* Bereclinung der Charaktere der alternirenden Gruppe § des Grades n 
aufgestellt liabe. Ich nehme dabei an, diese Regel sei für jede alter- 
nirende Gruppe Öi des Grades «1 < n bereits bewiesen. 

Ich benutze die Bezeichnungen (2.) und (3.), § 3, setze aber, falls 
n ungerade ist, s~> 1 voraus. Ich theile die n SjTnbole in die c, ersten 
und die n-c^ letzten und bilde die symmetrische und die alternirende 
Gruppe ^[, Öl und JÖa» 5*2 fiir jene c^ und füi- diese n-Ci Symbole. Ist 
c, = 1, so bedürfen die folgenden Entwiekelungen einer Modification, 
die ich ihrer Einfaehlieit halber übergehe. 

Dann ist ® = ^^ ^^ eine Untergruppe der alternirenden Gruppe Ö 
des Grades n. R^ bestehe aus einem Cyklus der c, ersten Symbole, R^ 
aus s-1 Cyklen von je c^,---c, der letzten n-c^ Symbole. T^{T^) sei 
eine bestimmte negative Permutation von ö'i (^i)- Ferner sei T'^R^ T, 
= S, und 7;-' R, T, = S,. Ist dann 

Pl=<'\, 7>2 = C'2 ••• C, , £1 = (-!)- , E.^ = (-l)- 

.so giebt es in Öi zwei conjugirte Charaktere (piiP^) und -v^iiPi) 
= (p,{T-'P,T,). wofür- 

und in $)., zwei conjugirte Charaktere (p^_(P.) und \t.,(Po» = c/)j(I!,''P, T,), 
Avofür 

ist, während für jede andere Classe (pi(Qi) = •^i(Qi) und (p^iQ^) = 4^i{Qi) 
eine rationale ganze Zahl ist. Daraus ergeben sich nach § 4 vier ver- 
.schiedene Charaktere von ®, c/),^,- ^i'^-i^ 'i^i'^i^ 'Pi'^i- ^^^ 
i?,/?j = «, Ji,.% = 8. 1\T. = 1\ 

.so ist T eine positive Permulation, und i>s ist 

T-'IiT= 8,8,, T-'8T= 8JL. Tf' NT, = 8. 

Daher vereinigen sich die beiden Classen [R^R-J und (SiS,) von ® 
zu einer Classe (Ä) von .<3, und die beiden Classen (/?,<Ss) und {<S,i?j) zu 
einer 'Classe (S), die beiden Classen {R) und (.S) aber von Ö '^ind ver- 
schieden, weil 7,, imgerade ist. 



Frobenius: Über die Charaktere der alternirenden Grupjje. B13 

Die Classe (R) kann nur solche Elemente von ® enthalten, die 
einer der beiden Classen {RiR^) oder (iS,S,) angehören. Denn jede 
Permutation P der Classe {R) besteht aus s Cyklen C^, C„. ■■■ C, von je 
Ci,c„ ■ ■■ r, Symbolen. Soll sie der Gruppe ® angcliören, so muss P := P^P, 
sein, wo Pj nur die ersten c^, P^ nur die letzten n — (\ Symbole ver- 
setzt. Dies ist aber nur möglich, wenn Pj = C^ und P„ =; €„■■■€, 
ist, weil Ci die kleinste der Zahlen c^,c.^, ■■■ c, ist, also nicht als Summe 
von einigen der Zahlen c^ .-. c;, dargestellt werden kann. 

Das ist der Grund, aus dem ich die n Symbole gerade in dieser 
Weise in zwei Abtheilungen von n^ = Cj und n^ = n — Cj Symbolen ge- 
theilt habe. Denselben Zweck erreicht man aber auch, wenn man 
n^ = Cj, «2 = c, + ("3 + ■• • +(7j setzt, und man hat dann noch den Vor- 
theil, dass nicht n^ = 1 sein kann. 

Demnach gehört P^ der Classe (R^) oder (*S\) an, und P, der 
Classe (Pj) oder (.?,). Wie oben gezeigt, sind aber nur die Combi- 
nationen 

{R) = fi?,Ä,) + {S,S,), (S) = (B,S,} + (S,B,) 

möglich. 

Die mit R vei-tauschbaren Elemente von § ^inc^ nach (i.), §1 
sämmtlich in ® enthalten. Daher giebt es einen zusammengesetzten 
Charakter (p(P) von §• ftu" <^^en 

ist. Setzt man 

F = P,P> = <^>C2---<^'s, E=^lE. = (-1) =(-1) 

und ist 4/(P) = (p(Ti'PZ) der zu (p(P) conjugirte Charakter, so ist 

q)(i?) = ü.(Ä) = U^ + Vip), 9(S) = ip{R) = tU-V^)- 

Für jedes Element Q^ von §5. das der Classe (P,) nicht angehört, 
ist (p.iQo) = (p,{Tr^QiT„). Wendet man nun die Formel (i.), § 4 auf 
das Element Q = P1Q.2 von § an, so steht rechts neben jedem Gliede 
<pARi)<PJ.Q2) auch das Glied <p,(T-'R,T,)(p,{T-'Q,Z) und die Summe 
dieser beiden Glieder ist eine rationale Zahl, die sich nicht ändert, 
wenn man Q durch T'^QT^ ersetzt. Daher ist (p{Q) = ^^iQ) eine ganze 
rationale Zahl, und dasselbe gilt für ein Element Q = QiR^ oder 

Q = Q.Q.- 

Folglich hat ö einen zusammengesetzten Charakter (p--J/ == S-, 
der die Werthe 

(I.) -(i?) = )£^, ^(S) = -i/ep, ^(Q) = o 



314 GesaiTiintsitzung vom T.März. 

hat, lalls (Q) irgend fiiio Cla.'^se ist, die von don beiden bestimmten 
conjugirten Cla.ssen (R) und (.S) vcrscliioden ist. Für jede dieser beiden 

ClasstMi ist /i = \nid mithin 
P 

i fi,^,^y=: 2/1. 

falls S-y die zu S-^ conjugirte complexc Grösse bezeichnet. Ist also, wie 
in § 2 , S-(P) =2 r, (/)*"' (P), so ist Sr^ = 2, daher sind zwei der Zahlen r„ 
gleich ±1, die übrigen gleich 0. Nun ist (p^'XE) eine positive ganze 
Zahl und ^(E) = 0. Folglich ist S-(P) die Difl'erenz von zwei einfachen 
Charakteren von Ö- Di<? beiden Charaktere ^ und vi/ von § , als deren 
Difterenz S- oben erhalten ist, können zusammengesetzt sein. Von jetzt 
an bezeichne ich mit cp und -d/ die beiden einfachen Charaktere von §, 
deren Difterenz (p — yp:=^!^ ist. 

Ist x(P) einer der u Charaktere von Ö j tli<^ <'us einem Paare asso- 
ciirter Charaktere von §' entspringen, .so i.st %(Ä) = x(N), und nach (i.) 
ist mithin 2 ^^^-^Xf' = 0. Folglich ist keiner der beiden Charaktere <p 
oder 4^ gleich 7,, sondern (p und -d/ gehören zu den 2« Charakteren vonö) 
die aus den c sich selbst associirten Charakteren von Ö' entspringen, und 
die in r Paare conjugirter Charaktere zerfallen. Der zu <p conjugirte Cha- 
rakter w ist also von ep verschieden. Ist y^ = (p + w, so ist y^iü) = y^(S) 
und mithin 2 h^ S-^y,,. = oder 2 '''. (</>;- v^j) (<^.' + 'f.) = ^ r u»<l weil (p 
\on yV und von w verschieden ist, 2 '^,'4'»'^/ = ^'- Folglich ist w = \l/, 
oder (p und 4^ sind conjugirte Charaktere. 

Das Paar conjugirter Classen {R) und {S) und das Paar conjugirter 
Charaktere (p und -^ ordne ich einander zu. Dann entsprechen nach 
(i.) verschiedenen Paaren (R), (S) verschiedene Paare (p, \I/ und um- 
gekehrt. Die Werthe eines Charakters sind ganze algebraische Zahlen. 
Daher ist yjR) ^ y^{S) = 2(p{R)-yep eine ungerade (rationale) Zahl, 
dagegen y^Q) = 2(p{Q) = 2^{Q) eine gerade Zahl. 

Um den Inductionsschluss anwenden zu können, ist bisher s >• 1 
vorausgesetzt. Ist also n ungerade, so bleibt ein Paar conjugirter Classen 
(R), (S) übrig, deren Permutationen aus einem einzigen Cyklus von 
71 Symbolen bestehen, und mithin auch ein Paar conjugirter Charak- 
tere f, 4^, deren Summe und Difterenz ich mit x und S^ bezeichne. 
Ist dann (/?), (S) irgend ein anderes Paar conjugirter Classen, und (p, vf 
ilas entsprechende Paar conjugirter Charaktere, und ist 3- =^ 'P-yp, so 
ist 2 /^&y0, = mid mithin (p(R) = (p(S) = \i/(Ä) = 4^(5). Ist also 
(Q) irgend eine von [It) und (S) verschiedene Classe, die von der con- 
jugirten ver.scliieden ist . so ist &(Q) = 0, (p{Q) = 4'iQ) = \%{Q)- Nach 
§2 i.st (p(R) = \//(.S') und (p(S) = 4^(R). Die Elemente R und P"' ge- 
hören derselben Classe an, wenn « "^ 1 (mod. 4) ist. zwei ciinJMgirtcii 



!l 



Frobenius: Über die Charaktere der alternirenden Gruppe. 315 

Chissen, wenn n^ — l (mod. 4) ist. Im ersten Falle sind daher (p(R) und 
(p {S ) reelle Grössen, im zweiten conjugirte comp] exe. Nun ist 2 h (p,' ^, = h, 
also wenn e = (-l)i('-i) = + 1 ist, h,,[<p{R,)!^(R) + cp{S)^{S)) = h, also 

^(Rf = ^ =p=z7i. Ist aber e = -\, so ist Ä^('0(Ä)S-(,S) + ^{S)^{R)\ 

= h. also ^{Rf = -p. Mithin ist S-(Ä) = j/Fp, S-(S) = -Yep und dem- 
nach gelten für diese Zuordnung dieselben Gesetze wie oben. 

Durch die Bedingung, dass y^(R) = x('S') ungerade, sonst aber 
%{Q) gerade ist, ist die Zuordnung zwischen einem Paar conjugirter 
Charaktere, deren Summe % ist, und dem entsprechenden Paar con- 
jugirter Classen (R) , (S) vollständig bestimmt, und zwar muss, wie 
oben behaujitet, y^ die Charakteristik 






haben . wenn 

Ci = 2ai + 1 , c'a = 2«2 + 1 . ■ • ■ c, = 2a, + 1 
die Ordnungen der Cyklen von i? sind. Denn nach der Formel (11.) 
§ 7 meiner Arbeit Über- die Charaktere der symmetrischen Gruppe ist 

ungerade. Damit sind die k Charaktere von Ö vollständig bestimmt. 
Entspricht die Classe (x) und die conjugirte dem Charakter x*"' 
und dem conjugirten, so ist nach der Formel (9.), §4 der eben citirten 
Arbeit und der Formel (6.), §3 dieser Arbeit 



j- =■ (2fli + l).--(2««+l) 



/(, /öl! ■••a,!n'{a„+i 



■i)y 



Nun ist 

und folglich ist 

(2 ) — 

/"' \ A(a,,---a,) 

das Quadrat einer ganzen Zahl. Das Product ü' ist nur über die j5(.5-l) 
Paare verschiedener Indices zu erstrecken. Die in y}"} auftretende 
Quadratwurzel kann daher aus 

E A , £ /( 

-j- oder ~j^ 

gezogen werden. Sie kann in Ausnahmefällen rational sein, z.B. wenn 
n ^ 9 und R aus einem Cyklus von 9 Symbolen besteht. 



316 



Über die isomeren Acetohalogen- Derivate des 
Traubenzuckers. 

^'on Emil Fischer und E. Frankland Armstrong. 



Uie von ('olley' a'oi- 31 Jalircn fiitdcckte Acetoclilort>hicosc li;ir t'ür 
die Synthese anderer Zuckerderivate eine stetig wachsende Bedeutung 
erlangt. Michael"- benutzte sie bekanntlich zum künstlichen Aufl)au 
der Phenolglucosidc, und Einer'' von uns hat gezeigt, dass sie auch 
zur Bereitung der Alkoliolglucoside verwandt werden kann. Ferner 
giebt Marciilewski an. dass er durcli Combination dieses Chlorkörpers 
mit Fructosenatriuni Rohrzucker erhalten habe, und wir haben kürzlich* 
dieselbe Verbindung, soAvie die ähnlich constituirte Acetochlorgalactose. 
für die Syntliese neuer Disaccharide vom Typus der Maltose benutzt. 
Leider mussten alle diese Versuche mit einem amorphen und stark 
verunreinigten Präparat ausgeführt werden: denn wenn auch Colley 
im Laufe seiner Arbeiten zweimal durch Zufall das Chlorid krystallisirt 
erhielt, so ist doch keiner seiner Naclilblger mehr so glücklich gewesen. 
Es war deslialb mit Freuden zu begrüssen, dass es vor ungefähr einem 
Jahre den HH. W. Königs und E. Knorr^ gelang, die entsprechende 
Bromverbindung, die Acetobromglucose . durch Einwirkimg von Acetyl- 
bromid auf Traul)enzucker krystallisirt zu gewinnen und einige ihrer 
Umsetzungen zu studiren. ^^"n• verdanken ilmen die bemerkenswerthe 
Beobachtung, dass die Bromverbindung einerseits in das j8-Methylgluco- 
sid und andererseits in die bei 134° schmelzende Pentacetylglucose ver- 
wandelt werden kann. Sie ziehen daraus den berechtigten Schhiss. 
dass sowoid die Brom- wie die betreffende Pentacetylverbindung in 
dieselbe stereocliennsche Reihe wie das /3-Methylglucosid gehören. 

Auf die Analogie zwischen (h'ii beiden Methylglucosiden und den 
Pentacetylglucosen liat der Eine'' von uns früher ausführUeh hiiige- 



' Annales rlc Cliiiiiic et de Pliysiiiue (IV) 21, 363 (1870). 

- American Chenilenl Journal 1, 305 (1879), 6, 336 (1884). 

^ K. FiscHF.n, Ber. d. D. ehem. Ges. 26. 2407 (1893). 

* Diese Berielite 1901, 123. 

^ K. Bayer. .\kad. d. Wiss. 30. 103 (1900). 

" K. FisciiKR, Ber. d. I). ehem. Ges. 26, 2404 (1893). 



Fischer und E. F. Armstrong : Acetohalogenglucosen. 317 

wiesen, und es lag auf der Hand, dass auch eine zweite isomere, der 
a-Reihe angehörige Acetohalogenglucose existiren müsse, deren Besitz 
der Synthese neue Wege eröffnen konnte. 

Es ist uns gelungen , diese Verbindungen aus der bei 112° schmel- 
zenden Pentacetylglucose durcli Einwirkung von trockenem flüssigem 
Chlorwasserstoff oder Bromwasserstofl' im krystallisirten Zustand zu ge- 
winnen. Bei gewöhnlicher Temperatur beschränkt sich die Wirkung 
des Halogen Wasserstoffs auf die Ablösung von einem Acetyl, und wenn 
man für die Pentacetylverbindung die zuerst von Ekwig und Königs' 
in Betracht gezogene Structurformel annimmt, so vollzieht sich der 
Vorgang für den Chlorkörper nacli folgendem Schema: 
/CH(0C,H3O) CHCl 

H(0CjH3 0) CH(0C,H3 0) 

H(0C,H3 0) + HC1 = C,H^O,+ CH(0C,H3 0) 

IH CH 

I I 

CH(0C3H3 0) CH(ÜC,H3 0) 

CH.lOC.HjO) CH^COC.HjO) 

Pentacetylglucose Acetochlorglucose 

Ganz die gleiche Reaction erfolgt bei der isomeren Pentacetyl- 
glucose vom Schmelzpunkt 134° und liefert die isomere Acetochlor- 
glucose, ebenfaUs sofort im krystallisirten Zustand. Dieses Product 
ist aUer Wahrscheinlichkeit nach identisch mit den Krystallen, welche 
CoLLEY unter den Händen gehabt hat. Die Anwendung von Brom- 
wasserstoff gab liier, wie zu erwarten war, dieselbe Acetobromgiucose, 
welche Königs und Knorr aus Traubenzucker und Acetylbromid er- 
hielten. 

Wir stellen die vier Producte mit den Schmelzpunkten zusammen 
imd unterscheiden sie als a- und /3 -Verbindungen: 
a -Acetochlorglucose 63 — 64°, 
a -Acetobromgiucose 79-80°, 
j8-Acetochlorglucose 73-74°, 
^-Acetobromgiucose 88-89° (Königs und Knorr). 

Die Beziehungen der /3 -Acetobromgiucose zum /3-Methylglucosid 
sind von Königs und Knorr festgestellt. Sie erhielten aus dem Brom- 
körper in methylalkoholischer Lösung durch Schütteln mit Silbercarbo- 
iiat zunächst ein Tetracetylmethylglucosid , welches durch Verseifung 
in jS- Methyl glucosid verwandelt werden konnte. Auf dieselbe Art ge- 
wannen wir aus der a -Acetochlorglucose ein isomeres Tetracetylme- 
thylglucosid, welches bei der Verseifung mit Baryt a-Methylglucosid 
lieferte. 



' Ber. d. D. clieiii. Ges. 22, 1464 (1889). 
Sitzungsberichte 1901. 24 



B18 Gesammtsitziing vom 7. Miiiv.. 

A\ ic s])ät('r auslulirlicli mitjjfctlicilt 'vvird, uclit dio \\ irkuiijj; des 
llüssigcn Halogenwasserstoffs auf die Acetylkörper recht glatt von Statten. 
Aber man ist gonötliigt, dio Gase zu condensiren und im verschlossenen 
Rohr zu arbeiten. Bei Anwendung von llüssiger Luft als Küldungsmittel 
gelingt diese Operation ausserordentlich leicht. Um aber auch ohne 
dieses nicht allen Fachgenossen zugcängliche llüll'smittel zum Ziel zu ge- 
langen, haben wir noch eine andere Methode, zunächst allerdings nur 
lui" die /3-Acetochlorglucose , ausgebildet, bei welcher die Pentacetyl- 
glucose in Acetylchlorld gelöst, dann die Flüssigkeit bei -20° mit trocke- 
ner gasförmiger Salzsäure gesättigt und hinterher in yescldosscnem Rohr 
auf 45° erhitzt wird. 

Von anderen Zuckern haben wir nur die Galactose in Form ihrer 
Pentacetvlverbindung geprüft und auch hier mit flüssigem Chlorwasser- 
stoff ein schön krystallisirtes Chlorderivat erhalten. 

Wir beabsichtigen, die neuen Halogenverbindungen in verscliie- 
dener Richtung fiir die Synthese zu verwerthen. 



/3 - A c e t o c h 1 o r g 1 u c o s e . 

i'üv die Versuche mit dem flüssigen Chlorwasserstoif sind uns einige 
kleine Kunstgriffe von Nutzen gewesen, die aucli wohl in anderen älm- 
lichen Fällen Verwendung finden können inid die wir deslialb in di(^ 
Beschreibung aufnehmen Avollen. 

S'*" reine Pentacetylglucose vom Sclimelzpunkt 134° werden in ein 
Einschmelzrohr von widerstandsfähigem Glase eingefüllt und dann 
der obere Theil des Rohrs vor der Gebläselampe stark verengt, um das 
.spätere Abschmelzen zu erleichtern. Zu beachten ist, dass der Wasser- 
dampf der Gebläseflamme nicht in das Rohr eintreten darf. Nachdem 
das Rohr in flüssige Lvift eingestellt ist. leitet man durcli den engen 
Hals mit Hülfe eines langen und nidit zu engen CapiUarrohrs einen 
ziemlich starken Strom A'on Chlorwasserstoff, welcher mit eoncentrirter 
Schwefelsäure getrocknet ist. AVenn die Capillare zu eng ist oder zn 
tief herabgeht, so verstopft sie sich leicht diu'ch Gefrieren des Gases. 
Die Salzsäure wird bei der niedrigen Temperatur sofort fest und lagert 
.sich an den kalten Wänden des Rohrs an. Wenn man aber dafür sorgt, 
dass zunächst inu- der untere Ti)eil des Rohrs von llüssiger Luft xm\- 
geben ist, so lässt sich die Menge der Salzsäure ziemlicli genau scliätzcii. 
Wenn dieselbe ungefähr 7—10" Ix'träyt. entfernt man die Capillare und 
schmilzt das Rohr an der verengten Stelle mit der Sticliflamme ab. 

Es wird jetzt bei gewöhnliclier Temperatur 15-20 Stunden auf- 
gehoben, wobei eine klare farblose Lösung entsteht, dann wieder in 
flüssiger Luft abgekühlt und nacl» dem Offnen iler Spitze an eiiicia 



Fischer und E. F. Armstroxg: Acetohalogenglucosen. 810 

ruhigen Orte frei hingestellt. Es erwärmt sich dabei durch die äussere 
Luft so allmählich, dass die Verdunstung des Chlorwasserstofls unter 
ruhigem Kochen stattfindet. Jede stärkere Erwärmung durch Wasser 
oder Anfiissen ist zu vermeiden, weil sie starkes Schäumen zur Folge 
Iiat. Als Rückstand bleibt ein farbloser dünnflüssiger Syrup. Er wird 
in etwa 25"''"' reinem Aether gelöst, mit etwa 10"" Eiswasser ge- 
schüttelt und so lange Natriumbicarbonat zugegeben , als noch starkes 
Aufschäumen stattfindet. Diese Operation, welche zur Entfernung der 
Essigsäure und anliaftenden Salzsäure dient, soll möglichst beschleunigt 
Averden. Zum Schluss Avird der Aether abgelioben, durch Schütteln mit 
wenig Chlorcalcium getrocknet und im A^acuum-Exsiccator A'ei-dvmstet. 
Zunächst bleibt dabei ein syrupöser Rückstand, der nach kurzer Zeit 
völlig erstarrt. Er wird in kochendem Ligroin (60-70°) gelöst. Beim 
Erkalten fällt zunächst ein Syrup, der aber bald, besonders beim Impfen, 
zu kleinen farblosen, meist stern- oder kugelförmig vereinigten Nadeln 
vom Schmelzpunkt 73-74° erstarrt, i o"' Pentacetylverbindung gaben 
9^'' krystallisirte Acetocldorglucose . so dass die Ausbeute nahezu quanti- 
tativ ist. 

©'^.''2005 Subst. gaben of3370 CO^ und of094S H,0. 
0'.''3864 » » o'5.''i48o AgCl. 

Bei'ocliiiet iiir C.^H.^O^Cl Gefunden 

C 45.83 Procent C 45.83 Procent 

H 5-i8 " H 5-25 » 

Gl 9.68 » Cl 9.47 

Die Krystalle sind in Alkohol. Aether, Chloroform und Benzol 
sehr leicht löslich und zeigen die A'erwandkuigen, welche für die 
rohe Acetocldorglucose bez. die krystaUisirte Acetobromglucose be- 
kannt sind. Insbesondere haben wir festgestellt, dass sie ebenso 
Avie die letztere in methylalkoholischer Lösung bei Gegenwart von 
Silbercarbonat das Tetracetyl-|5-niethylglucosid, Avelches Königs und 
Knorr beschrieben haben, liefert. Nur geht der Austausch des Chlors 
gegen Methoxyl A'iel langsamer A'on Statten als derjenige des Broms. 
Denn bei einer Lösung Aon 4"'' /3-Acetochlorglucose in 50"" Methyl- 
alkohol bei GegenAvart A-on 2''' fein vertheiltem Silbercarbonat Avar 
24-stündiges Schütteln bei geAvöhnlicher Temperatur nöthig, um die 
Reaction zu Ende zu führen. Die Ausbeute an Tetracetyl-/3-methyl- 
glucosid vom Schmelzpunkt 104-105° Avar fast quantitativ. 

Um die ;8-Acetochlorglucose ohne flüssige Salzsäure darzustellen, 
löst man 3''' /8-Pentacetylglucose in 10^'' frischem Acetylchlorid, kühlt 
die Flüssigkeit in einem am obern Theil A^erengten Einschmelzrohr 
auf — 20°. Avobei zuerst eine krystallinische Abscheidung stattfindet, 

24* 



320 Gesammtsit/.ung vom 7. März. 

leitet dann trockene Salzsäure bis zur Sättigung ein. schmilzt das 
Rohr an der verengten Stelle ab und erliitzt 25-30 Stunden auf 45". 
Nach dem Abkülilen auf — 20° wird das Rohr geölFnet und die Salz- 
säure sowie das Acetylchlorid unter stark vermindertem Druck alj- 
destillirt. Der Rückstand wird ebenso beliandclt wie zuvor beschrieben. 
Die Ausbeute ist auch hier reclit befriedigend. 

;S-Acetol»romglucose. 

Diese von Königs und Knoer" in reinem Zustand gewonnene Ver- 
bindung entstellt aus der Pentacetylglucose und flüssigem Bromwasser- 
stoß" unter den gleichen Bedingungen wie der Chlorkörper. Die Aus- 
beute ist ebenfalls fast quantitativ. Unser Präparat zeigte den Schmelz- 
pimkt 89° und entsprach auch sonst genau der Beschreibung von 
Königs und Knorr. 

o^.''202i Subst. gaben o°.''3032 CO, und o^''o838 H^O, 
o^.''2i04 » '• 0^0957 Ag Er. 



Berechnet für CijH,,e\Br 




Gefunden 


C 40.88 Procent 


C 


40.91 Procent 


H 4.62 


H 


4.61 .. 


Br 19.46 


Br 


19.36 



a-Acetochlorglucose. 

Die Darstellung l)ci Anwendung von tlüssiger Salzsäure war genau 
dieselbe wie bei der /3 -Verbindung. Wesentlich ist die völlige Reinheit 
der verwandten a- Pentacetylglucose. Aus der warmen Lösung in Li- 
gi'oin fällt der Chlorkörper beim Abkülilen zuerst als dickes Oel, Avelches 
nach einiger Zeit namentlich beim häufigen Reiben erstarrt. Ist man 
einmal im Besitz der Krystalle. so kann man neue Kryst;illisationen sehr 
rasch durch Impfen einleiten. Die reine Verl)indung schmilzt bei 63° 
und krystallisirt aus Ligroin in farblosen feinen, manchmal centimet er- 
langen Nadeln, welche für die Analyse im Vacuum getrocknet wurden. 

0'=.''20i8 Subst. gaben o^.''338o CO, und o^.'093i H,0. 
os."'2632 >• <- o".'ioio AgCl. 

Berechnet für C,4lI,,0,Cl Gefunden 

C 45.83 Procent C 45.67 Procent 

II 5-i8 « H 5.23 » 

Cl 9.68 " Cl 9.49 

» A.a.O. 



Fischer und E.F.Armstrong: Acetohalogenglucosen. 32 1 

In Löslichkeit und Verwandlunsen ist sie der /3-Vevbindung ausser- 
ordentlich ähnlich. Die Zugehörigkeit zur a- Reihe wurde durch Um- 
wandlung in das a-Methylgiucosid besttätigt. Als Zwischenproduct ent- 
steht dabei a-erade so wie in dem Versuch von Königs und Knorr das 



Tetracetyl-a-methylglucosid. 

3"'' a-Acetochlorgiucose wurden in 40"'" Methylalkohol gelöst und 
mit 2^ Silbercarbonat bei gewöhnlicher Temperatur 24 Stunden ge- 
schüttelt. Die filtrirte Flüssigkeit, welche kein Chlor mehr enthielt, 
hinterliess beim Verdampfen das Tetracetyl-a-methylglucosid als farb- 
lose Masse, welche durch einmaliges Umkrystallisiren aus ungefähr 30 
Theilen kochendem Wasser ganz rein wurde. Für die Analyse war das 
Präparat im Vadium über Schwefelsäure getrocknet. 

os.''2033 Subst. gaben 0'.''3694 CO, und o°''ii02 H,0. 

Berechnet für C,^U^,0,o Gefunden 

C 49.72 Procent C 49.56 Procent 

H 6.08 .. H 6.03 

Die Verl)indung ist in kaltem Wasser sehr schwer, in Alkohol da- 
gegen leicht löslicli. Sie krystnllisirt in glänzenden kleinen Prismen 
und schmilzt bei 100-101°, mithin nur 4° niedriger als die isomere 
Verbindung. 

Zur Umwandlung in das Methylglucosid wurde die Substanz mit 
der doppelten Menge krystallisirtcm Barythydrat in heissem Wasser ge- 
löst, ^ Stunde gekocht, dann der überschüssige Baryt mit Kohlensäure 
gefällt, das Filtrat zur Trockene verdampft und der Rückstand mit 
lieissem Alkohol ausgelaugt. Aus der alkoholischen Lösung schied sich 
beim Abkühlen das a-Methylglucosid in den charakteristischen Prismen 
vom Schmelzpunkt 165-166° ab. deren Reinheit noch durch die Ana- 
lyse controlirt wurde. 

0'.''202 7 Subst. gaben o'^.''3200 CO, luid 0'.'i3i7 H^O. 

Berechnet für C^Hj^Oö Gefunden 

C 43.30 Procent C 43.05 Procent 

H 7.22 » H 7.23 

o-Acetobromglucose. 

Bezüglich der Darstellung aus a-Pentacetylglucose imd tlüssigem 
Bromwasserstoff gilt das früher Gesagte. Es ist vortheilhaft, den Brom- 
Avasserstoff durch Überleiten über amorphen Phosphor völlig von Brom 
zu befreien. Die Verbindung wurde auch aus Ligroin umkrystallisirt. 



S22 Gesammtsitzung vom 7. März. 

Die kleinen liirblnsen Prismen sclimolzen bei 79-80° und waren für die 
Analyse im A'acunm li'etrocknet. 

of2ioo Subst. i-'aben o'^^shs CO, und o^'oSSS CO,, 
o'^''222i » >• of 1009 AgBr. 

Berecliiiet für Ci^Hj^O^Bi- Geiuiideii 

(j 40. 88 Procent C 40.84 Procent 

II 4.62 .. H 4.69 

Br 19.46 » Br 19.32 » 

Die Bromverbindung ist hier ebenso wie in der y8- Reihe etwa.s un- 
beständiiicr als die Chlorverbindung, denn beim Aufbewahren in ge- 
wöhnlichen Flasch.^n beobacJitet man schon nach etwa 8 'i'agen eine 
beginnende Zersetzung. 

Acetochlorgalactose. 

Als Ausgangsmaterial diente die einzige bisher bekainite Pentacetyl- 
galactose' vom Schmelzpunkt 142°. Die Behandlung mit flüssiger Salz- 
säure war dieselbe Avie zuvor. Die Verliindung krvstallisirt aus Ligroin 
langsamer als das Derivat der Glucose. Die Gewinnung der ersten Kry- 
stalle hat sogar 4 Tage in Anspruch genommen. Kann man impfen, so 
ist kaum ein Tag nöthig, um den aus dem Ligroin abgeschiedenen Sy- 
rup in kleine, aber schön ausgebildete, vielfach zu kugelförmigen Aggre- 
gaten vereinigte Prismen zu verwandeln. Schmelzpunkt 74-75". 

o".''2 366 Subst. gaben 0^0908 AgCl, 

o".''20i7 » » o".'"3378 CO, und oYogöö H,0. 

Berechnet für Ci^Hi^OjCl Get'uiiden 

Cl 9.68 Procent Cl 9.5 Procent. 

C 45.83 .. C 45.67 

H 5-i8 » H 5.32 .. 

Die A'er])indinig ist, wii' zu erwarten Avar, den Derivaten der Glu- 
cose sehr ähnlich. Nach der Darstellung der als Ausgangsmaterial 
dienenden Pentacetylgalactose gehört sie wahrscheinlich zur ;8-Reihe 
und ist wohl auch das Hauptproduct der rohen Acetochlorgalactose, 
welche Ry.\n und wir" aus Galactose und Acetvlchlorid darstellten. 



' Erwig n. KöN'Uis. Ber. d. D. clieni. Ges. 22. 2207 (1889). 
' Diese Berichte 1901, 123. 



323 



Über die Verbrennungswärme einiger Glucoside. 

\"oii Emil Fischer und Dr. W. von Loeben. 



(Vorgetragen am 28. Februar [s. oben .S. 2(57 



Jjei der Synthese der Glucoside aus Zucker und Alkohol hei Gegen- 
wart \on wenig Salzscänre entstehen, wie frülier nachgewiesen wurde, 
zwei isomere Formen, welche als a.- und /3-Verhindung bezeichnet 
wurden, und ausserdem ein drittes Product, welclies wahrscheinlich 
das Acetal des Zuckers ist.' Alle drei Substanzen werden durch wässe- 
rige verdünnte Salzsäure sehr leicht in Alkohol und Zucker gespalten. 
Ferner konnte nachgewiesen werden , dass jedes dieser Producte unter 
den Bedingungen, unter denen es selbst entsteht, aucli th eilweise in 
die beiden anderen verwandelt wird, so dass also schliesslich immer 
ein Gleichgewichtszustand zwischen den drei Körpern, dem Zucker 
und dem Alkohol eintreten muss. Diese Erscheinungen erinnern an 
die liekannten Phänomene bei der Esterbildung und der kürzlieh von 
Delkpine" ausführlich studirten Bildung der Acetale. Um diese Ana- 
logie weiter zu verfolgen, schien es uns nützlich, den Verlauf der 
Reactionen thermisch zvi untersuchen. Wir haben dafür die schön kry- 
stallisirenden Methylglucoside gewäldt und nicht allein die Derivate 
des Traubenzuckers, sondern auch diejenigen der Galactose und Man- 
nose zum Vergleich herangezogen, um den Eintluss der Stereoisomerie 
auf die thermischen Eigenschaften gleichzeitig zu prüfen. Da ferner 
von den natürlichen Gkicosiden keine thermischen Daten bekannt sind, 
so wurden noch .Salicin und das nahe verwandte Helicin zugefügt. Die 
Bestimmungen sind nach der ausgezeichneten Methode von Bekthelot 
ausgeführt. Der Wasserwerth der Bombe und des Calorimeters war 
mit reinster Benzoesäure (6322.0 cal pro Gramm)^ festgestellt und durch 
Rohrzucker, bei dem der Mittelwerth zwischen den Bestimmungen von 
.Stohmann und Berthelot benutzt wurde, controlirt. 

Die Einrichtung des Arbeitsraumes und die Ausfülirung der Be- 
stimmungen geschali unter den von Bekthelot und Stohmann ange- 
gelx'nen Vorsichtsmaassregeln. Als grö.sste erlaubte Fehlergrenze wiu-de 

' K.Fischer, Ber. d. D. ehem. Ges. 28, 1145 (1895). 

- Compt. rend. 131, 684 und 745, ferner 132, 331 (1901). 

^ Berthelot und Longinine, Ann. chini. [6j 13. 330. Stohmann, Journ. pract. 
Chemie 40. 128. Verp;!. Berthelot, Thermochimie II, 549. Mit dem dort angegebenen 
^littelwcrth würden die späteren Zahlen für Verbrennungswärmen etwas anders werden. 



324 Gesainiiilsit/.iing vom 7. Mäiz. — Mittlieilung vom 28. Februar. 

bei mehreren Bestimmungen mit dcriselben Substanz eine Differenz von 

lo cal pro Gramm angenommen. Als Beisi)iel für die Ausführung 

der Operationen , die Art der Correctionen und der Berechnung wollen 

wir füi- das cc-Methylglucosid die au.sführlichen Daten anführen. Wasser- 

Averth des Calorimeters 2 856^^ 

I II 

V — 0?OOIO — 0?002 6 

v' +0?0026 o?ooio 

T i6?92i i6?o82 

t' i8?468 >7°7 76 

^>/> 55-184 53-05' 
)( 4 MiiiuteJi 4 Minuten 
I7?697 17^780 

2 

SAf -i-o?oo8 +o?oo2 

>„ i8?473 i7°7 74 

^0 i6°9i3 i6?074 



DiiTerenz i?s6o i?70o 

I II 

Producirte Wanne 4455 cal 4855 fa' 

Correctur für Eisen 11» 1 1 ■ 

~ Salpetersäure 10 - 11 » 

Substanzmenge i''.'oi67 1^.1071 

Verbrennungswärme pro Gramm 4361 » 4365 •■ 

Verbrennung im Mittel 43^3 cal. 

Die Zeichen beziehen sich auf die Formel zur Correctur der Strah- 
lung von Regnault und Pfaundlkr. 

^ A^ = nv + ~ 1 2l^S-„+ -^ — nrU 

wobei 71 die Minutenzald des Hauptversuches, v und v' das mittlere 
Fallen des Thermometers pro Minute in Vor- beziehentlich Nachver- 
such, T und t' die mittleren Temperaturen des Vor- und Nachversuches 
und 9- die Temperaturablesung am Ende jeder Minute des Hauptver- 

SUCneS sind. Verbremmngswärme 

,,, , , i)ro Gramm 

,, , Molecular- ' , 

^"'™e' gewicht 1 II Mittelvverth 

ß-Mothylglucosid C^Hi^Og 194 435' cal 4360 cal 4355 cal 

a-Mctliylgalactosid Cjll.^Oe 194 43^4 " 433' " 4327 " 

Metliylmannosid C,H,^06 194 4343 " 4343 " 4343 " 

Salicin C.jH.gO, 286 5330 - 5320 - 5325 . 

Heiirin CjjH.öO, 284 521 1 » 5216 ■■ 5213 - 

Molcculare 
Vorbrenmnigswärmc 



Bildungswärnie 



Const. Vol. Const. Druck CDiam.+ Hcas + Ooh 

o-Metliylglucosid 846.4 Cal 846.7 Cal 296.5 Cal 

ß-Mcthylglucosid 844.9 • 845.2 ■■ 298.0 . 

a-Mctliylgalactosid 839.4 » 839.7 - 303.5 - 

- Methylmannosid 842.6 ■ 842.9 » 300.3 - 

Salicin '523° " '523-6 ■ 3^3-4 - 

Helicin 1480.5 - 1480.8 - 297-2 » 



Fischer u. W. von Loeben : Über die Verbrennungswärme einiger Glucoside. 325 

Bei ,S-Methylglueosid, Methylmannosid und oi-Methylgalactosid 
wurde zum Zünden eine genau gewogene Menge Benzoesäure (etwa 
o-''03) zugesetzt und die erzeugte Wärmemenge in Abrechnung gebracht. 

Bezüglicli der Präparate ist Folgendes zu bemerken: das /3-Methyl- 
glucdsid enthält Krystallwasser, welches bei geAvöhnlicher Temperatur 
auch im Vacmun nicht entweicht. Da das Präparat schon bei ioo° 
sintert, so wurde es bei 80° im Vacuum über Phosphorsäureanhydrid 
bis zur Gewicht sconstanz getrocknet. Die Operation nahm aber mehrere 
Tage in Anspruch. Da die wasserfreie Substanz bisher nicht analysirt 
worden ist, so wollen wir hier die erlialtenen Zahlen anführen: 

0"."'2242 gaben o=.''3559 CO, und o".'i457 H^O 

Bereclinet filr Cjn,,Og Gefunden 

C 43 30 Procent C 43.29 Proceut 

II 7.22 « H 7.23 

Beim ^-Methylgalactosid, welches ebenfalls das Krystallwasser ziem- 
lich liartnäckig zurückhält, wurde das gleiche Verfaliren zum Trocknen 
angewandt. Die üljrigen Präparate sind bei 100° getrocknet, und ihre 
Reinheit ist jedesmal durch die Elementaranalyse controlirt worden. 

Der Einfluss der Isomerie ist bei ül- und /3-Methylglucosid ver- 
schwindend klein, denn die Differenz zwischen den molecularen Ver- 
brennungswärmen beträgt nur 1.5 Cal und liegt mithin innerhalb der 
Feldergrenzen der Methode. Dagegen ist die moleculare Verbrennungs- 
wärme des i:t-MethylgaIactosid um 7 Cal kleiner als die des i:^-Methyl- 
glucosid. Die Abweichung entspricht fast genau derjenigen zwischen 
Glucose und Galactose, welche 7.3 beträgt, wenn mau für den ersten 
Zucker den von Berthelot und Recoura' gefundenen Werth 677.2 Cal 
\md für Galactose die von Stohmann"^ angegebene Zahl 669.9 einnimmt. 
Diese Beobachtung steht in Übereinstimmung mit der Erfahrung, dass 
die Galactose im Allgemeinen ein stabileres System ist als der Trauben- 
zucker. Die Verbrennun,i;swärme des Methylmannosid liegt ungefähr 
in der Mitte zwischen den beiden anderen. 

Nimmt man für Methylalkohol den von Stohmann'^ und Langbein 
ermittelten Werth i 70.6 Cal und für Glucose, beziehentlich Galactose 
die schon oben benutzten molecularen Verbrennungswärmen an, so 
ergiebt sich , dass die Reaction CJI^O^ (fest) + CH,0 (tlüssig) = C, H.^Og 
(fest) + H3 (tlüssii-) folgenden thermischen Effect hat: 
bei a-Methylglucosid +1.1 Cal 
» /3- ' '.. +2.6 .. 

» oi-Methylgalactosi(l + o.8 » 

■ A. Ch. |6| 13, 304. 
'■' J. pr. Cliem. 45, 321. 
^ J. pr. (^hem. 40, 343. 

Sitzungsberielite 1901. 25 



326 Gesnminfsit/.uiif' vom 7. Mär/.. — Milllicilunx vom 28. Februar. 

Ferner würde S!)li<'iii nach der Gleiehuns: 

C,H„()-»-(;,IIsO = (',311,30, + H.() — 0.4 (■■•il 

Gluiose S:iligeiiin Snlirin 

eiit.stclieiJ. weini innii für S;ilii;cniii und C41ucosc die xon Hk.h 1 iiki.ot 
gegebenen Wertlie 846.0 vind 677.2 einstellt. 

Endlich ergieht .sicli mit dem von Bkkthelot für Salieylaldcliyd 
ermittelten "W'erth (807.6)' die Bildungswärnie des Ilelicin.s aus Ghicose 
und Salievlaldehyd zu +4.o('al. Die Diflerenz zwischen Helicin und 
Salicin ist 42. 8 Cal, während die zwischen Salicylaldehyd und Sau- 
gen in 38.4 Cal beträgt. 

Man ersieht daraus, dass die Bildung der Ghicoside ebenso wie 
die der Acetale nur .sehr geringe thermische Veränderungen ]ier\or- 
ruft, was mit der oT)en erwähnten Erfahrung, dass der Process leicht 
umkehrbar ist, in Übereinstimmung stellt. 

Schlies.slich haben wir noch anhangsweise den Triacetonmannit" 
untersucht, mit folgenden Resultaten: 



Forme 



rl)reiiiiuiigswärme 
|jro Graiiiin 



Molecuhii- _ 
gewicht I 11 Mittelwertli 



Triacetoiiiiianiiit t'ijHjsOg 302 6633 ral 6633 ral 6633 eal 

Moleculare Bildungswärme 

\ erbrennuiigswaniie ° 



Coiist. Vol. Cüiist. Dnidv Cj)ia„, + Hei,,s+ O,;^, 

Triacetoiiinaiiiiit 2003 Cal 2005 Cal 306.6 

Mit den Werthen für Mannit 7 28.5'' und Aceton 426.9^ l)crcchnet 
sich die Bildungswärme des Triacetonmannit aus drei Molekülen Aceton 
vmd einem Molekül Mannit zu +4.2 Cal, ein Werth, der auch nahe 
an der Grenze der Versuch. sfehler liegt. Das entspricht wiederum 
dem äusserst leichten Zerfall der Verbindung in die Componenten imd 
steht auch in Übereinstimmung mit der Beoliachtung Delkpine's über 
die sehr geringe Bildungswänne der Acetale mehrwerthiger Alkohole. 



' Berthelot, Tiiermocliimie II, 524. 

^ Ber. d. D. ehem. Ge.s. 28, 1 167. 

3 A. eil. 16] 10, 456. 

* Goinjit. reiicl. 130, 1049. 



Ausgegeben am 14, M&r/.. 




SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN. 



XIV. XV. 



14 März 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav rc^liiiiissi^ DoiiiuTslajrs acht Tajje nach 
jeder iSilzillisr. Öie sämmtlichen zu einem KJcndcr- 
j.ihr geliörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlnnfendcr Paginining. Die einzelnen Stücke erhalten 
aiissei-dein eine durch den Band ohne Unterschied der 
Katocorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nnmmer, und zwar die Bericlite über Sitzungen der physi- 
kalisch -mathimatisclien Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Obersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten Bbei'- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, imd zwar in der 
Regel zuerst die in <ler Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig Obergcbenen, dann die. wclclie in früheren 
Sitzungen mitgctlieilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken niclit ei-scheinen konnten. 



Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Seeret.ar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Sccretar fülut die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenscliaftlichen Arbeiten. 

1. Für lue Aufnahme einer wissenscli.aftlichcn Slit- 
theilung in die Sitzimgsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mitthellnng darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfiissern, welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nacli ausdrüeklieher Zustimmung der Gesammtak.a- 
demir oder der betreffenden Cla^e statthaft. 

3. Abf;enlieQ von einfaclien in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildtuigen auf durchaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der S.atz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen . wenn die Stöcke der in den 
Text cinzuscli.altenden Holzschnitte fertig sind und vini 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erfoi-derlielie 
Aufl.age eingeliefert ist. 

§7. 
1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Jlittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes andenveitig, sei es aucli 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese andenveit früher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies n.acli den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammtakademie oder der betreffenden 
Cl.TSse. 

§8. 

5. Auswärts werden CoiTecturen nur auf besonderes 
A''crlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach aclit T.agen. 

§11- 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittheilungen« abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umseldag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahresz.ahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Slittheilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis ziu- Zahl von noch ziveiliundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung .abzielien zu lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigirendenSecre- 
tar Anzeige gemacht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufnalime in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung miiss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Aliwesende Jlitglieder, sowie .ille 
Niclitmitglieder, haben liierzu die Vermittelung eines ilu-em 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Blitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Sccretar selber oder dnrch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittlieilungen , deren Verfasser der 
Akademie niclit angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stit. §41,2. — Für die Aufnahme hed.arf e» 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Ak.ademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.) 



1. Der redigircnde Sccretar ist für den Inhalt de» 
gescliäftlichen Tlieils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die d.arin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantivortlieli. Für diese Wie 
fiir alle übrijrcii Thoile der Sitzniifirsbericlite sind 
iiiicli jeder Itiohtun^ nnr die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre •Sitzungsberichte' an diejenipen Stellen, mit denen »ie im Sc/trijiverkehr steht, 
trofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart trird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Htilße des Monats Mai, 
• • • Mai bix Juli in der ersten Hiilße de« Monats August, 

• • October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



327 

SITZUNGSBERICHTE i90i. 

XIV. 

K()NIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

14. März. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

*1. Hr. MöBius las: Über die äusseren Lobensverliältnisse der 
arktischen und subarktischen Pantopoden oder Meerspinnen. 
Von den 52 bekannten Arten sind 23 rein arktisch. Sie leben in Wasserschicliten 
mit gleichmässig' kalter Temperatur, nahe 0° C. Die übrigen Arten können grössere 
Teinperaturschwankungen ertragen und sind dabei" über arktisclie und subarktische 
Meergebiete verbreitet. 

2. Hr. Helmekt L'is: »Der normale Theil der Sclnverkra ft 
im Meeresniveau«. 

Die Anzahl der Orte, wo die Intensität der Schwerkraft durch relative Pendel- 
messungen bekannt ist, hat sich in den letzten Jahren ungemein vergrössert. Nach- 
dem es auch gelungen ist, die verschiedenen Messungsreilien in gute Verbindung mit 
einander zu bringen , wird es möglich sein , genauer als bisher die Grösse der Schwer- 
kraft auf der Erdoberfläche als Function des Ortes zu bestimmen. Verfasser giebt zu- 
nächst eine vorläufige Untersuchung für den normalen Theil, der sich aus Festlands- 
und Küstenstationen fast genau übereinstimmend findet. 

H. Hr. C. Klein legt vor: E. Esch: Der Vulcan Etinde in 
Kamerun und seine Gesteine. II. (Ersch. später.) 

Die Arbeit bildet den Schluss der früher erschienenen. Es werden hier die 
N'ephelinite mit ihren nach mehreren Zwillingsgesetzen aufgebauten Nephelinen von 
triklinem Charakter besprochen , andere besondere Einsprengunge erwähnt und die 
Gesteinssti'uctur erörtert. 



* erscheint nicht in den akademischen Schriften, 
sberichte 1901. -26 



328 



Der normale Theil der Schwerkraft im Meeres- 
niveau. 

Von F. R. Helmkkt. 



Als Bericlitcr.stntter über die Messunti'en der Sclnverkraft auf'der All!>:e- 
meinen Conferenz der Internationalen Erdmessuni>' zu Paris im September 
1900 Iiabe ich eine kritische Zusammenstellung aller mir zugänglichen 
Ergebnisse der Beobachtungen mit Pendelapparaten für relative Seh vvere- 
mcssungen angefertigt, wobei wohl der grösste Theil des im 19. Jahr- 
hundert auf diesem Gebiete gewonnenen Materials berücksichtigt sein 
dürfte. 

Bekanntlich stellt sich derartiges Material in der Form von relativen 
Bestimmungen der Beschleunigung </ der .Schwerkral't für einzelne Reihen 
von Stationen dar. Zur Verwerthung desselben ist die Verbindung der 
Reihen untereinander wesentliche Voraussetzung, damit alle Bestimmun- 
gen auf ein einlieitliches System reducirt werden können. Diese Ver- 
bindung der Reihen wurde in den letzten Jahren so gefordert, dass es 
nunmehr möglich ist. die Hauptmasse der Bestimmungen zu vereinigen 
und gegen 1400 Wertlie von g der Benutzung für Untersuchungen über 
die Grösse der Schwerkraft auf der Erdobertläclie als Function des Ortes 
zugänglich zu machen. 

Da die Drucklegung- der »Verhandlungen der Allgemeinen Conferenz 
der Internationalen Erdmessung zu Paris, 1900«, in die mein Bericht 
aufgenommen wei-den soll, nicht vor dem Sonmicr tl. J. beendet sein 
wird, und da sich auch die nachher in Aussicht genommene genauere 
Zusammenfassung' aller Bestimmimgen und ihre eingehendere Discussion 
längere Zeit hinziehen dürtle, so habe ich mich entschlossen, einige vor- 
läufige Rechnungsergebnisse fiir den ndrmalen Theil der Seliwerkraft im 
Meeresniveau mitzutheilen. 

Den Rechnungen liegen nur Wertlie von r/für Festlandsstationen und 
für Küstenstationen zu Grunde, wälirend Inselstationen — genauer ge- 
sprochen: .Stationen auf kleinen Inseln in tiefem Wasser — nicht bc- 
mitzt sind. <la dieselben erfahrungsmässig erliebljcli zu ii;ross(^ ^Vertlll• 
\iin // aufweisen, wclclier linstanil auch (hircli das ('()udensations\cr- 
falireu nicht ganz zu brscili.ucn ist. 



Helmert: Der normale Theil der Schwerkraft im Meeresniveau. 329 

Die in der Meeresliöhe H beobachteten g sind entsprechend dem 
soeben genannten A^^rf'ahren aufs Meeresniveau so reducirt, als befänden 
sidi ausserhalb des letzteren keine Massentheile des Erdkörpers: be- 
kanntlicli entspricht diese Reductionsweise auch dem Ausdruck für die 
Abhänii'ii^keit der Beschleunin'unii' g von H, welchen a'on Sterneck aus 
zaldreiclien Messun,i>ser,i>ebnissen ab,i>eleitet hat.' Stationen auf holien 
Berggipfeln, die auch systematiscli Iteeinllusst sind, habe ich aber aus- 
geschlossen. 

Als Küstenstationen wurden, wie bei meiner Berechnung von 1884 
in den «Theorien der höheren Geodäsie, 11« nur solche Stationen ange- 
sehen, die sich in der Nähe des steilen Abfalls der Meeresküste befinden: 
Stationen, die weithin Aon Flachsee umgeben sind, wurden als Fest- 
landsstationen betrachtet. Anstatt die strengere Reduction der Küsten- 
stationen nach dem Condensationsverfahren anzuwenden, begnügte ich 
mich für diese vorläufige Untersuchung damit, die Werthe Yon g einfach 
um eine C'onstante zu vermindern. Ich achtete aber darauf, ob im Mittel 
der Stationsgruppen, von denen weiterhin die Rede sein wird, auch die 
örtlichen Verhältnisse genügend gleich sind, was in der That der Fall 
ist. Bei der beabsiclitigten definitiven Berechnung wird aber das Con- 
densationsverfaliren genauer durchgeführt Averden, weil nur dadurch 
der besonderen örtlichen Lage Rechnung getragen werden kann. 

Alle Werthe g sind auf das «Wiener Sy.stem« reducirt, d.h. auf die 
gebräuchliche Annahme für g im Militär- Geographisclien Institut zu 
Wien, die nach Maassgabe der absoluten Bestimmung der Grösse der 
Schwerkraft durch von Oppolzer erfolgt ist. 

Als Ausgang der Rechnung diente meine Formel von 1884, wo- 
nacli der normale Theil der Beschleunigung der Schwerkraft im Meeres- 
niveau in der geographischen Breite <p gleich ist 

1 7o = 9 7 8"."ooo ( I + 0.005 3 1 o sin= <^) | , 

7o = 980 597 (I 0.002648 cos 2(/)). ) 

Die Abweichungen der wegen 11 reducirten g von 7o, die ich mit 
_f/o — 7o oder A^ bezeichne, wurden i'ür die Zonen zwischen den Parallel- 
kreisen von 0°, 10°, 20° . . . 80° Breite gemittelt. Bei dieser Mittel- 
bildung wurden zunächst Festlands- und Küstenwerthe getrennt be- 
handelt: der Unterschied der nördlichen und südlichen Erdhälfte ist 
aber nicht beachtet. 

Die Mittelliildung erfolgte im Allgemeinen nicht unmittelbar aus 
allen Einzelwerthen , sondern in solcher Weise, dass die Mittel möglichst 
auch dem Idealfalle entspreclien sollten, wo die Stationen gleichmässig 

^ Jüttlieilungen des Kaiserl. und Künigl. Militär- Geogr. Institutes. XVII. Wien 
1898. S. 108. 

26* 



liHO Sitzung der physikalisch -mathematisclien Classe vom 14. ^lärz. 

auf der Übertlächc vertheilt .sind. Innorhalb jeder Zone -wurde dalior zu- 
nächst in der Regel nach Ländern oder Regionen gemittelt und unter 
Um.ständen nochmals nach Erdtheilen. Um die Willkür einzuschränken, 
jiabc ich in Zweifelsfallen auch in verschiedener Weise gerechnet und 
die gefundenen Gesannntmittcl nochmals gemittelt. Auch habe ich 
die Rechnung wiederliolt ausgeführt. Für genauere Rechnung wird 
man zunächst die Beträge der mittleren localen, regionalen und conti- 
nentalen Abweichungen abzuleiten haben, um danach geeignete Ge- 
wichte für die Mittelbildung ansetzen zu können. Indes.sen sind auch 
meine vorläufigen Mittel brauchbar. M'ie die Ül)ereinstimmung der 
Zonenwerthe zeigt. 

Die folgende T'bersicht giebt die A^ für die genannten Zonen 
in Tausendstel -Centimetern, zunächst getrennt für Festland (F) und 
Küsten (Ä'), dann noch gemittelt. In Klammern beigesetzt sind Ge- 
Avichte, die der Art der Mittelbildung entsprechen und im Allgemeinen 
kleiner sind als die Anzahl der benutzten Einzelwerthe. Diese Ge- 
wichte kamen zur Verwendung bei der Bestimmung des Unterschiedes 
K — F sowie bei der Mittelbildung aus F und K. Bei der weiterhin 
folgenden Ausgleichung jedoch erhielten alle Zonenwertlie gleiches (tc- 
Avicht I. Flu- K — F ergab sich o°°036. 

Abweichungen Ar/ in Tausendstel-Centimetern 
eegen die Formel von 1884. 



Mittelbreite 


F 


/r-36 


Gesainnitmittel 


5° 


45 (3) 


54 (21) 


53 (24) 


15 


43 (8) 


45 ('7) 


44 (25) 


25 


17 (12) 


24 (14) 


21 (26) 


3S 


41 (30) 


47 ('6) 


43 (46) 


45 


42 (54) 


3S (15) 


41 (69) 


SS 


48 (54) 


28 (10) 


45 (64) 


65 


30 (2') 


27 (12) 


29 (33) 


75 


20 (5) 


44 (7) 


34 (12). 



Bei der Ausgleichung nach der Methode der kleinsten Quadrate 
wurden zunächst nicht nur Verbesserungen der beiden Constanten der 
Foi-mel von 1884 bestimmt, sondern es wurde auch noch eine Kugel- 
function 4. Ranges mittelst eines in sin' 2^ multiplicirten Gliedes be- 
rücksichtigt. 

Die F allein geben: 

^ \ I 4- 0.005296 sin'c^) + o.ooooio sin'2(/) i 

,„ = 978-036^ ±14 ±14 ^ (2) 

® = 980.636, \i-r\ = S03. .1/ = ±13. 

Hierin sind die mittleren Fehler der ('«lefficienten von sin'«/) und 
sin'2(/) mit ± beigefügt; ® ist der Werth in 45° Breite, |tu'J die Quadrat- 
summe der Verbesserungen, M der mittlere Fehler einer Gleichung. 



Helmert: Der normale Tlieil der Schwerkraft im Meeresniveaii. 331 

Die (K — 36) allein gelien: 

\IH- 0.005 ;o2 sin'd) — o.ooooi^ sin'2d)/ 
7„ = 978""o49 , ^ , ^' 

^' ^^/ ±12 ±12 \ (3) 

© = 980.629. |tui| = 577. .¥ = ±11. 

Die Gesammtmittel von F und (Ä' — 36) geben: 

U +0.005^00 sin' (/) — 0.000002 sin'20/ 
7„ = 978"."044 , i , 

' ±13 ±13 ^ (4) 

(8 = 980.634. |t;r| = 638. .¥=±11. 

Da der Coefficient von sin^2(/) nur ganz unsicher herauskommt, 
so habe ich noch eine andere Berechnung bewirken lassen, Avobei 
ich denjenigen Werth dieses Coefficienten einführte, den E. Wieciiekt 
und G. H. Darwin bei Annahme hydrostatischer Schichtung der Erd- 
masse fanden. Obwohl die Voraussetzungen über das Dichtigkeits- 
gesetz im Erdinnern bei beiden Autoren wesentlich verschiedene sind, 
erhalten sie doch nahezu denselben Betrag des Coefficienten : Wiechert 
sehr nahe — 0.000007, Darwin — 0.0000074.' 

Die F allein geben nunmehr: 

\H-o. 005301 sin'c/) — 0.000007 sin'2(/) 



© = 980.629. fyy| = 1082. Jf=±i. 

Die (Ä' — ^6) allein geben: 



Tc = 978'"047 



\\ +0.005300 sin'(^ — 0.000007 sin'2(/) / 

±11 ( (6) 

©=1980.632. |r?;| ^ 620, Jf^zbio. 

Die Gesammtmittel von F und [K — 36) geben: 

^\i + 0.005 ;o2 sin'i/) — 0.000007 sin'2c/)/ 

© = 980.632. |rr| = 689. J7 = zhii. 

Die Einführung des Werthes — 0.000007 für den Coefficienten 
von sin^2<^ erscheint insofern nicht ungünstig, als einestheils der 
mittlere Fehler M einer Gleichung dadurch im Ganzen etwas vermin- 
dert wird und anderntheils die I^bereinstimmung der Ergebnisse für 
Festland und Küsten sich erhöht. Beachtenswerth ist aber, dass bei 



' E. Wiechert, Über die Massenvertheilung im Innern der Erde. (Naclir. d. K. 
Ges. d.W. 7.11 Güttingen. 1897.) G. H. Darwin, The Theory of the Figure of the 
Earth carried to the second order of small quantities. (Monthly Notices of R. .\. .S. 
London. Dec. 1899.) 



332 Sitzunji; der ])liysiUalisi'li-niatli('inatisclieii t'lnsse vom 14. März. 

beiden Reclinuiiiis.'irtcn die (Jesammtinittel kein weseiitlicli kleineres M 
aufweisen als die /' und K allein. Dies deutet auf die Anwesenlieit 
ref>ionaler und eontincntaler Störungen hin. Sehon 1)ei der Mittel- 
bildung für die Zonen hatte ich den Eindruek hiervon, besonders bei 
den FestlandsAverthen: ich hatte von Haus aus auch melir Vertrauen 
zu den Küstenwerthen. Diese besitzen in der Tliat liir sieh allein 
sogar noeh eine bo'ssere Übereinstinnnung in sich als die (resaunnt- 
mittel, indem ihr 3f etwas kleiner ist als bei den letzteren. 
Bringt man (7) auf die Form: 

7o = 98o'l"632Ji — 0.002644 cos 2 (/) + 0.000007 cos'20j, (7*) 

.so zeigt die Vergleichung mit (i), da.ss der Avesentlichste Unter.schied 
der alten und nmien P^rgebnisse fiir 7,, in einer Erhöhvmg der llaupt- 
constanten ® bei den letzten um o''I"o35 besteht. Dies beruht aber 
nur darauf, dass verschiedene absolute Bestimmungen zu Grunde liegen. 
Wie ich schon in diesen »Sitzungsberichten«, 1896. S. 409 angegeben 
habe, muss 7^ aus (i) zur Rcduction auf das «Wiener System« die 
Verbesserimg 

+ o":"035 (I*) 

erhalten, mit welchem Betrag also das Ergebniss der neuen Unter- 
suchung zufallig genau übereinstimmt. 

Die nachfolgende Übersicht giebt die abgerundeten A\'ertlie der 
Verbesserungen der Zonenwerthe in den verschiedenen Fällen. Icli habe 
in dieselbe auch die der Formel (i) entsprechenden AVerthe von 1884 
(«Theorien« II, S. 240) mit aufgenommen. 

A' e r 1) e s s (> r u 11 !>■ e n i n T a u s e n d s t e 1 - ( ' e n t i m e t e r n : 





1884 


V. 


fMla, 


kI 


Kiis 


teil 


Gcsamintiiiiitel 




(1) 


(21 




(5) 


•31 


(6) 


(4) 


(7) 


5 


-14 


- 9 




— 2 


— 5 


— 7 


- 9 


— 7 


'5 


— 5 


■~ 5 




— 2 


+ 


— I 


— I 


— 


25 


+24 


+23 




+21 


+ 16 


+ '7 


+20 


-1-20 


35 


— 1 







~ 7 


— 12 


— 10 


- 4 


- 6 


45 


— 2 


- 3 




— 10 


- 6 


- 3 


— 4 


- 6 


55 


- 7 


— 1 2 




-17 


+ 4 


+ 5 


— 9 


— 1 1 


65 


+ 6 


+ I 




+ 3 


+ 8 


+ 8 


+ 6 


-1- 7 


75 


— 4 


-»- 6 




+ '4 


— 6 


- 8 


-t- I 


-♦- 3- 



Auffallend ist liierin besonders die Abwcichunu' liei 25°: lici der 
Rechnung von 1884 nahmen hier an der Mittelbildung Theil : 9 Werthe 
aus Vorderindien und 2 aus America: jetzt sind Innzugetreten: i 8 Sta- 
tionen von der Küste des Kotlien ^Meeres, i Station aus Ostasien. 
4 Stationen aus ^^'estafrica und 4 aus America. Alle diese Orte, mit 
Au.snahme derjenigen in Westafrica, haben vorlierrschend kleine Seliwer- 
kraftswerthe. Näher auf die Anomalien einzugehen, ist mir jedocli 
zur Zeit nicht möglich. 



Hewiert: Der normale Theil der Sclnverki'aft im Meeresniveau. 333 

Um erkennen zu können , Avie die einzelnen Zonenwerthe auf die 
Constanten der Formeln (5). (6) und (7) einwirken, habe icli noch 
tbl.nende Relationen zwischen den Änderungen ^g der Zonenwerthe 
und den entsprechenden Änderungen der Constanten abgeleitet. Hier- 
l)ei ist b der Coefficient von sm'ip und g„ der Werth A^on 7^ fiir 4>^o. 

Sg„ ^ + o. 3 5 (5V/, +0.32 S(/,. + 0.26 Ä(/,, + o. 1 8 ^f/jj 



•0.09^^^, + 0.01 ^g,- — o.oj ^gf,. — o.i3(5V/,, f 
I o'Sb = — o. 5 2 (5(7, — 0.45 Sg,. — o. 3 I Sg,. — o. i 3 Sg^, 1 
+ 0.0-J Sg^. + o.2H^g^. + o.^6^g„. + o.^gSg... ' 



(8) 



Hiernach entspricht der Abweichung bei 25° in allen Fällen ein 
Sb von etwa 6 Einheiten der 6. Decimalstelle. und zAvar würde b um 
so viel kleiner werden, wenn man g,. um 0.020 verbessern wollte 

Die Formel (8) gestattete mir auch zu erkennen, dass die An- 
wendung genauerer C'ondensationsreductionen bei den Zonenwerthen 
tiir die Küsten die Coefficienten b in den Formeln (6) und (7) nur 
mn wenige Einheiten verändern und zwar vergrössern dürfte. 

3Ian kann auch noch den Einfluss einer Ungleichheit der nörd- 
lichen und südlichen Erdhälfte schätzen. Iavanow fand in g ein Cxlied 
3. Ranges: 

— o'!"oi6 ( sin(/) — ' sin't/) 



angedeutet.' Dieses würde bei den vorliegenden Rechnungen dadurch 
zur Geltung kommen, dass die beobachteten g auf der nördlichen ¥a-(\- 
hälfte überwiegen. Nimmt man als Extrem an, es fehlten auf der 
südlichen Erdliälfte beobachtete g ganz, so Avürden die der nördlichen 
eine Verbesserung gleich dem negativen Betrage dieses Gliedes be- 
dürfen, um sie A^im Eintluss der Ungleichheit der Erdliälften zu be- 
freien. Damit würde ^b = — 0.000012. Aus den Küstenwerthen allein 
wird wegen der vorhandenen Südstationen der Betrag nur etwa halb so 
gross, für Formel (7) aber nur wenig Icleiner. Wenn er reell wäre, so 
verdiente er Berücksichtigung. Indessen ist der Coefficient des Gliedes 
sehr unsicher, und Iwanowas Rechnung fülirt auch trotz der Berück- 
sichtigung dieses Gliedes zu wesentlich demselben Werthe des Coeffi- 
cienten b wie in Formel (7), wie ich weiterhin zeigen werde. 

Bei den Ausgleichungen habe ich, wie bemerkt, den ZonenAverthen 
lileiches Gewicht beigelegt. Im Sinne einer EntAvickehmg Aon g nach 
Kugelfunctionen Avären aber GcAvichte ])roportional cos cf) A'orzuziehen 

' A. Iwanow, De rintliience des termes du troisi(ine ordre de la fonctioii 
])erturbatrice du inouvenient de la terre autour de son centre de gravite siir les 
formules de la nutation. (Bull, de rAcadeinie Imperiale des Sciences de St.-Pet. 1898.) 



334 Sit/.iin^ der pliysikniiscli-iiiatlieiiiatisclieii Classe vom 14. Miirz. 

gewesen. Indessen schienen mir diese aus anderen Gründen weniger 
geeignet. Nimmt man sie jedoch an und setzt zugleich voraus, dass 
auch ein Zonenwerth (/^^ gegeben sei, so lässt sicli nach der Theorie der 
Kugelfunctionen füir diese Gewichtsannahme leicht eine der Relation (8) 

für Ab ents])reohende Relation angeben, die icli sclion 1884 bcnutzl li;ibe. 
Es wird 

io^<5b = — o.64(5V/. — 0.51^^,- — o.iHSf/,, — 0.01(^3, 

+ o. 2 3 4/45 + o.^S^y^. -\- 0.4 1 4',, + 0.3 I (5^,5 4- o. I I <5//85 

(vergl. »Theorien« IL S. 235: die Coefticienten sind jetzt etwas schärfer 
berechnet). 

Führt man die negativen W'crtlic der ^^'rl)esserlln,^^■(■n. welche 
Formel (7) fordert, in (8*) ein, so folgt ^b = + 0.000003. Allerdings 
muss dabei ^g^^ = o angenommen Avi'rdeii. Nach den Berechnungen 
von SciiiöTz ist nun zufolge der Beol)achtungen bei Nansf.n's Polar- 
expedition ry im Eismeer in Bezug auf Formel ( i) normal. Da Formel (7) 
bei 85° Breite 7,, um o''l"038 grösser giebt, so folgt in Bezug auf dies(> 
Formel ^g^. = — 0.038. Benutzt man diesen Werth mit für (8*), avozu 
die Berechtigung wegen möglicher systematischer Beeinflussung durch 
die Örtlichkeit allerdings zweifelhaft ist, so Avird Sb = — 0.00000 1, also 
nur wenig geändert, obwohl der für ^g^. angenommene Werth recht 
bedeutend ist. 

Hieraus ist ersichtlich, dass die Ausgleichung nach der Methode 
der kleinsten Quadrate mit den 8 Zonenwerthen von 0° bis 80° für 
b in (7) nahezu denselben Werth wie die Entwickelung naeli Kugel- 
finictionen ergiebt. 

Nach Iwanow ist. mit Wcglassung des Gliedes vom 3. Range, 
die Länge des einfsichen Secundenpcndcls in der geocentrisehen Breite 
<^' im JVIecresniveau : 

L = 99''I"o997 +0.5240 sin'c^'. 

Setzt man hierin sin^c^' = sin""^ — asin''2(/), wo a die Abplattung 
der Erde bezeichnet, und geht man zugleich durch Multiplication mit 
tt" zu 7o üTicr. so folgt : 

7„ = 978''."'o75J I +0.005287 suvip — 0.000018 sin' 2 (/)j. (9) 

Da bei der Ableitung von 7^ ein Glied 4. Ranges nicht mitge- 
nommen wurde, so ist in dem Ausdrucke liir 7^ der Coefficient von 
siri'2(f) nicht vollständig. Sein angegebener Betrag ist in(h'ssen von 
dem Wertlie. den die hydrostatiselie Hypothese fordert, nicht sehr 
verschieden. 

l'm mit Foniu'I (7) veruleicheii zu können, ist noch dem Ini- 
stand Rechnung zu trnticii, dass Iwanow die Stationen aul' th-n kleinen 



Helmert: Der normale Theil der Schwerkraft im Meeresniveau. 



SB5 



oceanisohen Inseln mit berücksichtigt hat, während ich dieselben wegen 
ihrer zu gnjssen Schwe'irkraftswerthe weggelassen habe. Dies tritt 
auch noch trotz der von Iwanow bewirkten Condensationsreduction 
hervor. Die Inseln liegen fast ausschliesslich zwischen 40° Nord- und 40° 
Südbreite. Eine Näherungsrechnung nach (8) ergab, dass dem Weg- 
lassen der Inselwert] le eine ungetahre Vergrösserung des Coefficienten 
von shvip auf den Betrag 0.005300 und eine angenäherte Verminde- 
nmg des Ilauptgliedes auf 978.060 entspricht. 

Die noch bestehenden Unterschiede mit Formel (7) dürft(^n zum 
Theil darin ihre Ursache haben, dass die condensirten Küstenwerthe 
g noch immer einen systematischen Überschuss gegen die Festlands- 
werthe aufweisen. Ausserdem verlügte ich bei meiner Rechnung über 
neu hinzugekommenes, eintlussreiches Material. 

Die Berechnung der Abplattung des Normalsphaeroids, das 
zu der normalen Schwerkraft geliört, geschieht nach den Formeln der 
»Theorien« II, S. 80-85. 

Ist 

7o = .'/J I + ^\ ^h\'(p + b^ sin^(/)) = //„( I -+- b siiVip — ^b^ sin' 2(p) , 
worin b = b, + [\. so folgt die Abplattung 

an 



b I- 



b^ 



worin c = 0.0034672 das Verhältniss der Centrifugalkraft am Ae<|uator 
zu r/„ ist. Setzt man 

b = 0.005 310 + ^f^^ ) 
so ergiebt sich 

10" 
= 2QQ.26 + O.08Q X lO'db — o.o:;4 X 

a 



- = 299.26 + 0.089 X io"db — 0.034 X — b^ 

4 



Es wird 







10* ab 


4 


a 


US Forme 


(2) 


-14 


— 10 


298-3 




(3) 


- 8 


+'3 


298.1 




(4) 


— 10 


+ 2 


298.3 


,. 


(5) 


- 9 


+ 7 


298.2 




(6) 


— 10 


+ 7 


298.1 




(7) 


- 8 


+ 7 


298.3 



Die modificirte Formel (9) von Iwanow giebt i:a= 296.6, welcher 
Betrag mit der angedeuteten Verbesserung von b aber auf rund 298 
steigt. 

Als Eudcrgebniss vorstehender Untersuchung betrachte ich die 
Formel (7) für die normale Schwerkraft im Wiener System: 



H36 Sitzung der iiliysikaliscli-iiiatlieinatisclien Classe vom 14. Miliz. 

7^, = 978"."046)i + 0.005302 .sin^</) — 0.000007 siir~2(/); 



oder 



7„ = oSo''."632{i — 0.002644 cos 2(/) + 0.000007 cos' 2 (1)1 



mit (1cm i-('cij)roIvcn Abplattuni^'.swertli i:a= 298.3. 

Wie icli in dem ciiigan.iis erwähnten Bericlit näher dari;cle,üt halie, 
würden nacli den besten absoluten Bestimmungen von y im Mittel 
die hiernach berechneten 7,, nocli einer Verbesserunii- von etwa — 0T015 
bedürfen. In der Keyel wird anstatt der neuen Formel auch die um 
+ o'''."035 l)ez. +0T020 vei'besserte Formel (i) ausreiclien. 



.\usgegeberi am "21. März. 



337 

SITZUNGSBERICHTE i90i. 

DER A.V. 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
14. März. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

Hr. Vaiilen las über Fragen der Verstechnik des Terentius. 
Die erörterten Fragen bezogen sich auf die sogenannten hyperkatalektisclien 
trociiäisclien Tetranieter und die trochäischen Pentameter. 



3B8 



Über Fragen der Verstechnik des Terentius. 

Von J. Vahlen. 



L)ie Verstechnik des Terentius weist s'ewisse Ansnnhmeersclieinnnsi-en 
auf, die gemeinhin als luizulässig angesehen und von den Kritikern 
durch conjecturale Änderungen beseitigt werden, ohne dass das ein- 
geschlagene Verfahren überall schon jedes Bedenken beschwichtigt hätte. 
Einige derselben will ich A'crsuchen einer erneuten und möglichst unbe- 
fangenen Prüfung zu unterziehen, luid beginne meine Betrachtungen mit 
llaut(mtim. iv 3, 35 Ü'. 

Der Sklave Syrus entwickelt im Gespräch mit Clinia, dem einen 
der beiden Jünglinge, seine Pläne, die beiden Alten zu täuschen und 
den beiden Jungen zu helfen; aber Clinia fürchtet, dass dabei des andern 
(Clitipho) Interesse besser als sein eigenes gewahrt sei und entgegnet: 
At enim spem istoc pacto rursum nuptiarum omnem eripis: 
Nam dum amicam hanc meam esse credet, non committet filiam. 
715 Tu fortasse ([uid me fiat parvi pendis, dum illi consulas. 
In dem V. 715, dem meine Erörferung gilt , hat Guyet und mit ihm 
Bentley für fortasse. das einhellige Überlieferung der Handschriften ist, 
fors geschrieben , imd die Berichtigung , die einen untadeligen Vers er- 
giebt. hat sich bis auf den heutigen Tag in den Texten des Terentius 
erhalten : 

Tu fors (juid me fiat parvi ])endis, dum illi consulas. 
Für den adverbiascirenden Gebr;uu'h dieses /or.<( verweist Bentley selbst 
auf Aen. v 232 AV fors aequatis cepissfnt praemla rostris, \\w\ für Virgil 
zeugt Priscian w p. 7<S. 17 \\. siniiUter fors cum sä nominaticus accipitur 
pro adverhio. Vln/i/ii/s in xi (50) Fors d vota facit mmulaique altaria 
donis, und noch einmal p. 79,6 mit demselben Verse, indem er diese 
vom Nominativ /w.« abhängigen adv(>rbiellen Bihlungen fors, forte, for- 
san. forsitan usav. aufzählt. Fors un<l fors et hat Virgil mehrmals auch 
ausser d<'n angeführten A'erscn. und letzteres ist auch sonst Augustei- 
schen Dichtern wie Ihiraz und ProjH'iv. nicht fremd. Bei Terentius 
hingegen hat Bentley augciisclicinlich kein Beispiel geiun<len, und 
überliefert ist es niru-cnds. Nur !'l((k<'is(Mi liat in seiner zweiten 



Vahlen: Über Fragen der Verstechnik des Terentius. 339 

Bearbeitung (1S98) noch einm;il ein adverbiascirendes fors in den Text 
des Terentius eingeführt, Andr. v 5, i 

957 CH. (^Hiid agat Pamphihis proviso: at(|ue eocum. PA. Me aliciuis 

fors putet 

Non putare lioc verum, at niilii nunc sie esse hoc verum hibet. 
Docli stellt man diesem berichtigten und sehr ansprechenden Text den 
überlieferten au die Seite 

C'H. Proviso (|uid agat Pampliilus: ati[ue eccum. PA. Alitiuis /or- 

sitan me putet 

Non putare hoc verum, 
wird (bis Urtheil schwankend und die Berichtigung sclieint wenig ver- 
trauenerweckend zu sein. Zwar ist der Vers nicht ohne Fehler übei'- 
liefert, über deren Beseitigung ich nicht zu entsclieiden wage (nicht 
ohne Wahrscheinlichkeit schlug G. Hermann vor Aliquis me forsitan 
Puiet non putare): aber das scheint mir nicht zweifelhaft, dans forsitan 
nicht anzutasten sei, dies darum, weil dasselbe Wort in verwandtem 
Gedanken wiederkehrt Eun. i 2,117 

197 TH. Me miseram, forsitan hie mihi parvam lial)ea( fidem. 
Ob man forsitan hie mihi schreibt (denn forsitan ist Compositmn und 
wird als solches immer empfunden, wenn auch als Ganzes geschrieben) 
oder mit der kleinen Umstellung /o'm^an mi hie (s. Haupt opp. ni p.520), 
macht keinen Unterschied. Aber Fleckeisen änderte und schrieb fors 
fuat an mi hie parvam habeat fidem, obwolil kaum zu sehen ist, was 
diese Schreibung vor forsitan mi hie p. h. f. voraus hätte. Dass er aber 
dasselbe forsitan in gleichartiger Anwendung hier in fors fuat an , dort 
in fors abgeändert, ist nicht geeignet, die Berichtigung zu empfehlen. 
Vür fo?'sita?i hatte Bentley beidemal /orsfm geschrieben oder beibehalten, 
dessen Gebrauch bei Terentius durch nichts zu erweisen ist (s. Haupt 
a. a. 0.). Um so sicherer wird forsitan gelten müssen, das noch durch 
ein drittes Beispiel geschützt wird, Pliorm. iv 5, 5 

Nam si altera illa magis instabit, forsitan nos reiciat, 
von Fleckeisen freilich auch liier in fors ftiat an abgeändert, das für 
den Vers keinen Vortheil bringt. AVas Fleckeisen bestimmt habe, for- 
sitan dem Terentius abzusprechen und durch fors oder fors fuat an zu 
ersetzen, ist nicht ersichtlich; denn dass bei Plautus Pseud. i 5,18 die 
Pfalzer Handschriften Forsitan ea tiln dicta sint mendaeia haben, der 
Ambrosianische Palimpsest Fors fuat an istaee d. s. m., kann nicht be- 
rechtigen, bei Terentius gut bezeugtes forsitan zu verdächtigen und 
in ähnlicher Weise abzuändern. Was aber Hec. iv3,3 auf Laches' 
Äusserung 
608 Istuc est sapere (|ui ubicum((uc opus sit animum ])0ssit tlectere, 

Quod faciundum sit post fortasse, idem hoc nunc si feceris. 



340 Sitzung der philosophiscli-liistorischen Classe vom 14. März. 

Sostrata erwidert Fors fnat pol. d. li. wenn icli recht verstehe. möi>-e 
das w^alirheh so sein' seheint andircr Art und könnte ein fors fuat an 
nicht rechtfertii>en. Überdies kennen die Grammatiker nur dies eine 
Beispiel des Terentius: Di()me(h's i p. 380, 2 K. quod verhuni est apitd 
antiquos, quod dicebant fuo fiias fuat; unde et Terentius alt fors fuat pol': 
Probus Cathol. ni p. 37, 12 K. novo inore itnam dedinationem ex fiac quasi 
descendentem legi apud Terentium fors fuat pol\ in Hecyra scilicet: und 
übereinstimmend Marius Plotius Sac.vi j). 489, 14 K. Ebenso Servius 
A('n.i377 Forte aute/ti nomen est a nominativo fors, ut Terentius fors 
fuat pol'. 

Doch wie dem sei (denn viel Gewicht ist daraut" nicht zu leiicni. 
forsitan sitzt fest in der Ilierlieferunii- des 'i'ereiitius. tür ein adver- 
bielles fors hini^e^en hat sich bei ihm niclit die Sjair eines Belei;es 
,s>:efunden. 

Blicken wir nun aid' die überlieferte Form des Verses zurück, vnn 
dem ich aus<>:in,s>-. 

Tu forta.sse (piid me fiat i)arvi pendis. 
so bietet sicii auch hier eine «jenaue Parallele in den "Worten des Eun. 
v 8 , 31 dar 

1061 Tu fortasse quae facta hie sient | Xescis. 
die, dünkt mich, allein schon bedenklieh machen müsste Tu fortasse m 
unserm Verse abzuändern. Und füg-e ich noch einiiic Beispiele analoii'cr 
Verwendung dieser bei Terentius bei weitem am häutiiisten »ebrauchtcn 
Partikel hinzu, wie Phorm. v8,45(938) vos me indotatis modo patro- 
cinari fortasse arbitramini: Eun. n 2, 49 (280) Detineo te: fortasse tu pro- 
fectus alio fueras: Hec. n- i, 35 (550) AudiMi ex aliquo fortasse qui vidi^se 
ewn diceret, u. a., so zeigt sich um so mehr, wie wenig räthlieh es sei. 
ein bezeugtes forta.'fse gegen ein sehr zweifelhaftes fors preiszugeben. 
Behalten wir aber fortasse bei, wie sich ge])ülirt. 

Tu fortasse quid me fiat parvi pendis, dum illi consulas. 
so erlialten wir zwar einen sprachlieh wie rhythmisch vorzüglich ge- 
bauten Vers, aber er ist zu lang, reiclit mit seiner trochäischen Kata- 
lexis noch um eine Sill)e über den voUi'U Tetrameter hinaus. \'m dies 
zu verhüten und den \'ers in die legitimen Grenzen einzuschliessen. 
ergab sich die Nötiiigung, fortasse zu kürzen. Faerni meinte freilicli 
versus trochaicus hypercatalectus . obwdld er aucli noch eine 31ögliehkeir 
ersann, dm-cli unmögliclie Aussprache eiin'ii katalektisehen zu messen. 
Docli Bentley warf dagegen ein Apaye tales versus hypermetros cum taut 
recta et procliois sit ad emendationeni ria. und hat an melireren Stellen in 
älinlichem Sinne geurtiieilt, und dabei ist es geblieben. Ja mancher 
würde vielleicht schliessen. da sonst keine Möglichkeit sich zeigt den 
Vers zu kürzen, sei dies Beweises genug, dass Terentius hier Avcnigstens 



Vahlen: Über Fragen der Versteclinik des Terentius. o41 

fors und wicht fortasse geschrieben li;il)e. Doch könnte ich diese Schluss- 
folgerung nicht für richtig halten, so sehr ;uich einleuchtend ist. dass 
der Vers in seiner fein abgemessenen Form jedem sonstigen Versuch 
einer Alländerung Aviderstrebt. So ergiebt sich die Frage, die ich als 
erste vorurtheilsfreier Prüfung unterzogen sehen möchte, ist es wahr. 
dass die Verstechnik des Terentius die ehemals so genannten hyper- 
katalektischen Tetrameter absolut ausschliesst? Die Frage lässt sich an 
Einem Verse nicht entscheiden. Ich versuche daher vor Allem, was 
mir Ähnliches sonst in den Komödien des Terentius begegnet ist. zu- 
sammenzustellen. 

2. In demselben Hautontimorumenos. aou dem ich den Ausgang 
nahm, liest man m 3. 34, 3 

CH. Quid tu? ec([uid de illo ([uod dudum tecum egi egisti. Syre, aut 
596 Repperisti tibi quod placeat an nonduin rfiam? SV. De fallacia 

Dicis. est: inveni nuper ([uandam. 
Chremes. der früher (ni 2, 21 ft'. u. 32 ff.) dem Sklaven Syrus den Katli 
gegeben, eine List gegen Menedemus zu ersinnen, um dem Sohn zu 
helfen, erkundigt sich jetzt bei ihm. ob er in der bewussten Sache 
etwas gethan oder -etwas gefimden, das ihn befriedige, oder noch nicht. 
Und Syrus antwortet, ja. er habe etwas gefunden. Über auf nm Schluss 
des Verses 595 halie ich unlängst gesprochen in der Abhandlung 'über 
die Versschlüsse in den Komödien des Terentius' (1900) S. 40 ff., und 
halte die Partikel für genügend gesichert an ihrem Platz. Im Übrigen 
ist die Form des Verses 596. wie die Handschriften sie übereinstimmend 
geben, 

Repperisti tibi ([uod placeat an nondum etiam? || De fallacia 
von der Art, dass sie nicht nur keinen Anstoss gewährt, sondern sich 
durch den sprachlichen Ausdruck wie den rhythmischen Wohlklang be- 
sonders emptiehlt. Nur hat auch dieser Vers die überschiessende vSilbe. 
und Guyet hatte das Mittel gefunden ihn zu kürzen: er schrieb an non 
für an nondum etiam, und das ist die Lesung der spätem Ausgaben ge- 
blieben. Nur Bentley, dem Guyet's Berichtigung nicht unbekannt sein 
konnte, folgt ihr nicht, sondern schlug, um dasselbe Ziel zu erreiclien. 
einen andern Weg ein: er kürzte repperisti und begann den Vers mit 
At(t est. Sein Verfjihren, das ich nicht weiter illustriren will, ist nicht 
ohne Künstlichkeit und hat mit Recht keine Nachfolge gefunden: was 
mir beachtenswerth schien, ist nur dies, dass Bentley an nondum etiam 
unangetastet liess: und Jeder, meine ich, müsse einräumen, dass dies 
das Bessere war bei einer Sache, deren Ausführung, wenn sie noch nicht 
erfolgt ist, -wenigstens erwartet wird. 'Hast du etwas gefunden oder 
noch nicht y fragt Chremes angemessener, und selbst eine Stelle Avie 
Phorni. I 2, 97 ( 147) Pater eins rediit an non? GE. Nondum liat in der Ant- 



!)42 Sitzung der pliilosopliiscli-liistoi-isclieii ('lasse vom 14. März. 

Avort wenigstens das Nonduni, das aucli in der Fraj^'e am Platze war, ^vie 
ebend. n 4. 5 (445) vise redieritne iam an nondum dommn. Überdies ist die 
pleonastisclie Ausdrucksweise nondum etiam. worin das temporale etiam 
nur ausdrückt. Avas nondum sclion enthält, dem Terentius ireläufig, wie 
namentlich zwei sehr veriileichhai-e Fraü'cn zeiii(>n mfiücn. Andr. i 2. 
30 (201) 

Hoc intellextin an nondum etiam ne hoc (luidein? 
und ebend. iv 5. 11 f. (806 f.) 

CR. Quid Glycerium iam hie suos parentes reijperit? 

MY. Utinam. CR. .1« nondum etiam'i 
V,i>-1. Ilec. 192. 745 u. s. Sollen wir also, fragen wir aucJ] hier, was 
dem Gedanken und der Weise des Dichters vorzüiilich entsprechend ist, 
a>ü"iiel)en . um den Vers von der überhängenden Silbe zu befreien, oder 
dürien wir ghnibeii. dass auch diese A^er.sbildung dem Dichter nicht ent- 
gegen war? 

3. Adelph. IV 2 (540) liebt dei' alte Demea an: 

Ne ego homo sum infelix : primum fratrem nuscjuam invenio gent ium, 

Praeterea autem, dum ilhun (juaero, a villa mercennarium 

Vidi: is tilium negat esse ruri: nee quid agam scio. 
Ihn drückt ein doppeltes Unglück: erstens hat er seinen Bruder .Alieio 
nicht gefunden, den er zu suchen ging, um ihn über den Unfug seines 
Adoptivsohnes zur Rede zu stellen (510): dazu kommt das andre, dass 
er unterwegs erfährt, sein Sohn Chesipho sei nicht auf dem Lande, 
wie Syrus (400 ff.) ihm vorgeschwindelt und er geglaubt liatte (4350*.), 
und sein Argwohn, dass auch der verdorben sei, der ihn in die Stadt 
geführt (ni 3). kehrt wied(>r. So ist er aus (l()[)peltem Grunde ratldos: 
nee quid aijam scio: und daraus tliessen seine weitern Betrachtungen über 
sein Unglück (544). Weil der Vers 540, wie ilin die Handschriften 
geben, zu lang ist, scheidet Bentley sunt aus, was an dem von ihm 
selbst angeführten Vers Hautont, iv 6, 21 (825) i\V eyo hämo sum fortu- 
natus oder wie er selbst ilui edirt (die Handschriften schwanken in der 
Wortstellung) Ne ego fortunatus homo sum keine Unterstützung findet. 
Aber seit G.Hermann (Pliilolog. ni ]>. 466) zwar «/«/ lieibi'lialten. aber 
primum beseitigt hat. an dem Bentley keinen Anstoss nahm, haben die 
Spätem fast allgemein sieh dieser Neuerung angeschlossen: 

Ne ego homo sum iulelix: fratrem nus((uam invenio gentium, 

Praet(M'ea autem etc. 
I'nd wei- Wdllle Iiehau]>ten. dass priiuuiu unentbehrlich sei: alter wer 
ohne vorgelasste 3Ieiuung zusieht, wird auch einräiunen. dass es gar 
sehr an seiner Stelle wai-: denn es sind zwei in liest inimtcin /usnminen- 
hang stehende Erlebnisse, die Demea's l'nglück herbeigeführt haben. 
und es war schicklich, nleieh heim ersten anzudeuten, dass ihm ein 



Vahlen: Über Fragen der Verstechnik des Terentius. 343 

zweites folgt. So scliüttet z.B. Adelpli. iii 2, 16 ff. (3i4ff.) Geta seinen 
Rachedurst in den Worten aus: 

Seni nmmwm pri)iiu/it exstinguerem ipsi, qui illud produxit scelus; 

Tum autem Syruni impulsorem vah quibus illum lacerarem modis; 
ähnlich drückt ebend. 46 ff. (344 ff".) Sostrata sich aus: 

Pciore res loco non potis est esse quam in quo nunc sitast. 

Prlmum indotatast. tum praeterea, quae secunda ei dos erat, 

Periit: pro virgine dari nuptum non potest. 
Vgl. auch Eun. i 2, 65tV. (1450".): 

Multae sunt causae quamobrem cupio abducere: 

Primum quod soror est dicta, praeterea ut suis 

Restituam ac reddani. 
Ebenso, denke ich, würde auch an unserm Vers 

Nr ego homo suni infelix : primum fratrem nusquam invenio gentium, 

Praeterea autem — , 
der weder sprachlich noch metrisch anfechtbar ist, Niemand zu ändern 
versuchen, wenn nicht die überzählige Silbe irgendwo eine Kürzung 
Aerlangte. 

4. Phorm. m 2, 30 in dem Gespräch der beiden Jünglinge Phaedria 
und Antipho mit dem Kuppler Dorio liest man in den Handschriften: 

PH. Nequeo exorare ut me maneat et cum illo ut mutet fidem 

Triduum hoc, dum id quod est promissum ab amicis argentum aufero : 

vSi non tum dedero, unam praeterea horam ne oppertus sies. 
5 I 5 DO. Ojitundis. AN. Haud longumst id quod orat, Dorio, exoret sine: 

Idem hie tibi quod boni pronieritus fueris conduplicaverit. 
Schrickt man niclit vor der Länge des Verses zurück, wird man an der 
Überlieferung von V. 5 i 5 nichts auszusetzen finden. Denn optundis des 
cod. Bemb. ist allein die richtige Lesung, wie Andr. 348 optundLs_, tametsi 
intelleyof . und war es nicht vielleicht Optundis {me). wie Adelph. 113 
)u' nie optundas de hac re saepms, mag die Kürze der Endung der Per- 
sonenwechsel entschuldigen: ohtunde der übrigen Handschriften aber ist 
des Verses wegen gemacht: docli ist nicht wahrscheinlich, dass ein 
jambisclier unter die trochäischen Verse gemischt sei: der Imperativ 
aber so wenig angemessen, wie die von Fleckeisen edirte Frage in der 
Futurform Optundes? Bentley's Optume liegt weit ab und hat noch eine 
weitere Änderung nach sich gezogen. 

Die meisten neuern Herausgeber haben die verlangte Kürzung des 
A'erses d\irch Streichung der Anrede Dorio erreicht. 

Optundis. Haud longumst id quod orat: exoret sine. 
So Fleckeisen. Ebenso Dziatzko und Umpfenbach : icli kann nicht 
sagen, wer zuerst diese Neuerung aufgebracht. Aber erstlich Iiat die 

Sit7.viiis;sbei'ifhte lüOl. -~ 



344 Sitzung der j)lulosoj)liiscli- historischen C'lasse vom 14. Jlär/. 

Anrede die i'ast einlielUüe l'berllefeninii' der lljindsclirilieii inil dem 
cod. Bcnil). für sicli : denn w;is in zwei ll;indsc])rii"ten stellt iil tjiiod 
JJorio cxoret mit iiber^eseliriebeneni oraf /.cuut ni<'lit yeticn. sondern 
iüir Dorln. Und zweitens war nielit> |>Mssciider. .ds den scliwcr /uyäny- 
liehen Ku]>|iler in dieser ani>'ele,i>:entlielien Bitte mit N;unen an/.ureden. 
wie er aueli im Einyansi' der Seene 485 und wieder 526 aniieredet wird. 
Sollen wir also die mit erkennbarer Alisicht gewäldte Anrede beseiti- 
i^'en. Avcil (ües das einzige Mittel ist. den zu lanyen Vers zu kürzen? 
Denn zu geseliwei.H'en, ilass Optundis unentbelirlieh ist, jede andre An- 
derun.y in der zweiten Hälfte des Verses von Hand /o/n/ionf:/ an crwciNt 
sieh als unstatthaft und unmönlieh.' 

5. Hee. ni 3. 48 (408) in Pamplühis' lany ausnesponnenem 31onoloy 
Sed iam prior amor nie ad lianc rem exereitatum reddidit, 
40S ((luem esio tum consilio missum feei: idr/ii )iunc huic o])eraiii dabo. 
Die zweite Hälfte des ^'erses 408 lieben so die Ilandsehriften. eod.Bemb. 
uikI die übrinen. und was (hivon abweieht. ist der Erwähnung nieht 
werth. Der Gedankenau.sdruek scheint einfach: idnii , das Donat seltsam 
missverstanden, ver1)indet sieh mit operam dabo, wie man id oprram do. 
id dare operam (Andr. 157. 307) sayt. und Itnn für idcm zu setzen, war 
grundlos. Aueli Intic. meine ieli. liat kein Bedenken: idoii (iiämlieli 
ut missiüii fdcuiin) knie {an/ori) operam dabo: die frühere Liel)e lialie 
ich damals mit ÜberU^gung preisgegeben: um dassellie (nändieh sie los 
zu werden) will ich jetzt dieser meine Bemühung zuwenden.' Dass die 
beiden Sätze unverbunden neben einander stehen, darf keinen Anstoss 
begründen, und Bentley war im Unrecht, dass er eine straffere gegen- 
sätzlielie Zusammenfassung nieht ohne Gewaltsandveit (hu-chzusetzen 
ver.sue]ite. Die Bezielnmg beider Sätze, deren erster an dem voran- 
gegangenen hängt, ist durch (u/n und nuhc ^eiiünend zum Ausdruck 
gebracht. Die neuern Herausgeber, Fleck(>isen, Umi)fenliacli . Dziatzko. 
schreiben nach einer Vernuitliung von Bothe dein {idcm) hunc operam didxi. 
Das hat den verkürzten Vers ergeben, den man suelite. alier zugleieh 
den Au.sdruck nicht unerheblich gescbädigt. Schon die Verliinduiin- 
hunc operam dabo, worin Innie nicht von diesem, sondern dem liinzu- 
gedacliten ut misxvm faeiain abliängig ist. ergiebt eine Härte, die (h-m 
Dichter niclit ohne Noth aiifzubünh'ii ist: die 'i"ilt;imi;' von nanc alier 
bringt uns um den angemessenen Gegen.satz zu tum. Wen ihigegen da> 
metrische Bedürfniss nicht bh'udet, wird ziigelien. dass der (iedanken- 
ausdruek . wie er aus den Handsclirifieii h(rvnri;eht. 

(Juem ego tum consilio missum l'eci; idcm iiiiiie liiiie o|ieraiii dalio 



' i'lier Diiriti iirtlieilt. wie icli nachträglicii sehe. E. 11;ui1<t in der Neul)earl)eiluns; 
von D/.iat/.ko's Pliorniio richtig: dem ich indessen im l'lirigen nicht folgen inöciit<^ 



\'ahlen: Über Fragen der Verstechnik des Terentius. 345 

licsser ]<;nini uefonnt sein konnte, und nicht verkennen, dass im tbrigen 
;iucli der nietriselic Tontall nichts zu wünselien lässt. 

6. Andr. ni 2. 26 ff. (506 ff.). 
SI. Hoc ego scio unum, neminem pejierisse hie. DA. Intellexti. 

Sed nildlo setius mox puerum huc deferent ante ostium. 

hl eii'o iam mnie tibi renuntio. ere, ftitiu'um, iit sis sciens. 
509 Ne tu hoc mihi posterius dicas Davi factum consilio aut dolis: 

Prorsus a me o^jinionem lianc tuam esse ej^o amotam volo. 
In der Umiiebung des Y. 509, der mich allein beschäftigt, bestellen Be- 
denken über die Sclireibung wie über die metrische Form. Der V. 509 
dagegen, bin ich der Meinung, -werde so richtig geschrieben, wie er aus 
(h'U Handschriften gezogen ist Ne tu hoc mihi p. d. (zwei Handscliriften 
AV' tu mihi hoc. was nicht unrichtig war) d. i. ne tu mihi posterius dicas hoc 
factum esse D.c. wie Bentley erklärte, und sei ein trochäischer Tetrameter 
mit überzähliger Silbe 

Xe tu lioc milii posterius dicas Davi factum consilio aut dolis, 
wie ich auch geneigt bin den vorangehenden und nachfolgenden Vers 
für trochäische Tetrameter zu halten. Aber die Kürzung des zu langen 
^'(•rses durchzusetzen, haben Bentley und die Neuern mihi, um jaml)ische, 
oder tu und mihi gestriclien. um trochäische Messung zu erlialten, 

Nc tu hi'ic postcriiis dicas Davi factum consilio aut dolis 
oder mit Fleckeisen 

JSe höc posterius dicas Davi factum consiUo aut dolis, 
lieides nicht zum Vortheil der an sich sehr gefälligen Form. Denn was 
tu betrifft, so können Verse, wie Andr. 205 neque tu hau dices tibi non 
praedictum oder 502 Quasi tu dicas factum id consilio meo , zeigen, welcher 
Wirkung das Pi-onomen dienlich ist. Für mihi aber spricht der ganze 
Zusammenhang, und insbesondere der nachfolgende Vers, der denselben 
(bedanken positiv nocli einmal aufnimmt: Prorsus a me opinionem hanc 
tuam esse eyo amotam volo. AVenn al)er Bentley bemerkt et sane cum Davi 
dicit, qui potest dicere Mihi, so hätte er nicht /«//«' verwerfen, das festsitzt 
in der einmal gewählten Redeform, sondern i>02;/ anfechten sollen. Aber 
w (•!■ weiss es nicht, woran Bentley zufallig nicht gedacht, wie häufig 
bei Griechen und Römern und wie anmutliig und wirksam solcher 
^^'ecllsel in der Selbstbezeichnung der sprechenden Person verwendet 
wird: worüber ich bei anderer Gelegenheit (Prooem. 1887/88 S. 8) ge- 
N])rochen imd an Lucilius 635 L. tu Lucilium credis contenturum ^ cum me 
ruperim, summa omnia fecmm, und an TcH's Worte 'bedürft ihr meiner 
:u bestimmter Thatj dann ruft den Teil, es soll an mir nicht fehlen u. a. 
erinnert lia])e. Aus Terentius sei Eun. 925 erwähnt, wo Parmeno so 
von sich s])riclit ([uam veram laudem capiet Parmeno: nam ut mittam etc.. 
und ebenda 129. Nicht anders Ajax S63 x'^^P^'^ ^ Tpo(})fis epor tovO' 

27* 



346 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 14. März. 

vfiiv Alas TOVTTOS vcrraTOV Opoei und Cnmillu.'; bei Plutardi c. i 2 Ta)(v 
' PwjJLaiovs (f>avepovs yeveaOai Seofxevovs aiiTov Kai irodovvTCts Kd/JuWov. 
Man erkennt aucli liier, die n'ewaltsame llerstelluny des gekürzten Veivses 
gereicht dem sju'aeldielien Ausdruek nielit zum Heile. 

7. Nielit g-anz so einiacli, weil doj)pelte Überlieferung in Fraiie 
kommt, liegt es bei Eunucli.ii 3,66 (358). Parnieno unterliält sieh mit 
Chaerca über da,s Geschenk, das sein Bruder Pliaedria für seine Gelielire 
Thais in Bereitseliaft hat. 
PA. Immo enim si scias quod donum huic dono eontra oomparet, 

Tum magis id dieas. C/IT. Quodnam (juaeso hercle? PA. Eunueliuni. 

GH. Illumne obsecro 

Inhonestum hominem, quem mercatus est lieri, senem mulierem? 
358 PA. Istum ipsum. GH. Nimirum homo quatietur certe eum dono foras. 
So, meine ich. lautete der Vers 358, den cod. Bemb. so überlieiert 
Istum ipsum. '' Quatietur homo certe cutn dono foras: die übrigen Hand- 
schriften alle Istunc ipsum. h Homo quatietur certe cum dono foras. Letztere 
Schreibung ergiebt einen tadellosen Vers und ihr folgen meist die Heraus- 
geber; die Lesung des cod. Bemb. dagegen ist fehlerhaft. Hinzu kommt 
ein Zeugniss des Nonius, der p. 272 M. schreibt Quatit exchidit. Terentius 
in Eunucho: 'nimirum homo quatietur certe cum dono foras.' Die Anführung 
des Grammatikers stimmt von homo ab mit der Lesung der ILindsehriften 
des Calliopius. Was aber nimirum anlangt, so haben die Herausgelier 
des Nonius den Sinn des Citates nicht verstanden, und in dem Bemühen, 
einen emendirten Nonius herzustellen, den Niemand begehrt, Alles ver- 
dorben. So sehrei])t Quicherat: T. in Eunucho: 'Istunc ipsum. t Homo 
quatietur certe c. d.f, als ob des Nonius nimirum aus Istunc ipsum der 
Terenzhandschriften entstanden sei: L. Müller T. in Eunucho: 'Nimiriiiu 
(istum). l Homo quatietur certe c. d.f! , damit Nimirum istum der Lesviiiu' 
der Handschriften des Terentius I.stunc ipsum entspreche. Allein Nonius 
hat von Istum ipsum. keinen Gebrauch gemacht, sondern hat, um vollen 
Satz zu haben, nur die Antwort Chaerea's, die für seinen Zweck voll 
ausreichend war, citirt, diese aber mit Nimirum anhebend: Niminnn 
homo quatietur certe cum dono foras. 

Fleckeisen in der zweiten Bearbeitung hat in richtiger Beurthei- 
lung des Citates Nimirum aus Nonius aufgenommen, womit diese Ant- 
wort eine treflende Ergänzung erhält (s. über nimirum Eun. 268. 508. 
754), und Istum ip.vwn des cod. Bemb. mit Nimirum verbindend folgenden 
\'ers hergestellt 

Istum i])sum. Nimirum homo quatietvu" cum dono foras, 
an dem nichts zu tadeln ist. Auch ist leicht zu sehen, wie das allein 
von Nonius erhaltene nimiruiii hinter Istum ipsum der Tereiizhand- 



Vahlen: Übei- Fragen der Verstechnik des Terentius. 347 

Schriften übersprungen werden konnte.' Um aber dem Vers die legi- 
time Länge des Tetrameters zu wahren, hat Fleckeisen certe, das auf 
dem doppelten Zeugniss der Handschriften des Terentius und des 
Nonius beruht, aus dem Texte entfernt. Und gewiss dass certe nicht 
7Ai entbehren sei, wird Niemand dagegen einwenden. Aber ebenso 
sicher wäre im Unrecht, wer certe neben nimirum für fehlerhaft halten 
wollte. Denn so nalie verwandt sind beide Partikeln nicht, dass sie 
nicht zusammen in Einem Satz stehen könnten: Kein Wunder, er 
wird sichei'licli mit seinem Geschenk aus dem Hause gewiesen.' Schreibt 
doch auch Cicero de ofl'. ii 20, 69 sed animadvertendum est diUgentius 
qune natura rernm sit. Nimirum enim inops ille. si honus est vir, etiamsi 
referre gratiam 71011 potest. Jiahere certe polest. Und Terentius selbst 
Andr. 494 

Dave, itan contemnor abs te aut itane tandem idoneus 

Tibi videor esse, quem tam aperte fallere incipias dolis? 

Saltem accurate, ut metui videar certe, si resciverim. 
Überdies ist solche Combinirung gleichartiger Ausdrücke , die oft ein- 
ander näher verwandt sind als nimirum und rerte, bei Terentius und 
andern altern Dichtern nicht selten. So ergiebt sich also auch hier 
die Frage: ist certe, die doppelt bezeugte und an ihrer Stelle nicht 
unpassende und nicht unrichtige Partikel zu beseitigen, oder darf man 
glauben, dass Terentius mitunter die gesetzmässige Länge des Tetra- 
mcters um eine Silbe überschritten habe? Beachtenswei-th ist dabei 
n(ich, dass dieser Vers in seiner ganzen Formation Istum ipsüm. || 
Nimirum homo quatietur certe cum dono foras genau entsprechend ist 
dem n. 4 besprochenen Optunrlis. J Haud hmfjumst id qitod orat, Dorio^ 
exoret sine. 

Es giebt noch andre. Fälle, in denen gleiclier Zweifel sich auf- 
drängt, aber sie sind meist nicht .so einfach wie die hier beliandelten 
und könnten darimi den Beweis, der erst zu erbringen ist, nicht son- 
derhch stärken. Wenn aber die hier entwickelte Ansiclit sicli bestä- 
tigen sollte, so würde, was sich liier crgel^en. nocli auf manchen 
andren Vers Anwendung finden und könnte zur Entscheidung diver- 
girender Ul^erlieferung beitragen. Aber selbst wenn ich im Irrtlium 
sein sollte, würden meine Zusammenstellungen doch vielleiclit nicht 



' Auf älinlicliem Wege lässt sich vielleicht Eun.319 herstellen: 

V.\. Quid tua istaec? CH. Nova figiira oris. PA. Papae. 

CIL C'olor venis. rorpus soliduin etsuci plenmii. P.\. Anni;' CH. Aiinii' sedecim. 
319 PA. Flüs ipse. CH. Vrruni. haue tu mihi vel vi vel clani vel precario 

Fac tradas. 
Flos ipsum. lianc Beinb. FIok ipse. hanc die übrigen Handschi-. Die vor hanc felilende 
.Silbe gewinne ich aus ipsum mit der .Schreibung ipse. || Verum, hanc. Da.s affirmirende 
Verum in der Antwort s. -Adelph. 543. 578. Eun. 347. 402. 



348 



Sitziiiiu; der 



liscli- historischen ('Ins 



14. Mär/. 



oliiu' Nutzen sein, weil in dein euiiicn Streit /.wisclien S|ii-;iclie nnd 
^'('l•.s ;ui den liier besprochenen Heispielen (Jewinn nnd \"ei'lnst . wenn 
ancli im Kleinen, ti'eyen einandei- sich al)\v;ii;cn iiesse. 



II. 

Im Plinrm.14, in der bewey-ton .Scene, in (k^r die beiden Jün^;- 
lin.ti'c Anti])]io und Pliaedria den dureli die unerwartete Ankunft des 
A'aters des einen aufii'cregten Sklaven Geta. ohne dass er sie üeselien, 
mit ihren Bemerkungen be.ii'leit.en 

CtE. Sed ubi Antiphonen! re])eriani aut ipia (piaerere insistam \iay 
PH. Te ni')minat. AN. Nescio (juod ma.unnm hoc nuntio exspeeto 
mahun. PH. Ah 
194 Sannn es. GE. I)(mium ire ])ery,am: ibi ])hn'nniumst. PIl. Kevo- 
eennis liomineni. AN. Sta ilico. (iE. Hern 
Satis pro iniperio. (piisipüs es 
liat Bentley den V. 194 als Iroehäischen Pentameter u-emessen nnd 
nicht unterlassen, zur Intersttitzun^ seiner Annalane, an das bekannte, 
oft (zuletzt von Leo. Die Plautin. Cantiea". Berl. 1897, S. 69. 711 an- 
.i^'efüJu'te Zeui>'niss des Hepliaestion (S. 20 f. W.) zu erinnern, der häu- 
fige Anwendung dieser Versart bezeugt [Kcil tw TrevTUfieTpw §6 \Tpo- 
^aiKw] Kaiirep ovn vTreppeTpw ttoWovs K6)(pficrdai avpßeß}]K€v) und 
einen Vers des Kallimachus als Beleg citirt. dem Bentley einen zu- 
gehörigen zweiten aus der Antholog. beigefügt hat (s. t'allim. Fragni. 
n. 115, S. 383 Sehn.) 

"Gp^erai ttoXvs pev Al'ycCiov §taTp>i^as cnr' oivijpijs Xiov 
Äpcf)op€vs, TToXvs Se Aecrßüjs äwTov veKrap oiVai/Övs aywv. 
Und wenn man sieht, was die ncMiern Ih'rausgelier des 'IVrentius. 
um dieser Messung zu entgehen, angestellt lialieu. deren einige AN. 
Sta ilico. GE. Hnn als Clausula abgetrennt und nachgesehickt . andre 
Sanun es als Glosse ausgesehieden haben (welches letztere noch weniger 
wahrscheinlich ist als das erstere, das auch eine wenig geiallige Form 
ergiebt: aber wozu ausscheiden, was so gut wie dieses A/i samin es 
in die Situation und den Charakler des Sprechenden sich tvigt'), so 
wird man geneigt sein Bentley heizustininien . der mit seiner Messung 
ein sprachlich nnd metrisch geschlossenes und wohlgefiigtes (ianze her- 
gestellt hat, an das sidi weiti'rhin trochäischi' Tetrameter ansehliessen. 
Zwar hat G. llerniann. der früher Bentley beitrat (de metris p. I32f.). 
s])äter (Eleni. d. m. S. 93. vgl. 182). um des Pentameters nicht zu 

' D(M' Cifbraiicli des fdnnclIinl'tcM snnun es oder xriliii sti)iiix r-s . dns d;r/.u dient, 
die Meinung des Andern al)7.u\veisen, ist heiiannt: genau so wie hier Adelpli. 336, 
.\ndr. 912; vergi. O. IMaslierg, Wocliensclir. 1". ch I'liil. 1899. Ni-. 1 r. S. 2<)i. 



I 



Vahlex: Über Fragen der ^'erstechnik des Terentius. 349 

hediirleii. eine nnili-e Yertheiluni^' der Verse mit Annahme einer Clau- 
sula Te nominat in Vorschlag' gebracht , die Billigung nicht gefunden 
und wold auch nicht verdient hatte. Wenn aber Hermann meint, 
die trochäiscJien Pentameter seien nur von lyrisclien Dichtern gebraucht 
worden, so ist dies weder bezeugt noch wäre es das einzige Beispiel, 
dass römische Dichter, was Griechen nur in lyrischen jMaassen ver- 
w('n<leten. in den Dialog übertragen hätten (s. auch Leo a.a.O. S. 71). 

Nocli einmal in derselben Komödie liat Bentley diese Versart an- 
genommen, ni 2 im Eingang (485) 

PH. Dorio. audi obsecro. DO. Non audio. PH. Parumper. DO. Qiün 

omitte nie. 
und hat den Hiatus zwischen Dorio und audi durch Verweisung auf 
Adelpli. V 8, 24 (947) Hegio est his rognatus proxinnis^ Adßnis nohis 
mit gleich geformtem Namen zu rechtfertigen gesucht, w^elches Beispiel 
Bentley frülier selbst und nach ihm Andre in andrer Weise abge- 
ändert haben. Doch empfand Bentley richtig, dass Dorio hier kein 
seihständiger Anruf sei (wie z. B. (^rpfr/Phorm.682 oder Dromo Awdv. 860), 
sondern Dorio audi obsecro auf das Engste zusammengehöre (wie Adel])li. 
160 Aeschine audi, vgl. 679, odev Nausisf7'ata exi Phorm. 986). Daher, 
wenn auch die Anrede Dorio trotz enger Verbindung mit dem Fol- 
genden den Schluss des Averses ausmachen konnte, wie Adelph. 549 
CT. Syre Obsecro, Phorm. 526 Dorio |! Itane tandem — , es doch hier, 
wo es möglich war, angemessener erscheint, den Namen mit dem Fol- 
genden in Einen Vers zu vereinigen. Dem Hiatus aber liesse sich, 
wenn es nöthig wäre, in mehr als Einer Weise begegnen: Dorio (audi) 
andi obsecro; Dorio audi (te) obsecro, lieides nach sonst gebräuchlicher Aus- 
drucksweise. 

Bentley liätte nocli ein drittes Mal einen trochäischen Pentameter 
herausstellen können: Eun. U3, auch im Eingang der Scene (293) 

CIL Occidi, neque virgost uscpuim neque ego qui illam e con- 

sjiectu amisi meo. 
.Schon (rt. Hermann (Elem. d. m. p. 182) liatte bemerkt, dass hier ebenso 
wie in dem A'ers des Phormio Alles in Einen Pentameter sicli ver- 
einigen liesse. LTnd in der That bildet occidi keinen selbständigen 
Ausruf, wie Andr. 592, sondern steht in nächster Beziehung ziun Fol- 
genden, das die Begründung des Ausrufs enthält, etw^a wie Eun. 827 
Hnn iiiiscra occidi infelix siquidein tu istaec vera praedicas; oder Hec. 638 
sensit peperisse: occidi; Adelph. 265. Dass an den trochäischen Penta- 
meter jamliische Octonare sich anscldiessen. dürften die nicht bean- 
stan(h'n. die Pliorm. a. a. (_). , indem sie Dorio als Clausula abtrennten, 
einen jambischen Octonar herausgestellt haben, an den trodiäisclie Tetra- 
meter sicli anscldiessen. Überdies fehlt es überall nicht an Beispielen 



850 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 14. März. 

lür diese Abfolge trochäisclier Tetrameter (denen die trocliäisclieu Penta- 
meter A'öUig gleicli zu halten .sind) und jambi.sdier Tetrameter, wie imi 
Einiges anzuführen, Phorm.ui 2, 489. 49011". 495. 496 oder in deniselhen 
Drama 159. i6ofl". 180. 181: u. s. 

Dass ich micli zu die.sen Ansieliten Bentley's bekannt lial)e, trotz- 
dem sie im Allgemeinen Avenig Zustimmung gefunden, hat noch einen 
besondern Grund darin, das.s ich aucli unter den Bruchstücken des 
Ennius einige zu erkennen glaube, die unter dieser Vorau.ssetzung, 
ohne dass ein Federstrich daran geändert wird, rhythmisch wohl- 
gegliederte Verse mit abgerundetem Gedanken ergeben. 
Sc. 186 Per vos et vostrum Imperium et fidcm. Myrmidunum A'igiles, 

commiserescite 
177 At ego', omnipotens, te cxposco ut hoc eonsilium Achivis au- 

xilio fuat 
zwei Bruchstücke, die beide der Tragödie Hectoris lytra angehören, 
die auch noch ein drittes, aber unvollständig erhaltenes darbietet. 
Ich rechne dahin auch das Wort des Achilles 

I 2 Eo ego ingenio natu' sum: amicitiam at(jue inimicitiam in l'ron- 

tem promptam gero 
und 

130 ()pie(tas), eam secum advocant, eunt ad fbntem. nitidant corpora. 
Bei einem dieser Verse hat schon Bergk auf die Möglichkeit dieser 
Messung hingewiesen. Und wer Ribbeck's letzte Redaction der Bruch- 
stücke römischer Dramatiker vergleichen will, kann sich leicht über- 
zeugen, wie seine Abneigung gegen diese Annahme zu Änderungen ge- 
fülirt hat, die weder metrisch noch sprachlich diesen Überresten zum 
Vortheil ausgeschlagen sind. 

Wenn man nun zu dieser von zwei Seiton gestützten A'crsart A'er- 
trauen schöpfen darf, würde es gelingen, zwei Verse der Andria des 
Terentius, an denen die Kritik sich bisher ohne rechten Erfolg abgemüht 
hat. mit leiser Änderung zu einer probabeln Gestaltung zu bringen. 

Andr. I 5. Nachdem Pamphilius seiner Verzweifkmg über seines 
Vaters Anspruch, dass heute die Hochzeit sein soll, Luft gemacht 
hat, schliesst Mysis, die ancilla seiner Geliebten, die ihm tnibemerkt 
zugehört liat, an seine letzten Worte Incerhimst <pa'd act/rnn die Äusse- 
rung an: 

3lis('ra tinu'O incertumst hoc quorsum accidat. 
265 Sed mnic ])en)])us est aut hunc cum ipsa aut aliquid de illa me 

adversum hunc lo(|ui. 

' \'ül. Paeuvius bei Gellius xm 8, 4 (348 R.). 

Ego I odi hoinines ignuva oj)era et phiiosojiha ,seiiteiitia. 



Vahlen: Über Fragen der Verstechnik des Terentius. 351 

Dum in dubiost aiiiimis, paulo momento huc vel illuc iinpellitur. 
Man erkennt bald, dass der V. 265 über das Maass eines voUständi- 
i>en jambischen oder trochäischen Tetrameters liinausreicht, und man 
suchte ihn einzuengen. Bentley dachte daran, dp lila zu tilgen, ver- 
warf aber die Vermuthung und entfernte aliquid: mit dieser Kürzung 
ergab sioli ihm der trochäische Septenar 

Sed nunc peropust aut hunc cum ipsa aut de illa me adversum 

hunc loqui. 
Diese Berichtigung fand bei den Spätem Aufnahme, nur dass sie der 
trochäischen Messung die jambische vorzogen : 

Sed niinc peropus est aut liunc cum ipsa aut de illa me adversum 

hunc loqui. 
Dass die Kritiker über die Tilgung dieses aliquid so leicliten Herzens 
sicli hinweggesetzt, wäre zu"\'erwundern, wenn nicht die Ausmerzung 
der falschen Zusätze seit Langem zu den Glaubenssätzen der Kj-itik 
des Terentius gehörte. Aber schon Bentley war im Unrecht, als er 
aliquid, zwar auch Avegen schwankender Stellung in den Handschriften, 
die füi" uns bedeutungslos geworden ist, hauptsächlich aber des Sinnes 
wegen mit den witzigen Worten verwarf: tolk illud aliquid: id enim hie 
minus nihilo est. Aliquid loqui? Immo omnia quae ex arte meretricia blande 
loqui didicerat. Allein die ancilla hat besser, d. h. bescheidener geredet, 
als Bentley sie reden heisst. 'Jetzt ist hohe Noth, dass entweder er 
mit ihr oder ich ein Wort über sie zu ihm rede', und der folgende 
Vers zeigt, dass sie dieses bescheidenen Ausdrucks sich bediente: 
dum in dubio est animus, paulo momento huc vel illuc impellitur. So- 
weit m-theilte Fleck eisen in der zweiten Bearbeitung richtig, als er 
beides, aliquid und de illa, beibehielt, aber er stellte um aut de illa 
aliquid, und musste noch eine Umstellung im Eingang sed peropust 
nunc aut zu Hülfe nehmen, um seinen jambischen Octonar auf die 
Füsse zu stellen. Icli frage nicht, wie viel Glauben das Verfahren 
verdient, aber die Bemerkung Avill ich nicht unterdrücken, dass über 
dem Bestreben, einen Vers herzustellen, der Sinn für die sprach- 
liche Form nicht ganz zu seinem Recht gekommen zu sein scheint. 
Denn täusche ich mich nicht, war es besser zu sagen timeo incertumst 
hoc quorsum accidat. Sed nunc peropus est^ und aliquid de illa besser als 
umgedreht, dies um so mehr, da so auch ein angemessener Versaus- 
gang gewonnen wird : aüt hunc cum ipsa auf d liquid de illa me adversum 
hunc loqui. 

Fasst man ohne Tilgung und Umstellung Alles in einen Vers zu- 
sammen , so stellt sich ein wohlgefügter trochäischer Pentameter heraus : 

Sed n\uic peropus est aut hunc cum | ipsa aut aliquid de illa me 

adversum hunc loqui, 
Sitzungsberichte 1901. 28 



352 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 14. März. 

hoi dem nur der Hiatus cum , ipsa ein Bedenken zurücklässt. ^\'el• iliu 
verfechten könnte, würde einen unver.sehrt erhaltenen Vers gewinnen. 
Jetzt, dn icli iiir Terentius diesen Hiatus niclit zu rechtfertigen wage', 
halte icli v.wnv di'U Pentameter für yesicliert, aber einer kleinen Nach- 
besserung bedürftig, durch die der Hiatus verschwinde. Icli vermutlic 
nämlich, der Vers habe so gelautet: 

Sed nunc per (pol) opus est aut hunc cum ipsa aut aliquid de 
illa me adversum hunc locjui. 

Dass die bekräftigende Partikel den Gedanken hebt, bedarf keines 
Wortes. ^\ ie sciir sie gerade in der Rede der ancilja am Platze ist, 
können viele Beispiele zeigen, und wenn man Eun.901 CH. Non faciam 
Pythias. PY. Non pol credo. Chuerea ein pol aus den Worten der ancilla 
entfernt, mag man zusehen, mit welchem Recht es geschieht. Dass ^c»/ 
in die Mitte zwischen die Bestandtheile fies Quasicompositum peropns 
tritt, erleichtert den Austall und entspricht der ^A'eise des Dichters, 
bei dem Hec. 58 die meretrix Philotis Per pol quam paucos reperias 
meretricihus Jideles und Andr. 486 die obstetrix sagt Per ecastor scilns piier 
est natiis Pamphilo, ganz wie selbst Cicero (de or. n 67, 271) geschrieben 
per mihi scitum videtur. 

Endlich soll ich noch rechtfertigen, dass ich, wie Eentley. einen 
trochäischen Vers hergestellt habe, dem jambische sich anschliessen, 
so kann die ganze Scene über diesen Wechsel beruliigen : doch wird 
es genügen, 260. 261 mit 265. 266 zu A^crgleichen (s. oben S. 350). 

Die andere Stelle, in der ich glaube einen trochäischen Penta- 
meter zu erkennen, steht Andr. n i in der Unterredung des Sklaven 
Byrria mit seinem Herrn Charinus. 

BY. Quaeso edepol, Charine, quoniam non potest id tieri (|uod vis. 

Id velis quod possit. CH. Nil volo aliud nisi Philumenam. BY. Ah 
307 Quanto satiust te id dare operam qui istum amorem ex animo 

amoveas tuo, 

Quam id loqui ([uo magis lubido frustra incendatur tua. 
Der V. 307 ist so ohne handschriftliche Varietät überliefert: nur Do- 
na tus, der auch diese Lesung kennt, führt noch eine andre an: ex 
corde eikias, die Bentley wohl zu rascli an die Stelle jener gesetzt hat 
(vgl. Hec. 347 cura ex corde excessit). Aber um den Vers richtig zu 
stellen , hat Faerni und hat nach ihm Bentley die Tilguni;' von tuo 
verlangt", was einen vollständigen trochäischen Tetrameter ergiebt 

' Vergl. Fr. Leo Plautin. Forschungen S. 306. 
* Wenn man I lautont, n 3. 66 (307) 

SY. Ubi dicimus redisse te et rogare uti 

Veniret ad te , nnilier telam desinit 

f'ontinuo et lacrumis oi)plet os totuin silii. 
307 Ut facile scires desiderio id lieri tuo 




\'ahi.en: Über Fragen der \'erstechiiilc des Terentius. 353 

Quäuto satiust te id il;ire opcram i[ui istum nmurem ex animo amoveas. 
Aber so einfach und so wirksam diese Entfernung des Pronomens 
scheinen mag und so wenig an dem Ausdruck ex animo amoveas aus- 
zusetzen ist, wenn man darauf achtet, wie l>eHel3t dem Dichter der- 
artiger Versschhiss ist. wird man bedenkhcli. oh das überlieferte Wort 
mit Recht aus dem Text gewiesen werde. 

Hec. 6S3 huc animum ut adiungas tuum: 
Ebend. 688 animum rursum ad meretricem adiunxti tuum 
Adelph. 597 aliter atijue es in animum induxi meum 
Ebend. 68 et sie animum induco meum : 

Andr. 883 cum ita animum induxti tuum. 
Ebend. 646 <|ui tuum aninmm ex animo spectavi meo 
Adelph. I 70 cavc nunciamoculosameisoculis(|uoquamdemoveastuos 
Eun. 293 e conspectu amisi meo 
Andr. 308 lubido frustra incendatur tua 

Haut. 408 teneone te, Antiphila, maxume animo exoptata(m) meo. 
von Fleckeisen nicht gut behandelt. 
Hec. 687 impulsu duxisti meo. 
Adelph. 563 in manibus gestavi meis 
Hecyr. 331 quod sane nolim maxume eri causa mei, von Fleck- 
eisen imigestellt (mel eri causa maxume), um dem Dac- 
tylus maxum eri zu entgehen. 
Ebend. 482 haud invito ad aures sermo mihi accessit tuus, auch 
abgeändert und umgestellt von Fleckeisen: ad auris 
mi accidit sermo tuos. 
Adelph. 764 laute((iie munus administrasti tuum. 
Diese Beispiele, die sich leicht vermehren lassen, erzeugen den Zweifel, 
ob der Dicliter hier sein tuo gespart und nicht vielmehr den ihm so 
sehr geläufigen Versausgang ex animo amoveas tuo auch hier vorgezogen 
habe. Fleckeisen ist in der zweiten Bearbeitung zu dem überlieferten 
Versausgang zurückgekehrt in der Form ab^ animo amoveas tuo, ver- 
nuithlich aus andern Gründen als mich bestimmen: denn da eine 
vermeintliclie^Responsion ihn genöthigt, die VV. 307. 308, die unver- 



tuo V. 307 beseitigt und geschrieben hat desklerio id fieri, so will ich zwar über den 
Vers nicht aburtheilen , bin aber der Meinung desiderio tuo sei unerläs.slich und sehe 
wenigstens, dass Bentley die Kürzung des Verses auf andenn Wege gesuciit hat. 

' ah animo amoveas zu schreiben statt ex animo war nicht nöthig: amovere heisst 
'entfernen und kann mit ex so richtig wie mit a verbunden werden. Wechsel der 
Praepositionen ist nicht selten. Adelph. 170 ocuhs a meis oc-ulis demoveas; Pliorm. 484 
ab sua polaestra exH foras; Eun. 296 deleo omnes dehinc ex animo mulieres. Eun. 293 
(' conspectii amisi meo; Lucretius m 57 tmrae vores tum demum pectore ah imo Eiiciuniiir. 
Plantus Pseud. 144 nixi S(rnvnim socordin iiique e.r pectore oadisqiie ainoretis (so Palnt., 
exmocetis Anilir.). 



354 Sitzung der pliilosophisch-liistorisclien Classe vom 14. März. 

kennbar als trochäische niarkirt sind, in jambische umzusetzen, war 
es nahe .H'elegt, den handschriftUchen Schluss von 307 zu verwerthen. 
Die Form, die er beiden Versen gicbt 

Quanto id te satiust dare opei-am, Istam qui ab animo amoveas tuo 

Quam id eloqui — 
bleibt, von der \\'illkür der Änderung- nicht zu reden, meines Er- 
achtens auch sprachlich hinter der überlieferten weit zurück. 

Betrachten wir die handschriftliche Fassung 
Quänto satiust te id dare operam qui istum amorem 1 ex animo amoveas tuo, 
so giebt sich, meine ich, ein wohlgeformter trochäischer Pentameter 
zu erkennen, an dem nur der Hiatus hinter amorem zu beseitigen bleibt. 
Da der Sklave zu seinem Herrn spricht und ihm eine eindringhche 
Mahnung ertheilt, ergicbt sich die Ergänzung leicht: es fehlte vermuth- 
lich hinter amore die übliche Anrede ere , die wie sie hier leicht über- 
sehen werden konnte, so gerade an der Stelle ihre besondere Wirkung 
that. Dass Byrria zwei Zeilen vorlier denselben Herrn mit Charine 
angeredet, ist kein Hinderniss. Anreden in diesen Komödien häufen 
sich oft, und die Sklaven ptlegen zwischen ere und dem Namen ihi'es 
Herrn zu wechseln. Hautont. 591 spricht Syrus zu seinem Herrn, 
ihn erst 591 Chremes, dann zwei Zeilen weiter 593 ere anredend: 
(|uid illum porro credas facturum . Chremes. 

Nisi eum, quantum tibi opis di dant, servas castigas mones? 

CH. Ego istuc curabo. SY. Atqui nimc tibi, ere, isticadservandusest. 
Ähnlich nennt Davus in der Andria seinen Herrn 503 ^bao, 508 ere. 

Die beiden Fragen, die ich hier zusammengestellt habe und ein- 
dringendem Urtheil aidieimgebe, stehen, wie leicht zu erkennen, in 
engem Zusammenhang mit einander, indem, wenn das Eine wahrschein- 
lich ist, auch dem Andern etwas an Wahrscheinlichkeit zuzuwachsen 
scheint. Denn von dem Dichter, der über das Maass des trochäischen 
Tetrameters (vollständigen und unvollständigen) hinaus bis zum Penta- 
meter gegangen, ist unschwer zu glauben, dass er auch schon gleicli- 
sam auf einer frühern Etappe über dasselbe Maass mit einem Fuss 
hinausgescliritten sei, imd umgekehrt, wenn er letzteres gewagt hat, 
dann auch jenes versucht haben werde. Was aber über den trocliäisclien 
Pentameter, der nocli als einheitliclier Vers anzusehen ist, hinausgeht, 
nahm die Form <ler mit dem Tetrameter verbundenen Clausvda an. 



Ausgegeben am 21. März. 



c.lrii.'lil iii <l.-i KL'i.'lii.Iri 



?^ 



SITZUNGSBERICHTE 




KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



ai<:ademie der Wissenschaften 



zu BERLIN. 



XVI. 



21. März 1901. 



BERLIN 1901. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMEK. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2, Diese ersclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
üetav rc^clniiissig; Donnerstags aclil Tage nach 
jeder Sitzung^. Uic sämmtliclien zu einem Keilender- 
jalir geliörigcn Stücke bilden vorläufig einen B.ind mit 
fortlaufender Pnginirung. Die einzelnen Stücke erli.ilten 
ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
IvÄtegorien der Sitzungen fortlaufende römisclic Ordnungs- 
inimmer, und zwar die Bericlite über Sitzungen der physi- 
kalisch - matliematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch - historischen Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Ubersiclit über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftliclicn Mit- 
tlieilungen und Ober die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. D.arauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenscliaftlichen Aibeitcn, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der d.\s Stück gehört, 
druckfertig übergcbenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. 

Uen Bericlit über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welclicr darin den ^'orsitz liatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsiclit ü!)cr die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erscliei- 
nenilen wissenscliaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
tlicilung in die Sitzungsberichte gelten neben §41,2 der 
Suituten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Oetav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzvnigsberichtc 
niclit übersteigen. Mittheilungen von Verfassern, welclie 
der Akademie nicht .angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur n.aeli ausdrücklicher Zustimmung der Gcsammtak.i- 
demie oder der betreffenden Cl.'isse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durch.aus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
tlieilung wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 



1. Eine für die Sitzinigsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Jlittheilung darf in keinem F.allc vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 



nur auszugsweise oder .auch in weiterer Ausfülirung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
scliaftlichen Mittheilung diese anderweit fi-üher zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Reclitsregeln zusteht, so bedarf er d.azu der Ein- 
willigung der Gesammtak.ademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

5. Auswärts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach .aclit Tagen. 

§ 11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissensch.aftlichcn 
Mittheilungen • abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umsclil.ag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahrcsz.ahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der N.amc des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittlieilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
SeHen füllen , IJiUt in der Regel der Umsclilag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiclie Sonder.abdrücke bis zur Zahl von nocli zweihundert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung abziehen zu Lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigir enden Secre- 
tar Anzeige gemacht h.at. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheiliiiig muss in einer .akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitgliedcr, haben hierzu die A'ermittelung eines ihrem 
Fache aiigeliörcnden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliclie Einsendungen ausw.ärtiger oder corrc- 
spondircnder Mitglieder dircct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingelicn , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein .anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Ak.ademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden JUtgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufn.ahmc bed.arf es 
einer ausdrückliclicn Genehmigung der Ak.ademie oder 
einer der Cl.assen. Ein darauf gerichteter Antr.ag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der redigireiidc Secretar ist für den Inhalt des 
gesch.äftlichcn Tlieils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen ver.ant^vortlich. Für diese wie 
für alle iil>rigen Tlieile der iSitzungsberichtc sind 
nach jeder Kichlinis: nur die A'crfasser vcrant- 
«orllicli. 



Die Akademie ver\endel ihre -SiUuniislirrichle' an dir/enitjen Stellen , /nii denen sie im Schri/lceike/ir -steht, 
vofeni nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Starke von Januar bis April in der ersten Häl/'le des Montit.i Mai, 
Mai liit Juli in der ersten Iläl/te des Monats Au_^ust, 
October bis December :u Anfani/ des nächsten Jahren nach Fertlt/sleltiiny des Iiri/isters. 



355 

SITZUNGSBERICHTE i90i 

DER A.V1. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 
2L März. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

*I. Hr. Pernice las: »Römisches Gewohnheitsrecht und un- 
.«.•eschriebenes Recht«. 

Es wird über die Voraussetzungen und die Wirkungen des Gewohnheitsrechtes 
im römischen Reiche und über die Bedeutung des Unterscliiedes von geschriebenem 
und ungeschriebenem Rechte im Alterthume gehandelt. 

2. Hr. CoNZE legt im Ansclilusse an seinen eigenen Vortrag in der 
Gesammtsitzung am 2 1 . Februar die Abhandlung des Hrn. Wilhelm 
ÜÖRPFELD in Athen über das südliche Stadtthor von Pergamon 
A'or. (Abh.) 

3. Hr. Au WEHS übergab 17 Briefe A'on F. W. Bessel an das ver- 
storbene Mitglied der Akademie Oberlandesbaudirector G. Hagen, Avelche 
dessen Tochter, Frl. Helma Hagen , nebst einigen weiteren von Bessel 
herrührenden, auf die totale Sonnenfinsterniss von 1819 sich beziehenden 
Schriftstücken der Akademie für die Sammlung der BEssEL'schen Cor- 
respondenz überreicht hat. Ferner übergab derselbe 37 Briefe an F.W. 
Bessel: 22 Briefe seines Mindener Lehrers des Conrectors TniLO aus 
den Jahren 1802— 1805, 5 Briefe von J. H. Sciiroeter und 10 von ver- 
schiedenen Correspondenten aus der Bremer und der ersten Königs- 
berger Zeit. Diese Briefe haben sich im Besitze der Fravi verw. Super- 
intendent Bessel in Traben befunden und sind von derselben auf An- 
regung ihres Enkels des Hrn. Dr. W. Crönert in Göttingen der Akndemie 
überreicht worden. 

4. Die philosophisch- historische Classe hat Hrn. Prof. Dr. Bene- 
incTUs Niese in Marburg zu einer Reise nach Italien zimi Zweck der 
Vergleicluing von Handschriften des Strabon 1 500 Mark bewilligt. 



* erscheint nieht in den akademischen Schriften. 

Sitzungsberichte 1901. 29 



H56 



Über das Spectrum der Nova Persei. 

Von H. ('. \'oGEi.. 

(Vorgetragen am 7. ^liirz [s. oben S. 301].) 



jyiit liocligespannten Erwartun,i>'en liat man wohl allgemein die Kunde 
aufgenommen, dass ein »neuer Stern« \on beträelitlielier Helligkeit im 
Stcrnbildc des Perseus ersehienen sei. Haben doch die neuen Sterne von 
je her zu den räthselhaftesten Objecten des Himmels gehört, und keine 
von der grossen Anzahl von Hypothesen über die Natur dieser Sterne, 
die auf mehr oder minder sicherer wissenschaftlicher Basis beruhen, 
hat bisher mehr bringen können als eine vorübergehende Befriedigung. 

Die Anwendung der Spectralanalyse hat auch liier manches Dunkel 
gelichtet, und die Entwickelung der Methoden, die auf dem Doppler- 
schen Princip beruhen, halien zu interessanten Resultaten geführt. Mit 
Hülfe der vervollkommneten Apparate der neuesten Zeit, namentlicli 
aber seit Einführung der Spectrograpliie, erkannte man, dass in den 
Spectren neuer Sterne Paare von hellen und dunklen, stark verbreiterten 
Linien auftreten, die die Vermuthung nahe legten, dass man es nicht 
mit einem Körper, sondern mit zwei Körpern zu tliun habe, von 
denen der eine voi-wiegend ein Emissionsspectrum, der andere ein 
Absorptionsspectrum besitze. Die aus dem Abstände der Mitten der 
sich berülirenden hellen und dimklen Linien abgeleitete relative Be- 
wegung führte aber zu recht unwahrscheinlich hohen (ieschwindig- 
keiten beider Körper. 

Ich lial)e in meiner Abhandlung »über den neuen Stern im Fuhrmann« ' 
ausfülirlicli die von mir und von Anderen angestellten Beo1)achtungen 
und die Folgerungen aus denselben nach dem damaligen Standpunkte der 
Wissenschaft mitgetheilt, auch die wichtigsten Hypothesen besprochen. 

Inzwischen sind nun unsere Kenntnisse über die Spectra ver- 
schiedener Elemente wesentlich erweitert worden, und wir haben 
durch die Untersudumgen von Himpiireys und Moiilek. von Edeu imd 
Valenia und von Wii.sinc erfahren, dass nicht alle Linienverschiebun- 
gen als Folgen des Doppi.Euschen Princi])s anzusehen sind. Ich habe 
der Königliclien Akademie am 4. 31ai 1899 ^^''"C Abiiandhmg des Prof. 

' Al)!i. (1. K. I'i-i'iiss. Akad. il. Wiss. zu Heiliii 1S93. 



Vogel: Über das Spectnim tlei' Nova Persei. 85/ 

WiLsiNci in Potsdnin «Über die Deutung des typischen Spectrums der 
neuen Sterne« vorlegen können, welche eine sehr ungezwungene, auf 
eigenen Experimenten basirende Erklärung der Doppelspectra neuer 
Sterne und damit zugleich von den physikalischen Vorgängen in der 
Atmosphaere einer Nova gibt. 

A-^on der Nova Persei. die zuerst am 23. Februar 1901 in Potsdam 
spectrographisch Ijeobachtet werden konnte und zur Zeit der Beob- 
achtung der hellste Stern am nördlichen Himmel war. konnte mit Recht 
eine weitere Bestätigung für die Zulässigkeit der erwähnten Hypothese 
erwartet werden, und die Enttäuschung war nicht gering, als die 
photographischen Auftiahmcn des in einfachen Ocularspectroskopen 
hellleuchtenden Sternspectrums auf den ersten Blick so gut wie gar 
kein Detail erkennen Hessen. 

Von mir und Dr. Hartmann an den erhaltenen Spectrogrammen 
ausgeführte Messungen ergaben das Vorhandensein der Wasserstofl- 
linien, von denen Dr. Hartjiann auf den von ihm am So^-Refractor 
angefertigten Aufnahmen von geringer Dispersion die neun Linien 
des Wasserstotfs von H/3 bis H;c erkennen und messen konnte, 
während auf den von mir untersuchten und von Dr. Ludendokff am 
32''"'-Refractor bei starker Zerstreuung aufgenommenen Platten — auf 
denen niu- ein kleinerer Theil des Spectrums (A 4040 bis A 45 20) zur 
Abbildung gelangt — bloss die beiden Linien Hy und HS zu sehen 
waren. Die Wasserstoft'linien erschienen als breite, ganz matte, ver- 
waschene und nur sehr schwer aufzufassende Absorptionsbänder, die 
nach der weniger brechbaren Seite etwas stärkere VerAva seh enheit zeigten. 
Ausserdem waren noch matte Absor]itionsbänder anderen Ursprungs zu 
sehen, jedoch fehlte jede Andeutung Aon Emissionslinien oder Emissions- 
bändern. Sehr auffällig waren aber zwei ganz scharfe schmale Ab- 
sorptionslinien auf den HARTMANx'schen Aufnahmen, die mit den C'al- 
ciumlinien A 3934 und A 3969 identificirt Avurden. Diese Linien im 
Sternsjiectrum zeigten eine geringe Verschiebung nach Roth, die nach 
den vorläufigen Messungen einer Bewegung des Sterns in der Secunde 
von etwa +45'"" relativ zu Erde oder etwa +18''"' relaliv zu Sonne ent- 
sprechen würde. Ich möchte gleich hier bemerken . dass auf späteren 
Aufnahmen die Lage der Linien miAcrändert geblieben ist und die 
angegebene Geschwindigkeit wohl als die dem Stern zugehörige an- 
gesehen Averden kann. Auf den a on mir ausgemessenen Platten vom 
23. Februar befanden sich keine scharfen Linien. Avohl aber ein etwas 
besser aufzufassender Aerwaschener Absorptionsstreifen, für dessen 
Wellenlänge ich 4473 ableiten konnte. Identificire ich den Streifen 
mit der Linie A 447 1.6 des Cleveitgases. so resultirt ebenfalls eine 
Beweiiuii"' des Sterns von +10'"" bis +20""" relativ zu Sonne. Anders 



1^58 GesainintsitzuiiK vom 21. März. — Mittlicilmif; vom T.Mär/.. 

xcrliiclt CS sicli iniii mit den Wasscrstofl'hiindcrii. riisero Messuiis^cn 
stimmten vmter sicli und mit. ciiinndcr yfut ühciciu und crsi'aben eine 
sehr "Tossc ^'el•st•llil'l)uu^• nach der Seite kürzei-er W'cllenlänycii. aus 
der eine Bewe.si'uui;' des WasserstolTgases xon rund — 700''"' in Acr 
Sccunde relativ zu Sonne .i>esclilosseii werden könnte. 

Alles, was wir am 23. Feljruar beoliaclitcn konnten: die auriallend 
scliarlen Calciumlinien, das Fehlen der Emission.slinien. die starke 
N'erscliiebuni»' der Altsor])tionslinien nacji der hreehliarei-en Seite des 
Spectrums, widers])raeli dem. was man nach der v orer\väIinten Theorie 
zu erwarten hatte. 

Authalimen des S])ectnmis, die nou den Doctoren 1Iautm.\nn. Kuek- 
iiARD und LuDENDORFF an den beiden genannten Instrumenten am 26. 
und 27. Februar und am 2.. 3. und 4. 3Iärz ausgeführt wurden, zeigen 
nun eine erhebliche Veränderung des Spectnuns insot'ern. als die Ab- 
sorjitionslinien viel deutlicher geworden inid aou intensi\en . sehr 
l)reiten Emissionsbändern, die schon in kleinen Ocularspectroskopen 
als helle Linien leicht gesehen werden konnten, begleitet sind. Die 
Emissionslinien sind sehr breit, nach der weniger brechljaren Seite 
allmäldicher verwaschen, ihre Intensitätsmaxima sind wenig, die Glitten 
der Linien aber sein- stark nach Koth versclioben: die Absori)tions- 
linien sind jedocli noch erheblich weiter als auf den Sjiectrogrammen 
vom 23. Februar nach der entgegen^'esetzten Seite gerückt. Das S])ee- 
tru)n ist mit einem Worte zum tyj)ischen Spectrvnn der neuen Sterne 
geworden und zeigt im grossen JVlaa.ssstabe die A'eränderungen . die 
nach Wilsing's Beobachtungen bei 3Ietalls])ectren und l)cim W'asser- 
stoft"' unter höherem Druck auftreten. Nur die beiden erwähnten C'a- 
Linien sind unverändert scharf geblieben. 

Der Versuch, eine Erklärung des A'erhaltens der beiden Calcium- 
linien H und Ä' zu geben, hat mich auch darauf gebracht, die am 
23. Februar beobachteten starken Verschiebungen der ^N'asserstoftlinien 
nach der WiLsmr.'schen Hypothese zu deuten. 

Das rapide Anwachsen der Helligkeit des neuen Sterns (nach 
PicKERiNo am 19. Februar sicher nicht 11'". am 23. Februar 10'' nach 
den Potsdamer Beobachtungen 0T24), lässt enorme Störimgen in der 
Atmosphaere des Sterns untl damit in Verbindung stellende erheb- 
liche Drucksteigerun.iicn voraussetzen , bei denen die sich sehr leicht 
verbreiternden Calciumlinien kaum als schmale, ganz scharf geschnittene 
Absorptionslinien denkbar sind; ihre ausserordentliche Schärfe dürfte 



' Sit/.un.i^slierichte d. K. I'icuss. Ak;iil. d. Wiss. zu IJciliir. Gi's.-immt.sitziinu; vom 
27. Juli NS99. 



Vogel: über das Siiectruin der Nova Persei. 



359 



Macht man aber diese Vornussetzuns', so folgt weiter, dass eine schmale 
Absorptionslinie als Umkehruni^- nur in einer breiteren Emissionslinie 
entstehen kann, und ich nehme an, dass Schichtungen in der Stern- 
atmosphaere, wie sie die WiLsiNG'sche Theorie voraussetzt, stattgefmiden 
haben, von denen die eine von den betreffenden Linien breite Ab- 
sorptionslinien, die andere breite Emissionsbänder mit Umkehrungs- 
erscheinungen fiir sich gegeben hätte. Heben sich nun bei der Über- 
einanderlageruug der Schicliten Absorption und Emission nahezu auf, so 



Fiff. 1. 




,Rolh. 



B 



bleibt nur die scharfe Absorjitions- 
linie der Umkehrung übrig. Die 
beistehenden Diagramme sollen das 
veranschaulichen. In Figur i A ist 
nach oben die Intensitätscurve des 
Spectrums (Emissionslinie mit Um- 
kehrung), nach unten die Intensitäts- 
curve des Absorptionsspectrums ge- 
zeichnet. Figur I B gibt die bei der 
Ubereinanderlagerung der Schichten 
resultirende Intensitätscurve. Die punktirte Linie deutet die Lage der 
Ca -Linie an, wenn keine Bewegung stattfände: die schmale Absorj)- 
tionslinie ist, den Beobachtungen cntsprecliend. in der Richtung nacli 
Roth etwas verschoben. 

Die Erklärung, weslialb am 23. Februar nur Absorptionslinien 
des AVasscrstolfs. stark nach der Seite der küi'zeren Wellenlängen ver- 



Ca\ 



Fig. 2. 




, Roth. 



H 



schoben, erschienen sind, macht 
bei ähnlichen Betrachtungen keine 
Schwierigkeiten. Lagern wieder 
mehrere Schichten verschiedenen 
Drucks über einander, so kann 
es leicht kommen , dass die bei 
höherem Druck nach Roth zu ver- 
schobene Emissionslinie so schwacli 
ist, dass sie die Absorptionslinie 
nicht über das Niveau des continuirlichen Spectrums nn in den Fi- 
guHMi aufhellt. In Figur 2 il, sei wieder nach oben die Intensitätscurve 
<h's Emissionsspectrums, nach unten die des Absorptionsspectrums ge- 
zeichnet, Figur 2 JB, stellt die bei Ubereinanderlagerung der Schichten 
resultirende Intensitätscurve dar, die derjenigen entspricht, welche am 
23. Februar beobachtet wurde. Die grosse Verschiel)ung des Intensitäts- 
maximums nach der brechbareren Seite ist demnaeli nur eine schein- 
bare: in Wirklichkeit braucht die Mitte des Absorptionsbandes nur 
wenig nach Roth verschollen gewesen zu sein, wie in Figur 2 ^4,. 

Sit/.iingU)cnclile lüOl. 30 




H()0 GesaiiiintsitzunK vom 21. März. — Mittlieiliing vom T.Mär/.. 

Wie licsnti't. sind scIkhi lici den S])oc1roi>'niininen vom 26. Ft'brujir 

Kmissiojislinicu vorliMudcii . dii' in dvw sijiitcrcn Aufhalimen immer 

luy. :i. deutlicher liervortrateii. 

Die Curve C in Fiiyur 3 

iiibt eine uni^efälire ^'or- 

stollmig der Intensitäten 

//^y "^ des Linien])aares Hy naeli 

./tö//( (if.ji Platten vom 3. und 

4. März. Die eigenthümliclie Form der Curve ist oluie Scliwierigkeit 
in der angegebenen Weise zu erklären. 

Icli möclite nicht unerwälint la.ssen. dass die letzteren Betrach- 
tungen nur weitere Ausfühnmgen, unter Bezugnahme auf die an der 
Nova Persei beoliacliteten Erscheinungen, dessen sind, was ^VIL.sING 
in seiner Abhandlung über das tY])ische Spectrum der neuen Sterne 
(a. a. 0. S. 435) gesagt hat. 

Nach dem Voi'stelienden glaube ich nun aussprechen zu können, 
dass die Beobachtungen am Spectruni der Nova Persei bisher nur eine 
Bestätigung der Wn.siNG'schen Ansicht gegeben hal)en. und dass keine 
Veranlassung vorliegt, die grosse Verscliiebung der Altsorjttionslinien 
des WasserstofVs nach dem DoppLER'schen Princip als Bewegungen, 
sei es aucli nur des Wasserstoftgases, anzusehen. 

Spielten schon in der Nova Aurigae die Linien des Wasserstoffs 
in Bezug auf Au.sbreitung und Verschiebung eine grosse Rolle, so 
scheint nach den l)isherigen Beobachtungen das bei der Nova Pensei 
in noch höherem Maasse der Fall gewesen zu sein. Es sind im Spec- 
trum nur wenige Bänder und keine so beträchtliche Zald von Linien 
und Linienpaaren wie in der Nova Aurigae wahrzunehmen, Ijesonders 
sind Blau und Violett ganz arm an Spectrallinien anderer Elemente. 

Das ausserordentlich schnelle Anwachsen der Helligkeit des Sterns 
und die nun wieder sehr rasclie Abnalime der Intensität der brech- 
bareren 'Ilieile des Spectrums lässt die Vernuithimg aufkommen, dass 
es hauptsächlich der ^Vas.serstoft' gewesen ist, der das helle continuirliche 
Spectrum in diesen Theilen gegeben liat. was unter gewissen Druck- 
und Temperaturverhältnissen bekanntermaassen leicht eintreten kann. 
Anderenfalls würde die Erklärung der schnellen Abnahme der Lichtstärke 
Schwierigkeiten verursachen. Der weitere Verlauf <ler Erscheinung nuiss 
jedoch erst abgewartet werden, elu' man hierüber zu sicheren Vor- 
stellungen gelangt: vielleicht fuhrt (h'rselbe audi dazu, aus den vielen 
Hypothesen über die neuen Steriu- (Mnige definitiv auszusclieiden. 

Ausgegeben am '2S. Miiiv,. 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCEA.FTEN 



ZLJ BERLIN. 



XVII. XVIII. 




28. März 1901. 



SH5H5* 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der » Sitzungsberichte « . 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octnv rc^clinassi;^ Donnerstajrs acht Tage nach 
jeder Sitzung. Die sümmtliclien zu einem Kalender- 
jahr geliöiii;cn Stücke bilden vorlänfig einen B.ind mit 
fortliiiifendcr Paginining. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Glosse allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch - historischen Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitzimgsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Blit- 
tlieilungen luid über die zur Veröffentlichtmg geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftliclien Arbeiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergebenen , dann die , welche in früheren 
Sitztnigen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. 

§ä- 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secrctar zusammen , welcher darin den A'orsitz hatte. 
Derselbe Secretar fülirt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzimgsberichte gelten neben §41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octov in der gewöhnlichen ScliriA der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern, welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfangcs beschränkt. Uberschreitimg dieser Grenzen ist 
nur n.-ich ausdrücklicher Zustimmung der Gesammtaka- 
demie orler der betreffenden Cl.asse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen , wenn die Stöcke der in den 
Text einzusclialtenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 
1. Eine für die Sitzungsberichte bcstiimnte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus'- 
gabe des betreffenden Stückes andenvcitig, sei es aucli 



nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfülurung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit frülier zu ver- 
öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Ges.ammtakademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 

5. Auswärts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen verachickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Ersclieinen ihrer Mittheilungen nach .acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den «Wissenschaftlichen 
Mittheilnngen« .abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonder.abdrücke mit einem Umschl.ag, .auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit J.ahreszalil , Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht Ober zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Dem Verfasser steht frei, auf seine Kosten weitere 
gleiche Sonderabdrücke bis zur Zahl von nocli zweihimdert 
zu unentgeltlicher eigener Vertheilung .abziehen zu Lassen, 
sofern er hiervon rechtzeitig dem redigir enden Secre- 
tar Anzeige gemacht hat. 

§28. 

1. Jede zur Aufn.ahme in die .Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie .alle 
Nichtmitglieder, liabcn hierzu die Vermittelimg eines ihrem 
Fache angeliörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen ausw.ärtiger oder corrc- 
spondirender Mitglieder direct bei der Ak.ademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Ak.ademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnalime bed.arf es 
einer .ausdrückliclien Genehmigung der Ak.ademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der redigirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inlialtsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese wie 
fiir alle iibrig;eii Theile der Silzwiarsberichte sind 
nach jeder Riclitini^ nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Difi Akademie verxendet ihre 'Sitzungsbirichte- an diejenii/en Stellen, mit denen sie im Schrifiierke/ir .^teht, 
trofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Haltte des Monats Mai, 
' Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers, 



361 

SITZUNGSBERICHTE ^^oi. 

DER XVII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 

28. März. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. DüJDiLER las über den Dialog de statu sanctae ec- 
clesiae. 

Er versuchte Herkunft, Entstellungszeit und Absicht dieser merkwürdigen Schrift 
genauer zu bestimmen , deren Text nach dem einzigen Drucke mit einigen Verbesse- 
itingen wiederholt wurde. 

2. Hr. Kekule von Stradonitz überreichte das Manuscript seiner 
in der Sitzung am 31. Januar er. gelesenen Mittheilung ȟber ein 
Relief mit einer auf den lupiter exsuperantissimus bezüg- 
liclicn Inschrift CLL. VI. 426«. 

3. Hr. Erman übergiebt das Manuscript seiner in der Sitzung der 
Classe am 29. November 1900 gelesenen Abhandlung »Zaubersprüche 
für Mutter und Kind. Aus dem Papyrus 3027 des Berliner 
3Iuseums«. (Abh.) 

4. Hr. KiKCHHOFF überreicht einen Aufsatz des Hrn. Dr. Rudolf 
Herzog in Tübingen über »das Heiligthum des Apollo in Hala- 
sarna«. (Ersch. später.) 

5. Hl-. Diels überreicht im Namen des Hrn. Prof F. Rühl in 
Königsberg zwei Briefe W. v. Humboldt's an Hrn. v. Olfers aus dem 
Jalire 1821, die der neuen Ausgabe zur Verfügung gestellt werden. 

6. Weiter wurden durcli Hrn. Erman vorgelegt zwei von dem 
correspondirenden Mitgliede der Akademie Hrn. Leon Heuzey einge- 
sendete Schriften: Egypte ou Chaldee, par L. Heuzey, Paris 1899, und 
DE Sarzec et Heuzey, Une villa Royale Chaldeenne vers l'an 4000 avant 
notre ere. Paris 1900. 



Sitzungsbericlite 1901. 31 



U>2 



Über den Dialog De statu sanctae ecclesiae. 

Von E. DÜMMLER. 



»Jean Dcscordes (Joli. Cordesius) , Priester und Domlierr zu Limo,ii:es, 
verörtentliclite im J. 1615 eine kleine Sammluns' von Schriften und 
Actenstücken unter dem Titel 'Opuscula et epistolae Hincmari arclii- 
ejiiscopi Rliemensis', welche er dem grossen Staatsmann und Geschiclit- 
sclireiber Jakob August de Thou widmete, mit der Begründung, dass 
dieser ihm aus seiner reichhaltigen Bibliothek freigebig die Hand- 
schriften dargeliehen habe, auf welchen sein Werk berulie. Nur für 
ein einziges, ausdrücklich bezeichnetes Stück bemerkte er, die Hand- 
schrift von Franz, dem Bruder von Peter Pithou. erhalten zu haben. 

Wollte man aus dieser Angabe nun den Schluss ziehen , dass Des- 
cordes alle von ihm lierausgegebenen Quellen aus Handschriften geschöpft 
habe, so Aväre dieser freilieh falscli. denn einen ganz erklecklichen Tlieil 
seiner Sammlung, Briefe von Hinkmar sowie solche, die zum Tlieil 
mit Hinkmar gar nichts zu thun haben, hat er einfach und ohne jede 
Quellenangabe oder Andeutung' aus der zweiten (oder einer späteren) 
Ausgabe von dem Catalogus testium veritatis des Flacius entlehnt." Er 
scheute sich nicht, diesen Erzketzer zu plündern, aber er scheute sich 
docli, es oflen einzugestehen, und hat dadurch bisweilen irre geführt.^ 

Unter den Stücken alier, die wir ihm allein und nicht Flacius ver- 
danken, befindet sich die Abhandlung eines namenlosen Verfassers, die 



' ZarncivE, der in Bezug auf flic Vorrede zum Heliaiul den Sacliverlialt richtig 
erkannte (Leipziger Berichte, ])hil.-liistor. Cl. XVII, iii— 112). irrte darin, dass er in 
der Übersclii-ift auf S.711: 'Nicolai I loannis X Leonis IX .sanctae .sedis Rom. pontific. 
et alior. epistolae nonduni editae' die Andeutung erblicken wollte, diesen vorher un- 
gedruckten Briefen gingen schon gedruckte voran. Dies ist unmöglich, denn gerade 
unmittelbar vor diesen Briefen S. 646— 710 stehen gleichfalls ungedruckte Stücke. Der 
Herausgeber wollte viehtKjhr sagen, dass erden schon von Anderen gedruckten Briefen 
jener I'äj)ste diese bisher ungedruckten hinzufügen wolle. 

' Nicht aus der ersten von 1556, die unvollständiger ist. .Ausser mehreren auf 
Bischofswahlen bezüglichen Briefen Hinkniar"s sind hiei' noch zu erwähnen die Vor- 
rede zum Ileliand, Otfrid's an Liutbert und ein Sciueiben Liutbert's, der Brief der 
Ravennater an Karl den Kahlen, das Schreiben Theotmar's von Salzburg und seiner 
Suffragane u. .s. w. Vergl. meine Gesch. des Ostfränk. Reiches II, S.So; III, S. 511. 

^ SciinÜRS (Hinkmar v. Reims, S.7) nennt zwar f'ordesius, nicht aber Flacius 
unter den ersten Herausgebern von Schriften Hinkniar's. 



■ 



Dümmler: Über den Dialog De statu sanctae ecclesiae. 363 

vielleicht nach der Handschrift betitelt ist: 'Dialogus de statu sanctae 
ecclesiae'. Dieser Abdruck , der im Ganzen einen zuverlässigen Eindruck 
macht und nur ein paar kleine Lücken aufweist, ist bislier meines Wissens 
nirgend wiederholt worden — nicht einmal bei Migne — und hat über- 
dies ausserordentlich wenig Beachtung gefunden, so dass eine genauere 
Prüfung der merkwürdigen Schrift sich doch wohl lohnen düi'fte — 
leider nur nach der einzigen Ausgabe, denn eine handschriftliche Grund- 
lage habe ich dafür (auch mit der stets bereiten Hülfe Delisle's) bisher 
nicht zu ermitteln vermocht. Schon Mabillon scheint eine solche nicht 
mehr gekannt zu haben.' 

Wenn auch die Neueren diese Schrift achtlos übersehen haben, so 
tMitging sie doch einst weder dem Scharfblick Mabillon"s noch dem 
Sammelfleisse der Verfasser der Histoire litteraire. Jener hielt sicli zu- 
erst an den Namen des einen der beiden darin auftretenden Unterredner, 
Eutitius, und weil ihm in karolingischer Zeit ein Abt Eutitius A'on Baume 
i)ekannt war, so glaubte er in ihm zugleich den Verfasser erblicken zu 
dürfen." Denselben Eutitius meinte er auch in dem sogenannten Astro- 
nomen, dem Biographen Ludwig's des Frommen, wiederzufinden. Als 
er aber weiterhin zu der Überzeugung gelangte, dass dieser Abt Eutitius 
mit dem bekannten Benedikt von Aniane identisch sei, der bereits 821 
starb, nahm er jene Vermuthvmgen^ ausdrücklich als zeitlich unverein- 
bar zurück. Die Hist. litter. liatte nun zwar von Mabillon"s Annahme, 
nicht alier von diesem Widerrufe genügend Kenntniss genommen, und 
so liess sie wohl den Astronomen fallen, stellte aber Benedikt unmittel- 
bar als wahrscheinlichen Verfasser unseres Dialogs hin*, obgleich schon 
die für so frühe Zeit unmögliche Benutzung der pseudoisidorischen 
Decretalen, auf welche sie selbst zuerst aufmerksam maclite (p. 459), 
.sie eines Besseren hätte belehren sollen. 

Mfdiillon kam indessen in seinen Annnlen viel später noch einmal 
auf die Schrift De statu sanctae ecclesiae zurück, und indem er nicht 
ohne Grund die Spraclie derselben rühmte, äusserte er, freilich mit einer 
gewissen Vorsieht, die Vermuthvmg, der berühmte Abt Lupus von 
Ferrieres könnte wohl der Verfasser sein. Wenn dies auch zeitlicli 



' Er .scliweigt darüber und verniuthet nur, dass unsere Schrift im Jahre 992 
sich unter den Büchern des Abtes Adso von Montier - en - der befunden habe, als 
'Euticius I.' (Annal. ord. S. Bened. III, 126); doch mit Recht hat Omont (Bibliotli. 
de Fee. des chartes a. 1881 t. XLII, 160) diese Angabe auf den Grammatiker (Eu- 
tyciiius d. i. Eutyches) bezogen. 

- .\cta .SS. ord. .S. Bened. saec. IV, i, 655. 

^ Ebenda saec. IV, 2. 571: '([uos post annum 840 hoc est annis ab obitu Bene- 
<licti minimuni XIX editos fuisse constat'. 

* Hist. Htter. de la France IV (a. 1738) 458: Tauteur avoit du tnlent pour ccrire 
ce qui convient parfaitement ä S. Benoit d 'Aniane'. Bahr, sonst der getreue Nach- 
treter der Hist. litt., hat diese Verniuthung nicht aufgenommen. 

31* 



HG4 Sitzung der j)liilüsopliisch- historischen C'lasse vom 28. iSIUrz. 

nllerdiiiys' clier möi^lich wäre, so vermag' ich doch keine stiUstisdie 
i'bereiustimmung Avahrzunelimen und vermisse überdies in der uns sonst 
zieinhch gut bekannten Wirksamkeit des Lupus jede liestimmte Jlöy;- 
lichkeit einer Anknüjjfung, obwohl er ja vielfach weltliche Eindrille in 
das Kirchengut zu bekämpfen hatte. Schon Marckwald" verwarf daher 
diese Annahme als unbegründet. 

Ebenso möchte ich aber auch die noch nicht ausgesprochene, doch 
nahe liegende Möglichkeit zurückweisen , dass etwa Abt Radbert von 
Corbie der Verfasser gcAvesen sein könne, da er fast als der Einzige 
in dieser Zeit Dialoge von Personen mit erdichteten Namen hinterlassen 
hat. Hier ist aber noch viel weniger als bei Lupus von einer Ähnlich- 
keit des Stiles zu reden, und auch die auf beiden Seiten beliebten 
Terenzcitate sind wegen ihrer Häufigkeit' nicht beweiskräftig genug. 
Auffeilend wäre auch die bei ihm sonst nicht nachweisliche Benutzung 
Pseudoisidor's. 

Bleiben wir zunächst bei den spärlichen Zeitmerkmalen stehen, 
welche die Schrift selbst darbietet — Anspielungen auf Zeitereignisse, 
wie etwa auf die normannischen Verwüstungen, fehlen leider ganz — , 
so wird darin die Capitulariensammlung des Ansegis angeführt, unter 
Berufung auf Karl den Grossen und Ludwig den Frommen als ihre 
Urheber. Der Beiname des Letzteren lässt darauf schliessen, dass seit 
seinem Tode im Jahre 840 Avenigstens einige, wenn auch vielleicht 
nicht viele, Zeit vertlossen war.* Etwas weiter abwärts führt die 
wiederholte und starke Benutzung der pseudoisidoi'ischen Decretalen, 
da diese nicht vor 852 auftauchen. (Aus ihnen kann auch die An- 
führung der sogenannten Canones der Apostel und des Concils von 
Antiochien stammen.) 

Würde uns dies etwa früliestens in die Zeit KarFs des Kahlen 
versetzen — es ist nur von einem königlichen, nicht von einem kaiser- 
lichen Hofe die Rede — , so darf doch nicht verkannt werden, dass 



' Ann. oi'd. S. Bened. III, 126: 'Sed tarnen in eins stilo, non omnino bar- 
haro et iinpolito, nonnihil Lnpini salis et genii deprehendere mihi videor', weiterliin 
j). 127: 'Carte ne Lujio nostro eum confidenter tribuamns, obstat dialogi stihis tantis- 
jier asperior et Pii cognomen Ludovioo Aiigusto tributuni, qiiod a Liipi fonnula et 
tempore fortasse videbitnr nonnihil alienuni'. Der letztere Grund ist niciit ganz 
stichhaltig. 

^ Beiträge zu Servatus Lupus (Strassburg 1894) S. 43; doch ist es etwas zu 
viel gesagt, dass Mabillon »einen jeden Beweis» für seine Annahme scluildig ge- 
blieben sei: er fand ihn in der Ähnlichkeit des Stils. 

^ Siehe besonders auch den von Wintehkki.o (Ilrotsvithae oj)p. p. XX— XXIII) 
w iedci' hcrausgegehcncn Dialog, in welchem Terentius selbst redend eingeiührt wird. 

■* Vergl. SiJisoN, Jahrb. des P'ränk. Reichs unter Liidw. dem Fr. 1, 45—46, doch 
ist die Grabschrift Liidwigs, weil ofl'enliar Jüngeren Ursprungs, unter den Zeugnissen 
zu streichen. 



Dümmler: Über den Dialog De statu sanctae ecclesiae. 3G5 

die in unserer Schrift gerügten Missstände der Kirche aucli weiterhin 
unter seinen Nachfolgern ungestört fortdauerten. Die Klage z. B. über 
die Plünderungen, denen die Habe eines Bischofs nach seinem Tode 
ausgesetzt sei, kehrt ganz ähnlich auf der Synode von Trosly-Breuil ' 
im Jahre 909 wieder. Die hierbei von uns vorausgesetzte westfrän- 
kische Herkunft selbst ist ganz sicher, denn der Verfasser spricht am 
Schluss im Gegensatz zu seiner Heimat von kirchlichem Brauche in 
Germanien und Sachsen, d. h. in Ober- und Niederdeutschland, also 
im Ostfränkisehen Reiche. 

Denken wir demnach zunächst an die Zeit Karl's des Kahlen, 
mit ihrer Schwäche der Königsgewalt gegenüber den Anmaassungen 
der Grossen , so wäre doch die Möglichkeit der Hervorbringung eines 
litterarisch immerhin hervorragenden Erzeugnisses trotz des Nieder- 
ganges der Studien für einen späteren Zeitpunkt, wie etwa die Re- 
gierung KarFs des Einfältigen, nicht ausgeschlossen. Lebten ja damals 
noch Männer von vielseitiger Bildung, wie Abbo von St. Germain, 
Hukbald von St. Amand und Remigius von Auxerre , denen sich Odo 
von Cluni anschloss, als würdige Fortsetzer der frülieren Leistungen." 
Die jüngsten Stücke, welche Descordes in seine Sammlung (S. 685— 710) 
aufnahm, sind ein um 914 verfasstes Schreiben des Erzbischofs Heriveus 
von Reims an Wito von Ronen ^ und Satzungen des Bischofs Riculf von 
Soissons aus dem Jahre 989. 

Neben den vorstehenden Zeitmerkmalen ist aber vielleicht noch 
ein anderer Umstand zu berücksichtigen. Der Verfasser unseres Dialogs 
erwähnt nicht nur unter anderen Helfern der Kirche die Archidiakonen 
im Allgemeinen, sondern er si^richt auch von ihren Sprengein, den 
Archidinkonaten*, als einer von Alters her bestehenden Einrichtung, 
deren Grenzen von dem Bischof durchaus nicht willlvürlich verrückt 
werden dürften. Obwohl nun Archidiakonen schon im 9. Jahrhundert 
öfter vorkommen und auch wohl mehr als einer innerhalb desselben 
Bisthums, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass vor dem 10. Jahr- 
hundert eine so